Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

Lichte® Kommunikation

Letzte Ratschläge

erteilt dir die untergehende Sonne mein Freund

Letzte Ratschläge

die wie du Wärme spenden

Sicherheit bieten

Stärke demonstrieren

Liebe geben kannst

Leuchtender Planet rät leuchtendem Turm

Licht empfiehlt dem Licht

Lichte® Kommunikation






Dieses Gefühl

4 08 2009

Dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, nennen wir Weltenübel. Weltenübel ist, wenn alles passt, aber nichts richtig ist. Weltenübel bekommt man, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das ganze Universum gegen einen ist. Aus dem Weltenübel entfliehen wir, in dem wir uns ein Paralleluniversum suchen. Und bevor mich dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, vollends einlullt; bevor das Weltenübel mich nicht nur überfällt, sondern auch gefangen nimmt, bevor es meinen Tag bestimmt, mache ich mir schnell Gedanken über mein Paralleluniversum. Viele Gedanken brauche ich mir nicht machen, ich muss mich nur mit beiden Füßen fest in die Brandung stellen, mich unterspülen lassen und die Wellen spülen alle Sorgen fort. Wo sonst wenn nicht hier kann ich den Ballast über Bord werfen? Also fort damit, ab in die Fluten. Sollen Hai, Seeigel, Krabbe & Co sich doch daran den Magen verderben.

Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und diese Emotionen bringen mich, öfter als mir lieb ist, fast um den Verstand. Aber das hier ist unsere kleine Welt. Ich lebe hier, in diesem Augenblick, unseren Traum und somit ist das alles hier um mich herum, mit den Schäfchenwolken, dem Sonnenschein, dem warmen feuchten Sand, der Gischt, den Dünen und Möwen, dem Leuchtturm, dem Fels in der Brandung, ein Paralleluniversum. Mein Paralleluniversum.

Gerade als ich mich umdrehe, um mich auf dem ultimativen Plätzchen zum vielleicht letzten Sonnenbad des Jahres niederzulassen, höre ich hinter mir aus dem Meer ein schnorchelndes Geräusch. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und überlege, was das wohl sein könnte. Dune ist es nicht, die tollt in ein paar Metern Entfernung mit ihrem Tauknoten herum. Ein Kutter, der zu nah an den Strand aufläuft kann es auch nicht sein. Ein Kuttermotor klingt ganz anders. Immer noch zur Salzsäule erstarrt höre ich eine prustende Stimme: „Hallo?“; „Hallo! Entschuldigen Sie bitte!“

Schock, schwere Not, das Meer spricht. Aber mit wem spricht es? Eigentlich sind wir beide doch per Du?

„Sorry, Miss, do you speak english?“ Miss, Mist, das Etwas aus dem Meer spricht mit mir. Also gut, keine Panik auf der Titanic, ich drehe mich ganz langsam um. Nur mit dem Kopf, nicht ganz, und wenn es was grusliges ist, nehme ich meine Schrottknochen in die Hand und laufe.

Millimeter für Millimeter schraube ich mein Haupt in Richtung Ozean, bis ich im Blickwinkel ein schwarzes Ding auf zwei Beinen sehen kann. Zwei Arme hat es auch und auf den fünften bis achten Blick möchte ich wirklich einen Mensch dort vermuten, denn Affen, die urplötzlich aus dem Meer auftauchen, sind eher selten. Für Arielle hat dieses Ding eine zu stattliche Figur und die Schwanzflosse fehlt.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Okay, ich habe einen sagenhaften Hund, der mich sicher beschützt, rede ich mir ein und beobachte Dune, wie sie sich im Spiel immer weiter von mir entfernt. Ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche und bin von daher im Vorteil, rede ich mir ein und verdränge den Gedanken an meine Orientierungslegasthenie. Ich habe einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hau ihm einfach eins auf die Zwölf, wenn er mir doof kommt, rede ich mir ein und rechne erst gar nicht nach, wie lange dieser besagte Kurs schon her ist.

Göttin, was soll den passieren? Das Ding kommt frisch aus dem Wasser, ist pitschnass und jappst immer noch nach Luft. Es hat meine Größe und keine sichtbare Waffentaschen. Also jetzt dreh dich schon um du alter Angsthase und steh deine Frau.

Ich drehe mich um und verfalle über ein zunächst zaghaftes Prusten in schallendes Gelächter. Die Augsburger Puppenkiste scheint ein Gastspiel hier am Meer zu geben und vor mir steht, das Mensch gewordene Sams. Das heißt ich gehe im Moment einfach davon aus, dass unter diesem, wie Wurstpelle knapp sitzendem Neoporenanzug ein Mensch steckt. Das Ding ist damit beschäftigt sich die Taucherbrille vom Gesicht zu nehmen und unter den feuchten Scheiben in Gummi-Umrandung kommt ein knallrotes Gesicht zum Vorschein, das zu meiner endgültigen Erheiterung auch noch mit Unmengen von Sommersprossen übersät ist. „Frau Rosenkohl, Frau Rosenkohl!“ geht es mir durch den Kopf und ich werfe mich auf die Knie in den Sand, weil ich vor Lachen nicht mehr stehen kann. In der Zwischenzeit hat auch Dune bemerkt, dass hier irgendwas passiert und hat sich zu uns gesellt. Ich weiß nicht, ob sie auch lacht, auf alle Fälle bellt sie den armen Tropf vor uns ganz schön zusammen. Da ich versuche den Hund in deutscher Sprache zu beruhigen, was unter meinem Gegacker wahrscheinlich nicht sehr überzeugend rüber kommt, nimmt die traurige Gestalt, die aus dem Wasser kam, einen erneuten Anlauf mich anzusprechen. „Entschuldigen Sie bitte junge Frau. Können Sie mir vielleicht helfen? Ich glaube ich habe mich verschwommen.“

Nun ist es um meine Beherrschung komplett geschehen. Ich greife mir Dune zum ultimativen Lachknuddeln, kralle mich in ihrem Fell fest und schreie mehr als ich lache. Dieser Typ muss einfach von einem anderen Stern sein. „Verschwommen“ pruste ich, „Verschwommen“.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie lange wir hier jetzt schon hocken. Mir tut der Bauch weh, meine Stimme klingt wie nach 20 Whiskey und einer Stange Zigarette auf Ex, so sehr hab ich lachen müssen. Das menschliche Strandgut in Gummi hat sich in der Zwischenzeit auch gehockt und schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nicht mehr alle ist gut. Ich habe gerade gar keine mehr im Schrank, weil der komplette Schrank, nebst Inhalt, beim Lachen zu Bruch gegangen ist.

„Ich fange einfach noch einmal von vorne an!“, unterbricht der Kautschukmann diese eigenartige Situation. “Mein Namen ist Henry, Henry Schuster und ich bin mit einem Freund auf dessen Jacht als Inselhopper unterwegs. Irgendwo auf See sind wir zum Schnorcheln ausgestiegen und ich habe komplett die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin. Viel schlimmer aber noch ist, dass ich nicht weiß, wie ich wieder zu der Jacht komme.“ Während Henry, Gott sei Dank heißt er nicht Sam, mir seine Geschichte in aller Dramatik und mit todernster Stimme wie Mimik zum Besten gibt, beiße ich mir immer wieder auf die Unterlippe und auf die Zunge. Ich meine, er tut mir ja wirklich leid und ich kann vermutlich gar nicht ermessen, wie es ihm geht und in ihm aussieht, aber diese Situation ist einfach zu krass für mein sonniges Gemüt.

Auch wenn ich gerade aussehe, als hätte ich von Geburt an einen furchtbaren Kieferschiefstand, versuche ich Henry zu antworten. „Ähm Henry“, ich hole tief Luft und sammele mich für einen zusammenhängenden Satz ohne Gegluckse. „Henry, wo Sie hier sind kann ich Ihnen gerne erklären. Nur wie Sie wieder zurückfinden, da bin ich überfragt. Ich liebe das Meer wegen seiner unendlichen Weite (warum trällert mir jetzt das Thema von Enterprise melodiös durch die Gehirnwindungen?) und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Inseln, keine Jacht und im Augenblick noch nicht mal einen Kutter. Ich kann Ihnen nur anbieten, in meinen Leuchtturm mitzukommen. Dort trinken wir in aller Ruhe eine Tasse Kaffee und vielleicht lässt sich von oben ja ein Anhaltspunkt finden. Andererseits finde ich, dass Sie nicht mehr ins Wasser zurück sollten. Es geht auf Nachmittag zu. Es wird schon sehr früh dunkel und die See wird um diese Zeit auch recht unruhig. Mir wäre nicht wohl dabei, wenn Sie sich wieder in die Fluten stürzen, um einer Jacht nachzujagen.“

Noch viel unwohler ist mir bei dem Gedanken, den armen Henry in die Stadt zu schicken, von wo er sicher einen Weg in sein Hotel, zu seinem Freund oder zum Hafen suchen könnte, wo sein Freund mit der Jacht vielleicht schon auf ihn wartet. Mein inneres Auge zeigt mir den kompletten ersten Teil des Sams im Schnelldurchlauf. Ich sehe Henry wie er an Lattenzäunen nagt, wie er dicke Frauen veralbert und Herrn Taschenbier von einer peinlichen Situation in die Nächste bugsiert. Vielleicht sind die kleinen Spots in Henrys Gesicht ja gar keine Sommersprossen. Möglicherweise sind es Wunschpunkte und ich muss ihm nur irgendwie den Satz in den Mund legen: „Ich wünsche mich zurück an Bord!“ Nein, nein, zu gefährlich. Nachher landet er in einem U-Boot oder im Hamburger Hafen auf einer kleinen Jolle. In mir steigt schon wieder dieser Lachreiz hoch. Nein, nein, nein – du kannst und darfst diesen armen Mann nicht weiter auslachen. Nein, nein, nein – bitte nicht – nicht wieder einen Lachflash. Zu spät. Erst schnaufe ich, dann lache ich und dem armen Henry stehen die Tränen in den Augen. Ich kann ihm aber nicht sagen, was ich denke. Das kann ich nicht machen.

Mit derweil blutender Unterlippe krabbele ich zur Sonnendecke und krame meinen Krempel zurück in den Weidenkorb. Ich kann nicht abschätzen, wie lange der Gastauftritt der Augsburger Puppenkiste dauert und das strahlende Blau des Himmels weicht bereits dem Grau der Dämmerung. Es ist merklich frischer als gestern Abend und wer weiß, vielleicht war das wirklich der letzte Sonnentag. Henry hat die Einladung zum Kaffee angenommen und beobachtet mein Wuseln mit herunterhängenden Schultern und einer herzzerreißenden Trauermine. Wir schweigen. Ich schweige nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, vor allem habe ich tausend Fragen. Ich sage lieber nichts, da es nicht bei der Aneinanderreihung von Worten bleiben würde. Solch einen Lachdrang habe ich tatsächlich noch nie gehabt und ich glaube ich kann mit Recht behaupten, dass wir beide schon einer Menge schräger Vögel über den Weg gelaufen sind. Aber solch eine Begegnung der tropfenden Art? Das ist neu.

Sichtlich beeindruckt von meinem bescheidenen sozialen Wohnungsbau in Turmform, folgt mir Henry auf Schritt und Tritt. Auf der Wendeltreppe muss ich abermals, oder soll ich besser sagen, wieder heftigst, an mich halten. Der Neoporenanzug von Henry quietscht und quitschert mit jedem Schritt in einer anderen Tonlage. Was bin ich froh, dass er die Schwimmflossen ausgezogen hat. Ein, in regelmäßigen Abständen auftönendes, Platsch, Patsch, Platsch würde mir mein Zwerchfell endgültig auseinander reißen. Oben angekommen schaut sich Sams, ähm Henry nur kurz um und geht dann auf das Bullauge zu. „Ob ich wohl mal telefonieren dürfte?“ „Klar“, antworte ich, drehe mich um die eigene Achse und dann fällt mir ein, dass ich hier ja gar kein Telefon habe. Ohne lange zu überlegen kippe ich den Inhalt des Weidenkorbes in die Koje und suche unter Thermoskanne, Kuscheldecke, Dunes Spielzeug und Liste nach meinem Handy. Als ich es endlich in der Hand halte stelle ich fest, dass es nicht in Betrieb ist. Mit meiner narrensicheren 0815-Pin probiere ich, meinen mobilen Telefonknochen ans Laufen zu bringen, muss mir aber sagen lassen, dass das Akku aufgeladen werden muss.

„Klar“, erweitere ich meine zunächst sehr knappe Antwort, „könnten Sie, dürften Sie, wenn’s denn gehen würde. Einen Festnetzanschluss habe ich hier nicht und mein Mobiltelefon hat keinen Saft mehr.“ Dabei fällt mir ein, dass ich meine Liste um das Ladekabel erweitern muss. Henry, mittlerweile steht er im trockenen Gummianzug vor mir und gibt eine lustige Figur ab, starrt aus dem Fenster hinaus aufs Meer. „Da ist nichts!“, seufzt er. „Ich kann nichts sehen!“ Bleibt nur noch der Fußweg. Ich gieße uns beiden Kaffee ein und beschreibe Henry, wie er auf dem direktesten Weg zum Hafen und in die Stadt kommt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gibt es auch eine Telefonzelle, aber Henry sieht nicht so aus, als hätte er unter seinem Anzug auch noch einen Kubikmillimeter Platz für eine Telefonkarte. Also verschweige ich die Telefonzelle fürs Erste. Während ich stammelnd, auf die Unterlippe beißend und ziemlich wuschig versuche meine Orientierungslegasthenie zu verbergen und einen perfekten Weg zu beschreiben, geht mir das Bild von Sams im Taucheranzug nicht aus dem Kopf. „Am Besten ich suche Ihnen erstmal was zum Anziehen.“, stottere ich und vergrabe mich alsbald im Kleiderschrank. Ich krame eine alte Jogginghose von mir hervor und eines deiner vielen T-Shirts, die ich immer noch wie einen Schatz hüte. „nur mit Schuhen kann ich Ihnen nicht dienen.“ Mit unverändert todtrauriger und gequälter Mine nimmt der Verschwommene die Sachen entgegen und folgt meinem Kopfnicken, mit dem ich ihm den Weg zur Duschkabine weise. Der Nachteil am Leben im Leuchtturm ist das fehlende Luxusbadezimmer mit Badewanne, Dusche, Waschbecken und goldenen Handtuchhaltern. Hier ist das alles etwas schlichter. In der Kabine rumpelt es gewaltig und ich mag mir nicht wirklich vorstellen, wie sich der kleine, dicke fremde Mann dort aus seinem Ganzkörperkondom pellt und in meine Sachen steigt.

Langsam wird mir doch etwas mulmig. Es dämmert bereits und wenn ich Henry jetzt losschicke, dann muss er durch die Nacht spazieren. Andernfalls müsste ich ihm ein Nachtlager anbieten, was mir, ehrlich gesagt, nicht geheuer ist. Ich weiß, du hättest da gar kein Problem mit. Je mehr Mensch um dich herum, umso besser. Aber du bist ja auch ein Mann. Und hier, in dieser todeinsamen Ecke, möchte ich nicht unbedingt meine Nacht mit wildfremden Männern verbringen. Als hätte Henry meine Gedanken auf meiner Stirn abgelesen, steht er plötzlich auf und bläst zum Aufbruch. „Sagen Sie, gibt es auch einen Weg am Strand entlang?“

„Natürlich. Sie gehen zurück bis zu dem Punkt, an dem Sie aufgetaucht sind und dann laufen Sie parallel zum Strandweg in Richtung Hafen. Es dauert nur wesentlich länger, weil eine ziemlich große Bucht dazwischen liegt. Aber Sie können bis zum Hafen am Strand entlang.“

„Dann wähle ich diesen Weg“, antwortet mir Henry und steht bereits auf der ersten Stufe der Treppe, „und sollte es mir doch zu lang werden, lege ich mich in die Dünen. Ich nehme an, dass ich sowieso erst Morgen Früh etwas erreichen kann. Und sollte mein Freund bereits im Hafen eingelaufen sein, wird er sich auch nicht vor Tagesanbruch rühren. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe und den Kaffee!“ sagt er, und ehe ich mich versehe, ist Henry nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch schon durch die Stahltüre entschwunden. Ein Abgang nicht langsamer als sein Auftauchen.

Henry schleppt sich, mit seinem Taucheranzug um den Hals, meiner Jogginghose und deinem T-Shirt, über den Strand in Richtung Meeressaum. Von hinten und hier oben betrachtet, sieht er nicht minder komisch aus, als in den ersten Momenten unserer Begegnung. Viel erzählt hat er nicht. Seinen Namen weiß ich, mehr nicht. Aber er hat etwas geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr fertig gebracht hat. Ich habe seit Jahren wieder bis zum Bauchschmerz gelacht. Auch wenn diese Situation von ihm nicht so gewollt war, im Gegenteil. Auch wenn mein Amüsement komplett auf seine Kosten ging und immer noch geht, was mir sehr leid tut. Trotz allem war es für mich ein absolut überraschender, lustiger Tag, den ich so schnell sicher nicht vergessen werde. Das regelmäßige Aufflackern unseres Leuchtfeuers begleitet den Fremden über den Strand. Egal wie weit er heute noch gehen wird, unser Licht wird ihn begleiten, wird ihn führen. Henry wird nichts passieren, denn er steht unter dem persönlichen Schutz unseres Turms. Das beruhigt mich.





Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

3 08 2009

Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

Wie ein farbiger Spiegel erstreckt sich die See bis zu den Dünen und es wird langsam aber sicher auch frisch. Dein bunter Wollpullover wird es möglich machen, dass ich noch ein bisschen hier bleiben kann. Ein letzter Blick auf die Liste zeigt mir, dass erstmal alles Wichtige notiert ist. Ich kann sie ja ergänzen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt genieße ich den Augenblick. Ich lass mich fallen, in deinen Pullover, in diesen Moment, in diesen wundervollen Ausblick auf das Meer, das Leben dort, den Strand. Erstaunlicher Weise ist es menschenleer hier. Wahrscheinlich traut die Menschheit dem Sommerherbst nicht und das kann mir nur Recht sein. Ich habe keine Lust, auf neugierige Fragen rund um den Leuchtturm zu antworten. Ich mag nicht erklären, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier tue. Ich kann nicht erklären, was ich selber noch nicht richtig begreifen kann. Wie soll ich die richtigen Worte dafür finden? Außer dir versteht es sicher niemand. Verena vielleicht noch, aber dann hört es auch schon auf. Selbst meine Familie hält mich für spleenig und durchgeknallt. Dabei habe ich immer davon gesprochen. Ich habe immer gesagt, dass man einfach nur mutig genug sein müsste. Jetzt habe ich allen Mut zusammen genommen und bin hier. Ich habe meinen Mut, mein Vertrauen und unseren Traum in einen großen Koffer gepackt. Und jetzt bin ich hier.

Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.

Zaghaft packe ich meine Sachen in den großen Weidenkorb. „Der muss auch wieder nach oben“, denke ich und seufze dabei so tief, dass ich beinahe Mitleid mit mir selber bekomme. Dune jagt immer noch den, durch ihre Flugkünste im Vorteil seienden Möwen hinterher. Sie muss sich eigentlich vorkommen, wie eine Katze die dem Licht eines Laserpointers nachjagt. Sie kommt auch nie zum Sieg. Nach stundenlanger Jagd kann keine Beute gemacht werden. Wie frustrierend muss das sein. Ich pfeife und rufe und versuche mich bei meinem Hund irgendwie bemerkbar zu machen. Nichts geht mehr. Sie wird schon merken, wenn ich fort bin. Ich werfe einen letzten verliebten Blick auf das Meer und die untergehende Sonne und mache mich vollkommen lustlos auf den Weg zurück zum Leuchtturm.

Vor der großen Stahltür verharre ich einen Augenblick. Ich stelle den Korb ab und blicke an unserem Leuchtturm hinauf. Stein für Stein, Ring für Ring tastet sich mein Blick zum Leuchtfeuer hinauf.

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so grau erscheinen,
es zeigt sich in schillernden Farben

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so kalt erscheinen,
es vermittelt dennoch farbige Wärme.

Unser Turm in schillerndem Rot und Weiß – seine Steine durch die Sonne aufgewärmt.
Ich liebe diesen Turm, ich liebe unseren Turm, ich liebe dich und in Momenten wie diesen, in Zeiten wie diesen, fehlen mir die Worte, um all das auszudrücken, was ich so gerne ausdrücken möchte. Bevor ich weiter nach Worten suche, öffne ich mir lieber die Pforte ins Glück. Beim Anblick der Einkaufstüten stelle ich allerdings fest, dass Glück wohl doch ein weiträumig interpretierbarer Ausdruck ist.

1113 Stufen. Sieben mal bin ich gewendelt. Ich bin fertig. Ich bin well done. Ich bin alle. Das nächste Mal suche ich mir doch einen Praktikanten im Discounter. Dann installiere ich einen Flaschenzug und dann kann der Kunde König oben im Turm die Ware entgegennehmen, die das aufstrebende Einzelhandelverkäufertalent unten in den Korb gepackt hat. Klingt nach einem guten Plan, den ich irgendwann mal zu Ende planen und denken sollte. Für die nächste Zeit bin ich mit allem überlebenswichtigen Nahrungs- und Genussmitteln eingedeckt. Zum Glück ist mir noch eingefallen, dass ich den Pansen gleich wieder aus dem Fenster kicken sollte. Bullauge auf, Pansen raus – und diese Innerei scheint einen dermaßen leckeren Gestank zu verströmen, dass es Dune nicht mehr bei den Möwen hält. Nun sitzt sie in den Dünen und genießt ihr Leckerchen. In gebührendem Abstand scharen sich die feindlichen Flugtiere zusammen und hoffen auf ein Resteessen. Wenn das mal gut geht.

Mittlerweile ist es dunkel. Je nachdem wie Dune schaut, sehe ich ihre Augen aufblitzen. Ich mache es mir indes gemütlich. In der Thermoskanne ist noch Kaffee. Ich zünde ein paar meiner neuen Kerzen an und beinahe zeitgleich nimmt meine Behausung auch schon ihre Arbeit auf. Das Licht des Lebens beginnt wieder zu blinken. Wie unter dem Schein einer alterschwachen Discokugel erhellt sich für einen Augenblick das Meer und nur ein paar Sekunden später schaue ich auf eine leicht wellige schwarze Scheibe. Hier und da blitzen kleine Gischtmützen auf und das leichte Rauschen des Meeres vereint sich mit dem wohligen Brummen des Leuchtturmfeuers. Ich hatte wirklich Angst, dass es hier, direkt unter der größten Taschenlampe der Welt etwas lauter zu gehen würde. Aber schon nach kürzester Zeit habe ich die Geräusche der hausinternen Technik gar nicht mehr wahrgenommen. Da war mein früheres Leben zwischen Telekomexpressstrecke und der Bahntrasse schon wesentlich geräuschvoller.

Herr Mond lächelt als schmale Sichel zum Bullauge hinein. Ich bin hundemüde, nur der Hund ist nicht müde. Entweder kaut sie sich immer noch den Pansen, oder Dune traut sich nicht durch die Möwenmauer. Was war das für ein Tag? Gehörte er zu den guten oder zu den schlechten Zeiten? Abgesehen von dem Shoppingstress mit anschließendem Krafttraining auf der Treppe war es ein wundervoller Tag. Emotional war er. Gedankenreich war er. Ein Tag voller Bestätigungen liegt hinter mir und doch hat auch dieser Tag wieder viele Fragen offen gelassen.

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Welt hinter dem Bullauge freundlich lächelt, dass das mit Sternenfunkeln versehene Himmelszelt wieder herrlich blau erstrahlt und die dicke fette Osram ihre Sonnenstrahlen in der Scheibe bündelt und mich furchtbar in der Nase kitzelt. Ungläubig schaue ich mich um. So ganz kann ich es ja immer noch nicht fassen, dass diese eckenlose Behausung für die kommenden Monate meine Herberge sein soll.
Ich bin sicher eingeschlafen, denn hier sieht noch alles so chaotisch aus wie gestern Abend. Die Kerzen sind vollends heruntergebrannt, die Thermoskanne hat noch Kaffee im Bauch und ich höre draußen hektisches Gekläffe. Ob Dune die ganze Nacht draußen war? Ich richte mich ein wenig auf, um über die hausinterne Reling schauen zu können. Die Tür steht immer noch auf. Tolle Scholle Frau Leuchtturmwärterin. Ich würde sagen, da haben wir doch einfach Glück gehabt, dass diese Einladung niemand sonst außer Dune wahr genommen hat.
Ich habe keine Lust aufzustehen. Andererseits verspüre ich fast körperliches Geknuffe von der Sonne. Es ist schon wahr, an solch einem herrlichen Herbsttag kann man nicht in den Federn verweilen. Da ich heute auch nichts Weiteres vor habe, kann ich ihn in vollen Zügen genießen, am Strand, hier am Leuchtturm, mit dir und Dune unter der Sonne. Yes, das klingt gut. Und zwischendurch mach ich mir ein paar Gedanken über den weiteren Verlauf des Umzugs, beziehungsweise Einzugs.

Die letzten Sonnenstrahlen genießen
Die letzte Wärme des Sands spüren
Die letzten Berührungen leichten Windes fühlen
Vorfreude

Auf den Genuss der ersten Sonnenstrahlen
Die ersten Schritte im warmen Sand
Das erste Streicheln des warmen Windes auf dem Gesicht
Nächstes Jahr

Schnell wird der Kaffee umgefüllt, der Weidenkorb frisch gepackt, die Zähne geputzt, das Longshirt übergeschmissen und ab geht’s in die Sonne. Auf der Stiege bemerke ich erst meinen Muskelkater, den ich mir wohl bei der Einkaufstütenorgie gestern eingehandelt habe. Dune kann sich vor lauter Begeisterung über mein Erscheinen kaum halten und springt wie ein Flummi immer wieder an mir hoch. Heute geht es direkt ans Wasser. Es geht kaum Wind und die Luft ist herrlich mild.

Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.

Das Meer ist ganz ruhig und plätschert gemütlich mit kaum hörbarem Rauschen am Strand auf und ab. Es glitzert herrlich in der Sonne. Je nach Blickwinkel bekommt man das Gefühl, einen Kristallteppich zu betrachten. Vorbei ist die Gemütlichkeit, als sich Dune laut kläffend in die Fluten stürzt. Brrrr, um diese Zeit ist es doch sicher noch eiskalt?! Die Flipflop abgestreift greifen meine Füße als erstes in den herrlichen Sandboden. Schon alleine für meine Füße dürfte es nie Winter werden. Nachdem ich mir die Decke zurechtgelegt habe, lasse ich meinen Blick den Strand entlang schweifen. Eine Gänsehaut des Wohlfühlens und der Begeisterung baut sich hinter meinen Ohren auf und verteilt sich von dort in alle Richtungen. Shiver! Es gibt keine Worte dafür, auch wenn ich sie noch so sehr doch noch zu finden hoffe. Ich kämpfe wieder mit Tränen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen, wie nah ich am Wasser gebaut habe, wenn ich hier so nah am Wasser stehe. Vielleicht liegt es an der Unteilbarkeit dieser Gefühle. Ich kann sie nicht fassen, nicht erklären und somit auch nicht vermitteln. Davon mal abgesehen, dass ich gerade nicht wüsste an wen. Dune peitscht besessen durchs Wasser und die Möwen über mir, die in Perfektion ihren Synchronflug absolvieren, erscheinen mir auch nicht wirklich als gute Zuhörer und Menschenversteher.

Perfektion
den ganzen Morgen schon kreisen sie über mir her
leiser Flügelschlag im Synchronflug
nebeneinander beinahe Flugfeder an Flugfeder
übereinander nur ein Windhauch zwischen ihnen
leicht versetzt zur Kehrtwende ansetzend
zweisam entdecken sie den Himmel
gemeinsam beobachten sie den Strand
beisammen erobern sie das Meer
das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Team

ganze Morgende kreisten wir um uns herum
barfüßig im Gleichschritt
nebeneinander Hand in Hand
übereinander kein Windhauch passte zwischen uns
leicht versetzt die gleichen Dinge im Blick
zweisam entdeckten wir die Geheimnisse des Himmels
gemeinsam durchschritten wir jedes Sandkorn
zusammen – wir liebten das Meer

das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Paar
das perfekt eingespielte Team

so schaue ich neidisch in den Himmel
trauriges Vermissen entlasse ich ins Meer
schmerzende Sehnsucht begleitet den Flug
des perfekten Paares
des perfekt eingespielten Teams
über mir

Warum bist du jetzt nicht hier? Warum lachst du mich jetzt nicht aus, weil ich schon wieder vor mich hin flenne, ohne wirklich einen Grund zum Heulen zu haben? Warum teilst du nicht mit mir zusammen diese Begeisterung, jetzt, hier, sofort? Manchmal hasse ich dich dafür, dass du nicht da bist. Mit dir könnte ich jetzt so schön hier stehen. Du würdest mich verstehen. Du würdest dich amüsieren, aber in erster Linie wüsstest du genau, was mit mir los ist, wie es in mir aussieht. Du bist mehr als ein Menschenversteher. Du bist ein MichVersteher!





WoW! Was für ein Morgen!

2 08 2009

WoW! Was für ein Morgen!

Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob ich nicht hier unten frühstücken mag. Der Tag scheint wirklich vielversprechend zu werden. In erster Linie wird er aber sonnig, und das muss ich einfach noch auskosten. Die trübe Herbst- und Winterzeit lässt sich sicher nicht mehr lange unterdrücken. So flitze ich, was lächerlich klingt in Anbetracht der frühen Stunde und meiner Statur, die 159 Stufen des Leuchtturms wieder hinauf, erhole mich, oben angekommen, jappsend von dem wendeltreppenbedingten Schwindel und dem nikotinverursachten Luftmangel, bereite meinen Kaffee gleich in einer großen Kanne und entschwinde mit einem Korb wieder nach unten. Kaffee, Kippen, Kuscheldecke, Köter – die vier großen K’s sind alle beisammen und ich gönne mir jetzt ein Sommerendfrühstück.

Mich beschäftigt immer noch der Traum der letzten Nacht. War es ein Albtraum oder eine Vision? War es gut oder böse? Ich verfalle schon wieder ins Grübeln, was bekannter Maßen nicht gut ist.

Wärst du jetzt hier würdest du mich sicher greifen, mit mir durch die Dünen in Richtung Meer laufen und mir, mit einer kleinen gemeinen Wasserschlacht, den Grübel aus dem Kopf zaubern. Du bist aber nicht hier und ich frage mich, ob Dune es wohl versteht, wenn ich mit ihr zum Wasser renne und sie nassspritze? Egal, ob sie es versteht oder nicht. Mein Bauchgefühl sagt gerade, dass Quatschzeit ist.

Dune staunt nicht schlecht, als ich wie von der Tarantel gestochen aufspringe, mich aus der Decke pelle und lossprinte. Die Hündin sprintet hinterher, überholt gekonnt und wartet am Wassersaum mit lautem Gekläffe auf ihren Menschen. Es ist einfach zu herrlich, wie sie durch das Wasser hüpft und mit Gebell und Schwanzgewedel große Freude an meinem Erscheinen bekundet. Wir rasen im Wasser auf und ab, ich werfe ihr einen Ast aufs Meer hinaus, den sie anstandslos apportiert und ich spritze sie nass, was sie immer wieder Abstand von mir nehmen lässt.

Lachen, Spaß, Freude, Bellen, Hüpfen, Tanzen, Glück.

So kann es gehen, wenn ich auf mein Bauchgefühl höre. So kann es aber nur gehen, wenn ich dieses Bauchgefühl auch verstehen kann. Herr Grübel hat für’s Erste meinen Kopf geräumt und ich genieße mit jeder Faser meines Körpers dieses Glück, an diesem Ort hier. Ich weiß nicht womit ich es verdient habe, hier sein zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass ich es mir verdient haben muss, hier sein zu dürfen. Und ich möchte alles dafür tun, dass ich auch weiterhin bleiben kann.

Von den Fußknöcheln ausgehend zieht die Nässe des Meeres langsam in meiner Jogginghose nach oben in Richtung Hosenbund. Der Wind ist zwar leicht und streichelnd, aber um Beine und Po beginnt es mich jetzt doch zu frösteln. Zu Dunes absolutem Unverständnis trete ich den Rückweg zum Turm an, der sich hinter mir in strahlendem Rot und Weiß vom Blau des Himmels abhebt. Die Hündin versucht mich noch zum Bleiben zu überreden. Laut kläffend tanzt und springt sie um mich herum. Als sie merkt, dass ihr Umstimmungstanz nicht den gewünschten Erfolg bringt lässt sie ab und läuft zurück ans Wasser. Vielleicht lässt sie ihre Wut nun an den Möwen ab? Inmitten dieser Gedankengänge höre ich von hinten ein bedrohliches Schnaufen auf mich zukommen. Bevor ich mit einem steifen Schulterblick danach Ausschau halten kann was passiert, habe ich auch schon zwei kräftige Pfoten im Kreuz auf Höhe der Schulterblätter und falle vornlings in den Sand. “Bauz”.

Den freundlichen Strandbesucher erkennt man am Sand zwischen den Zähnen und den Überraschten ebenfalls. Als ich wieder einigermaßen weiß, wo oben und wo unten ist, muss ich schallendlaut lachen. Diese Töle ist einfach einmalig. Nun bin ich nicht nur nass sondern auch noch eine lebendige Sandfigur. Vorsichtig rappele ich mich wieder auf. Den feinen Sand abzuklopfen macht wenig Sinn und so beschränke ich mich auf das Ausspucken der kleinen Dünen zwischen meinen Gebissreihen.

Dune sitzt vor mir und, ohne sie vermenschlichen zu wollen, sie sieht aus, als hätte sie ein verdammt diebischamüsiertes Grinsen um die Lefzen. Gemeinsam trotten wir zurück zum Leuchtturm. Mir fällt gerade ein, dass ich heute früh die Liste oben liegen gelassen habe. Da ich mich jetzt sowieso umziehen muss, kann ich auch gleich an ihr weiterarbeiten. Ich lache immer noch.

159 Stufen die Vierte, für heute. Na das hält sich ja schön in Grenzen mit der Lauferei. Und so lange es so mild ist, kann ich ja auch problemlos die Türe geöffnet lassen oder wenigstens angelehnt, damit dieses befellte Überfallkommando ein- und ausgehen kann. Vielleicht schon in der nächsten Woche kriege ich echt ein Problem, wo ich doch so eine Friernase bin. Bevor ich nach oben klettere, reiße ich mir erstmal meine Sandhaut vom Leib. Es muss nicht sein, dass ich meinen Turm in Klein-Sahara verwandele und auf den Holzstufen der Wendeltreppe sind Sandkörner eher kontraproduktiv. Es reicht schon voll und ganz, dass Dune ständig irgendwelchen Dreck einschleppt.

Zurück im Turm, und wieder mit frischen ungekörnten Klamotten versehen, beschließe ich, dass ich nicht den restlichen Tag drinnen verbringen werde. Draußen ist es viel zu schön und wenn ich jetzt gleich einkaufen gehe, dann bleibt Zeit genug für die Liste und die wichtigsten Planungen. Am Wochenende kann dann die Umsetzung erfolgen und dann, dann werden wir sehen, was dabei herauskommt, Frau Leuchtturmwärterin. Der Kaffee ist fertig und ich fülle wieder die Thermoskanne. Dann schnapp ich mir mein Handy, die Liste, verstaue alles im großen Weidenkorb und begebe mich hinaus in den Sonnenschein. Der Korb bleibt natürlich noch drin. Zwar kommt hier höchst selten eine Menschenseele vorbei, aber darauf ankommen lassen will ich es auch nicht. Man muss Diebesgesindel ja nicht noch einladen.

Kommen wir nun zum Fürchterlichsten des Tages: dem Einkauf. Was das Shopping-Gen betrifft hat man bei uns beiden ja irgendwas vertauscht. Ich meine, ich bin eine Frau und du bist ein Mann und ich hasse einkaufen, während du nichts lieber getan hast. Einkaufen ist stressig, es ist immer laut und quengelig, die Leute – allen voran ich – sind schlecht gelaunt und bezahlen kann man das alles heute sowieso nicht mehr. Du hingegen empfandest einen ausgiebigen Shoppingbummel als pure Entspannung. Egal ob Lebensmittelgeschäft oder Boutique, du streuntest durch die Regalreihen und sahst immer einfach nur glücklich aus. In unser beider Programmierung ist diesbezüglich ein heftiger Bug. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich nun in ein Lebensmittelverkaufsgeschäft stürzen muss, um die nächsten Tage vielleicht auch etwas anderes zu mir zu nehmen als Tütensuppen und Knäckebrot.

Was ist heute für ein Tag? Haben wir Morgen Feiertag? Oder steht schon das Wochenende vor der Tür und ich peile es nicht? Gibt es hier was umsonst? Herrje, wo kommen die ganzen Leute her? Haben die alle kein Zuhause? Ich will nicht, aber ich muss. Ich habe Hunger, keinen Einkaufszettel und der Supermarkt ist brechend voll. Na das wird ja mal wieder ein Riesenspaß.

Seit über einer Stunde wusele ich hier zwischen Butter und Genever durch die Gänge. Mein Einkaufswagen ist kurz vor dem Ausbeulen und mich dünkt, das wird eine heftige Schlepperei. Bis zum Turm brauche ich weit über eine halbe Stunde ohne Gepäck. Mit Trolli, Rucksack und den Tüten wird es sicher doppelt so lange dauern. Die Schlange an der Kasse ist auch nur zwei Kilometer lang. Sicher müssen vor mir noch drei Stornos bearbeitet werden, welche die Kassiererin natürlich nicht selbstständig tätigen kann und wenn ich an der Reihe bin, dann geht die Bon-Rolle aus und die kleine Blondine wird mindestens zehn Minuten brauchen, um diese zu wechseln. Summasummarum werde ich schätzungsweise erst in weiteren zwei bis drei Stunden zurück am Turm sein. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Kasse. 159 Schritte. Ach du Scheiße, das dicke Ende wartet im Turm auf mich. Die ganzen Einkäufe müssen ja auch noch nach oben. Hektisch und mit einem großen P für Panik in den Augen, starre ich in den Einkaufswagen. Brauche ich das alles wirklich? Gibt es das als kleine Packung? Läuft hier ein Praktikant umher, der dem Kunden König die Tüten packt und beim Tragen hilft? Meine Laune versteckt sich unter Brot und Marmelade und meine Stimmung gleicht sich der Temperatur der tiefgekühlten Scampis an.

Was habe ich gesagt? Zwei bis drei Stunden. Zweieinhalb Stunden später bin ich nun endlich zu Hause. Meine Arme sind mindestens zwanzig Zentimeter in die Länge gegangen und am Fuße der Wendeltreppe wird mir übel bei dem Gedanken, die Einkäufe nach oben zu bugsieren. Wie gut, dass mir Mütterchen beigebracht hat, dass nichts aber auch gar nichts über eine gut und zweckmäßig gepackte Einkaufstüte geht. So weiß ich in welchen zwei Taschen sich die Tiefkühlkost befindet und die wandert auch subito zu Erst nach oben. Im Rucksack befindet sich weiteres Kühlgut und damit wäre mit dem ersten Gang schon mal die erste Gefahr beseitigt. Flink wandert Verderbliches in Kühl- und Tiefkühlschrank und schon geht es wieder nach unten.

Immer noch streichelt die Sonne die Landschaft. Dieses Licht hier an der See ist so faszinierend und so einzigartig. Man mag sich gar nicht satt sehen. Mit ausgeprägter Grübelfalte auf der Stirn werfe ich einen Blick auf die sich stapelnden Einkäufe. Nein, nein, nein! Das muss noch warten. Ich kann doch nicht diesen herrlichen Tag mit Schlepperei beenden. Dune, die sich das ganze Spiel seit meiner Heimkehr bislang aus ausreichender Entfernung angeschaut hat, kommt auf mich zu und wufft mich aufmunternd an. Recht hast du! Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Also klemm ich mir den Weidenkorb unter den Arm und bummele gemeinsam mit dem freudig erregten Haustier in die Dünen. Die Entscheidung, wo ich meinen Astralkörper ablege, fällt mir wie immer sehr schwer. Schließlich und endlich entscheidet Dune, indem sie sich vor meinen Füßen ablegt und lustig mit dem Schwanz wedelt.

Kann es schöneres geben? Kann man sich wohler fühlen? Kann man sonst irgendwo glücklicher sein? Also, für mich kann ich behaupten: Nein, kann man nicht. So breite ich die Decke aus, gieße mir einen Becher noch immer dampfenden Kaffee ein und drehe mich ungelenk bäuchlings. Im Blindflug fingere ich im Weidenkorb nach meiner Liste und als würde Dune begreifen, was ich gerade tue oder möchte, steckt sie ihren Kopf in das Geflecht und schnappt sich vorsichtig das Handy. Vor mir legt sie es auf der Decke ab und ich liege hier und halte Maulaffenfeil. Dieser Hund ist so schlau! Ich fingere weiter im Korb und bekomme die Liste zu fassen.

Dein Bild; Dinkelkissen; Wärmflaschen; Wollpullover, Wollsocken, lange Unterhose, meine Kuscheldecke, Dunes Kuscheldecke; Zeichenkoffer; Erste-Hilfe-Koffer; Schreibkladde, Bleistifte; Anspitzer; Kerzen; Teelichter; Handy…

Stimmt, beim Handy bin ich hängen geblieben. Pro und Contra hab ich abgewogen und so ganz weiß ich immer noch nicht, ob ich es nun „brauche“ oder ob ich es wie Laptop und Co. auch in die Verbannung schicken möchte, was ich wahrscheinlich eh nicht tun werde, weil ich, nachdem ich beschlossen habe, dass ich nichts brauche, alles furchtbar vermissen werde. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich eine neue Nachricht habe. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Erstmal schauen, vielleicht will mein telekomischer Anbieter ja auch nur wieder irgendwelche „supergünstigen“ Downloads anbieten. Wie schön, es ist keine Werbe-SMS.

„… also, denk dran, die wellen warten auf dich, damit sie deine füße küssen und in dein glückstrahlendes, lächelndes gesicht schauen können“

Wie süß ist das denn? Ach Verena, du bist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder anders gesagt, du smst immer zur richtigen Zeit das richtige Wort. Es ist so faszinierend. Seit Monaten kenne ich dich nur über dieses kleine Display am Handy, über Email und aus unendlich langen Telefonaten. Trotzdem ist es so, als kenne ich dich, als kennst du mich.

Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in den immer noch blauen Himmel. Wieder greife ich nach dem Handy und lese Buchstabe für Buchstabe Verenas Kurzmitteilung. Wenn ich mir überlege, wie wir uns kennen gelernt haben, durch das wohl anonymste Medium der Welt. Sie hat über Monate meine Texte gelesen, sich von ihnen fesseln lassen und ich habe mich, ohne es zu wissen, mit jedem meiner Worte ein Stückchen mehr in ihr Leben geschlichen. Auf diese Art und Weise lebten wir über ein Jahr nebeneinander her, sie dort und ich im Rheinland. Sie wusste schon soviel über mich und ich hatte keine Ahnung von ihrer Existenz. Warum auch immer packte sie irgendwann der Mut und sie hat mir eine Email geschickt, in der sie mir für mein Schreiben, für die Art meines Schreibens ihre Bewunderung ausgedrückt hat. Ihr Outing als stiller Fan kam überraschend und im Laufe des letzten Jahres wuchs aus diesem Kontakt eine Art „Freundschaft“, die ich für nichts auf der Welt mehr missen möchte.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Das Handy wird nicht dem Meer übergeben. Ich kann auf vieles verzichten. Ich möchte auf vieles verzichten und mich in einem Leben üben, in dem nicht mehr alles so furchtbar selbstverständlich ist. Aber auf Verena und den Seelenfaden, der uns verbindet, mag ich auch hier nicht verzichten.

Zurück zur Liste. Dune braucht nicht hungern. Ich brauche nicht hungern. Mein Rauchutensil muss noch auf die Liste. Was passt besser in einen Leuchtturm als ein Aschenbecher, in dessen Mitte in kleiner Leuchtturm modelliert ist? Den hat mir Petra geschenkt und der kommt hier sicher richtig gut zur Geltung. Und wer weiß, wenn ich mich erst hier eingelebt habe, dann finde ich vielleicht auch die Ruhe, um mir dieses Laster endlich abzugewöhnen. Bislang heißt meine Raucherweisheit ja immer: Ich rauche nicht mehr! Aber eben leider auch nicht weniger.

Meine Kamera darf ich auf keinen Fall vergessen. Sollte es denn richtig Winter werden, lassen sich sicher bombastische Fotos machen. Ich erinnere mich an die Nordsee vor drei Jahren, da war das Watt zugefroren. Am Wassersaum türmten sich kleine zarte Eisschollen und je nachdem, wie das Licht fiel, gab es Motive, die in jeden mystischen Film gepasst hätten.

Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass mit meinem Vorhaben eine Art Schlussstrich gezogen wird? Diese Liste, all die Dinge, die ich dort addiere, das alles bekommt den Charme von Endgültigkeit. Aber es ist ja nicht endgültig. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage. Mein Mobiliar wird eingelagert. Meine Kisten verbleiben in diversen Garagen und Kellern von guten Bekannten und der Familie. Innerhalb eines Tages kann ich wieder im Rheinland sein und ich kann jederzeit zurück, wenn ich will. Will ich denn? Natürlich will ich. Ich wandere nicht aus, ich erfülle unseren Traum. Oder?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun. Mein Herz klingt so leicht und gar nicht nach Blues. Mein Bauchgefühl führt mich in ein sagenhaftes Abenteuer. Und das verspricht alles nicht nur gut zu werden. Es fühlt sich bereits jetzt sehr gut an. Da ist er wieder, der Grübel. Bin ich nicht so überzeugt, wie ich klinge? Doch. Ich bin überzeugt. Jahre haben wir von diesem Leben geträumt. Ein Leben in einem Leuchtturm. In den schillerndsten Farben haben wir es uns ausgemalt, dieses Leben unter dem Himmel, 40 Meter oder mehr über dem Meer. Jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit und ich werde ihn nicht platzen lassen wie eine Seifenblase. Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun.

Strand? Gut!

Hier bei dir

Hier bei dir am Strand

Hier bei dir am Strand geht’s mir gut

Strand? Gut!

Strandgut

Eine unserer weltberühmten Wortspielereien, die außer uns niemand verstanden hat. Frag mich nicht, wie ich jetzt und hier darauf komme. Vielleicht, weil Dune die ganze Zeit versucht eine enorm große Holzbohle aus dem Wasser zu ziehen? Ein Dickkopf wie ihr Frauchen. Sie soll sich ruhig auspowern. Vor allem aber soll sie ihre Geschäfte nicht vergessen.





Ich horche und lausche.

31 07 2009

Ich horche und lausche. Ich fühle und taste. Ich bin ganz Ohr. Ich spüre mein Herz aufgeregt schlagen. Und in meinem Bauch grummelt es so laut, dass sogar Dune mich mit Ohren auf “Halb Acht” anschaut, als wolle sie eine Erklärung für diesen Lärm. Hunger, es ist wohl einfach nur Hunger. Der Hunger nach der See, nach der Luft hier und nach der direkten Nähe zu diesem Leuchtturm, diesen Hunger werde ich wohl nie stillen können. Was das betrifft bin ich ein kleiner Nimmersatt?! Der Hunger nach fester Nahrung lässt sich ruckzuck abstellen, wenn ich hier nicht den ganzen Tag mit den Füßen im Sand buddel; wenn ich nicht permanent nach Erklärungen für diesen Satz suche; wenn ich mich hätte nur eine Stunde früher von hier trennen können. Jetzt ist alles zu. Ladenschluss. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als wieder zur Tütensuppe zu greifen.

Es ist immer noch recht warm. Es kann nicht Oktober sein. Einzig am Sand spüre ich, dass es bald Nacht wird. Obwohl er für diese Jahreszeit erstaunlich lange die Sonnenwärme speichert, wird der Sand langsam klamm und kühl. Meinem Wohlgefühl tut das keinen Abbruch. Barfuß im Sand ist besser als jede warme Socke, als jeder bequeme Latschen, als jede passende Sandale.

Meine Liste ist nach wie vor leer. Was ich heut hätt könnt besorgen, verschieb ich wiedermal auf Morgen. Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Morgen werde ich die Liste erstellen. Mein erster Winter hier im Turm. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass dieser Traum wahr wurde. Unser Traum.

Wieder lege ich den Kopf in den Nacken. In den Händen halte ich die wärmende Tasse heiße Schokolade. Vom mittlerweile nachtschwarzen Himmel lächeln mir Abermillionen Sterne freundlich zu. Draußen auf dem Meer zanken sich die Möwen lauthals um die besten Nachtplätze.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kakao nicht ausreicht und darum gehe ich ihm jetzt nach und erklimme den Turm. Ich folge dem Ruf der Tütensuppe, auf den du nie gehört hast, denn du hasst diese Instantplempe. Aber du musst sie ja auch nicht essen. Gute Nacht mein Herz.

  • Dein Bild;
  • Dinkelkissen;
  • Wärmflaschen;
  • Wollpullover;
  • Wollsocken;
  • lange Unterhose;
  • meine Kuscheldecke;
  • Dunes Kuscheldecke;
  • Zeichenkoffer;
  • Erste-Hilfe-Koffer;
  • Schreibkladde;
  • Bleistifte;
  • Anspitzer;
  • Kerzen; Teelichter;
  • Handy

.. Handy? Warum schreibe ich das Handy mit auf die Liste?

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz“.

Mein Herz sagt, ich soll das Handy dem Meer übergeben. Ich vertraue mir und bin sicher, dass ich es nicht brauchen werde. Ich will es nicht brauchen. Ich will keine Uhr mitnehmen. Ich werde das Radio im Schrank verstauen. Und dieses Zeichen der immerwährenden Erreichbarkeit will ich auch nicht. Aber kann ich in meine Mitmenschen vertrauen? Was, wenn ich nicht erreichbar bin? Das Mütterchen ist nicht mehr ganz fit. Was, wenn etwas Unvorgesehenes passiert, nicht mit mir, sondern mit anderen? Muss ich dann nicht erreichbar sein? Ich tröste mich damit, dass es vor dreißig, fünfzig oder gar hundert Jahren auch noch keine mobilen Telefone gab. Früher schickte man eine Postkutsche von Ort zu Ort. Man schrieb sich noch Snailmails und musste diesen ekelhaften Geschmack der Briefmarken den ganzen Tag auf der Zunge ertragen.

Dunes Gejammer reißt mich aus meinen Gedanken. “Boah Hund, du warst doch den ganzen Tag draußen!” Was das angeht müssen wir irgendeine Lösung finden, Dune. Wir leben hier nicht mehr im Erdgeschoss mit Direktverbindung in die Rheinauen. Du hast vier Läufe, meine Wenigkeit verfügt nur über zwei unförmige Stelzen, die mich 159 Stufen tragen müssen, und zwar runter und dann auch wieder rauf. Wir sind hier ungefähr 35 Meter von der Erdoberfläche entfernt. Also, nicht, dass ich das nicht alles vorher gewusst hätte. Aber wenn ich mir zweimal überlege, ob ich den Müll gleich oder später hinunter bringe, dann kannst du dir auch bitte vorher überlegen, ob du alle Dünen zu deiner Zufriedenheit markiert hast, oder nicht?

Während ich auf den armen Hund einrede als gäbe es kein Morgen mehr, senkt sie leicht ihr Hinterteil und lässt ihrem Harndrang freien Lauf. Na super. Würde mich schon interessieren, was du den ganzen Tag gemacht hast? Ich pelle mich aus meiner herrlich warmen Koje, streife mir die schweren grünroten Wollsocken über, die mir eine liebe Bekannte zum Einzug hier geschenkt hat, fingere im Spülbecken nach einem Lappen, greife mir die Haushaltsrolle und beginne mit dem Abstieg. Halt! Stopp! Die Mülltüte. Mütterchen sagt immer, dass man Wege sinnvoll nutzen soll. Unten angekommen öffne ich die schwere Eisentür für den Hund. So, ab raus und alle Geschäfte erledigen, die es zu erledigen gilt junge Frau. Ich mag dieses Spiel nämlich nicht wirklich.

Während Dune mit der Nase Bodenkontakt sucht und sich nach draußen in die Nacht trollt, beseitige ich das feuchte Malheur. Die nassen Tücher packe ich noch in den Beutel und verbringe den gesamten Sack in die dafür vorgesehene große Tonne nach draußen.

Es ist so wundervoll mild. Es scheint draußen viel wärmer zu sein als drinnen, vielleicht liegt es an der Höhe, dass es mir dort oben so kühl vorkommt? In regelmäßigen Abständen erleuchtet unser Turmlicht den Nachthimmel. Ich spüre wie sich Gänsehaut Pore für Pore auf mir ausbreitet. Ich friere nicht. Es ist diese wohlige Gänsehaut, Wohlfühlhaut. Ich bin fast dankbar, dass Dune ihre Blase entleert hat. Andernfalls wäre ich wohl irgendwann über meiner Liste eingeschlafen und hätte diesen tollen Moment verpasst.

Nebelgrauer Schleier
Umhüllt das Leben
Schwarzer Himmel
Schwarzes Meer
Gleißendes Licht
Erhellt denn Himmel
Bestrahlt das Meer
Rettet das Leben

Weit draußen auf der See fahren Lichter spazieren. Wahrscheinlich ein Kutter, der zur späten Stunde heimkehrt oder sich auf das Auslaufen in wenigen Stunden vorbereitet? Beinahe verliebt schaue ich an meinem Zuhause hoch. Unser Leuchtfeuer wird ihm helfen, damit er sich nicht verirrt, draußen in der schwarzen Nacht. Ein wirklich tolles Gefühl.

Schwanzwedelnd kommt Dune auf mich zu getrappst und setzt sich artig neben mich. Ihre Rute scheint argen Bewegungsdrang zu haben, klopft sie mir damit doch wunderbar regelmäßig gegen die Fußknöchel. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht, atme richtig herzergreifend tief durch und begebe mich zurück. Was freue ich mich auf den Anstieg. Bevor ich Dune wieder durch die Türe lasse, erkundige ich mich nach dem aktuellen Blasenstand. Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber sie sieht schon sehr erleichtert aus. Es steht also nicht zu befürchten, dass es zu weiteren Unterbrechungen meiner Nachtruhe kommt. Dem Hund scheint das alles zu albern. Er quetscht sich an mir vorbei und stürzt bereits nach oben. Ich wünsche mir auch vier starke Beine, gebe mich aber meinem Schicksal der Zweibeinigkeit geschlagen und klettere ihr nach.

Begrüßt vom leichten Brummen des Turmlichts, schleudere ich den Lappen in Richtung Spüle und verfehle diese nur um Sandkornbreite. Kakao ist eben kein Zielwasser. Dune liegt quer über der Koje und ihr Blick sagt mir, dass sie gerne Betten tauschen möchte.

„Nichts da! Das ist mein Schlafbereich und dort ist dein Schlummerplatz. Du liegst nicht in meinem Bereich und ich breite mich nicht auf deinem Platz aus. Ab jetzt!“

Die Hündin weiß, dass sie keine Chance hat und trollt sich. Natürlich legt sie sich nicht ohne diesen schweren mitleiderregenden Seufzschnaufer ab. Ein Lächeln macht auf meinem Gesicht breit – Dune, du bist wirklich eine oscarverdächtige Schauspielerin!

Auf meine Liste habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr. Die Frage mit dem Handy kläre ich Morgen mit mir und die Punkte, die noch auf der Liste fehlen, kann ich auch später noch ergänzen. Seeluft macht müde. Ich werfe noch einen kurzen Blick durch das große Bullauge nach draußen, zwinkere den Sternen zu und lösche sämtliche Kerzen. Gute Nacht mein Herz, gute Nacht Dune, gute Nacht Welt.
Draußen ist es immer noch finster und hätte ich einen Zeitmesser, wüsste ich wie spät es ist. Mein Blick durchs Bullauge landet in der schwarzen Nacht und fern am Horizont sieht es aus, als ob sich der neue Tag langsam heranschleicht. Vielleicht ist es um sieben Uhr herum? Müde sinkt mein Kopf wieder zurück ins Kissen. Dune schläft bombenfest. Meine Bewegungen registriert sie gar nicht. Der Traum der letzten Stunden gräbt sich aus dem Unterbewusstsein nach oben.

Ich sitze vor einer riesigen leeren Kladde und schreibe eine Art Gedicht. Die Worte machen mich zornig und trotzig zugleich. Tränen laufen mir über das Gesicht platschen in salzigen Tropfen auf das Papier. Als wollten sie meine Worte fixieren, träufeln sie sich durch die einzelnen Zeilen. Du stehst hinter mir, legst mir deine große warme Hand auf die Schulter und lächelst. Ohne Worte verstehen wir uns blind. Du weißt was ich denke. Du weißt was ich fühle. Vor allem aber weißt du, dass du mich interessierst.

Wen interessiert es schon?
Was du denkst?
Was du fühlst?
Wie du dich fühlst?
Wie schwarz deine Welt ist?
Wie grau du sie dir malst?
Deine Gedanken an Tod?
Deine Worte über Tod?
Deine Gedanken ans Leben?
Deine Worte über das Leben?
Wie verkorkst deine Tage sind?
Wie schlaflos deine Nächte sind?
Wie zerrüttet deine Seele ist?
Wie zerstört dein Leben ist?
Wie deine Vergangenheit aussah?
Was Heute mit dir geschieht?
Was dich in der Zukunft erwartet?
Die Welt braucht Fun.
Die Welt braucht Spaß.
Die Welt will lachen.
Die Welt will abschalten.
Die Welt will sich amüsieren.
Die Welt will nicht wissen,
Wie du denkst, fühlst, bist.
Wen interessiert das schon?

MICH!

Der Traum ist zu Ende. Langsam verschwindet er wieder im Unterbewusstsein. Das Gefühl, deine Hand auf meiner Schulter zu spüren, bleibt. Ich brauche mich nicht lange überreden. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, bevor ich diesen neuen Tag beginne. Noch ein paar Minuten, in denen ich dieses Gefühl deiner Hand auf meiner Schulter genieße.

Ich will nicht wissen, wie sich die Welt gerade fühlt, was sie denkt oder wie sie ist. Ich möchte einfach nur genießen, und zwar dich. Wohlfühlschlummer.

Die besten Stunden für den Schlaf sind die vor Mitternacht, pflegt mein Mütterchen immer zu sagen. Der wohligste Schlaf verbarg sich jedoch in den Stunden zwischen dem Vorhin und dem Jetzt. Oder waren es nur ein paar Minuten? Draußen verzieht sich in transparenten Schleiern der Morgennebel. Die Sonne steht in prächtigem OrangeGelbRot am Horizont und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon mächtig in der Nase. Am Strand herrscht reges Treiben. Möwen laufen Patrouille auf der Suche nach Krabben und Krebsen. Am Wassersaum liegt eine kleine Robbenfamilie die sich vom Frühstücksfang erholt und von den ersten Sonnenstrahlen das Fell streicheln lässt. Dune schläft immer noch. Das ist auch gut so. So kann ich mich in aller Ruhe sortieren und die Tiere draußen haben noch ein paar Minuten, um den Tag friedlich zu beginnen. Ist der Hund erst losgelassen, war es das nämlich mit der idyllischen Strandruhe.

Ungesund wie jeden Tag ist mein Frühstück. Kaffee und Kippen, das in ausreichender Menge fördert bei mir die Verdauung und gute Laune. Ist beides nur in unzureichender Menge genießbar, dann brauche ich so einen Aufkleber mit schwarzem dicken Rand „Ansprache kann tödlich sein“. Ich bin ein grausliger Morgenmuffel, und wenn dann noch diese beiden für mich wichtigen Tagesstartutensilien wegfallen, dann möchte ich mir bitte nicht selbst über den Weg laufen. Schon für mein Spiegelbild wäre ein solches Treffen verheerend.

Klappert das Geschirr, wird der Hund wach. Und noch bevor sich Dune komplett von ihrem Schlafplatz erhoben hat, mache ich mich vorsorglich auf den Weg zur Tür. 159 Stufen zum Ersten. Was man nicht alles tut. Ich muss grinsen, denke ich doch gerade an diese Sitcom mit Tom Gerhards als Hausmeister Krause: „Alles für den Dackel, alles für den Club!“ Meine Selbsterheiterung findet ein jähes Ende, als sich Dune an mir vorbeidrückt und unrechtmäßig auf der Wendeltreppe rechts überholt. Verschreckt greife ich nach dem Geländer, das an dieser Stelle schon kein festes Gestell mehr ist, sondern lediglich aus drei parallel verlaufenden Trossen besteht. Wie das mit Seilen so ist, sie geben nach, und ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht in diesem Augenblick abgelichtet werde. Das wäre ein geniales Bewerbungsfoto für den Ugly-Face-Award-2006 geworden. Erstaunlicher Weise gelingt es mir ganz gut, mich festzuhalten und gleichzeitig die letzten Stufen in halbwegs vernünftigen Schritten hinter mich zu bringen. Dramatisch wedelnd wartet vor der Tür schon Dune, die den Eindruck vermittelt, als würde sie schon die Hinterbeine zusammenkneifen um nicht wieder den Leuchtturm zu fluten. In der Tat. Kaum vor der Türe setzt sich Madame Dune und öffnet ihr internes C-Rohr. WoW, was für ein Blasendruck am frühen Morgen.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.