Zurück im Turm

21 10 2009

Zurück im Turm werden wir von einer schwanzwedelnden Dune und einer maunzenden Fee auf dem oberen Treppenabsatz begrüßt. Lange werde ich die Hündin sicher nicht mehr oben halten können, auch wenn ich gerne sehen würde, dass sie ihren Vorderlauf noch ein wenig schont. Kaum gedacht, humpelt sie uns auch schon die ersten Stufen entgegen und ich gebe richtig Gas, damit ich sie möglichst früh und noch weit oben abfangen kann. Einsam und verlassen, pennt im Korb unter dem Wollpulli Kleine Düne den gerechten Schlaf der sich im Wachstum befindlichen Hundebabies. Ausnahmsweise ist ihm das Entschwinden seiner Mama nicht aufgefallen.

Oben angekommen, mache ich uns eine heiße Schokolade, die wir jetzt auch beide gut gebrauchen können. Ich frage dich, ob du mit Schuss magst und du sagt  “Ja klar!”, was mich darauf schließen lässt, dass du mich gleich nach meiner Couch befragen wirst. Leider muss die Tote Tante auf ihr Häubchen verzichten, da ich keine Sahne mehr im Turm hab. Ich muss dringend wieder einkaufen. Max fragt mich zwischen Kakaoerhitzung und der Suche nach Rum, was von seiner Idee halte, mit ihm Weihnachten zu verbringen?

„Ich habe gerade beschlossen, nicht nach Hause zu fliegen, also ins Rheinland, wegen Dune, Kleine Düne und Fee. Offiziell. Natürlich kommt mir diese Ausrede sehr recht, weil ich keine Lust auf dieses Weihnachtsgesülze habe. Mein Mütterchen wird traurig sein, aber sie wird’s verstehen, so oder so. Die anderen werden wahnsinnig rummuffeln, weil das doch der Fest der Liebe und ein Familiefest und blablabla. Aber da müssen sie eben durch. Auf Einzelschicksale kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, verstehst du Max? Ich möchte hier sein, hier im Turm, bei den 11 Pfoten, am Strand, am Wasser, bei ihm, ja und auch bei dir. Und wenn du, wie du sagst, keine gefüllte Gans mit Rotkohl und Klößen erwartest, sondern wie wir hier mit Bockwurst und Kartoffelsalat glücklich sein kannst, dann fühl dich bitte ganz, ganz herzlich eingeladen.“ Max strahlt über das ganze Gesicht und amüsiert sich köstlich über „rummuffeln“ und meine hektischen Flecken im Gesicht. Die bekomme ich immer, wenn ich aufgeregt bin oder von etwas hektisch erzähle, weil ich das mit dem Spannungsbogen nie so hinbekomme und doch schnell zum Ende kommen mag, aber es auch nicht einfach so auf den Tisch rotzen will.

„Also wenn du mich ollen Schäufelchenschieber und Eimerchenheber wirklich dabei haben magst. Ich komme sehr, sehr gerne!“

„Habe ich dir schon gedankt Max?“

„Lass mich überlegen, Kleines. Für die Sache mit Dune ja. Für meine Unterstützung, ja. Dafür, das ich für dich da bin, ja. Dafür, dass ich auch Kleine Düne gerettet hab, was ich ja gar nicht hab, sondern Jacques, dafür auch. Für den tollen Strandspaziergang, ja. Wofür noch?“

„Menno, du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf. So wie…, egal. Danke, für dein Vertrauen, dafür wollte ich dir danken.

Strahlend – Schön – Stark

Schön Strahlend

Strahlend Stark

Stark Strahlend

Strahlend Schön

Schön Stark

Strahlend Schöne Stärke

Danke, dass du mir das hast heute zuteil werden lassen

„Ach, du findest mich also schön!“, antwortet Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens grinsend und mit einem sehr schnippischen Ausdruck in der Stimme.“

„Ich finde dich stark!“

„Einigen wir uns auf schön stark?“

Wir lachen beide.

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, und sich der Sandmann die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hat, wird er wieder sehr nachdenklich.

„Für wen hast du dir das ausgedacht?“

„Ich zeige nach oben und antworte mit einem kurzen „für ihn“.

Max verfolgt meinen Zeigefinger und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann schaut er mich wieder mit ernster Mine an und hakt nach: „Für ihn oder für ihn?“

„Such’ dir es aus, es passt auf euch alle Drei.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

„Ja klar, du weißt doch, du darfst alles fragen.“

„Hast du ihm vieler solcher Sachen geschrieben, gedichtet oder zugedacht? Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll.“

„Eine ganze Kiste voll. Aber viel wichtiger ist: ein ganzes Herz voll. Und das konnte ihm und kann mir auch niemand nehmen.“

Ich weiß nicht, ob es die Nachwirkungen von meinem „Gedicht“ und meiner Danksagung sind, oder ob ihn unser kurzes Gespräch so grüblerisch macht. Max packt seine sieben Sachen und bläst zum Aufbruch. „Du willst jetzt noch fahren? Du hast getrunken! Du weißt, dass du hier immer eine Schlafstätte hast?“

„Kein Problem, ich hab’s doch nicht weit!“

„Naja, nicht weit ist da wohl Definitionssache oder liegt in diesem Fall im von der Toten Tante getrübten Auge des Betrachters.“

„Sorge dich nicht Kleines. Mir passiert nichts. RazzFazz bin ich im Bett. Und Morgen schau ich wieder vorbei und dann gehen wir noch mal ne Runde, vielleicht ja mit Dune?“

Mein alter Meister der Sandskulpturen macht einen sehr aufgeräumten Eindruck und scheint genau zu wissen, was er will, beziehungsweise was er sich zumuten kann. Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu geschafft, um da jetzt so ganz genau nach zu bohren. Obwohl dieses Gefühl da ist, dass ich es besser tun sollte.

„Du gehst noch raus?“

„Jepp, kurz um den Block.“

„Ist alles okay mit dir?“

„Ja Kleines, mach dir keine Sorgen, ich brauch nur ein bisschen Luft rein und Welt raus.“

„Hmm, bist du sicher? Magst du, dass ich mitkomme?“

„Nee, lass mal. Du weißt, dass ich dich nicht dabei haben möchte und mich meiner bösen Welt alleine stellen muss. Ich bin doch schon groß! Mir passiert nichts und du wirst sehen, ich bin schneller zurück als du einschlafen kannst und dann RazzFazz bei dir im Bett. Und morgen Früh, morgen Früh gehen wir beide fett Brunchen. Einverstanden?“

Dieses Gefühl macht mir eine eigenartige Gänsehaut. Eigentlich könnte ich sie schon meine zweite Haut nennen, so oft, wie sie sich mir überstülpt. Das ist wieder so eine Szene, wo ich versuche Eins und Eins zusammen zu zählen und Drei herausbekomme. Aber wieso kommt bei mir immer Drei heraus, wo jede Logik doch beweist, das Ergebnis ist Zwei? Ich erinnere mich an meine Gedanken der Reinkarnation und in den letzten Tagen häufen sich diese Überlegungen. Es kann nicht sein. Max ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und soviel älter als du. Wer immer dafür verantwortlich ist, schickt nicht einen alten, weisen Mann anstelle eines jungen, weisen Junkies. Mein Bruder würde mir jetzt an Hand des Buddhismus erklären, wie das ist, mit dem Karma und so. Er hat’s mir schon tausendmal erklärt. Ich krieg es trotzdem nicht überein. Ich falle von einem Déjà-Vu ins nächste und erlebe Vergangenes mit dir ein zweites Mal, im Jetzt, im Hier. Vielleicht doch gespaltene Persönlichkeit? Oder schizophren? Oder einfach nicht mehr ganz auf der Höhe? Vielleicht Realitätsverlust durch zu hohes Maß an Strandluft?

Meine Gedanken lassen sich nicht zu Ende denken. Erstens befinden sie sich in einer Endlosschleife und zweitens steht Max derweil fertig angezogen vor mir und wünscht sich zu verabschieden. „MannoMann, du wirfst ganz schöne Schatten Großer!“

„Tja Kleines, das passiert, wenn man schön stark ist!“

Wir müssen wieder beide lachen, was Dune weckt, die sich artig von ihrem Freund verabschieden kommt.

„Ach Süße, ich wäre doch zu dir an den Korb gekommen. Ich muss mich doch auch noch von deinem Zwerg und der hübschen Fee verabschieden.“, flüstert er und tätschelt Dune vorsichtig den Kopf. Dann geht er zum Korb, gibt den ultimativen Abschiedsstreichler an die beiden pennenden Babies und kommt zu mir zurück. Gerade als ich mich auf die erste Stufe der Treppe begeben will, hebt er mich in die Höhe, drückt mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Schön, dass es dich gibt. Ich freu mich auf Morgen, Kleines. Danke für alles! Ich find den Weg schon raus.“

Als Max im unteren Drittel der Treppe ist, rufe ich ihm noch nach, was denn nun mit der Überraschung sei. Er lacht. Er lacht auf seine unverwechselbare laute Art und Weise, beschimpft mich im Scherz als neugierigste Leuchtturmwärterin der Welt und geht. Noch bevor ich irgendetwas sagen kann, ist der Herr zur Tür hinaus, setzt sich in seinen ollen R4 und macht sich vom Acker, oder besser gesagt vom Strand.

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin zu großen Teilen gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Bettdecke hinweg in ein dunkles Braun blickte. Jeder Versuch mich mit einzelnen Körperteilen zu bewegen, sei’s Arme oder Beine, schlägt fehl und selbst die rechte Schulter mag mir einfach nicht mehr gehorchen. Ganz vorsichtig versuche ich meinen Kopf zu heben und bemerke dabei, dass Fee auf meiner Schulter liegt. Kein Schwergewicht, aber sie muss schon eine Ewigkeit hier liegen, sagt mir mein Knochengerüst. Der Länge nach auf mir liegt Dune. Als sie bemerkt, dass ich von den Toten auferstanden bin, geht ihre Rute und klopft freudig die Bettdecke aus. Kleine Düne hat sie mir genau auf die Brust gelegt. So konnte ihr Kind an ihrem Kopf und am Busen der Natur kuscheln und schlummern. Es freut mich ja über alle Maßen, dass Dune mir so sehr vertraut und meine Nähe nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Fellnasen sucht, aber muss das unbedingt zur nachtschlafenden Zeit in meiner Koje sein? Ist denn der Korb nicht groß und kuschelig genug? Wohl nicht. Hallo Schwester!!! Katheter bitte!!! Ich muss mal!

Dune bemerkt meine wachsende Unruhe und schafft als Erstes den Nachwuchs ins sichere Korbgeflecht. Na endlich, ich dachte schon, Max müsse über das Fenster einsteigen, weil ich ihm nicht öffnen darf. Der Zustand der Belagerung hat ein Ende und ich brauche ein paar Minuten länger, um meine einzelnen Knochen, und ich schwöre, heute spüre ich selbst die Klitzekleinsten, zu sortieren. Fee, ebenfalls durch das Geschunkel und Geruckel geweckt, maunzt mir volle Lotte ins Ohr, um sich dann, knapp hinter mir auf dem Kopfkissen wieder zum Schlaf der kleinen Tigerchen zusammen zu rollen. Eigentlich sollte ich das auch tun. Ich bin glücklich. Alle meine Haustiere sind wieder da. Sie fühlen sich wohl. Sie erholen sich prächtig. Und nach dem Stress der letzten Tage, könnte ich ruhig auch mal ausschlafen. Wenn ich nicht schon wach und knochentechnisch sortiert wäre. Also junge Frau, carpe diem, nachdem das mit der Noctem schon nicht geklappt hat. Außerdem magst du Max sicher nicht in Unterhose und Schlabbershirt die Türe öffnen.

Der Tag ist schon da, steht in voller Pracht rund um den Leuchtturm und versucht mich neugierig zu machen auf die Welt. Vorsichtig öffne ich das turmeigene Bullauge und werde fühlbar überrascht. Ganz schön mild, trotz Wind, der behäbig von der See zu uns hinüber weht. So kommt nach dem ganzen Regen mal wieder ein bisschen Frischluft unter das Leuchtfeuer und mit einem undefinierbaren Gesumme, beginne ich den Tag. Raubtierfütterung, Eigenwellness, Kaffee, Kippe, alles was frau so braucht. Hier was gekruscht, dort was geräumt, an jener Stelle ein bisschen gewischt und an allen Ecken immer mal wieder ein vorbeihuschendes Fell gekrault. Dune verfolgt jeden meiner Schritte und schaut sehnsüchtig zur Treppe. Ich versuche sie auf später zu vertrösten, und während ich mir zwischendurch meine Durchhalteparolen abkaufe, sieht sie nicht wirklich überzeugt aus.

„Hallo Verenaschatz. Werde Weihnachten hier im Turm bleiben, mit Max und dem lieben Vieh. Unseren SMS ist es ja egal in welche Teile der Welt sie verschickt werden. Muss nur noch daheim beichten. Hab gedacht fange bei dir an, weil ich weiß du verstehst mich. HDGDL die, die im Leuchtturm wohnt.“

294 Zeichen – wahrscheinlich bimmelt der Kurzmitteilungsquengelton sie gerade bei der Arbeit an – und das nicht nur einmal. Aber sie wird sich freuen. Über die SMS und für mich.

„Nein Mama, mir geht’s wirklich gut. Ja Mütterchen, ich hab auch alles. Und was gibt’s Neu… Nein?! Sag bloß. Das ist ja mal ne gute Nachricht. Hmm, hmm, hmmm, ja. Nee, nich’ wirklich. Was ich dir noch sagen woll… Ja?? Nein, das ist ja süß. Uih, bestell ihr mal ganz liebe Grüße von mir. Du Mama, wegen Weihnachten. Ach, du bist bei Westermanns. Heilig Abend. Hmm, ja das ist doch schön. Ich? Nee, das versuche ich dir ja die ganze Zeit… Ja genau, wegen dem Welpen und wegen Fee. Nein, kann ich nicht. Möchte ich auch nicht. Ja machen wir. Ich meld mich einfach vorher noch mal. Jepp. Ja mach ich. Oki. Du ich dich auch. Ganz doll. Kussi.“

Typisch Mütterchen. Aber sie scheint auch nicht wirklich mit meinem Erscheinen gerechnet zu haben. War ja schon mal einfacher als gedacht.

„Hallo Bruderbär, na alles im Lack? Jepp, jetzt ist alles wieder gut. Dune war weg, hatte nen Unfall. Nee, alles okay. Sie ist noch ein bisschen wackelig auf den Pfoten aber sonst alles im grünen Bereich. Ob ich Weihnachten komme? Weißt du, ich dachte eigentlich… Achso, mit dem Frauchen in die Sonne. Ja dann passt das doch. Quatsch, aus dem Alter sind wir doch wohl beide raus. Nein, ach du bist doch doof. Ich bin eh viel lieber hier. Und wenn ihr sowieso nicht da seid, brauch ich mir auch keinen Kopf machen. Ja hätte doch sein können, dass ihr nach einem weiteren Jahr eurer Zweisamkeit, die Liebe fürs Fest wiederentdeckt. Genau, die ganze Sippe um einen Tisch und nach dem feisten Essen den Messerblock fürs Verwandtschaftsschlachten umgehen lassen. Hööör auf jetzt, ich mach mir gleich in die Hosen vor Lachen. Jepp. Ich hab dich auch lieb. Und deine Süße natürlich auch. Gibst ihr nen dicken Kuss von mir? Aber Karte schreiben ist klar, oder? Jo mach ich. Einen extra dicken Knochen. Und Fee kriegt ne ganze Tüte Maltkisses von euch. Gut. Hmm. Jepp. Du auch Bruderherz. Fühl dich gedrückt. Hab dich lieieie-hieb!“

Na super, stell dir vor, du möchtest zum Fest nicht nach Hause, und jedem ist es Recht. Einfacher kann’s wirklich nicht laufen.

Und der Rest kriegt Weihnachtspost von mir. Ein bisschen früher. Früh genug für mich zum Absagen und zu spät für die Anderen, um was daran ändern zu können. Guter Plan, Frau Leuchtturmwärterin. Guter Plan.

Tagesglück

Neuer Tag, neues Glück?

täglich,

glücklich?

Einfach ein neuer Tag,

einfach neue Hoffnung

auf einfach ein bisschen Glück.

Und bis jetzt, ist das Glück mir hold.





Es ist gar nicht so einfach,

19 08 2009

Es ist gar nicht so einfach, für so einen Winzling einen Namen zu finden. Sofort fällt mir Fortuna ein, aber dieses Kätzchen ist so klein, da passt was ganz kurzes sicher viel besser. Während ich mir weiter einen Kopf über einen kurzen und knackigen Namen mache, schätze ich die kleine Fee – Fee – das ist es, ich nenne sie Fee – schätze ich Fee auf sechs, höchstens sieben Wochen alt. Der Schwanz ist einmal gebrochen. Ich werde es nicht schienen, sondern so heilen lassen. Eine Schiene würde Fee sicher total rammdösig machen. Bleibt noch, neben dem miserablen Allgemeinzustand die Pfote, beziehungsweise die Stelle, wo sie eigentlich eine Pfote haben sollte. Dune hat ganze Arbeit geleistet und das Bein komplett vom Dreck des Meeres befreit. Bei Wohnlicht betrachtet und mit wesentlich mehr Ruhe als vorhin, stelle ich fest, dass die Entzündung gar nicht der Rede wert ist. Das Tätzchen muss bereits wenige Tage nach der Geburt abgetrennt worden sein, so gut wie das schon verheilt ist. Vielleicht war es ja auch wirklich nur ein Unfall. Die Entzündung bekomme ich mit einem kleinen Verband und Jod sicher in den Griff. Unfall her, Unfall hin, wer bitte setzt so ein süßes Geschöpf aus? Es ist wirklich zum Heulen. So klein und schon soviel Leid. Sollte Fee es wirklich schaffen, was ich hoffe, und wonach es eigentlich auch im Augenblick aussieht, dann bin ich sehr gespannt, wie sie sich entwickelt. Welche Katzendame kann schon von sich behaupten, in der wichtigen Prägephase gequält worden zu sein, ein Teil dieser Zeit in einem Pizzakasten auf dem offenen Meer zugebracht zu haben und weiterführend von einer Podencodame erzogen worden zu sein? Entweder wird sie die selbstbewussteste Katze, die dieser Küstenstrich je zu sehen bekommen hat, oder es bekommt sie niemand zu sehen, weil sie sich für ein Leben als Einsiedlerkätzin im Leuchtturm entscheidet. Morgen muss ich dringend einkaufen. Ein Katzenklo bekomme ich im Moment zur Not noch gebastelt, genug Sand liegt ja hier herum. Aber Katzenfutter oder besser noch Milch sollte schnellstens her. Im Augenblick scheint sie mir mit dem Wasser an einer Spur Vollmilch recht glücklich zu sein, aber das Gelbe vom Ei ist das nicht, vor allem würde ein Durchfall sie jetzt noch zusätzlich schwächen.

Nachdem die erste Grundversorgung stattgefunden und Fee sich sogar beruhigt hat, lege ich sie behutsam zurück in Dunes Obhut. Über alle Aufregung habe ich gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Oder ist sie nicht vergangen, und die Auswirkungen des Sturms gaukeln das nur vor? Ein Blick auf die Mikrowelle zeigt mir, dass es schon Nachmittag ist. So habe ich den Mittag bis jetzt mit der Aktion “Rettet Fee” verbracht. Draußen geht indes richtig die Post ab. Das Meer rutscht immer näher heran und ich könnte den Eindruck gewinnen, es will am Fuß des Turms Schutz suchen vor dem Wind. Ein einsamer Kutter wankt und torkelt über die Wasseroberfläche. Wie eine Nussschale, die man unter den Duschkopf legt und bespült. Ich bin gerade ganz froh, dass ich nicht auf Fischfang bin. Ich würde ordentlich die Meerestiere füttern. Ich entscheide mich für ein Nachmittagsschläfchen und lege mich für ein Stündchen oder zwei in die Koje. Rauhe Seeluft und soviel Aufregung macht noch müder. Dune nimmt vorsichtig Fee in ihr Maul und legt sie mir auf die Matratze. Danach kommt sie mit hinzu und nun teilen wir uns das Bett mehr oder weniger gerecht.

In Abständen von ungefähr zwei Stunden bekommt Fee einen Schluck zu essen, zu fressen, zu trinken? Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sagen wir doch einfach zu schlabbern. Oberschwester Dune passt ganz genau auf, damit dem armen Hascherl auch bloß nichts passiert, und wenn ich sie nicht in einem Tuch um der Brust trage, dann wird sie sanft von meiner Hündin ins Maul genommen und von A nach B transportiert. Wenn Fee den restlichen Tag übersteht und die Nacht dazu, bin ich ab Morgen hochgradig optimistisch und feiere mit den beiden Ladies ein kleines Fest.

Ich wünsche mir, Max wäre hier. Nicht, dass ich der Überzeugung bin, dass er mir helfen könnte. Alleine seine Anwesenheit würde mich extrem beruhigen. Auf der anderen Seite, hätte ich das Gefühl über das Profil reden zu müssen, und ob ich das nach all der Aufregung wirklich möchte weiß ich nicht.

Draußen ist es schon stockduster und das am Nachmittag. Der Wind schmeißt den Regen literweise an die Turmfenster und ich bin einmal mehr stolz, dass du so ein verdammt guter Handwerker warst. Nicht der kleinste Durchzug und es regnet nirgendwo hinein. Das Leuchtfeuer leistet ganze Arbeit und gibt sich redlich Mühe einen guten Job zu machen. Natürlich wünscht sich jeder Mensch eitlen Sonnenschein. Ich hingegen finde, bis auf ein oder zwei Kleinigkeiten, dass es hier an diesem Ort gar kein wirklich schlechtes Wetter geben kann. Jede Saison, jedes Wetter hat seine ganz eigene Faszination und solange der Turm nicht zu wackeln anfängt oder undicht wird, kann ich dem Allen auch immer etwas Schönes abgewinnen.

Die drei Damen vom Turm liegen immer mal wieder in der Koje. In der Zwischenzeit haben wir die Position leicht getauscht und ich habe mich an den äußeren Rand gelegt, damit ich auch mal aufstehen kann, um unsere kleine Prinzessin Fee zu versorgen. Ich habe ein Heft angelegt, in dem ich alles Wichtige und Notwendige notiere. Wann das Baby was zu schlabbern bekommt, wie sie sich verhält, wann sie eher maunzt oder lieber schreit. Unseren ganzen Stolz habe ich rot eingekreist. In einer Doku habe ich einmal gesehen, dass man Katzenbabies, die nicht bei der Mutter aufwachsen, den Bauch massieren muss, damit sie koten können. Im normalen Leben erledigt das die Mamakatze mit ihrem Lecken – für mich ist die Vorstellung Fee am Bauch rumzulutschen nicht sehr erquicklich und inwiefern Dune auch Bauchmassagen in ihrer Therapie vorgesehen hat, konnte ich noch nicht richtig beobachten. Nach der zweiten Schlabberrunde habe ich also Fees Bäuchlein ganz vorsichtig mit zwei Fingern massiert und siehe da, sie wurstete. Eine ganz kleine wurstige Pille kam mühsam durch den Verdauungstrakt, unter der am Schwanz dafür vorgesehenen Stelle, hervor und ich bin stolz wie es keine andere Mama sein kann. Ich erinnere mich an den Tanz, den Mütterchen aufführte, als wir Kinder erfolgreich aufs Töpfchen gingen und frage mich, ob es nicht vielleicht doch von Vorteil ist, dass ich mit zwei Tieren hier lebe, die zwar auf ihre Art und Weise reden, aber keine Interviews geben können.

Bei all dem Theater um Fee habe ich ganz vergessen, dass auch meine Hündin solche Bedürfnisse haben müsste und versuche sie dazu zu bewegen, doch mal eine Runde um den Turm zu gehen. Mit ihren großen bernsteinfarbenen Augen schaut sie mich an, quetscht sich an den Türholm und schaut in die schwarzen Wolken. Jetzt fehlt nur noch, dass sie die Hinterbeine zusammenquetscht. In einem Affentempo wetzt sie zur nächsten Düne, legt dort etwas ab und kommt zurückgeprescht. Erledigt Frauchen, können wir uns jetzt wieder bitte um Fee kümmern? Ich muss richtig lachen. Womit habe ich nur solch ein schlaues Haustier verdient?

Geentert. Die Leuchtturmwärterin stellt fest, sie lebt mit zwei Piratenbräuten unter einem Dach. Während Fee sich einfach nur erholt und offensichtlich minütlich an Kraft gewinnt, fühlt sich meine gute Dune so richtig stark. Durfte sie bisher nur auf Erlaubnis in die Koje, fühlt sie sich seit heute gerade dazu verpflichtet sich dort als sicherer Wall für ein Häufchen Katze einzukringeln. Ich weiß, ich werde es bis an mein Ende hier im Turm bereuen, dass ich ihr diese Freiheit zugestehe, aber die beiden sehen einfach zu niedlich aus. Und wenn alle Stricke reißen, verfüge ich in meiner schnuckeligen Behausung ja auch noch über eine schnuckelige Schlafcouch. Die wird mir meine Knochen vollends ruinieren, aber was tut man nicht alles für das liebe Vieh.

Mein Leben in zwei Extremen muss für die Nachwelt festgehalten werden. Ich weiß noch nicht was genau ich meine, wenn ich von Nachwelt spreche, aber das ist jetzt erst einmal zweitrangig. So packe ich meine Kamera und verfalle in uralte Muster, hunderte Bilder schießen, nicht lange an Motiven herumüberlegen und auf das perfekte Bild warten, sondern einfach draufhalten, abdrücken, aus dem Bauch heraus schnappschießen. Als erstes wird von oben, von hinten, von unten, von rechts und von links das schlummernde Stilleben in der Koje auf der XD-Card festgehalten. Dune ist alles andere begeistert, weil sich ständig der Blitz zu schaltet. Von Fee gelingen mir ein paar wirklich wunderschöne Schwarz-Weiß-Aufnahmen und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie sie sich auf dem Bildschirm machen.

Die Sonne geht unter. Auch wenn sie eigentlich den ganzen Tag gar nicht richtig zu sehen, sondern nur zu erahnen war, zeigen sich jetzt ein paar wunderbunte Strahlen am Horizont, die ich selbstverständlich auch im Bild festhalte. Bei diesen Bildern weiß ich, dass sie die Realitäten nie wieder geben können. So wenig, wie man diese Augenblicke in Worte fassen kann, lassen sie sich auf 11 x 15 oder in Plakatgröße wiedergeben. Im Anschluss an die FarbFotografie wähle ich auch hier den Schwarz-Weiß-Modus und das Ergebnis, das sich auf dem Display zeigt, gibt mir Stoff zum Spinnen.

Vielleicht sollte ich einmal überlegen, ob ich mich nicht auf Schwarz-Weiß-Fotografie spezialisieren soll – zumindest was solche Motive wie Wetter, Himmel & Meer, Strand und Horizont etc. betrifft. Ich muss Max das nächste Mal fragen, ob er eine Chance sieht, diese Bilder dann auszustellen und zum Kauf anzubieten. Ein kleines Zubrot tut der Haushaltskasse ganz sicher wohl, vor allem, wo wir doch jetzt ein Fresserchen mehr zu versorgen haben.

Es wird kalt, und ich meine richtig kalt. Gerade hat mir Verena per SMS eine Sternschnuppe geschickt und mir gesagt, ich dürfe mir was wünschen. Wenn sie wüsste, dass ich vor lauter Schmunzeln das Wünschen vergessen habe, wäre sie sicher mordstraurig. Aber wenn man hier den Himmel anschaut, grauschwarz, mit dicken Wolken, die über den Himmel eilen, als wären sie auf der Flucht, denkt man an alles, nur nicht an Sternenhimmel und -schnuppen. Ganz langsam steigt die Kälte in meiner Kleidung hoch, buddelt sich in Knopflöcher und schiebt sich in die Gummistiefel. Es ist Zeit rein zu gehen und außerdem möchte ich Fee noch nicht so lange alleine lassen. Zwar weiß ich sie bei Dune in aller besten Pfoten, aber ich möchte ihr auch das Gefühl geben, dass sie nun ein richtiges, wasserdichtes Zuhause hat, dass sie sich sicher fühlen kann, dass auch ich auf sie aufpasse und ihr kleines Leben mit dem Meinen verteidigen werde.

Und Morgen? Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Für Fee wird nicht nur der Tag, sondern alles ganz neu werden und ich freue mich schon richtig darauf, mit ihr durch ihr neues Leben zu kuscheln. Natürlich nicht nur mit ihr, auch mit Dune. Und Dune mit ihr. Und wir mit uns. Und…

Ach du! Wenn du von da oben irgendwas ausrichten kannst, dann mach es der kleinen Fee bitte möglich, so wie damals mir auch. Sie hat es wirklich verdient.

Dune bellt und bellt und bellt. Sie bellt den ganzen Turm zusammen. Ich träume. Für einen Traum ist das Gebell aber sehr laut und klingt realistisch bedrohlich. Fee?! Feeeee schreie ich im Aufschrecken und ignoriere dabei die verschobenen Lendenwirbel 1 bis 5, welche die Nacht auf der Schlafcouch nicht wirklich gut weggesteckt haben. Hektisch schaue ich in die Koje. Leer. Ich schaue auf den Sessel. Leerer. Ich höre ein leises „Miaunz“ und bekomme eine gigantische Gänsehaut der Erleichterung. Das kleine Fellbündel liegt ganz eng zusammengerollt auf meinem Kissen und blinzelt mich aus vollkommen verschlafenen Augen an. In einem Zustand zwischen Himmelhochjauchzend ob dieses Anblickes und so was von vollkommen genervt, wegen dieses ohrenbetäubenden Gekläffs, erhebe ich mich im Zeitlupentempo von meiner Schlafstätte.

Frau Hund steht unten vor der Tür, springt sie wie eine Besessene an und lässt keinen ihrer Sprünge unkommentiert. „Um die Kastration bist du bis jetzt rumgekommen – Wenn du nicht auf der Stelle die Klappe hältst, lass ich dir gleich beim Arzt die Stimmbänder zerschneiden. Tierliebe hin – Tierliebe her, ein bisschen Menschenliebe würde dir gerade nicht schlecht zu Gesicht stehen“, poltere ich während meiner hinkenden Wendeltreppenbewältigung. „Hallo??? Hallooooo! Keiner zu Hause? Der Brötchenservice ist da!“

Max, es ist Max und so sehr wie ich ihn mir gestern auch herbeigesehnt habe, so sehr verfluche ich ihn und seine mangelnde Bereitschaft sein Handy zu nutzen. Kann der sich nicht anmelden?

Ich öffne die Türe und Dune schiebt sich mit aller Gewalt heraus, was mir eine zusätzliche Beule einbringt. Stahltür an Kopf, Stahltür an Kopf – AUFWACHEN! Meine Laune ist endgültig im nicht vorhandenen Keller und ich drehe mich auf den Fersen um und schleiche mich wieder. Sollen die sich doch gegenseitig kaputt begrüßen.

Wieder oben angekommen prüfe ich kurz, ob es Fee noch immer gut geht, schmeiße den Wasserkocher an und verziehe mich unter die Dusche. Die Schimpfwörter die mir entgleiten sind so gar nichts für Katzenbabies und darum fluche ich unter dem Duschstrahl, in der Hoffnung, die Erziehung des neuen Mitbewohners nicht zu verkorksen. So ein Terror vor der ersten Kippe und vor dem ersten Kaffee. Das hätte sich vor ein paar Monaten mal jemand erlauben sollen, den hätte ich unangespitzt in die Düne gerammt. Mit zunehmender Duschdauer steigert sich mein Wohlbefinden und ich verlasse als innerlich geglättete und äußerlich verschrumpelte Leuchtturmwärterin das Bad.

Zurück in der Stube, treibt es mir die Tränen in die Augen. Ebenso flink, wie Max vor nicht all zu langer Zeit aufgeräumt hat, hat er nun den Tisch gedeckt, das Frühstück bereitet, mir einen wunderschönen orange-roten Strauß Gerberas in den Eimer gestellt und sitzt nun vor unseren dampfenden Kaffeetassen, mit Fee auf dem Schoß.





Kaum zu glauben

5 08 2009

Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist es schon richtig finster und mich fröstelt es. Unten sitzt Dune zwischen Tür und Angel, schaut abwechselnd zu mir hoch und an den Strand und scheint ein wenig überfordert von dem, was sich hier gerade abgespielt hat. Sie wirkt leicht paralysiert und selbst mein Rufen kann sie noch nicht zu mir nach oben locken.

Ich halte mir immer noch den Bauch. Sicher habe ich Morgen Muskelkater vom Lachen. Eine willkommene Abwechslung zu dem Muskelkater von der gestrigen Shopping-Aktion. Von draußen dringt der Klang des Meeres bis zu mir hoch und ich bekomme Lust, noch für einen Moment hinaus zu gehen. Es hat sich zwar merklich abgekühlt, aber die Luft ist dennoch angenehm.

Eine leichte Brise streichelt meine Haut und verschafft mir eine Gänsehaut. Mir läuft ein angenehmer Schauer über den Rücken und je näher ich dem Wasser komme, je mehr habe ich das Gefühl, dass es zu mir spricht. Dieses Mal ist es wirklich das Meer. Das Rauschen der Wellen, das Auflaufen am Strand und das ganz leise Gurgeln, wenn sich das Wasser wieder zurückzieht. Eine Melodie, wie sie kein Musiker spielen kann. Ein Stück, dass sich kein Liedermacher aus der Feder saugen könnte. Ich muss doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein. Ich darf hier sein. Ich darf diesen Strand begehen. Ich darf dieses Meer als mein Meer betrachten. Es gibt keine Nachbarn, die mich mit Musik und Bass terrorisieren. Es gibt keinen Vermieter, der täglich kontrolliert ob ich auch die Wendeltreppe geputzt habe. Mobile Discos, wie sie in der Stadt im Minutenrhythmus an roten Ampeln stehen und die Welt beschallen, entfallen. Hier ist einfach nur Stille. Stille und doch Musik. Stille, die nicht krank macht. Stille nur von Naturgeräuschen unterbrochen, deren Klänge immer wieder neue Symphonien schreiben.

Der Sand ist kühl und feucht und ich ärgere mich ein wenig, dass ich keine Decke mitgenommen habe. Trotzdem setze ich mich ans Ufer – gerade so nah ans Wasser, dass die einlaufenden Wellen meine Füße umspülen können. Die natürlichsten Streicheleinheiten der Welt, wenn ich von der Zärtlichkeit des schwachen Windes absehe.

Von hinten stubbst mich Dune an und zieht mir ihren Esszimmerteppich einmal quer durchs Gesicht. Mmmh, lecker Schatz, deine Küsse sind einfach die Besten! Ich ziehe mir den Pulloverärmel über die Hand und lege mein Gesicht vorsichtig wieder trocken, Peeling inklusive, denn an meinem Ärmel befindet sich erstaunlich viel Sand. Wenn ich mir überlege, dass ich früher beinahe ausgerastet bin, wenn nur ein Körnchen oder Krümel mein Wohlbefinden in der Kleidung oder im Bett versuchte zu beeinträchtigen. Hier ist es, wie so vieles, oder wie alles, das Natürlichste auf der Welt. „Bssssssst“, „Bsssssssssssttttssssst“. Meine Gedankengänge werden von penetrantem Gesumme an meinem Ohr unterbrochen. Okay, wie so vieles. An diese natürlichen Mückentiere werde und will ich mich nicht gewöhnen. So hat das herrliche Oktobersommerwetter doch auch Nachteile. Ich bin ja schon glücklich, dass ich nicht eines der bevorzugten Ziele von den kleinen Untieren bin. Trotzdem sind sie sehr nervig. Gerade oder besonders, wenn sie im Steilflug auf das Ohr zu steuern um dann, kurz vor dem Gehörgang, doch noch abzubremsen und abzubiegen. Dune schüttelt ihren Kopf und die Ohren schlagen wild. Aha, auch Hunde bleiben von dieser Plage nicht verschont. Das ekelhafte Gesumme wird wieder vom Rauschen des Meeres übertönt.

Von weit draußen, inmitten des Schwarz, ist ein leises Platschen zu hören. Ob die Delfine noch spielen? Es heißt, sie kommen nachts, um in der Bucht, ein paar Kilometer von hier entfernt, zu ruhen. Einmal war es uns bislang vergönnt sie aus der Nähe zu sehen. Die lustigen Gesellen sind noch sehr scheu, denn sie sind es nicht gewohnt, dass sie in diesem Gebiet hier friedlich leben können und in Ruhe gelassen werden. Bis vor zwei Jahren schwamm hier nur ein Delfin seine Kreise. Ihm gehörte die ganze Bucht, der komplette Strand, scheinbar das ganze Meer. Niemand weiß genau, wie die anderen Flipper hier her gekommen sind. Viele Sagen, Geschichten und Legenden ranken um diese klugen und freundlichen Tiere. Ich muss sie nicht wirklich sehen. Mich macht es einfach schon unglaublich glücklich zu wissen, dass sie hier sind. Wenn sie mich kennen lernen möchten, werden sie sich schon näher heran trauen. Bis dahin genieße ich ihre Anwesenheit und freue mich über diesen Beweis von Freiheit. Eine Freiheit, wie ich sie in einer gewissen Form nun auch (er)leben darf.

Die Nacht lullt mich ein. Mein Kopf, in dem eben noch tausend Gedanken durch die Gehirnwindungen huschten, beruhigt sich. Die einzelnen Fasern meines Körpers entspannen und ich stelle fest, dass ich schon die ganze Zeit lächele. Es hat geklappt, mit dem Paralleluniversum. Das hier ist es heute und ich fühle mich rundum wohl. Wohl fühle ich mich und müde. Das viele Lachen, die gute Luft, die Sonne, das alles hat mich ordentlich geschafft.

Dune schnarcht und ich überlege immer noch, ob ich nun schon ins Bett gehen soll, oder einfach noch etwas sitzen bleibe. Die vielen Wolken, die sich heute am späten Nachmittag am Himmel andeuteten, scheinen sich verzogen zu haben. Der Himmel ist klar, pechschwarz und von tausend und abertausend funkelnden Sternen übersät. Irgendwo dazwischen hängt eine strahlende Sichel, die nicht viel Licht spendet aber sich sehr gut dort oben macht.

Hinter mir arbeitet mein Heim. An – Aus – An – Aus – in allerregelmäßigsten Abständen wird alles sichtbar und ebenso regelmäßig verschmilzt es wieder mit Dunkelheit.

Eine letzte Zigarette zünde ich mir an. Die Letzte für heute, nur damit das klar ist. Ich muss nachher mal nachsehen, wie mein Vorrat diesbezüglich aussieht. Notfalls muss ich mir noch welche schicken lassen. Andererseits ist das Quatsch, ich bin am nächsten Wochenende sowieso wieder im Rheinland, um meinen Umzug abzuschließen und ein letztes Tschöö mit Ö in die Runde der Daheimgebliebenen zu schmettern. Dann kann ich mich eigentlich auch selbst versorgen. Lust auf diesen Heimatbesuch habe ich ja gar nicht. Es nutzt nur nichts, es muss sein. Wenn ich das nächste Mal mit Mütterchen spreche, muss ich so noch impfen, dass sie bloß keinen großen Bahnhof veranstalten soll. Ich bin ja nicht aus der Welt, wenn auch etwas entrückter, als sie es von mir gewohnt ist.

Der Dunst der Zigarette mischt sich mit dem Nebel, der sich um mich herum bildet. Und die Stille der Nacht wird nur vom Krächzen und Kwarzen der Möwen unterbrochen. Zeit für die Heia. Die Augen fallen mir schon zu und Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ich sammele meine müden und vom Sitzen steifen Knochen zusammen und mach mich auf den Weg. Selbst Dune scheint sich schon festgelegen zu haben. Der Blick der Hündin fragt mich, ob ich sie nicht vielleicht tragen möchte. Und wer trägt mich? Deine Liebe. Die Sehnsucht nach dir. Unsere Träume. Das alles trägt mich.

Ich werfe einen allerletzten Blick in die Nacht, schicke einen dicken Kuss hinterher und trotte mit Dune gemächlich in unseren Turm.

Dort

Wo das Meer seine Arme ausbreitet
Wo sich die Arme in die Welt schlängeln

Dort
Wo das Meer mit seinen Armen die Welt umarmt
Wo die Arme der Welt zeigen, welche Geheimnisse sie tragen

Dort
Wo sich bunte Blätter im Wasser spiegeln
Wo der Spiegel die Welt tief blicken lässt

Dort

Spüre ich den Frieden
Finde ich Glück
Bin ich friedlich glücklich

Mit diesem Gedicht in meinem Herzen und meinem Kopf robbe ich räkelnd durch meine Koje. Der Schlaf war sehr gut aber auch sehr kurz, denn es ist noch immer dunkel. Die Welt steht Kopf. Sonnenschein, über 20 Grad, aber ein Tages-Nachtwechsel wie im Winter. Gut, es ist fast Winter, aber mein Biorhythmus hat ganz schön Probleme. In meinen Füßen krabbelt, piekt und kitzelt es. Sie sind wohl auch eingeschlafen und werden langsamer munter als ich selbst. Der Blick ans Fußende erklärt den Schmerz. Dune hat sich wieder in die Koje geschmuggelt und sich zu meinen Füßen, oder besser gesagt, auf ihnen abgelegt. Unmotiviert hebt sie den Kopf kurz an, wufft mir ein verschlafenes „Guten Morgen“ entgegen und rollt sich zum Weiterschlafen zusammen. Die Mondsichel hängt direkt vor dem Bullauge, und wird von vielen lustigen Sternen umtanzt. Ich muss hier raus! Füße, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Steiß, Lendenwirbel, Wirbelsäule, Brustwirbel, Handgelenke, Ellenbogen, Schultern inklusive Blättern, Halswirbel, Nacken, Kopf – alles ist da und wird ordnungsgemäß sortiert. Mit einem nicht sehr eleganten Hüpfer hieve ich mich von der Matratze und schmeiße zuerst den Kaffee an. Dunes Fressschale ist bis in die letzte Rundung sauber geleckt. Braver Hund. Was darf es denn heute zum Frühstück sein? In Sauce oder Pastete? Mit verzerrten Mundwinkeln öffne ich die Dose und fülle die Fressschale auf. Ich weiß ja nicht, wie man am frühen Morgen so was runter bekommt. Aber ich bin ja auch kein Hund.

Hatte ich gestern Besuch? Sinnierend stehe ich an der kleinen Pantryküche, den ersten Kaffeebecher gefüllt in meiner Hand und frage mich, ob ich das nur geträumt habe, oder ob gestern wirklich der Meerkönig Triton, alias Henry, hinter mir aus dem Meer aufgestiegen ist? Ein Meerkönig für Arme, fehlte ihm doch der Dreispitz und eine schillernde Schwanzflosse. Wenn es ein Traum war, war er heftig und sehr, sehr realistisch. Auf dem Weg zum Bullauge gerate ich ins Stolpern. Der gute Kaffee ergießt sich über den Holzboden und bei näherer Betrachtung identifiziere ich die Stolperfalle als Taucherbrille mit Schnorchel. Aha, also doch kein Traum.

Nachdem ich das Kaffeemalheur auf dem Boden behoben habe, betreibe ich kurze Katzenwäsche und kleide mich zum Ausgehen an. Wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch dem neuen Tag entgegenfiebern. Ich werde mir die Decke schnappen und mich am Strand einmummeln. Das Herumtollen mit dem Tauknoten und der merkwürdige Besuch vom Sams haben Dune scheinbar sehr geschafft. Zusammengerollt wie ein überdimensionaler Igel ohne Stacheln, liegt mein artiges Haustier immer noch am Fußende der Koje und schläft. Weder fürstliches Frühstück, noch meine morgendliche Aktivität tangieren sie in irgendeiner Weise. Es scheint, als ob ich alleine dem Sonnenaufgang entgegen gehen werde.

Mit einem kurzen „Tschüss Faultier!“, und bepackt mit frisch sortiertem Weidenkorb, mache ich mich auf den einsamen Weg zum Strand.

Ich kenne mich selbst nicht mehr. Die Türe steht schon wieder offen. Es ist wirklich eigenartig, wie unheimlich sicher ich mich hier unterbewusst fühlen muss. Sonst würden mir solche Sachen doch gar nicht erst passieren. Schon gar nicht, nachdem Henry gestern hier war. Es liegt am Leuchtturm.

Dieser Turm ist seit je her für uns eine Art Versteck vor der Welt. Das berühmte Paralleluniversum. Möglicherweise ist es das, was mich hier so sicher fühlen lässt? Schon an meinem ersten Tag hier, vermittelte mir der Turm das Gefühl, dass mir nichts geschehen kann. Er wird mich beschützen, so wie er die Fischer auf dem großen Ozean den richtigen Weg weist und ihnen die Gefahren des Meeres aufzeigt. Das klingt gerade alles ziemlich schizzo junge Frau. Ein Turm ist ein Gebäude aus Steinen und kaltem Stahl, ohne jedes Gefühl und vor allem ohne jeden Intellekt. Alles was hier geschieht ist menschgemacht, jedes Aufflackern des Leuchtfeuers ist vom Menschen programmiert. Und doch ist es die Wärme, die Zuverlässig- und Verlässlichkeit, die mir dieses unglaublich sichere und geborgene Gefühl vermittelt. Ich möchte ihn stundenlang dafür umarmen, dass er steht, wo er steht und dass ich in ihm wohnen darf.





Dieses Gefühl

4 08 2009

Dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, nennen wir Weltenübel. Weltenübel ist, wenn alles passt, aber nichts richtig ist. Weltenübel bekommt man, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das ganze Universum gegen einen ist. Aus dem Weltenübel entfliehen wir, in dem wir uns ein Paralleluniversum suchen. Und bevor mich dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, vollends einlullt; bevor das Weltenübel mich nicht nur überfällt, sondern auch gefangen nimmt, bevor es meinen Tag bestimmt, mache ich mir schnell Gedanken über mein Paralleluniversum. Viele Gedanken brauche ich mir nicht machen, ich muss mich nur mit beiden Füßen fest in die Brandung stellen, mich unterspülen lassen und die Wellen spülen alle Sorgen fort. Wo sonst wenn nicht hier kann ich den Ballast über Bord werfen? Also fort damit, ab in die Fluten. Sollen Hai, Seeigel, Krabbe & Co sich doch daran den Magen verderben.

Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und diese Emotionen bringen mich, öfter als mir lieb ist, fast um den Verstand. Aber das hier ist unsere kleine Welt. Ich lebe hier, in diesem Augenblick, unseren Traum und somit ist das alles hier um mich herum, mit den Schäfchenwolken, dem Sonnenschein, dem warmen feuchten Sand, der Gischt, den Dünen und Möwen, dem Leuchtturm, dem Fels in der Brandung, ein Paralleluniversum. Mein Paralleluniversum.

Gerade als ich mich umdrehe, um mich auf dem ultimativen Plätzchen zum vielleicht letzten Sonnenbad des Jahres niederzulassen, höre ich hinter mir aus dem Meer ein schnorchelndes Geräusch. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und überlege, was das wohl sein könnte. Dune ist es nicht, die tollt in ein paar Metern Entfernung mit ihrem Tauknoten herum. Ein Kutter, der zu nah an den Strand aufläuft kann es auch nicht sein. Ein Kuttermotor klingt ganz anders. Immer noch zur Salzsäule erstarrt höre ich eine prustende Stimme: „Hallo?“; „Hallo! Entschuldigen Sie bitte!“

Schock, schwere Not, das Meer spricht. Aber mit wem spricht es? Eigentlich sind wir beide doch per Du?

„Sorry, Miss, do you speak english?“ Miss, Mist, das Etwas aus dem Meer spricht mit mir. Also gut, keine Panik auf der Titanic, ich drehe mich ganz langsam um. Nur mit dem Kopf, nicht ganz, und wenn es was grusliges ist, nehme ich meine Schrottknochen in die Hand und laufe.

Millimeter für Millimeter schraube ich mein Haupt in Richtung Ozean, bis ich im Blickwinkel ein schwarzes Ding auf zwei Beinen sehen kann. Zwei Arme hat es auch und auf den fünften bis achten Blick möchte ich wirklich einen Mensch dort vermuten, denn Affen, die urplötzlich aus dem Meer auftauchen, sind eher selten. Für Arielle hat dieses Ding eine zu stattliche Figur und die Schwanzflosse fehlt.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Okay, ich habe einen sagenhaften Hund, der mich sicher beschützt, rede ich mir ein und beobachte Dune, wie sie sich im Spiel immer weiter von mir entfernt. Ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche und bin von daher im Vorteil, rede ich mir ein und verdränge den Gedanken an meine Orientierungslegasthenie. Ich habe einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hau ihm einfach eins auf die Zwölf, wenn er mir doof kommt, rede ich mir ein und rechne erst gar nicht nach, wie lange dieser besagte Kurs schon her ist.

Göttin, was soll den passieren? Das Ding kommt frisch aus dem Wasser, ist pitschnass und jappst immer noch nach Luft. Es hat meine Größe und keine sichtbare Waffentaschen. Also jetzt dreh dich schon um du alter Angsthase und steh deine Frau.

Ich drehe mich um und verfalle über ein zunächst zaghaftes Prusten in schallendes Gelächter. Die Augsburger Puppenkiste scheint ein Gastspiel hier am Meer zu geben und vor mir steht, das Mensch gewordene Sams. Das heißt ich gehe im Moment einfach davon aus, dass unter diesem, wie Wurstpelle knapp sitzendem Neoporenanzug ein Mensch steckt. Das Ding ist damit beschäftigt sich die Taucherbrille vom Gesicht zu nehmen und unter den feuchten Scheiben in Gummi-Umrandung kommt ein knallrotes Gesicht zum Vorschein, das zu meiner endgültigen Erheiterung auch noch mit Unmengen von Sommersprossen übersät ist. „Frau Rosenkohl, Frau Rosenkohl!“ geht es mir durch den Kopf und ich werfe mich auf die Knie in den Sand, weil ich vor Lachen nicht mehr stehen kann. In der Zwischenzeit hat auch Dune bemerkt, dass hier irgendwas passiert und hat sich zu uns gesellt. Ich weiß nicht, ob sie auch lacht, auf alle Fälle bellt sie den armen Tropf vor uns ganz schön zusammen. Da ich versuche den Hund in deutscher Sprache zu beruhigen, was unter meinem Gegacker wahrscheinlich nicht sehr überzeugend rüber kommt, nimmt die traurige Gestalt, die aus dem Wasser kam, einen erneuten Anlauf mich anzusprechen. „Entschuldigen Sie bitte junge Frau. Können Sie mir vielleicht helfen? Ich glaube ich habe mich verschwommen.“

Nun ist es um meine Beherrschung komplett geschehen. Ich greife mir Dune zum ultimativen Lachknuddeln, kralle mich in ihrem Fell fest und schreie mehr als ich lache. Dieser Typ muss einfach von einem anderen Stern sein. „Verschwommen“ pruste ich, „Verschwommen“.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie lange wir hier jetzt schon hocken. Mir tut der Bauch weh, meine Stimme klingt wie nach 20 Whiskey und einer Stange Zigarette auf Ex, so sehr hab ich lachen müssen. Das menschliche Strandgut in Gummi hat sich in der Zwischenzeit auch gehockt und schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nicht mehr alle ist gut. Ich habe gerade gar keine mehr im Schrank, weil der komplette Schrank, nebst Inhalt, beim Lachen zu Bruch gegangen ist.

„Ich fange einfach noch einmal von vorne an!“, unterbricht der Kautschukmann diese eigenartige Situation. “Mein Namen ist Henry, Henry Schuster und ich bin mit einem Freund auf dessen Jacht als Inselhopper unterwegs. Irgendwo auf See sind wir zum Schnorcheln ausgestiegen und ich habe komplett die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin. Viel schlimmer aber noch ist, dass ich nicht weiß, wie ich wieder zu der Jacht komme.“ Während Henry, Gott sei Dank heißt er nicht Sam, mir seine Geschichte in aller Dramatik und mit todernster Stimme wie Mimik zum Besten gibt, beiße ich mir immer wieder auf die Unterlippe und auf die Zunge. Ich meine, er tut mir ja wirklich leid und ich kann vermutlich gar nicht ermessen, wie es ihm geht und in ihm aussieht, aber diese Situation ist einfach zu krass für mein sonniges Gemüt.

Auch wenn ich gerade aussehe, als hätte ich von Geburt an einen furchtbaren Kieferschiefstand, versuche ich Henry zu antworten. „Ähm Henry“, ich hole tief Luft und sammele mich für einen zusammenhängenden Satz ohne Gegluckse. „Henry, wo Sie hier sind kann ich Ihnen gerne erklären. Nur wie Sie wieder zurückfinden, da bin ich überfragt. Ich liebe das Meer wegen seiner unendlichen Weite (warum trällert mir jetzt das Thema von Enterprise melodiös durch die Gehirnwindungen?) und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Inseln, keine Jacht und im Augenblick noch nicht mal einen Kutter. Ich kann Ihnen nur anbieten, in meinen Leuchtturm mitzukommen. Dort trinken wir in aller Ruhe eine Tasse Kaffee und vielleicht lässt sich von oben ja ein Anhaltspunkt finden. Andererseits finde ich, dass Sie nicht mehr ins Wasser zurück sollten. Es geht auf Nachmittag zu. Es wird schon sehr früh dunkel und die See wird um diese Zeit auch recht unruhig. Mir wäre nicht wohl dabei, wenn Sie sich wieder in die Fluten stürzen, um einer Jacht nachzujagen.“

Noch viel unwohler ist mir bei dem Gedanken, den armen Henry in die Stadt zu schicken, von wo er sicher einen Weg in sein Hotel, zu seinem Freund oder zum Hafen suchen könnte, wo sein Freund mit der Jacht vielleicht schon auf ihn wartet. Mein inneres Auge zeigt mir den kompletten ersten Teil des Sams im Schnelldurchlauf. Ich sehe Henry wie er an Lattenzäunen nagt, wie er dicke Frauen veralbert und Herrn Taschenbier von einer peinlichen Situation in die Nächste bugsiert. Vielleicht sind die kleinen Spots in Henrys Gesicht ja gar keine Sommersprossen. Möglicherweise sind es Wunschpunkte und ich muss ihm nur irgendwie den Satz in den Mund legen: „Ich wünsche mich zurück an Bord!“ Nein, nein, zu gefährlich. Nachher landet er in einem U-Boot oder im Hamburger Hafen auf einer kleinen Jolle. In mir steigt schon wieder dieser Lachreiz hoch. Nein, nein, nein – du kannst und darfst diesen armen Mann nicht weiter auslachen. Nein, nein, nein – bitte nicht – nicht wieder einen Lachflash. Zu spät. Erst schnaufe ich, dann lache ich und dem armen Henry stehen die Tränen in den Augen. Ich kann ihm aber nicht sagen, was ich denke. Das kann ich nicht machen.

Mit derweil blutender Unterlippe krabbele ich zur Sonnendecke und krame meinen Krempel zurück in den Weidenkorb. Ich kann nicht abschätzen, wie lange der Gastauftritt der Augsburger Puppenkiste dauert und das strahlende Blau des Himmels weicht bereits dem Grau der Dämmerung. Es ist merklich frischer als gestern Abend und wer weiß, vielleicht war das wirklich der letzte Sonnentag. Henry hat die Einladung zum Kaffee angenommen und beobachtet mein Wuseln mit herunterhängenden Schultern und einer herzzerreißenden Trauermine. Wir schweigen. Ich schweige nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, vor allem habe ich tausend Fragen. Ich sage lieber nichts, da es nicht bei der Aneinanderreihung von Worten bleiben würde. Solch einen Lachdrang habe ich tatsächlich noch nie gehabt und ich glaube ich kann mit Recht behaupten, dass wir beide schon einer Menge schräger Vögel über den Weg gelaufen sind. Aber solch eine Begegnung der tropfenden Art? Das ist neu.

Sichtlich beeindruckt von meinem bescheidenen sozialen Wohnungsbau in Turmform, folgt mir Henry auf Schritt und Tritt. Auf der Wendeltreppe muss ich abermals, oder soll ich besser sagen, wieder heftigst, an mich halten. Der Neoporenanzug von Henry quietscht und quitschert mit jedem Schritt in einer anderen Tonlage. Was bin ich froh, dass er die Schwimmflossen ausgezogen hat. Ein, in regelmäßigen Abständen auftönendes, Platsch, Patsch, Platsch würde mir mein Zwerchfell endgültig auseinander reißen. Oben angekommen schaut sich Sams, ähm Henry nur kurz um und geht dann auf das Bullauge zu. „Ob ich wohl mal telefonieren dürfte?“ „Klar“, antworte ich, drehe mich um die eigene Achse und dann fällt mir ein, dass ich hier ja gar kein Telefon habe. Ohne lange zu überlegen kippe ich den Inhalt des Weidenkorbes in die Koje und suche unter Thermoskanne, Kuscheldecke, Dunes Spielzeug und Liste nach meinem Handy. Als ich es endlich in der Hand halte stelle ich fest, dass es nicht in Betrieb ist. Mit meiner narrensicheren 0815-Pin probiere ich, meinen mobilen Telefonknochen ans Laufen zu bringen, muss mir aber sagen lassen, dass das Akku aufgeladen werden muss.

„Klar“, erweitere ich meine zunächst sehr knappe Antwort, „könnten Sie, dürften Sie, wenn’s denn gehen würde. Einen Festnetzanschluss habe ich hier nicht und mein Mobiltelefon hat keinen Saft mehr.“ Dabei fällt mir ein, dass ich meine Liste um das Ladekabel erweitern muss. Henry, mittlerweile steht er im trockenen Gummianzug vor mir und gibt eine lustige Figur ab, starrt aus dem Fenster hinaus aufs Meer. „Da ist nichts!“, seufzt er. „Ich kann nichts sehen!“ Bleibt nur noch der Fußweg. Ich gieße uns beiden Kaffee ein und beschreibe Henry, wie er auf dem direktesten Weg zum Hafen und in die Stadt kommt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gibt es auch eine Telefonzelle, aber Henry sieht nicht so aus, als hätte er unter seinem Anzug auch noch einen Kubikmillimeter Platz für eine Telefonkarte. Also verschweige ich die Telefonzelle fürs Erste. Während ich stammelnd, auf die Unterlippe beißend und ziemlich wuschig versuche meine Orientierungslegasthenie zu verbergen und einen perfekten Weg zu beschreiben, geht mir das Bild von Sams im Taucheranzug nicht aus dem Kopf. „Am Besten ich suche Ihnen erstmal was zum Anziehen.“, stottere ich und vergrabe mich alsbald im Kleiderschrank. Ich krame eine alte Jogginghose von mir hervor und eines deiner vielen T-Shirts, die ich immer noch wie einen Schatz hüte. „nur mit Schuhen kann ich Ihnen nicht dienen.“ Mit unverändert todtrauriger und gequälter Mine nimmt der Verschwommene die Sachen entgegen und folgt meinem Kopfnicken, mit dem ich ihm den Weg zur Duschkabine weise. Der Nachteil am Leben im Leuchtturm ist das fehlende Luxusbadezimmer mit Badewanne, Dusche, Waschbecken und goldenen Handtuchhaltern. Hier ist das alles etwas schlichter. In der Kabine rumpelt es gewaltig und ich mag mir nicht wirklich vorstellen, wie sich der kleine, dicke fremde Mann dort aus seinem Ganzkörperkondom pellt und in meine Sachen steigt.

Langsam wird mir doch etwas mulmig. Es dämmert bereits und wenn ich Henry jetzt losschicke, dann muss er durch die Nacht spazieren. Andernfalls müsste ich ihm ein Nachtlager anbieten, was mir, ehrlich gesagt, nicht geheuer ist. Ich weiß, du hättest da gar kein Problem mit. Je mehr Mensch um dich herum, umso besser. Aber du bist ja auch ein Mann. Und hier, in dieser todeinsamen Ecke, möchte ich nicht unbedingt meine Nacht mit wildfremden Männern verbringen. Als hätte Henry meine Gedanken auf meiner Stirn abgelesen, steht er plötzlich auf und bläst zum Aufbruch. „Sagen Sie, gibt es auch einen Weg am Strand entlang?“

„Natürlich. Sie gehen zurück bis zu dem Punkt, an dem Sie aufgetaucht sind und dann laufen Sie parallel zum Strandweg in Richtung Hafen. Es dauert nur wesentlich länger, weil eine ziemlich große Bucht dazwischen liegt. Aber Sie können bis zum Hafen am Strand entlang.“

„Dann wähle ich diesen Weg“, antwortet mir Henry und steht bereits auf der ersten Stufe der Treppe, „und sollte es mir doch zu lang werden, lege ich mich in die Dünen. Ich nehme an, dass ich sowieso erst Morgen Früh etwas erreichen kann. Und sollte mein Freund bereits im Hafen eingelaufen sein, wird er sich auch nicht vor Tagesanbruch rühren. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe und den Kaffee!“ sagt er, und ehe ich mich versehe, ist Henry nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch schon durch die Stahltüre entschwunden. Ein Abgang nicht langsamer als sein Auftauchen.

Henry schleppt sich, mit seinem Taucheranzug um den Hals, meiner Jogginghose und deinem T-Shirt, über den Strand in Richtung Meeressaum. Von hinten und hier oben betrachtet, sieht er nicht minder komisch aus, als in den ersten Momenten unserer Begegnung. Viel erzählt hat er nicht. Seinen Namen weiß ich, mehr nicht. Aber er hat etwas geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr fertig gebracht hat. Ich habe seit Jahren wieder bis zum Bauchschmerz gelacht. Auch wenn diese Situation von ihm nicht so gewollt war, im Gegenteil. Auch wenn mein Amüsement komplett auf seine Kosten ging und immer noch geht, was mir sehr leid tut. Trotz allem war es für mich ein absolut überraschender, lustiger Tag, den ich so schnell sicher nicht vergessen werde. Das regelmäßige Aufflackern unseres Leuchtfeuers begleitet den Fremden über den Strand. Egal wie weit er heute noch gehen wird, unser Licht wird ihn begleiten, wird ihn führen. Henry wird nichts passieren, denn er steht unter dem persönlichen Schutz unseres Turms. Das beruhigt mich.





WoW! Was für ein Morgen!

2 08 2009

WoW! Was für ein Morgen!

Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob ich nicht hier unten frühstücken mag. Der Tag scheint wirklich vielversprechend zu werden. In erster Linie wird er aber sonnig, und das muss ich einfach noch auskosten. Die trübe Herbst- und Winterzeit lässt sich sicher nicht mehr lange unterdrücken. So flitze ich, was lächerlich klingt in Anbetracht der frühen Stunde und meiner Statur, die 159 Stufen des Leuchtturms wieder hinauf, erhole mich, oben angekommen, jappsend von dem wendeltreppenbedingten Schwindel und dem nikotinverursachten Luftmangel, bereite meinen Kaffee gleich in einer großen Kanne und entschwinde mit einem Korb wieder nach unten. Kaffee, Kippen, Kuscheldecke, Köter – die vier großen K’s sind alle beisammen und ich gönne mir jetzt ein Sommerendfrühstück.

Mich beschäftigt immer noch der Traum der letzten Nacht. War es ein Albtraum oder eine Vision? War es gut oder böse? Ich verfalle schon wieder ins Grübeln, was bekannter Maßen nicht gut ist.

Wärst du jetzt hier würdest du mich sicher greifen, mit mir durch die Dünen in Richtung Meer laufen und mir, mit einer kleinen gemeinen Wasserschlacht, den Grübel aus dem Kopf zaubern. Du bist aber nicht hier und ich frage mich, ob Dune es wohl versteht, wenn ich mit ihr zum Wasser renne und sie nassspritze? Egal, ob sie es versteht oder nicht. Mein Bauchgefühl sagt gerade, dass Quatschzeit ist.

Dune staunt nicht schlecht, als ich wie von der Tarantel gestochen aufspringe, mich aus der Decke pelle und lossprinte. Die Hündin sprintet hinterher, überholt gekonnt und wartet am Wassersaum mit lautem Gekläffe auf ihren Menschen. Es ist einfach zu herrlich, wie sie durch das Wasser hüpft und mit Gebell und Schwanzgewedel große Freude an meinem Erscheinen bekundet. Wir rasen im Wasser auf und ab, ich werfe ihr einen Ast aufs Meer hinaus, den sie anstandslos apportiert und ich spritze sie nass, was sie immer wieder Abstand von mir nehmen lässt.

Lachen, Spaß, Freude, Bellen, Hüpfen, Tanzen, Glück.

So kann es gehen, wenn ich auf mein Bauchgefühl höre. So kann es aber nur gehen, wenn ich dieses Bauchgefühl auch verstehen kann. Herr Grübel hat für’s Erste meinen Kopf geräumt und ich genieße mit jeder Faser meines Körpers dieses Glück, an diesem Ort hier. Ich weiß nicht womit ich es verdient habe, hier sein zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass ich es mir verdient haben muss, hier sein zu dürfen. Und ich möchte alles dafür tun, dass ich auch weiterhin bleiben kann.

Von den Fußknöcheln ausgehend zieht die Nässe des Meeres langsam in meiner Jogginghose nach oben in Richtung Hosenbund. Der Wind ist zwar leicht und streichelnd, aber um Beine und Po beginnt es mich jetzt doch zu frösteln. Zu Dunes absolutem Unverständnis trete ich den Rückweg zum Turm an, der sich hinter mir in strahlendem Rot und Weiß vom Blau des Himmels abhebt. Die Hündin versucht mich noch zum Bleiben zu überreden. Laut kläffend tanzt und springt sie um mich herum. Als sie merkt, dass ihr Umstimmungstanz nicht den gewünschten Erfolg bringt lässt sie ab und läuft zurück ans Wasser. Vielleicht lässt sie ihre Wut nun an den Möwen ab? Inmitten dieser Gedankengänge höre ich von hinten ein bedrohliches Schnaufen auf mich zukommen. Bevor ich mit einem steifen Schulterblick danach Ausschau halten kann was passiert, habe ich auch schon zwei kräftige Pfoten im Kreuz auf Höhe der Schulterblätter und falle vornlings in den Sand. “Bauz”.

Den freundlichen Strandbesucher erkennt man am Sand zwischen den Zähnen und den Überraschten ebenfalls. Als ich wieder einigermaßen weiß, wo oben und wo unten ist, muss ich schallendlaut lachen. Diese Töle ist einfach einmalig. Nun bin ich nicht nur nass sondern auch noch eine lebendige Sandfigur. Vorsichtig rappele ich mich wieder auf. Den feinen Sand abzuklopfen macht wenig Sinn und so beschränke ich mich auf das Ausspucken der kleinen Dünen zwischen meinen Gebissreihen.

Dune sitzt vor mir und, ohne sie vermenschlichen zu wollen, sie sieht aus, als hätte sie ein verdammt diebischamüsiertes Grinsen um die Lefzen. Gemeinsam trotten wir zurück zum Leuchtturm. Mir fällt gerade ein, dass ich heute früh die Liste oben liegen gelassen habe. Da ich mich jetzt sowieso umziehen muss, kann ich auch gleich an ihr weiterarbeiten. Ich lache immer noch.

159 Stufen die Vierte, für heute. Na das hält sich ja schön in Grenzen mit der Lauferei. Und so lange es so mild ist, kann ich ja auch problemlos die Türe geöffnet lassen oder wenigstens angelehnt, damit dieses befellte Überfallkommando ein- und ausgehen kann. Vielleicht schon in der nächsten Woche kriege ich echt ein Problem, wo ich doch so eine Friernase bin. Bevor ich nach oben klettere, reiße ich mir erstmal meine Sandhaut vom Leib. Es muss nicht sein, dass ich meinen Turm in Klein-Sahara verwandele und auf den Holzstufen der Wendeltreppe sind Sandkörner eher kontraproduktiv. Es reicht schon voll und ganz, dass Dune ständig irgendwelchen Dreck einschleppt.

Zurück im Turm, und wieder mit frischen ungekörnten Klamotten versehen, beschließe ich, dass ich nicht den restlichen Tag drinnen verbringen werde. Draußen ist es viel zu schön und wenn ich jetzt gleich einkaufen gehe, dann bleibt Zeit genug für die Liste und die wichtigsten Planungen. Am Wochenende kann dann die Umsetzung erfolgen und dann, dann werden wir sehen, was dabei herauskommt, Frau Leuchtturmwärterin. Der Kaffee ist fertig und ich fülle wieder die Thermoskanne. Dann schnapp ich mir mein Handy, die Liste, verstaue alles im großen Weidenkorb und begebe mich hinaus in den Sonnenschein. Der Korb bleibt natürlich noch drin. Zwar kommt hier höchst selten eine Menschenseele vorbei, aber darauf ankommen lassen will ich es auch nicht. Man muss Diebesgesindel ja nicht noch einladen.

Kommen wir nun zum Fürchterlichsten des Tages: dem Einkauf. Was das Shopping-Gen betrifft hat man bei uns beiden ja irgendwas vertauscht. Ich meine, ich bin eine Frau und du bist ein Mann und ich hasse einkaufen, während du nichts lieber getan hast. Einkaufen ist stressig, es ist immer laut und quengelig, die Leute – allen voran ich – sind schlecht gelaunt und bezahlen kann man das alles heute sowieso nicht mehr. Du hingegen empfandest einen ausgiebigen Shoppingbummel als pure Entspannung. Egal ob Lebensmittelgeschäft oder Boutique, du streuntest durch die Regalreihen und sahst immer einfach nur glücklich aus. In unser beider Programmierung ist diesbezüglich ein heftiger Bug. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich nun in ein Lebensmittelverkaufsgeschäft stürzen muss, um die nächsten Tage vielleicht auch etwas anderes zu mir zu nehmen als Tütensuppen und Knäckebrot.

Was ist heute für ein Tag? Haben wir Morgen Feiertag? Oder steht schon das Wochenende vor der Tür und ich peile es nicht? Gibt es hier was umsonst? Herrje, wo kommen die ganzen Leute her? Haben die alle kein Zuhause? Ich will nicht, aber ich muss. Ich habe Hunger, keinen Einkaufszettel und der Supermarkt ist brechend voll. Na das wird ja mal wieder ein Riesenspaß.

Seit über einer Stunde wusele ich hier zwischen Butter und Genever durch die Gänge. Mein Einkaufswagen ist kurz vor dem Ausbeulen und mich dünkt, das wird eine heftige Schlepperei. Bis zum Turm brauche ich weit über eine halbe Stunde ohne Gepäck. Mit Trolli, Rucksack und den Tüten wird es sicher doppelt so lange dauern. Die Schlange an der Kasse ist auch nur zwei Kilometer lang. Sicher müssen vor mir noch drei Stornos bearbeitet werden, welche die Kassiererin natürlich nicht selbstständig tätigen kann und wenn ich an der Reihe bin, dann geht die Bon-Rolle aus und die kleine Blondine wird mindestens zehn Minuten brauchen, um diese zu wechseln. Summasummarum werde ich schätzungsweise erst in weiteren zwei bis drei Stunden zurück am Turm sein. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Kasse. 159 Schritte. Ach du Scheiße, das dicke Ende wartet im Turm auf mich. Die ganzen Einkäufe müssen ja auch noch nach oben. Hektisch und mit einem großen P für Panik in den Augen, starre ich in den Einkaufswagen. Brauche ich das alles wirklich? Gibt es das als kleine Packung? Läuft hier ein Praktikant umher, der dem Kunden König die Tüten packt und beim Tragen hilft? Meine Laune versteckt sich unter Brot und Marmelade und meine Stimmung gleicht sich der Temperatur der tiefgekühlten Scampis an.

Was habe ich gesagt? Zwei bis drei Stunden. Zweieinhalb Stunden später bin ich nun endlich zu Hause. Meine Arme sind mindestens zwanzig Zentimeter in die Länge gegangen und am Fuße der Wendeltreppe wird mir übel bei dem Gedanken, die Einkäufe nach oben zu bugsieren. Wie gut, dass mir Mütterchen beigebracht hat, dass nichts aber auch gar nichts über eine gut und zweckmäßig gepackte Einkaufstüte geht. So weiß ich in welchen zwei Taschen sich die Tiefkühlkost befindet und die wandert auch subito zu Erst nach oben. Im Rucksack befindet sich weiteres Kühlgut und damit wäre mit dem ersten Gang schon mal die erste Gefahr beseitigt. Flink wandert Verderbliches in Kühl- und Tiefkühlschrank und schon geht es wieder nach unten.

Immer noch streichelt die Sonne die Landschaft. Dieses Licht hier an der See ist so faszinierend und so einzigartig. Man mag sich gar nicht satt sehen. Mit ausgeprägter Grübelfalte auf der Stirn werfe ich einen Blick auf die sich stapelnden Einkäufe. Nein, nein, nein! Das muss noch warten. Ich kann doch nicht diesen herrlichen Tag mit Schlepperei beenden. Dune, die sich das ganze Spiel seit meiner Heimkehr bislang aus ausreichender Entfernung angeschaut hat, kommt auf mich zu und wufft mich aufmunternd an. Recht hast du! Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Also klemm ich mir den Weidenkorb unter den Arm und bummele gemeinsam mit dem freudig erregten Haustier in die Dünen. Die Entscheidung, wo ich meinen Astralkörper ablege, fällt mir wie immer sehr schwer. Schließlich und endlich entscheidet Dune, indem sie sich vor meinen Füßen ablegt und lustig mit dem Schwanz wedelt.

Kann es schöneres geben? Kann man sich wohler fühlen? Kann man sonst irgendwo glücklicher sein? Also, für mich kann ich behaupten: Nein, kann man nicht. So breite ich die Decke aus, gieße mir einen Becher noch immer dampfenden Kaffee ein und drehe mich ungelenk bäuchlings. Im Blindflug fingere ich im Weidenkorb nach meiner Liste und als würde Dune begreifen, was ich gerade tue oder möchte, steckt sie ihren Kopf in das Geflecht und schnappt sich vorsichtig das Handy. Vor mir legt sie es auf der Decke ab und ich liege hier und halte Maulaffenfeil. Dieser Hund ist so schlau! Ich fingere weiter im Korb und bekomme die Liste zu fassen.

Dein Bild; Dinkelkissen; Wärmflaschen; Wollpullover, Wollsocken, lange Unterhose, meine Kuscheldecke, Dunes Kuscheldecke; Zeichenkoffer; Erste-Hilfe-Koffer; Schreibkladde, Bleistifte; Anspitzer; Kerzen; Teelichter; Handy…

Stimmt, beim Handy bin ich hängen geblieben. Pro und Contra hab ich abgewogen und so ganz weiß ich immer noch nicht, ob ich es nun „brauche“ oder ob ich es wie Laptop und Co. auch in die Verbannung schicken möchte, was ich wahrscheinlich eh nicht tun werde, weil ich, nachdem ich beschlossen habe, dass ich nichts brauche, alles furchtbar vermissen werde. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich eine neue Nachricht habe. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Erstmal schauen, vielleicht will mein telekomischer Anbieter ja auch nur wieder irgendwelche „supergünstigen“ Downloads anbieten. Wie schön, es ist keine Werbe-SMS.

„… also, denk dran, die wellen warten auf dich, damit sie deine füße küssen und in dein glückstrahlendes, lächelndes gesicht schauen können“

Wie süß ist das denn? Ach Verena, du bist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder anders gesagt, du smst immer zur richtigen Zeit das richtige Wort. Es ist so faszinierend. Seit Monaten kenne ich dich nur über dieses kleine Display am Handy, über Email und aus unendlich langen Telefonaten. Trotzdem ist es so, als kenne ich dich, als kennst du mich.

Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in den immer noch blauen Himmel. Wieder greife ich nach dem Handy und lese Buchstabe für Buchstabe Verenas Kurzmitteilung. Wenn ich mir überlege, wie wir uns kennen gelernt haben, durch das wohl anonymste Medium der Welt. Sie hat über Monate meine Texte gelesen, sich von ihnen fesseln lassen und ich habe mich, ohne es zu wissen, mit jedem meiner Worte ein Stückchen mehr in ihr Leben geschlichen. Auf diese Art und Weise lebten wir über ein Jahr nebeneinander her, sie dort und ich im Rheinland. Sie wusste schon soviel über mich und ich hatte keine Ahnung von ihrer Existenz. Warum auch immer packte sie irgendwann der Mut und sie hat mir eine Email geschickt, in der sie mir für mein Schreiben, für die Art meines Schreibens ihre Bewunderung ausgedrückt hat. Ihr Outing als stiller Fan kam überraschend und im Laufe des letzten Jahres wuchs aus diesem Kontakt eine Art „Freundschaft“, die ich für nichts auf der Welt mehr missen möchte.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Das Handy wird nicht dem Meer übergeben. Ich kann auf vieles verzichten. Ich möchte auf vieles verzichten und mich in einem Leben üben, in dem nicht mehr alles so furchtbar selbstverständlich ist. Aber auf Verena und den Seelenfaden, der uns verbindet, mag ich auch hier nicht verzichten.

Zurück zur Liste. Dune braucht nicht hungern. Ich brauche nicht hungern. Mein Rauchutensil muss noch auf die Liste. Was passt besser in einen Leuchtturm als ein Aschenbecher, in dessen Mitte in kleiner Leuchtturm modelliert ist? Den hat mir Petra geschenkt und der kommt hier sicher richtig gut zur Geltung. Und wer weiß, wenn ich mich erst hier eingelebt habe, dann finde ich vielleicht auch die Ruhe, um mir dieses Laster endlich abzugewöhnen. Bislang heißt meine Raucherweisheit ja immer: Ich rauche nicht mehr! Aber eben leider auch nicht weniger.

Meine Kamera darf ich auf keinen Fall vergessen. Sollte es denn richtig Winter werden, lassen sich sicher bombastische Fotos machen. Ich erinnere mich an die Nordsee vor drei Jahren, da war das Watt zugefroren. Am Wassersaum türmten sich kleine zarte Eisschollen und je nachdem, wie das Licht fiel, gab es Motive, die in jeden mystischen Film gepasst hätten.

Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass mit meinem Vorhaben eine Art Schlussstrich gezogen wird? Diese Liste, all die Dinge, die ich dort addiere, das alles bekommt den Charme von Endgültigkeit. Aber es ist ja nicht endgültig. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage. Mein Mobiliar wird eingelagert. Meine Kisten verbleiben in diversen Garagen und Kellern von guten Bekannten und der Familie. Innerhalb eines Tages kann ich wieder im Rheinland sein und ich kann jederzeit zurück, wenn ich will. Will ich denn? Natürlich will ich. Ich wandere nicht aus, ich erfülle unseren Traum. Oder?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun. Mein Herz klingt so leicht und gar nicht nach Blues. Mein Bauchgefühl führt mich in ein sagenhaftes Abenteuer. Und das verspricht alles nicht nur gut zu werden. Es fühlt sich bereits jetzt sehr gut an. Da ist er wieder, der Grübel. Bin ich nicht so überzeugt, wie ich klinge? Doch. Ich bin überzeugt. Jahre haben wir von diesem Leben geträumt. Ein Leben in einem Leuchtturm. In den schillerndsten Farben haben wir es uns ausgemalt, dieses Leben unter dem Himmel, 40 Meter oder mehr über dem Meer. Jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit und ich werde ihn nicht platzen lassen wie eine Seifenblase. Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun.

Strand? Gut!

Hier bei dir

Hier bei dir am Strand

Hier bei dir am Strand geht’s mir gut

Strand? Gut!

Strandgut

Eine unserer weltberühmten Wortspielereien, die außer uns niemand verstanden hat. Frag mich nicht, wie ich jetzt und hier darauf komme. Vielleicht, weil Dune die ganze Zeit versucht eine enorm große Holzbohle aus dem Wasser zu ziehen? Ein Dickkopf wie ihr Frauchen. Sie soll sich ruhig auspowern. Vor allem aber soll sie ihre Geschäfte nicht vergessen.





Ich horche und lausche.

31 07 2009

Ich horche und lausche. Ich fühle und taste. Ich bin ganz Ohr. Ich spüre mein Herz aufgeregt schlagen. Und in meinem Bauch grummelt es so laut, dass sogar Dune mich mit Ohren auf “Halb Acht” anschaut, als wolle sie eine Erklärung für diesen Lärm. Hunger, es ist wohl einfach nur Hunger. Der Hunger nach der See, nach der Luft hier und nach der direkten Nähe zu diesem Leuchtturm, diesen Hunger werde ich wohl nie stillen können. Was das betrifft bin ich ein kleiner Nimmersatt?! Der Hunger nach fester Nahrung lässt sich ruckzuck abstellen, wenn ich hier nicht den ganzen Tag mit den Füßen im Sand buddel; wenn ich nicht permanent nach Erklärungen für diesen Satz suche; wenn ich mich hätte nur eine Stunde früher von hier trennen können. Jetzt ist alles zu. Ladenschluss. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als wieder zur Tütensuppe zu greifen.

Es ist immer noch recht warm. Es kann nicht Oktober sein. Einzig am Sand spüre ich, dass es bald Nacht wird. Obwohl er für diese Jahreszeit erstaunlich lange die Sonnenwärme speichert, wird der Sand langsam klamm und kühl. Meinem Wohlgefühl tut das keinen Abbruch. Barfuß im Sand ist besser als jede warme Socke, als jeder bequeme Latschen, als jede passende Sandale.

Meine Liste ist nach wie vor leer. Was ich heut hätt könnt besorgen, verschieb ich wiedermal auf Morgen. Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Morgen werde ich die Liste erstellen. Mein erster Winter hier im Turm. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass dieser Traum wahr wurde. Unser Traum.

Wieder lege ich den Kopf in den Nacken. In den Händen halte ich die wärmende Tasse heiße Schokolade. Vom mittlerweile nachtschwarzen Himmel lächeln mir Abermillionen Sterne freundlich zu. Draußen auf dem Meer zanken sich die Möwen lauthals um die besten Nachtplätze.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kakao nicht ausreicht und darum gehe ich ihm jetzt nach und erklimme den Turm. Ich folge dem Ruf der Tütensuppe, auf den du nie gehört hast, denn du hasst diese Instantplempe. Aber du musst sie ja auch nicht essen. Gute Nacht mein Herz.

  • Dein Bild;
  • Dinkelkissen;
  • Wärmflaschen;
  • Wollpullover;
  • Wollsocken;
  • lange Unterhose;
  • meine Kuscheldecke;
  • Dunes Kuscheldecke;
  • Zeichenkoffer;
  • Erste-Hilfe-Koffer;
  • Schreibkladde;
  • Bleistifte;
  • Anspitzer;
  • Kerzen; Teelichter;
  • Handy

.. Handy? Warum schreibe ich das Handy mit auf die Liste?

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz“.

Mein Herz sagt, ich soll das Handy dem Meer übergeben. Ich vertraue mir und bin sicher, dass ich es nicht brauchen werde. Ich will es nicht brauchen. Ich will keine Uhr mitnehmen. Ich werde das Radio im Schrank verstauen. Und dieses Zeichen der immerwährenden Erreichbarkeit will ich auch nicht. Aber kann ich in meine Mitmenschen vertrauen? Was, wenn ich nicht erreichbar bin? Das Mütterchen ist nicht mehr ganz fit. Was, wenn etwas Unvorgesehenes passiert, nicht mit mir, sondern mit anderen? Muss ich dann nicht erreichbar sein? Ich tröste mich damit, dass es vor dreißig, fünfzig oder gar hundert Jahren auch noch keine mobilen Telefone gab. Früher schickte man eine Postkutsche von Ort zu Ort. Man schrieb sich noch Snailmails und musste diesen ekelhaften Geschmack der Briefmarken den ganzen Tag auf der Zunge ertragen.

Dunes Gejammer reißt mich aus meinen Gedanken. “Boah Hund, du warst doch den ganzen Tag draußen!” Was das angeht müssen wir irgendeine Lösung finden, Dune. Wir leben hier nicht mehr im Erdgeschoss mit Direktverbindung in die Rheinauen. Du hast vier Läufe, meine Wenigkeit verfügt nur über zwei unförmige Stelzen, die mich 159 Stufen tragen müssen, und zwar runter und dann auch wieder rauf. Wir sind hier ungefähr 35 Meter von der Erdoberfläche entfernt. Also, nicht, dass ich das nicht alles vorher gewusst hätte. Aber wenn ich mir zweimal überlege, ob ich den Müll gleich oder später hinunter bringe, dann kannst du dir auch bitte vorher überlegen, ob du alle Dünen zu deiner Zufriedenheit markiert hast, oder nicht?

Während ich auf den armen Hund einrede als gäbe es kein Morgen mehr, senkt sie leicht ihr Hinterteil und lässt ihrem Harndrang freien Lauf. Na super. Würde mich schon interessieren, was du den ganzen Tag gemacht hast? Ich pelle mich aus meiner herrlich warmen Koje, streife mir die schweren grünroten Wollsocken über, die mir eine liebe Bekannte zum Einzug hier geschenkt hat, fingere im Spülbecken nach einem Lappen, greife mir die Haushaltsrolle und beginne mit dem Abstieg. Halt! Stopp! Die Mülltüte. Mütterchen sagt immer, dass man Wege sinnvoll nutzen soll. Unten angekommen öffne ich die schwere Eisentür für den Hund. So, ab raus und alle Geschäfte erledigen, die es zu erledigen gilt junge Frau. Ich mag dieses Spiel nämlich nicht wirklich.

Während Dune mit der Nase Bodenkontakt sucht und sich nach draußen in die Nacht trollt, beseitige ich das feuchte Malheur. Die nassen Tücher packe ich noch in den Beutel und verbringe den gesamten Sack in die dafür vorgesehene große Tonne nach draußen.

Es ist so wundervoll mild. Es scheint draußen viel wärmer zu sein als drinnen, vielleicht liegt es an der Höhe, dass es mir dort oben so kühl vorkommt? In regelmäßigen Abständen erleuchtet unser Turmlicht den Nachthimmel. Ich spüre wie sich Gänsehaut Pore für Pore auf mir ausbreitet. Ich friere nicht. Es ist diese wohlige Gänsehaut, Wohlfühlhaut. Ich bin fast dankbar, dass Dune ihre Blase entleert hat. Andernfalls wäre ich wohl irgendwann über meiner Liste eingeschlafen und hätte diesen tollen Moment verpasst.

Nebelgrauer Schleier
Umhüllt das Leben
Schwarzer Himmel
Schwarzes Meer
Gleißendes Licht
Erhellt denn Himmel
Bestrahlt das Meer
Rettet das Leben

Weit draußen auf der See fahren Lichter spazieren. Wahrscheinlich ein Kutter, der zur späten Stunde heimkehrt oder sich auf das Auslaufen in wenigen Stunden vorbereitet? Beinahe verliebt schaue ich an meinem Zuhause hoch. Unser Leuchtfeuer wird ihm helfen, damit er sich nicht verirrt, draußen in der schwarzen Nacht. Ein wirklich tolles Gefühl.

Schwanzwedelnd kommt Dune auf mich zu getrappst und setzt sich artig neben mich. Ihre Rute scheint argen Bewegungsdrang zu haben, klopft sie mir damit doch wunderbar regelmäßig gegen die Fußknöchel. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht, atme richtig herzergreifend tief durch und begebe mich zurück. Was freue ich mich auf den Anstieg. Bevor ich Dune wieder durch die Türe lasse, erkundige ich mich nach dem aktuellen Blasenstand. Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber sie sieht schon sehr erleichtert aus. Es steht also nicht zu befürchten, dass es zu weiteren Unterbrechungen meiner Nachtruhe kommt. Dem Hund scheint das alles zu albern. Er quetscht sich an mir vorbei und stürzt bereits nach oben. Ich wünsche mir auch vier starke Beine, gebe mich aber meinem Schicksal der Zweibeinigkeit geschlagen und klettere ihr nach.

Begrüßt vom leichten Brummen des Turmlichts, schleudere ich den Lappen in Richtung Spüle und verfehle diese nur um Sandkornbreite. Kakao ist eben kein Zielwasser. Dune liegt quer über der Koje und ihr Blick sagt mir, dass sie gerne Betten tauschen möchte.

„Nichts da! Das ist mein Schlafbereich und dort ist dein Schlummerplatz. Du liegst nicht in meinem Bereich und ich breite mich nicht auf deinem Platz aus. Ab jetzt!“

Die Hündin weiß, dass sie keine Chance hat und trollt sich. Natürlich legt sie sich nicht ohne diesen schweren mitleiderregenden Seufzschnaufer ab. Ein Lächeln macht auf meinem Gesicht breit – Dune, du bist wirklich eine oscarverdächtige Schauspielerin!

Auf meine Liste habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr. Die Frage mit dem Handy kläre ich Morgen mit mir und die Punkte, die noch auf der Liste fehlen, kann ich auch später noch ergänzen. Seeluft macht müde. Ich werfe noch einen kurzen Blick durch das große Bullauge nach draußen, zwinkere den Sternen zu und lösche sämtliche Kerzen. Gute Nacht mein Herz, gute Nacht Dune, gute Nacht Welt.
Draußen ist es immer noch finster und hätte ich einen Zeitmesser, wüsste ich wie spät es ist. Mein Blick durchs Bullauge landet in der schwarzen Nacht und fern am Horizont sieht es aus, als ob sich der neue Tag langsam heranschleicht. Vielleicht ist es um sieben Uhr herum? Müde sinkt mein Kopf wieder zurück ins Kissen. Dune schläft bombenfest. Meine Bewegungen registriert sie gar nicht. Der Traum der letzten Stunden gräbt sich aus dem Unterbewusstsein nach oben.

Ich sitze vor einer riesigen leeren Kladde und schreibe eine Art Gedicht. Die Worte machen mich zornig und trotzig zugleich. Tränen laufen mir über das Gesicht platschen in salzigen Tropfen auf das Papier. Als wollten sie meine Worte fixieren, träufeln sie sich durch die einzelnen Zeilen. Du stehst hinter mir, legst mir deine große warme Hand auf die Schulter und lächelst. Ohne Worte verstehen wir uns blind. Du weißt was ich denke. Du weißt was ich fühle. Vor allem aber weißt du, dass du mich interessierst.

Wen interessiert es schon?
Was du denkst?
Was du fühlst?
Wie du dich fühlst?
Wie schwarz deine Welt ist?
Wie grau du sie dir malst?
Deine Gedanken an Tod?
Deine Worte über Tod?
Deine Gedanken ans Leben?
Deine Worte über das Leben?
Wie verkorkst deine Tage sind?
Wie schlaflos deine Nächte sind?
Wie zerrüttet deine Seele ist?
Wie zerstört dein Leben ist?
Wie deine Vergangenheit aussah?
Was Heute mit dir geschieht?
Was dich in der Zukunft erwartet?
Die Welt braucht Fun.
Die Welt braucht Spaß.
Die Welt will lachen.
Die Welt will abschalten.
Die Welt will sich amüsieren.
Die Welt will nicht wissen,
Wie du denkst, fühlst, bist.
Wen interessiert das schon?

MICH!

Der Traum ist zu Ende. Langsam verschwindet er wieder im Unterbewusstsein. Das Gefühl, deine Hand auf meiner Schulter zu spüren, bleibt. Ich brauche mich nicht lange überreden. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, bevor ich diesen neuen Tag beginne. Noch ein paar Minuten, in denen ich dieses Gefühl deiner Hand auf meiner Schulter genieße.

Ich will nicht wissen, wie sich die Welt gerade fühlt, was sie denkt oder wie sie ist. Ich möchte einfach nur genießen, und zwar dich. Wohlfühlschlummer.

Die besten Stunden für den Schlaf sind die vor Mitternacht, pflegt mein Mütterchen immer zu sagen. Der wohligste Schlaf verbarg sich jedoch in den Stunden zwischen dem Vorhin und dem Jetzt. Oder waren es nur ein paar Minuten? Draußen verzieht sich in transparenten Schleiern der Morgennebel. Die Sonne steht in prächtigem OrangeGelbRot am Horizont und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon mächtig in der Nase. Am Strand herrscht reges Treiben. Möwen laufen Patrouille auf der Suche nach Krabben und Krebsen. Am Wassersaum liegt eine kleine Robbenfamilie die sich vom Frühstücksfang erholt und von den ersten Sonnenstrahlen das Fell streicheln lässt. Dune schläft immer noch. Das ist auch gut so. So kann ich mich in aller Ruhe sortieren und die Tiere draußen haben noch ein paar Minuten, um den Tag friedlich zu beginnen. Ist der Hund erst losgelassen, war es das nämlich mit der idyllischen Strandruhe.

Ungesund wie jeden Tag ist mein Frühstück. Kaffee und Kippen, das in ausreichender Menge fördert bei mir die Verdauung und gute Laune. Ist beides nur in unzureichender Menge genießbar, dann brauche ich so einen Aufkleber mit schwarzem dicken Rand „Ansprache kann tödlich sein“. Ich bin ein grausliger Morgenmuffel, und wenn dann noch diese beiden für mich wichtigen Tagesstartutensilien wegfallen, dann möchte ich mir bitte nicht selbst über den Weg laufen. Schon für mein Spiegelbild wäre ein solches Treffen verheerend.

Klappert das Geschirr, wird der Hund wach. Und noch bevor sich Dune komplett von ihrem Schlafplatz erhoben hat, mache ich mich vorsorglich auf den Weg zur Tür. 159 Stufen zum Ersten. Was man nicht alles tut. Ich muss grinsen, denke ich doch gerade an diese Sitcom mit Tom Gerhards als Hausmeister Krause: „Alles für den Dackel, alles für den Club!“ Meine Selbsterheiterung findet ein jähes Ende, als sich Dune an mir vorbeidrückt und unrechtmäßig auf der Wendeltreppe rechts überholt. Verschreckt greife ich nach dem Geländer, das an dieser Stelle schon kein festes Gestell mehr ist, sondern lediglich aus drei parallel verlaufenden Trossen besteht. Wie das mit Seilen so ist, sie geben nach, und ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht in diesem Augenblick abgelichtet werde. Das wäre ein geniales Bewerbungsfoto für den Ugly-Face-Award-2006 geworden. Erstaunlicher Weise gelingt es mir ganz gut, mich festzuhalten und gleichzeitig die letzten Stufen in halbwegs vernünftigen Schritten hinter mich zu bringen. Dramatisch wedelnd wartet vor der Tür schon Dune, die den Eindruck vermittelt, als würde sie schon die Hinterbeine zusammenkneifen um nicht wieder den Leuchtturm zu fluten. In der Tat. Kaum vor der Türe setzt sich Madame Dune und öffnet ihr internes C-Rohr. WoW, was für ein Blasendruck am frühen Morgen.





“Vertrau dir! Hör auf dein Herz!…”

31 07 2009

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Immer und immer wieder wiederhole ich diese Worte, fast wie ein niemals enden wollendes Gebet. Dabei schlage ich vorsichtig mit dem Hinterkopf gegen die dicke Mauer und meine Füße und Hände graben sich mit jedem Wort ganz tief in den feinen, von der Morgensonne angewärmten Sand.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Vorsichtig überstrecke ich meinen Kopf. Ich blinzele die roten und weißen Klinker entlang, den Turm empor, in den Himmel, der sich strahlend blau und nur mit ein paar zarten Flusenwolken verziert über das Land spannt.

„Alles wieder gut – Ha! Es kann nicht alles wieder gut werden“, flüstere ich in Richtung Turmspitze, „wie soll denn alles gut sein oder werden, ohne dich? Du hast dich einfach fortgeschlichen, klammheimlich, ohne ein Wort. Und ich? Ich sitze hier, spreche mit Mauersteinen und diesem Turm und soll obendrein noch mit meinen einzelnen Köperteilen kommunizieren? Du bist echt witzig!“

Es ist kaum zu glauben. Haben wir nicht Ende Oktober? Wenn meine Erinnerung mich nicht ganz im Stich lässt, sollte es eigentlich nicht nur bunt, sondern auch schon wesentlich kälter sein. 20 Grad, und das hier an der See. Das durch Kondensstreifen und Flusenwolken durchbrochene Blau des Himmels, deutet eher auf einen wundervollen Sommertag hin.

Ein kleiner unförmiger schwarzer Käfer kämpft sich mit hektisch rudernden Bewegungen unter meiner dicken Zehe hervor. Für den armen Kerl muss sich meine Fußgymnastik im Sand anfühlen wie ein Erdbeben der Stärke 10 auf der Käferbeben-Skala. Während cirka hundertdreißig Sandkörner weiter, in sicherer Entfernung, ein weiterer Käfer scheinbar auf den Strampler wartet, versuche ich meine Zehen still zu halten, um es dem armen Kerl nicht noch schwerer zu machen als er es sowieso schon hat. Ob Käfer Nummer 2 wohl die Lebensabschnittsgefährtin ist? Woran erkennt man bei Käfern welches Geschlecht sie haben? Was denke ich mir eigentlich für ein Zeug zusammen? Wahrscheinlich erinnert mich der kleine Kerl im Augenblick viel zu sehr an mein eigenes Gestrampel und Gekämpfe, womit ich auch schon wieder beim Thema wäre. Wie waren doch noch gleich deine esoterisch anmutenden Wortfolgen?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Fehlt nur noch der Yogaknoten in den Beinen und ein brummiges, wohlfühliges Ommm am Ende. Es ärgert mich so sehr. Ich weiß du hast Recht. Ich weiß es, weil du ja immer Recht hattest. Aber jetzt und hier scheint halt alles ein bisschen aussichtslos und dann beamst du dich in meine Gehirnwindungen und ich zermartere mir mit deiner beschwörenden Formel den Kopf. Nicht zu fassen, dass du nach wie vor diese Magie verbreiten kannst, mich so in deinem Bann hältst und mich dermaßen fesseln kannst. Es sind nur Worte, es sind deine Worte, und damit machen sie auch einen Sinn für mich. Denn Niemand sonst kennt mich so wie du. Niemand sonst hat ohne mit der Wimper zu zucken so in mich hineingeschaut, mit seinen Blicken mein Innerstes nach Außen gekehrt. Bei niemandem sonst ist Gesagtes und Gefühltes so sicher und geborgen. Niemand anders ist so verschwiegen und vertrauenswürdig. Nach fast einem halben Jahrhundert Leben bist du der einzige Mensch, der sich Gesagtes, Gefühltes und Gezeigtes nie zu eigen gemacht hat. Du gehörst nicht zu den Jägern die ein scheues Reh freundlich anschauen um ihm dann mit eiskaltem Blick den Fangschuss zu setzen. Du hast nie ein Wort vergessen. Dir ist nie ein Gefühl entgangen. Und nichts von alledem, was gesagt oder gefühlt wurde, hättest du je als Waffe eingesetzt. Dennoch pieken mich deine Worte manchmal wie die feinen kleinen Nadelstiche eines Eiswindes.

Dune hat die letzte viertel Stunde  damit zugebracht dem kleinen Käfer zu zuschauen, wie er um sein Leben kämpfte und dabei hat sie gar nicht gemerkt, wie sie ihren Kampf verlor, den Kampf gegen die Müdigkeit. Sie seufzt mehrmals laut auf, dreht sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich und macht den Eindruck als träumt sie gerade von einem Monsterknochen. Vielleicht auch von Möwen. Ich hingegen werde mich jetzt langsam aber sicher mal für den Tag fertig machen. Auch wenn ich noch Stunden hier sitzen könnte, es gibt noch so viel zu tun. Es ist Oktober und wir haben sagenhafte 20 Grad. Aber irgendwann kommt doch der Winter und dafür muss noch so manches erledigt werden, hier am Leuchtturm

lt_grey Meine kleine Insel Heimat

Nur für Mich

Ein großer Turm bietet Schutz

Ein großes Meer schirmt ab

Einsam?
Nein!

Ich habe den Turm.

Ich habe das Meer

Ich habe mich!

Vielleicht sollte ich mir eine Liste machen, was noch alles zu tun ist.

  1. Weihnachten abschaffen
  2. Läden meiden, die Weihnachtsmusik spielen
  3. Geschäfte boykottieren, die seit Ende August schon Spekulatius verkaufen

Ohje, das wäre so, als würde ich mir den Leuchtturm selbstständig unter dem Hintern wegsprengen. Ich muss das anders anpacken.

Was bin ich froh, dass ich heute lebe und nicht mehr im Vorgestern. Seit 1950 funktionieren Leuchttürme automatisch. Leuchtturmwärter und –wärterinnen werden seit dieser Zeit nicht mehr gebraucht und wenn nicht gerade jemand wie ich, aus nostalgischen oder romantischen Beweggründen, sein Leben in einem solchen Turm oder seinem Anbau verbringt, werden Leuchttürme nur noch von Wartungsdiensten oder Touristen besucht. Der letzte deutsche Leuchtturmwärter ging 1998 in Hiddensee vom Turm. Die 52 Leuchttürme in der Nord- und Ostsee und in der Deutschen Bucht werden von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes betrieben. Die Köpfe der Türme werden elektronisch gesteuert und regelmäßig gewartet. Sensoren messen meteorologische Daten und den Wasserstand, Zeitschaltuhren kümmern sich um Licht, wenn es zu dämmern beginnt. Wenn die große Leuchte nicht mehr funktioniert, wird in den Verkehrszentralen, die den Schiffsverkehr überwachen, Alarm ausgelöst. Ein sogenannter Videograph, der ähnlich wie ein Radargerät funktioniert, wertet die Feuchtigkeitswerte in der Luft aus und schaltet automatisch das Nebelhorn an, wenn es nötig ist. Geistertürme? Seelenlose technisierte Mauertürme im Meer? Nein, so kann man das nicht sehen, und ich sehe das sowieso schon mal ganz anders. Jeder einzelne Leuchtturm hat nach wie vor eine große Bedeutung und wird bei aller Technik nie überflüssig sein. Das Licht eines Turms hat seit jeher dem Menschen geholfen, sich auf den Wasserstraßen zurecht zu finden und dafür wird er auch in Zukunft noch gebraucht.

Und du Turm bist sowieso eine ganz besondere Marke. Du bist meine kleine Insel Heimat und ich habe noch nicht eine Sekunde hier bereut. Aber ich schweife schon wieder vom Thema ab. Langsam muss ich mir wirklich Gedanken machen. Gedanken über das Morgen und über Übermorgen.

Da sind sie wieder, die vielen Buchstaben, welche Worte ergeben und Sinn machen sollen. Deine Worte.

Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”








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