Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

Lichte® Kommunikation

Letzte Ratschläge

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Kaum zu glauben

5 08 2009

Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist es schon richtig finster und mich fröstelt es. Unten sitzt Dune zwischen Tür und Angel, schaut abwechselnd zu mir hoch und an den Strand und scheint ein wenig überfordert von dem, was sich hier gerade abgespielt hat. Sie wirkt leicht paralysiert und selbst mein Rufen kann sie noch nicht zu mir nach oben locken.

Ich halte mir immer noch den Bauch. Sicher habe ich Morgen Muskelkater vom Lachen. Eine willkommene Abwechslung zu dem Muskelkater von der gestrigen Shopping-Aktion. Von draußen dringt der Klang des Meeres bis zu mir hoch und ich bekomme Lust, noch für einen Moment hinaus zu gehen. Es hat sich zwar merklich abgekühlt, aber die Luft ist dennoch angenehm.

Eine leichte Brise streichelt meine Haut und verschafft mir eine Gänsehaut. Mir läuft ein angenehmer Schauer über den Rücken und je näher ich dem Wasser komme, je mehr habe ich das Gefühl, dass es zu mir spricht. Dieses Mal ist es wirklich das Meer. Das Rauschen der Wellen, das Auflaufen am Strand und das ganz leise Gurgeln, wenn sich das Wasser wieder zurückzieht. Eine Melodie, wie sie kein Musiker spielen kann. Ein Stück, dass sich kein Liedermacher aus der Feder saugen könnte. Ich muss doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein. Ich darf hier sein. Ich darf diesen Strand begehen. Ich darf dieses Meer als mein Meer betrachten. Es gibt keine Nachbarn, die mich mit Musik und Bass terrorisieren. Es gibt keinen Vermieter, der täglich kontrolliert ob ich auch die Wendeltreppe geputzt habe. Mobile Discos, wie sie in der Stadt im Minutenrhythmus an roten Ampeln stehen und die Welt beschallen, entfallen. Hier ist einfach nur Stille. Stille und doch Musik. Stille, die nicht krank macht. Stille nur von Naturgeräuschen unterbrochen, deren Klänge immer wieder neue Symphonien schreiben.

Der Sand ist kühl und feucht und ich ärgere mich ein wenig, dass ich keine Decke mitgenommen habe. Trotzdem setze ich mich ans Ufer – gerade so nah ans Wasser, dass die einlaufenden Wellen meine Füße umspülen können. Die natürlichsten Streicheleinheiten der Welt, wenn ich von der Zärtlichkeit des schwachen Windes absehe.

Von hinten stubbst mich Dune an und zieht mir ihren Esszimmerteppich einmal quer durchs Gesicht. Mmmh, lecker Schatz, deine Küsse sind einfach die Besten! Ich ziehe mir den Pulloverärmel über die Hand und lege mein Gesicht vorsichtig wieder trocken, Peeling inklusive, denn an meinem Ärmel befindet sich erstaunlich viel Sand. Wenn ich mir überlege, dass ich früher beinahe ausgerastet bin, wenn nur ein Körnchen oder Krümel mein Wohlbefinden in der Kleidung oder im Bett versuchte zu beeinträchtigen. Hier ist es, wie so vieles, oder wie alles, das Natürlichste auf der Welt. „Bssssssst“, „Bsssssssssssttttssssst“. Meine Gedankengänge werden von penetrantem Gesumme an meinem Ohr unterbrochen. Okay, wie so vieles. An diese natürlichen Mückentiere werde und will ich mich nicht gewöhnen. So hat das herrliche Oktobersommerwetter doch auch Nachteile. Ich bin ja schon glücklich, dass ich nicht eines der bevorzugten Ziele von den kleinen Untieren bin. Trotzdem sind sie sehr nervig. Gerade oder besonders, wenn sie im Steilflug auf das Ohr zu steuern um dann, kurz vor dem Gehörgang, doch noch abzubremsen und abzubiegen. Dune schüttelt ihren Kopf und die Ohren schlagen wild. Aha, auch Hunde bleiben von dieser Plage nicht verschont. Das ekelhafte Gesumme wird wieder vom Rauschen des Meeres übertönt.

Von weit draußen, inmitten des Schwarz, ist ein leises Platschen zu hören. Ob die Delfine noch spielen? Es heißt, sie kommen nachts, um in der Bucht, ein paar Kilometer von hier entfernt, zu ruhen. Einmal war es uns bislang vergönnt sie aus der Nähe zu sehen. Die lustigen Gesellen sind noch sehr scheu, denn sie sind es nicht gewohnt, dass sie in diesem Gebiet hier friedlich leben können und in Ruhe gelassen werden. Bis vor zwei Jahren schwamm hier nur ein Delfin seine Kreise. Ihm gehörte die ganze Bucht, der komplette Strand, scheinbar das ganze Meer. Niemand weiß genau, wie die anderen Flipper hier her gekommen sind. Viele Sagen, Geschichten und Legenden ranken um diese klugen und freundlichen Tiere. Ich muss sie nicht wirklich sehen. Mich macht es einfach schon unglaublich glücklich zu wissen, dass sie hier sind. Wenn sie mich kennen lernen möchten, werden sie sich schon näher heran trauen. Bis dahin genieße ich ihre Anwesenheit und freue mich über diesen Beweis von Freiheit. Eine Freiheit, wie ich sie in einer gewissen Form nun auch (er)leben darf.

Die Nacht lullt mich ein. Mein Kopf, in dem eben noch tausend Gedanken durch die Gehirnwindungen huschten, beruhigt sich. Die einzelnen Fasern meines Körpers entspannen und ich stelle fest, dass ich schon die ganze Zeit lächele. Es hat geklappt, mit dem Paralleluniversum. Das hier ist es heute und ich fühle mich rundum wohl. Wohl fühle ich mich und müde. Das viele Lachen, die gute Luft, die Sonne, das alles hat mich ordentlich geschafft.

Dune schnarcht und ich überlege immer noch, ob ich nun schon ins Bett gehen soll, oder einfach noch etwas sitzen bleibe. Die vielen Wolken, die sich heute am späten Nachmittag am Himmel andeuteten, scheinen sich verzogen zu haben. Der Himmel ist klar, pechschwarz und von tausend und abertausend funkelnden Sternen übersät. Irgendwo dazwischen hängt eine strahlende Sichel, die nicht viel Licht spendet aber sich sehr gut dort oben macht.

Hinter mir arbeitet mein Heim. An – Aus – An – Aus – in allerregelmäßigsten Abständen wird alles sichtbar und ebenso regelmäßig verschmilzt es wieder mit Dunkelheit.

Eine letzte Zigarette zünde ich mir an. Die Letzte für heute, nur damit das klar ist. Ich muss nachher mal nachsehen, wie mein Vorrat diesbezüglich aussieht. Notfalls muss ich mir noch welche schicken lassen. Andererseits ist das Quatsch, ich bin am nächsten Wochenende sowieso wieder im Rheinland, um meinen Umzug abzuschließen und ein letztes Tschöö mit Ö in die Runde der Daheimgebliebenen zu schmettern. Dann kann ich mich eigentlich auch selbst versorgen. Lust auf diesen Heimatbesuch habe ich ja gar nicht. Es nutzt nur nichts, es muss sein. Wenn ich das nächste Mal mit Mütterchen spreche, muss ich so noch impfen, dass sie bloß keinen großen Bahnhof veranstalten soll. Ich bin ja nicht aus der Welt, wenn auch etwas entrückter, als sie es von mir gewohnt ist.

Der Dunst der Zigarette mischt sich mit dem Nebel, der sich um mich herum bildet. Und die Stille der Nacht wird nur vom Krächzen und Kwarzen der Möwen unterbrochen. Zeit für die Heia. Die Augen fallen mir schon zu und Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ich sammele meine müden und vom Sitzen steifen Knochen zusammen und mach mich auf den Weg. Selbst Dune scheint sich schon festgelegen zu haben. Der Blick der Hündin fragt mich, ob ich sie nicht vielleicht tragen möchte. Und wer trägt mich? Deine Liebe. Die Sehnsucht nach dir. Unsere Träume. Das alles trägt mich.

Ich werfe einen allerletzten Blick in die Nacht, schicke einen dicken Kuss hinterher und trotte mit Dune gemächlich in unseren Turm.

Dort

Wo das Meer seine Arme ausbreitet
Wo sich die Arme in die Welt schlängeln

Dort
Wo das Meer mit seinen Armen die Welt umarmt
Wo die Arme der Welt zeigen, welche Geheimnisse sie tragen

Dort
Wo sich bunte Blätter im Wasser spiegeln
Wo der Spiegel die Welt tief blicken lässt

Dort

Spüre ich den Frieden
Finde ich Glück
Bin ich friedlich glücklich

Mit diesem Gedicht in meinem Herzen und meinem Kopf robbe ich räkelnd durch meine Koje. Der Schlaf war sehr gut aber auch sehr kurz, denn es ist noch immer dunkel. Die Welt steht Kopf. Sonnenschein, über 20 Grad, aber ein Tages-Nachtwechsel wie im Winter. Gut, es ist fast Winter, aber mein Biorhythmus hat ganz schön Probleme. In meinen Füßen krabbelt, piekt und kitzelt es. Sie sind wohl auch eingeschlafen und werden langsamer munter als ich selbst. Der Blick ans Fußende erklärt den Schmerz. Dune hat sich wieder in die Koje geschmuggelt und sich zu meinen Füßen, oder besser gesagt, auf ihnen abgelegt. Unmotiviert hebt sie den Kopf kurz an, wufft mir ein verschlafenes „Guten Morgen“ entgegen und rollt sich zum Weiterschlafen zusammen. Die Mondsichel hängt direkt vor dem Bullauge, und wird von vielen lustigen Sternen umtanzt. Ich muss hier raus! Füße, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Steiß, Lendenwirbel, Wirbelsäule, Brustwirbel, Handgelenke, Ellenbogen, Schultern inklusive Blättern, Halswirbel, Nacken, Kopf – alles ist da und wird ordnungsgemäß sortiert. Mit einem nicht sehr eleganten Hüpfer hieve ich mich von der Matratze und schmeiße zuerst den Kaffee an. Dunes Fressschale ist bis in die letzte Rundung sauber geleckt. Braver Hund. Was darf es denn heute zum Frühstück sein? In Sauce oder Pastete? Mit verzerrten Mundwinkeln öffne ich die Dose und fülle die Fressschale auf. Ich weiß ja nicht, wie man am frühen Morgen so was runter bekommt. Aber ich bin ja auch kein Hund.

Hatte ich gestern Besuch? Sinnierend stehe ich an der kleinen Pantryküche, den ersten Kaffeebecher gefüllt in meiner Hand und frage mich, ob ich das nur geträumt habe, oder ob gestern wirklich der Meerkönig Triton, alias Henry, hinter mir aus dem Meer aufgestiegen ist? Ein Meerkönig für Arme, fehlte ihm doch der Dreispitz und eine schillernde Schwanzflosse. Wenn es ein Traum war, war er heftig und sehr, sehr realistisch. Auf dem Weg zum Bullauge gerate ich ins Stolpern. Der gute Kaffee ergießt sich über den Holzboden und bei näherer Betrachtung identifiziere ich die Stolperfalle als Taucherbrille mit Schnorchel. Aha, also doch kein Traum.

Nachdem ich das Kaffeemalheur auf dem Boden behoben habe, betreibe ich kurze Katzenwäsche und kleide mich zum Ausgehen an. Wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch dem neuen Tag entgegenfiebern. Ich werde mir die Decke schnappen und mich am Strand einmummeln. Das Herumtollen mit dem Tauknoten und der merkwürdige Besuch vom Sams haben Dune scheinbar sehr geschafft. Zusammengerollt wie ein überdimensionaler Igel ohne Stacheln, liegt mein artiges Haustier immer noch am Fußende der Koje und schläft. Weder fürstliches Frühstück, noch meine morgendliche Aktivität tangieren sie in irgendeiner Weise. Es scheint, als ob ich alleine dem Sonnenaufgang entgegen gehen werde.

Mit einem kurzen „Tschüss Faultier!“, und bepackt mit frisch sortiertem Weidenkorb, mache ich mich auf den einsamen Weg zum Strand.

Ich kenne mich selbst nicht mehr. Die Türe steht schon wieder offen. Es ist wirklich eigenartig, wie unheimlich sicher ich mich hier unterbewusst fühlen muss. Sonst würden mir solche Sachen doch gar nicht erst passieren. Schon gar nicht, nachdem Henry gestern hier war. Es liegt am Leuchtturm.

Dieser Turm ist seit je her für uns eine Art Versteck vor der Welt. Das berühmte Paralleluniversum. Möglicherweise ist es das, was mich hier so sicher fühlen lässt? Schon an meinem ersten Tag hier, vermittelte mir der Turm das Gefühl, dass mir nichts geschehen kann. Er wird mich beschützen, so wie er die Fischer auf dem großen Ozean den richtigen Weg weist und ihnen die Gefahren des Meeres aufzeigt. Das klingt gerade alles ziemlich schizzo junge Frau. Ein Turm ist ein Gebäude aus Steinen und kaltem Stahl, ohne jedes Gefühl und vor allem ohne jeden Intellekt. Alles was hier geschieht ist menschgemacht, jedes Aufflackern des Leuchtfeuers ist vom Menschen programmiert. Und doch ist es die Wärme, die Zuverlässig- und Verlässlichkeit, die mir dieses unglaublich sichere und geborgene Gefühl vermittelt. Ich möchte ihn stundenlang dafür umarmen, dass er steht, wo er steht und dass ich in ihm wohnen darf.








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