Zurück im Turm

21 10 2009

Zurück im Turm werden wir von einer schwanzwedelnden Dune und einer maunzenden Fee auf dem oberen Treppenabsatz begrüßt. Lange werde ich die Hündin sicher nicht mehr oben halten können, auch wenn ich gerne sehen würde, dass sie ihren Vorderlauf noch ein wenig schont. Kaum gedacht, humpelt sie uns auch schon die ersten Stufen entgegen und ich gebe richtig Gas, damit ich sie möglichst früh und noch weit oben abfangen kann. Einsam und verlassen, pennt im Korb unter dem Wollpulli Kleine Düne den gerechten Schlaf der sich im Wachstum befindlichen Hundebabies. Ausnahmsweise ist ihm das Entschwinden seiner Mama nicht aufgefallen.

Oben angekommen, mache ich uns eine heiße Schokolade, die wir jetzt auch beide gut gebrauchen können. Ich frage dich, ob du mit Schuss magst und du sagt  “Ja klar!”, was mich darauf schließen lässt, dass du mich gleich nach meiner Couch befragen wirst. Leider muss die Tote Tante auf ihr Häubchen verzichten, da ich keine Sahne mehr im Turm hab. Ich muss dringend wieder einkaufen. Max fragt mich zwischen Kakaoerhitzung und der Suche nach Rum, was von seiner Idee halte, mit ihm Weihnachten zu verbringen?

„Ich habe gerade beschlossen, nicht nach Hause zu fliegen, also ins Rheinland, wegen Dune, Kleine Düne und Fee. Offiziell. Natürlich kommt mir diese Ausrede sehr recht, weil ich keine Lust auf dieses Weihnachtsgesülze habe. Mein Mütterchen wird traurig sein, aber sie wird’s verstehen, so oder so. Die anderen werden wahnsinnig rummuffeln, weil das doch der Fest der Liebe und ein Familiefest und blablabla. Aber da müssen sie eben durch. Auf Einzelschicksale kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, verstehst du Max? Ich möchte hier sein, hier im Turm, bei den 11 Pfoten, am Strand, am Wasser, bei ihm, ja und auch bei dir. Und wenn du, wie du sagst, keine gefüllte Gans mit Rotkohl und Klößen erwartest, sondern wie wir hier mit Bockwurst und Kartoffelsalat glücklich sein kannst, dann fühl dich bitte ganz, ganz herzlich eingeladen.“ Max strahlt über das ganze Gesicht und amüsiert sich köstlich über „rummuffeln“ und meine hektischen Flecken im Gesicht. Die bekomme ich immer, wenn ich aufgeregt bin oder von etwas hektisch erzähle, weil ich das mit dem Spannungsbogen nie so hinbekomme und doch schnell zum Ende kommen mag, aber es auch nicht einfach so auf den Tisch rotzen will.

„Also wenn du mich ollen Schäufelchenschieber und Eimerchenheber wirklich dabei haben magst. Ich komme sehr, sehr gerne!“

„Habe ich dir schon gedankt Max?“

„Lass mich überlegen, Kleines. Für die Sache mit Dune ja. Für meine Unterstützung, ja. Dafür, das ich für dich da bin, ja. Dafür, dass ich auch Kleine Düne gerettet hab, was ich ja gar nicht hab, sondern Jacques, dafür auch. Für den tollen Strandspaziergang, ja. Wofür noch?“

„Menno, du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf. So wie…, egal. Danke, für dein Vertrauen, dafür wollte ich dir danken.

Strahlend – Schön – Stark

Schön Strahlend

Strahlend Stark

Stark Strahlend

Strahlend Schön

Schön Stark

Strahlend Schöne Stärke

Danke, dass du mir das hast heute zuteil werden lassen

„Ach, du findest mich also schön!“, antwortet Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens grinsend und mit einem sehr schnippischen Ausdruck in der Stimme.“

„Ich finde dich stark!“

„Einigen wir uns auf schön stark?“

Wir lachen beide.

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, und sich der Sandmann die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hat, wird er wieder sehr nachdenklich.

„Für wen hast du dir das ausgedacht?“

„Ich zeige nach oben und antworte mit einem kurzen „für ihn“.

Max verfolgt meinen Zeigefinger und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann schaut er mich wieder mit ernster Mine an und hakt nach: „Für ihn oder für ihn?“

„Such’ dir es aus, es passt auf euch alle Drei.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

„Ja klar, du weißt doch, du darfst alles fragen.“

„Hast du ihm vieler solcher Sachen geschrieben, gedichtet oder zugedacht? Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll.“

„Eine ganze Kiste voll. Aber viel wichtiger ist: ein ganzes Herz voll. Und das konnte ihm und kann mir auch niemand nehmen.“

Ich weiß nicht, ob es die Nachwirkungen von meinem „Gedicht“ und meiner Danksagung sind, oder ob ihn unser kurzes Gespräch so grüblerisch macht. Max packt seine sieben Sachen und bläst zum Aufbruch. „Du willst jetzt noch fahren? Du hast getrunken! Du weißt, dass du hier immer eine Schlafstätte hast?“

„Kein Problem, ich hab’s doch nicht weit!“

„Naja, nicht weit ist da wohl Definitionssache oder liegt in diesem Fall im von der Toten Tante getrübten Auge des Betrachters.“

„Sorge dich nicht Kleines. Mir passiert nichts. RazzFazz bin ich im Bett. Und Morgen schau ich wieder vorbei und dann gehen wir noch mal ne Runde, vielleicht ja mit Dune?“

Mein alter Meister der Sandskulpturen macht einen sehr aufgeräumten Eindruck und scheint genau zu wissen, was er will, beziehungsweise was er sich zumuten kann. Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu geschafft, um da jetzt so ganz genau nach zu bohren. Obwohl dieses Gefühl da ist, dass ich es besser tun sollte.

„Du gehst noch raus?“

„Jepp, kurz um den Block.“

„Ist alles okay mit dir?“

„Ja Kleines, mach dir keine Sorgen, ich brauch nur ein bisschen Luft rein und Welt raus.“

„Hmm, bist du sicher? Magst du, dass ich mitkomme?“

„Nee, lass mal. Du weißt, dass ich dich nicht dabei haben möchte und mich meiner bösen Welt alleine stellen muss. Ich bin doch schon groß! Mir passiert nichts und du wirst sehen, ich bin schneller zurück als du einschlafen kannst und dann RazzFazz bei dir im Bett. Und morgen Früh, morgen Früh gehen wir beide fett Brunchen. Einverstanden?“

Dieses Gefühl macht mir eine eigenartige Gänsehaut. Eigentlich könnte ich sie schon meine zweite Haut nennen, so oft, wie sie sich mir überstülpt. Das ist wieder so eine Szene, wo ich versuche Eins und Eins zusammen zu zählen und Drei herausbekomme. Aber wieso kommt bei mir immer Drei heraus, wo jede Logik doch beweist, das Ergebnis ist Zwei? Ich erinnere mich an meine Gedanken der Reinkarnation und in den letzten Tagen häufen sich diese Überlegungen. Es kann nicht sein. Max ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und soviel älter als du. Wer immer dafür verantwortlich ist, schickt nicht einen alten, weisen Mann anstelle eines jungen, weisen Junkies. Mein Bruder würde mir jetzt an Hand des Buddhismus erklären, wie das ist, mit dem Karma und so. Er hat’s mir schon tausendmal erklärt. Ich krieg es trotzdem nicht überein. Ich falle von einem Déjà-Vu ins nächste und erlebe Vergangenes mit dir ein zweites Mal, im Jetzt, im Hier. Vielleicht doch gespaltene Persönlichkeit? Oder schizophren? Oder einfach nicht mehr ganz auf der Höhe? Vielleicht Realitätsverlust durch zu hohes Maß an Strandluft?

Meine Gedanken lassen sich nicht zu Ende denken. Erstens befinden sie sich in einer Endlosschleife und zweitens steht Max derweil fertig angezogen vor mir und wünscht sich zu verabschieden. „MannoMann, du wirfst ganz schöne Schatten Großer!“

„Tja Kleines, das passiert, wenn man schön stark ist!“

Wir müssen wieder beide lachen, was Dune weckt, die sich artig von ihrem Freund verabschieden kommt.

„Ach Süße, ich wäre doch zu dir an den Korb gekommen. Ich muss mich doch auch noch von deinem Zwerg und der hübschen Fee verabschieden.“, flüstert er und tätschelt Dune vorsichtig den Kopf. Dann geht er zum Korb, gibt den ultimativen Abschiedsstreichler an die beiden pennenden Babies und kommt zu mir zurück. Gerade als ich mich auf die erste Stufe der Treppe begeben will, hebt er mich in die Höhe, drückt mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Schön, dass es dich gibt. Ich freu mich auf Morgen, Kleines. Danke für alles! Ich find den Weg schon raus.“

Als Max im unteren Drittel der Treppe ist, rufe ich ihm noch nach, was denn nun mit der Überraschung sei. Er lacht. Er lacht auf seine unverwechselbare laute Art und Weise, beschimpft mich im Scherz als neugierigste Leuchtturmwärterin der Welt und geht. Noch bevor ich irgendetwas sagen kann, ist der Herr zur Tür hinaus, setzt sich in seinen ollen R4 und macht sich vom Acker, oder besser gesagt vom Strand.

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin zu großen Teilen gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Bettdecke hinweg in ein dunkles Braun blickte. Jeder Versuch mich mit einzelnen Körperteilen zu bewegen, sei’s Arme oder Beine, schlägt fehl und selbst die rechte Schulter mag mir einfach nicht mehr gehorchen. Ganz vorsichtig versuche ich meinen Kopf zu heben und bemerke dabei, dass Fee auf meiner Schulter liegt. Kein Schwergewicht, aber sie muss schon eine Ewigkeit hier liegen, sagt mir mein Knochengerüst. Der Länge nach auf mir liegt Dune. Als sie bemerkt, dass ich von den Toten auferstanden bin, geht ihre Rute und klopft freudig die Bettdecke aus. Kleine Düne hat sie mir genau auf die Brust gelegt. So konnte ihr Kind an ihrem Kopf und am Busen der Natur kuscheln und schlummern. Es freut mich ja über alle Maßen, dass Dune mir so sehr vertraut und meine Nähe nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Fellnasen sucht, aber muss das unbedingt zur nachtschlafenden Zeit in meiner Koje sein? Ist denn der Korb nicht groß und kuschelig genug? Wohl nicht. Hallo Schwester!!! Katheter bitte!!! Ich muss mal!

Dune bemerkt meine wachsende Unruhe und schafft als Erstes den Nachwuchs ins sichere Korbgeflecht. Na endlich, ich dachte schon, Max müsse über das Fenster einsteigen, weil ich ihm nicht öffnen darf. Der Zustand der Belagerung hat ein Ende und ich brauche ein paar Minuten länger, um meine einzelnen Knochen, und ich schwöre, heute spüre ich selbst die Klitzekleinsten, zu sortieren. Fee, ebenfalls durch das Geschunkel und Geruckel geweckt, maunzt mir volle Lotte ins Ohr, um sich dann, knapp hinter mir auf dem Kopfkissen wieder zum Schlaf der kleinen Tigerchen zusammen zu rollen. Eigentlich sollte ich das auch tun. Ich bin glücklich. Alle meine Haustiere sind wieder da. Sie fühlen sich wohl. Sie erholen sich prächtig. Und nach dem Stress der letzten Tage, könnte ich ruhig auch mal ausschlafen. Wenn ich nicht schon wach und knochentechnisch sortiert wäre. Also junge Frau, carpe diem, nachdem das mit der Noctem schon nicht geklappt hat. Außerdem magst du Max sicher nicht in Unterhose und Schlabbershirt die Türe öffnen.

Der Tag ist schon da, steht in voller Pracht rund um den Leuchtturm und versucht mich neugierig zu machen auf die Welt. Vorsichtig öffne ich das turmeigene Bullauge und werde fühlbar überrascht. Ganz schön mild, trotz Wind, der behäbig von der See zu uns hinüber weht. So kommt nach dem ganzen Regen mal wieder ein bisschen Frischluft unter das Leuchtfeuer und mit einem undefinierbaren Gesumme, beginne ich den Tag. Raubtierfütterung, Eigenwellness, Kaffee, Kippe, alles was frau so braucht. Hier was gekruscht, dort was geräumt, an jener Stelle ein bisschen gewischt und an allen Ecken immer mal wieder ein vorbeihuschendes Fell gekrault. Dune verfolgt jeden meiner Schritte und schaut sehnsüchtig zur Treppe. Ich versuche sie auf später zu vertrösten, und während ich mir zwischendurch meine Durchhalteparolen abkaufe, sieht sie nicht wirklich überzeugt aus.

„Hallo Verenaschatz. Werde Weihnachten hier im Turm bleiben, mit Max und dem lieben Vieh. Unseren SMS ist es ja egal in welche Teile der Welt sie verschickt werden. Muss nur noch daheim beichten. Hab gedacht fange bei dir an, weil ich weiß du verstehst mich. HDGDL die, die im Leuchtturm wohnt.“

294 Zeichen – wahrscheinlich bimmelt der Kurzmitteilungsquengelton sie gerade bei der Arbeit an – und das nicht nur einmal. Aber sie wird sich freuen. Über die SMS und für mich.

„Nein Mama, mir geht’s wirklich gut. Ja Mütterchen, ich hab auch alles. Und was gibt’s Neu… Nein?! Sag bloß. Das ist ja mal ne gute Nachricht. Hmm, hmm, hmmm, ja. Nee, nich’ wirklich. Was ich dir noch sagen woll… Ja?? Nein, das ist ja süß. Uih, bestell ihr mal ganz liebe Grüße von mir. Du Mama, wegen Weihnachten. Ach, du bist bei Westermanns. Heilig Abend. Hmm, ja das ist doch schön. Ich? Nee, das versuche ich dir ja die ganze Zeit… Ja genau, wegen dem Welpen und wegen Fee. Nein, kann ich nicht. Möchte ich auch nicht. Ja machen wir. Ich meld mich einfach vorher noch mal. Jepp. Ja mach ich. Oki. Du ich dich auch. Ganz doll. Kussi.“

Typisch Mütterchen. Aber sie scheint auch nicht wirklich mit meinem Erscheinen gerechnet zu haben. War ja schon mal einfacher als gedacht.

„Hallo Bruderbär, na alles im Lack? Jepp, jetzt ist alles wieder gut. Dune war weg, hatte nen Unfall. Nee, alles okay. Sie ist noch ein bisschen wackelig auf den Pfoten aber sonst alles im grünen Bereich. Ob ich Weihnachten komme? Weißt du, ich dachte eigentlich… Achso, mit dem Frauchen in die Sonne. Ja dann passt das doch. Quatsch, aus dem Alter sind wir doch wohl beide raus. Nein, ach du bist doch doof. Ich bin eh viel lieber hier. Und wenn ihr sowieso nicht da seid, brauch ich mir auch keinen Kopf machen. Ja hätte doch sein können, dass ihr nach einem weiteren Jahr eurer Zweisamkeit, die Liebe fürs Fest wiederentdeckt. Genau, die ganze Sippe um einen Tisch und nach dem feisten Essen den Messerblock fürs Verwandtschaftsschlachten umgehen lassen. Hööör auf jetzt, ich mach mir gleich in die Hosen vor Lachen. Jepp. Ich hab dich auch lieb. Und deine Süße natürlich auch. Gibst ihr nen dicken Kuss von mir? Aber Karte schreiben ist klar, oder? Jo mach ich. Einen extra dicken Knochen. Und Fee kriegt ne ganze Tüte Maltkisses von euch. Gut. Hmm. Jepp. Du auch Bruderherz. Fühl dich gedrückt. Hab dich lieieie-hieb!“

Na super, stell dir vor, du möchtest zum Fest nicht nach Hause, und jedem ist es Recht. Einfacher kann’s wirklich nicht laufen.

Und der Rest kriegt Weihnachtspost von mir. Ein bisschen früher. Früh genug für mich zum Absagen und zu spät für die Anderen, um was daran ändern zu können. Guter Plan, Frau Leuchtturmwärterin. Guter Plan.

Tagesglück

Neuer Tag, neues Glück?

täglich,

glücklich?

Einfach ein neuer Tag,

einfach neue Hoffnung

auf einfach ein bisschen Glück.

Und bis jetzt, ist das Glück mir hold.





WoW! Was für ein Morgen!

2 08 2009

WoW! Was für ein Morgen!

Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob ich nicht hier unten frühstücken mag. Der Tag scheint wirklich vielversprechend zu werden. In erster Linie wird er aber sonnig, und das muss ich einfach noch auskosten. Die trübe Herbst- und Winterzeit lässt sich sicher nicht mehr lange unterdrücken. So flitze ich, was lächerlich klingt in Anbetracht der frühen Stunde und meiner Statur, die 159 Stufen des Leuchtturms wieder hinauf, erhole mich, oben angekommen, jappsend von dem wendeltreppenbedingten Schwindel und dem nikotinverursachten Luftmangel, bereite meinen Kaffee gleich in einer großen Kanne und entschwinde mit einem Korb wieder nach unten. Kaffee, Kippen, Kuscheldecke, Köter – die vier großen K’s sind alle beisammen und ich gönne mir jetzt ein Sommerendfrühstück.

Mich beschäftigt immer noch der Traum der letzten Nacht. War es ein Albtraum oder eine Vision? War es gut oder böse? Ich verfalle schon wieder ins Grübeln, was bekannter Maßen nicht gut ist.

Wärst du jetzt hier würdest du mich sicher greifen, mit mir durch die Dünen in Richtung Meer laufen und mir, mit einer kleinen gemeinen Wasserschlacht, den Grübel aus dem Kopf zaubern. Du bist aber nicht hier und ich frage mich, ob Dune es wohl versteht, wenn ich mit ihr zum Wasser renne und sie nassspritze? Egal, ob sie es versteht oder nicht. Mein Bauchgefühl sagt gerade, dass Quatschzeit ist.

Dune staunt nicht schlecht, als ich wie von der Tarantel gestochen aufspringe, mich aus der Decke pelle und lossprinte. Die Hündin sprintet hinterher, überholt gekonnt und wartet am Wassersaum mit lautem Gekläffe auf ihren Menschen. Es ist einfach zu herrlich, wie sie durch das Wasser hüpft und mit Gebell und Schwanzgewedel große Freude an meinem Erscheinen bekundet. Wir rasen im Wasser auf und ab, ich werfe ihr einen Ast aufs Meer hinaus, den sie anstandslos apportiert und ich spritze sie nass, was sie immer wieder Abstand von mir nehmen lässt.

Lachen, Spaß, Freude, Bellen, Hüpfen, Tanzen, Glück.

So kann es gehen, wenn ich auf mein Bauchgefühl höre. So kann es aber nur gehen, wenn ich dieses Bauchgefühl auch verstehen kann. Herr Grübel hat für’s Erste meinen Kopf geräumt und ich genieße mit jeder Faser meines Körpers dieses Glück, an diesem Ort hier. Ich weiß nicht womit ich es verdient habe, hier sein zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass ich es mir verdient haben muss, hier sein zu dürfen. Und ich möchte alles dafür tun, dass ich auch weiterhin bleiben kann.

Von den Fußknöcheln ausgehend zieht die Nässe des Meeres langsam in meiner Jogginghose nach oben in Richtung Hosenbund. Der Wind ist zwar leicht und streichelnd, aber um Beine und Po beginnt es mich jetzt doch zu frösteln. Zu Dunes absolutem Unverständnis trete ich den Rückweg zum Turm an, der sich hinter mir in strahlendem Rot und Weiß vom Blau des Himmels abhebt. Die Hündin versucht mich noch zum Bleiben zu überreden. Laut kläffend tanzt und springt sie um mich herum. Als sie merkt, dass ihr Umstimmungstanz nicht den gewünschten Erfolg bringt lässt sie ab und läuft zurück ans Wasser. Vielleicht lässt sie ihre Wut nun an den Möwen ab? Inmitten dieser Gedankengänge höre ich von hinten ein bedrohliches Schnaufen auf mich zukommen. Bevor ich mit einem steifen Schulterblick danach Ausschau halten kann was passiert, habe ich auch schon zwei kräftige Pfoten im Kreuz auf Höhe der Schulterblätter und falle vornlings in den Sand. “Bauz”.

Den freundlichen Strandbesucher erkennt man am Sand zwischen den Zähnen und den Überraschten ebenfalls. Als ich wieder einigermaßen weiß, wo oben und wo unten ist, muss ich schallendlaut lachen. Diese Töle ist einfach einmalig. Nun bin ich nicht nur nass sondern auch noch eine lebendige Sandfigur. Vorsichtig rappele ich mich wieder auf. Den feinen Sand abzuklopfen macht wenig Sinn und so beschränke ich mich auf das Ausspucken der kleinen Dünen zwischen meinen Gebissreihen.

Dune sitzt vor mir und, ohne sie vermenschlichen zu wollen, sie sieht aus, als hätte sie ein verdammt diebischamüsiertes Grinsen um die Lefzen. Gemeinsam trotten wir zurück zum Leuchtturm. Mir fällt gerade ein, dass ich heute früh die Liste oben liegen gelassen habe. Da ich mich jetzt sowieso umziehen muss, kann ich auch gleich an ihr weiterarbeiten. Ich lache immer noch.

159 Stufen die Vierte, für heute. Na das hält sich ja schön in Grenzen mit der Lauferei. Und so lange es so mild ist, kann ich ja auch problemlos die Türe geöffnet lassen oder wenigstens angelehnt, damit dieses befellte Überfallkommando ein- und ausgehen kann. Vielleicht schon in der nächsten Woche kriege ich echt ein Problem, wo ich doch so eine Friernase bin. Bevor ich nach oben klettere, reiße ich mir erstmal meine Sandhaut vom Leib. Es muss nicht sein, dass ich meinen Turm in Klein-Sahara verwandele und auf den Holzstufen der Wendeltreppe sind Sandkörner eher kontraproduktiv. Es reicht schon voll und ganz, dass Dune ständig irgendwelchen Dreck einschleppt.

Zurück im Turm, und wieder mit frischen ungekörnten Klamotten versehen, beschließe ich, dass ich nicht den restlichen Tag drinnen verbringen werde. Draußen ist es viel zu schön und wenn ich jetzt gleich einkaufen gehe, dann bleibt Zeit genug für die Liste und die wichtigsten Planungen. Am Wochenende kann dann die Umsetzung erfolgen und dann, dann werden wir sehen, was dabei herauskommt, Frau Leuchtturmwärterin. Der Kaffee ist fertig und ich fülle wieder die Thermoskanne. Dann schnapp ich mir mein Handy, die Liste, verstaue alles im großen Weidenkorb und begebe mich hinaus in den Sonnenschein. Der Korb bleibt natürlich noch drin. Zwar kommt hier höchst selten eine Menschenseele vorbei, aber darauf ankommen lassen will ich es auch nicht. Man muss Diebesgesindel ja nicht noch einladen.

Kommen wir nun zum Fürchterlichsten des Tages: dem Einkauf. Was das Shopping-Gen betrifft hat man bei uns beiden ja irgendwas vertauscht. Ich meine, ich bin eine Frau und du bist ein Mann und ich hasse einkaufen, während du nichts lieber getan hast. Einkaufen ist stressig, es ist immer laut und quengelig, die Leute – allen voran ich – sind schlecht gelaunt und bezahlen kann man das alles heute sowieso nicht mehr. Du hingegen empfandest einen ausgiebigen Shoppingbummel als pure Entspannung. Egal ob Lebensmittelgeschäft oder Boutique, du streuntest durch die Regalreihen und sahst immer einfach nur glücklich aus. In unser beider Programmierung ist diesbezüglich ein heftiger Bug. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich nun in ein Lebensmittelverkaufsgeschäft stürzen muss, um die nächsten Tage vielleicht auch etwas anderes zu mir zu nehmen als Tütensuppen und Knäckebrot.

Was ist heute für ein Tag? Haben wir Morgen Feiertag? Oder steht schon das Wochenende vor der Tür und ich peile es nicht? Gibt es hier was umsonst? Herrje, wo kommen die ganzen Leute her? Haben die alle kein Zuhause? Ich will nicht, aber ich muss. Ich habe Hunger, keinen Einkaufszettel und der Supermarkt ist brechend voll. Na das wird ja mal wieder ein Riesenspaß.

Seit über einer Stunde wusele ich hier zwischen Butter und Genever durch die Gänge. Mein Einkaufswagen ist kurz vor dem Ausbeulen und mich dünkt, das wird eine heftige Schlepperei. Bis zum Turm brauche ich weit über eine halbe Stunde ohne Gepäck. Mit Trolli, Rucksack und den Tüten wird es sicher doppelt so lange dauern. Die Schlange an der Kasse ist auch nur zwei Kilometer lang. Sicher müssen vor mir noch drei Stornos bearbeitet werden, welche die Kassiererin natürlich nicht selbstständig tätigen kann und wenn ich an der Reihe bin, dann geht die Bon-Rolle aus und die kleine Blondine wird mindestens zehn Minuten brauchen, um diese zu wechseln. Summasummarum werde ich schätzungsweise erst in weiteren zwei bis drei Stunden zurück am Turm sein. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Kasse. 159 Schritte. Ach du Scheiße, das dicke Ende wartet im Turm auf mich. Die ganzen Einkäufe müssen ja auch noch nach oben. Hektisch und mit einem großen P für Panik in den Augen, starre ich in den Einkaufswagen. Brauche ich das alles wirklich? Gibt es das als kleine Packung? Läuft hier ein Praktikant umher, der dem Kunden König die Tüten packt und beim Tragen hilft? Meine Laune versteckt sich unter Brot und Marmelade und meine Stimmung gleicht sich der Temperatur der tiefgekühlten Scampis an.

Was habe ich gesagt? Zwei bis drei Stunden. Zweieinhalb Stunden später bin ich nun endlich zu Hause. Meine Arme sind mindestens zwanzig Zentimeter in die Länge gegangen und am Fuße der Wendeltreppe wird mir übel bei dem Gedanken, die Einkäufe nach oben zu bugsieren. Wie gut, dass mir Mütterchen beigebracht hat, dass nichts aber auch gar nichts über eine gut und zweckmäßig gepackte Einkaufstüte geht. So weiß ich in welchen zwei Taschen sich die Tiefkühlkost befindet und die wandert auch subito zu Erst nach oben. Im Rucksack befindet sich weiteres Kühlgut und damit wäre mit dem ersten Gang schon mal die erste Gefahr beseitigt. Flink wandert Verderbliches in Kühl- und Tiefkühlschrank und schon geht es wieder nach unten.

Immer noch streichelt die Sonne die Landschaft. Dieses Licht hier an der See ist so faszinierend und so einzigartig. Man mag sich gar nicht satt sehen. Mit ausgeprägter Grübelfalte auf der Stirn werfe ich einen Blick auf die sich stapelnden Einkäufe. Nein, nein, nein! Das muss noch warten. Ich kann doch nicht diesen herrlichen Tag mit Schlepperei beenden. Dune, die sich das ganze Spiel seit meiner Heimkehr bislang aus ausreichender Entfernung angeschaut hat, kommt auf mich zu und wufft mich aufmunternd an. Recht hast du! Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Also klemm ich mir den Weidenkorb unter den Arm und bummele gemeinsam mit dem freudig erregten Haustier in die Dünen. Die Entscheidung, wo ich meinen Astralkörper ablege, fällt mir wie immer sehr schwer. Schließlich und endlich entscheidet Dune, indem sie sich vor meinen Füßen ablegt und lustig mit dem Schwanz wedelt.

Kann es schöneres geben? Kann man sich wohler fühlen? Kann man sonst irgendwo glücklicher sein? Also, für mich kann ich behaupten: Nein, kann man nicht. So breite ich die Decke aus, gieße mir einen Becher noch immer dampfenden Kaffee ein und drehe mich ungelenk bäuchlings. Im Blindflug fingere ich im Weidenkorb nach meiner Liste und als würde Dune begreifen, was ich gerade tue oder möchte, steckt sie ihren Kopf in das Geflecht und schnappt sich vorsichtig das Handy. Vor mir legt sie es auf der Decke ab und ich liege hier und halte Maulaffenfeil. Dieser Hund ist so schlau! Ich fingere weiter im Korb und bekomme die Liste zu fassen.

Dein Bild; Dinkelkissen; Wärmflaschen; Wollpullover, Wollsocken, lange Unterhose, meine Kuscheldecke, Dunes Kuscheldecke; Zeichenkoffer; Erste-Hilfe-Koffer; Schreibkladde, Bleistifte; Anspitzer; Kerzen; Teelichter; Handy…

Stimmt, beim Handy bin ich hängen geblieben. Pro und Contra hab ich abgewogen und so ganz weiß ich immer noch nicht, ob ich es nun „brauche“ oder ob ich es wie Laptop und Co. auch in die Verbannung schicken möchte, was ich wahrscheinlich eh nicht tun werde, weil ich, nachdem ich beschlossen habe, dass ich nichts brauche, alles furchtbar vermissen werde. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich eine neue Nachricht habe. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Erstmal schauen, vielleicht will mein telekomischer Anbieter ja auch nur wieder irgendwelche „supergünstigen“ Downloads anbieten. Wie schön, es ist keine Werbe-SMS.

„… also, denk dran, die wellen warten auf dich, damit sie deine füße küssen und in dein glückstrahlendes, lächelndes gesicht schauen können“

Wie süß ist das denn? Ach Verena, du bist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder anders gesagt, du smst immer zur richtigen Zeit das richtige Wort. Es ist so faszinierend. Seit Monaten kenne ich dich nur über dieses kleine Display am Handy, über Email und aus unendlich langen Telefonaten. Trotzdem ist es so, als kenne ich dich, als kennst du mich.

Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in den immer noch blauen Himmel. Wieder greife ich nach dem Handy und lese Buchstabe für Buchstabe Verenas Kurzmitteilung. Wenn ich mir überlege, wie wir uns kennen gelernt haben, durch das wohl anonymste Medium der Welt. Sie hat über Monate meine Texte gelesen, sich von ihnen fesseln lassen und ich habe mich, ohne es zu wissen, mit jedem meiner Worte ein Stückchen mehr in ihr Leben geschlichen. Auf diese Art und Weise lebten wir über ein Jahr nebeneinander her, sie dort und ich im Rheinland. Sie wusste schon soviel über mich und ich hatte keine Ahnung von ihrer Existenz. Warum auch immer packte sie irgendwann der Mut und sie hat mir eine Email geschickt, in der sie mir für mein Schreiben, für die Art meines Schreibens ihre Bewunderung ausgedrückt hat. Ihr Outing als stiller Fan kam überraschend und im Laufe des letzten Jahres wuchs aus diesem Kontakt eine Art „Freundschaft“, die ich für nichts auf der Welt mehr missen möchte.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Das Handy wird nicht dem Meer übergeben. Ich kann auf vieles verzichten. Ich möchte auf vieles verzichten und mich in einem Leben üben, in dem nicht mehr alles so furchtbar selbstverständlich ist. Aber auf Verena und den Seelenfaden, der uns verbindet, mag ich auch hier nicht verzichten.

Zurück zur Liste. Dune braucht nicht hungern. Ich brauche nicht hungern. Mein Rauchutensil muss noch auf die Liste. Was passt besser in einen Leuchtturm als ein Aschenbecher, in dessen Mitte in kleiner Leuchtturm modelliert ist? Den hat mir Petra geschenkt und der kommt hier sicher richtig gut zur Geltung. Und wer weiß, wenn ich mich erst hier eingelebt habe, dann finde ich vielleicht auch die Ruhe, um mir dieses Laster endlich abzugewöhnen. Bislang heißt meine Raucherweisheit ja immer: Ich rauche nicht mehr! Aber eben leider auch nicht weniger.

Meine Kamera darf ich auf keinen Fall vergessen. Sollte es denn richtig Winter werden, lassen sich sicher bombastische Fotos machen. Ich erinnere mich an die Nordsee vor drei Jahren, da war das Watt zugefroren. Am Wassersaum türmten sich kleine zarte Eisschollen und je nachdem, wie das Licht fiel, gab es Motive, die in jeden mystischen Film gepasst hätten.

Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass mit meinem Vorhaben eine Art Schlussstrich gezogen wird? Diese Liste, all die Dinge, die ich dort addiere, das alles bekommt den Charme von Endgültigkeit. Aber es ist ja nicht endgültig. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage. Mein Mobiliar wird eingelagert. Meine Kisten verbleiben in diversen Garagen und Kellern von guten Bekannten und der Familie. Innerhalb eines Tages kann ich wieder im Rheinland sein und ich kann jederzeit zurück, wenn ich will. Will ich denn? Natürlich will ich. Ich wandere nicht aus, ich erfülle unseren Traum. Oder?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun. Mein Herz klingt so leicht und gar nicht nach Blues. Mein Bauchgefühl führt mich in ein sagenhaftes Abenteuer. Und das verspricht alles nicht nur gut zu werden. Es fühlt sich bereits jetzt sehr gut an. Da ist er wieder, der Grübel. Bin ich nicht so überzeugt, wie ich klinge? Doch. Ich bin überzeugt. Jahre haben wir von diesem Leben geträumt. Ein Leben in einem Leuchtturm. In den schillerndsten Farben haben wir es uns ausgemalt, dieses Leben unter dem Himmel, 40 Meter oder mehr über dem Meer. Jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit und ich werde ihn nicht platzen lassen wie eine Seifenblase. Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun.

Strand? Gut!

Hier bei dir

Hier bei dir am Strand

Hier bei dir am Strand geht’s mir gut

Strand? Gut!

Strandgut

Eine unserer weltberühmten Wortspielereien, die außer uns niemand verstanden hat. Frag mich nicht, wie ich jetzt und hier darauf komme. Vielleicht, weil Dune die ganze Zeit versucht eine enorm große Holzbohle aus dem Wasser zu ziehen? Ein Dickkopf wie ihr Frauchen. Sie soll sich ruhig auspowern. Vor allem aber soll sie ihre Geschäfte nicht vergessen.





Ich horche und lausche.

31 07 2009

Ich horche und lausche. Ich fühle und taste. Ich bin ganz Ohr. Ich spüre mein Herz aufgeregt schlagen. Und in meinem Bauch grummelt es so laut, dass sogar Dune mich mit Ohren auf “Halb Acht” anschaut, als wolle sie eine Erklärung für diesen Lärm. Hunger, es ist wohl einfach nur Hunger. Der Hunger nach der See, nach der Luft hier und nach der direkten Nähe zu diesem Leuchtturm, diesen Hunger werde ich wohl nie stillen können. Was das betrifft bin ich ein kleiner Nimmersatt?! Der Hunger nach fester Nahrung lässt sich ruckzuck abstellen, wenn ich hier nicht den ganzen Tag mit den Füßen im Sand buddel; wenn ich nicht permanent nach Erklärungen für diesen Satz suche; wenn ich mich hätte nur eine Stunde früher von hier trennen können. Jetzt ist alles zu. Ladenschluss. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als wieder zur Tütensuppe zu greifen.

Es ist immer noch recht warm. Es kann nicht Oktober sein. Einzig am Sand spüre ich, dass es bald Nacht wird. Obwohl er für diese Jahreszeit erstaunlich lange die Sonnenwärme speichert, wird der Sand langsam klamm und kühl. Meinem Wohlgefühl tut das keinen Abbruch. Barfuß im Sand ist besser als jede warme Socke, als jeder bequeme Latschen, als jede passende Sandale.

Meine Liste ist nach wie vor leer. Was ich heut hätt könnt besorgen, verschieb ich wiedermal auf Morgen. Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Morgen werde ich die Liste erstellen. Mein erster Winter hier im Turm. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass dieser Traum wahr wurde. Unser Traum.

Wieder lege ich den Kopf in den Nacken. In den Händen halte ich die wärmende Tasse heiße Schokolade. Vom mittlerweile nachtschwarzen Himmel lächeln mir Abermillionen Sterne freundlich zu. Draußen auf dem Meer zanken sich die Möwen lauthals um die besten Nachtplätze.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kakao nicht ausreicht und darum gehe ich ihm jetzt nach und erklimme den Turm. Ich folge dem Ruf der Tütensuppe, auf den du nie gehört hast, denn du hasst diese Instantplempe. Aber du musst sie ja auch nicht essen. Gute Nacht mein Herz.

  • Dein Bild;
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  • Wärmflaschen;
  • Wollpullover;
  • Wollsocken;
  • lange Unterhose;
  • meine Kuscheldecke;
  • Dunes Kuscheldecke;
  • Zeichenkoffer;
  • Erste-Hilfe-Koffer;
  • Schreibkladde;
  • Bleistifte;
  • Anspitzer;
  • Kerzen; Teelichter;
  • Handy

.. Handy? Warum schreibe ich das Handy mit auf die Liste?

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz“.

Mein Herz sagt, ich soll das Handy dem Meer übergeben. Ich vertraue mir und bin sicher, dass ich es nicht brauchen werde. Ich will es nicht brauchen. Ich will keine Uhr mitnehmen. Ich werde das Radio im Schrank verstauen. Und dieses Zeichen der immerwährenden Erreichbarkeit will ich auch nicht. Aber kann ich in meine Mitmenschen vertrauen? Was, wenn ich nicht erreichbar bin? Das Mütterchen ist nicht mehr ganz fit. Was, wenn etwas Unvorgesehenes passiert, nicht mit mir, sondern mit anderen? Muss ich dann nicht erreichbar sein? Ich tröste mich damit, dass es vor dreißig, fünfzig oder gar hundert Jahren auch noch keine mobilen Telefone gab. Früher schickte man eine Postkutsche von Ort zu Ort. Man schrieb sich noch Snailmails und musste diesen ekelhaften Geschmack der Briefmarken den ganzen Tag auf der Zunge ertragen.

Dunes Gejammer reißt mich aus meinen Gedanken. “Boah Hund, du warst doch den ganzen Tag draußen!” Was das angeht müssen wir irgendeine Lösung finden, Dune. Wir leben hier nicht mehr im Erdgeschoss mit Direktverbindung in die Rheinauen. Du hast vier Läufe, meine Wenigkeit verfügt nur über zwei unförmige Stelzen, die mich 159 Stufen tragen müssen, und zwar runter und dann auch wieder rauf. Wir sind hier ungefähr 35 Meter von der Erdoberfläche entfernt. Also, nicht, dass ich das nicht alles vorher gewusst hätte. Aber wenn ich mir zweimal überlege, ob ich den Müll gleich oder später hinunter bringe, dann kannst du dir auch bitte vorher überlegen, ob du alle Dünen zu deiner Zufriedenheit markiert hast, oder nicht?

Während ich auf den armen Hund einrede als gäbe es kein Morgen mehr, senkt sie leicht ihr Hinterteil und lässt ihrem Harndrang freien Lauf. Na super. Würde mich schon interessieren, was du den ganzen Tag gemacht hast? Ich pelle mich aus meiner herrlich warmen Koje, streife mir die schweren grünroten Wollsocken über, die mir eine liebe Bekannte zum Einzug hier geschenkt hat, fingere im Spülbecken nach einem Lappen, greife mir die Haushaltsrolle und beginne mit dem Abstieg. Halt! Stopp! Die Mülltüte. Mütterchen sagt immer, dass man Wege sinnvoll nutzen soll. Unten angekommen öffne ich die schwere Eisentür für den Hund. So, ab raus und alle Geschäfte erledigen, die es zu erledigen gilt junge Frau. Ich mag dieses Spiel nämlich nicht wirklich.

Während Dune mit der Nase Bodenkontakt sucht und sich nach draußen in die Nacht trollt, beseitige ich das feuchte Malheur. Die nassen Tücher packe ich noch in den Beutel und verbringe den gesamten Sack in die dafür vorgesehene große Tonne nach draußen.

Es ist so wundervoll mild. Es scheint draußen viel wärmer zu sein als drinnen, vielleicht liegt es an der Höhe, dass es mir dort oben so kühl vorkommt? In regelmäßigen Abständen erleuchtet unser Turmlicht den Nachthimmel. Ich spüre wie sich Gänsehaut Pore für Pore auf mir ausbreitet. Ich friere nicht. Es ist diese wohlige Gänsehaut, Wohlfühlhaut. Ich bin fast dankbar, dass Dune ihre Blase entleert hat. Andernfalls wäre ich wohl irgendwann über meiner Liste eingeschlafen und hätte diesen tollen Moment verpasst.

Nebelgrauer Schleier
Umhüllt das Leben
Schwarzer Himmel
Schwarzes Meer
Gleißendes Licht
Erhellt denn Himmel
Bestrahlt das Meer
Rettet das Leben

Weit draußen auf der See fahren Lichter spazieren. Wahrscheinlich ein Kutter, der zur späten Stunde heimkehrt oder sich auf das Auslaufen in wenigen Stunden vorbereitet? Beinahe verliebt schaue ich an meinem Zuhause hoch. Unser Leuchtfeuer wird ihm helfen, damit er sich nicht verirrt, draußen in der schwarzen Nacht. Ein wirklich tolles Gefühl.

Schwanzwedelnd kommt Dune auf mich zu getrappst und setzt sich artig neben mich. Ihre Rute scheint argen Bewegungsdrang zu haben, klopft sie mir damit doch wunderbar regelmäßig gegen die Fußknöchel. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht, atme richtig herzergreifend tief durch und begebe mich zurück. Was freue ich mich auf den Anstieg. Bevor ich Dune wieder durch die Türe lasse, erkundige ich mich nach dem aktuellen Blasenstand. Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber sie sieht schon sehr erleichtert aus. Es steht also nicht zu befürchten, dass es zu weiteren Unterbrechungen meiner Nachtruhe kommt. Dem Hund scheint das alles zu albern. Er quetscht sich an mir vorbei und stürzt bereits nach oben. Ich wünsche mir auch vier starke Beine, gebe mich aber meinem Schicksal der Zweibeinigkeit geschlagen und klettere ihr nach.

Begrüßt vom leichten Brummen des Turmlichts, schleudere ich den Lappen in Richtung Spüle und verfehle diese nur um Sandkornbreite. Kakao ist eben kein Zielwasser. Dune liegt quer über der Koje und ihr Blick sagt mir, dass sie gerne Betten tauschen möchte.

„Nichts da! Das ist mein Schlafbereich und dort ist dein Schlummerplatz. Du liegst nicht in meinem Bereich und ich breite mich nicht auf deinem Platz aus. Ab jetzt!“

Die Hündin weiß, dass sie keine Chance hat und trollt sich. Natürlich legt sie sich nicht ohne diesen schweren mitleiderregenden Seufzschnaufer ab. Ein Lächeln macht auf meinem Gesicht breit – Dune, du bist wirklich eine oscarverdächtige Schauspielerin!

Auf meine Liste habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr. Die Frage mit dem Handy kläre ich Morgen mit mir und die Punkte, die noch auf der Liste fehlen, kann ich auch später noch ergänzen. Seeluft macht müde. Ich werfe noch einen kurzen Blick durch das große Bullauge nach draußen, zwinkere den Sternen zu und lösche sämtliche Kerzen. Gute Nacht mein Herz, gute Nacht Dune, gute Nacht Welt.
Draußen ist es immer noch finster und hätte ich einen Zeitmesser, wüsste ich wie spät es ist. Mein Blick durchs Bullauge landet in der schwarzen Nacht und fern am Horizont sieht es aus, als ob sich der neue Tag langsam heranschleicht. Vielleicht ist es um sieben Uhr herum? Müde sinkt mein Kopf wieder zurück ins Kissen. Dune schläft bombenfest. Meine Bewegungen registriert sie gar nicht. Der Traum der letzten Stunden gräbt sich aus dem Unterbewusstsein nach oben.

Ich sitze vor einer riesigen leeren Kladde und schreibe eine Art Gedicht. Die Worte machen mich zornig und trotzig zugleich. Tränen laufen mir über das Gesicht platschen in salzigen Tropfen auf das Papier. Als wollten sie meine Worte fixieren, träufeln sie sich durch die einzelnen Zeilen. Du stehst hinter mir, legst mir deine große warme Hand auf die Schulter und lächelst. Ohne Worte verstehen wir uns blind. Du weißt was ich denke. Du weißt was ich fühle. Vor allem aber weißt du, dass du mich interessierst.

Wen interessiert es schon?
Was du denkst?
Was du fühlst?
Wie du dich fühlst?
Wie schwarz deine Welt ist?
Wie grau du sie dir malst?
Deine Gedanken an Tod?
Deine Worte über Tod?
Deine Gedanken ans Leben?
Deine Worte über das Leben?
Wie verkorkst deine Tage sind?
Wie schlaflos deine Nächte sind?
Wie zerrüttet deine Seele ist?
Wie zerstört dein Leben ist?
Wie deine Vergangenheit aussah?
Was Heute mit dir geschieht?
Was dich in der Zukunft erwartet?
Die Welt braucht Fun.
Die Welt braucht Spaß.
Die Welt will lachen.
Die Welt will abschalten.
Die Welt will sich amüsieren.
Die Welt will nicht wissen,
Wie du denkst, fühlst, bist.
Wen interessiert das schon?

MICH!

Der Traum ist zu Ende. Langsam verschwindet er wieder im Unterbewusstsein. Das Gefühl, deine Hand auf meiner Schulter zu spüren, bleibt. Ich brauche mich nicht lange überreden. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, bevor ich diesen neuen Tag beginne. Noch ein paar Minuten, in denen ich dieses Gefühl deiner Hand auf meiner Schulter genieße.

Ich will nicht wissen, wie sich die Welt gerade fühlt, was sie denkt oder wie sie ist. Ich möchte einfach nur genießen, und zwar dich. Wohlfühlschlummer.

Die besten Stunden für den Schlaf sind die vor Mitternacht, pflegt mein Mütterchen immer zu sagen. Der wohligste Schlaf verbarg sich jedoch in den Stunden zwischen dem Vorhin und dem Jetzt. Oder waren es nur ein paar Minuten? Draußen verzieht sich in transparenten Schleiern der Morgennebel. Die Sonne steht in prächtigem OrangeGelbRot am Horizont und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon mächtig in der Nase. Am Strand herrscht reges Treiben. Möwen laufen Patrouille auf der Suche nach Krabben und Krebsen. Am Wassersaum liegt eine kleine Robbenfamilie die sich vom Frühstücksfang erholt und von den ersten Sonnenstrahlen das Fell streicheln lässt. Dune schläft immer noch. Das ist auch gut so. So kann ich mich in aller Ruhe sortieren und die Tiere draußen haben noch ein paar Minuten, um den Tag friedlich zu beginnen. Ist der Hund erst losgelassen, war es das nämlich mit der idyllischen Strandruhe.

Ungesund wie jeden Tag ist mein Frühstück. Kaffee und Kippen, das in ausreichender Menge fördert bei mir die Verdauung und gute Laune. Ist beides nur in unzureichender Menge genießbar, dann brauche ich so einen Aufkleber mit schwarzem dicken Rand „Ansprache kann tödlich sein“. Ich bin ein grausliger Morgenmuffel, und wenn dann noch diese beiden für mich wichtigen Tagesstartutensilien wegfallen, dann möchte ich mir bitte nicht selbst über den Weg laufen. Schon für mein Spiegelbild wäre ein solches Treffen verheerend.

Klappert das Geschirr, wird der Hund wach. Und noch bevor sich Dune komplett von ihrem Schlafplatz erhoben hat, mache ich mich vorsorglich auf den Weg zur Tür. 159 Stufen zum Ersten. Was man nicht alles tut. Ich muss grinsen, denke ich doch gerade an diese Sitcom mit Tom Gerhards als Hausmeister Krause: „Alles für den Dackel, alles für den Club!“ Meine Selbsterheiterung findet ein jähes Ende, als sich Dune an mir vorbeidrückt und unrechtmäßig auf der Wendeltreppe rechts überholt. Verschreckt greife ich nach dem Geländer, das an dieser Stelle schon kein festes Gestell mehr ist, sondern lediglich aus drei parallel verlaufenden Trossen besteht. Wie das mit Seilen so ist, sie geben nach, und ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht in diesem Augenblick abgelichtet werde. Das wäre ein geniales Bewerbungsfoto für den Ugly-Face-Award-2006 geworden. Erstaunlicher Weise gelingt es mir ganz gut, mich festzuhalten und gleichzeitig die letzten Stufen in halbwegs vernünftigen Schritten hinter mich zu bringen. Dramatisch wedelnd wartet vor der Tür schon Dune, die den Eindruck vermittelt, als würde sie schon die Hinterbeine zusammenkneifen um nicht wieder den Leuchtturm zu fluten. In der Tat. Kaum vor der Türe setzt sich Madame Dune und öffnet ihr internes C-Rohr. WoW, was für ein Blasendruck am frühen Morgen.





Frisch gepresst…

3 03 2009

ist der Artikel nicht mehr. Er erschien fast zeitgleich mit dem Buch… aber ganz schön stolz bin ich schon





StrandGeflüster, die SpurenSuche

2 03 2009

__Leseprobe 03 – Seite 119__

Ich habe Angst dieser Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Ich habe Angst am Ende dazustehen mit vielen Fragen, auf die es vielleicht gar keine Antwort gibt. Doch keimt auch die Hoffnung auf, dass ich somit wieder näher an das Ziel herankomme. Der Nordweststurm konnte sich bislang immer nur bilden, wenn er eine Plattform zum Ausbreiten erhielt. Ob er sie erhält oder nicht, liegt in meiner Macht, in meinen Gefühlen und in meinem Denken. Los, dann komm doch. Zieh auf Sturm, ergreife Besitz von meinen Gehirnwindungen und wehe mich zur nächsten Fährte. Ist das dein Sinn? Mir die Spuren zu zeigen, die nach Irgendwo weisen? Dann weise mich ein. Irgendwo? …





Das ist es ;)

2 03 2009

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StrandGeflüster, die SpurenSuche

2 03 2009

__LeseProbe 01; Seite 29__

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin ab den Kniegelenken gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Sanddecke hinweg in ein tiefes Schwarz blickte. Halb Sieben und noch immer stockdunkel. Ich werfe einen vorwurfsvollen Blick in Richtung Mond. Zwar bin ich ihm ziemlich hörig, aber alles gut finden, was so mit ihm zusammen hängt muss ich ja nicht, oder? Meine Knochen sind schwer und ich mache meinem zweiten Vornamen “Verspannt” alle Ehre. Wenn ich mich ja nur trauen würde ein Feuerchen anzufachen, dann würde ich mich morgens vielleicht nur halb so gerädert fühlen. Nein, hier an dem Strand, diesem weitestgehend unberührten Stückchen Natur verzichte ich lieber darauf. Die Drehung in die Rückenlage, um mich anschließend zum Frühstückskippchen aufzusetzen, scheitert an dem lähmenden Gefühl in beiden Unterschenkeln. Ich bin mir relativ sicher, gestern noch zwei Waden und zwei Füße vor dem Schlafengehen gehabt zu haben. Meinen Kopf wiege ich ein wenig hin und her und lasse ihn kreisen, um die Steife aus den Halswirbeln zu bekommen. Vorsichtig tätige ich einen Schulterblick.








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