Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

Lichte® Kommunikation

Letzte Ratschläge

erteilt dir die untergehende Sonne mein Freund

Letzte Ratschläge

die wie du Wärme spenden

Sicherheit bieten

Stärke demonstrieren

Liebe geben kannst

Leuchtender Planet rät leuchtendem Turm

Licht empfiehlt dem Licht

Lichte® Kommunikation






Vertrau dir! Horch auf dein Herz!

30 10 2009

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“ Der Satz, der schon fast so etwas wie ein Gebet für mich ist. Ich frage Max, ob er sich daran erinnern kann, dass er mir diesen Rat so ähnlich auch schon gegeben hat und umreiße kurz, wann du ihn mir das erste Mal gegeben hast. Ich frage den Sandburgenbauer, ob er sich an unsere Diskussion über das „Nichts“ erinnert und gebe unsere Auseinandersetzung, die fast gleichlautend ablief, wieder. Die Sache mit dem „Rausmüssen“, mal eben um den Block oder mal eben an den Strand. Zwei grundverschiedene Menschen, die, Jahre versetzt, ähnliche Erklärungen abgeben, in gleichen Wortlauten sprechen. Und dann dieses Wohlfühlen. Diese „Elektrizität“ bei Berührungen, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, Max Blicke, wenn er auf das Meer hinausschaut – ich versuche ihm zu erklären, dass ich all das irgendwie schon einmal erlebt hab, in meinem früheren Leben mit dir, in meinem wirklichen Leben. Ich versuche meine Angst in Worte zu kleiden, als ich Max so krank im Bett vorgefunden habe. Es war beinahe die gleiche Angst und Panik, wie ich sie jedes Mal empfand, wenn du auf Entzug warst, wenn du dir ohne fremde Hilfe das Gift aus den Poren geschwitzt hast, randaliertest und beinahe krepiert bist vor Schmerzen und Sucht.

Max vergräbt sein Gesicht in seinen großen Händen und weint. Ich unterbreche meine Ausführungen. Es war doch zu viel. Doch bevor ich mich entschuldigen kann, sagt er immer und immer wieder „Kleines es tut mir so leid, es tut mir so unendlich leid.“ Er kann doch nichts dafür. Er ist weder drogenabhängig, noch trägt er für irgendwas von dem, was ich gerade erzählte, die Verantwortung. Aber er entschuldigt sich ohne Unterlass, bis ich ihm die Hände vor dem Gesicht fast fortreiße und ihn anschreie, er soll damit aufhören.

Es war wirklich zuviel für ihn und ich werde wütend auf mich selbst, dass ich mich so habe gehen lassen. Ich hätte doch spüren müssen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Langsam helfe ich ihm auf und bringe ihn zurück in die Koje. Max legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Er spricht kein weiteres Wort, sagt nur Danke, wenn ich ihm einen Tee bringe, verweigert das Essen und schaut stur vor sich hin. Ich selbst habe das Gefühl, das alles nicht mehr zu ertragen, ich komme nicht mehr an ihn heran, als hätte er sich seinen eigenen Turm und sich herum aufgebaut. Als ich den alten R4 von Max anfahren höre, atme ich auf. Da kommt Jacques. Ich muss hier raus.

Ich bitte Jacques sich ein oder zwei Stunden um Max zu kümmern. Kurz umreiße ich, was passiert ist, und dass sein Freund seitdem beinahe autistisch im Bett liegt. Wenn jetzt noch jemand an ihn herankommt, dann vielleicht der alte Viehdoktor, der ihm so nahe steht. Ich greife mein Ölzeug, rufe Dune und laufe auf den Strand hinaus. Es regnet in Strömen. Es regnet so heftig, dass durch das Prasseln nicht mal mehr das Meeresrauschen heraus zu filtern ist. Egal. Und wenn ich nass bis auf die Knochen werde. Ich muss weg hier. Ich brauche Luft zum Atmen. Dune macht auf halbem Weg wieder kehrt und läuft zurück zum Turm. Soll sie doch. Sollen sie mich doch alle alleine lassen. Ich brauche niemanden. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich will mit mir alleine sein. Auch dich will ich nicht. Ich weiß, dass das nicht möglich ist, denn du bist immer bei mir. Ich weine, ich schreie und das Gute ist, dass niemand meine Schreie hören kann. Sie peitschen hinaus auf die offene See, wo sie sich in selbstmörderischer Absicht in die Wogen stürzen. Diese unglaubliche Wut muss hinaus. Die Wut auf dich. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dem Menschen, der mir zur Zeit am Nächsten steht, unglaubliches Leid zugefügt. Ich weiß nicht wieso – aber ich habe Max gesehen, in seinem Leid. Und es ist meine Schuld.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“

Nichts ist gut. Gar nichts! Hörst du? G a r N i c h t s !!!

Ich muss nur aufstehen, loslaufen, die Zähne zusammenbeißen und ich darf, sobald ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, keine Bewegungen machen, die mich oben halten. Was heißt Boden unter den Füßen, den habe ich mir selbst schon weg gezogen. Einfach ins Meer hinein laufen, immer weiter, immer tiefer hinein in die stürmische Umarmung aus eiskaltem Wasser, sprudelnder Gischt und Algen. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen und ich sitze immer noch regungslos im Sand und hadere mit mir und dieser Welt. Ich verstehe sie nicht, diese Welt und ich verstehe mich erst recht nicht. Die Schreie werden mehr und mehr zu einem grausamen Gekrächze, und es kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Möwenherren vorbei geflogen kommen, in der Annahme hier hocke ein paarungsbereites, hysterisches Möwenweibchen. Wobei das mit dem Hysterisch ja stimmt. Ich muss wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Es wäre das erste Mal, dass die Geister auf mich gehört hätten. Ich hab es ja laut genug zum Ausdruck gebracht, dass mich alle in Ruhe und alleine lassen sollen.

Irgendwie rappele ich mich hoch, trete mir die furchtbaren und eh durchweichten Turnschuhe von den Füßen und laufe barfuß, jedes Sandkorn unter den Sohlen genießend, zum Meer. Die Jeans hat mindestens das Doppelte an Gewicht zugelegt, so nass ist sie mittlerweile und sich mit dem Sand verbündend scheuert sie mächtig an den Fußgelenken. Das Wasser ist eiskalt und in mir und um mich herum zieht sich alles zusammen, was willkürlich und unwillkürlich dazu in der Lage ist. Ich bekomme eine ganzflächige Gänsehaut und bemerke sogar hinter den Ohren, wie sich die kleinsten der kleinen Härchen aufstellen. Einen Fuß setze ich vor den anderen und kämpfe gegen die Kraft der Wellen an. Meine Zehen greifen in den sandigen Meeresboden und ich könnte glaube ich behaupten, dass es trotz der Kälte meinen Füßen gut geht, wenn ich sie denn noch spüren würde. Die Hose wird immer schwerer, zieht vom Bund her mächtig nach unten, da ich aber schon bis zu den Knien im Wasser bin, löst sich dieses Zuggefühl nach unten hin auf. Einen Schritt setze ich vor den anderen, den Blick starr auf den grauschwarzen Horizont gerichtet.

Der Regen ist hier kaum mehr zu spüren. Der Wind bläst so heftig, dass er sich hier im Meer als feiner Nebel verteilt. Und da ich sowieso schon klitschnass bin, ist mir der Regennebel auch egal. Vor mir baut sich eine Welle auf, die aber gleich von zwei weiteren Wogen in die Zange genommen wird und in ihnen verschwindet. Doch direkt dahinter kommt bereits die Nächste. Da ich meinen Blick wieder an den Horizont geheftet habe, bemerke ich sie erst, als es schon zu spät ist. Die Welle greift mich um die Hüfte, sie schnappt sich meine Arme und drückt mir mit aller Gewalt gegen die Brust. Ich taumele und schreie, ich schwanke und fluche, ich falle. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in alle Öffnungen natürlicher und unnatürlicher Art, die es finden kann. Die Augen brennen und ich kann sie nicht öffnen und ich habe noch keinen Boden unter den Füßen. Plötzlich im Trudeln spüre ich, wie mein Hinterteil aufsetzt. Ich stoße mich vom Untergrund kräftig ab und schieße wie ein übergewichtiger Wal in eigentümlichem Gewand aus dem Wasser. Als ich den Meeresboden erneut unter den Füßen spüren kann, balanciere ich mich bestmöglich aus, um nicht gleich wieder einer Welle zum Opfer zu fallen. Bis zur Hüfte stehe ich bereits im Wasser und ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich noch ganz dicht bin. Ich muss dem Wahnsinn anheim gefallen sein. Anders ist dieses Affentheater wohl kaum zu erklären. Das Meer schiebt mich zurück an Land. Die Schritte sind größer und weiter. Dank Rückenwind und -wellen, bin ich bald zurück an Land. Rechts neben dem Leuchtturm sieht ein Wolkengemälde aus wie der Saturn, der sich in eine Wolke zum Ausruhen eingebettet hat. Ein Planet der sein Paralleluniversum gefunden hat? Ich friere. Das Gefühl, das mir bereits in den Füßen fehlt, fehlt mir nun auch in den Armen und Händen und Oberschenkeln. Mein Hintern fühlt sich an wie eine Eisbombe und schmerzt furchtbar an einer Weichteilstelle. Als ich am Leuchtturm ankomme, sitzt Dune mit mitleidigem Blick in der Türe und erwartet mich. Wort- und regungslos drücke ich mich an ihr vorbei. Sie war es, die mich im Stich gelassen hat. Sie ist einfach weggelaufen. Dann werde ich sie jetzt sicher nicht dafür loben, dass sie im Hausflur auf meine Heimkehr gewartet hat.

“Kleines? Was um Himmels Willen ist passiert? Wie siehst du aus? Du bist ja nass bis auf die Knochen!”

“Es ist nichts passiert.”

“Willst du mich veralbern? Du kommst nach Hause, siehst aus wie ein nasser Sack, sagst nichts, gehst an mir vorbei, lässt dir ein heißes Bad ein und sagst, es ist nichts passiert?!”

“Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.”

“Ach, und so nass bist du, weil dort, wo du warst, punktuell ein überdimensionaler Regenschauer runtergekommen ist oder was?”

“Nein, ich war im Rhein.”

“Du warst was? Im Rhein?”

“Im Rhein. In der Sieg war ich ja schon. Im Rhein noch nie!”

“Hallo? Spinnst du? Es ist November und draußen sind es drei Grad. Okay, es sind drei Grad plus, aber es sind drei Grad. Du hättest dir den Tod holen können!”

“Stimmt, hätte ich. Und?”

“Wie und? Was ist denn los mit dir?”

“Stimmt, hätte ich. Ich bin aber hier. Lebe noch. Und jetzt nehm ich ein Bad!”

“Kleines, bitte rede doch mit mir! Was ist denn passiert?”

“Es ist nichts passiert Schatz. Ich war blue, ich war moody und dieses Wasser hatte einfach eine furchtbare Anziehungskraft. Erst war ich mit den Füßen drin, dann kam ein Tanker, dann ne Welle, von der Unterströmung brauch ich dir ja nichts zu erzählen, und dann lag ich halt drin – umarmt von Vater Rhein, besser als von keinem Vater umarmt zu werden, oder?”

“Du bist auf Stress aus, oder?”

“Nicht wirklich. Ich hab nur keinen Bock da jetzt ein Drama draus zu machen. Darf ich jetzt baden?”

“Tschuldigung. Ich dachte nur du wolltest…”

“Was wollte ich? Schluss machen? Die Welt rausschmeißen. Hey du, das ist dein Job, dein Privileg, darauf hast du ein Abo. Ich wollte nur ans Wasser und nicht gleich ins Wasser. Zumindest nicht so. Mach dir keinen Kopf. Deine Kleine rastet nicht gleich aus und verabschiedet sich vom Leben, nur weil der wichtigste Mensch es wieder nicht geschafft hat. Wenn du mit den Rückfällen leben kannst, kann ich es schon lange. Ich liebe dich so wie du bist. So wie ich dich kennen gelernt hab. Und wenn der Dreck dazu gehört, dann ist es eben so.”

“Darf ich mit in die Wanne?”

“Darf ich mir auch nachher Einen drücken? Nee??? Also. Noch Fragen?”

Ich hasste diese Diskussionen, die eigentlich niemand brauchte, die aber doch immer wieder irgendwie Klarheit schafften und nötige Grenzen setzten.

Dass der R4 nicht mehr vor dem Turm steht, ist mir gar nicht aufgefallen. Als ich hochkomme, ist die Koje gemacht, es ist aufgeräumt, Max ist weg und Jacques auch. Kein Wunder, dass mich Dune so dämlich angeglotzt hat, als ich eben kam. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Nein, es ist fast schon ein Briefchen. Da ich Max Handschrift kenne, gehe ich davon aus, dass diese für einen Doktor vollkommen untypische klare Handschrift, die von Jacques sein muss. In dem Alter möchte ich auch noch so eine schöne Handschrift haben, wobei ich die heute schon nicht mehr habe. Dank Rechner und Tastatur, wird einem Menschen das Schönschreiben ja richtiggehend abgewöhnt. Auch habe ich mir abgewöhnt, erst zu denken und dann zu handeln. Das kann man zumindest annehmen, wenn man mich dabei beobachtet, wie ich mich gerade mit triefenden Klamotten auf die Couch setze. Jetzt ist sie eh nass, dann kann ich auch sitzen bleiben.

„Mach dir keine Sorgen“ – Nette Form einen Brief zu beginnen, und so sinnig in dieser Situation

„Max geht es nicht sehr gut“ - Ach was, wie kommt er denn darauf? Wieso bin ich so aggressiv? Vielleicht wegen der nassen Klamotten.

„Ich soll dir ausrichten, dass du dir keinen Kopf machen sollst.“ - Zu spät, würde ich sagen.

„Ich habe Max erstmal mit zu mir genommen. Meine Frau wird ihn schon wieder hochpäppeln.“ - Und das vollenden, wozu ich nicht in der Lage war.

„Lass ihm einfach ein bisschen Zeit. Er wird sich in den nächsten Tagen bestimmt bei dir melden.“ – Bis dahin bin ich erfroren, wenn ich jetzt nicht zum Ende komme.

„Die Tiere habe ich noch schnell gefüttert. Ich weiß ja nicht, wann du wieder zurück bist.“ – Ich bin hier und meine Finger sind so kalt, dass ich die Dosen sowieso nicht aufbekommen hätte.

„Nun lass dich ganz herzlich umarmen.“ – Besser nicht – ich bin nass.

„Auch von Max und er sagt, dass er dich liebt.“ – Ach, darum hat er sich entführen lassen.

„In Freundschaft, Jacques“

Wie lange ich hier schon sitzen mag? Die halbe Sitzfläche der Couch ist durchnässt, demnach also schon ein Weilchen. Die Finger sind blau gefroren und meine Lippen und Zähne klappern aufeinander im Tempo einer Maschinengewehrsalve. Jetzt aber nichts wie ab unter die heiße Dusche, sonst bin ich Morgen wirklich tot. Die Jeans sitzt, wahrscheinlich das aller erste Mal, bombenfest und ich brauche eine Ewigkeit, um sie mir vom Körper zu schälen. Meine Haut ist klamm und eiskalt, darum bin ich lieber vorsichtig bei der Dosierung des heißen Wassers. Es tut so gut, es tut so unglaublich gut, das warme Nass zu spüren. Und auch wenn es kaum mehr möglich scheint, bekomme ich eine weitere Gänsehaut, die sich wohl einfach über die Erste drüberstülpt. Ganz vorsichtig drehe ich das heiße Wasser auf und ich bilde mir ein, dass es auf meiner Haut nur so zischt. Dichter Nebel macht sich in der Kabine breit. Ich hocke mich hin, stütze meinen Kopf in die Hände und weine. Am Liebsten möchte ich jetzt einen Boxkampf austragen. Mich mit einem ebenbürtigen so lange prügeln, bis einer von uns aufgibt. Ich bekomme Angst vor mir selber. So aggressiv kenne ich mich gar nicht. Und wenn so ein Zustand sich mal angenähert hat, war es nach der Urschreitherapie, wie ich sie bereits am Strand durchgeführt habe, hundertprozentig erledigt. Doch heute ist wieder einmal alles anders, scheinbar verzwickter, unverständlicher, trauriger.

Das Verhalten von Max kann ich nicht einordnen. Was hat ihn verstummen und schließlich flüchten lassen? Das entspricht alles so gar nicht diesem verworrenen Bild, das ich bis heute von ihm hatte. Er liefert mir Puzzleteile, die überhaupt nicht zu passen scheinen. Sie sind andersförmig, andersfarbig, andersfühlig. Da machte die Parallele einen Knick und die eine Gerade führt nun in eine ganz andere Richtung. Ich lasse mich auf meine vier Buchstaben hinab und stelle fest, dass es dort immer noch furchtbar schmerzt und brennt. Vorsichtig taste ich die Stelle ab und komme zu der Diagnose “Arsch aufgerissen”. Irgendwo muss ich mich an einem spitzen Stein geschnitten haben. Das kann nur im Wasser passiert sein, als ich wie ein Klops durch unter den Wellen hergetrudelt bin. Mein späterer Blick auf meine Jeans, wird mir diese Theorie bestätigen. Ziemlich mittig auf der rechten Pobacke prangt eine dicke 5 und gewährt mir den Durchblick.

Diese Dusche ist einfach der Hammer. Das Wasser wird warm, es ist warm, es bleibt warm und es spielt gar keine Rolle, wie lange es dauern soll. Meinetwegen ewig. Ich möchte hier vorläufig nicht mehr weg. Ich will es rieseln hören und ich will es spüren. Das Streicheln meiner sich aufwärmenden Haut, es tut so wohl. Sitzen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis sich irgendwer hier her verirrt, der mir das Wasser abdreht, oder bis Dune mich heraus schubbst. Von außen klingt ein klägliches Maunzen an mein Ohr. Fee scheint mich zu vermissen, oder ihr siebter Sinn sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Als ich hinter der Duschabtrennung vorschaue, sehe ich, wie sie sich auf meinen nassen sieben Sachen zusammen rollt. Das kann nicht bequem und kuschelig sein. Wahrscheinlich ist es einfach mein Geruch, der sie zu dieser Haltung treibt. Mein Geruch und der Duft der großen weiten Seewelt da draußen. Mittlerweile ist der Abend angebrochen, es ist dunkel. Es ist dunkel und ich sitze immer noch unter dem Duschstrahl, der mich mit der Wärme verwöhnt, die der Rest der Welt gerade schmählich vermissen lässt.





Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Nachteilig an den Selbstgesprächen ist,

16 10 2009

Nachteilig an den Selbstgesprächen ist, dass ich mir auf die Fragen, die ich mir stelle, nur in den seltensten Fällen auch befriedigende Antworten erhalte. Selbst Fee, die sich mal wieder aus meinem Brusttaxi mit dem Köpfchen herauswagt, schnurrt nicht, maunzt nicht, sagt nix, staunt nur.

(c) Kurt Detlev Schulz

Mit ganz vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Stelzenhaus zu, wahrscheinlich mit der Angst im Nacken, dass es gleich einen riesigen Knall tut, und sich das Ding vor meinen Augen wieder in Wohlgefallen auflöst. Aber es knallt nicht, auch löst es sich nicht auf, sondern wird, je näher ich komme, immer imposanter und schöner. Das hat kein stinknormaler Architekt hier her gebaut, das war ein Künstler. Wundervolle Ornamente im Holz lassen auf ein hohes Maß an Kreativität schließen. Und auch die Figuren am Dach, ähnlich den steinernen Gargoyles an Schlössern und Burgen beeindrucken mich zu tiefst. Bei aller Begeisterung und Bewunderung, habe ich aber immer noch keine Antwort auf meine Fragen – außer vielleicht auf die, ob ich spinne, denn dieses Haus steht tatsächlich hier rum, und ich davor.

Mit Abstand gehöre ich zu den unmutigsten Menschen dieser Welt. Andernfalls wäre ich dir sicher schon gefolgt. Aber ich bin auch einer der Menschen, die ständig Opfer ihrer nicht selten maßlosen Neugierde werden. Und auch wenn ich sehr unbeteiligt tun kann, so kocht in mir doch immer der große Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Gut, hier steht das Ding auf Pfählen und nicht wirklich plan auf Grund. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, was sich hinter dieser ausgeklügelten Schnellbauweise verbirgt und ganz sicher will ich wissen, wer es wagt, hier in „meiner“ Bucht, solch einen Kawenzmann von Holzbau hinzusetzen. Ich schubbse Fee zurück an meine Brust und schließe vorsichtshalber die Knöpfe der Fleecejacke. Mit bedachten Schritten erklimme ich die Holzstiege, die, durch Regen und Wetter schon sehr glitschig ist.

Gedankenpfahlbau

Gefühlsstreben

kreuz und quer

stark wirkend

aus dem Sand ragend

vom Gedankenmeer umspült

Auf der Terrasse des Pfahlbaus steht eine kleine, schmucke, blaue Holzbank, auf die ich mich setze. Den Rucksack nehme ich ab und auch Fee bekommt ihre Freiheit wieder. Ich pflücke sie aus dem Brusttuch und setze sie mir auf die Schulter. Auf den Schrecken brauche ich erstmal einen Kaffee und eine Zigarette. Ich muss nachdenken.

Einmal stehe ich noch auf und versuche in die kleinen Hexenhausfensterchen zu schauen, die aber, durch kleine Gardinen verhängt, keinen weiteren Einblick in den Bau möglich machen.

Gedankenverloren starre ich in die Bucht, beobachte das immer noch sehr unruhige Wasserspiel des Meeres und stelle mir weitere tausend Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Ohne Uhr, ist eine Zeitmessung schon ziemlich schwierig. Paart man diesen faktischen Zustand mit meiner Angst um Dune, dem Erstaunen über diesen Pfahlbau, die Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, dem Glück die Delfine gesehen zu haben und der Tatsache, die niedlichste Katze der Welt auf den Schultern sitzen zu haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie lange ich hier schon sitze. Du würdest jetzt die Prüfung mittels Sonnenstand vorschlagen. Wobei ich leider nicht weiß, wo die Sonne stand, als wir her kamen, geschweige denn, ob sie überhaupt schon stand oder sich noch durch die Wolkendecke boxte, die zwar zwischenzeitlich dünner und löchriger wurde, aber eben immer noch den Großteil in dunkles Grauschwarz taucht. Nicht eine Fußspur ist, von meiner abgesehen, im dunkelweißen Sand auszumachen. Wie kann jemand ein solches Haus hier hinbauen, ohne Spuren zu hinterlassen? Gut, es war die letzten Nächte mehr als stürmisch, aber das so gar nichts zu sehen ist? Trauriger Weise kommt hinzu, dass ich nicht nur keine Fuß- oder Bauspuren sehen kann. Es gibt nicht einen Pfotenabdruck. Ich hatte so gehofft, hier in der Bucht eine Spur von meiner Dune zu finden. Eine Fährte und sei sie auch noch so klein. Doch bis auf meinen Trampelpfad hier her, gibt es keine Anhaltspunkte auf intelligentes Leben in der Bucht.

Bevor mein Krautsalat im Kopf übersäuert und ich in Weltenübel verfalle, gehe ich weiter. Zum Hafen ist es jetzt nicht mehr weit und dort werde ich irgendwo, irgendwie, mit irgendwem meine Datei auf der CD in gedruckte Plakate umwandeln. Die CD? Habe ich die CD eingesteckt? Hektisch drehe ich den Rucksack auf Links und verschütte dabei fast meinen Kaffee. Kaum zu fassen, dass ich noch über soviel Reaktionsvermögen verfüge und das verhindern konnte. Ich glaub es nicht. So dämlich kann selbst ich nicht sein. Ich hab sie nicht eingesteckt. Im Rucksack ist alles, Binden, Tampons, ein paar herumfliegende Cents, ein Döschen Schlabber für Fee, meine Geldbörse, eine asbachuralte Mahnung aus meinem asbachuralten Leben und das Buch „Strandgeflüster, die Spurensuche“, das ich immer noch nicht gelesen habe, aber schon so viele Eselsohren hat, als sei es mein absoluter Lieblingsschmöker. Nur keine CD, nicht mal ein leeres Jewel Case. Nix, nothing, nada. Es ist zum Heulen, was ich auch gleich tue.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

„Du siehst doch, was passiert, wenn ich mir vertraue“, brülle ich auf den Strand hinaus, und versetze damit Fee solch einen Schrecken, dass sie neben mich auf die Bank in meinen Rucksackinhalt springt.

„Dune ist fort, hier stehen komische Häuser in meinem StrandStaub und ich bin zu blöd an eine CD zu denken, die ich brauche, wenn ich Dune wiederfinden will. Verdammt noch mal! Tu was! Hilf mir doch bitte!!!“

Am Liebsten möchte ich jetzt mit einer Axt in diesen Pfahlbau hineinschlagen und ihn zu Milliarden kleinen Streichhölzern und Zahnstochern verarbeiten. Ich habe so eine unendliche Wut in mir. Jetzt muss ich nur den Dreh finden, diese Wut und Aggression in positive Energie umzuwandeln. Ich pfeffere mein Hab und Gut zurück in den Rucksack, reduziere mein Tempo und meine Kraft und verfrachte Fee zurück in das Brusttuch, schließe die Fleecejacke, packe noch den Ostfriesennerz in den Rucki und weiter geht’s. Dann muss ich halt jeden Menschen einzeln ansprechen, Dune beschreiben und fragen, ob sie gesehen wurde. Wie gut, dass ich auch ihr Bild in meinem Portemonnaie mitführe.

Immer noch wutschnaubend „laufe“ ich im Hafen auf. Am Kai noch quatsche ich die ersten Fischer und Matrosen an, die nur achselzuckend an mir vorbei gehen. In den Geschäften kennt niemand einen Hund, der so aussieht wie meiner und ein Streuner ist auch niemandem aufgefallen. Drei Stunden spreche ich mit allem was zu Dialogen fähig scheint, frage ich mir wildfremde Menschen Löcher in den Bauch und werde von einem Nein zum Nächsten ständig desillusionierter. Diese Suche kann schlicht und ergreifend als sinnfrei gewertet werden. So ein Quatsch aber auch, als würde sich Dune freiwillig in solche Menschenmassen begeben. Sie, die Strandhündin, die ewig brauchte, bis sie mit mir mal ein kleines Dörfchen zum Einkauf besucht hat und die lieber an der Promenade fünf Stunden auf mich wartet, als auch nur eine Pfote auf befahrenen Asphalt zu setzen. Meine Verzweiflung ist grenzenlos und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor es wieder Nacht ist. Dann habe ich einen ganzen Tag verloren. Nein, einen ganzen Tag minus einem Morgengrauen, denn das Stündchen mit Delphi und Finchen darf und kann ich nicht als Verloren betrachten. Soviel zum Glück des Tages. Es war das Glück einer Stunde und ihm folgte kein Weiteres. Ich stürze mich in die Hoffnung, dass Dune vielleicht am Turm ist, besser noch im Turm, denn den Balken habe ich dort liegen lassen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie auf der Couch oder auch in meiner Koje liegt und auf mich wartet.

Die Laune der Rückkehr wird noch untermauert, durch wieder wechselndes Wetter. Es beginnt zu regnen. Aber was kann mir das schon noch. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder doch?

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Glasklare Tropfen

aus grauen Wolken,

vom schwarzen Himmel.

Glasklare Tränen

aus blauen Augen,

ins schwarzblaue Meer

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Entsprechend der Geschwindigkeit des peitschenden Niederschlags, erhöhe ich die Schlagzahl meiner Schritte, was mir meine Knochen sehr verübeln. Im nassen schweren Regensand zu laufen, mit Gummistiefeln an den Füßen, ist für sie eine arge Strafe. Im Augenblick ist mir eigentlich so alles pummel. Ich bin am Ende. Am Ende meiner Kräfte. Am Ende meines Vertrauens. Ich höre mein Herz nicht mehr und mein Bauch fühlt sich nur leer und kalt an. Wenn es irgendwie so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann, dann…, oh bitte, bitte, bitte, lass Dune im Turm auf mich warten und mich vollkommen unverständig zusammen bellen, weil ich so lange fort war, ohne sie mit zu nehmen. Bitte, Bitte, Bitte.

Die letzten Meter bis zum Leuchtturm schaffe ich kaum noch. Soll ich rennen oder soll ich meiner Angst freien Lauf lassen? Nehme ich Anlauf oder gehe ich Schritt für Schritt auf die Enttäuschung zu? Taumele ich ins Glück oder wanke ich in einen intensiveren Zustand tiefster Traurigkeit?

Stürmisches Ich

Windstärke 7

Gefühlssturm Stärke 8

Gedankentornado Stärke 9

Sehnsucht Hoch 10





Ich ziehe mir die Kuscheldecke über

23 08 2009

Ich ziehe mir die Kuscheldecke über und mache mich lang. Fee rollt sich auf meiner Brust zusammen. In beiderseitigem Einvernehmen wird der wortlose Beschluss gefasst, dass wir, bis Dune irgendwann wieder Einlass begehrt, uns unseren Träumereien hingeben. Ich weiß nicht, wovon meine Katze träumt. Vielleicht von einem stattlichen Kater? Wobei sie eigentlich noch viel zu jung für solche nicht jugendfreien Träume ist. Ich träume mich zu dir, in deine liebevolle zärtliche Umarmung, ganz dicht zu dir.“

Ich ziehe mir die Decke über die Nase, während meine Füße sich am Ende meines Körpers, fest im Stoff einwickeln. Nichtstun macht müde, und wenn ich müde bin, friere ich. Wobei ich sowieso eine Frostnase bin. Zaghaft öffne ich ein Auge, um blinzelnd festzustellen, wo ich bin, ob ich bin wo ich sein will und ob alles gut ist. Die Couch, der Raum, das beruhigende Brummen der Leuchtfeuertechnik über mir, es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Wo ist Fee? Ich lupfe die Decke von meiner Nase und wickele meinen Kopf leicht aus der selbstgedrehten Kuschelhöhle heraus. Hier bei mir ist sie nicht. Ich schrecke auf, habe Angst, dass ich sie zerdrückt haben könnte oder so von mir heruntergekickt, dass sie verstört irgendwo um mich herumliegt. Nie ist nicht zu sehen, nicht in meiner direkten Umgebung und ich setze mich widerwillig aber mit steigendem Puls auf. Als ich endlich meine Knochen in die Sitzposition gequält habe, habe ich freien Blick auf den riesigen Korb, den ich für Dune und ihre Familie angeschafft habe.

Fee, bedingt durch ihre Fellfarbe, fällt in dem großen Geflecht und auf der eierschalfarbenen Kissenmasse gar nicht auf. Sie liegt mittig im Korb, wie immer, wenn sie sich gut fühlt, wie ein kleiner Fennek zusammengerollt und man kann hinter ihrem krummen, buschigen Schwanz gerade so ein Gesichtchen erahnen. Ich fingere nach meiner Kamera, die, seitdem ich sie hier habe und seitdem Fee eingezogen ist, immer zum Abschuss bereit liegt. Selbstverständlich bleibt mein Gekrusche nicht unbemerkt und Fee hebt kurz ihren Kopf, gibt ein knappes „Miaunz“ von sich, als wolle sie mich schimpfen, warum ich so eine Hektik verbreite, und rollt sich noch enger zusammen. Nach dem fünften oder sechsten Aufflackern des Blitzes wird es ihr zu doof und das kleine Fellknäuel erhebt sich. Ich ärgere mich schon ein wenig, weil ich sie so gestört habe und weil nur so wenig Bilder aus diesem Stilleben im Korb entstanden sind. Die kleine Katze kommt mit hocherhobenem Schwanz auf mich zu, was richtig lustig ausschaut, da der Knick, der durch den Bruch entstanden ist, als habe sie einen Wimpel an der Spitze angebunden. Mit forderndem und dramatisch klagendem Maunzen stellt sie sich vor meine Füße und weil ich nicht sofort reagiere, setzt sie zum obligatorischen Beinsprung an und zieht sich an mir, meiner Hose, meinen Schienbeinen zu mir herauf. Die Klippe meiner Knie meisterhaft überwunden und auf dem Schoß angekommen, rollt sie sich wieder ein und schnurrt bis mir die Schenkel beben.

Dune scheint immer noch unterwegs zu sein, sonst hätte sie schon mordsmäßig angeschlagen um Einlass zu begehren. Und ich? Ich bin immer noch überwältigt von dieser furchtbaren Herbst-Winter-Müdigkeit. Darum lass ich mich zur Seite fallen, winkle die Beine weiter an und bereite Fee eine Höhle begrenzt durch meinen Bauch, meinen Unterleib und die Oberschenkel. Das Sortieren der Decke und das Wiederherbeiführen der vorangegangenen Wickelsituation veranlasst die Katze erneut zu einem maunzenden Protest. Dann wird es still. Fee schnurrt ruhig weiter und auch ich gewinne meine Ruhe wieder. Nur noch fünf Minuten.

„Nur noch fünf Minuten“

„Noch mal fünf Minuten?“

„Ohja, bitte!“

„Kleines, wir legen schon seit zwei Stunden immer wieder fünf Minuten ein.“

„Na dann kommt es auf Fünf mehr oder weniger doch gar nicht an.“

„Und unsere Planung für heute?“

„Später, in fünf Minuten oder so?“

„Du bist unverbesserlich. Was soll aus dir mal werden, wenn aus meiner Kleinen was Großes wird?“

„Zeitschinder? Minutenborger? Eine Fünfminutenterrine?“

„Kann es sein, dass du mich nicht ernst nimmst?“

„Doch, schon, aber…“

„Aber was?“

„Aber so bin ich halt, wenn ich noch fünf Minuten brauche. Noch fünf Minuten?“

„Okay, noch fünf Minuten, aber dann ist wirklich Schluss!“

Du konntest mir nie wirklich etwas abschlagen. Ob es um fünf Minuten kuschelnd im Bett, um einen Musikwunsch, den unbedingt jetzt und sofort auf dem Saxophon spielen solltest, oder ob es einfach darum ging, bei dir sein zu dürfen. Ich rief dich an, ich wollte zu dir, und du hast deinen ganzen verkorksten Tagesablauf auf den Kopf gestellt, um es möglich zu machen. Irgendwann musste ich sogar erkennen, welchen Qualen du dich manchmal dafür ausgesetzt hast, wenn ich dir mal wieder auf der Pelle hing und du sogar erste Entzugserscheinungen riskiert hast, nur weil du mich nicht alleine lassen wolltest. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich realisiert habe, was du da für mich auf dich nimmst, was unser ungeplantes Treffen damals, für dich für Konsequenzen hatte. Es waren nur fünf Minuten, die unser beider Leben komplett auf den Kopf gestellt haben. Und diese fünf Minuten entwickelten sich mehr und mehr zu einer uns ganz eigenen Zeiteinheit, die unser Leben bestimmt hat. Wärst du fünf Minuten früher im Hofgarten gewesen, hättest du deinen Plan schon umgesetzt und von mir nichts mehr mitbekommen. Wärst du fünf Minuten später gekommen, wäre ich vielleicht schon wieder fort gewesen, von jemandem anders aufgelesen, oder von der Polizei? Fünf Minuten kamen mir vor wie eine Ewigkeit voller Schmerzen und Gewalt. Vielleicht waren es auch nur Vier oder es waren zehn Minuten und ich habe in der Aufregung und Angst jedes Zeitgefühl verloren? Muss ich heute beschreiben, was damals war, sage ich, es waren fünf Minuten.

„Gib mir fünf Minuten.“ War dein Standardsatz, wenn du dich auf den Weg ins Bad gemacht hast, um die Welt rauszuschmeißen, um dir durch deine Venen zu jagen, was dich die Welt hat besser ertragen lassen. Wäre ich nur fünf Minuten früher bei dir gewesen, hätte ich dich vielleicht noch abknüpfen können, dich halten können. Vielleicht hätte ich verhindern können, dass dieses Seil dir deinen Kehlkopf zerdrückt und vielleicht hättest du nie soviel Schwung genommen, um dir dein eigenes Genick zu brechen? Ich hätte nur fünf Minuten gebraucht, um diese kleine Schatzkiste zu retten, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte. Fünf Minuten, in der ich all deine Briefe, deine liebevollen Zeilen und verrückten Kleinigkeiten und Geschenke bei Seite schaffen können. So sind sie deiner Mutter in die Hände gefallen und wurden für mich auf ewige Zeiten unerreichbar. Fünf Minuten einer verpassten Gelegenheit, für die ich mich auf ewig hassen werde. Fünf Minuten voller hätte, würde, könnte und vielleicht und wohl möglich. Aber es gab auch so viele der schönen fünf Minuten. Der Nur-Noch-Fünf-Kuschel-Minuten, fünf Minuten voller Zärtlichkeit und Musik, fünf Minuten Gänsehaut und Wohlfühlschauer. Fünf Minuten vollgepackt mit Zweisamkeit. Fünf Minuten nur du. Und ich möchte keine einzige all dieser fünf Minuten missen.

Dune? Fee? Wer von euch knurrt und warum? Ach nein, es ist keiner der beiden, es ist mein anderes Bauchgefühl, dessen Protesthaltung auf Grund von mangelnder Nahrungszufuhr ich ernst nehmen sollte. Aber es ist so schön hier. Der Fellzwerg liegt noch genauso in der Höhle, wie eben. Ganz leicht lege ich meine Hand auf ihren Körper, woraufhin die kleinen Öhrchen sich gleich aufstellen und einzelne Partien des Fells sich mir entgegenrecken. Zeitgleich vernehme ich ein Schnurren, das mehr Wohlbehagen kaum ausdrücken könnte. Puh, sie lebt. Ich habe immer noch eine riesige Panik davor, dass dieses kleine Leben irgendwann mal nicht mehr um mich sein könnte, weil sie vielleicht doch zu schwach oder weil es Verletzungen im Inneren gibt, von denen ich nichts ahne. Vom Kopf her habe ich absolut klar, dass das nicht sein kann. Sie ist wohl auf, wird täglich kräftiger und wächst sogar sichtbar zu einer schönen Kätzin heran, einer Kätzin mit Handycap. Das entstellt sie nicht, aber sie weiß es sehr gut für ihre Zwecke einzusetzen.

Bei aller Begeisterung für Fee, frage ich mich, was wohl mit Dune ist, beziehungsweise wo sie ist. Von draußen ist nur das Grollen der stürmenden See zu vernehmen und Regen, der sich an die Fenster schmeißt. Ganz vorsichtig pelle ich mich aus der Deckenrolle, drapiere sie über Fee so, dass sie noch Luft bekommt und schleiche zum Fenster. Es ist so finster, es ist so bedrohlich dunkel. Und ich freue mich hier oben zu sein, denn dort draußen fiele mir sicher gleich der Himmel auf den Kopf. Und wenn er nun Dune auf den Kopf fällt? Eine kleine Drehung um die eigene Achse und ich kann einen Blick auf die Mikrowelle erhaschen. Ohne Brille gar nicht so leicht, aber es sieht wirklich so aus, als hätten wir jetzt weitere drei Stunden des Sturmtages verschlafen. Weitere Unruhe beschleicht mich, fast bis zur Panikattacke. So schnell ich kann laufe ich die Wendeltreppe hinunter und raus. „Dune??? Dune!!!! Djuuuuu-huuuuuuun!“ Mit aller Kraft stellt sich meine Stimme gegen den Wind, versucht kleine Luftlöcher im Sturm auszunutzen und meine Sorge, meine Angst aufs Land hinauszutragen und aufs Meer. Angestrengt versuche ich die Geräusche des Sturms auseinander zu klamüsern, trenne Windgeheul von Meeresrauschen, Leuchtfeuerbrummen von Möwenkreischen. Je nachdem wie ich mich in den Wind stelle, kann ich Kuttergeräusche hören. Wahrscheinlich wieder so ein lebensmüder Fischer, der um seine Existenz zu erhalten, größtes Risiko beim Fischfang eingeht. Ich höre alles, sogar das schnarrende Aneinanderreiben des Schilfes von der Düne, vor der ich mittlerweile stehe – aber ich höre meinen Hund nicht! Sie würde doch reagieren, wenn sie mich hört? Egal wo sie ist, sie würde auf mich zugelaufen kommen, glücklich darüber, dass ich sie nicht vergessen habe und mit mir in den sicheren Leuchtturm zurückwollen. Und was, wenn sie mich gar nicht hören kann? Wenn sie irgendwo verletzt liegt oder wenn die Geburt sie überrascht hat und sie sich ein sturmsicheres Dünental gesucht hat, um ihre Welpen unter den denkbar übelsten Bedingungen auf die Welt zu bringen? Sie weiß doch gar nicht, wie es ist Mutter zu werden. Mein kleines Podencolein muss doch noch soviel lernen? Panik überkommt mich, schleichend, zielsicher, vom Scheitel bis zur Sohle.

Nein, nein, nein. Nicht wieder. Ich werde nicht wieder etwas verlieren, was mir beinahe mehr bedeutet als mein Leben. Ich werde nicht wieder alleine gelassen. Ich werde nicht wieder etwas missen müssen, was den Inbegriff von Freundschaft für mich ausmacht. Es gibt eine Menge Menschen, auch in meinem direkten Umfeld, die eine solche Tierliebe nicht nachvollziehen können, schlimmstenfalls sie sogar verurteilen. Sie verurteilen mich, weil sie im Inneren genau spüren, dass sie es nie wert sein werden, mich zum Freund zu haben und sind eifersüchtig darauf, dass ein dahergelaufener Hund mehr von meiner Liebe und Zuneigung erhält, als mancher Mensch, der mir eigentlich viel näher stehen sollte. Dune, wo bist du?

Und du? Verdammt noch mal, du bist mir so nah, immer noch. Aber wenn ich dich brauche, scheinst du für mich unerreichbar zu sein. Okay, ich habe meine Lektion erhalten, was auch immer sie mir beibringen sollte. Jetzt mach endlich, dass mein Hund mich anspringt und mir freudig erregt das Gesicht abküsst. Bitte! Bitte tu doch was! Jetzt!

Verstört, verängstigt, panisch und vollkommen von der Rolle, kehre ich, unter weiteren verzweifelten Rufen nach Dune, zum Leuchtturm zurück. An der schweren Stahltür befestige ich einen Holzbalken um zu verhindern, dass die Türe ganz schließt. Von der Innenseite stelle ich die kleine Kommode dagegen, damit sie nicht immerfort aufschlägt, wenn der Wind sich gegen sie stellt. So kann Dune problemlos hineinkommen, wenn sie denn kommt. Ich laufe im Eilschritt die Stiege hinauf und suche wie eine Bescheuerte mein Handy. „Max, Max, Max, bitte sei da. Bitte reagiere. Bitte melde dich. Ich brauche dich doch.“ Mit zitternden Händen und rasendem Puls wähle ich Max Nummer und das bedrohliche Tuten nach erfolgreichem Verbindungsaufbau bringt mich fast um den Verstand. „Dies ist die Mailbox von Maximilian… blablabla.“ Ich schreie, ich tobe und ich werfe das Handy in die nächste Ecke, nicht darüber nachdenkend, dass ich es noch brauchen könnte. Meergott sei Dank, landet es sicher im Sessel, verschreckt aber die kleine Fee so sehr, dass sie samt Deckenschleppe von der Couch springt, um sich dann an mir hinauf zu krallen. „Auaaa! Verdammtes Mistvieh!“ brülle ich sie an und schlenkere das Bein, um sie von mir los zu schütteln. Sehr unsanft landet die kleine Katze wieder auf dem Boden und schleicht sich, schreiend und maunzend in Dunes großen Korb. Mir wird ganz übel und ich laufe ihr hinterher, pflücke sie aus dem Kissen, nehme sie mir zu Brust und küsse und streichele sie, vollgepackt schlechten Gewissens. „Es tut mir leid Fee. Fee bitte, nimm es mir nicht übel. Ich weiß du kannst nichts dafür, aber Dune… . Ach Mensch Süße, schau mich nicht so ängstlich an. Ich wollte das nicht. Bitte, bitte nimm es mir nicht übel. Es tut mir leid!“ Ich vergesse fast, dass sie mich gar nicht hören kann.

Ich weiß nicht wer mehr zittert, Fee oder ich. Sie, sichtlich geschockt darüber, dass ihr Dosenöffner so die Fassung verlieren kann und ich, panisch wegen Dune, und ebenfalls ohne jegliches Verständnis dafür, dass ich meiner kleinen Fee so weh tun konnte. Es dauert ein ganzes Weilchen, bis sich das Häufchen Katze auf meinem Arm wieder entspannt und zu schnurren beginnt. Ich verpasse ihr einen dicken Kuss zwischen die Ohren und mache mich an einen erneuten Versuch Max zu erreichen. Ich spreche ihm auf die Mailbox und sende ihm drei SMS zu, aus denen meine Angst einfach herausschreien muss. Jetzt muss er sich melden. Jetzt kann er sich nicht mehr tot stellen. Max – egal wo du bist, bitte melde dich.





Mir fällt ein Zwiegespräch ein

22 08 2009

Mir fällt ein Zwiegespräch ein, das ich mal zu Papier brachte:

“Hallo, du. du kleiner Schimmer dort – wer bist du?”

“Hallo Mond. Ich bin ich – ein Licht”

“Ein recht kleines Licht.”

“Verglichen mit dir sicher. Klein aber stark.”

“Stark? Schau mich an. Ich bin stark. Stark gebaut. Nach mir sehnt sich die Menschheit. Mich zu entdecken ist ihr Traum. Mit mir spricht man. Um mich ranken sich Geschichten. Ich rege die Phantasie an. An mir orientieren sich Reisende!”

“Sicher. Ich sehe nicht aus wie du. Bei nacht wirke ich nicht so imposant und emporstrebend wie tags. Aber auch ich bin stark. 400 Watt misst die Leistung meines Lichts. Mich zu erklimmen, danach strebt der Mensch. Mich zu entdecken ist ein erfüllbarer Traum für viele tausend Menschen jeden Tag. Von mir werden Helden- und Liebesgeschichten erzählt. Ich rege die Phantasie an. Auf mich verlassen sich Reisende. Sie setzen ihre Hoffnungen in mich und meine Kraft – in mein Leuchten – meine Hilfe – meine Stärke. Sie setzen auf mich.”

“Du bist aber klein!”

“Im Schein. Nicht im Sein.”

Nun schließt sich das letzte blaue Loch im Himmel auch noch und eine dicke graue Wolke schiebt sich hinein, als wolle sie das Firmament sonnendicht verschließen. Aus einzelnen Tropfen entstehen ganze Sturzbäche, die sich von oben ergießen und ich sitze jetzt nicht nur mehr in Schafhaufen, sondern werde auch noch von einem Haufen Schafe dicht bedrängt und zu gekuschelt. Das passt alles so prima zu meiner Fassungslosigkeit.

Mit drei oder vier eleganten Sprüngen kommt lautbellend Dune auf mich herabgeplumpst. Sie hat die Herde einfach “überrannt” und sitzt mir nun zur Hälfte auf dem Schoß, während das Hinterteil noch versucht sich aus der Schafwolle zu befreien. Ich komme mir vor, wie in einem ganz schlechten Film. Das alles passt nicht mehr zusammen, nicht mehr zu mir und ich frage mich erneut, was wohl jetzt als Nächstes kommen mag. Langsam wird es echt eklig und ich entscheide mich nun doch, wieder am Leben teilzunehmen. Außerdem ist es sicher ratsam, wenn wir bald den Rückweg antreten. Wenn das so weiterschüttet, kommen wir mit dem R4 sicher noch gut in Schlaglöcher hinein, aber nicht mehr so schnell wieder hinaus. Es ist gar nicht so einfach, sich aus einer regentriefenden Herde Schafe zu befreien, wenn diese Schafe nichts schöner finden, als Wollkleid an Wollkleid dicht beisammen zu stehen und den Niederschlag über sich ergehen zu lassen. Ich komme mir vor, als hinge ich inmitten eines rekordverdächtig großen nassen Schwamms und würde einfach das richtige Loch mit der Verbindung nach Außen nicht finden. Dune hat’s da schon leichter – die hüpft, so wie sie gekommen war, einfach über die Meute weg und kläfft mir von der anderen Seite Mut zu. Ich werde sicher kein Sheepdiving betreiben, ich nicht.

Ich bin draußen! Ich hab’s geschafft. Wie genau, kann ich gar nicht sagen. Es war mit viel Schubbsen und Drängeln verbunden. Schaue ich in die tränenüberströmten, lachenden Gesichter von Max und Jacques, überkommt mich genau jetzt eine große Lust, einfach wieder in der Masse zu verschwinden. Da ist es nass, es stinkt und klebt ganz eigenartig, aber dort werde ich wenigstens nicht ausgelacht. In diesem Moment beginnen fünf Mutterschafe gleichzeitig an zu blöken und ich treffe für mich an diesem Tag die Entscheidung, dass die ganze Welt schlecht und gegen mich ist.

Max hat sehr großes Interesse daran heute noch nach Hause zu fahren. Allerdings bedeutet das, dass er nur cirka drei Kilometer fahren muss, im Zweifel sogar zu Fuß gehen könnte. Mir wird ganz schnell klar, dass ich vielleicht mal ein freundlicheres Gesicht auflegen sollte, denn sonst kann ich das zehnfache an Kilometern gehen, oder teils schwimmen teils gehen – auf alle Fälle nicht im unbequemen Maxmobil fahren. Ganz lieb und mit einer fast säuselnden Stimme, die mir so gar nicht steht, frage ich, ob es möglich wäre, dass er seine drei Lieblingsdamen vom Turm denn noch zurückbringt. Er brummelt und überlegt, brummelt erneut, und nimmt sich einen Kurzen, danach brummelt er noch mal was und fragt mich dann, ob ich ihm wirklich solch eine Niedertracht zutraue. Mit ganz großen Augen und aller Überzeugung, die ich nach diesem Tag noch zusammenkratzen kann, antworte ich mit einem klaren: “Ich??? Niemals!” Eine dreiviertel Stunde später sind wir wieder auf der Piste und ich bin heilfroh, dass nicht alle 19 Mäuler von Jacques Familie zum Abschied da waren.

Die Fahrt verläuft im gegenseitigen Einverschweigen. Ich kann mich an der kleinen gesunden Fee nicht satt kraulen, Dune scheint im Schlaf über eine Schafstraße zu laufen und unser aller Fahrer konzentriert sich mit sehr ernster Mine auf den Verkehr und die immer wieder in den Weg springenden Schlag- und Schlammlöcher. Wir hätten keine Stunde später losfahren dürfen, die Strecke ist wirklich die Hölle. Wie gerne würde ich es Dune nachtun und auch ein wenig Augenpflege betreiben. Doch die regelmäßigen Konfrontationen zwischen der Autodecke und meinem Haupt, lassen mich davon Abstand nehmen. Außerdem muss ich Fee gut festhalten, damit sie bei allen Traumata nicht noch das des zwanghaften Trampolinspringens dazu bekommt. Bei diesem Geruckel und Gehoppse kann man noch nicht mal in Ruhe nachdenken. Allerdings bin ich mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das möchte. Ich habe an Stelle des Gehirns sauren Krautsalat, da bin ich fest von überzeugt. Wieder einer der Momente, in denen ich dich so vermisse, dass es weh tut. Du liebtest diesen Krautsalat. Du wusstest ihn richtig anzurichten, dir schmackhaft zuzubereiten und ihn ganz seicht und vorsichtig zu verzehren. Dieses Gefühl in meinem Kopf hielt nie lange an, wenn du dich ihm erst einmal angenommen hattest.

Vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten später – endlich kann ich das Leuchtfeuer sehen und es beschleicht mich eine wohliges Glücksgefühl. Mein Turm ist noch da, er arbeitet fleißig und in wenigen Minuten kann ich mich in meine Koje schmeißen, die Augen schließen und hoffen, dass ich diesen komischen Tag im Schlaf verdauen kann.

Kurz bevor wir am Turm ankommen fragt Max, ob er vielleicht bleiben dürfe. Er würde sich auch ganz klein machen, was mir ja schon wieder ein breites Grinsen entlockt. Aber fast die gleiche Strecke jetzt wieder zurück, das wolle er nicht. Ich möchte das auch nicht. Ich würde umkommen vor Sorge, entgegne ich ihm, und lade ihn selbstverständlich auf die Schlafcouch ein.

Max macht sich wirklich klein. Jeder von uns genießt eine heiße Dusche und gemeinsam schlürfen wir im Anschluss eine heiße Schokolade. Schweigend. Heute weiß ich nicht, ob mir das Schweigen gefällt oder nicht. Ich mag aber auch kein Gespräch suchen, weil der Krautsalat so sauer ist und ich einfach nur unfassbar müde bin. Fee bekommt noch ihren Schlabber, Dune eine kleine Dose Futter mit satten vier Prozent Fleischanteil, und weil sie so artig war, bei Jacques und nicht während meiner Abwesenheit, lege ich ihr den großen Rinderknochen hin, den uns der Onkel Nicht-Wirklich-Doktor mitgegeben hat. So ein Bauer in der Familie, der gleichzeitig über tierärztliche Kenntnisse verfügt, ist wirklich ein Segen. Nach der Raubtierfütterung wende ich mich nun doch an Max, muss aber feststellen, dass er es sich auf der Couch so gemütlich gemacht hat, dass er bereits im Schlummerland weilt.

Der letzte Blick aus dem Fenster für heute. Der letzte Blick in tiefes Schwarz. Ein letzter Blick, in die gerade erst muntergewordene Nacht. Auch ich lege mich schlafen. Fee liegt wie ein winziger Fellball auf meinem Kopfkissen und das aller erste Mal höre ich sie schnurren. Ein ganz leises und zartest „GrrrrrrschrrrrrGrrrrSchrrrrr“ drängt sich aus dem Kissen an mein Ohr. Tränen der Rührung verlassen meine Tränenkanäle. Ist das süß. Und sie hat alle Chancen dieser Welt, eine wunderschöne Katzendame zu werden. Dafür werden wir sorgen! Dune ist so mit dem Knochen beschäftigt, dass sie erst gar nichts von meinen Zubett-Geh-Aktivitäten mitbekommt. Meine Hündin ist sogar so weise, dass sie das riesige Teil ins Erdgeschoss geschleppt hat, um ihn dort ganz alleine, ohne Zuschauer zu zermalmen. Das Knacken des Knochens dringt, geleitet durch die röhrenartige Form der Wendeltreppe zu uns hinauf, aber schon bald habe ich dieses Knacken mit in meine Träume eingebaut.

Ich vertraue jetzt einfach in mich und meine Stärke. Ich höre auf mein Herz und gehe nach meinem Bauchgefühl. Beide sagen: Alles wird gut! Na also!

Für mich beginnt jetzt die grausamste aller Zeiten: Weihnachten. Ich kann diesem Fest der vorgegaukelten Liebe so gar nichts abgewinnen und freue mich umso mehr, dass ich es hier in meinem Turm verbringen darf. Fern ab von jedem Geschenketerror, werde ich es mir einfach gut gehen lassen. Sollen sich die anderen doch in überfüllte Läden stürzen, Geschenke kaufen, die dann sowieso wieder umgetauscht werden, und an Heilig Abend sind alle ganz grün im Gesicht, weil die Vorweihnachtszeit so anstrengend war und die Dominosteine schon seit September so gut schmeckten.

Ich hatte Geschenke genug in den letzten Wochen. Da war das mit dem Traum hier zu wohnen, der sich erfüllt hat. Und da kann kein Geschenk der Welt gegen anstinken.

Seit unserem Tag bei Jacques und der kurzen Nacht danach, habe ich von Max nur noch zwei oder drei kurze SMS bekommen. Er scheint sich zurück zu ziehen und ich sorge mich um meinen alten Sandmann. Ich weiß gar nicht, wie der Kontakt zu seiner Familie ist, und ob er vielleicht mit ihr Weihnachten verbringt? Mir soll’s gleich sein. Ist er hier, ist er auch herzlich Willkommen, solange er nicht auf Gänsebraten oder irgend so einen ekligen Kram besteht. Bestenfalls kann ich ihm BoKaSa anbieten, mehr Stress tu ich mir nicht an. Ist er nicht hier, freue ich mich auf kalte und stürmische Tage im Turm, mit ganz viel von dir und mit Hundis, Katz und Leuchtfeuer.

Dune ist ordentlich rund um den Bauch geworden und sie frisst seit ein paar Tagen wie ein Scheunendrescher. Wenn ich richtig gerechnet habe und Jacques ein bisschen was von seinem Job versteht, müsste es eigentlich beinahe täglich soweit sein. Zudem wird sie immer unruhiger und sucht die paar Quadratmeter des Turms wahrscheinlich nach einer passenden Geburtsstätte ab. Dabei habe ich ihr eigens einen riesigen Korb gekauft, der genau unter das Fenster passt. Es wird mächtig eng hier, wenn der Wurf erstmal da ist – nein, erst später, wenn der Wurf das Laufen lernt. Aber soweit sind wir noch nicht! Wo ich gerade beim Thema bin, begehrt sie auch schon wieder nach Ausgang.

Fee hat sich prächtig entwickelt. Sie hat gut zugenommen, an Stärke gewonnen und traut sich sogar mittlerweile hin und wieder der werdenden Mutter Kontra zu geben. Dank mangelnder Sozialisierung und dadurch fehlendem Selbstbewusstsein, hat mich Fee zur zweiten Ersatzmama ausgerufen. Das hat zur Folge, dass ich keinen Schritt mehr ohne das Fellmonster machen kann. Und wenn ich nicht daran denke, sie früh genug auf meine Schulter zu setzen, dann springt sie mir an die Waden, hakt sich mit den verbliebenen drei Pfoten nicht nur in den Hosenstoff, sondern auch in meinen Stoff aus dem die Wade ist und lässt sich mitziehen. Sie muss und will überall dabei sein, und ich kann es dem armen Tierchen noch nicht einmal übel nehmen.

Dune absolviert einen kleinen Dauerlauf am Strand entlang und das Letzte was ich von ihr sehen kann ist ihre Rute, wie sie hinter einer Düne verschwindet. Mit Fee auf der Schulter und einem behaglichen Schnurren im Ohr, überlege ich mir, wie ich den lieben Daheimgebliebenen schonend beibringe, dass ich Weihnachten nicht in Beuel, bei Beuel oder um Beuel herum sein werde. Die Ausrede Geld ist ganz schlecht – schneller als ich gucken kann, habe ich die Flugkosten als Haben auf meinem Konto verbucht und von einem netten Menschen als Weihnachtsgeschenk deklariert. Zuviel Arbeit kauft mir auch keiner ab. Bleibt nur …, genau, die Tiere. Dune ist immerhin trächtig und die Welpen werden zum Fest gerade mal ein paar wenige Wochen alt sein. Ich kann Max nicht zumuten den Dogsitter zu geben und Fee kann ich eh nicht alleine lassen, so fixiert wie sie auf mich ist. Sie mitnehmen geht aber auch nicht – ich bringe es nicht übers Herz sie wieder in eine Kiste zu stecken, damit sie im riesigen Bauch des Fliegers verschwindet.

Ich kann niemandem begreiflich machen, dass ich das Fest mit dir hier verbringen möchte. Bestens kann ich mir ausmalen, was ich mir dann anhören darf und darauf hab ich salopp gesagt: Null Bock.

Also halten die Tiere als richtig echte Entschuldigung her.

Entschuldigen mag ich mich aber erst Morgen. Heute ist mir nach Gammeln, Dösen, Schlummern, Schmusen. Was heißt hier eigentlich heute? Mach ich die letzten Tage etwas anderes? Es ist aber auch zu einladend hier oben. Draußen kann es stürmen und schneien, hier ist es kuschelig warm, ich habe zwei nette Mitbewohnerinnen, die hin und wieder leicht anstrengend sind, aber nur ganz leicht. Der Kerzenschein hüllt die Turmwohnung in ein faszinierendes Licht und ich kann mich einfach nur wohlfühlen. Das Einzige, was mich immer wieder traurig werden lässt, ist der Gedanke, dass ich das nicht mit dir erleben kann. Ich weiß noch ganz genau, wie du mir von dieser Jahreszeit vorgeschwärmt hast, die nirgendwo besser zu ertragen ist als hier. Du hast es mir ausgemalt in den wundervollsten Farben, das Leben im Turm, und ich bin fast ein bisschen stolz, dass ich es genauso umgesetzt habe. Auf diese Weise bist du mir nah, näher – bestmöglich nah. Noch näher, und du würdest von den Toten auferstehen.

„Du Kleines, darf ich dich was fragen?“

„Du bist der einzige Mensch, der alles fragen darf und auch auf alles Antworten bekommt, so ich sie kenne.“

„Stehst du auf diesen Weihnachtsmist?“

„Nein – schon lange nicht mehr. Warum fragst du?“

„Würdest du mit mir fortgehen?“

„Wohin?“

„Überallhin.“

„Wie, überallhin?“

„Sag mir, wohin würdest du wollen?“

„Hmm, an einen Strand, mit einem Leuchtturm. Toll wäre, wenn es ein Strand in einem warmen Land wäre – ist aber nicht zwingend. Aber der Leuchtturm – der ist absolutes Muss. Und an seinem Fuß, möchte ich dann einfach nur sitzen, Schoggi trinken, deinem Saxophonspiel zuhören und glücklich sein.“

„Das würde dich glücklich machen?“

„Alles, was mit unserem Traum vom Turm und dir zu tun hat macht mich glücklich.“

„Was ist Glück für dich?“

„Das ist schwer zu beschreiben. Wie gesagt, unser Traum ist Glück – du bist mein größtes Glück, aber ein kleines Gänseblümchen, dass sich wacker auf dem Rasen gegen den Rasenmäher stemmt ist auch Glück für mich.“

„Und sonst?“

„Nichts und sonst. Es gibt viele Sachen, mit denen man mich glücklich machen kann – aber eben nicht so Sachen wie viel Geld, ein Haus, ein dickes Auto oder so.“

„Gut, dann verbringen wir Weihnachten im Glück.“

„Verstehe ich dich jetzt?“

„Wir stellen uns vor, unser Traum sei schon wahr geworden. Wir nisten uns hier ein, schließen die Tür ab, legen die Sealife-CD ein, ich spiele Sax zum Meeresrauschen und wir trinken Unmengen an heißer Schokolade. Wir tun einfach so, als wären wir nicht da. Hast du Lust?“

„Aber sicher hab ich Lust. Ich bin dabei. Aber…, aber was wenn?“

„Was wenn was?“

„Na, wenn der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten hier bei uns am Leuchtturm vorbeikommt, um uns herum kreist und hinein will, weil wir doch gar keinen Kamin haben?“

„Dann knippsen wir ihm einfach das Leuchtfeuer aus. Was meinst du, was der doof guckt!“

Ich muss furchtbar anfangen zu lachen und bebe dabei so heftig, dass Fee sich erschreckt, von meiner Schulter rutscht und sich beherzt versucht in meinem Rückenfleisch zu halten. Langsam komme ich mir vor wie ein lebendiger Kratzbaum, und ich sehe auch so aus.

Gemeinsam mit der Mieze kuschele ich mich auf die Couch und starre Löcher in die Wolkendecke draußen. So einmal die Woche ein klitzekleines Stück Blau am Himmel wäre ja schon toll. Ich krame in meinem Portemonnaie und fingere nach deinem Bild. Es ist schon ganz vergilbt und abgegriffen. Mich beschleicht ein wenig die Angst, dass du irgendwann nicht mehr zu erkennen sein wirst und ich dann nur noch mit meiner Erinnerung vorlieb nehmen kann.

Meine Erinnerungen an dich sind bunt, farbig und fröhlich, keine Frage. Aber hin und wieder brauche ich einfach den Blick in dein Gesicht, den schmalen Bart, den ich fast fühlen kann, wenn ich nur lange genug hinschaue, und der mich immer so gepiekt hat, wenn du mich geküsst hast. Deine Augen werde ich nie vergessen, trotzdem ist es was anderes, in diesen bergseeblauen Augen auf dem Bild zu versinken. Als würde sie mich verstehen, legt Fee ihren Stumpf auf das Bild und maunzt mich an. „Gell – der würde dir auch gefallen? Wäre sicher ein super Dosenöffner und ein genialer Ersatzpapa.“

Der Beste!





„An was denkst du?“

18 08 2009

„An was denkst du?“

„Nichts!“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Geräusche, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du nach Worten suchst, was du tust, wenn du behauptest, dass du keine findest, dann denkst du ja doch!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt Gedanken voraus. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das nicht vergessen und ich werde dich daran erinnern und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Am Ende solcher Gespräche bist du immer gegangen. Wortlos, kusslos, umarmungslos. Du hast deine Sachen gepackt und gingst. Ich wusste wohin, ich wusste auch warum, aber ich dachte im Traum nicht daran, dich daran hindern zu wollen, denn auf diese Art, hast du die Welt rausgeschmissen.

Ich denke es ist an der Zeit mich rauszuschmeißen. Bevor ich jetzt in tiefes Trübsal ver- oder dem Weltenübel anheim falle, ziehe ich mir lieber mein Ölzeugs über und zeige dem Wetter was der Trotz einer Leuchtturmwärterin ist. Für die 159 Stufen brauche ich eine Ewigkeit. Jeder Tritt ein Gedanke. Für die Türe brauche ich heute ganz schön viel Kraft. Kein Wunder, wie ich feststellen kann, nachdem ich sie endlich geöffnet habe, es stürmt. Der erste richtige Herbststurm nimmt Kurs auf das Land, unseren Leuchtturm und auf mich. Nicht minder stürmisch flitzt Dune auf mich zu und springt mich an. Ich wanke zurück und lande sehr unsanft mit Rücken, Schulterblättern und Hinterkopf an der Türe. Kleine Schläge auf den Hinterkopf… Wie ich diese weisen Sprüche hasse. Irgendwie bedaure ich, dass Dune den ollen Max nicht begleitet hat. Ich sorge mich etwas um meinen Sandmann, aber vielleicht war das seine Art, die Welt raus zu schmeißen?

Die Nacht weicht dem Tag

Bedrohliches Schwarz

Färbt sich in schwarzes Grau

Die Nacht weicht dem Tag

Auf bedrohlichem Schwarz

Tanzt grauweiß die Gischt

Die Nacht weicht dem Tag

Deine Stärke

Deine wundervoll runde Form

Deine Kraft leuchtet durch das Schwarz

Danke für den Schutz

Vor mir selbst

Vor der Welt

Vor der Nacht

Die Nacht weicht dem Tag

Der Tag sieht nicht wirklich aus, als hätte er die Nacht schon rausgeschmissen und unser Leuchtturm legt heute sogar eine Tagschicht ein. Wenn der Nieselregen nicht wäre, der je nach Windrichtung fast ein bisschen weh tut im Gesicht, wäre es gar nicht so übel hier draußen. Die Luft ist verhältnismäßig warm. Zumindest ist es nicht so kalt, wie das ganze Drumherum des Wetters, es den Menschen glauben machen will. Meine Füße treten mit mir in einen kurzen Dialog, der mich schließlich dazu bewegt, mich der lästigen Gummistiefel zu entledigen. Solange es nicht schneit, wollen meine Stampfer barfuß sein. Der Sand ist kühl und schwer durch den Regen. Während ich Schritt für Schritt, gegen den Wind kämpfend, auf das Meer zu stapfe, wird das Rauschen und Grollen der Wellen lauter. Es klingt unheimlich und bedrohlich, es macht aber auch neugierig und hat eine magische Anziehungskraft. Ich liebe es, das Meer zu beobachten, wenn es so ist, wie es jetzt ist. Wenn sich die Wogen gegeneinander aufbäumen, sich gegenseitig abklatschen, neu aufrichten, um dann weit aufs Land hinaus zu preschen. Der Wassersaum ist sicher zehn bis zwanzig Meter näher am Turm als bei ruhigem Wetter und das unter den anlandenden Wellen immer wieder erscheinende Strandgut erzählt wortlos die Geschichte der letzten Nacht. Dune rast plötzlich auf das Wasser zu und bellt, gegen die Lautstärke der Wellen anbrüllend, eine Kiste an, die in Richtung Strand treibt. Bei näherem Betrachten stelle ich fest, dass es eine Styroporkiste ist, wie sie von Pizzaservices benutzt wird, um Speisen während dem Transport heiß zu halten. Meine Hündin verliert mit jedem Zentimeter, den die Kiste näher auf sie zutreibt, zunehmend die Fassung. Eine Mischung aus Gebell, Gewuffe und Geknurre paart sich mit wilden Sprüngen weiter ins Wasser und wieder hinaus. Normalerweise macht sie nicht so ein Spiel. Gut, normalerweise wird uns die Pizza auch nicht frei Meer geliefert, denn der nächste Pizzamann hat seinen Laden viele Kilometer entfernt und bevor der hier ist, hab ich mir meine Pizza Funghi schon selbst in den Ofen geschoben. Da sich Dune so gar nicht beruhigen und mittlerweile auch nicht mehr ansprechen lassen will, halte ich es für eine gute Sache, dem Ding mit Deckel doch mal auf die Spur zu gehen.

Dieses Ölzeug ist das aller Letzte, wenn man auf Bequemlich- und Bewegungsfreiheit Wert legt. Mich gegen dieses starre und unbeugsame Material durchsetzend, krempele ich meine Jeans ein paar Etagen höher und betrete todesmutig das tosende Nass zur ultimativen Kistenrettung. Als ich das Ding, das sich ständig wieder auf den Weg ins offene Meer macht, endlich zu packen bekomme, gleitet es mir auch gleich wieder aus den Händen. Durch das Wasser ist das Verpackungsmaterial sehr glitschig, aber nicht nur das. Es war auch recht schwer, und es kann sich um keine leere Kiste handeln. Na super, wenn da mal ein Pizzabote keine Lust hatte und seine Ladung einfach im Meer entklappt hat, um dann mit der Tageskasse durchzubrennen. Wieder kommt die Kiste auf mich zu und endlich gelingt es mir, sie festzuhalten. Beinahe lege ich mich noch der Länge nach auf die Nase, werde ich doch von einer ganz hinterhältigen Woge von hinten angegriffen. Sie unterspült meine Füße und bevor ich recht merke, dass der Sand unter ihnen immer weniger wird, wanke ich auch schon wie ein besoffener Matrose bei Landgang. Aber nicht mit mir. Die Zeiten, sind längst vorbei, in denen mich etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Das schafft heute nur noch Dune, oder ein Persönlichkeitsprofil von Max. Aber keine Welle dieser Welt wird mich jetzt daran hindern den Styroporbehälter zu bergen. Vielleicht ist es auch eine Flaschenpost, die in Ermangelung einer Flasche in diese Box gesteckt wurde? Dann muss der Absender aber mindestens Steinmetz gewesen sein, der seine Liebesbotschaft noch mit Hammer und Meißel in eine Steinplatte gerammt hat. Das Gewicht spricht für mehrere Pizzen, die sicher nicht mehr genießbar sind, ein Buch oder mehrere Bücher, oder sonst irgendwas, was das Gewicht des Behältnisses so fühlbar ansteigen lässt. Gerade so vor den hinterhältigsten Wellen meiner See gerettet, stolpere ich aus dem Wasser, wo schon die nächste Gefahr auf mich wartet. Dune. Sie hoppst und hüpft an mir hoch und vor mir her und ist furchtbar aufgeregt. „Dune!!! AUS!!!“ Ich schreie gegen das Gebell und das Meer an. So langsam kriege ich die Krise. Ich wollte doch nur gemütlich spazieren gehen, und jetzt dieser Stress wegen einer dämlichen Kiste. Wenn da jetzt irgendein Müll drin ist, dann,…, dann, ach dann weiß ich auch nicht!

In sicherem Abstand zum Meer, knie ich mich an eine Düne und finde etwas Ruhe. Der Wind verhallt irgendwo drumherum und die einzige die jetzt noch rumwirbelt ist Dune, die ich mit einem erneuten scharfen „AUS! Mach jetzt PLATZ“ halbwegs zur Raison bringen kann. MenschMenno, manchmal kostet mich dieser Hund echt Nerven und ich erinnere mich an Max Ausführungen, als er mich am Flughafen abholte. Der arme Kerl muss streckenweise komplett überfordert gewesen sein, mit diesem störrischen Podenco.

Unter furchtbarem Gequietsche, das sogar nasses Styropor mit sich bringt, versuche ich den Deckel zu lupfen. Dummerweise hat der sich so vollgesogen, dass mir nur einzige Perlen des Dämmstoffs entgegenfliegen. Muss ich da jetzt noch mit der Axt ran oder was? Kurz bevor ich den Behälter rein gedanklich mit einer Black & Decker schon in seine kleinsten Einzelteile zertrümmert habe, höre ich ein Geräusch. Ich schaue meinen Hund an, sie schaut mich an und ich quengele ihr entgegen, dass sie jetzt gar nicht anfangen braucht zu junkern. Wer Styroporboxen birgt ist auch der Besitzer und egal was sich darin befindet, es ist meins. Dune schaut mich einfach nur an und ich stelle fest, dass sie es gar nicht ist, die komische Geräusche von sich gibt. Das Geräusch wird immer mehr zu einem Wimmern, einem Maunzen??

Jetzt werde ich doch richtig hektisch. Da hat doch wohl nicht jemand… Ich mag diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Mit meinen kümmerlichen Resten von Fingernägeln, ich gehöre ja leider immer noch zu der Gattung Knabberer und Eigenhornkannibale, kratze ich an der Schachtel herum, pule immer größer werdende Stücke heraus, bis ich irgendwann das richtige „PackAn“ habe, um den Deckel herunter zu reißen. Und tatsächlich. Am Boden gekauert schlottert ein undefinierbares, kleines Häufchen Elend mit Fell, Schwanz, vier Pfoten und unendlich langen Schnurrhaaren. „Verdammte Scheiße!“ Ich vergesse alle Erziehung und schimpfe und tobe und heule. Das darf wirklich nicht wahr sein, wer macht denn so was?

Vorsichtig hebe ich das Knäuel aus seinem Knast heraus. Es ist gar nicht so schwer, wie die Kiste vermuten ließ, im Gegenteil. Es zittert am ganzen Körper und auf den ersten Blick schätze ich es für nicht älter als fünf oder sechs Wochen alt. Das Fell ist hellgrau, vielleicht eigentlich auch weiß, es hat strahlend blaue Augen, einen scheinbar gebrochenen Schwanz und ein verkrüppeltes Beinchen. Der Stumpf sieht aus, als hätte jemand gezielt die Pfote abgehackt, darüber kann ich aber nur mutmaßen, denn die Wunde ist ganz nass und eitrig. Ich möchte töten. Ich möchte wirklich töten. Dieser Mensch, der sich eigentlich gar nicht Mensch nennen darf, gehört in eine Fünfzig-Quadratzentimeter-Schaumstoff-Kiste eingesperrt und im Indischen Ozean den Haien zum Fraß vorgeworfen. Mindestens.

Ganz, ganz vorsichtig robbt Dune auf mich zu und beginnt mit all ihrer Vorsicht das kleine nasse etwas abzulecken. In einem etwas freundlicheren Ton bitte ich sie Aus zu lassen, dann stecke ich das Fellbündel erstmal unter den Wollpullover und eilig, aber ohne all zu viel zu ruckeln, laufe ich heim. Dune folgt mir, immer den Kopf zu mir gehoben, als wolle sie aufpassen, dass das arme Tier nicht unter meinem Pulloversaum durchrutscht.

Der kleine Körper unter dem Pullover ist ganz kalt. Und ich habe eine Heidenangst, dass der Zwerg es nicht schafft. Aber egal wie, er soll zumindest in seinen letzten Minuten oder Stunden das Gefühl bekommen, geliebt worden zu sein.

Das alles erscheint mir wie ein Déjà-Vu. Nur ging es damals nicht um eine Katze, sondern um mich und ich steckte nicht unter deinem Pullover, sondern du legtest deinen Trench um mich. Vorsichtig bringe ich das Häufchen Elend unter meinem Pullover in den Turm, strengstens bewacht von Dune, die entgegen ihrem Podenco-Naturell, so gar keinen Jagdtrieb, sondern eher Beschützerinstinkt an den Tag legt.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

Wie ein Gebet begleiten mich deine Worte jede einzelne Stufe der Wendeltreppe hinauf. Trotz aller in mir aufkommenden Hektik und Panik aus Sorge um das Bündel, versuche ich einen halbwegs klaren Kopf zu behalten und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Turm zu düsen. In eine Kiste stecke ich das Würmchen sicher nicht mehr. Ich möchte nicht diejenige sein, die das Trauma noch verstärkt. Vorsichtig lege ich das Kätzchen auf der Couch ab, ziehe meinen Pullover aus, drapiere ihn drumherum und suche nach einem halbwegs gescheiten Liegeplatz. Die Spülschüssel. Mütterchen hat mir eine alte Plastikschüssel vererbt. Ich glaube, das ist die erste Schüssel aus Plastik, die es in unserem Haushalt gab. Ich wühle im Schrank und werde tatsächlich fündig. Mit der Schüssel gehe ich auf die Couch zu, wo Dune sich derweil schon in embryonaler Haltung um das Katzenbaby gedreht hat, um es zusätzlich zu wärmen. Ganz sanft leckt meine Hündin dem Bündel das Meer aus dem Fell und mit jedem Schlecker Zuwendung, zittert das Kleine weniger.

“Du warst einfach da, aus dem Nichts, standest du vor mir, hast mich betrachtet von oben bis unten, verprügelt und missbraucht wie ich war, hast mich in deinem mausgrauen Trenchcoat eingewickelt und fortgebracht. Was hier so kurz und wie die Beschreibung auf einer Keksdose klingt, hat in der Realität Stunden verschlungen, Stunden voller Schmerzen und Angst, der Panik, dass sie zurückkommen könnten und diesem undefinierbaren Vertrauen, dass ich dir, ohne dich je zuvor gesehen zu haben, entgegenbrachte. Du nahmst mich mit und richtetest mich mit aller Vorsicht wieder zu einem nach einem Menschen aussehenden Wesen her. Du hast dich um meine Wunden gekümmert, die äußeren Blessuren, die Hämatome und die Schnittverletzungen, und um die Inneren, die du nicht ermessen, aber wohl mit deinem Feingefühl erahnen konntest. Du hast mich nach Strich und Faden verwöhnt, und dich immer gerade so nah an mich herangewagt, dass ich keine Panikattacken bekam. Was es zu organisieren galt, hast du organisiert. Was es von mir abzuwenden galt, hast du abgewendet. Du hast die Welt rausgeschmissen und damit etwas in Bewegung gesetzt und entstehen lassen, das es nie wieder so gab, das ich nie wieder erleben durfte, das ich bei keinem Menschen auf der Welt je wieder gefunden habe, Freundschaft und eine ganz besondere und von uns gelebte Form der Liebe. In dem Moment, wo du mich aufgelesen hast, hast du begonnen dieses Band zu knüpfen, jene Verbindung, die nicht sichtbar aber spürbar stärker ist als Freundschaft oder Liebe. In den folgenden Jahren haben wir alles geteilt, alles zusammen gemacht und uns bedingungslos vertrauen können. Du hast mich genauso akzeptiert, wie ich war und auch heute noch bin. Ich nahm dich an, als Menschen den ich liebe und den ich um nichts auf der Welt hätte verändern wollen. Natürlich gab es, gerade die Drogen betreffend, immer wieder Momente, in denen ich mir, wie du dir ja auch, gewünscht hätte, es wäre anders – du wärst da anders. Blicke ich heute zurück, weiß ich noch mehr als damals, dass das deine Art war, die Welt hinaus zu schmeißen, deine Möglichkeit war, dem allen zu entfliehen, was Leben so unerträglich macht. Sicher kann ich Drogen verabscheuen, was ich auch tue, aber ich kann dir nicht vorwerfen, ein schlechterer Mensch zu sein, nur weil du warst wie du warst. Im Gegenteil, du bist mit Abstand der beste Mensch, dem ich je über den Weg gelaufen bin.”

Da die Spülschüssel nicht als Katzenkorb entfremdet wird, fülle ich sie mit lauwarmem Wasser, dem ich ein wenig Kamilleextrakt hinzufüge. Mit Wattestäbchen, Pellets, Wasch- und Handtuch bestückt, nähere ich mich dem tierischen Dreamteam, um eine Erstversorgung an dem Findling durch zu führen. Vielleicht hätte ich das mit meiner Hündin vorher bei einer Tasse grünem Tee besprechen sollen. Da sie selbst weggedöst war, erschreckt sie sich und knurrt mich an, gleich merkend, dass ich es bin, ihr Dosenöffner, und in Schwanztrommeln verfällt. Mit der Nase stupst sie die kleine Katze wach, oder versucht sie festzustellen, ob die Kleine überhaupt noch lebt? Sie lebt, denn kaum hat sie die Augen auf, beginnt sie herzerweichend zu maunzen und zu schreien. Da müssen wir jetzt durch Dune und es wird mit Sicherheit nicht besser in den nächsten paar Minuten. Mit aller mir gebotenen Vorsicht hebe ich mir das schon trockenere Bündel Fell auf den Schoß, den ich mir vorsichtshalber abgedeckt habe. Das arme Tier ist viel zu verängstigt und viel zu schwach, um sich auch nur irgendwie zur Wehr zu setzen, sieht man von der Lautgebung einmal ab. Ganz sanft wasche ich das Tierchen mit dem Waschtuch ab, reinige die kleinen kristallklaren und blauen Augen vom Schnodder des Weinens und riskiere einen Kennerblick in die winzigen Öhrchen. Zumindest scheint das Kerlchen keine blinden Passagiere wie Milben oder Flöhe mit eingeführt zu haben. Das Fell wird unter meiner Waschmassage schnell als beigefarbig mit weißen Stromung definierbar und dem Gesamtaussehen gehe ich davon aus, hier was mit ordentlich viel Rasse drin zu haben. Vielleicht eine Zusammensetzung aus Siam und Kartäuser oder Birma und einem unfassbar stattlichen Wald- und Wiesenkater? Da fällt mir doch ein, dass ich eigentlich mal das Geschlecht bestimmen könnte. Zwar weiß ich immer noch nicht, ob dieses kleine Schnuckelchen es wirklich schaffen kann, aber ich möchte ihm oder ihr schon einen Namen geben. Ich betrachte mir das Fundstück von allen Seiten und stelle ohne notarielle Aufsicht fest: Keine Nüsse, keine Nüsschen, nicht mal kleine potent werden wollende i-Pünktchen – also ein Mädchen. Passt ja prima – die drei Damen vom Turm.








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