StrandGeflüster im LeuchtSturm – Das Buch

25 06 2015

leuchtsturm

 

Für die leuchtStürmischen Momente des Lebens,

so richtig Paperback, mit Seiten aus Papier, die rascheln beim Umblättern.

Es sollte in keinem Bücherregal fehlen, und wenn es doch fehlt, dann kann man es ganz einfach bestellen. Entweder über

FederLesen & Meer

oder ihr fragt hier an: FlaschenPost

LeuchtStürmische Grüße

die Autorin

 





20

9 11 2009

Jahre und ein Tag – fast mein halbes Leben bist du nun schon fort. Und gestern kam es mir nach langer Zeit mal wieder vor wie Gestern, dass ich dich ziehen lassen musste.

Du fehlst!





Finale leuchtStürmische Worte

6 11 2009

Ach ja, Großer,

beinahe genauso wie der Poor Man’s Moody Blues, begleitet mich ein Song, den Peter Maffay singt. Ich bin mir sicher, du kennst ihn mittlerweile auch auswendig, denn du bist ja bei mir. Wir sollten da mal drüber reden. Irgendwann, irgendwie, irgendwo 😉

DU HATTEST KEINE TRÄNEN MEHR

Musik: Peter Maffay

Text: Volker Lechtenbrink

Abdruck mit freundlicher Genehmigung

(c) by Edition Autarc GmbH / Edition RE/RO / Musik – Edition Discoton GmbH

(BMG Music Publishing Germany), München

Alle Rechte für die Welt.

 

Ich glaube nicht
dass ich nur einem Menschen fehlen würde
denn dem ich fehlen möchte
der macht sich nichts aus mir.

Ich glaube nicht
dass ich etwas versäumen würde
denn was ich kennen lernte
draus machte ich mir nichts.

Ich glaube nicht
dass ich was zu erwarten habe
worauf ich warten wollte
war Zärtlichkeit von ihr.

Ich glaube nicht
dass ich noch länger leben möchte.
Wenn ich jetzt sterben würde
könnt‘ ich die Welt mir träumen
wie sie nicht war.

Du hattest keine Tränen mehr
gestern als wir und trafen.
Du zittertest, dein Blick war leer.
Ich hörte zu und wärmte dich
und zog dich von der Straße
und nahm dich mit zu mir.

Auch ich glaub‘ nicht
dass du dem Menschen fehlen würdest
dem du so fehlen möchtest
der passt nicht zu dir.

Ich glaube schon
dass du etwas versäumen würdest
denn was du kennen lerntest
das war der Anfang nur.

Ich weiß genau
dass du was zu erwarten hättest.
Worauf du warten solltest
ist Zärtlichkeit von mir.

Ich wünsche sehr,

ja ich wünsch mir sehr,
dass du noch länger leben möchtest.
Wenn wir zusammenhalten
ertragen wir die Welt
so wie sie ist.

Du hattest keine Tränen mehr
gestern als wir und trafen.
Du zittertest, dein Blick war leer.
Ich hörte zu und wärmte dich
und zog dich von der Straße
und nahm dich mit zu mir.

 

Danke Schön (OnlineVersion)

Ich habe die Befürchtung, dass dieser Text mindestens genauso lang wird, wie das Vorwort und ich habe mir das Ziel gesetzt, dass er nicht länger wird als die Geschichte selbst.

Auch wenn es für viele so ausgesehen haben mag, ich schreibe ein Buch nicht „einfach so herunter“. Und meine ganze Kunst, Bilder in Worte zu packen, bringt mir gar nichts, wenn ich nicht wichtige Menschen um mich herum weiß, die dieser Kunst kritisch gegenüber stehen, mir hin und wieder den schreibenden Pinsel führen, mich korrigieren, ermutigen und unterstützen. Folgende liebenswerte Menschen, haben ihren Pinselstrich zu meiner Kunst beigesteuert.

  • Cordula – für dich und daran, dass du mit mir daran geglaubt hast, dass das hier was werden kann
  • Detlev – Großer Bruder, ich liebe dich dafür, dass du auf mein Bitten hin, nach Jahren endlich wieder zum Bleistift gegriffen hast.
  • Wolf – du bist der Mensch, nachdem Mike in seinen letzten Jahren gesucht hat. Ich liebe dich.
  • Christa und Christiane, die ihr gerade damit beschäftigt seid, die PrintVersion nach Fehlern zu durchforsten, mit Kommas zu versehen und meine Wachstubenverbachselungen und WortKreationen zu verstehen
  • BMG – der Abdruck des LiedTextes bedeutet mir sehr viel.

Zu jedem Einzelnen könnte ich noch viel, viel mehr schreiben. Ich bin unendlich dankbar für eure Unterstützung, egal in welcher Form ihr sie mir habt zu Teil werden lassen.

Euch allen ein leuchtstürmisches Danke

Eure Leuchtturmwärterin bigi

Bildquellen:

Mike W.

Markus Keller – www.fotopinnwand.de

Sandra Keller

Wolfgang Schnee

Detlev Schulz

bigi Schulz





Max

5 11 2009

Max wickelt mich wieder fest in die Decke ein. „Ich würde dir gerne ein paar seiner Briefe zeigen, wenn ich darf.“

Von den Zeh- bis zu den Haarspitzen krabbelt Gänsehaut an mir hoch. Ein kühler Schauer streift mit ausgehend vom Nacken herab über den Rücken bis in die Poritze und ich muss erst einmal ganz tief Luft holen. Puh, was für ein Angebot.

„Wenn du ganz sicher bist, dass du das möchtest. Sehr gerne.“

Der alte Mann hebt sich schwer von der Bank auf und geht mit unsicheren Schritten in den Pfahlbau. Als er wieder kommt, hat er einen vergilbten Bogen Papier in der Hand, der so aussieht, als könne er jeden Moment in feinsten Staub zerfallen.

„Möchtest du selber lesen, oder soll ich vorlesen?“

„Lies vor, wenn’s geht.“

Beinahe flüsternd und mit stockender Stimme liest Max, was dort auf dem Bogen steht.

259.000 Sekunden

mehr als

259.000 Sekunden ist es nun her

259.000 Sekunden ohne dich

259.000 Sekunden bepackt mit leben, leiden, lieben

259.000 Sekunden durchtränkt von Schmerz, Sehnsucht, Suche

259.000 endlos, ewig scheinende Einheiten voller Einsamkeit

Es schmerzt

Es schmerzt das Leben, das Leiden, die Liebe,

die Sehnsucht, das Suchen, die endlose Ewigkeit,

Jede Einheit

Einsamkeit

Du fehlst – fürchterlich

Mir bleibt fast das Herz stehen, so schön klingt das. Mir versagt fast das Atmen, so wundervoll ist das und in meinem Kopf spielen sich tausende kleiner Szenen ab, die ich erlebt habe, zeigen sich Zeilen, die ich einst gelesen habe. Ich fühle eine Liebe, wie ich sie erst einmal gefühlt habe und in meinem Kopfkino läuft ein Film, den ich nicht verstehen kann. Es klingt so vertraut und doch so entfernt. Michael muss seine Freundin sehr vermisst haben. Und Max liest weiter.

„Drei Tage habe ich dich nun schon nicht mehr gesehen Kleines. Ich weiß, dass es nicht anders geht und ich weiß, dass ich als der Mensch, der ich bin, bei dir nicht sein darf, wenn du zu Hause bist. Drei Tage und ein Telefonat. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Mensch so fehlen könnte. So bastele ich dir eine Flaschenpost, werfe sie von unserem Traumturm und hoffe, dass sie dich erreicht. Bald. Wenn du sie erhältst öffne sie ganz vorsichtig, damit meine Liebe und meine Sehnsucht nicht auf einmal herausströmt. Sauge sie tief in dir auf, und du spürst, dass ich dich nicht alleine lasse. Nicht heute, nicht dort wo du jetzt bist. Ich bin bei dir. Ich halte dich fest in meinem Arm und ich spiele für dich. Lass den Kopf nicht hängen kleine sysse Leuchtturmwärterin. Ich versuche es auch nicht.

Flaschenpost

meine Gedanken und Gefühle in meinem Kopf meinem Herzen

meine Gedanken und Gefühle auf ein weißes Blatt Papier

meine Gedanken und Gefühle in eine Flasche gepresst

meine Gedanken und Gefühle ins klare Blau hinaus geworfen

meine Gedanken und Gefühle den Wellen anvertraut

Eine Flasche voller Gedanken und Gefühle

reist durch das Meer

begleitet vom Mond und Leuchtturmlicht

zu dir

mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen,

im Kopf, im Herz.

Ich möchte schreien und weinen zugleich, so unglaublich schön klingt das, und das wird noch unterstrichen von Max sonorer und zärtlicher Stimme. Auch wenn ich immer dachte, du seiest der einzige Kerl, der zu solchen schriftlichen Ergüssen fähig ist, rühren mich die Zeilen von Max Sohn an seine Freundin. Es ist so schön zu hören, dass du bei aller Einzigartigkeit, auch was das betrifft nicht alleine auf der Welt warst. Ob ihr euch wohl gemocht hättet? Michael und du? Oder wäret ihr auf Abstand gegangen, weil ihr euch so ähnlich wart? Zumindest klingt es heraus aus Max Erzählungen und diesen Zeilen. Max hat seine Kreativität an seinen Sohn vererbt. Das muss ihn doch unglaublich stolz machen. Die Gänsehaut lässt nicht mehr locker und meine Gehirngänge arbeiten auf Hochtouren. Der Puls rast und ich kann gar nicht erklären, warum ich so aufgewühlt und aufgeregt bin. Es ist doch „nur“ ein Text, ein Brief von einem jungen Mann an eine junge Frau. Vielleicht macht es mich so fertig, weil es meinen geliebten Max so fertig macht. Meine Gedanken kreisen wieder um die Geschichte mit den Parallelen, die nur Geraden sind und sich doch irgendwo treffen. Das alles ist so vertraut und doch so fremd. Max ist mir näher denn je und ich spüre eine unglaubliche Verbindung zwischen ihm und mir. Max weint stille Tränen.

Ich frage meinen Sandburgenbauer, ob wir vielleicht zurück gehen sollen, zum Turm und er fragt mich im Gegenzug, ob ich vielleicht noch mehr hören wolle. Von Wollen kann gar keine Rede sein, natürlich möchte ich. Ich weiß nur nicht, ob das so gut ist. Ich weiß nicht, ob es Max gut tut. Aber er möchte, entgegnet er mir auf meine Bedenken. Er möchte und wieder erhebt er sich und geht in den Pfahlbau. Den Brief von Michael lässt er liegen.

Ganz vorsichtig nehme ich den Brief zur Hand und eine undefinierbare Wärme steigt in mir auf. Es ist ein Gefühl, wie man es kennt, wenn man einen roten Kopf bekommt, nur nicht so unangenehm, sondern wohlig und beinahe zärtlich. Der Brief ist wieder ordentlich gefaltet und als ich ihn drehe, durchfährt es mich wie ein Blitz. So muss es sich anfühlen, wenn man von einem elektrischen Schlag getroffen wird. Mit zitternden Händen falte ich den Bogen Papier einmal weiter auf.

„Wir werden die Zeit getrennt aber zweisam hinter uns bringen. Und du wirst es genauso schaffen, wie es mir gelingen muss. Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut. Du bist in meinem Kopf und in meinem Herzen, Dein Mike“

Ich schreie.

„Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Nein, das ist nicht. Nein. MAAAAAXXXX!!!“

Ich halte mir den Bauch und den Kopf, ich schlage mir mit der Faust immer und immer wieder auf mein Herz und ich schreie die ganze Bucht zusammen. Das kann nicht sein. Und doch würde all das jetzt endlich Sinn machen. Aber das wäre ein Zufall. Das wäre einer dieser Zufälle, die zu zufällig sind, um Zufälle zu sein. Aber es wären auch die Parallelen, die sich entgegen aller mathematischen Logik endlich treffen, weil es doch nur Geraden sind, die zusammengehören. Wie eine Wahnsinnige laufe ich um den Bau und schreie und weine.

Max, den mein Kreischen furchtbar erschreckt haben muss, kommt mit einer kleinen Kiste aus dem Pfahlbau und noch bevor er mich fragen kann, was denn los ist, sehe ich diese kleine Truhe, und schreie noch mehr, noch lauter. Ich laufe die Stiege herunter, ungeachtet ob ich mich gleich auf die Nase lege oder nicht. Ich laufe zum Wasser und schreie mir meine Angst, meine Liebe, meine Trauer, meine Fragen von der Seele. Das kann nicht sein. Es kann einfach nicht sein. Aber es wird so sein und damit einen Sinn ergeben. Der alte Mann folgt mir so schnell er kann. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ins Wasser gehen könnte und hält mich kurz vor dem Wassersaum am Ärmel fest.

„Dann habe ich Recht?“, fragt er mich mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht beschreiben kann. „Ich überlege seit Monaten ob es sein kann. Kann es sein? Ist es so?“

Max hält immer noch die kleine Truhe fest unter dem Arm. Ich zeige darauf.

„Briefe, Zettel, kleine Geschenke, wie zum Beispiel eine Blume aus einer Büroklammer gebogen, ein paar Bierdeckel mit kleinen Zeichnungen?“

„Ja, woher – nein, das brauche ich nicht fragen. Du weißt es, du musst es wissen, es ist deine Schatzkiste, es ist eure Truhe.“

„Du sagtest, du hast sein Instrument. Hast du sein Saxophon?“

„Ja, es ist ein Saxophon. Das habe ich aber nicht hier, weil mir die Aufbewahrung im Pfahlbau nicht geheuer war.“

„Jetzt macht alles Sinn. Der Tisch, der Elefant, so viele deiner Worte und Gesten, diese ganzen Déjà-Vus, die mich fast um den Verstand brachten. Ich dachte zwischendurch ich müsse verrückt werden Max. Ich wusste tief in mir, dass in dir mehr ist, als nur dieser liebenswürdige Sandburgenbauer. Ich wusste es verdammt noch mal und bin nicht dahinter gekommen. Bis ich den Brief eben zu Ende gelesen habe. Scheiße, scheiße, scheiße – du bist wirklich sein Vater. Du bist der Vater des wundervollsten Menschen, den es je gegeben hat für mich.“

Wir heulen beide, wie die berühmten Schlosshunde. In mir brechen alle Dämme und es ist nicht so, dass es Tränen der Trauer wären. Ich bin glücklich. Tief in mir drin spüre ich eine Erlösung, die mich frei fühlen lässt, glücklich macht und so vieles erklärt, was ich nicht verstanden, nicht überein gebracht bekommen habe. Ungeachtet unserer Gesundheit, die uns in den letzten Wochen ziemlich nah an Abgründe brachte, setzen wir uns in den Sand. Vom Meer kommen Delphi, Finchen und der Olle Graue in die Bucht hinein geschwommen und ziehen leise vor uns im Wasser ihre Bahnen. Mit meiner Hand greife ich in den Sand und streue ihn über den dunkelbraunen gewölbten Truhendeckel.

„Sandkorn für Sandkorn“ beginne ich ein Gedicht zu zitieren, das wohl auch irgendwo in den Tiefen dieser Kiste zu finden sein wird. Max setzt mit ein und wir sprechen im Duett.

Sandkorn für Sandkorn

Komme ich näher

Der Sonne

Dem Mond

Den Wolken

Dem Himmel

Dem Licht

Dir

Unter unseren Tränen lächeln wir. Max nimmt meine Hand und scherzt: „Hallo Schwiegertochter“. Kopfschüttelnd schaue ich ihn an. „Nein Max, nein. Nicht mit ihm und nicht mit mir. Nie.“ Ich beuge mich zu ihm rüber, schaue in seine glänzenden Augen, die in diesem Augenblick all seine Liebe, seine Trauer, seine Hoffnungen und seine Fragen wiederspiegeln. „Hallo Freund! Dann passt es!“

„Du weißt doch Max, Freundschaft zählt mehr, als alles andere auf der Welt. Einen Freund, den hast du ein Leben lang, über den Tod hinaus. Ihm kannst du immer, jeder Zeit vertrauen. Ein Freund wird dich nie bewusst enttäuschen, dir Schmerzen oder Leiden zufügen. Freundschaft ist kein Luftschloss. Sie ist keine Seifenblase, die beim kleinsten Pieks zerplatzt. Freundschaft ist stark und mächtig.

Ich weiß, dass mir eine solche Freundschaft bereits einmal in meinem Leben vergönnt war. Und das, was zwischen dir und mir ist, das ist der Anfang erst. Der Anfang, eines zweiten Geschenks. Das Geschenk einer Freundschaft.“

Ich baue uns ein Schloss,

hier direkt zu den Füßen dieser starken Pfähle,

hier direkt am Ende der hölzernen Stiege,

ich baue uns ein Schloss aus Sand.

So schön, imposant und groß und doch so zerbrechlich,

weil schon die geringste Einspülung, bei der nächsten großen Welle

alles wieder zerstören könnte.

Aber hab keine Angst, es ist nicht nur aus Sand,

sondern auch aus Freundschaft gebaut.

Es wird standhalten,

gegen Wind, Wut und Wasser,

denn es ist jetzt

unser Schloss.

Bis es dunkel wird, sitzen wir hier am Wasser, im Sand und die Worte sprudeln nur so aus uns raus. Immer wieder legen wir Schweigepausen ein und schauen uns an, wie sich nur Menschen anschauen können, die etwas ganz besonderes verbindet. Dune gesellt sich zwischendurch zu uns, und als ob sie spürt, dass heute etwas ganz wichtiges vonstatten geht, trollt sie sich auch gleich wieder zu den anderen sieben Pfoten. Sie ist so intelligent.

Hand in Hand kehren wir eine ganze Weile später zurück zum Leuchtturm. Wir reden und schweigen, wir lachen und erinnern uns. Die Kiste trägt Max unter dem Arm und damit vermittelt er mir den Eindruck, als seien wir für heute noch lange nicht fertig.

Dreierlei Sichtweise

Bewundernd schauen wir zu dir hinauf

Sehnsüchtig blicken wir von dir herab

Liebevoll sehen wir dich sehnsüchtig bewundernd an

Zurück im Turm fällt mir ein, dass ich noch eine sensationelle Überraschung für Max habe. Ich suche meine Geldbörse und bitte ihn, sich lieber hin zu setzen. Wie ein großer starker Mann so zerbrechlich wirken kann? Ich setze mich neben Max auf die Couch und halte seine Hand. Diese Energie, die durch unsere Hände geht hat jetzt eine viel verständlichere und noch schönere Wirkung. Mein Herz klopft ganz wild und ich fürchte fast, dass es ein bisschen viel werden könnte, für meinen alten Freund. Doch der Blick in seine kristallblauen Augen, die mich voller Neugier und Liebe anschauen, sagt mir, dass er es sicher verkraften wird.

Ich löse meine Hand aus Max Griff und mit zittrigen Fingern ziehe ich dein Foto aus meiner Geldbörse. Ich lächele und lege es ihm sanft in die große starke Hand.

„Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“

„Alles ist gut, Kleines.“, entgegnet mir Max, betrachtet dein Foto und weint. „Alles ist gut!“

Du bist da, ganz nah. Du bist in Max und in mir und seit langem habe ich dieses ganz tiefe Gefühl, dass wirklich alles in Ordnung ist. Du bist hier und dort. Du bist der Wind und das Wehen. Du bist die glitzernde Schneeflocke, die sich vom Himmel stürzt und der Sonnenstrahl, der sich kräftig wärmend auf dem Strand verteilt. Du bist der Regentropfen, der uns auf der Nase trifft und wächst zu einem Regenbogen, der sich über unser Sein spannt. Du bist die Möwe, die über unseren Köpfen kreist und der Delfin, der friedlich seine Bahnen zieht. Du bist der Stern, der mir die Nacht erhellt und der Mond der mich anlächelt, wenn mich die Sehnsucht quält. Du bist der Leuchtturm, der mit seinem Licht all unsere Leben lenkt und rettet. Du bist hier und du bist dort. Und bist du auch tot, du bist niemals fort.





Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Pfleger Max gönnt mir

3 11 2009

Pfleger Max gönnt mir noch eine heiße Schokolade vor dem Schlafen gehen. Milch mit Honig sei auch hilfreich zum Einschlafen, dann könnte Kakao nicht schlecht sein. Er kredenzt mir den besten Kakao, den ich seit meinem Einzug ins Krankenhaus getrunken habe, sogar an die Sprühsahne hat er gedacht. Er schüttelt mein Bett ein letztes Mal auf. Deckt mich bis zur Nasenspitze zu und packt mich gut ein, weil er noch einmal kurz lüften möchte. Eiskalte Luft sucht sich ihren Weg durch den Turm. Eiskalte Luft, die begleitet wird vom (be)rauschenden Klang des Meeres. Nach ein paar Minuten sperrt Max den Wind wieder aus und wir hören nur noch das sanfte Brummen der Technik über uns und kaum wahrnehmbar die See. Eine ganze Weile sitzt er bei mir auf der Kojenkante, schweigend, und es ist kein unangenehmes Schweigen. Er nimmt meine Hand und sagt, dass ich mich Morgen nicht erschrecken sollte, falls ich aufwache und er ist nicht da. Zwar sei er der Überzeugung, dass das durchaus noch ein paar Tage Zeit hätte, aber er hätte das Gefühl, dass ich meine Fellnasen sehr vermisse. Drum würde er sich auf den Weg zu Jacques machen und sie holen. So richtig gesund könnte ich doch nur im Kreis meiner Allerliebsten werden. Bei diesem Stichwort drückt er mir gleich noch, dass Verena ja wohl eine ganz Liebe sei. In den Tagen, wo ich dem Tropf gefrönt habe, hätte sie ein paar Mal gesmst. Und da er ja um unsere besondere Form der Fernbeziehung weiß, wollte er sie nicht in Sorge lassen und hat sie kurz angerufen. Dieser Mann denkt wirklich an alles. Und ich bin mal gespannt, was ich demnächst zu hören bekomme. Ich weiß doch wie scheu Verena allem Neuen und allen Veränderungen gegenüber ist. Wie mag sie sich wohl gefühlt haben, als ein wildfremder Mann mit wunderschönem Bariton in der Stimme bei ihr angerufen hat?

Bevor er weitere Beichten loswerden oder wir weitere Planungen besprechen können, schlafe ich unter dem zärtlichen Streicheln meiner Hand ein. Ganz weit weg spüre ich noch einen Kuss auf die Stirn und höre Max guten Wünsche für meine Nacht und wie er Poor Man’s Moody Blues summt. Oder sind es die Nights In White Satin, die mich sanft einhüllen und mich auf meinem Weg ins Traumland begleiten?

Die Stube blitzblank aufgeräumt, eine Tasse Tee, die schon kalt ist und darunter ein Brief. Max scheint wirklich schon weg zu sein, und ich habe es, wie so vieles in den letzten Wochen einfach verpennt. Der Fokus auf die Mikrowelle sagt mir, dass es Mittag ist und Max Brief diktiert mir, dass ich bitte, bitte im Bett bleiben soll. Er ist schon sehr früh aufgebrochen, damit er bald wieder zurück ist, mit den Pfotentieren, die ich wirklich furchtbar vermisse.

Diktat hin, Diktat her. Ich möchte aufstehen. Ich will es versuchen, und da ich nur noch aus dem drittletzten Loch pfeife, wird es wohl schon gehen, wenn ich ganz vorsichtig bin. Also setze ich mich erst einmal auf die Kojenkante und baumele mit den Beinen. Welch eine Wohltat, auch wenn es in meinem Kopf leicht schwindelt. Der Schwindel geht und ich stelle mich auf die Baumelbeine. Ohje, da wo vor einigen Wochen noch Knochen und Muskeln den Gehapparat bildeten, scheint reinster Pudding die Herrschaft übernommen zu haben. Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke. Für eine Insektenjagd bin ich wahrlich noch zu schwach und ich würde sie auch lieber an Fee abtreten. Aber ein Schritt vor den anderen gesetzt ergibt Fortbewegung. So bewege ich mich fort von der Koje, hin zum Bullauge. Endlich etwas anderes sehen als Himmel, Wolken und Regenfäden.

Wie habe ich diesen Aus- und Weitblick vermisst. Der Strand, der Horizont, das Meer. Und auch wenn es grau in grau erscheint, für mich ist es bunt, bunteste und farbenfrohste Lebensfreude. Ich bin unendlich glücklich, dass ich das alles noch erleben darf und einmal mehr unbeschreiblich dankbar, dass ich diese Chance, trotz meiner eigenen Dummheit, erhalten habe. Es zieht mich nach draußen. Wie gern möchte ich jetzt durch den Sand ans Wasser stapfen. Aber das ist wirklich noch zu früh, und ich sollte dieses Vorhaben lieber auf später verschieben, wenn Max wieder da ist. Wenn er überhaupt mit mir los gehen mag, wo ich doch seine nichtärztliche Anordnung mit dem Spaziergang durch die Stube so böse unterwandert habe.

Mein Herz läuft über und im Bauch kribbelt es lustig vor sich hin vor lauter Glück. Perspektiven verschieben sich, Dinge werden unwichtig, dafür rücken andere Kriterien in den Mittelpunkt. Ob ich mich wohl sehr verändert habe, seit ich hier bin? Wer will das beurteilen? Ich kann es nicht. Es ist nicht, wie es scheint. Es ist, wie ich bin. Wieder trifft dieses Motto mitten ins Schwarze. Es ist nicht wie es scheint, grau, diesig, regnerisch. Es ist wie ich bin, glücklich. Und dieses Glück habe ich dir zu verdanken, dir, unserem gemeinsamen Traum und ein bisschen auch meinem Mut, diesen Traum alleine zu leben. So lebe ich ihn alleine, bin aber nicht einsam. Denn da sind Dune, kleine Düne und Fee. Und da ist Max. Allem voran bist du aber hier, weil du überall bist, wo ich bin, weil du in meinem Herzen bist. Auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere, deinen Tod zwar akzeptiert habe, ihn aber nie verstehen werde, möchte ich genau dieses Schicksal auch tausendfach umarmen, alleine für die Tatsache, dass es dich in meinem Leben gab, gibt und immer geben wird. Ein neuer leuchtstürmischer Glückstag.

Und Max? Max geht es mit seinem Schicksal sicher ähnlich. Nur hatte er soviel weniger Zeit und Möglichkeiten. Bevor er vom Vater zum Freund wachsen konnte, bevor er seinen Sohn überhaupt richtig kennen lernen durfte, wurde er aus seinem Leben gerissen. Während es für uns keine menschlichen Hindernisse gab, wurde Max Exfrau für die Vater-Sohn-Beziehung zu einem unüberwindbaren Graben. Es macht wenig Sinn, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche, so lange ich nicht mehr weiß.

Und wieder hängen meine Gedanken bei der Einzigartigkeit und den Unterschieden. Da sind sie wieder, die Parallelen, von denen ich immer noch denke, dass sie sich früher oder später doch treffen werden, und damit doch einfach nur Geraden sind. Ein jeder von euch beiden ist mir unglaublich wichtig, auf seine Art, auf seine ganz spezielle und besondere Art, spielt ihr eine Rolle für mich und in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so denken könnte. Aber gerade die letzten Wochen, haben mir viel gezeigt, von mir, von dir, von ihm.

„Kleines komm mal her, schnell!“

„Was ist? Hast du das Skelett eines Urzeitwals entdeckt?“

„Nein, komm doch mal bitte!“

„WoW ist das schön!“

„Genial, oder?“

„Mehr als genial. Wieso habe ich keinen Fotoapparat?“

„Weil du so einen technischen Schnickschnack nicht magst Sysse? Wieso hast du noch immer keinen Walkmann, dann könntest du mein Saxophon überall mit hin nehmen?“

„Weil ich dich lieber in echt höre, auf dem Küchentisch?“

„Was schätzt du? Wie viele sind das? Hunderte? Tausende?“

„Hmm, schwer zu sagen, guck mal, da sind ganz, ganz winzige dabei.“

„Und zu jeder gibt es irgendwo in dieser Masse ein passendes Gegenstück, einen passenden Deckel.“

„Aber auch dieses Gegenstück ist nie wirklich gleich. Ich werde nachher mal probieren, ob ich das Muschelmeer zeichnen kann.“

„Auja, mach das Kleines. Und das hängen wir uns dann oben in den Leuchtturm. Dann werden wir immer daran erinnert, dass jeder von uns einzigartig ist und anders. Doch irgendwo in der großen weiten Welt, gibt es immer ein passendes Gegenstück. So wie du mein passendes Gegenstück bist.“

Ein Blick ins Muschelmeer:

schönförmig, glattkantig, einmalig,

vielseitig, bruchstückig, wellenrandig,

rundwölbend, edelschimmernd, einbettend,

einschneidend, mehrschichtig, glanzleuchtend,

einzigartig

anders.

Wenn es nicht so furchtbar traurig wäre, könnte ich jetzt glatt schmunzeln darüber. Mir wird gerade bewusst, dass sich Max und ich beide mit einer Lungenentzündung flach gelegt haben. Okay, ich habe noch ein paar Schippen draufgelegt, aber er ist ja auch viel älter. Und beide haben wir es geschafft, weil wir uns beide haben. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird mir glaube ich schwindelig. Ich versuche es ausnahmsweise mal so hin zu nehmen. So, als Glück.

Mein Glücksgefühl wird unterstrichen von einem herzhaften Happs in meine Hand. „AUAAAAA! Hey Dune mein Mädchen. Scheiße bin ich froh dich zu sehen.“

„Erstens was machst du da am offenen Fenster und zweitens, was sind das denn für Töne? Kann man dich nicht mal einen halben Tag alleine lassen?“

So schnell es der puddinggleiche Knochen- und Muskelersatz zulässt, schlurfe ich auf Max zu und falle ihm um den Hals. Ganz fest umarmt er mich, hält mich und er küsst mich auf Wangen, Nase, Stirn, alles was er erwischen kann. „Mensch Kindchen, bin ich froh dich senkrecht zu sehen. Mir war ganz schön mulmig, dich hier so alleine zu lassen!“

„Ich war nicht alleine.“

„Und ich bin nicht so alleine zurückgekommen, wie ich los gefahren bin.“

Gerade als er das ausgesprochen hat, entdecke ich mein zweites Leben als wandelnder Kratzbaum wieder. Fee versucht sich an meinem Bademantel hochzuziehen, scheitert aber an dem lockeren Stoff. Zunächst sucht sie noch Halt in meinem Schienbein und meiner Wade und purzelt dann rückwärts zurück. Es sieht zum Schreien aus! Ich hebe sie gleich auf und setze sie mir auf die Schulter. „Hey Mieze, wir haben aber ordentlich zugelegt. Gab es so viele Mäuse bei Jacques?“

„Dazu sage ich jetzt lieber nichts“, wirft Max ein und grinst über alle Backen. Fee schnurrt.

„Wo ist Kleine Düne“

„Kleine wer?“

„Veräppel mich nicht. Wo ist der Kleine?“

„Ach, du meinst die Wanderdüne. Der kommt gleich.“, sagt er und wirft einen Blick zurück auf die Wendeltreppe. „Er hat schon einen neuen Namen. Cliffhanger. Der Zwerg erklettert alles, was sich erklettern lässt und Jacques hat sich und Dune mehr als einmal gefragt, ob da wirklich nur Hund drin ist, oder nicht irgendwas exotisches.“

Nervös schaue ich die Wendeltreppe hinunter und tatsächlich, ein kleiner Fellklops kämpft sich tapfer Stufe für Stufe zielstrebig nach oben. Ich habe keine Geduld und bitte Max ihn doch zu holen. Natürlich kommt er meiner Bitte nach und nur drei Sekunden später habe ich den kleinen Mann im Arm. Cliff, ich finde das passt besser, weil kürzer, ist richtig ein bisschen rund geworden, und ich fürchte, dass es in den nächsten Tagen ordentliche Kämpfe geben wird, um Fressnäpfe und gegen mich als Dosenöffner. Cliff hat riesige Pfoten. Und mich dünkt, dass aus dem kleinen Mann ein riesiges Vieh werden wird, der wahrscheinlich sogar seine Mutter an Höhe übertreffen wird. Nein, ich möchte nicht wirklich wissen, mit wem oder was sich Dune da eingelassen hat. Mastino? Irischer Wolfshund? Berner Sennen Hund? Ich spinne es nicht weiter.

Den restlichen Nachmittag und noch drei Tage mehr, hält mich Max im Turm gefangen. Zwischendurch habe ich mir wirklich gewünscht ich sei Rapunzel, und könnte mich am eigenen Zopf hinunter lassen. Und doch sehe ich ein, dass es schon richtig war, mich vernünftig auszukurieren. Während ich an keinem Zopf herunter komme, macht Cliffhanger seinem Namen alle Ehre und klettert an allem hoch. Zumindest versucht er es ohne Unterlass und ohne etwas auszulassen. Natürlich gelingt es ihm nicht immer und nicht überall, was ihn furchtbar quieken und bellen lässt. Soweit man bei diesen Lauten schon von Bellen sprechen kann. Die Idee mit dem Gitter vor der Treppe, war die Beste, die ich lange Zeit hatte. Man müsse den Zwerg den ganzen Tag verfolgen und vor sich selbst beschützen. Dune hat ihre Erziehung schon weitestgehend abgeschlossen. Zwar steht sie Cliff noch als Milchbar zur Verfügung, doch im Großen und Ganzen scheint ihr der Nachwuchs eher peinlich zu sein, und wenn nicht er selbst, dann zumindest die eine oder andere seiner Aktionen.

Heute ist einer dieser wundervollen Tage, die man einfach braucht nach Regen, Nebel, Schneegestöber. Zwar hat er träge begonnen und wollte sich nicht so recht aus seinem Nebelbett erheben, doch schon sehr früh, war die Sonne zu sehen, wie sie sich hartnäckig um Aufmerksam- und Sichtbarkeit bemühte. Graue Quellwolken jagen sich kreuz und quer über den blauen Himmel und unter diesem hektischen Dach jagen sich noch viel hektischere Möwen. Ich genieße das Kitzeln der Sonne in der Nase und werde einfach nur quengelig. Wenn ich heute nicht raus darf, dann springe ich. Es kostet mich alle Überredungskraft, weil Max immer noch der Meinung ist, dass ich doch viel zu schwach sei. Alte Männer können so furchtbar stur daher kommen. Ich bin nicht nur ausgeruht, ich kann furchtbar dickköpfig sein, wenn ich es will, oder muss. Und heute muss ich einfach. An diesem schönen Tag kann und werde ich nicht hier im Turm versauern. Den Spruch, nur über meine Leiche, verkneife ich mir angesichts der Schippe, auf der ich gesessen habe. Aber ich lass mich auf keinen Fall heute wieder hier oben einsperren. Das Meer, die Sonne, der Wind, das ist der Rhythmus, bei dem ich mit muss, und das muss und wird Max einsehen. Es kommt mir vor, als referiere ich Stunden und ich habe Angst, dass in dem Moment, wo ich Max weichgeklopft habe, die Sonne schon wieder unter geht.

Natürlich habe ich während all meiner Rederei, Überrederei, Hetzerei und Keiferei nicht für eine Sekunde gemerkt, dass mich der alte Sandburgenbauer wieder auf den Arm nimmt. Nach ganz vielen Minuten und noch mehr Schimpfworten, die meine Lippen einfach so verlassen haben, grinst mich Max auf seine unverwechselbare Weise an und fragt nur?

„Können wir endlich, oder willst du hier bis Sonnenuntergang rumzetern?“

(c) W. Schnee

Manchmal, möchte ich ihn einfach nur hauen.

Endlich wieder frei! Endlich wieder Sand unter den Füßen. Endlich wieder den Wind in meiner Kleidung und im Gesicht. Endlich, endlich, endlich. Nicht nur der Leuchtturm ist nah am Wasser gebaut, ich bin es auch. Und ich freue mich dermaßen über das neu gewonnene Gefühl der Freiheit, dass ich erstmal in beinahe hysterisches Heulen verfalle. Max kommt sofort zu mir und fragt, ob es mir gut geht, ob wir wieder hoch gehen sollen, ob er was tun kann. Beinahe übergangslos verwandelt sich mein Weinen in Lachen. Wieder nach oben gehen? Ich bin frei. Ich bin endlich wieder frei. Ich spüre die Sonne und den Wind, ich höre das Meer und die Möwen, ich stehe auf meinem Strand, an meinem Leuchtturm und da will ich erstmal nicht wieder hoch. Nicht an diesem wohl allerletzten schönen Sonnentag in diesem Jahr.

Unbekanntes Lichtobjekt

Schwarzer Himmel aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen aufs schwarze Meer

Schwarzes Meer aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen durch das schwarze Meer

Unbekanntes Lichtobjekt

sanftstreichelnd

den Himmel

den Horizont

das Meer

Sonne kämpft sich durch Finsternis

Finsternis ergibt sich der streichelnden Sonne

Als Max merkt, dass es mir eigentlich gut geht und ich nur, im wahrsten Sinne des Wortes, ein bisschen durch den Wind bin, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich hake mich bei ihm unter und wir gehen langsam in Richtung Wasser. Vor uns tobt sich Dune die sonnenlosen Tage von der Seele und hinter uns entdeckt Cliff sein neues Sandzuhause. Fee sitzt wie immer im Taxi, nur dieses Mal nicht bei mir, sondern an Max starker Brust.





Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

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Letzte Ratschläge

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