Pfleger Max gönnt mir

3 11 2009

Pfleger Max gönnt mir noch eine heiße Schokolade vor dem Schlafen gehen. Milch mit Honig sei auch hilfreich zum Einschlafen, dann könnte Kakao nicht schlecht sein. Er kredenzt mir den besten Kakao, den ich seit meinem Einzug ins Krankenhaus getrunken habe, sogar an die Sprühsahne hat er gedacht. Er schüttelt mein Bett ein letztes Mal auf. Deckt mich bis zur Nasenspitze zu und packt mich gut ein, weil er noch einmal kurz lüften möchte. Eiskalte Luft sucht sich ihren Weg durch den Turm. Eiskalte Luft, die begleitet wird vom (be)rauschenden Klang des Meeres. Nach ein paar Minuten sperrt Max den Wind wieder aus und wir hören nur noch das sanfte Brummen der Technik über uns und kaum wahrnehmbar die See. Eine ganze Weile sitzt er bei mir auf der Kojenkante, schweigend, und es ist kein unangenehmes Schweigen. Er nimmt meine Hand und sagt, dass ich mich Morgen nicht erschrecken sollte, falls ich aufwache und er ist nicht da. Zwar sei er der Überzeugung, dass das durchaus noch ein paar Tage Zeit hätte, aber er hätte das Gefühl, dass ich meine Fellnasen sehr vermisse. Drum würde er sich auf den Weg zu Jacques machen und sie holen. So richtig gesund könnte ich doch nur im Kreis meiner Allerliebsten werden. Bei diesem Stichwort drückt er mir gleich noch, dass Verena ja wohl eine ganz Liebe sei. In den Tagen, wo ich dem Tropf gefrönt habe, hätte sie ein paar Mal gesmst. Und da er ja um unsere besondere Form der Fernbeziehung weiß, wollte er sie nicht in Sorge lassen und hat sie kurz angerufen. Dieser Mann denkt wirklich an alles. Und ich bin mal gespannt, was ich demnächst zu hören bekomme. Ich weiß doch wie scheu Verena allem Neuen und allen Veränderungen gegenüber ist. Wie mag sie sich wohl gefühlt haben, als ein wildfremder Mann mit wunderschönem Bariton in der Stimme bei ihr angerufen hat?

Bevor er weitere Beichten loswerden oder wir weitere Planungen besprechen können, schlafe ich unter dem zärtlichen Streicheln meiner Hand ein. Ganz weit weg spüre ich noch einen Kuss auf die Stirn und höre Max guten Wünsche für meine Nacht und wie er Poor Man’s Moody Blues summt. Oder sind es die Nights In White Satin, die mich sanft einhüllen und mich auf meinem Weg ins Traumland begleiten?

Die Stube blitzblank aufgeräumt, eine Tasse Tee, die schon kalt ist und darunter ein Brief. Max scheint wirklich schon weg zu sein, und ich habe es, wie so vieles in den letzten Wochen einfach verpennt. Der Fokus auf die Mikrowelle sagt mir, dass es Mittag ist und Max Brief diktiert mir, dass ich bitte, bitte im Bett bleiben soll. Er ist schon sehr früh aufgebrochen, damit er bald wieder zurück ist, mit den Pfotentieren, die ich wirklich furchtbar vermisse.

Diktat hin, Diktat her. Ich möchte aufstehen. Ich will es versuchen, und da ich nur noch aus dem drittletzten Loch pfeife, wird es wohl schon gehen, wenn ich ganz vorsichtig bin. Also setze ich mich erst einmal auf die Kojenkante und baumele mit den Beinen. Welch eine Wohltat, auch wenn es in meinem Kopf leicht schwindelt. Der Schwindel geht und ich stelle mich auf die Baumelbeine. Ohje, da wo vor einigen Wochen noch Knochen und Muskeln den Gehapparat bildeten, scheint reinster Pudding die Herrschaft übernommen zu haben. Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke. Für eine Insektenjagd bin ich wahrlich noch zu schwach und ich würde sie auch lieber an Fee abtreten. Aber ein Schritt vor den anderen gesetzt ergibt Fortbewegung. So bewege ich mich fort von der Koje, hin zum Bullauge. Endlich etwas anderes sehen als Himmel, Wolken und Regenfäden.

Wie habe ich diesen Aus- und Weitblick vermisst. Der Strand, der Horizont, das Meer. Und auch wenn es grau in grau erscheint, für mich ist es bunt, bunteste und farbenfrohste Lebensfreude. Ich bin unendlich glücklich, dass ich das alles noch erleben darf und einmal mehr unbeschreiblich dankbar, dass ich diese Chance, trotz meiner eigenen Dummheit, erhalten habe. Es zieht mich nach draußen. Wie gern möchte ich jetzt durch den Sand ans Wasser stapfen. Aber das ist wirklich noch zu früh, und ich sollte dieses Vorhaben lieber auf später verschieben, wenn Max wieder da ist. Wenn er überhaupt mit mir los gehen mag, wo ich doch seine nichtärztliche Anordnung mit dem Spaziergang durch die Stube so böse unterwandert habe.

Mein Herz läuft über und im Bauch kribbelt es lustig vor sich hin vor lauter Glück. Perspektiven verschieben sich, Dinge werden unwichtig, dafür rücken andere Kriterien in den Mittelpunkt. Ob ich mich wohl sehr verändert habe, seit ich hier bin? Wer will das beurteilen? Ich kann es nicht. Es ist nicht, wie es scheint. Es ist, wie ich bin. Wieder trifft dieses Motto mitten ins Schwarze. Es ist nicht wie es scheint, grau, diesig, regnerisch. Es ist wie ich bin, glücklich. Und dieses Glück habe ich dir zu verdanken, dir, unserem gemeinsamen Traum und ein bisschen auch meinem Mut, diesen Traum alleine zu leben. So lebe ich ihn alleine, bin aber nicht einsam. Denn da sind Dune, kleine Düne und Fee. Und da ist Max. Allem voran bist du aber hier, weil du überall bist, wo ich bin, weil du in meinem Herzen bist. Auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere, deinen Tod zwar akzeptiert habe, ihn aber nie verstehen werde, möchte ich genau dieses Schicksal auch tausendfach umarmen, alleine für die Tatsache, dass es dich in meinem Leben gab, gibt und immer geben wird. Ein neuer leuchtstürmischer Glückstag.

Und Max? Max geht es mit seinem Schicksal sicher ähnlich. Nur hatte er soviel weniger Zeit und Möglichkeiten. Bevor er vom Vater zum Freund wachsen konnte, bevor er seinen Sohn überhaupt richtig kennen lernen durfte, wurde er aus seinem Leben gerissen. Während es für uns keine menschlichen Hindernisse gab, wurde Max Exfrau für die Vater-Sohn-Beziehung zu einem unüberwindbaren Graben. Es macht wenig Sinn, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche, so lange ich nicht mehr weiß.

Und wieder hängen meine Gedanken bei der Einzigartigkeit und den Unterschieden. Da sind sie wieder, die Parallelen, von denen ich immer noch denke, dass sie sich früher oder später doch treffen werden, und damit doch einfach nur Geraden sind. Ein jeder von euch beiden ist mir unglaublich wichtig, auf seine Art, auf seine ganz spezielle und besondere Art, spielt ihr eine Rolle für mich und in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so denken könnte. Aber gerade die letzten Wochen, haben mir viel gezeigt, von mir, von dir, von ihm.

„Kleines komm mal her, schnell!“

„Was ist? Hast du das Skelett eines Urzeitwals entdeckt?“

„Nein, komm doch mal bitte!“

„WoW ist das schön!“

„Genial, oder?“

„Mehr als genial. Wieso habe ich keinen Fotoapparat?“

„Weil du so einen technischen Schnickschnack nicht magst Sysse? Wieso hast du noch immer keinen Walkmann, dann könntest du mein Saxophon überall mit hin nehmen?“

„Weil ich dich lieber in echt höre, auf dem Küchentisch?“

„Was schätzt du? Wie viele sind das? Hunderte? Tausende?“

„Hmm, schwer zu sagen, guck mal, da sind ganz, ganz winzige dabei.“

„Und zu jeder gibt es irgendwo in dieser Masse ein passendes Gegenstück, einen passenden Deckel.“

„Aber auch dieses Gegenstück ist nie wirklich gleich. Ich werde nachher mal probieren, ob ich das Muschelmeer zeichnen kann.“

„Auja, mach das Kleines. Und das hängen wir uns dann oben in den Leuchtturm. Dann werden wir immer daran erinnert, dass jeder von uns einzigartig ist und anders. Doch irgendwo in der großen weiten Welt, gibt es immer ein passendes Gegenstück. So wie du mein passendes Gegenstück bist.“

Ein Blick ins Muschelmeer:

schönförmig, glattkantig, einmalig,

vielseitig, bruchstückig, wellenrandig,

rundwölbend, edelschimmernd, einbettend,

einschneidend, mehrschichtig, glanzleuchtend,

einzigartig

anders.

Wenn es nicht so furchtbar traurig wäre, könnte ich jetzt glatt schmunzeln darüber. Mir wird gerade bewusst, dass sich Max und ich beide mit einer Lungenentzündung flach gelegt haben. Okay, ich habe noch ein paar Schippen draufgelegt, aber er ist ja auch viel älter. Und beide haben wir es geschafft, weil wir uns beide haben. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird mir glaube ich schwindelig. Ich versuche es ausnahmsweise mal so hin zu nehmen. So, als Glück.

Mein Glücksgefühl wird unterstrichen von einem herzhaften Happs in meine Hand. „AUAAAAA! Hey Dune mein Mädchen. Scheiße bin ich froh dich zu sehen.“

„Erstens was machst du da am offenen Fenster und zweitens, was sind das denn für Töne? Kann man dich nicht mal einen halben Tag alleine lassen?“

So schnell es der puddinggleiche Knochen- und Muskelersatz zulässt, schlurfe ich auf Max zu und falle ihm um den Hals. Ganz fest umarmt er mich, hält mich und er küsst mich auf Wangen, Nase, Stirn, alles was er erwischen kann. „Mensch Kindchen, bin ich froh dich senkrecht zu sehen. Mir war ganz schön mulmig, dich hier so alleine zu lassen!“

„Ich war nicht alleine.“

„Und ich bin nicht so alleine zurückgekommen, wie ich los gefahren bin.“

Gerade als er das ausgesprochen hat, entdecke ich mein zweites Leben als wandelnder Kratzbaum wieder. Fee versucht sich an meinem Bademantel hochzuziehen, scheitert aber an dem lockeren Stoff. Zunächst sucht sie noch Halt in meinem Schienbein und meiner Wade und purzelt dann rückwärts zurück. Es sieht zum Schreien aus! Ich hebe sie gleich auf und setze sie mir auf die Schulter. „Hey Mieze, wir haben aber ordentlich zugelegt. Gab es so viele Mäuse bei Jacques?“

„Dazu sage ich jetzt lieber nichts“, wirft Max ein und grinst über alle Backen. Fee schnurrt.

„Wo ist Kleine Düne“

„Kleine wer?“

„Veräppel mich nicht. Wo ist der Kleine?“

„Ach, du meinst die Wanderdüne. Der kommt gleich.“, sagt er und wirft einen Blick zurück auf die Wendeltreppe. „Er hat schon einen neuen Namen. Cliffhanger. Der Zwerg erklettert alles, was sich erklettern lässt und Jacques hat sich und Dune mehr als einmal gefragt, ob da wirklich nur Hund drin ist, oder nicht irgendwas exotisches.“

Nervös schaue ich die Wendeltreppe hinunter und tatsächlich, ein kleiner Fellklops kämpft sich tapfer Stufe für Stufe zielstrebig nach oben. Ich habe keine Geduld und bitte Max ihn doch zu holen. Natürlich kommt er meiner Bitte nach und nur drei Sekunden später habe ich den kleinen Mann im Arm. Cliff, ich finde das passt besser, weil kürzer, ist richtig ein bisschen rund geworden, und ich fürchte, dass es in den nächsten Tagen ordentliche Kämpfe geben wird, um Fressnäpfe und gegen mich als Dosenöffner. Cliff hat riesige Pfoten. Und mich dünkt, dass aus dem kleinen Mann ein riesiges Vieh werden wird, der wahrscheinlich sogar seine Mutter an Höhe übertreffen wird. Nein, ich möchte nicht wirklich wissen, mit wem oder was sich Dune da eingelassen hat. Mastino? Irischer Wolfshund? Berner Sennen Hund? Ich spinne es nicht weiter.

Den restlichen Nachmittag und noch drei Tage mehr, hält mich Max im Turm gefangen. Zwischendurch habe ich mir wirklich gewünscht ich sei Rapunzel, und könnte mich am eigenen Zopf hinunter lassen. Und doch sehe ich ein, dass es schon richtig war, mich vernünftig auszukurieren. Während ich an keinem Zopf herunter komme, macht Cliffhanger seinem Namen alle Ehre und klettert an allem hoch. Zumindest versucht er es ohne Unterlass und ohne etwas auszulassen. Natürlich gelingt es ihm nicht immer und nicht überall, was ihn furchtbar quieken und bellen lässt. Soweit man bei diesen Lauten schon von Bellen sprechen kann. Die Idee mit dem Gitter vor der Treppe, war die Beste, die ich lange Zeit hatte. Man müsse den Zwerg den ganzen Tag verfolgen und vor sich selbst beschützen. Dune hat ihre Erziehung schon weitestgehend abgeschlossen. Zwar steht sie Cliff noch als Milchbar zur Verfügung, doch im Großen und Ganzen scheint ihr der Nachwuchs eher peinlich zu sein, und wenn nicht er selbst, dann zumindest die eine oder andere seiner Aktionen.

Heute ist einer dieser wundervollen Tage, die man einfach braucht nach Regen, Nebel, Schneegestöber. Zwar hat er träge begonnen und wollte sich nicht so recht aus seinem Nebelbett erheben, doch schon sehr früh, war die Sonne zu sehen, wie sie sich hartnäckig um Aufmerksam- und Sichtbarkeit bemühte. Graue Quellwolken jagen sich kreuz und quer über den blauen Himmel und unter diesem hektischen Dach jagen sich noch viel hektischere Möwen. Ich genieße das Kitzeln der Sonne in der Nase und werde einfach nur quengelig. Wenn ich heute nicht raus darf, dann springe ich. Es kostet mich alle Überredungskraft, weil Max immer noch der Meinung ist, dass ich doch viel zu schwach sei. Alte Männer können so furchtbar stur daher kommen. Ich bin nicht nur ausgeruht, ich kann furchtbar dickköpfig sein, wenn ich es will, oder muss. Und heute muss ich einfach. An diesem schönen Tag kann und werde ich nicht hier im Turm versauern. Den Spruch, nur über meine Leiche, verkneife ich mir angesichts der Schippe, auf der ich gesessen habe. Aber ich lass mich auf keinen Fall heute wieder hier oben einsperren. Das Meer, die Sonne, der Wind, das ist der Rhythmus, bei dem ich mit muss, und das muss und wird Max einsehen. Es kommt mir vor, als referiere ich Stunden und ich habe Angst, dass in dem Moment, wo ich Max weichgeklopft habe, die Sonne schon wieder unter geht.

Natürlich habe ich während all meiner Rederei, Überrederei, Hetzerei und Keiferei nicht für eine Sekunde gemerkt, dass mich der alte Sandburgenbauer wieder auf den Arm nimmt. Nach ganz vielen Minuten und noch mehr Schimpfworten, die meine Lippen einfach so verlassen haben, grinst mich Max auf seine unverwechselbare Weise an und fragt nur?

„Können wir endlich, oder willst du hier bis Sonnenuntergang rumzetern?“

(c) W. Schnee

Manchmal, möchte ich ihn einfach nur hauen.

Endlich wieder frei! Endlich wieder Sand unter den Füßen. Endlich wieder den Wind in meiner Kleidung und im Gesicht. Endlich, endlich, endlich. Nicht nur der Leuchtturm ist nah am Wasser gebaut, ich bin es auch. Und ich freue mich dermaßen über das neu gewonnene Gefühl der Freiheit, dass ich erstmal in beinahe hysterisches Heulen verfalle. Max kommt sofort zu mir und fragt, ob es mir gut geht, ob wir wieder hoch gehen sollen, ob er was tun kann. Beinahe übergangslos verwandelt sich mein Weinen in Lachen. Wieder nach oben gehen? Ich bin frei. Ich bin endlich wieder frei. Ich spüre die Sonne und den Wind, ich höre das Meer und die Möwen, ich stehe auf meinem Strand, an meinem Leuchtturm und da will ich erstmal nicht wieder hoch. Nicht an diesem wohl allerletzten schönen Sonnentag in diesem Jahr.

Unbekanntes Lichtobjekt

Schwarzer Himmel aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen aufs schwarze Meer

Schwarzes Meer aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen durch das schwarze Meer

Unbekanntes Lichtobjekt

sanftstreichelnd

den Himmel

den Horizont

das Meer

Sonne kämpft sich durch Finsternis

Finsternis ergibt sich der streichelnden Sonne

Als Max merkt, dass es mir eigentlich gut geht und ich nur, im wahrsten Sinne des Wortes, ein bisschen durch den Wind bin, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich hake mich bei ihm unter und wir gehen langsam in Richtung Wasser. Vor uns tobt sich Dune die sonnenlosen Tage von der Seele und hinter uns entdeckt Cliff sein neues Sandzuhause. Fee sitzt wie immer im Taxi, nur dieses Mal nicht bei mir, sondern an Max starker Brust.





Der Wind geht heftig

15 10 2009

Der Wind geht heftig und ich bin sehr glücklich, dass er mir, nachdem ich die vorgenommene Richtung eingeschlagen habe, in den Rücken bläst. So habe ich eine Art Rückenturbo eingebaut und fliege nahezu über den Strand. Eine fliegende Leberwurst, das muss ein Bild für die Meergötter sein. Während der Rucksack auf meinem Rücken gemächlich hin und her schaukelt, und das Glucksen des frischen Kaffees mich fast überredet eine dafür vorgesehene Pause einzulegen, nutzt Fee ihre verbliebene Pfote fürs Temmeln. In sekündlichen und regelmäßigen Abständen führt sie den sogenannten Milchtritt aus. Kein Wunder, am Busen der Leuchtturmwärterin, das lässt ja auf Leckeres hoffen. Für mich allerdings ist das nicht wirklich der Hit und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich anfühlt wie eine tierische Akupunktur oder die ständigen Fehlversuche eines Tattoomeisters, meine Brust an allen Rundungen gleichzeitig zu piercen.

„If I could turn back time…“ Habe ich Angst? Eigentlich summsinge ich nur, wenn ich Angst habe? Ja verdammt noch mal ich habe Angst. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, so wie Cher es besingt, dann wärst du hier, Dune wäre hier, Max wäre da und wir wären am Turm, säßen draußen in den Dünen auf einer riesigen Decke und würden Picknicken. Aber du bist nicht da, ein Zustand, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe und an den ich mich auch nie gewöhnen möchte. Max ist auch nicht da. Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr. Und Dune, Dune ist irgendwo verschollen, sie ist weg, fort und ich sterbe vor Angst. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das Richtige tue.

Du hast mir mal gesagt, dass es sie nicht gibt, die perfekte Sicherheit. Du hast mir mal gesagt, dass du sie mir nicht bieten kannst, die perfekte Sicherheit. Aber wenn meine ganze Welt über mir zusammenbricht, sich über mir ergießt, wie die riesige Welle einer Sturmflut, wenn ich keinen Weg mehr sehe, um diesem Strudel zu entrinnen, werde ich doch weiter die Wendeltreppe hinaufklettern, mich im Turm einkuscheln, und mich ihr hingeben, meiner Illusion der perfekten Sicherheit in dem Turm und mit dir.

Mir kann nichts passieren. Ich vertraue in mich und meine Stärke. Ich horche auf mein Herz und folge meinem Bauchgefühl. Es wird alles gut. Mir kann nichts passieren und auch Dune ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Sie wird irgendwo die Zeit vergessen haben. Sie wird irgendwo Schutz vor dem Unwetter gesucht und gefunden habe.

Bei all dem Wind und der Lautstärke der Natur, hätte ich es fast überhört, das Knarzen und Quieken, das vom Meer zu mir herüber dringt. Vertraute Geräusche, vertraute Stimmen und das erste Mal seit ewigen Stunden verspüre ich wieder so etwas wie ein Glücksgefühl. Es ist recht klein, in Anbetracht der Sorge, der Angst und der Panik, aber es ist spürbar da, in meinem Herzen und ich lege zu dem schnellen Schritt, den ich durch den Rückenwind schon habe, noch an Tempo zu.

Der Horizont erblüht sehr langsam und es deutet sich an, dass die Helligkeit sich ihren Weg durch die Nacht bahnen wird. Es macht fast den Eindruck, als bekämen wir heute sogar ein paar Minuten Sonne geboten. Aus einem kleinen zarten Loch in der dunklen Wolkendecke sprühen kleine Lichtfunken, welche diese Hoffnung eindrucksvoll unterstreichen. Der Himmel saugt sich um dieses Loch herum mit den Farben dahinter voll. Ich erinnere mich an eine Schularbeit, wo wir mit sehr viel verschieden farbigen Wachsmalstiften das Zeichenblatt anmalten. Darüber kam eine deckende Schicht schwarz und mittels eines kleinen Spachtels haben wir einem Motiv entsprechend, die schwarze Farbe wieder abgetragen. Zum Vorschein kamen bunte Konturen und Flächen, die in der Gesamtheit ein buntes Bild im Schwarz ergaben. Schillerndes Orange und sattes Goldgelb mischt sich mit der Dunkelheit und beschneidet sie Millimeter für Millimeter.

Am Sturm selbst hat sich noch nichts verändert und hier am Meeressaum pfeift mir der Wind so mächtig durch die Ohren, dass ich den Schal etwas höher krempele. Wahrscheinlich verschreckt durch die Geräuschkulisse der grollenden Wellen, drückt sich Fee ganz, ganz nah an mich heran. Ich kann ihr kleines Herz spüren, wie es regelmäßig aber hektisch gegen meine Brust bummert. Ob sie sich wohl mit der Nase herauswagt, wenn sie die Delfine hört?

Mein Blick wandert zwischen erstrahlendem Horizont und peitschender See hin und her. Die Wogen sind so hoch und unruhig, dass aus den Gischtmützen und entstehenden Strudeln zwischen ihnen kaum was zu entdecken ist. Delphi und Finchen waren hier. Ich habe sie gehört und sie haben mir meinen ersten Glücksmoment des Tages beschert. Wahrscheinlich ist das Schwimmen so nah am Strand zu gefährlich bei der Strömung. Da sich Delfine ja mittels Sonar oder war es Echolot orientieren, kann es bei solch einem Unwetter sicher heikel werden für die Tiere. Mitten in meine semifachfraulichen Ausreden, die ich für Delfine bastele, platzen drei Rückenflossen. Drei? Wieso drei? Während die Kleinste ruhig versucht, die Herausforderung sich aufblähender Wellen zu stellen, und möglichst gleichmäßig durchs Wasser zu gleiten, zeigen die größeren Delfine schon wesentlich mehr Routine. Der Zustand des Gleitens wechselt sich mit flachen und weiten Sprüngen über die Wellen ab. Es sieht toll aus, wie sie scheinbar die Kraft des Wassers für sich nutzen um vorwärts zu kommen. Dann wieder macht es den Eindruck, als spielen sie mit den Wogen Fangen.

Delphi hat mich scheinbar am Strand entdeckt und lässt sich ein Stückweit näher herantragen, während der riesige, mir unbekannte dritte Delfin scheu weiter seine Runden dreht und ein wachsames Auge auf Finchen hat. Der Dritte ist wirklich ein Riese. Ob das der Olle Graue ist, von dem Max erzählte? Ob das Finchens Erzeuger ist? Delphi schwimmt aufs Meer hinaus, nimmt Schwung und prescht über die Wasseroberfläche, jede einzelne Welle für sich, die wohl ausgesuchte Richtung und den wahrscheinlichen Landepunkt, ausnutzend. Elegant hebt sie sich aus dem Wasser, springt in formschönen Bögen über Finchen und den Ollen Grauen hinweg, rast auf das Land zu und wie von Geisterhand gestoppt, bremst sie in sicherer Entfernung wieder ab. Dann stellt sie sich auf ihre Fluke und tanzt und schnattert und braust zurück in Richtung Horizont und kwarzt und quiekt. Werde ich jetzt größenwahnsinnig, wenn ich mir einbilde, dass sie mir etwas erzählen möchte? Oder entschuldigt sie sich nur, weil sie mir das Glück des Kraulens nicht bieten kann? Vielleicht möchte sie mir auch einfach nur Mut machen, für meine Suche nach Dune. Ich weine. Und ein ganzer Niagara stürzt sich aus meinen Tränendrüsen als ich merke, wie die kleine Fee neugierig ihr Köpfchen aus ihrem Versteck reckt und, durch den Wind kaum wahrnehmbar, miaunzt. Dabei streckt sie immer wieder ihr kleines Stummelbeinchen nach draußen, und winkt? Vielleicht spricht Delphi gar nicht mit mir sondern mit Fee? Diese Situation überfordert mich wieder vollends. Aber sie lässt mich auch lächeln. Ich lächele und bin einfach nur unaussprechbar glücklich, dass mir die beiden Freunde, Entschuldigung, drei Freunde auf See beistehen.

Der Himmel brennt und erstrahlt in gigantischen Farbformationen, die wie so oft unbeschreiblich sind. Aber selbst, wenn ich über das notwendige Vokabular verfügen würde, ich habe keine Zeit. Ich muss weiter. Der Tag ist da, er ist über das Anbruchsstadium hinaus und ich möchte meinen Hund finden. Ich will, dass es Dune gut geht.

Ich werfe einen letzten Blick auf die spielenden Delfine und stuppse ganz vorsichtig Fee zurück in ihr ihre Sänfte unter meiner Jacke. Das erste Mal höre ich diese winzige Katze einen Fauchversuch starten. Aus meinem Lächeln wird ein Lachen. Das Fauchen klingt so unglaublich albern. Beinahe automatisch muss ich an eine Szene aus dem Film „LionKing“ denken, wo der kleine tapfere Löwensohn fauchen möchte und nur ein krächzendes fast lautloses „Miiiaunz“ zu Stande bringt. „Fee, Fee, ach kleine Fee. Da musst du noch viel Schlabber fressen und viel mit Dune herumtollen, damit du so groß und stark wirst, dass du gegen dieses Unwetter und all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt anfauchen kannst. Bis dahin werden wir hoffentlich die Delfine noch ganz oft besuchen können und nun gib Ruhe.“ Mit einem letzten zärtlichen Schubbser befördere ich die Mieze zurück ins Brusttaxi.

Delphi und der olle Graue umschmusen sich. Zärtlichkeit gegen die Gewalt des Meeres. Ein definitiv letzter Blick und ich gehe weiter in Richtung Bucht. Schritt für Schritt entferne ich mich von diesem wohligen Szenario, das mir das erste Glück des Tages brachte. Ich mag nicht daran denken, ob vielleicht oder hoffentlich noch mehr Glück auf mich wartet. Aber ich werde weiter gehen. Schritt für Schritt, durch die Kälte, den Sand, den Sturm – hinein in einen scheinbar freundlich werden wollenden Tag.

Aus deiner schützenden Umarmung

löse ich mich nun und steige hinab in das,

was sich Leben nennt.

Knirschend wird sich die Kälte des Lebens

meinen vorsichtigen Schritten ergeben.

Hat es eine andere Wahl?

Das Leben?

Wahrscheinlich.

Aber nicht solange ich mich fortbewege.

Hin zum Leben – hin zum Sein.

Du wachst über mich mit deinem großen Herz.

Danke dir dafür, mein Freund, mein Liebster.

Ob Dune auch hier war? Ob sie hier vorbei gekommen ist? Oder suche ich auf komplett falschen Wegen? Nein, ich möchte mich jetzt nicht verunsichern. Ich möchte daran glauben, dass es richtig ist, was ich tue. Ich möchte mir vertrauen, auf mein Herz horchen und dem Bauchgefühl folgen, das mir schon so oft die richtige Richtung gewiesen hat. Das Unwetter lässt tatsächlich nach. Der Wind hat sich abgeschwächt und tost nicht mehr mit soviel Dezibel an meinen vom Schal gewärmten Ohren entlang. Dort, wo die seichten Sonnenstrahlen sich bereits durch das Schwarz gekämpft haben, ist es bestimmt schon herrlich. Ich versuche geduldig zu sein. Geduldig mit dem Wetter, mit dem Tag und, ja, auch mit mir. Hoffentlich hat Dune auch genug Geduld. Hoffentlich geht es meinem Podenco gut.

Je näher ich der Bucht komme, um so mehr zweifele ich an meinem Geisteszustand. Es mangelt mir nicht an guter Nahrungsgrundlage und getrunken habe ich auch genug. Ich gebe zu, es war nur Kaffee, aber ausreichend Flüssigkeit habe ich zu mir genommen. Drogen nehme ich bis auf die handelsüblichen Sorten wie Nikotin und Koffein auch keine – und niemand war in meiner direkten Nähe, so dass er hätte meinen Kaffee panschen können. Es ist nicht mehr so eisig wie heute Nacht, aber auch nicht plötzlich so heiß, dass ich bereits zu dieser Stunde des Tages unter Halluzinationen leiden könnte. Wie aber sonst erkläre ich mir diese Fata Morgana dort hinten? Eine Spiegelung? Ein Hologramm? Kurz vor dem Ding bleibe ich stehen, starre es an und führe eines meiner berühmten Selbstgespräche. Das sieht aus wie ein Pfahlbau. Es steht auf Pfählen. Es scheint rundum aus Holz gebaut. Und ein rundum aus Holz gebautes Haus, das zudem auf Pfählen steht, nennt man gemeinhin einen Pfahlbau. Ich kenne diese Bucht. Ich war öfter in dieser Bucht als in einer Kirche und ich behaupte, übertreibend, wie ich manchmal sein kann, dass ich hier jedes Sandkorn beim Vornamen kenne. Ich sehe dort einen Pfahlbau stehen, der dort noch nie gestanden hat, der vor wenigen Tagen noch nicht da war. Wie um Meergottes Willen, kommt dieses Ding hier her?





Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte

7 08 2009

Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte, sehe ich noch im Augenwinkel zwei Delfine, wie sie in kurzen flachen Sprüngen über die Wasseroberfläche hechten um schließlich gänzlich abzutauchen.

Da waren die doch schon wieder?! Ich bin doch nicht blöd, da sind doch zwei Delfine in unserer Nähe! Ich stelle die Kaffeetasse hektisch auf den Tisch, puste die Kerze aus und nehme die Beine in die Hand. Schnell wie selten eile ich die Wendeltreppe hinunter und laufe zu Dune. Sie hat sich so in Trance gebellt, dass sie mich gar nicht wahrnimmt und ihr Bellen erst kurz unterbricht, nachdem ich mich neben sie in den Sand gehockt hab. Gell? Du hast sie auch gesehen?! Da waren doch zwei Delfine, oder nicht? Die Hündin kläfft in ohrenbetäubender Lautstärke und mag sich gar nicht mehr beruhigen. Und ich? Ich starre wieder Löcher in die Luft, starre wieder auf die Stelle, über die eben noch Delfine sprangen und ich kann wieder nichts Verdächtiges entdecken. Macht das die Luft? Kommt das von dem Alleinsein? Ich meine, bis auf die handelsüblichen Drogen wie Zigaretten und Kaffee habe ich doch schon ewig nichts mehr zu mir genommen. Ich kiffe nicht und komische bunte Pillchen, mit :lol: Smileys :lol: drauf, gehören auch nicht auf meinen täglichen Speiseplan.

Vom Meer her weht eine leichte Brise über uns hinweg. Auf dem Meer bewegen sich nur die kleinen Wellen. Mein Zustand lässt sich nicht in Worte fassen. Ist es Fassungslosigkeit oder Ungläubigkeit? War es ein Traum oder eine Delfin Morgana? Wenn ich ja nicht wüsste, dass es sie wirklich gibt, würde ich jetzt an meinem Geisteszustand zweifeln. Aber es gibt sie und sie sind hier. Und was soll dieses Spiel? Ich wusste, dass mein Leben hier überraschend wird und ich konnte mir ausrechnen, dass vielleicht auch Dinge passieren, die ich nicht gleich verstehen und einsortieren kann. Doch in den letzten Tagen gab es soviel, was mich bewegte. Henrys plötzliches Auftauchen und der nicht minder schnelle Abgang. Dieser Sonnenaufgang, der seinesgleichen sucht und sich tief in mein Herz und in meine Erinnerung eingebrannt hat. Und dann diese Delfinnummer.

Dune hat sich beruhigt, schaut mich fragend an und dann wieder auf die See hinaus. Zumindest scheine ich nicht alleine ratlos zu sein und ich wünsche mir so sehr, ich könnte mich jetzt mit ihr über das Gesehene austauschen.

„Dann sagen wir also zu?“ „Ja klar sagen wir zu – und wann können wir einziehen? Können wir überhaupt einziehen, oder müssen wir uns in der Nähe eine Bleibe suchen? Wie bist du daran gekommen und überhaupt. Los sag doch endlich was!“

Ich war so aufgeregt, dass ich dir gar keine Möglichkeit gegeben habe, mir mit nur einer Silbe eine Antwort auf meine vielen Fragen zu geben. Du hast einfach nur diebisch gegrinst und gleichzeitig so süß gelächelt, dass ich gleich wieder hätte anfangen können zu heulen. Einfach nur, weil du da gestanden hast. Mit mir und für mich und mit dieser Überraschung.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir noch am Fuß des Leuchtturmes gesessen haben. Ich habe dich mit Fragen nur so bombardiert, und du hast ein großes Geheimnis aus der Entstehung der Überraschung gemacht. Bis heute weiß ich nicht, wie wir schließlich und endlich zu diesem Glück gekommen sind und womit ich dieses Glück verdient habe.

Meine Gefühle tauchen ab in das Blauschwarz des Meeres, so wie eben die Delfine, und ich werde durch das Kribbeln meiner Beine aus diesem Ozean der Emotionen herausgeholt. Ich schaue Dune an und frage sie, wie lange wir nun schon hier sitzen. Sie kann es mir nicht sagen. Zumindest war es wohl lang genug um meinen Beinen zu suggerieren, dass es Schlafenszeit ist. Autsch, das tut jetzt aber weh. Da sich außer Möwen, Strandläufern, Schwalben und Tauben keine Tiere mehr hier blicken lassen, versuche ich den Gedanken und meine vielen Fragen die Delfine betreffend, zu verdrängen. Es macht so gar keinen Sinn, sich den ganzen Tag hier her zu setzen und über Sinnestäuschungen nach zu grübeln. Ich mach mich auf den Weg zurück in den Turm. Das Frühstück kann ich jetzt vergessen. Ich werde mir vielleicht noch eine Scheibe Brot zwischen die Kauleisten schieben und dann mal aufräumen. Wenn ich demnächst mit noch mehr Kram hier anrücken will, muss ich ein bisschen Platz schaffen. Der obligatorische letzte Blick auf das Meer zeigt, dass die Wellen wachsen. Draußen scheint es windiger zu sein als hier und ich werde traurig bei dem Gedanken daran, dass es Morgen oder Übermorgen schon wieder vorbei sein kann mit diesem herrlichen Wetter. Diese Frage wirft eine Weitere auf. Soll ich denn wirklich die kostbare Sonnenzeit im Turm mit Aufräumen verbringen? Meine Entscheidungsfreudigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich entscheide mich für ein „Ja, aber“, das heißt ich geh erstmal in den Turm, werde in mich gehen und mich fragen, ob ich nun aufräumen möchte, werde mir antworten: „Ja, aber das hat doch sicher noch ein bisschen Zeit!“, und dann werde ich oben nur die Plüdden ablegen und mich wieder hinaus machen. Ein Spaziergang wäre jetzt genau das Richtige.

Trepp auf, wusel, wusel, Trepp ab – die Idee mit dem Spaziergang animiert mich zur Eile und so dauert es nicht lange, bis ich wieder unten bin, meinem Leuchtturm einen dicken Kuss auf die aufgewärmten Backsteine verpasse, und mich zum Wassersaum trolle. Dune scheint eine ihrer, für mich unverständlichen, Vorahnungen gehabt zu haben und sitzt genau dort, wo ich sie eben verließ und wartet auf mich. Die Freude mich wiederzusehen ist groß und die Freude über einen ausgedehnten Spaziergang noch viel größer.

Ich entscheide mich für den Weg in Richtung Bucht. Vielleicht entdecke ich ja etwas, was mich dem Mysterium Delfin etwas näher bringt? Dune dreht voll auf. Sie rennt in Rekordgeschwindigkeit vorweg, bremst dann irgendwann spontan und kommt zu mir zurück geflitzt. Wie ein Flummi springt sie dann einmal vor mir hoch, um sich gleich wieder auf dem Absatz, ähm den Pfotenballen umzudrehen und das Laufspiel beginnt von vorne. Wirklich beeindruckend, wie viel Power das Tier hat. In solchen Momenten spürt man, dass ein Podenco eben auch ein Laufhund ist. Sie würde in einer Stadt nie glücklich werden. Sie gehört einfach hierher. Sie und ich auch. Unterwegs finde ich einen schönen Stock, nicht zu groß und nicht zu klein, den ich mit viel Schwung versuche bis zum Horizont ins Meer zu schmeißen. Natürlich gelingt mir das nicht. Dune allerdings findet meinen Versuch gar nicht so übel, rast ins Meer, schwimmt ab einem bestimmten Zeitpunkt auf das Stöckchen zu, bringt es mir zurück und animiert mich, es noch einmal zu versuchen.

Unermüdlich stürzt sie sich in die Fluten und apportiert den Ast. Beneidenswert, wenn man über soviel Energie verfügt. Nach einer ganzen Weile sind wir in der Bucht. Ich weiß gar nicht, ob man es Bucht nennt oder Lagune. Ich weiß nur, dass es hier wunderschön ist und hätte ich nicht schon im Leuchtturm ein Zuhause gefunden, würde ich mir wahrscheinlich hier eines aus Ästen und Blättern zusammen basteln. Ich muss lachen. Die Vorstellung, wie ich robinsonlike auf einer Insel lebe, scheint mir dann doch etwas phantastisch. Ich kann auf vieles verzichten, aber ein Minimum an Komfort brauche ich schon, und sei es nur eine Matratze. Meine Hüfte meldet sich sofort bei dem Gedanken daran in einem Blätternest zu schlafen. Wohlmöglich ist sie besorgt, da ich ja oft genug auf die Idee komme, am Strand zu nächtigen, oder mich auf dem Tisch vor das Fenster zu setzen, um von dort über Stunden in die Nacht hinaus zu starren.

Mein Hund und ich spazieren einmal um die Bucht herum. Mein Blick fixiert das Wasser, das an dieser Stelle unglaublich klar, fast blau ist. Keine Robben, keine Delfine, nur Dune und ich, die glücklich durch den warmen Sand stapfen. In diesem Augenblick vermisse ich meine Kamera und beschließe endgültig, dass sie neben dem Handy ein weiteres wichtiges Utensil ist und unbedingt noch hier her muss. Und wenn ich die Kamera mitbringe, muss auch wenigstens das Laptop im Turm einziehen. Ich hab nicht das Geld, um mir unendlich viele Chips zu kaufen und man möchte sich die Bilder ja später ohne viel Stress anschauen können. Wir merken uns: Ladekabel Handy, DigiCam, Ladekabel DigiCam, Laptop. Ob die Stromversorgung im Leuchtturm für soviel technischen Schnickschnack ausreicht? Wir werden es sehen. Außerdem sind nicht immer alle Geräte gleichzeitig eingestöpselt und in Gebrauch. Mein anderes Leben fängt ja gleich toll an, wenn ich mich von der Technik so abhängig mache. Es bleiben mir ja noch ein paar Tage für Überlegungen – und jetzt möchte ich die Natur weiter genießen.

Die Bucht hat einen Radius von schätzungsweise drei bis vier Kilometern. Aus der Luft sieht es aus, als hätte jemand einen Halbkreis aus dem Strand geschnitten. Der Strand hat eine Breite von vielleicht zwanzig oder dreißig Metern. Er ist ebenfalls sehr akkurat „angelegt“, was heißt, dass es keine weiteren Einbuchtungen oder ähnliches gibt. Eine ebene Fläche in Cremeweiß, ohne tiefe Einbuchtungen, Höhlen. Ein Stück unbetretene Natur liegt vor uns. Begrenzt wird er durch einen Hain aus Sträuchern und Bäumen, die undurchdringbar aussehen und ich habe ich bislang noch nie hinein getraut. Selbst du konntest mich nicht dazu überreden. Deiner Beschreibung nach ist dort ein mystisches kleines Wäldchen, zu dessen Ende du aber auch nie vorgedrungen bist. „Ich habe Angst, dass irgendwo dort eine Autobahn angrenzt. Das macht doch die ganze Romantik kaputt.“ Ich musste damals so lachen, als du diesen Satz mit einem wirklich furchtbar entsetzten Gesicht über die Lippen gebracht hast. Man hört hier nichts außer dem Meeresrauschen und Vögeln. Eine Autobahn würde man je nach Windrichtung sicher wahrnehmen. Aber du warst fest davon überzeugt, dass hinter diesem Idyll die grausame Zivilisation wartet, und das wolltest du nicht entdecken.

An der Grenze zwischen Sandstrand und Wald türmen sich ein paar Felsen auf. Aus der Ferne betrachtet, bildet sich dort eine Art Sonnenplateau. Wer weiß, vielleicht stillen Echsen dort ihren Sonnenhunger? Im Augenblick zanken sich zwei grüne Sittiche um ein Stück Baumrinde. Das braune Gebilde sieht aus wie eine kleine Jolle und die zwei Streithähne machen den Eindruck, als kämpften sie darum, wer sie zuerst zu Wasser lassen darf. In meinem Kopf entsteht eine Geschichte über zwei Papageienvögel, die den Plan fassen auszuwandern. Natürlich habe ich nichts zu schreiben dabei und mir bleibt die Hoffnung, dass ich diesen Plot bis zum Leuchtturm nicht wieder vergessen habe.

Langsam wird es Zeit den Heimweg anzutreten. Die Kraft des strahlenden Planeten über uns lässt merklich nach und der Wind frischt weiter auf. Ich halte mein Gesicht in den Wind und genieße die kühle Zärtlichkeit. So kann es bleiben, bis Morgen, bis nächste Woche, nächsten Monat, 2009. Genau so muss Meer sein. Wind, Sonne, Wasser, Strand, Wolken, Sehnsucht und mehr. Es muss weh tun, weil es so schön ist. Und es tut weh. Unglaubliche Gefühle steigen in mir hoch. Gefühle, die ich seit langem kenne und Regungen, die mich staunen lassen.

Ich lasse mich aus dem Stand breitbeinig in den Sand fallen. Meine Knochen danken es mir mit Schmerzen und Stechen, doch da muss ich jetzt durch. Meine beiden Arme lasse ich an meinen Seiten weit hoch über den Kopf und wieder nach unten zu den Beckenknochen gleiten. Fest in den Sand gedrückt, schieben sie den Sand hin und her. Jetzt hab ich ein Problem. Wie stehe ich am Geschicktesten wieder auf, ohne das Kunstwerk zu zerstören? Nun verstehe ich auch, warum Max, der Sandburgenbauer, Skulpturen aus Sand macht und sich nicht wie ich, in Sanddrucken übt. Ich gebe zu, meine Technik ist weder gut durchdacht, noch ist sie einfach in der Ausführung. Ich rufe Dune zu mir und lotse sie an meine Füße. Nach dem vierten Anlauf bekomme ich sogar den Sit-Up hin, der mich in Sitzposition bringt. Nun kommt der schwierigste Teil. Ich brauche nur ein klein bisschen Zug. Ob meine Hündin das versteht. Ich an ihrer Stelle hätte Angst erwürgt zu werden. Vorsichtig winkele ich meine Beine an und beuge mich nach vorne zu ihr, dann greife ich ihr Halsband. „Los, Hopp Dune, lauf!“ Wie befürchtet dreht sie ihren Kopf zu mir rum und begreift die Welt nicht mehr, ihren Dosenöffner versteht sie schon dreimal nicht. Ich knuffele ihre Ohren, streichele und lobe sie und mache ihr Komplimente ohne Ende. „So, nun aber Hopp! Lauf!“ Und tatsächlich, mein Hund setzt sich in Bewegung. Ich bin glücklich, dass ich meine Hacken nach dem ersten Kommando fest im Sand hatte und diese Position nicht veränderte. Dune setzt zum Spurt an und der Zug reicht genau aus, um mich leicht abheben zu lassen. Wahrscheinlich ist das gerade das dämlichste aller dämlichen Bilder, das man sich an einem Strand vorstellen kann. Aber ich komme mit viel Rudern der Arme tatsächlich in den Stand.

Wie ein kleines Kind freue ich mich über meinen Sanddruck. Die Figur, die ich mit mir selbst und dem Fächern der Arme kreiert habe sieht tatsächlich aus wie ein Engel. Mit einem dünnen Ästchen notiere ich dir noch eine kurze Nachricht zu den Engelsflügeln und mache mich dann auf den Heimweg. Ich liebe dich.

Der Sonnenuntergang hat leider nicht das gleiche Farbenspiel wie der heutige Aufgang. Umso schöner, dass ich bei diesem einzigartigen Schauspiel dabei war, es genießen durfte und es mich so in seinen Bann gezogen hat. Dieser Tag ist so unendlich schnell vorbei gegangen. Mit Rückenwind gehe ich zurück zum Leuchtturm. Dune hat das Kommando „Lauf! Hopp!“ scheinbar falsch verstanden. Sie ist losgestürmt und schon seit geraumer Zeit außer Sichtweite. Sicher wartet sie am Leuchtturm auf mich. Einsam bummele ich am Strand entlang. Über mir der sich immer weiter verdunkelnde Abendhimmel, zu meiner Linken die stärker werdende See. Von weit draußen klingt ein lautes Rauschen zu mir herüber und ich schätze, dass der Wind dort sicher ein bis drei Windstärken heftiger sein wird. Auch ohne die morgendliche Farbenpracht hat diese Atmosphäre einen Charme, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich möchte mich ihm auch gar nicht entziehen, denn schließlich ist es diese Ausstrahlung, die mich hier sein, lieben, vermissen, leben lässt. Diese Mischung aus Wohlfühlen, geborgen sein, Sicherheit, Traumwelt. Hier zu sein bedeutet nach Worten für Beschreibungen suchen, die es noch nicht gibt, die noch nicht erfunden wurden. Schmetterlinge im Bauch unter Ganzkörpergänsehaut. Dir musste ich das nie erklären. Du hast immer genauso empfunden und wir brauchten uns nur in die Augen zu schauen und wussten voneinander, was der andere gerade fühlt oder an welche unentdeckten Worte er gerade denkt, ohne sie aussprechen zu müssen.

Während mir all dieses Zeug durch den Kopf geht und ich wieder nicht weiß, wie ich diesen Gefühlssalat am Besten anrichten kann, nähere ich mich mit jedem Schritt dem Leuchtturm. Sein Leuchtfeuer strahlt und blitzt über das Meer und die gewaltigen Wellen weit draußen werden sichtbar. Weiße Gischt baut sich auf und verschwindet wieder im Nichts. Der Weg vom Taghell ins Nachtdunkel war so kurz und ich bin glücklich, dass ich wieder hier bin. Hier bei meinem Freund, dem Leuchtturm, an meinem Zuhause. Bei dir. Hier.

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleichen sie durch die Nacht

Vorsichtig bauen sie sich voreinander und übereinander auf

Mit Zuneigung nähern sie sich dem Sichelmondlicht

Liebevoll umarmen sie sich zum Kuss

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleiche ich mich durch die Nacht

Vorsichtig baue ich mich vor dir auf

Voller Zuneigung näher ich mich dir in Gedanken unter dem Mondlicht

Zärtlich umarme ich dich so zum Kuss

Gute Nacht mein Freund

Gute-Nacht-Kuss

Jetzt ein Kuss wäre toll. Aber außer dem Wind, der Sonne und Dune küsst mich hier niemand. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt wollte. Deine Küsse sind schon besonders und sie haben sich so auf meinen Lippen eingebrannt, dass jeder andere Kuss durch eine harte Vergleichsstudie müsste, an deren Ende, dieser Kuss sowieso keine Chance hat.








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