Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Meine Gedanken eiern

24 10 2009

Meine Gedanken eiern in Ellipsen, so wie auch mein Kreislauf eher einem Eierlauf ähnelt. War wohl alles ein bisschen viel heute und so schleppe ich mich müde, aber nicht wirklich unglücklich die Treppe hinauf. Dune freut sich und auch Fee steht schon Spalier, um mich zu begrüßen. Die Näpfe von beiden sind so was von leer und noch bevor ich mich meiner Garderobe entledige, füttere ich erstmal die Raubtiere ab. Die Luft, das Meerrauschen, der Sand unter den Gummistiefeln, die Gespräche mit Max, die Überraschung – das alles hat soviel mit mir gemacht, dass ich mich von meiner Garderobe auch noch gar nicht trennen mag. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch für ein paar Minuten hinaus gehe, und wie Max, alleine meinen Gedanken nachhängen möchte. Ein Blick aus dem Bullauge zeigt mir, dass es schon dämmert. Waren wir wirklich so lange fort? Kaum zu glauben. Das Leuchtfeuer arbeitet bereits und am Strand sehe ich Max, wie er im Sand sitzt und auf das Meer hinaus starrt. Ich werde seinen Wunsch alleine zu sein respektieren, aber kann er sich nicht woanders hin setzen? Oder ist er auch schon angefixt von diesem wohligen Gefühl im Schatten des Leuchtturms zu sitzen? Ob er über unseren Deal nachdenkt? Oder ob er an seinen Sohn denkt, so wie ich an dieser Stelle immer hinaus starre aufs Meer und meine Gedanken bei dir ankern lasse? Mich verbindet mittlerweile soviel mit diesem Brummbären. Und in den letzten Tagen sind wir uns so unglaublich nahe gekommen, dass es mir fast den Verstand raubt. Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal zulassen oder erleben könnte. Und wieder frage ich mich, ob du deine Finger im Spiel hast. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem was passiert und all den Erinnerungen, deren Schnittmengen manchmal so deckungsgleich sind. Max scheint zu spüren, dass er beobachtet wird. Ungelenk steht er auf, winkt noch einmal in meine Richtung und trabt von dannen mit Kurs auf die Bucht.

Ein paar Minuten noch raus. „Dune altes Mädchen, möchtest du mitkommen? Nicht weit. Nur auf den Strand und vielleicht ans Wasser.“ Als hätte sie jedes Wort verstanden, humpelt sie voraus und macht sich an den Abstieg. Ich kraule Fee noch zum Abschied, schaue nach, ob mit Kleine Düne alles okay ist. Der Welpe liegt träumend und mit den Pfötchen strampelnd in dem großen Korb. Mit dem Zeigefinger streichele ich dem Fellklöppschen zwischen den kleinen Öhrchen, worauf hin er ein leises Quieken von sich gibt und selig weiter schläft. Dune bellt aus dem Erdgeschoss und drängelt. Na dann mal los. Noch ein paar Minuten Frische, Vertrauen und Geborgenheit tanken. Den Kopf durchpusten lassen. Einfach nur sein.

Je dunkeler es wird, desto kälter wird es auch. Und ich bin froh darüber, dass ich den Schal noch gegriffen hab, bevor ich raus bin. Dune bleibt ganz dicht bei mir und schnuffelt sich an den Gerüchen des Strandes satt. Das Schnuffeln eines Hundes ist wie Zeitung lesen. Wenn ich mein Haustier dabei beobachte, kann ich diese These glatt wieder unterschreiben. Wobei in unserer hiesigen Zeitung auch im Herbst und erst recht im Winter ein großes Sommerloch vorherrschen dürfte. Es kommt hier kein Hund vorbei, der verbotener Weise an Dunes Schilfhalmen markieren würde. Und es gibt auch sonst niemanden, der ihr das Revier wirklich streitig machen wollte. Wer hier rauskommt, der weiß, dass er zu mir will, oder er hat sich verlaufen, oder besser noch verschwommen. Ich muss laut auflachen bei dem Gedanken an Henry, das Sams, den das Meer hier ausspuckte. Dune scheint ob meines Lachens leicht irritiert. Obwohl sie diese Anwandlungen ja eigentlich von mir kennen müsste.

Als zwei Möwen bedrohlich tief über uns ihre Flugakrobatiken zum Besten geben, scheint es Dune etwas mulmig zu werden und sie presst sich dicht an mich. Kein Wunder, mit ihren Verletzungen würde ich auch nicht die böse Bestie geben wollen und die Erinnerung an die mutierte und genmanipulierte Monstermöwe, die ihr vor einiger Zeit die Schädeldecke punktierte, dürfte auch noch sehr wach sein. So spazieren wir, Hundekörper an Knie und Schenkel zum Wassersaum. Ich freue mich über das Vertrauen, das meine Hündin in mich hat und meine Gedanken werden zu Erinnerungen. Erinnerungen an damals, als sie sich mir anschloss und mich einfach als neue Dosenöffnerin für sich bestimmte. Sie hat mich nie gefragt, ob ich es wirklich wollte. Sie hat es einfach bestimmt – und mich damit zur glücklichsten Hundebesitzerin zwischen Süd- und Nordpol gemacht.

Du sagtest immer:

“Alles hat seine Zeit – alles braucht seine Zeit

jetzt ist es an der Zeit – es ist Zeit”

In Zeiten wie diesen denke ich daran

Alles hat seine Zeit –

Wut, Trauer, Verlangen, Vermissen und Liebe.

Alles braucht seine Zeit –

die Wut, die Trauer, das Verlangen,

das Vermissen und die Liebe.

Jetzt ist es an der Zeit –

zu wüten, zu trauern, zu verlangen,

zu vermissen und zu lieben.

Es ist Zeit.

Meine Zeit.

Meine Zeit mit dir.

Wütend, traurig, verlangend,

vermissend und liebend.

Ich bin dankbar für diese Zeit,

für jede Zeit,

für die Zeit mit dir.

Aber ist die Zeit auch wirklich schon reif dafür, um darüber zu reden, über dieses kostbare Gut „Meine Zeit mit dir?“ Also wenn ich sie jemandem haarklein erzählen möchte, dann Max. Klingt das jetzt doof? Ich meine, so gut kenne ich ihn nicht und so lange schon mal gar nicht, dass er sich diese Form des Vertrauens schon irgendwie „verdient“ hätte. Aber trotz der Kürze dieser Zeit, ist er mir unglaublich, unfassbar, nicht erklärbar nah. Vielleicht ist unsere Geschichte der Schlüssel zu diesem Gefühl der Verbundenheit, die mich mit ihm verbindet? Bekomme ich Antworten auf eine Vielzahl meiner Fragen, die sich mir in Zusammenhang mit Max immer mehr und mehr stelle?

Dune und ich nehmen am Wasser Platz. Es ist ganz schön kalt, und ich bin schon froh, dass ich mir den Wollpullover und die Jacke über den Hintern ziehen kann. Nur für Dune gibt es nichts zum Draufsetzen. Das Problem löst sie, in dem sie sich bei mir auf den Schoß setzt. Boah Hund, bist du schwer. Ich dachte mit Ende des Dickbauchdaseins wäre neben Masse auch ein bisschen Gewicht geschrumpft. Dune starrt stur aufs Meer hinaus und wedelt irgendwie auch mit dem Schwanz. Also so richtig wedeln kann sie nicht, denn sie sitzt mit ihrem Hintern drauf, aber ich sehe wie die Schwanzspitze den Sand aufpeitscht. Als sie anfängt leise vor sich hin zu junkern, erhellt sich mein Gesicht. „Sind Delphi und Finchen in der Nähe?“ Die Hündin erhebt sich, nicht ohne mir ihre Vorderpfoten so richtig ordentlich in die Oberschenkel zu rammen, was höllisch weh tut, läuft entlang des Wassers aufgeregt auf und ab. Derweil ist es dermaßen dunkel, dass ich draußen auf dem Meer nichts erkennen kann und das Aufflackern des Leuchtfeuers ist auch keine große Hilfe. Plötzlich höre ich Delphi wie sie ihre knarzenden Gesänge in Richtung Strand singt. Und ehe ich mich über diese Nähe recht freuen kann, prescht sie auch schon an den Wassersaum. Die Welle, die sie vor sich herschiebt ist riesig und ich bekomme ordentlich nasse Beine – aber wen stört das schon, wenn er dafür mit einer Delfinin schmusen kann? Dune ist komplett außer Rand und Band und begrüßt ihre Freundin mit liebevollen Schleckereien und hektischem Rumgehoppse. Als ich so nah an Delphi heran gekommen bin, dass ich sie sehen kann, sehe ich, dass sie nicht alleine gekommen ist, was dann auch die Wucht der Welle erklärt. Gemeinsam mit dem ollen Grauen und Finchen hat sie sich zu uns gesurft und ich weine vor Glück und Aufregung. Delphi reckt ihre Schnauze so hoch wie sie nur kann und nickt immer mal wieder auf und ab. Meine ganz persönliche Einladung zum Streicheln, der ich so gerne nachkomme. Ich hocke mich ins Wasser das eisig kalt ist und kraule der schönen Delfinfrau das Kinn. Ich lerne, dass Kinder von ihren Müttern lernen, denn auch Finchen wackelt aufgeregt mit dem Kopf auf und ab und möchte gestreichelt werden. Jetzt bitte nicht auch noch der Vater der Kompanie, denn ich habe nur zwei Hände. Doch der Olle Graue nimmt Reißaus vor Dunes Annäherungsversuchen und robbt sich zurück ins Meer. Dort können wir ihn nicht mehr wirklich sehen, aber hören. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hören wir ihn im Wasser eintauchen und ich kann mir nur vorstellen, welch eleganten Sprünge er dort draußen zum Besten gibt.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange die beiden Delfine sich haben verwöhnen lassen oder anders gesagt, wie lange ich schon hier im Wasser hocke und die Beiden streicheln darf. Als beide keine Lust mehr haben, oder ist es, weil der Olle Graue im Hintergrund ruft, brechen die beiden Delfine ihren Aufenthalt ab und begeben sich zurück ins Wasser. Ich lache, ich weine, ich zittere am ganzen Körper und hocke auf den Knien und starre ihnen hinter her. Dune kommt zu mir und leckt mir durch das ganze Gesicht als wolle sie mich trösten und meine Tränen weg wischen. Tausche Salztränen gegen Spucke. Hund ich liebe dich!

Mit dem Abgang der Delfine ist auch unser Abgang eingeläutet. Es ist einfach viel zu kalt, um in nassen Klamotten weiter umher zu spazieren. Also folgen Dune und ich dem Licht unseres Leuchtturms, lassen uns nach Hause lenken und kehren um.

Lautbrausende Wogen ~ Tosende Wellen

Beißender Wind ~ Eiskalte Nacht

Diese Stimmung in mir

Brausender als die Wogen

Tosender als die Wellen

Beißender als der Wind

Kälter als die eisige Nacht

Manchmal möchte ich springen

In die Wogenbrause

Das Wellengetöse

Die Windbisse

Das Nachteis

Einfach nur springen

in deine Arme

Dir endlich wieder nah sein dürfen.

Ich bekomme mich einfach nicht sortiert. Jetzt sitze ich schon seit Stunden, eingekuschelt in die Decke und mit allem Viehzeug um mich herum auf der Couch, trinke Grog und bin einer Entscheidung immer noch nicht näher. Aber was will ich überhaupt entscheiden? Wir haben doch schon entschieden, einen Deal gemacht und gegenseitige Geständnisse ausgehandelt. Es quält mich einzig noch die Frage, wie viel ich wirklich erzählen möchte. Was Max wissen darf.

„Kleines, du darfst nie vergessen, dass du mir alles erzählen darfst, aber nie etwas erzählen musst.“ Deine Worte hallen in meinem Kopf und ich wünsche mir mehr denn je du wärst hier, damit ich das alles mit dir besprechen könnte. Aber du bist nicht hier, wenn du mir auch sehr nah bist und diese Entscheidung muss ich alleine treffen.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Du hast gut reden! Ich starre aus dem Bullauge und beobachte, wie sich die Nacht gewohnt regelmäßig erhellt.

Zwiegespräch mit meinem Leuchtturm

Wenn der Horizont schwarz das Meer berührt,

wenn der Himmel sich nicht mehr von der See trennen lässt,

wenn nur das Licht des Mondes, der Sterne und von dir eine Orientierung möglich machen.

Wenn es still wird am Strand,

wenn sich die sonst so lauten Möwen zurückziehen,

wenn die Wogen zu leisen Wellen werden,

wenn man nichts mehr hört. außer vielleicht einem Boot in weiter Ferne

Dann ist es Nacht,

Zeit für Zweisamkeit

und Zwiegespräch.

Ohne Worte,

nur durch Zeichen,

mit meinen Mitteln,

und deinen Möglichkeiten

lotsen wir uns beide

durch die Dunkelheit.

So langsam zeigen Tote Tanten, Aufregungen und Grogs ihre Wirkung. Ich werde bei aller Gedankenachterbahn furchtbar müde und entscheide mich, die Entscheidung, die ja eigentlich gar keine mehr ist, auf den sich langsam nähernden Morgen zu vertagen, so ich ihn nicht verschlafe. Vorsichtig schäle ich meinen Astralkörper aus den Umklammerungen von Decke und Pfoten und lass mich in meine Koje fallen. Gute Nacht alle zusammen. Schlaft schön weiter, träumt was Schönes, ich hab euch lieb. Noch bevor ich die guten Wünsche gänzlich an Hund, Katze, Turm überbracht habe, bin ich auch schon im Traumland.

Immer wieder wache ich auf und schlafe gleich wieder ein. Der Rest der Nacht ist so klein und die Unruhe groß. Irgendwann merke ich wie Dune zu mir kommt, sich neben mich vor die Koje setzt und ihren Kopf auf der Matratze ablegt. Müde tätschele ich ihr zwischen den Ohren, drehe mich um und versuche gleich weiter zu schlafen. Und dann überfällt er mich wohl doch, der kleine Mann mit dem dicken Sandsack. Er streut mir alles in die Augen, was ich für einen tiefen Schlaf brauche und ich lasse mich fallen in die schwarze Umarmung der Nacht.





Was Max betrifft

23 10 2009

Was Max betrifft, vertraue ich mir schon lange. Ich verstehe ihn nicht immer. Dich habe ich auch nicht immer verstehen können. Aber ihn versuche ich zu verstehen und gebe nicht auf, so wie ich auch bei dir nie aufgegeben habe. Ich horche auf mein Herz und es sagt mir immer wieder, dass Max einer der wirklich guten Menschen in meinem Leben ist. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, und folge ihm noch immer. Das zeigt sich darin, dass ich in Max vertraue. Dass ich mich auf ihn einlassen kann. Sicher nicht in so weit, wie ich es mich auf dich habe können. Aber ich lasse mich schon auf sehr viel ein und stelle immer wieder fest, wie nah er mir ist und wie sehr dieses Vertrauen belohnt wird. Ob alles wirklich gut wird, weiß ich nicht. Das kann ich noch nicht ermessen. Ich wünsche es mir. Ich wünsche es dir. Ich wünsche es Max und ich wünsche, dass das alles, was gut wird, hier gut wird. Hier am Strand, hier am Fuße des Leuchtturms, der mein neues Zuhause ist und vielleicht schon viel mehr Zuhause ist, als es je ein anderer Ort war.

Seit sicher mehr als einer Stunde sitzen wir nun schon im Pfahlbau, um diesen prächtig geschnitzten kleinen Tisch, mit Kerze und mit heißer Schokolade vor uns. Ich nuckele nervös an meiner vierten Zigarette seit Ankunft und Max sitzt in einem wunderschönen riesigen Ohrensessel und raucht seine Pfeife. Ein seltener Anblick, und eigentlich hatte ich schon vermutet, er hätte das Rauchen aufgehört. Max erzählt mir vom Entstehen des Pfahlbaus. Und mit jedem seiner Worte wird mir bewusster und klarer, wie viel Liebe hier verbaut ist. Wie viele Gefühle er in diese Unterkunft hat einschnitzen lassen. Trotz aller Schlichtheit, strahlt jede kleinste Holzlatte im Detail soviel Stärke, Trotz, Sehnsucht und Liebe aus. Während Max erzählt, lasse ich meinen Blick ganz genau durch jede Ecke des Raumes gleiten und ich bin mir sicher, er hat dieses Haus auch gebaut, um seinen Sohn ein Stück näher zu sein. Um das zu leben, was er nie leben durfte, diese Liebe zu seinem Kind, die Liebe, die er von einem Tag auf den anderen hat nicht mehr zeigen können und dürfen. Und ich wünsche meinem Max von ganzem Herzen, dass er seinem Jungen hier so nah sein kann, wie ich es im Turm dir bin.

„Und? Überraschung gelungen?“ Mit dieser an mich gerichteten Frage beendet Max seine Erzählung und ich erschrecke fast ein bisschen, bei der persönlichen Ansprache. Ich fühle mich ein bisschen ertappt und stottere etwas von „mehr als das“ vor mich hin. Max kommt auf mich zu, geht vor mir in die Hocke, nimmt meine Hände in seine großen Sandburgenbauerhände und fragt mich, ob ich an dich denke.

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es nicht, sonst würde ich nicht fragen. Ich kann es mir nur denken. Deine Augen. Dein Blick. Dieser sehnsüchtige Ausdruck in deinem Gesicht. So schaust du immer aus, wenn du an ihn denkst.“

Meine Hände kuscheln sich ganz eng in Max Hände ein und ich antworte ihm, dass ich gar nicht so genau sagen kann, woran ich gerade alles denke. Sicher auch an dich. Aber eben auch an viele andere Sachen. Dass ich versuche mir ein paar Fragen zu beantworten. Und dass ich mich unglaublich wohl fühle in seinem neuen Domizil. Max lächelt, zieht mich zu sich heran und sagt: „Tja kleine Freundin, so hat jetzt jeder von uns seinen Zufluchtsort am wohl schönsten Platz der Erde. Am Meer.“

Das Bett, das in dem scheinbar einzigen Raum des Pfahlbau steht, ist ein gusseisernes Monster mit nicht weniger detailreichen Verzierungen, wie der ganze Bau als solcher. Es ist nicht breiter als ein normales Bett, dafür länger, was mich nicht verwundert bei Max Größe. Höher ist es auch, wahrscheinlich damit der „alte Mann“ sich nicht so weit hinunter bücken muss zum Einsteigen. Am Kopfende der Schlafstätte steht ein kleiner Tisch mit wundervoll gedrechseltem Tischbein. Ähnlich einem Bistrotisch, nur nicht so hoch und oben auf liegt eine Holzplatte mit Intarsien verziert. Da ich von hier aus nicht erkennen kann, was für ein Motiv die Tischplatte ziert, löse ich mich aus der wohligen Händeumklammerung, gebe Max einen Kuss auf die Nase, die gerade so praktisch vor meinem Mund ist, und drücke mich an ihm vorbei um aufzustehen. Ich gehe zum Bett und setz mich auf dessen Kante und betrachte den Tisch. Ich kann es echt nicht fassen, wie schön diese Arbeit ist. Ein Leuchtturm, der auf einem Felsen aus dem peitschenden Meer hinausragt. „Hat den Tisch auch dein Freund gemacht?“, frage ich Max. „Nein, das ist so was wie ein Erbstück. Als mein Sohn noch recht klein war, war ich mit ihm zusammen auf einem Flohmarkt. Wir liebten Floh- und Trödelmärkte und der Kleine war immer super stolz, wenn sein großer starker Vater tolle Spielsachen für ihn erhandelt und erfeilscht hat. Wenn Sohnemann nicht mehr laufen mochte, trug ich ihn auf meinen Schultern umher, und diesem Umstand verdanke ich diesen Tisch. Eigentlich war ich gerade dabei ein olles Teeservice zu begutachten, als mein Sohn von oben schrie „Papsi, Papsi, Leuchtsturm, Tisch mit Leuchtsturm, Papsi!“ Als erstes wollte ich mich schlapp lachen über den Ausdruck Leuchtsturm und als ich mir dann dieses Tischchen ansah, habe ich mich so in ihn verliebt, dass ich fast vergessen hätte, um ihn zu feilschen. Ich glaube, ich hätte jeden Preis für ihn bezahlt, was der Verkäufer aber Gott sei Dank nicht bemerkte. Der Tisch kostete mich immer noch ein kleines Vermögen, aber er war jeden einzelnen des guten alten Pfennigs wert.

Beim Wort LeuchtSturm überkommt mich zum x-ten Mal an diesem Tag dieser wohliger Gänsehautschauer. Leuchtsturm. Leuchtstürmischer Glückstag. Und da ist es wieder. Dieses Gefühl der Nähe, die ich noch immer nicht ganz verstehen, aber dafür umso deutlicher spüren kann. Dieses Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, wie ich es eigentlich nur von dir und dem Turm kenne.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und noch etwas fällt mir an diesem Tisch auf. Oder besser gesagt, es fällt mir jetzt erst richtig auf diesem Tisch auf. Neben einem Uralt-Wecker der Marke, „Steh auf oder ich bimmel dich zum Hörsturz“, steht ein ganz abgegrabbelter grauer Elefant mit Knopf im Ohr. Die Flusen um den Knopf deuten darauf hin, dass er mal recht plüschig gewesen sein muss und bei genauer Betrachtung fällt mir weiter auf, dass der kleine Kuscheldickhäuter aus der gleichen Reihe sein muss, wie ich den Fanti von dir habe. Ich frage Max, ob ich ihn mal genauer anschauen darf und nachdem er mit einem kurzen „Ja klar“ antwortete, schiebt er noch ein „Der ist von meinem Jungen übriggeblieben“ hinterher. Meine anhaltende Gänsehaut erhebt sich um ein oder zwei weitere Millimillimillimillimeter, kaum wahrnehm- aber spürbar.

„Ich glaube“, flüstere ich Max zu, indem ich den Elefanten wieder an seinen Platz auf den Tisch zurückstelle, „ich glaube, ich hätte deinen Sohn verdammt gern gehabt.“

„Ja“ entgegnet Max, „ich bin mir schon seit einiger Zeit sicher, dass ihr euch richtig gut verstanden hättet.“ Und ich kann sehen, wie sich mein Sandburgenbauer ein paar Tränen hilflos aus dem Gesicht wischt.

Zwei heiße Schokoladen und drei Tote Tanten später packt uns das schlechte Gewissen, weil wir die Tiere jetzt schon so lange alleine gelassen haben. Gemeinsam räumen wir schnell auf und zusammen, und machen uns auf den Weg zurück in den Leuchtturm, wo sicher schon zwei hungrige Mäuler auf uns warten. Mäulchen Nummer Drei sitzt, beziehungsweise liegt ja direkt an der Quelle und Dunes Milchbar macht nicht den Eindruck, als würde sie von jetzt auf gleich versiegen. Beim Abschließen des Pfahlbaus zeigt mir Max, wo er den Schlüssel versteckt, und lädt mich ein, immer sein Gast zu sein, wenn mir danach sei. Auch wenn er nicht da wäre, könnte ich jeder Zeit in seinem Heim Unterschlupf finden. Da ist es wieder. Flashback. Rückblick. Das kenne ich doch. Kenne ich das? Nein, nicht so, und doch irgendwie.

Hand in Hand spazieren wir schweigsam, und dank der Toten Tanten nicht mehr in ganz gerader Linie zurück nach Hause. Ich bin komplett überwältigt und beeindruckt von den Ereignissen, Geschehnissen und all dem, was ich erfahren habe, an diesem Tag. Was mich aber auch über diesen letzten Spaziergang für heute noch weiterführend beschäftigen wird, sind diese vielen kleinen und großen Parallelen zwischen Max und dir oder besser gesagt, zwischen Max, seinem Jungen und dir. Ich bringe es alles noch nicht zusammen und mir stellen sich beinahe minütlich immer mehr Fragen, auf die ich Antworten finden möchte. Aber eines ist für mich klar. Es gibt Zufälle, die sind zu zufällig, um Zufälle zu sein. Und ich habe davon abgesehen auch noch nie wirklich an Zufälle geglaubt – so wie du auch, bin ich der Meinung, dass alles, was einem im Leben passiert, irgendwie vorbestimmt ist. Über das von wem es vorbestimmt ist, darüber scheiden sich Geister, aber es geschieht nichts einfach nur so – und solche Parallelen müssen einen Ursprung haben, und ich bin mir fast sicher, dass es durchaus Parallelen gibt, die sich irgendwann doch berühren oder berührt haben in ihrer Entwicklung. Mit einem Mathematiker würde ich mich auf solch eine Diskussion nie einlassen, aber vielleicht bekomme ich ja eines Tages mal Max dazu, das mit mir auszudiskutieren.

„Du, Kleines?“ Max unterbricht die Stille des Spaziergangs. „Darf ich dich was fragen?“

„Sicher, weißt du doch Großer!“

„Eigentlich ist es eher eine Bitte, oder ein Wunsch. Ach, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Meinst du, du könntest mir irgendwann mal mehr über ihn erzählen? Wie ihr euch genau kennen gelernt habt. Was ihn so für dich ausgezeichnet hat und ja auch heute noch auszeichnet? Bitte halte mich jetzt nicht für super neugierig oder so. Mich interessiert es wirklich, wie er war, wie der Mensch beschaffen ist, der deiner bedingungslosen Liebe und Zuneigung, über seinen Tod hinaus, so würdig ist.“

Einen Moment lang, muss ich nachdenken, bevor ich darauf antworten kann. Ich überlege, ob ich jemals zuvor von dir so gesprochen habe, so ausführlich, wie es sich Max wünscht. Ich frage mich, ob ich das eigentlich will, und wenn nicht, warum nicht.

„Machen wir einen Deal?“ entgegne ich Max, der mich unaufhörlich anschaut und sichtlich auf eine hoffentlich positive Antwort wartet. „Ich erzähle dir von ihm, und du mir von deinem Sohn.“

Im Schatten meines Leuchtturms findet Max seine Stimme wieder. „Okay, einverstanden – aber du fängst an. Nicht heute. Vielleicht Morgen. Kann ich dich jetzt alleine lassen? Ich mag noch ein bisschen spazieren und nachdenken.“

„Ja sicher großer Sandmeister. Dann wünsche ich dir einen schönen Abend und eine noch schönere Nacht. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Wir lassen die Geschichten einfach auf uns zu kommen. Ich hab dich lieb Max.“

Als ich die letzten Worte über meine Lippen kommen höre, gebe ich ihm noch rasch einen Kuss und verschwinde in den sicheren Mauern meines Zuhauses. „Ich dich auch, Kleines!“ Höre ich noch gerade so, bevor ich die Türe schließe und das Sein meines Max, dem Resttag vertrauensvoll in die Hände lege.

Je weniger, desto mehr,

je kleiner, desto größer,

je offener,desto verdeckter.

Je weniger von ihm sichtbar ist, desto mehr bekomme ich Angst.

Je kleiner er wird, desto größer wird die Furcht.

Je verdeckter er sich zeigt,desto offener zeigt sich die Angst in mir.

Lange ist es her. Undenkbar lange?

Nein, nicht undenkbar, denke ich doch jeden Tag daran,

was damals geschah, als du mich fandest.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Nein, sie ist in der Lage viele Wunden zu heilen, aber diese nicht.

Diese Wunde ist nicht zum Vernarben gemacht.

Diese Erinnerung ist nicht zum Verblassen gemacht.

Dieser Schmerz ist nicht zum Vergehen gemacht.

Dieses Theater ist nicht für einen letzten Vorhang gemacht.

Wenn Wunden nicht vernarben,

Erinnerungen nicht verblassen,

Schmerzen nicht vergehen und

der letzte Vorhang dieses Theaters nicht fallen mag,

wie wenig bleibt denn dann?

Die Liebe.

Je weniger – Desto mehr?

Also doch!






Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Nachteilig an den Selbstgesprächen ist,

16 10 2009

Nachteilig an den Selbstgesprächen ist, dass ich mir auf die Fragen, die ich mir stelle, nur in den seltensten Fällen auch befriedigende Antworten erhalte. Selbst Fee, die sich mal wieder aus meinem Brusttaxi mit dem Köpfchen herauswagt, schnurrt nicht, maunzt nicht, sagt nix, staunt nur.

(c) Kurt Detlev Schulz

Mit ganz vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Stelzenhaus zu, wahrscheinlich mit der Angst im Nacken, dass es gleich einen riesigen Knall tut, und sich das Ding vor meinen Augen wieder in Wohlgefallen auflöst. Aber es knallt nicht, auch löst es sich nicht auf, sondern wird, je näher ich komme, immer imposanter und schöner. Das hat kein stinknormaler Architekt hier her gebaut, das war ein Künstler. Wundervolle Ornamente im Holz lassen auf ein hohes Maß an Kreativität schließen. Und auch die Figuren am Dach, ähnlich den steinernen Gargoyles an Schlössern und Burgen beeindrucken mich zu tiefst. Bei aller Begeisterung und Bewunderung, habe ich aber immer noch keine Antwort auf meine Fragen – außer vielleicht auf die, ob ich spinne, denn dieses Haus steht tatsächlich hier rum, und ich davor.

Mit Abstand gehöre ich zu den unmutigsten Menschen dieser Welt. Andernfalls wäre ich dir sicher schon gefolgt. Aber ich bin auch einer der Menschen, die ständig Opfer ihrer nicht selten maßlosen Neugierde werden. Und auch wenn ich sehr unbeteiligt tun kann, so kocht in mir doch immer der große Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Gut, hier steht das Ding auf Pfählen und nicht wirklich plan auf Grund. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, was sich hinter dieser ausgeklügelten Schnellbauweise verbirgt und ganz sicher will ich wissen, wer es wagt, hier in „meiner“ Bucht, solch einen Kawenzmann von Holzbau hinzusetzen. Ich schubbse Fee zurück an meine Brust und schließe vorsichtshalber die Knöpfe der Fleecejacke. Mit bedachten Schritten erklimme ich die Holzstiege, die, durch Regen und Wetter schon sehr glitschig ist.

Gedankenpfahlbau

Gefühlsstreben

kreuz und quer

stark wirkend

aus dem Sand ragend

vom Gedankenmeer umspült

Auf der Terrasse des Pfahlbaus steht eine kleine, schmucke, blaue Holzbank, auf die ich mich setze. Den Rucksack nehme ich ab und auch Fee bekommt ihre Freiheit wieder. Ich pflücke sie aus dem Brusttuch und setze sie mir auf die Schulter. Auf den Schrecken brauche ich erstmal einen Kaffee und eine Zigarette. Ich muss nachdenken.

Einmal stehe ich noch auf und versuche in die kleinen Hexenhausfensterchen zu schauen, die aber, durch kleine Gardinen verhängt, keinen weiteren Einblick in den Bau möglich machen.

Gedankenverloren starre ich in die Bucht, beobachte das immer noch sehr unruhige Wasserspiel des Meeres und stelle mir weitere tausend Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Ohne Uhr, ist eine Zeitmessung schon ziemlich schwierig. Paart man diesen faktischen Zustand mit meiner Angst um Dune, dem Erstaunen über diesen Pfahlbau, die Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, dem Glück die Delfine gesehen zu haben und der Tatsache, die niedlichste Katze der Welt auf den Schultern sitzen zu haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie lange ich hier schon sitze. Du würdest jetzt die Prüfung mittels Sonnenstand vorschlagen. Wobei ich leider nicht weiß, wo die Sonne stand, als wir her kamen, geschweige denn, ob sie überhaupt schon stand oder sich noch durch die Wolkendecke boxte, die zwar zwischenzeitlich dünner und löchriger wurde, aber eben immer noch den Großteil in dunkles Grauschwarz taucht. Nicht eine Fußspur ist, von meiner abgesehen, im dunkelweißen Sand auszumachen. Wie kann jemand ein solches Haus hier hinbauen, ohne Spuren zu hinterlassen? Gut, es war die letzten Nächte mehr als stürmisch, aber das so gar nichts zu sehen ist? Trauriger Weise kommt hinzu, dass ich nicht nur keine Fuß- oder Bauspuren sehen kann. Es gibt nicht einen Pfotenabdruck. Ich hatte so gehofft, hier in der Bucht eine Spur von meiner Dune zu finden. Eine Fährte und sei sie auch noch so klein. Doch bis auf meinen Trampelpfad hier her, gibt es keine Anhaltspunkte auf intelligentes Leben in der Bucht.

Bevor mein Krautsalat im Kopf übersäuert und ich in Weltenübel verfalle, gehe ich weiter. Zum Hafen ist es jetzt nicht mehr weit und dort werde ich irgendwo, irgendwie, mit irgendwem meine Datei auf der CD in gedruckte Plakate umwandeln. Die CD? Habe ich die CD eingesteckt? Hektisch drehe ich den Rucksack auf Links und verschütte dabei fast meinen Kaffee. Kaum zu fassen, dass ich noch über soviel Reaktionsvermögen verfüge und das verhindern konnte. Ich glaub es nicht. So dämlich kann selbst ich nicht sein. Ich hab sie nicht eingesteckt. Im Rucksack ist alles, Binden, Tampons, ein paar herumfliegende Cents, ein Döschen Schlabber für Fee, meine Geldbörse, eine asbachuralte Mahnung aus meinem asbachuralten Leben und das Buch „Strandgeflüster, die Spurensuche“, das ich immer noch nicht gelesen habe, aber schon so viele Eselsohren hat, als sei es mein absoluter Lieblingsschmöker. Nur keine CD, nicht mal ein leeres Jewel Case. Nix, nothing, nada. Es ist zum Heulen, was ich auch gleich tue.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

„Du siehst doch, was passiert, wenn ich mir vertraue“, brülle ich auf den Strand hinaus, und versetze damit Fee solch einen Schrecken, dass sie neben mich auf die Bank in meinen Rucksackinhalt springt.

„Dune ist fort, hier stehen komische Häuser in meinem StrandStaub und ich bin zu blöd an eine CD zu denken, die ich brauche, wenn ich Dune wiederfinden will. Verdammt noch mal! Tu was! Hilf mir doch bitte!!!“

Am Liebsten möchte ich jetzt mit einer Axt in diesen Pfahlbau hineinschlagen und ihn zu Milliarden kleinen Streichhölzern und Zahnstochern verarbeiten. Ich habe so eine unendliche Wut in mir. Jetzt muss ich nur den Dreh finden, diese Wut und Aggression in positive Energie umzuwandeln. Ich pfeffere mein Hab und Gut zurück in den Rucksack, reduziere mein Tempo und meine Kraft und verfrachte Fee zurück in das Brusttuch, schließe die Fleecejacke, packe noch den Ostfriesennerz in den Rucki und weiter geht’s. Dann muss ich halt jeden Menschen einzeln ansprechen, Dune beschreiben und fragen, ob sie gesehen wurde. Wie gut, dass ich auch ihr Bild in meinem Portemonnaie mitführe.

Immer noch wutschnaubend „laufe“ ich im Hafen auf. Am Kai noch quatsche ich die ersten Fischer und Matrosen an, die nur achselzuckend an mir vorbei gehen. In den Geschäften kennt niemand einen Hund, der so aussieht wie meiner und ein Streuner ist auch niemandem aufgefallen. Drei Stunden spreche ich mit allem was zu Dialogen fähig scheint, frage ich mir wildfremde Menschen Löcher in den Bauch und werde von einem Nein zum Nächsten ständig desillusionierter. Diese Suche kann schlicht und ergreifend als sinnfrei gewertet werden. So ein Quatsch aber auch, als würde sich Dune freiwillig in solche Menschenmassen begeben. Sie, die Strandhündin, die ewig brauchte, bis sie mit mir mal ein kleines Dörfchen zum Einkauf besucht hat und die lieber an der Promenade fünf Stunden auf mich wartet, als auch nur eine Pfote auf befahrenen Asphalt zu setzen. Meine Verzweiflung ist grenzenlos und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor es wieder Nacht ist. Dann habe ich einen ganzen Tag verloren. Nein, einen ganzen Tag minus einem Morgengrauen, denn das Stündchen mit Delphi und Finchen darf und kann ich nicht als Verloren betrachten. Soviel zum Glück des Tages. Es war das Glück einer Stunde und ihm folgte kein Weiteres. Ich stürze mich in die Hoffnung, dass Dune vielleicht am Turm ist, besser noch im Turm, denn den Balken habe ich dort liegen lassen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie auf der Couch oder auch in meiner Koje liegt und auf mich wartet.

Die Laune der Rückkehr wird noch untermauert, durch wieder wechselndes Wetter. Es beginnt zu regnen. Aber was kann mir das schon noch. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder doch?

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Glasklare Tropfen

aus grauen Wolken,

vom schwarzen Himmel.

Glasklare Tränen

aus blauen Augen,

ins schwarzblaue Meer

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Entsprechend der Geschwindigkeit des peitschenden Niederschlags, erhöhe ich die Schlagzahl meiner Schritte, was mir meine Knochen sehr verübeln. Im nassen schweren Regensand zu laufen, mit Gummistiefeln an den Füßen, ist für sie eine arge Strafe. Im Augenblick ist mir eigentlich so alles pummel. Ich bin am Ende. Am Ende meiner Kräfte. Am Ende meines Vertrauens. Ich höre mein Herz nicht mehr und mein Bauch fühlt sich nur leer und kalt an. Wenn es irgendwie so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann, dann…, oh bitte, bitte, bitte, lass Dune im Turm auf mich warten und mich vollkommen unverständig zusammen bellen, weil ich so lange fort war, ohne sie mit zu nehmen. Bitte, Bitte, Bitte.

Die letzten Meter bis zum Leuchtturm schaffe ich kaum noch. Soll ich rennen oder soll ich meiner Angst freien Lauf lassen? Nehme ich Anlauf oder gehe ich Schritt für Schritt auf die Enttäuschung zu? Taumele ich ins Glück oder wanke ich in einen intensiveren Zustand tiefster Traurigkeit?

Stürmisches Ich

Windstärke 7

Gefühlssturm Stärke 8

Gedankentornado Stärke 9

Sehnsucht Hoch 10





Der Wind geht heftig

15 10 2009

Der Wind geht heftig und ich bin sehr glücklich, dass er mir, nachdem ich die vorgenommene Richtung eingeschlagen habe, in den Rücken bläst. So habe ich eine Art Rückenturbo eingebaut und fliege nahezu über den Strand. Eine fliegende Leberwurst, das muss ein Bild für die Meergötter sein. Während der Rucksack auf meinem Rücken gemächlich hin und her schaukelt, und das Glucksen des frischen Kaffees mich fast überredet eine dafür vorgesehene Pause einzulegen, nutzt Fee ihre verbliebene Pfote fürs Temmeln. In sekündlichen und regelmäßigen Abständen führt sie den sogenannten Milchtritt aus. Kein Wunder, am Busen der Leuchtturmwärterin, das lässt ja auf Leckeres hoffen. Für mich allerdings ist das nicht wirklich der Hit und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich anfühlt wie eine tierische Akupunktur oder die ständigen Fehlversuche eines Tattoomeisters, meine Brust an allen Rundungen gleichzeitig zu piercen.

„If I could turn back time…“ Habe ich Angst? Eigentlich summsinge ich nur, wenn ich Angst habe? Ja verdammt noch mal ich habe Angst. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, so wie Cher es besingt, dann wärst du hier, Dune wäre hier, Max wäre da und wir wären am Turm, säßen draußen in den Dünen auf einer riesigen Decke und würden Picknicken. Aber du bist nicht da, ein Zustand, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe und an den ich mich auch nie gewöhnen möchte. Max ist auch nicht da. Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr. Und Dune, Dune ist irgendwo verschollen, sie ist weg, fort und ich sterbe vor Angst. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das Richtige tue.

Du hast mir mal gesagt, dass es sie nicht gibt, die perfekte Sicherheit. Du hast mir mal gesagt, dass du sie mir nicht bieten kannst, die perfekte Sicherheit. Aber wenn meine ganze Welt über mir zusammenbricht, sich über mir ergießt, wie die riesige Welle einer Sturmflut, wenn ich keinen Weg mehr sehe, um diesem Strudel zu entrinnen, werde ich doch weiter die Wendeltreppe hinaufklettern, mich im Turm einkuscheln, und mich ihr hingeben, meiner Illusion der perfekten Sicherheit in dem Turm und mit dir.

Mir kann nichts passieren. Ich vertraue in mich und meine Stärke. Ich horche auf mein Herz und folge meinem Bauchgefühl. Es wird alles gut. Mir kann nichts passieren und auch Dune ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Sie wird irgendwo die Zeit vergessen haben. Sie wird irgendwo Schutz vor dem Unwetter gesucht und gefunden habe.

Bei all dem Wind und der Lautstärke der Natur, hätte ich es fast überhört, das Knarzen und Quieken, das vom Meer zu mir herüber dringt. Vertraute Geräusche, vertraute Stimmen und das erste Mal seit ewigen Stunden verspüre ich wieder so etwas wie ein Glücksgefühl. Es ist recht klein, in Anbetracht der Sorge, der Angst und der Panik, aber es ist spürbar da, in meinem Herzen und ich lege zu dem schnellen Schritt, den ich durch den Rückenwind schon habe, noch an Tempo zu.

Der Horizont erblüht sehr langsam und es deutet sich an, dass die Helligkeit sich ihren Weg durch die Nacht bahnen wird. Es macht fast den Eindruck, als bekämen wir heute sogar ein paar Minuten Sonne geboten. Aus einem kleinen zarten Loch in der dunklen Wolkendecke sprühen kleine Lichtfunken, welche diese Hoffnung eindrucksvoll unterstreichen. Der Himmel saugt sich um dieses Loch herum mit den Farben dahinter voll. Ich erinnere mich an eine Schularbeit, wo wir mit sehr viel verschieden farbigen Wachsmalstiften das Zeichenblatt anmalten. Darüber kam eine deckende Schicht schwarz und mittels eines kleinen Spachtels haben wir einem Motiv entsprechend, die schwarze Farbe wieder abgetragen. Zum Vorschein kamen bunte Konturen und Flächen, die in der Gesamtheit ein buntes Bild im Schwarz ergaben. Schillerndes Orange und sattes Goldgelb mischt sich mit der Dunkelheit und beschneidet sie Millimeter für Millimeter.

Am Sturm selbst hat sich noch nichts verändert und hier am Meeressaum pfeift mir der Wind so mächtig durch die Ohren, dass ich den Schal etwas höher krempele. Wahrscheinlich verschreckt durch die Geräuschkulisse der grollenden Wellen, drückt sich Fee ganz, ganz nah an mich heran. Ich kann ihr kleines Herz spüren, wie es regelmäßig aber hektisch gegen meine Brust bummert. Ob sie sich wohl mit der Nase herauswagt, wenn sie die Delfine hört?

Mein Blick wandert zwischen erstrahlendem Horizont und peitschender See hin und her. Die Wogen sind so hoch und unruhig, dass aus den Gischtmützen und entstehenden Strudeln zwischen ihnen kaum was zu entdecken ist. Delphi und Finchen waren hier. Ich habe sie gehört und sie haben mir meinen ersten Glücksmoment des Tages beschert. Wahrscheinlich ist das Schwimmen so nah am Strand zu gefährlich bei der Strömung. Da sich Delfine ja mittels Sonar oder war es Echolot orientieren, kann es bei solch einem Unwetter sicher heikel werden für die Tiere. Mitten in meine semifachfraulichen Ausreden, die ich für Delfine bastele, platzen drei Rückenflossen. Drei? Wieso drei? Während die Kleinste ruhig versucht, die Herausforderung sich aufblähender Wellen zu stellen, und möglichst gleichmäßig durchs Wasser zu gleiten, zeigen die größeren Delfine schon wesentlich mehr Routine. Der Zustand des Gleitens wechselt sich mit flachen und weiten Sprüngen über die Wellen ab. Es sieht toll aus, wie sie scheinbar die Kraft des Wassers für sich nutzen um vorwärts zu kommen. Dann wieder macht es den Eindruck, als spielen sie mit den Wogen Fangen.

Delphi hat mich scheinbar am Strand entdeckt und lässt sich ein Stückweit näher herantragen, während der riesige, mir unbekannte dritte Delfin scheu weiter seine Runden dreht und ein wachsames Auge auf Finchen hat. Der Dritte ist wirklich ein Riese. Ob das der Olle Graue ist, von dem Max erzählte? Ob das Finchens Erzeuger ist? Delphi schwimmt aufs Meer hinaus, nimmt Schwung und prescht über die Wasseroberfläche, jede einzelne Welle für sich, die wohl ausgesuchte Richtung und den wahrscheinlichen Landepunkt, ausnutzend. Elegant hebt sie sich aus dem Wasser, springt in formschönen Bögen über Finchen und den Ollen Grauen hinweg, rast auf das Land zu und wie von Geisterhand gestoppt, bremst sie in sicherer Entfernung wieder ab. Dann stellt sie sich auf ihre Fluke und tanzt und schnattert und braust zurück in Richtung Horizont und kwarzt und quiekt. Werde ich jetzt größenwahnsinnig, wenn ich mir einbilde, dass sie mir etwas erzählen möchte? Oder entschuldigt sie sich nur, weil sie mir das Glück des Kraulens nicht bieten kann? Vielleicht möchte sie mir auch einfach nur Mut machen, für meine Suche nach Dune. Ich weine. Und ein ganzer Niagara stürzt sich aus meinen Tränendrüsen als ich merke, wie die kleine Fee neugierig ihr Köpfchen aus ihrem Versteck reckt und, durch den Wind kaum wahrnehmbar, miaunzt. Dabei streckt sie immer wieder ihr kleines Stummelbeinchen nach draußen, und winkt? Vielleicht spricht Delphi gar nicht mit mir sondern mit Fee? Diese Situation überfordert mich wieder vollends. Aber sie lässt mich auch lächeln. Ich lächele und bin einfach nur unaussprechbar glücklich, dass mir die beiden Freunde, Entschuldigung, drei Freunde auf See beistehen.

Der Himmel brennt und erstrahlt in gigantischen Farbformationen, die wie so oft unbeschreiblich sind. Aber selbst, wenn ich über das notwendige Vokabular verfügen würde, ich habe keine Zeit. Ich muss weiter. Der Tag ist da, er ist über das Anbruchsstadium hinaus und ich möchte meinen Hund finden. Ich will, dass es Dune gut geht.

Ich werfe einen letzten Blick auf die spielenden Delfine und stuppse ganz vorsichtig Fee zurück in ihr ihre Sänfte unter meiner Jacke. Das erste Mal höre ich diese winzige Katze einen Fauchversuch starten. Aus meinem Lächeln wird ein Lachen. Das Fauchen klingt so unglaublich albern. Beinahe automatisch muss ich an eine Szene aus dem Film „LionKing“ denken, wo der kleine tapfere Löwensohn fauchen möchte und nur ein krächzendes fast lautloses „Miiiaunz“ zu Stande bringt. „Fee, Fee, ach kleine Fee. Da musst du noch viel Schlabber fressen und viel mit Dune herumtollen, damit du so groß und stark wirst, dass du gegen dieses Unwetter und all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt anfauchen kannst. Bis dahin werden wir hoffentlich die Delfine noch ganz oft besuchen können und nun gib Ruhe.“ Mit einem letzten zärtlichen Schubbser befördere ich die Mieze zurück ins Brusttaxi.

Delphi und der olle Graue umschmusen sich. Zärtlichkeit gegen die Gewalt des Meeres. Ein definitiv letzter Blick und ich gehe weiter in Richtung Bucht. Schritt für Schritt entferne ich mich von diesem wohligen Szenario, das mir das erste Glück des Tages brachte. Ich mag nicht daran denken, ob vielleicht oder hoffentlich noch mehr Glück auf mich wartet. Aber ich werde weiter gehen. Schritt für Schritt, durch die Kälte, den Sand, den Sturm – hinein in einen scheinbar freundlich werden wollenden Tag.

Aus deiner schützenden Umarmung

löse ich mich nun und steige hinab in das,

was sich Leben nennt.

Knirschend wird sich die Kälte des Lebens

meinen vorsichtigen Schritten ergeben.

Hat es eine andere Wahl?

Das Leben?

Wahrscheinlich.

Aber nicht solange ich mich fortbewege.

Hin zum Leben – hin zum Sein.

Du wachst über mich mit deinem großen Herz.

Danke dir dafür, mein Freund, mein Liebster.

Ob Dune auch hier war? Ob sie hier vorbei gekommen ist? Oder suche ich auf komplett falschen Wegen? Nein, ich möchte mich jetzt nicht verunsichern. Ich möchte daran glauben, dass es richtig ist, was ich tue. Ich möchte mir vertrauen, auf mein Herz horchen und dem Bauchgefühl folgen, das mir schon so oft die richtige Richtung gewiesen hat. Das Unwetter lässt tatsächlich nach. Der Wind hat sich abgeschwächt und tost nicht mehr mit soviel Dezibel an meinen vom Schal gewärmten Ohren entlang. Dort, wo die seichten Sonnenstrahlen sich bereits durch das Schwarz gekämpft haben, ist es bestimmt schon herrlich. Ich versuche geduldig zu sein. Geduldig mit dem Wetter, mit dem Tag und, ja, auch mit mir. Hoffentlich hat Dune auch genug Geduld. Hoffentlich geht es meinem Podenco gut.

Je näher ich der Bucht komme, um so mehr zweifele ich an meinem Geisteszustand. Es mangelt mir nicht an guter Nahrungsgrundlage und getrunken habe ich auch genug. Ich gebe zu, es war nur Kaffee, aber ausreichend Flüssigkeit habe ich zu mir genommen. Drogen nehme ich bis auf die handelsüblichen Sorten wie Nikotin und Koffein auch keine – und niemand war in meiner direkten Nähe, so dass er hätte meinen Kaffee panschen können. Es ist nicht mehr so eisig wie heute Nacht, aber auch nicht plötzlich so heiß, dass ich bereits zu dieser Stunde des Tages unter Halluzinationen leiden könnte. Wie aber sonst erkläre ich mir diese Fata Morgana dort hinten? Eine Spiegelung? Ein Hologramm? Kurz vor dem Ding bleibe ich stehen, starre es an und führe eines meiner berühmten Selbstgespräche. Das sieht aus wie ein Pfahlbau. Es steht auf Pfählen. Es scheint rundum aus Holz gebaut. Und ein rundum aus Holz gebautes Haus, das zudem auf Pfählen steht, nennt man gemeinhin einen Pfahlbau. Ich kenne diese Bucht. Ich war öfter in dieser Bucht als in einer Kirche und ich behaupte, übertreibend, wie ich manchmal sein kann, dass ich hier jedes Sandkorn beim Vornamen kenne. Ich sehe dort einen Pfahlbau stehen, der dort noch nie gestanden hat, der vor wenigen Tagen noch nicht da war. Wie um Meergottes Willen, kommt dieses Ding hier her?





Minute für Minute,…

14 10 2009

Minute für Minute, Stunde für Stunde – die Zeit schleicht über den Tag, als hätte sie es alles, nur nicht eilig. Ich bin froh darüber, keinen Wecker oder eine Uhr hier zu haben. Der Klang jeder verstreichenden Sekunde für mein Gehirn so erweichen, dass ich komplett den Verstand verlöre, so denn überhaupt noch ein Fünkchen davon übrig ist. Ich halte diese Angst nicht mehr aus. Ich drehe komplett am Rad und falle dem übelsten Wahnsinn anheim, den je eine Landesklinik zu Gesicht bekommen hat. Was fasele ich mir da eigentlich für einen Müll zusammen? Jetzt halt mal den Ball flach junge Frau und denke nach! Worüber denn nachdenken? Ich will schreien. Ich will meine ganze Angst einfach nur heraus schreien können. Zum neunten oder zehnten Mal überwinde ich die Wendeltreppe, stelle mich in den Sturm und brülle mir unter Tränen die Kehle aus dem Leib.

„Duuuuuuuuuneeee!!!! Duuuuuuuuuuuu—-huuuuuuuuuuuuuunnnnnnnnnnne!!!“

Keine Reaktion, kein Jaulen, kein Junkern, kein Hund, keine Dune. Sie ist weg, fort. Zum neunten oder zehnten Mal bewege ich mich Stufe für Stufe, und das insgesamt 159 Stufen lang, nach oben. Meine Knie zittern, ich zittere, mein Herz bebt vor Sorge und Angst. Warum in Seeteufels Namen kann jetzt nicht das nervige Gekläffe meiner Hündin an mein Ohr dringen, und alles wieder gut? Ich hab so eine verdammte Angst.

Mittlerweile wird es Abend. Zugegeben, ist der Unterschied zum Tag nicht sehr bedeutend. Die Wolken sind noch schwarzer und dichter, so dass der Himmel eine komplette, homogene und bedrohliche Masse ergibt. Das Meer ist noch unruhiger und jede einzelne Woge brüllt ihre Macht und Stärke auf den Strand. Kein Mond, kein Stern, nur das helle Licht des Leuchtfeuers, das in regelmäßigen Abständen, für einen ganz kurzen Augenblick, die Nacht zum Tag macht. „Dune, meine arme kleine Dune. Wo magst du nur sein?“

Ich stelle eine Galerie von Kerzen ins Fenster. So kann sie sehen, dass ich hier auf sie warte.

Zu meinem absoluten Entsetzen bin ich eingeschlafen und werde erst durch Fees klägliches Maunzen munter. Mist, ich bin so verpeilt, dass ich ihr Futter vergessen habe. Die Kerzen im Fenster sind über die Hälfte herunter gebrannt. Ich schätze, dass ich drei oder vielleicht vier Stunden geschlafen haben muss. Mir den Sandmann aus den Augen reibend, – Sandmann, hat Max schon geantwortet? Hektisch greife ich mein Handy, muss aber feststellen, dass es mitteilungstechnisch noch so jungfräulich ist, wie zuvor. Ich werfe einen kurzen Blick nach unten in den Eingangsbereich, hoffend, dass Dune dort liegt, ahnend, dass sie es nicht tut. Mein Herz zieht sich wieder zusammen und dieser unendliche Schmerz, diese wahnsinnige Angst hat mich wieder.

In großer Hektik und mit viel zu viel Ungeduld füttere ich die Katze ab. Meine Unruhe und Panik hat sich so auf das arme Tier übertragen, dass sie direkt nach der Nahrungsaufnahme, an der nächst besten Stelle wieder alles von sich gibt. Die nächst beste Stelle ist Dunes Korb und ich muss mich bis an meine Grenzen zusammenreißen, damit ich sie nicht anschreie und vor die Türe setze. Wenn Dune nicht bald auftaucht, dann drehe ich komplett durch, wenn es überhaupt noch kompletter geht. Sobald das Tageslicht es einigermaßen ermöglicht, mache ich mich auf den Weg. Ich werde sie suchen. Ich werde den kompletten Strand absuchen und wenn das alles nichts nutzt, werde ich Plakate entwerfen, die ich an jeden Baum und Zaunpfahl fest tackere. Haha, was für ein Witz. Ich habe gar keinen Drucker, um die entworfenen Plakate für alle Welt in eine sicht- und lesbare Form zu bringen. Gut, dann werde ich zum Hafen gehen, mit einer CD und werde dort jeden Menschen anhauen, ob er vielleicht einen Drucker hat. Ich werde ein Vermögen dafür bieten, dass ich Hilfe bekomme und ich werde nicht aufgeben, meine Hündin zu finden.

Mit all meiner Unruhe setze ich mich an mein Laptop und erstelle ein Suchplakat. Wie gut, dass ich erst kürzlich so viele Bilder von den Beiden geschossen habe. Ein Finderlohn von 1.000 Euro halte ich für angemessen und jetzt noch schnell meine Handynummer darunter – fertig. Nicht schön aber inhaltlich sehr wertvoll und ich möchte ja nicht den Grafikerpreis 2005 gewinnen, sondern mein Haustier zurück. „Der Brennvorgang war leider nicht erfolgreich“. Boah, wie ich diese technische Überheblichkeit hasse. Wenn leider, warum hat dieses dämliche Programm es denn erst soweit kommen lassen? In aller Eile, wobei ich gar nicht weiß, warum so eilig, denn bis zum Morgengrauen dauert es noch, überprüfe ich die Einstellungen, lege einen neuen Rohling in meinen Brenner und hoffe auf besseres Gelingen. „Der Brennvorgang war erfolgreich. Möchten Sie nun speichern?“ Nein, ich will nicht speichern, ich will Dune und jetzt rück diese dusselige CD raus, und fertig.

„Verdammt noch mal, warum geht das nicht?“

„Weil du zu ungeduldig bist Kleines, wie immer!“

„Ja und, darum muss der Mist hier doch nicht auch ungeduldig werden.“

„Du hast eben ein sehr mitreißendes Temperament. Versuch’s noch mal und das in aller Ruhe.“

„In aller Ruhe, alle Ruhe habe ich wenn ich tot bin. Ich will jetzt diesen Mist installieren. Och menno, hilf mir doch mal!“

„Du bist stark, du bist schlau, du bist nicht blöd und du schaffst das alleine. Du schaffst alles alleine, wenn du nur an dich glaubst und dir vertraust. Irgendwann wirst du…“

„Was werde ich irgendwann?“

„Irgendwann wirst du darauf bauen müssen, dass du durchaus alles alleine kannst, wenn du nur willst.“

„Wenn ich aber doch nicht will? Und schon gar nicht alleine!“

Jetzt bin ich alleine, abgesehen von Fee, die mir leider keine große Hilfe ist. Und ich rufe mir jedes einzelne deiner Worte in den Kopf, meißele sie in meine Gedankengänge ein und versuche, deinen Anforderungen gerecht zu werden. Ich muss das hier schaffen. Ich werde es schaffen. Irgendwie.

Wie war das noch, die Geschichte mit dem kleinen Mädchen, die du mir mal erzählt hast?

Ein kleines Mädchen wird von ihrer Mutter englische Vokabeln abgefragt. Die Tochter unterbricht und fragt: “Mama, was heißt denn eigentlich Leuchtturm auf englisch?” Die Mutter antwortet: “Lighthouse Kleine, ich glaube Lighthouse” “Ja!”, entgegnet die Tochter ganz aufgeregt und patscht mit ihrer Handfläche gegen die Stirn. “Bestimmt heißt das so, weil er die Schiffe auf dem Meer nach Hause leitet”

Bitte, bitte lieber Turm, leite doch auch meine Dune sicher und gesund nach Hause. Bitte.

Ich muss was essen. Wenn ich gleich auf die Suche gehe, brauche ich ganz viel Kraft, und die hab ich nicht mit nüchternem Magen. Aus dem Brotkorb greife ich mir die Brötchentüte und schmiere mir ein kleines Lunchpaket zurecht. Mit Wurst und mit Käse belegt, könnten sogar diese Gummiteile noch recht annehmbar schmecken. Danach koche ich Kaffee für eine ganze Kompanie, sprich für mich, für meine Seele, meinen Geist und meine Thermoskanne. Die kleine Fee ahnt, dass etwas Eigentümliches vor sich geht und schnurrt noch viel kräftiger als sie es eh schon die ganze Zeit tut. Ich versichere ihr, dass ich sie natürlich mitnehmen werde. Ein Plan, der bei diesem Wetter neue Herausforderungen an mich stellt. Wie soll ich die Kleine transportieren? Im Rucksack ist es zwar mit der Thermosflasche sicher schön mollig, aber eben auch stockduster und das könnte ihr Angst machen. Ich wollte nach der schwankenden Tortur in der Pizzabox auf offener See auch nicht in einem schwankenden und verschlossenen Rucksack umhergeschleppt werden. Nach und nach zerre ich sämtliche wärmenden Kleidungsstücke aus dem Kleiderschrank. Den Wollpullover kennt sie schon, und wenn ich sie in dem Brusttuch unter dem Pullover trage? Nein, da ist es auch dunkel, und selbst wenn sie den direkten Kontakt zu mir hätte, die Idee gefällt mir nicht wirklich. Kurz bevor mich die einzelnen Regalbretter und die leergefegte Kleiderstange höhnisch auslachen können, fällt mir Mütterchens Fleecejacke in die Hände. Das ist es. Die Jacke ist vorne zum Knöpfen. Ich werde Fee sicher in das Brusttuch legen, die Strickjacke darüber und dann noch den Friesennerz. Damit ist sie vor Sturm und Kälte geschützt und kann bei Bedarf immer mal das Näschen rausstrecken, wenn ihr danach ist. Guter Plan.

Vorsichtig setze ich Fee, die ich erstmal unter den herumgeworfenen Wäschestücken bergen muss, wieder auf meine Schulter, zeige ihr die auserwählten Stücke und bin fast ein bisschen begeistert, als sie mich aufmunternd anmaunzt. Der Plan scheint auch von ihr für Gut befunden.

Fern am Horizont verstärkt sich ein Streifen hellgrauen Himmels und läutet das Morgengrauen ein. Es wird Zeit aufzubrechen. Wie geplant verpacke ich Fee sicher auf meiner Brust. Das Brusttuch habe ich gegen eine kleine Babydecke eingetauscht, die ich eigentlich für Dunes Welpen organisiert hatte. Sie ist stabiler und hält sicher noch wärmer als dieses Leinentuch, das ich mir sonst zu Transportzwecken um Hals und Brust binde.

Darüber kommt die Jacke, die oberen beiden und die letzten vier Knöpfe verschließe ich, so dass in Brusthöhe ausreichen Platz bleibt für die kleine Maus, um ihr süßes Näschen hindurch zu stecken. Den Reißverschluss der Öljacke verschließe ich nur zu Zweidrittel. Damit es mir nicht zu kalt oben herum wird, schlinge ich mir noch den dicken und langen Regenbogenschal mehrfach um den Hals, den mir seinerzeit Uli strickte, weil sie immer für alle strickte, Hauptsache sie konnte stricken. Die Thermohose ist dick und windundurchlässig. Trotzdem ziehe ich mir noch eine lange Skihose darunter, die ich eigens für mein Leben hier am Meer kaufte. Zwei Paar Wollsocken, ebenfalls von Uli, sollten meine Füße in den Gummistiefeln gut wärmen. Kurzum, ich sehe aus wie Leberwurst in Pelle, könnte den Michelin-Look-Alike-Award gewinnen, bin aber für den bevorstehenden Anlass mehr als korrekt ausgestattet. Vielleicht sehe ich auch ein wenig wie ein Eskimo aus, der einer falschen Typberatung in die Hände gefallen ist. Egal. Es ist praktisch, es ist warm und es wird seinen Zweck schon erfüllen. Jetzt aber los.





Dieses Gefühl

4 08 2009

Dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, nennen wir Weltenübel. Weltenübel ist, wenn alles passt, aber nichts richtig ist. Weltenübel bekommt man, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das ganze Universum gegen einen ist. Aus dem Weltenübel entfliehen wir, in dem wir uns ein Paralleluniversum suchen. Und bevor mich dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, vollends einlullt; bevor das Weltenübel mich nicht nur überfällt, sondern auch gefangen nimmt, bevor es meinen Tag bestimmt, mache ich mir schnell Gedanken über mein Paralleluniversum. Viele Gedanken brauche ich mir nicht machen, ich muss mich nur mit beiden Füßen fest in die Brandung stellen, mich unterspülen lassen und die Wellen spülen alle Sorgen fort. Wo sonst wenn nicht hier kann ich den Ballast über Bord werfen? Also fort damit, ab in die Fluten. Sollen Hai, Seeigel, Krabbe & Co sich doch daran den Magen verderben.

Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und diese Emotionen bringen mich, öfter als mir lieb ist, fast um den Verstand. Aber das hier ist unsere kleine Welt. Ich lebe hier, in diesem Augenblick, unseren Traum und somit ist das alles hier um mich herum, mit den Schäfchenwolken, dem Sonnenschein, dem warmen feuchten Sand, der Gischt, den Dünen und Möwen, dem Leuchtturm, dem Fels in der Brandung, ein Paralleluniversum. Mein Paralleluniversum.

Gerade als ich mich umdrehe, um mich auf dem ultimativen Plätzchen zum vielleicht letzten Sonnenbad des Jahres niederzulassen, höre ich hinter mir aus dem Meer ein schnorchelndes Geräusch. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und überlege, was das wohl sein könnte. Dune ist es nicht, die tollt in ein paar Metern Entfernung mit ihrem Tauknoten herum. Ein Kutter, der zu nah an den Strand aufläuft kann es auch nicht sein. Ein Kuttermotor klingt ganz anders. Immer noch zur Salzsäule erstarrt höre ich eine prustende Stimme: „Hallo?“; „Hallo! Entschuldigen Sie bitte!“

Schock, schwere Not, das Meer spricht. Aber mit wem spricht es? Eigentlich sind wir beide doch per Du?

„Sorry, Miss, do you speak english?“ Miss, Mist, das Etwas aus dem Meer spricht mit mir. Also gut, keine Panik auf der Titanic, ich drehe mich ganz langsam um. Nur mit dem Kopf, nicht ganz, und wenn es was grusliges ist, nehme ich meine Schrottknochen in die Hand und laufe.

Millimeter für Millimeter schraube ich mein Haupt in Richtung Ozean, bis ich im Blickwinkel ein schwarzes Ding auf zwei Beinen sehen kann. Zwei Arme hat es auch und auf den fünften bis achten Blick möchte ich wirklich einen Mensch dort vermuten, denn Affen, die urplötzlich aus dem Meer auftauchen, sind eher selten. Für Arielle hat dieses Ding eine zu stattliche Figur und die Schwanzflosse fehlt.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Okay, ich habe einen sagenhaften Hund, der mich sicher beschützt, rede ich mir ein und beobachte Dune, wie sie sich im Spiel immer weiter von mir entfernt. Ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche und bin von daher im Vorteil, rede ich mir ein und verdränge den Gedanken an meine Orientierungslegasthenie. Ich habe einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hau ihm einfach eins auf die Zwölf, wenn er mir doof kommt, rede ich mir ein und rechne erst gar nicht nach, wie lange dieser besagte Kurs schon her ist.

Göttin, was soll den passieren? Das Ding kommt frisch aus dem Wasser, ist pitschnass und jappst immer noch nach Luft. Es hat meine Größe und keine sichtbare Waffentaschen. Also jetzt dreh dich schon um du alter Angsthase und steh deine Frau.

Ich drehe mich um und verfalle über ein zunächst zaghaftes Prusten in schallendes Gelächter. Die Augsburger Puppenkiste scheint ein Gastspiel hier am Meer zu geben und vor mir steht, das Mensch gewordene Sams. Das heißt ich gehe im Moment einfach davon aus, dass unter diesem, wie Wurstpelle knapp sitzendem Neoporenanzug ein Mensch steckt. Das Ding ist damit beschäftigt sich die Taucherbrille vom Gesicht zu nehmen und unter den feuchten Scheiben in Gummi-Umrandung kommt ein knallrotes Gesicht zum Vorschein, das zu meiner endgültigen Erheiterung auch noch mit Unmengen von Sommersprossen übersät ist. „Frau Rosenkohl, Frau Rosenkohl!“ geht es mir durch den Kopf und ich werfe mich auf die Knie in den Sand, weil ich vor Lachen nicht mehr stehen kann. In der Zwischenzeit hat auch Dune bemerkt, dass hier irgendwas passiert und hat sich zu uns gesellt. Ich weiß nicht, ob sie auch lacht, auf alle Fälle bellt sie den armen Tropf vor uns ganz schön zusammen. Da ich versuche den Hund in deutscher Sprache zu beruhigen, was unter meinem Gegacker wahrscheinlich nicht sehr überzeugend rüber kommt, nimmt die traurige Gestalt, die aus dem Wasser kam, einen erneuten Anlauf mich anzusprechen. „Entschuldigen Sie bitte junge Frau. Können Sie mir vielleicht helfen? Ich glaube ich habe mich verschwommen.“

Nun ist es um meine Beherrschung komplett geschehen. Ich greife mir Dune zum ultimativen Lachknuddeln, kralle mich in ihrem Fell fest und schreie mehr als ich lache. Dieser Typ muss einfach von einem anderen Stern sein. „Verschwommen“ pruste ich, „Verschwommen“.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie lange wir hier jetzt schon hocken. Mir tut der Bauch weh, meine Stimme klingt wie nach 20 Whiskey und einer Stange Zigarette auf Ex, so sehr hab ich lachen müssen. Das menschliche Strandgut in Gummi hat sich in der Zwischenzeit auch gehockt und schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nicht mehr alle ist gut. Ich habe gerade gar keine mehr im Schrank, weil der komplette Schrank, nebst Inhalt, beim Lachen zu Bruch gegangen ist.

„Ich fange einfach noch einmal von vorne an!“, unterbricht der Kautschukmann diese eigenartige Situation. “Mein Namen ist Henry, Henry Schuster und ich bin mit einem Freund auf dessen Jacht als Inselhopper unterwegs. Irgendwo auf See sind wir zum Schnorcheln ausgestiegen und ich habe komplett die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin. Viel schlimmer aber noch ist, dass ich nicht weiß, wie ich wieder zu der Jacht komme.“ Während Henry, Gott sei Dank heißt er nicht Sam, mir seine Geschichte in aller Dramatik und mit todernster Stimme wie Mimik zum Besten gibt, beiße ich mir immer wieder auf die Unterlippe und auf die Zunge. Ich meine, er tut mir ja wirklich leid und ich kann vermutlich gar nicht ermessen, wie es ihm geht und in ihm aussieht, aber diese Situation ist einfach zu krass für mein sonniges Gemüt.

Auch wenn ich gerade aussehe, als hätte ich von Geburt an einen furchtbaren Kieferschiefstand, versuche ich Henry zu antworten. „Ähm Henry“, ich hole tief Luft und sammele mich für einen zusammenhängenden Satz ohne Gegluckse. „Henry, wo Sie hier sind kann ich Ihnen gerne erklären. Nur wie Sie wieder zurückfinden, da bin ich überfragt. Ich liebe das Meer wegen seiner unendlichen Weite (warum trällert mir jetzt das Thema von Enterprise melodiös durch die Gehirnwindungen?) und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Inseln, keine Jacht und im Augenblick noch nicht mal einen Kutter. Ich kann Ihnen nur anbieten, in meinen Leuchtturm mitzukommen. Dort trinken wir in aller Ruhe eine Tasse Kaffee und vielleicht lässt sich von oben ja ein Anhaltspunkt finden. Andererseits finde ich, dass Sie nicht mehr ins Wasser zurück sollten. Es geht auf Nachmittag zu. Es wird schon sehr früh dunkel und die See wird um diese Zeit auch recht unruhig. Mir wäre nicht wohl dabei, wenn Sie sich wieder in die Fluten stürzen, um einer Jacht nachzujagen.“

Noch viel unwohler ist mir bei dem Gedanken, den armen Henry in die Stadt zu schicken, von wo er sicher einen Weg in sein Hotel, zu seinem Freund oder zum Hafen suchen könnte, wo sein Freund mit der Jacht vielleicht schon auf ihn wartet. Mein inneres Auge zeigt mir den kompletten ersten Teil des Sams im Schnelldurchlauf. Ich sehe Henry wie er an Lattenzäunen nagt, wie er dicke Frauen veralbert und Herrn Taschenbier von einer peinlichen Situation in die Nächste bugsiert. Vielleicht sind die kleinen Spots in Henrys Gesicht ja gar keine Sommersprossen. Möglicherweise sind es Wunschpunkte und ich muss ihm nur irgendwie den Satz in den Mund legen: „Ich wünsche mich zurück an Bord!“ Nein, nein, zu gefährlich. Nachher landet er in einem U-Boot oder im Hamburger Hafen auf einer kleinen Jolle. In mir steigt schon wieder dieser Lachreiz hoch. Nein, nein, nein – du kannst und darfst diesen armen Mann nicht weiter auslachen. Nein, nein, nein – bitte nicht – nicht wieder einen Lachflash. Zu spät. Erst schnaufe ich, dann lache ich und dem armen Henry stehen die Tränen in den Augen. Ich kann ihm aber nicht sagen, was ich denke. Das kann ich nicht machen.

Mit derweil blutender Unterlippe krabbele ich zur Sonnendecke und krame meinen Krempel zurück in den Weidenkorb. Ich kann nicht abschätzen, wie lange der Gastauftritt der Augsburger Puppenkiste dauert und das strahlende Blau des Himmels weicht bereits dem Grau der Dämmerung. Es ist merklich frischer als gestern Abend und wer weiß, vielleicht war das wirklich der letzte Sonnentag. Henry hat die Einladung zum Kaffee angenommen und beobachtet mein Wuseln mit herunterhängenden Schultern und einer herzzerreißenden Trauermine. Wir schweigen. Ich schweige nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, vor allem habe ich tausend Fragen. Ich sage lieber nichts, da es nicht bei der Aneinanderreihung von Worten bleiben würde. Solch einen Lachdrang habe ich tatsächlich noch nie gehabt und ich glaube ich kann mit Recht behaupten, dass wir beide schon einer Menge schräger Vögel über den Weg gelaufen sind. Aber solch eine Begegnung der tropfenden Art? Das ist neu.

Sichtlich beeindruckt von meinem bescheidenen sozialen Wohnungsbau in Turmform, folgt mir Henry auf Schritt und Tritt. Auf der Wendeltreppe muss ich abermals, oder soll ich besser sagen, wieder heftigst, an mich halten. Der Neoporenanzug von Henry quietscht und quitschert mit jedem Schritt in einer anderen Tonlage. Was bin ich froh, dass er die Schwimmflossen ausgezogen hat. Ein, in regelmäßigen Abständen auftönendes, Platsch, Patsch, Platsch würde mir mein Zwerchfell endgültig auseinander reißen. Oben angekommen schaut sich Sams, ähm Henry nur kurz um und geht dann auf das Bullauge zu. „Ob ich wohl mal telefonieren dürfte?“ „Klar“, antworte ich, drehe mich um die eigene Achse und dann fällt mir ein, dass ich hier ja gar kein Telefon habe. Ohne lange zu überlegen kippe ich den Inhalt des Weidenkorbes in die Koje und suche unter Thermoskanne, Kuscheldecke, Dunes Spielzeug und Liste nach meinem Handy. Als ich es endlich in der Hand halte stelle ich fest, dass es nicht in Betrieb ist. Mit meiner narrensicheren 0815-Pin probiere ich, meinen mobilen Telefonknochen ans Laufen zu bringen, muss mir aber sagen lassen, dass das Akku aufgeladen werden muss.

„Klar“, erweitere ich meine zunächst sehr knappe Antwort, „könnten Sie, dürften Sie, wenn’s denn gehen würde. Einen Festnetzanschluss habe ich hier nicht und mein Mobiltelefon hat keinen Saft mehr.“ Dabei fällt mir ein, dass ich meine Liste um das Ladekabel erweitern muss. Henry, mittlerweile steht er im trockenen Gummianzug vor mir und gibt eine lustige Figur ab, starrt aus dem Fenster hinaus aufs Meer. „Da ist nichts!“, seufzt er. „Ich kann nichts sehen!“ Bleibt nur noch der Fußweg. Ich gieße uns beiden Kaffee ein und beschreibe Henry, wie er auf dem direktesten Weg zum Hafen und in die Stadt kommt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gibt es auch eine Telefonzelle, aber Henry sieht nicht so aus, als hätte er unter seinem Anzug auch noch einen Kubikmillimeter Platz für eine Telefonkarte. Also verschweige ich die Telefonzelle fürs Erste. Während ich stammelnd, auf die Unterlippe beißend und ziemlich wuschig versuche meine Orientierungslegasthenie zu verbergen und einen perfekten Weg zu beschreiben, geht mir das Bild von Sams im Taucheranzug nicht aus dem Kopf. „Am Besten ich suche Ihnen erstmal was zum Anziehen.“, stottere ich und vergrabe mich alsbald im Kleiderschrank. Ich krame eine alte Jogginghose von mir hervor und eines deiner vielen T-Shirts, die ich immer noch wie einen Schatz hüte. „nur mit Schuhen kann ich Ihnen nicht dienen.“ Mit unverändert todtrauriger und gequälter Mine nimmt der Verschwommene die Sachen entgegen und folgt meinem Kopfnicken, mit dem ich ihm den Weg zur Duschkabine weise. Der Nachteil am Leben im Leuchtturm ist das fehlende Luxusbadezimmer mit Badewanne, Dusche, Waschbecken und goldenen Handtuchhaltern. Hier ist das alles etwas schlichter. In der Kabine rumpelt es gewaltig und ich mag mir nicht wirklich vorstellen, wie sich der kleine, dicke fremde Mann dort aus seinem Ganzkörperkondom pellt und in meine Sachen steigt.

Langsam wird mir doch etwas mulmig. Es dämmert bereits und wenn ich Henry jetzt losschicke, dann muss er durch die Nacht spazieren. Andernfalls müsste ich ihm ein Nachtlager anbieten, was mir, ehrlich gesagt, nicht geheuer ist. Ich weiß, du hättest da gar kein Problem mit. Je mehr Mensch um dich herum, umso besser. Aber du bist ja auch ein Mann. Und hier, in dieser todeinsamen Ecke, möchte ich nicht unbedingt meine Nacht mit wildfremden Männern verbringen. Als hätte Henry meine Gedanken auf meiner Stirn abgelesen, steht er plötzlich auf und bläst zum Aufbruch. „Sagen Sie, gibt es auch einen Weg am Strand entlang?“

„Natürlich. Sie gehen zurück bis zu dem Punkt, an dem Sie aufgetaucht sind und dann laufen Sie parallel zum Strandweg in Richtung Hafen. Es dauert nur wesentlich länger, weil eine ziemlich große Bucht dazwischen liegt. Aber Sie können bis zum Hafen am Strand entlang.“

„Dann wähle ich diesen Weg“, antwortet mir Henry und steht bereits auf der ersten Stufe der Treppe, „und sollte es mir doch zu lang werden, lege ich mich in die Dünen. Ich nehme an, dass ich sowieso erst Morgen Früh etwas erreichen kann. Und sollte mein Freund bereits im Hafen eingelaufen sein, wird er sich auch nicht vor Tagesanbruch rühren. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe und den Kaffee!“ sagt er, und ehe ich mich versehe, ist Henry nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch schon durch die Stahltüre entschwunden. Ein Abgang nicht langsamer als sein Auftauchen.

Henry schleppt sich, mit seinem Taucheranzug um den Hals, meiner Jogginghose und deinem T-Shirt, über den Strand in Richtung Meeressaum. Von hinten und hier oben betrachtet, sieht er nicht minder komisch aus, als in den ersten Momenten unserer Begegnung. Viel erzählt hat er nicht. Seinen Namen weiß ich, mehr nicht. Aber er hat etwas geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr fertig gebracht hat. Ich habe seit Jahren wieder bis zum Bauchschmerz gelacht. Auch wenn diese Situation von ihm nicht so gewollt war, im Gegenteil. Auch wenn mein Amüsement komplett auf seine Kosten ging und immer noch geht, was mir sehr leid tut. Trotz allem war es für mich ein absolut überraschender, lustiger Tag, den ich so schnell sicher nicht vergessen werde. Das regelmäßige Aufflackern unseres Leuchtfeuers begleitet den Fremden über den Strand. Egal wie weit er heute noch gehen wird, unser Licht wird ihn begleiten, wird ihn führen. Henry wird nichts passieren, denn er steht unter dem persönlichen Schutz unseres Turms. Das beruhigt mich.








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