Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!
Dem Tod
Von der Klippe gesprungen
Noch einmal die richtige Welle gekriegt
Den Kurs rechtzeitig geändert
Unser Wiedersehen aufgeschoben
In die Ferne gerückt
Es ist zu früh
Für mich
Für ein Wiedersehen
„Dune! Lass das! AUS!“
„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.
„Och Max, du bist es!“
Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.
Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.
Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?
„Ist das Barclay?“
„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“
Ich muss furchtbar lachen.
„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“
„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“
„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“
“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”
Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.
„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“
„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“
„Moody Blues?“
„Poor Man’s Moody Blues.“
Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.
„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“
Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.
„Ist das euer gemeinsames Lied?“
„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“
„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“
„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“
„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.
„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“
Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.
„An was denkst du Kleines?“
„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“
„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“
„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“
„Vorstellungen sind immer theoretisch.“
„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“
Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.
„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“
„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“
Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.
Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.
Letzte Eindrücke – ausdrucksstark
Nach Regen kommt Sonne
Hinter der Sonne jagen Wolken
Aus den Wolken fällt Regen
Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter
Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können
der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat
sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken
eine Rangfolge nicht erkennbar scheint
kommt aus dem Nichts
die Schlichtung
die Verknüpfung
der Zusammenhang
keine Sonne ohne Wolken
keine Wolken ohne Regen
keine RegenWolken ohne Sonne
letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“
„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.
„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“
Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.
„Danke!“
„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“
„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“
„Reden?“
„Ja, reden.“
Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.
Lichte® Kommunikation
Letzte Ratschläge
erteilt dir die untergehende Sonne mein Freund
Letzte Ratschläge
die wie du Wärme spenden
Sicherheit bieten
Stärke demonstrieren
Liebe geben kannst
Leuchtender Planet rät leuchtendem Turm
Licht empfiehlt dem Licht
Lichte® Kommunikation


Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.
Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.


Nebelgrauer Schleier
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