Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Apropos Dune.

8 08 2009

Apropos Dune. Wo ist sie eigentlich? Dune??? Djuuuuuuu—huuuuuu—-nnnnnnn!!!

Keine Reaktion. Das Spiel kenne ich ja nun. Oft geht sie auf Erkundungstouren und vergisst dabei nicht selten ihren Heimatkorb. Bislang ist sie immer wieder gekommen. Trotzdem sorge ich mich immer. Wenn ich mir überlege, wie ich seinerzeit überhaupt auf den Hund gekommen bin, was wir erlebt haben in der Zwischenzeit und wie sehr wir zusammen gewachsen sind, habe ich schon Furcht, dass sie eines Tages fort bleibt. Dass sie sich andere Unterschenkel sucht, auf denen sie sich zum Schlaf ablegt und dass sie einen anderen Dosenöffner findet, den sie erziehen möchte. Konnte ich mir früher ein Leben mit einem Hund für mich nie vorstellen, kann ich es mir heute ohne nicht mehr denken.

Abschied ist immer ein kleiner Tod und nun ist es wieder an der Zeit ein wenig zu sterben. Schwarz liegt die Nacht über dem Land und ich sende meinen obligatorischen Gute-Nacht-Kuss hinaus aufs Meer. Nebel zieht auf und wird nur dort sichtbar, wo sich das Licht des Leuchtfeuers mit seiner ganzen Kraft durch die Nacht kämpft. Schwaden ziehen am Meeressaum und dicke Wolken gleiten am fast schwarzen Himmel entlang. Müde und unentschlossen setze ich mich in den Sand zum Fuß des Leuchtturms. Weißt du noch? Wir sind einmal nachts spazieren gegangen, als Nebel aufzog. Es war eine herrliche Spätsommernacht und wir gingen über eine Stunde schweigend, Hand in Hand über den Strand. Während wir uns wortlos und nur durch den Druck unserer Hände miteinander kommunizierend am Meer entlang bewegten, wurde der Nebel um uns herum dichter und dichter. Schon bald war das Wasser kaum mehr zu sehen, nur noch zu hören und auch der Blick zurück auf den Leuchtturm wurde durch eine Schleierwand verbaut. Nur das starke Leuchtfeuer verhalf uns zu der Sicherheit, dass alles gut sei. Ganz langsam hast du deine Hand aus meiner gelöst, ich spürte zunächst nur noch deine Fingerspitzen, wie sie sanft streichelnd Meine berührten und dann war dieser Kontakt unterbrochen. Du warst fort. Weg. Im Nichts verschwunden, vom Nebel verschluckt. Erst sehr leise, habe ich nach dir gerufen. Bald war mir klar, dass mein Stimmchen im Rauschen der Wellen ertrunken sein musste und steigerte die Lautstärke. Ich war so aufgeregt und ängstlich, dass meine Stimme wie ein Lämmerschwanz vibrierte. Vielleicht waren es Sekunden, mir kam es vor wie Stunden und ich fürchtete mich fast zu Tode. Irgendwann habe ich mich nur noch in den Sand fallen lassen und nach dir geschrien. Nach einer ewigen Ewigkeit tauchtest du aus dem Nichts auf, wie du in ihm verschwunden warst. Du hast dich neben mich gehockt, dich von mir anschreien und schlagen lassen. Ich habe dich geboxt, immer und immer wieder und dabei geheult wie ein Schlosshund. Ich war am Ende mit meinen Nerven und du hast einfach nichts getan, nur bei mir gesessen, mich gehalten, noch nicht einmal mich abgewehrt oder dich gar selbst gewehrt. Der Nebel hatte uns fest umschlossen, oder war es mein getrübter Blick durch all die Tränen? Wie lange wir dort so saßen weiß ich nicht mehr. Irgendwann hast du meine Hände fest in die Deinen gelegt. Ich zitterte am ganzen Körper und du hieltest mit all deiner Stärke und deiner Liebe dagegen. Dann hast du mein Gesicht in deine Hände genommen und zum ersten Mal diesen Satz gesagt:

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut. Es konnte dir nichts passieren. Es wäre dir nichts passiert. Du hast links die Stärke des Meeres, über dir wacht das Leuchtfeuer unseres Turms mit all seiner Kraft und in dir selbst hast du eine Energie, die dir nichts und niemand je nehmen kann. Vertrau dir doch einfach. Es lohnt sich!“

Ich war so wütend, so traurig, so geschockt und so gefesselt von deinen Worten. Seit dieser Zeit begleitet mich dieser Satz. Auch wenn ich ihn nicht immer zu deuten weiß. Auch wenn ich ihn in bestimmten Situationen nicht immer mit dieser überein bringen kann. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue in den Himmel. Vereinzelt gelingt es einem Stern sein Funkeln durch die Wolken zu pressen. Vor mir liegt das Meer und über mir strahlt das Leuchtfeuer. In mir drin gibt es eine Liebe, die mir nichts und niemand nehmen kann. Jetzt wird es aber wirklich Zeit fürs Bett. Ich hoffe, dass Dune ein sicheres Plätzchen gefunden hat. Ich bin so zwiegespalten. Um hier weiter sitzen zu bleiben ist es zu frisch. Einen Schnüpp oder schlimmeres darf ich mir jetzt nicht erlauben. Also, raff dich auf und hoch mit dir!

Gerade oben angekommen, höre ich ein mir vertrautes Scharren und Junkern aus dem Erdgeschoss. Okay, das hätte sich Dune wirklich auch zwei Minuten vorher überlegen können, aber ich bin überglücklich sie bei mir zu wissen. Mit der letzten Energie des Tages schwinge ich mich die Wendeltreppe hinunter und öffne die große Stahltür, die ich heute Abend verschlossen hatte. Vor mir steht ein gerupftes Huhn im Hundefell. Ohje, wie siehst du denn aus? Meine Hündin ist pitschnass und komplett verdreckt. Auf ihrem Kopf klafft eine tiefe Wunde so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers.

Besorgt und mit Herzrasen schnappe ich mir den Hund und schleppe ihn 159 Stufen nach oben. So leid wie es mir tut, aber erstmal ist jetzt ein Bad angesagt. Ohne sich zu wehren, lässt sie sich von mir in der Duschwanne absetzen und es scheint, dass sie das lauwarme Wasser auf dem Fell richtig gehend genießt. Ich traue mich eigentlich nur vom Hals an, alles abwärts und nach hinten hin, bis zur Rute zu waschen. Dune ist fürchterlich verdreckt und die Wunde am Kopf macht mir Sorgen.

Unter dem breiten Halsband kommen ein paar weißgraue blutverschmierte Federn hervor. Du hast dich nicht mit einer Möwe gezofft oder? Was war das für ein Vieh? Eine weiße, aggressive, mutierte und genmanipulierte Riesenmöwe? Mensch, Mensch – ach nee, Hund, Hund, du machst Sachen!

Mit einem nassen Waschlappen tupfe ich Dune das Gesicht und die Lefzen ab und bin sichtlich bemüht nicht zu nah an die Stirn heran zu kommen. Die Süße zittert wie Espenlaub und ich erlöse sie alsbald von der Wäsche. „Bleib und rühr dich nicht vom Fleck. Ich muss noch was vorbereiten.“ Ich düse in die Stube, und bedecke meine Koje mit allem was ich an Decken und Handtüchern finden kann. Vorsichtig trage ich mein Haustier ins Bett, umwickele sie fest mit ihrer Kuscheldecke und rubbele ihr, so vorsichtig wie es irgendwie geht, das Fell. Erschöpft lässt sie ihren Kopf zwischen ihre Vorderpfoten sinken und schaut mich dabei mit einem Blick an, der mir fast das Herz zerreißt. Mir ist ganz schlecht, wenn ich mir ausmale, was sich dort unten irgendwo am Ufer abgespielt haben muss. Ich drehe meinen Rucksack auf links. Irgendwo in diesem unübersichtlichen FrauenChaos müsste ein Fläschchen von dem Jodzeugs sein. Seit ich hier am Strand bin, habe ich so was immer dabei. Gerade Barfüßler werden gerne mal von einer Muschel gekratzt oder einem Stein böse gepiekt. Als ich sie gefunden habe, reinige ich vorsichtig und nicht ganz ohne Knurren der Verletzten die Wunde. Das sieht wirklich übel aus und wenn du mir Morgen irgendwie komisch kommst, dann müssen wir zum Doc. Aber jetzt ruh dich erst einmal aus. Vorsichtig küss ich Dune auf die Nase und sie bedankt sich mit einem zaghaften Nasenschleck bei mir. Lange brauche ich nicht bei ihr sitzen. Kaum war die Zunge zurück gefahren, hatte sie auch schon die Augen zu.

Was für ein Tag!

Wie lange ich hier wohl schon so sitzen mag? Dick eingemummelt in deinem Wollpullover, Jogginghose und Stranddecke, sitze ich auf zwei Sesselkissen vor der Koje, streichele und kraule ohne Unterlass meine arme gedemütigte Lebensgefährtin auf vier Pfoten. Die Arme ist völlig geschafft und k.o. Immerhin konnte ich sie ein paar Mal dazu überreden, ein wenig Wasser zu schlabbern. Fieber hat Dune nicht und die Wunde sieht nach der Säuberung und intensiver Betrachtung auch nicht mehr so dramatisch aus, wie zu erst befürchtet. Ich gehe davon aus, dass sie einen fürchterlichen Brummschädel hat. Wenn eine Möwe mit ihrem Schnabel ein solches Loch in einen Schädel rammen kann, dann muss ein ordentlicher Kampf statt gefunden haben. Immer öfter fallen mir die Augen zu. Und bereits zweimal bin ich hochgeschreckt, weil mein schweres Haupt auf meinen Arm abgesunken ist. Wie spät es wohl sein mag? Ich verrenke meinen steifen Hals und versuche einen Blick auf die Mikrowelle zu erhaschen. Brille. Ich muss meine Brille mitbringen. Die Brille muss noch auf die Liste. Ist das eine 8 eine 9 oder eine 6 vor dem Doppelpunkt? Der Blick nach draußen lässt mein Zeitgefühl eher zu sechs Uhr tendieren. Es ist noch stockdunkel.

Dune hebt den Kopf und drückt im Zeitlupentempo ihren Oberkörper nach oben. Vorsichtig kratzt sie sich mit der rechten Vorderpfote hinterm Ohr und ihr Hinterteil erhebt sich nun auch. Mit großen Augen schaue ich meine Hündin erwartungsvoll an. Was nun? Über meinen Schoß hinweg klettert Dune aus dem Bett und zieht dabei eine Schleppe aus Handtüchern und Decken hinter sich her. Sie legt sich vor mir auf dem Holzboden ab, legt mir Pfote und Kopf in den Schoß und schaut mich an, als wenn sie sagen wollte: „Nu, ab ins Bett mit dir. Du brauchst auch noch ein bisschen bequemen Schlaf.“ Zu meiner großen Freude wedelt sie mit dem Schwanz und ich glaube ich kann fast sicher gehen, dass meine Süße auf dem Weg der Besserung ist.

Bevor ich mich in die angewärmte Koje lege, um nach ein oder zwei Stündchen in unruhigen aber bequemen Schlummer zu fallen, stelle ich Dune eine kleine Portion Tartar mit Eidotter hin. Eigentlich war das Rinderhack für mich zum Frühstück gedacht, aber was tut man nicht alles, um den Genesungsprozess des Haustieres positiv zu beeinflussen?

Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es weder 6 noch 8 und auch nicht 9 ist. Es ist jetzt halb Sechs und für zwei Stunden kann ich mich wirklich noch hinlegen. Die Sonne schafft es sicher auch ohne mich aufzugehen. Also sortiere ich mir das Deckengewirr im Bett und mache es mir dort gemütlich. Dune liegt immer noch vor der Koje und schaut mich mit ihren großen Bernsteinaugen an. „Na, dann komm“, sag ich und klopfe dabei aufmunternd mit der Hand auf die Matratze. Diese Einladung brauche ich nicht zweimal zu tätigen. Ebenso vorsichtig und in Zeitlupe, wie sie sich aus dem Bett geschält hat, steigt sie nun umständlich zu mir hinein. Ich lege mich auf die Seite und mach mich ganz dünn.

Das Bild, das gerade entsteht hat schwer Ähnlichkeit mit unserer Löffelchenstellung, die ich immer so sehr geliebt habe. Du an mir, ich an dir, ganz eng, aber nie verfänglich. Die Wärme deines Körpers und dein ruhiger Atem ließen mich immer sorgenfrei und beruhigt ins Land der Träume auswandern. Ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit ist entstanden, das ich nie zuvor so erlebte, wenn man die Monate in Mütterchens Bauch außer Acht lässt.

Die Hündin schmiegt sich an mich und ich lege vorsichtig meinen rechten Arm über sie drüber. Das Gesicht Dunes zeigt in meine Richtung. Ihre Augen sind so müde. Ich flüstere ihr noch ein „Ich hab dich lieb“ entgegen, drücke ihr einen Bussi auf die feuchte und kalte Nase und wir schlafen ein.

Ich werde beobachtet. Durchdringend werde ich angestarrt. Jemand durchbohrt mich mit seinen Blicken. Ich bin nicht da. Ich bin in Afrika. Ich lass’ die Augen zu. Nein, nein, ich habe so schön geschlafen. Ich will nicht wach werden. Ich boykottiere diesen Tag und das Leben. Noch fünf Minuten. Bitte nicht. Ich will nicht aufstehen müssen. „Schlaaappppppps“

Zaghaft öffne ich mein rechtes Auge und blinzele in ein gigantisch großes Hundegesicht mit Loch in der Stirnplatte. Durch meinen Kopf rasen Fragenstürme: „Wo bin ich?, Wer bin ich?, Warum bin ich?, Wie spät ist es?, Welcher Tag ist heute?, Was will dieses Tier von mir?“

„Guten Morgen, Süße! Hast du noch ein bisschen schlafen können?“ Ich räkele mich auf den Rücken und erhebe mich nach obligatorischer Knochensortierung in sitzende Position. Dune junkert und läuft zwischen Wendeltreppe und Koje aufgeregt hinterher. Noch recht unmotiviert hieve ich mich von der Matratze und gehe meiner Hündin nach, die, dieses Aufstehen richtig interpretierend, jetzt nicht nur bis zur Wendeltreppe läuft, sondern sie nun auch hinunter stürzt. Für mich als Morgenmuffel und EwigWachwerdBraucher erstaunlich, kombiniere ich messerscharf, dass mein Hund ein dringendes Bedürfnis hat, welches von ihr, durch eine kleine Lache im Eingangsbereich, urinierend bestätigt wird. Oh Shit!, Nein, Piss, ich bin zu lahm für diese Welt. Aber wer weiß, wie spät es schon ist. Und irgendwo müssen die Unmengen Wasser ja hin, die Dune in der letzten Nacht zu sich genommen hat. Auf Grund der Ereignisse der letzten Nacht kann und will ich ihr dieses Malheur nicht übel nehmen. Es begeistert mich nicht, aber es war wohl auch kaum zu vermeiden.

Den Pinkelbach umschreitend, sprinte ich zur Leuchtturmtür und öffne sie hektisch, um weiteren Hinterlassenschaften in Fest- oder Flüssigform vorzubeugen. Liegt es an der ersten Erleichterung oder an dem Schock der gestrigen Nacht? Dune streckt sehr vorsichtig ihren Kopf durch die Türe und bleibt in direkter Nähe des sicheren Turms. Sie bemüht sich sichtlich, ihren Haufen nicht direkt im Eingangsbereich abzulegen, sie nutzt aber auch nicht die Weite des Strandes, wie sie es sonst tut. Ganz dicht bleibt sie am Gemäuer.

In mir steigt Frost empor. Die braungrauen Steinfliesen sind arschkalt und ich temmele von einem Fuß auf den Anderen. Der durch den Türrahmen eingefasste Blick nach draußen verspricht einen schönen Tag. Die Sonne scheint kräftig, ein leichter Wind nimmt hin und wieder Kurs in den Turm und scheint mich in den endgültigen Wachzustand bringen zu wollen, Schilf und Gräser wehen synchron auf der Düne und das helle Blau des Himmels wird durch riesige hartweiße Wolkentürme unterbrochen. Der Herbst scheint nun doch Einzug halten zu wollen. Ich glaube nicht, dass es heute Regen geben wird, dafür sind die Wattebäusche dort oben zu freundlich. Aber das schöne Wetter der letzten Tage verabschiedet sich und lange kann es nicht mehr dauern, bis das depressive Halbjahr beginnt.

Dune zwängt sich an mir vorbei und steigt die Wendeltreppe wieder hinauf. Ich öffne die Eingangstür vollends, um ein wenig Luft ins Gemäuer zu lassen und folge ihr. Als ich ungefähr die Hälfte der 159 Stufen hinter mir gelassen habe, macht Dune, die bereits oben ist, wieder kehrt, tappst an mir vorbei, stellt sich hinter die Eingangstür auf die Hinterpfoten und drückt die Tür Stück für Stück wieder zu. Ob sie Angst hat vor Eindringlingen? Mit einem letzten kräftigen Sprung schubbst Dune die Türe ins Schloss, schnuffelt noch einmal am Abschluss entlang und geht, mich überholend, wieder nach oben. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder mich sorgen soll. Dieses Tier ist wirklich manchmal merkwürdig.

Mein Morgensport besteht darin, mich, oben angekommen, mit Lappen und Haushaltsrolle bewaffnet, wieder nach unten zu begeben, den kleinen Urinsee zu beseitigen und wieder nach oben zu steigen. Jetzt muss ich aber Frühstücken, und zwar richtig. Das Ritual fällt magerer aus als am Vortag, aber es gibt eine vernünftige erste Mahlzeit mit köstlichem Brot, delikater Wurst, einem Spiegelei, Kaffee und drei Zigaretten. Erstaunt stelle ich fest, dass das Päckchen Kippen, das ich vorgestern geöffnet habe, immer noch über Zigaretten verfügt. Ich rauche tatsächlich massiv weniger als sonst. Mich überkommt ein kleines bisschen Stolz. Auch wenn diese Reduzierung des Lasters nicht bewusst statt gefunden hat, findet sie statt. Das liegt bestimmt an der guten Luft hier draußen. Mir fällt auf, dass ich zum Beispiel während des Buchtspazierganges gestern, gar nicht geraucht habe.

„Willst du damit nicht aufhören?“

„Das fragst du mich?“

„Ja, das frage ich dich. Bei mir ist das was anderes. Du weißt, warum ich immer noch rauche. Die Zigarette als Ersatzdroge. Aber wenn du dich entschließen könntest aufzuhören, dann versuche ich es auch. Is’ doch klar!“

Du umarmtest mich und nanntest X gute Gründe, warum wir es lassen sollten.

„Schau, jetzt haben wir den Turm mit soviel Liebe renoviert. Reicht es nicht, wenn Wind, Sand, Sonne und Wasser unsere liebevoll gestalteten roten und weißen Kringel draußen täglich angreifen? Müssen wir hier drin mit der Nikotinwaffe das Gleiche tun?“

Du hattest ja Recht. Aber ich bilde mir halt immer noch ein, dass ich den Glimmstängel für meine Psyche brauche und, was noch viel wichtiger ist, für meine erste Verdauung am Tag. Wir beschlossen fürs Erste, nur draußen zu qualmen. Die 159 Stufen der Wendeltreppe runter und wieder rauf, würden uns das Laster schon abgewöhnen. Wir haben es ganze zwei Wochen so gehandhabt, dann schlich sich das erste Teerstäbchen ein, es folgte das Zweite und schon saßen wir beide hier oben, diskutierten und rauchten.





Dieses Gefühl

4 08 2009

Dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, nennen wir Weltenübel. Weltenübel ist, wenn alles passt, aber nichts richtig ist. Weltenübel bekommt man, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das ganze Universum gegen einen ist. Aus dem Weltenübel entfliehen wir, in dem wir uns ein Paralleluniversum suchen. Und bevor mich dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, vollends einlullt; bevor das Weltenübel mich nicht nur überfällt, sondern auch gefangen nimmt, bevor es meinen Tag bestimmt, mache ich mir schnell Gedanken über mein Paralleluniversum. Viele Gedanken brauche ich mir nicht machen, ich muss mich nur mit beiden Füßen fest in die Brandung stellen, mich unterspülen lassen und die Wellen spülen alle Sorgen fort. Wo sonst wenn nicht hier kann ich den Ballast über Bord werfen? Also fort damit, ab in die Fluten. Sollen Hai, Seeigel, Krabbe & Co sich doch daran den Magen verderben.

Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und diese Emotionen bringen mich, öfter als mir lieb ist, fast um den Verstand. Aber das hier ist unsere kleine Welt. Ich lebe hier, in diesem Augenblick, unseren Traum und somit ist das alles hier um mich herum, mit den Schäfchenwolken, dem Sonnenschein, dem warmen feuchten Sand, der Gischt, den Dünen und Möwen, dem Leuchtturm, dem Fels in der Brandung, ein Paralleluniversum. Mein Paralleluniversum.

Gerade als ich mich umdrehe, um mich auf dem ultimativen Plätzchen zum vielleicht letzten Sonnenbad des Jahres niederzulassen, höre ich hinter mir aus dem Meer ein schnorchelndes Geräusch. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und überlege, was das wohl sein könnte. Dune ist es nicht, die tollt in ein paar Metern Entfernung mit ihrem Tauknoten herum. Ein Kutter, der zu nah an den Strand aufläuft kann es auch nicht sein. Ein Kuttermotor klingt ganz anders. Immer noch zur Salzsäule erstarrt höre ich eine prustende Stimme: „Hallo?“; „Hallo! Entschuldigen Sie bitte!“

Schock, schwere Not, das Meer spricht. Aber mit wem spricht es? Eigentlich sind wir beide doch per Du?

„Sorry, Miss, do you speak english?“ Miss, Mist, das Etwas aus dem Meer spricht mit mir. Also gut, keine Panik auf der Titanic, ich drehe mich ganz langsam um. Nur mit dem Kopf, nicht ganz, und wenn es was grusliges ist, nehme ich meine Schrottknochen in die Hand und laufe.

Millimeter für Millimeter schraube ich mein Haupt in Richtung Ozean, bis ich im Blickwinkel ein schwarzes Ding auf zwei Beinen sehen kann. Zwei Arme hat es auch und auf den fünften bis achten Blick möchte ich wirklich einen Mensch dort vermuten, denn Affen, die urplötzlich aus dem Meer auftauchen, sind eher selten. Für Arielle hat dieses Ding eine zu stattliche Figur und die Schwanzflosse fehlt.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Okay, ich habe einen sagenhaften Hund, der mich sicher beschützt, rede ich mir ein und beobachte Dune, wie sie sich im Spiel immer weiter von mir entfernt. Ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche und bin von daher im Vorteil, rede ich mir ein und verdränge den Gedanken an meine Orientierungslegasthenie. Ich habe einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hau ihm einfach eins auf die Zwölf, wenn er mir doof kommt, rede ich mir ein und rechne erst gar nicht nach, wie lange dieser besagte Kurs schon her ist.

Göttin, was soll den passieren? Das Ding kommt frisch aus dem Wasser, ist pitschnass und jappst immer noch nach Luft. Es hat meine Größe und keine sichtbare Waffentaschen. Also jetzt dreh dich schon um du alter Angsthase und steh deine Frau.

Ich drehe mich um und verfalle über ein zunächst zaghaftes Prusten in schallendes Gelächter. Die Augsburger Puppenkiste scheint ein Gastspiel hier am Meer zu geben und vor mir steht, das Mensch gewordene Sams. Das heißt ich gehe im Moment einfach davon aus, dass unter diesem, wie Wurstpelle knapp sitzendem Neoporenanzug ein Mensch steckt. Das Ding ist damit beschäftigt sich die Taucherbrille vom Gesicht zu nehmen und unter den feuchten Scheiben in Gummi-Umrandung kommt ein knallrotes Gesicht zum Vorschein, das zu meiner endgültigen Erheiterung auch noch mit Unmengen von Sommersprossen übersät ist. „Frau Rosenkohl, Frau Rosenkohl!“ geht es mir durch den Kopf und ich werfe mich auf die Knie in den Sand, weil ich vor Lachen nicht mehr stehen kann. In der Zwischenzeit hat auch Dune bemerkt, dass hier irgendwas passiert und hat sich zu uns gesellt. Ich weiß nicht, ob sie auch lacht, auf alle Fälle bellt sie den armen Tropf vor uns ganz schön zusammen. Da ich versuche den Hund in deutscher Sprache zu beruhigen, was unter meinem Gegacker wahrscheinlich nicht sehr überzeugend rüber kommt, nimmt die traurige Gestalt, die aus dem Wasser kam, einen erneuten Anlauf mich anzusprechen. „Entschuldigen Sie bitte junge Frau. Können Sie mir vielleicht helfen? Ich glaube ich habe mich verschwommen.“

Nun ist es um meine Beherrschung komplett geschehen. Ich greife mir Dune zum ultimativen Lachknuddeln, kralle mich in ihrem Fell fest und schreie mehr als ich lache. Dieser Typ muss einfach von einem anderen Stern sein. „Verschwommen“ pruste ich, „Verschwommen“.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie lange wir hier jetzt schon hocken. Mir tut der Bauch weh, meine Stimme klingt wie nach 20 Whiskey und einer Stange Zigarette auf Ex, so sehr hab ich lachen müssen. Das menschliche Strandgut in Gummi hat sich in der Zwischenzeit auch gehockt und schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nicht mehr alle ist gut. Ich habe gerade gar keine mehr im Schrank, weil der komplette Schrank, nebst Inhalt, beim Lachen zu Bruch gegangen ist.

„Ich fange einfach noch einmal von vorne an!“, unterbricht der Kautschukmann diese eigenartige Situation. “Mein Namen ist Henry, Henry Schuster und ich bin mit einem Freund auf dessen Jacht als Inselhopper unterwegs. Irgendwo auf See sind wir zum Schnorcheln ausgestiegen und ich habe komplett die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin. Viel schlimmer aber noch ist, dass ich nicht weiß, wie ich wieder zu der Jacht komme.“ Während Henry, Gott sei Dank heißt er nicht Sam, mir seine Geschichte in aller Dramatik und mit todernster Stimme wie Mimik zum Besten gibt, beiße ich mir immer wieder auf die Unterlippe und auf die Zunge. Ich meine, er tut mir ja wirklich leid und ich kann vermutlich gar nicht ermessen, wie es ihm geht und in ihm aussieht, aber diese Situation ist einfach zu krass für mein sonniges Gemüt.

Auch wenn ich gerade aussehe, als hätte ich von Geburt an einen furchtbaren Kieferschiefstand, versuche ich Henry zu antworten. „Ähm Henry“, ich hole tief Luft und sammele mich für einen zusammenhängenden Satz ohne Gegluckse. „Henry, wo Sie hier sind kann ich Ihnen gerne erklären. Nur wie Sie wieder zurückfinden, da bin ich überfragt. Ich liebe das Meer wegen seiner unendlichen Weite (warum trällert mir jetzt das Thema von Enterprise melodiös durch die Gehirnwindungen?) und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Inseln, keine Jacht und im Augenblick noch nicht mal einen Kutter. Ich kann Ihnen nur anbieten, in meinen Leuchtturm mitzukommen. Dort trinken wir in aller Ruhe eine Tasse Kaffee und vielleicht lässt sich von oben ja ein Anhaltspunkt finden. Andererseits finde ich, dass Sie nicht mehr ins Wasser zurück sollten. Es geht auf Nachmittag zu. Es wird schon sehr früh dunkel und die See wird um diese Zeit auch recht unruhig. Mir wäre nicht wohl dabei, wenn Sie sich wieder in die Fluten stürzen, um einer Jacht nachzujagen.“

Noch viel unwohler ist mir bei dem Gedanken, den armen Henry in die Stadt zu schicken, von wo er sicher einen Weg in sein Hotel, zu seinem Freund oder zum Hafen suchen könnte, wo sein Freund mit der Jacht vielleicht schon auf ihn wartet. Mein inneres Auge zeigt mir den kompletten ersten Teil des Sams im Schnelldurchlauf. Ich sehe Henry wie er an Lattenzäunen nagt, wie er dicke Frauen veralbert und Herrn Taschenbier von einer peinlichen Situation in die Nächste bugsiert. Vielleicht sind die kleinen Spots in Henrys Gesicht ja gar keine Sommersprossen. Möglicherweise sind es Wunschpunkte und ich muss ihm nur irgendwie den Satz in den Mund legen: „Ich wünsche mich zurück an Bord!“ Nein, nein, zu gefährlich. Nachher landet er in einem U-Boot oder im Hamburger Hafen auf einer kleinen Jolle. In mir steigt schon wieder dieser Lachreiz hoch. Nein, nein, nein – du kannst und darfst diesen armen Mann nicht weiter auslachen. Nein, nein, nein – bitte nicht – nicht wieder einen Lachflash. Zu spät. Erst schnaufe ich, dann lache ich und dem armen Henry stehen die Tränen in den Augen. Ich kann ihm aber nicht sagen, was ich denke. Das kann ich nicht machen.

Mit derweil blutender Unterlippe krabbele ich zur Sonnendecke und krame meinen Krempel zurück in den Weidenkorb. Ich kann nicht abschätzen, wie lange der Gastauftritt der Augsburger Puppenkiste dauert und das strahlende Blau des Himmels weicht bereits dem Grau der Dämmerung. Es ist merklich frischer als gestern Abend und wer weiß, vielleicht war das wirklich der letzte Sonnentag. Henry hat die Einladung zum Kaffee angenommen und beobachtet mein Wuseln mit herunterhängenden Schultern und einer herzzerreißenden Trauermine. Wir schweigen. Ich schweige nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, vor allem habe ich tausend Fragen. Ich sage lieber nichts, da es nicht bei der Aneinanderreihung von Worten bleiben würde. Solch einen Lachdrang habe ich tatsächlich noch nie gehabt und ich glaube ich kann mit Recht behaupten, dass wir beide schon einer Menge schräger Vögel über den Weg gelaufen sind. Aber solch eine Begegnung der tropfenden Art? Das ist neu.

Sichtlich beeindruckt von meinem bescheidenen sozialen Wohnungsbau in Turmform, folgt mir Henry auf Schritt und Tritt. Auf der Wendeltreppe muss ich abermals, oder soll ich besser sagen, wieder heftigst, an mich halten. Der Neoporenanzug von Henry quietscht und quitschert mit jedem Schritt in einer anderen Tonlage. Was bin ich froh, dass er die Schwimmflossen ausgezogen hat. Ein, in regelmäßigen Abständen auftönendes, Platsch, Patsch, Platsch würde mir mein Zwerchfell endgültig auseinander reißen. Oben angekommen schaut sich Sams, ähm Henry nur kurz um und geht dann auf das Bullauge zu. „Ob ich wohl mal telefonieren dürfte?“ „Klar“, antworte ich, drehe mich um die eigene Achse und dann fällt mir ein, dass ich hier ja gar kein Telefon habe. Ohne lange zu überlegen kippe ich den Inhalt des Weidenkorbes in die Koje und suche unter Thermoskanne, Kuscheldecke, Dunes Spielzeug und Liste nach meinem Handy. Als ich es endlich in der Hand halte stelle ich fest, dass es nicht in Betrieb ist. Mit meiner narrensicheren 0815-Pin probiere ich, meinen mobilen Telefonknochen ans Laufen zu bringen, muss mir aber sagen lassen, dass das Akku aufgeladen werden muss.

„Klar“, erweitere ich meine zunächst sehr knappe Antwort, „könnten Sie, dürften Sie, wenn’s denn gehen würde. Einen Festnetzanschluss habe ich hier nicht und mein Mobiltelefon hat keinen Saft mehr.“ Dabei fällt mir ein, dass ich meine Liste um das Ladekabel erweitern muss. Henry, mittlerweile steht er im trockenen Gummianzug vor mir und gibt eine lustige Figur ab, starrt aus dem Fenster hinaus aufs Meer. „Da ist nichts!“, seufzt er. „Ich kann nichts sehen!“ Bleibt nur noch der Fußweg. Ich gieße uns beiden Kaffee ein und beschreibe Henry, wie er auf dem direktesten Weg zum Hafen und in die Stadt kommt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gibt es auch eine Telefonzelle, aber Henry sieht nicht so aus, als hätte er unter seinem Anzug auch noch einen Kubikmillimeter Platz für eine Telefonkarte. Also verschweige ich die Telefonzelle fürs Erste. Während ich stammelnd, auf die Unterlippe beißend und ziemlich wuschig versuche meine Orientierungslegasthenie zu verbergen und einen perfekten Weg zu beschreiben, geht mir das Bild von Sams im Taucheranzug nicht aus dem Kopf. „Am Besten ich suche Ihnen erstmal was zum Anziehen.“, stottere ich und vergrabe mich alsbald im Kleiderschrank. Ich krame eine alte Jogginghose von mir hervor und eines deiner vielen T-Shirts, die ich immer noch wie einen Schatz hüte. „nur mit Schuhen kann ich Ihnen nicht dienen.“ Mit unverändert todtrauriger und gequälter Mine nimmt der Verschwommene die Sachen entgegen und folgt meinem Kopfnicken, mit dem ich ihm den Weg zur Duschkabine weise. Der Nachteil am Leben im Leuchtturm ist das fehlende Luxusbadezimmer mit Badewanne, Dusche, Waschbecken und goldenen Handtuchhaltern. Hier ist das alles etwas schlichter. In der Kabine rumpelt es gewaltig und ich mag mir nicht wirklich vorstellen, wie sich der kleine, dicke fremde Mann dort aus seinem Ganzkörperkondom pellt und in meine Sachen steigt.

Langsam wird mir doch etwas mulmig. Es dämmert bereits und wenn ich Henry jetzt losschicke, dann muss er durch die Nacht spazieren. Andernfalls müsste ich ihm ein Nachtlager anbieten, was mir, ehrlich gesagt, nicht geheuer ist. Ich weiß, du hättest da gar kein Problem mit. Je mehr Mensch um dich herum, umso besser. Aber du bist ja auch ein Mann. Und hier, in dieser todeinsamen Ecke, möchte ich nicht unbedingt meine Nacht mit wildfremden Männern verbringen. Als hätte Henry meine Gedanken auf meiner Stirn abgelesen, steht er plötzlich auf und bläst zum Aufbruch. „Sagen Sie, gibt es auch einen Weg am Strand entlang?“

„Natürlich. Sie gehen zurück bis zu dem Punkt, an dem Sie aufgetaucht sind und dann laufen Sie parallel zum Strandweg in Richtung Hafen. Es dauert nur wesentlich länger, weil eine ziemlich große Bucht dazwischen liegt. Aber Sie können bis zum Hafen am Strand entlang.“

„Dann wähle ich diesen Weg“, antwortet mir Henry und steht bereits auf der ersten Stufe der Treppe, „und sollte es mir doch zu lang werden, lege ich mich in die Dünen. Ich nehme an, dass ich sowieso erst Morgen Früh etwas erreichen kann. Und sollte mein Freund bereits im Hafen eingelaufen sein, wird er sich auch nicht vor Tagesanbruch rühren. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe und den Kaffee!“ sagt er, und ehe ich mich versehe, ist Henry nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch schon durch die Stahltüre entschwunden. Ein Abgang nicht langsamer als sein Auftauchen.

Henry schleppt sich, mit seinem Taucheranzug um den Hals, meiner Jogginghose und deinem T-Shirt, über den Strand in Richtung Meeressaum. Von hinten und hier oben betrachtet, sieht er nicht minder komisch aus, als in den ersten Momenten unserer Begegnung. Viel erzählt hat er nicht. Seinen Namen weiß ich, mehr nicht. Aber er hat etwas geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr fertig gebracht hat. Ich habe seit Jahren wieder bis zum Bauchschmerz gelacht. Auch wenn diese Situation von ihm nicht so gewollt war, im Gegenteil. Auch wenn mein Amüsement komplett auf seine Kosten ging und immer noch geht, was mir sehr leid tut. Trotz allem war es für mich ein absolut überraschender, lustiger Tag, den ich so schnell sicher nicht vergessen werde. Das regelmäßige Aufflackern unseres Leuchtfeuers begleitet den Fremden über den Strand. Egal wie weit er heute noch gehen wird, unser Licht wird ihn begleiten, wird ihn führen. Henry wird nichts passieren, denn er steht unter dem persönlichen Schutz unseres Turms. Das beruhigt mich.





Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

3 08 2009

Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

Wie ein farbiger Spiegel erstreckt sich die See bis zu den Dünen und es wird langsam aber sicher auch frisch. Dein bunter Wollpullover wird es möglich machen, dass ich noch ein bisschen hier bleiben kann. Ein letzter Blick auf die Liste zeigt mir, dass erstmal alles Wichtige notiert ist. Ich kann sie ja ergänzen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt genieße ich den Augenblick. Ich lass mich fallen, in deinen Pullover, in diesen Moment, in diesen wundervollen Ausblick auf das Meer, das Leben dort, den Strand. Erstaunlicher Weise ist es menschenleer hier. Wahrscheinlich traut die Menschheit dem Sommerherbst nicht und das kann mir nur Recht sein. Ich habe keine Lust, auf neugierige Fragen rund um den Leuchtturm zu antworten. Ich mag nicht erklären, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier tue. Ich kann nicht erklären, was ich selber noch nicht richtig begreifen kann. Wie soll ich die richtigen Worte dafür finden? Außer dir versteht es sicher niemand. Verena vielleicht noch, aber dann hört es auch schon auf. Selbst meine Familie hält mich für spleenig und durchgeknallt. Dabei habe ich immer davon gesprochen. Ich habe immer gesagt, dass man einfach nur mutig genug sein müsste. Jetzt habe ich allen Mut zusammen genommen und bin hier. Ich habe meinen Mut, mein Vertrauen und unseren Traum in einen großen Koffer gepackt. Und jetzt bin ich hier.

Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.

Zaghaft packe ich meine Sachen in den großen Weidenkorb. „Der muss auch wieder nach oben“, denke ich und seufze dabei so tief, dass ich beinahe Mitleid mit mir selber bekomme. Dune jagt immer noch den, durch ihre Flugkünste im Vorteil seienden Möwen hinterher. Sie muss sich eigentlich vorkommen, wie eine Katze die dem Licht eines Laserpointers nachjagt. Sie kommt auch nie zum Sieg. Nach stundenlanger Jagd kann keine Beute gemacht werden. Wie frustrierend muss das sein. Ich pfeife und rufe und versuche mich bei meinem Hund irgendwie bemerkbar zu machen. Nichts geht mehr. Sie wird schon merken, wenn ich fort bin. Ich werfe einen letzten verliebten Blick auf das Meer und die untergehende Sonne und mache mich vollkommen lustlos auf den Weg zurück zum Leuchtturm.

Vor der großen Stahltür verharre ich einen Augenblick. Ich stelle den Korb ab und blicke an unserem Leuchtturm hinauf. Stein für Stein, Ring für Ring tastet sich mein Blick zum Leuchtfeuer hinauf.

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so grau erscheinen,
es zeigt sich in schillernden Farben

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so kalt erscheinen,
es vermittelt dennoch farbige Wärme.

Unser Turm in schillerndem Rot und Weiß – seine Steine durch die Sonne aufgewärmt.
Ich liebe diesen Turm, ich liebe unseren Turm, ich liebe dich und in Momenten wie diesen, in Zeiten wie diesen, fehlen mir die Worte, um all das auszudrücken, was ich so gerne ausdrücken möchte. Bevor ich weiter nach Worten suche, öffne ich mir lieber die Pforte ins Glück. Beim Anblick der Einkaufstüten stelle ich allerdings fest, dass Glück wohl doch ein weiträumig interpretierbarer Ausdruck ist.

1113 Stufen. Sieben mal bin ich gewendelt. Ich bin fertig. Ich bin well done. Ich bin alle. Das nächste Mal suche ich mir doch einen Praktikanten im Discounter. Dann installiere ich einen Flaschenzug und dann kann der Kunde König oben im Turm die Ware entgegennehmen, die das aufstrebende Einzelhandelverkäufertalent unten in den Korb gepackt hat. Klingt nach einem guten Plan, den ich irgendwann mal zu Ende planen und denken sollte. Für die nächste Zeit bin ich mit allem überlebenswichtigen Nahrungs- und Genussmitteln eingedeckt. Zum Glück ist mir noch eingefallen, dass ich den Pansen gleich wieder aus dem Fenster kicken sollte. Bullauge auf, Pansen raus – und diese Innerei scheint einen dermaßen leckeren Gestank zu verströmen, dass es Dune nicht mehr bei den Möwen hält. Nun sitzt sie in den Dünen und genießt ihr Leckerchen. In gebührendem Abstand scharen sich die feindlichen Flugtiere zusammen und hoffen auf ein Resteessen. Wenn das mal gut geht.

Mittlerweile ist es dunkel. Je nachdem wie Dune schaut, sehe ich ihre Augen aufblitzen. Ich mache es mir indes gemütlich. In der Thermoskanne ist noch Kaffee. Ich zünde ein paar meiner neuen Kerzen an und beinahe zeitgleich nimmt meine Behausung auch schon ihre Arbeit auf. Das Licht des Lebens beginnt wieder zu blinken. Wie unter dem Schein einer alterschwachen Discokugel erhellt sich für einen Augenblick das Meer und nur ein paar Sekunden später schaue ich auf eine leicht wellige schwarze Scheibe. Hier und da blitzen kleine Gischtmützen auf und das leichte Rauschen des Meeres vereint sich mit dem wohligen Brummen des Leuchtturmfeuers. Ich hatte wirklich Angst, dass es hier, direkt unter der größten Taschenlampe der Welt etwas lauter zu gehen würde. Aber schon nach kürzester Zeit habe ich die Geräusche der hausinternen Technik gar nicht mehr wahrgenommen. Da war mein früheres Leben zwischen Telekomexpressstrecke und der Bahntrasse schon wesentlich geräuschvoller.

Herr Mond lächelt als schmale Sichel zum Bullauge hinein. Ich bin hundemüde, nur der Hund ist nicht müde. Entweder kaut sie sich immer noch den Pansen, oder Dune traut sich nicht durch die Möwenmauer. Was war das für ein Tag? Gehörte er zu den guten oder zu den schlechten Zeiten? Abgesehen von dem Shoppingstress mit anschließendem Krafttraining auf der Treppe war es ein wundervoller Tag. Emotional war er. Gedankenreich war er. Ein Tag voller Bestätigungen liegt hinter mir und doch hat auch dieser Tag wieder viele Fragen offen gelassen.

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Welt hinter dem Bullauge freundlich lächelt, dass das mit Sternenfunkeln versehene Himmelszelt wieder herrlich blau erstrahlt und die dicke fette Osram ihre Sonnenstrahlen in der Scheibe bündelt und mich furchtbar in der Nase kitzelt. Ungläubig schaue ich mich um. So ganz kann ich es ja immer noch nicht fassen, dass diese eckenlose Behausung für die kommenden Monate meine Herberge sein soll.
Ich bin sicher eingeschlafen, denn hier sieht noch alles so chaotisch aus wie gestern Abend. Die Kerzen sind vollends heruntergebrannt, die Thermoskanne hat noch Kaffee im Bauch und ich höre draußen hektisches Gekläffe. Ob Dune die ganze Nacht draußen war? Ich richte mich ein wenig auf, um über die hausinterne Reling schauen zu können. Die Tür steht immer noch auf. Tolle Scholle Frau Leuchtturmwärterin. Ich würde sagen, da haben wir doch einfach Glück gehabt, dass diese Einladung niemand sonst außer Dune wahr genommen hat.
Ich habe keine Lust aufzustehen. Andererseits verspüre ich fast körperliches Geknuffe von der Sonne. Es ist schon wahr, an solch einem herrlichen Herbsttag kann man nicht in den Federn verweilen. Da ich heute auch nichts Weiteres vor habe, kann ich ihn in vollen Zügen genießen, am Strand, hier am Leuchtturm, mit dir und Dune unter der Sonne. Yes, das klingt gut. Und zwischendurch mach ich mir ein paar Gedanken über den weiteren Verlauf des Umzugs, beziehungsweise Einzugs.

Die letzten Sonnenstrahlen genießen
Die letzte Wärme des Sands spüren
Die letzten Berührungen leichten Windes fühlen
Vorfreude

Auf den Genuss der ersten Sonnenstrahlen
Die ersten Schritte im warmen Sand
Das erste Streicheln des warmen Windes auf dem Gesicht
Nächstes Jahr

Schnell wird der Kaffee umgefüllt, der Weidenkorb frisch gepackt, die Zähne geputzt, das Longshirt übergeschmissen und ab geht’s in die Sonne. Auf der Stiege bemerke ich erst meinen Muskelkater, den ich mir wohl bei der Einkaufstütenorgie gestern eingehandelt habe. Dune kann sich vor lauter Begeisterung über mein Erscheinen kaum halten und springt wie ein Flummi immer wieder an mir hoch. Heute geht es direkt ans Wasser. Es geht kaum Wind und die Luft ist herrlich mild.

Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.

Das Meer ist ganz ruhig und plätschert gemütlich mit kaum hörbarem Rauschen am Strand auf und ab. Es glitzert herrlich in der Sonne. Je nach Blickwinkel bekommt man das Gefühl, einen Kristallteppich zu betrachten. Vorbei ist die Gemütlichkeit, als sich Dune laut kläffend in die Fluten stürzt. Brrrr, um diese Zeit ist es doch sicher noch eiskalt?! Die Flipflop abgestreift greifen meine Füße als erstes in den herrlichen Sandboden. Schon alleine für meine Füße dürfte es nie Winter werden. Nachdem ich mir die Decke zurechtgelegt habe, lasse ich meinen Blick den Strand entlang schweifen. Eine Gänsehaut des Wohlfühlens und der Begeisterung baut sich hinter meinen Ohren auf und verteilt sich von dort in alle Richtungen. Shiver! Es gibt keine Worte dafür, auch wenn ich sie noch so sehr doch noch zu finden hoffe. Ich kämpfe wieder mit Tränen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen, wie nah ich am Wasser gebaut habe, wenn ich hier so nah am Wasser stehe. Vielleicht liegt es an der Unteilbarkeit dieser Gefühle. Ich kann sie nicht fassen, nicht erklären und somit auch nicht vermitteln. Davon mal abgesehen, dass ich gerade nicht wüsste an wen. Dune peitscht besessen durchs Wasser und die Möwen über mir, die in Perfektion ihren Synchronflug absolvieren, erscheinen mir auch nicht wirklich als gute Zuhörer und Menschenversteher.

Perfektion
den ganzen Morgen schon kreisen sie über mir her
leiser Flügelschlag im Synchronflug
nebeneinander beinahe Flugfeder an Flugfeder
übereinander nur ein Windhauch zwischen ihnen
leicht versetzt zur Kehrtwende ansetzend
zweisam entdecken sie den Himmel
gemeinsam beobachten sie den Strand
beisammen erobern sie das Meer
das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Team

ganze Morgende kreisten wir um uns herum
barfüßig im Gleichschritt
nebeneinander Hand in Hand
übereinander kein Windhauch passte zwischen uns
leicht versetzt die gleichen Dinge im Blick
zweisam entdeckten wir die Geheimnisse des Himmels
gemeinsam durchschritten wir jedes Sandkorn
zusammen – wir liebten das Meer

das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Paar
das perfekt eingespielte Team

so schaue ich neidisch in den Himmel
trauriges Vermissen entlasse ich ins Meer
schmerzende Sehnsucht begleitet den Flug
des perfekten Paares
des perfekt eingespielten Teams
über mir

Warum bist du jetzt nicht hier? Warum lachst du mich jetzt nicht aus, weil ich schon wieder vor mich hin flenne, ohne wirklich einen Grund zum Heulen zu haben? Warum teilst du nicht mit mir zusammen diese Begeisterung, jetzt, hier, sofort? Manchmal hasse ich dich dafür, dass du nicht da bist. Mit dir könnte ich jetzt so schön hier stehen. Du würdest mich verstehen. Du würdest dich amüsieren, aber in erster Linie wüsstest du genau, was mit mir los ist, wie es in mir aussieht. Du bist mehr als ein Menschenversteher. Du bist ein MichVersteher!





WoW! Was für ein Morgen!

2 08 2009

WoW! Was für ein Morgen!

Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob ich nicht hier unten frühstücken mag. Der Tag scheint wirklich vielversprechend zu werden. In erster Linie wird er aber sonnig, und das muss ich einfach noch auskosten. Die trübe Herbst- und Winterzeit lässt sich sicher nicht mehr lange unterdrücken. So flitze ich, was lächerlich klingt in Anbetracht der frühen Stunde und meiner Statur, die 159 Stufen des Leuchtturms wieder hinauf, erhole mich, oben angekommen, jappsend von dem wendeltreppenbedingten Schwindel und dem nikotinverursachten Luftmangel, bereite meinen Kaffee gleich in einer großen Kanne und entschwinde mit einem Korb wieder nach unten. Kaffee, Kippen, Kuscheldecke, Köter – die vier großen K’s sind alle beisammen und ich gönne mir jetzt ein Sommerendfrühstück.

Mich beschäftigt immer noch der Traum der letzten Nacht. War es ein Albtraum oder eine Vision? War es gut oder böse? Ich verfalle schon wieder ins Grübeln, was bekannter Maßen nicht gut ist.

Wärst du jetzt hier würdest du mich sicher greifen, mit mir durch die Dünen in Richtung Meer laufen und mir, mit einer kleinen gemeinen Wasserschlacht, den Grübel aus dem Kopf zaubern. Du bist aber nicht hier und ich frage mich, ob Dune es wohl versteht, wenn ich mit ihr zum Wasser renne und sie nassspritze? Egal, ob sie es versteht oder nicht. Mein Bauchgefühl sagt gerade, dass Quatschzeit ist.

Dune staunt nicht schlecht, als ich wie von der Tarantel gestochen aufspringe, mich aus der Decke pelle und lossprinte. Die Hündin sprintet hinterher, überholt gekonnt und wartet am Wassersaum mit lautem Gekläffe auf ihren Menschen. Es ist einfach zu herrlich, wie sie durch das Wasser hüpft und mit Gebell und Schwanzgewedel große Freude an meinem Erscheinen bekundet. Wir rasen im Wasser auf und ab, ich werfe ihr einen Ast aufs Meer hinaus, den sie anstandslos apportiert und ich spritze sie nass, was sie immer wieder Abstand von mir nehmen lässt.

Lachen, Spaß, Freude, Bellen, Hüpfen, Tanzen, Glück.

So kann es gehen, wenn ich auf mein Bauchgefühl höre. So kann es aber nur gehen, wenn ich dieses Bauchgefühl auch verstehen kann. Herr Grübel hat für’s Erste meinen Kopf geräumt und ich genieße mit jeder Faser meines Körpers dieses Glück, an diesem Ort hier. Ich weiß nicht womit ich es verdient habe, hier sein zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass ich es mir verdient haben muss, hier sein zu dürfen. Und ich möchte alles dafür tun, dass ich auch weiterhin bleiben kann.

Von den Fußknöcheln ausgehend zieht die Nässe des Meeres langsam in meiner Jogginghose nach oben in Richtung Hosenbund. Der Wind ist zwar leicht und streichelnd, aber um Beine und Po beginnt es mich jetzt doch zu frösteln. Zu Dunes absolutem Unverständnis trete ich den Rückweg zum Turm an, der sich hinter mir in strahlendem Rot und Weiß vom Blau des Himmels abhebt. Die Hündin versucht mich noch zum Bleiben zu überreden. Laut kläffend tanzt und springt sie um mich herum. Als sie merkt, dass ihr Umstimmungstanz nicht den gewünschten Erfolg bringt lässt sie ab und läuft zurück ans Wasser. Vielleicht lässt sie ihre Wut nun an den Möwen ab? Inmitten dieser Gedankengänge höre ich von hinten ein bedrohliches Schnaufen auf mich zukommen. Bevor ich mit einem steifen Schulterblick danach Ausschau halten kann was passiert, habe ich auch schon zwei kräftige Pfoten im Kreuz auf Höhe der Schulterblätter und falle vornlings in den Sand. “Bauz”.

Den freundlichen Strandbesucher erkennt man am Sand zwischen den Zähnen und den Überraschten ebenfalls. Als ich wieder einigermaßen weiß, wo oben und wo unten ist, muss ich schallendlaut lachen. Diese Töle ist einfach einmalig. Nun bin ich nicht nur nass sondern auch noch eine lebendige Sandfigur. Vorsichtig rappele ich mich wieder auf. Den feinen Sand abzuklopfen macht wenig Sinn und so beschränke ich mich auf das Ausspucken der kleinen Dünen zwischen meinen Gebissreihen.

Dune sitzt vor mir und, ohne sie vermenschlichen zu wollen, sie sieht aus, als hätte sie ein verdammt diebischamüsiertes Grinsen um die Lefzen. Gemeinsam trotten wir zurück zum Leuchtturm. Mir fällt gerade ein, dass ich heute früh die Liste oben liegen gelassen habe. Da ich mich jetzt sowieso umziehen muss, kann ich auch gleich an ihr weiterarbeiten. Ich lache immer noch.

159 Stufen die Vierte, für heute. Na das hält sich ja schön in Grenzen mit der Lauferei. Und so lange es so mild ist, kann ich ja auch problemlos die Türe geöffnet lassen oder wenigstens angelehnt, damit dieses befellte Überfallkommando ein- und ausgehen kann. Vielleicht schon in der nächsten Woche kriege ich echt ein Problem, wo ich doch so eine Friernase bin. Bevor ich nach oben klettere, reiße ich mir erstmal meine Sandhaut vom Leib. Es muss nicht sein, dass ich meinen Turm in Klein-Sahara verwandele und auf den Holzstufen der Wendeltreppe sind Sandkörner eher kontraproduktiv. Es reicht schon voll und ganz, dass Dune ständig irgendwelchen Dreck einschleppt.

Zurück im Turm, und wieder mit frischen ungekörnten Klamotten versehen, beschließe ich, dass ich nicht den restlichen Tag drinnen verbringen werde. Draußen ist es viel zu schön und wenn ich jetzt gleich einkaufen gehe, dann bleibt Zeit genug für die Liste und die wichtigsten Planungen. Am Wochenende kann dann die Umsetzung erfolgen und dann, dann werden wir sehen, was dabei herauskommt, Frau Leuchtturmwärterin. Der Kaffee ist fertig und ich fülle wieder die Thermoskanne. Dann schnapp ich mir mein Handy, die Liste, verstaue alles im großen Weidenkorb und begebe mich hinaus in den Sonnenschein. Der Korb bleibt natürlich noch drin. Zwar kommt hier höchst selten eine Menschenseele vorbei, aber darauf ankommen lassen will ich es auch nicht. Man muss Diebesgesindel ja nicht noch einladen.

Kommen wir nun zum Fürchterlichsten des Tages: dem Einkauf. Was das Shopping-Gen betrifft hat man bei uns beiden ja irgendwas vertauscht. Ich meine, ich bin eine Frau und du bist ein Mann und ich hasse einkaufen, während du nichts lieber getan hast. Einkaufen ist stressig, es ist immer laut und quengelig, die Leute – allen voran ich – sind schlecht gelaunt und bezahlen kann man das alles heute sowieso nicht mehr. Du hingegen empfandest einen ausgiebigen Shoppingbummel als pure Entspannung. Egal ob Lebensmittelgeschäft oder Boutique, du streuntest durch die Regalreihen und sahst immer einfach nur glücklich aus. In unser beider Programmierung ist diesbezüglich ein heftiger Bug. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich nun in ein Lebensmittelverkaufsgeschäft stürzen muss, um die nächsten Tage vielleicht auch etwas anderes zu mir zu nehmen als Tütensuppen und Knäckebrot.

Was ist heute für ein Tag? Haben wir Morgen Feiertag? Oder steht schon das Wochenende vor der Tür und ich peile es nicht? Gibt es hier was umsonst? Herrje, wo kommen die ganzen Leute her? Haben die alle kein Zuhause? Ich will nicht, aber ich muss. Ich habe Hunger, keinen Einkaufszettel und der Supermarkt ist brechend voll. Na das wird ja mal wieder ein Riesenspaß.

Seit über einer Stunde wusele ich hier zwischen Butter und Genever durch die Gänge. Mein Einkaufswagen ist kurz vor dem Ausbeulen und mich dünkt, das wird eine heftige Schlepperei. Bis zum Turm brauche ich weit über eine halbe Stunde ohne Gepäck. Mit Trolli, Rucksack und den Tüten wird es sicher doppelt so lange dauern. Die Schlange an der Kasse ist auch nur zwei Kilometer lang. Sicher müssen vor mir noch drei Stornos bearbeitet werden, welche die Kassiererin natürlich nicht selbstständig tätigen kann und wenn ich an der Reihe bin, dann geht die Bon-Rolle aus und die kleine Blondine wird mindestens zehn Minuten brauchen, um diese zu wechseln. Summasummarum werde ich schätzungsweise erst in weiteren zwei bis drei Stunden zurück am Turm sein. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Kasse. 159 Schritte. Ach du Scheiße, das dicke Ende wartet im Turm auf mich. Die ganzen Einkäufe müssen ja auch noch nach oben. Hektisch und mit einem großen P für Panik in den Augen, starre ich in den Einkaufswagen. Brauche ich das alles wirklich? Gibt es das als kleine Packung? Läuft hier ein Praktikant umher, der dem Kunden König die Tüten packt und beim Tragen hilft? Meine Laune versteckt sich unter Brot und Marmelade und meine Stimmung gleicht sich der Temperatur der tiefgekühlten Scampis an.

Was habe ich gesagt? Zwei bis drei Stunden. Zweieinhalb Stunden später bin ich nun endlich zu Hause. Meine Arme sind mindestens zwanzig Zentimeter in die Länge gegangen und am Fuße der Wendeltreppe wird mir übel bei dem Gedanken, die Einkäufe nach oben zu bugsieren. Wie gut, dass mir Mütterchen beigebracht hat, dass nichts aber auch gar nichts über eine gut und zweckmäßig gepackte Einkaufstüte geht. So weiß ich in welchen zwei Taschen sich die Tiefkühlkost befindet und die wandert auch subito zu Erst nach oben. Im Rucksack befindet sich weiteres Kühlgut und damit wäre mit dem ersten Gang schon mal die erste Gefahr beseitigt. Flink wandert Verderbliches in Kühl- und Tiefkühlschrank und schon geht es wieder nach unten.

Immer noch streichelt die Sonne die Landschaft. Dieses Licht hier an der See ist so faszinierend und so einzigartig. Man mag sich gar nicht satt sehen. Mit ausgeprägter Grübelfalte auf der Stirn werfe ich einen Blick auf die sich stapelnden Einkäufe. Nein, nein, nein! Das muss noch warten. Ich kann doch nicht diesen herrlichen Tag mit Schlepperei beenden. Dune, die sich das ganze Spiel seit meiner Heimkehr bislang aus ausreichender Entfernung angeschaut hat, kommt auf mich zu und wufft mich aufmunternd an. Recht hast du! Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Also klemm ich mir den Weidenkorb unter den Arm und bummele gemeinsam mit dem freudig erregten Haustier in die Dünen. Die Entscheidung, wo ich meinen Astralkörper ablege, fällt mir wie immer sehr schwer. Schließlich und endlich entscheidet Dune, indem sie sich vor meinen Füßen ablegt und lustig mit dem Schwanz wedelt.

Kann es schöneres geben? Kann man sich wohler fühlen? Kann man sonst irgendwo glücklicher sein? Also, für mich kann ich behaupten: Nein, kann man nicht. So breite ich die Decke aus, gieße mir einen Becher noch immer dampfenden Kaffee ein und drehe mich ungelenk bäuchlings. Im Blindflug fingere ich im Weidenkorb nach meiner Liste und als würde Dune begreifen, was ich gerade tue oder möchte, steckt sie ihren Kopf in das Geflecht und schnappt sich vorsichtig das Handy. Vor mir legt sie es auf der Decke ab und ich liege hier und halte Maulaffenfeil. Dieser Hund ist so schlau! Ich fingere weiter im Korb und bekomme die Liste zu fassen.

Dein Bild; Dinkelkissen; Wärmflaschen; Wollpullover, Wollsocken, lange Unterhose, meine Kuscheldecke, Dunes Kuscheldecke; Zeichenkoffer; Erste-Hilfe-Koffer; Schreibkladde, Bleistifte; Anspitzer; Kerzen; Teelichter; Handy…

Stimmt, beim Handy bin ich hängen geblieben. Pro und Contra hab ich abgewogen und so ganz weiß ich immer noch nicht, ob ich es nun „brauche“ oder ob ich es wie Laptop und Co. auch in die Verbannung schicken möchte, was ich wahrscheinlich eh nicht tun werde, weil ich, nachdem ich beschlossen habe, dass ich nichts brauche, alles furchtbar vermissen werde. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich eine neue Nachricht habe. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Erstmal schauen, vielleicht will mein telekomischer Anbieter ja auch nur wieder irgendwelche „supergünstigen“ Downloads anbieten. Wie schön, es ist keine Werbe-SMS.

„… also, denk dran, die wellen warten auf dich, damit sie deine füße küssen und in dein glückstrahlendes, lächelndes gesicht schauen können“

Wie süß ist das denn? Ach Verena, du bist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder anders gesagt, du smst immer zur richtigen Zeit das richtige Wort. Es ist so faszinierend. Seit Monaten kenne ich dich nur über dieses kleine Display am Handy, über Email und aus unendlich langen Telefonaten. Trotzdem ist es so, als kenne ich dich, als kennst du mich.

Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in den immer noch blauen Himmel. Wieder greife ich nach dem Handy und lese Buchstabe für Buchstabe Verenas Kurzmitteilung. Wenn ich mir überlege, wie wir uns kennen gelernt haben, durch das wohl anonymste Medium der Welt. Sie hat über Monate meine Texte gelesen, sich von ihnen fesseln lassen und ich habe mich, ohne es zu wissen, mit jedem meiner Worte ein Stückchen mehr in ihr Leben geschlichen. Auf diese Art und Weise lebten wir über ein Jahr nebeneinander her, sie dort und ich im Rheinland. Sie wusste schon soviel über mich und ich hatte keine Ahnung von ihrer Existenz. Warum auch immer packte sie irgendwann der Mut und sie hat mir eine Email geschickt, in der sie mir für mein Schreiben, für die Art meines Schreibens ihre Bewunderung ausgedrückt hat. Ihr Outing als stiller Fan kam überraschend und im Laufe des letzten Jahres wuchs aus diesem Kontakt eine Art „Freundschaft“, die ich für nichts auf der Welt mehr missen möchte.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Das Handy wird nicht dem Meer übergeben. Ich kann auf vieles verzichten. Ich möchte auf vieles verzichten und mich in einem Leben üben, in dem nicht mehr alles so furchtbar selbstverständlich ist. Aber auf Verena und den Seelenfaden, der uns verbindet, mag ich auch hier nicht verzichten.

Zurück zur Liste. Dune braucht nicht hungern. Ich brauche nicht hungern. Mein Rauchutensil muss noch auf die Liste. Was passt besser in einen Leuchtturm als ein Aschenbecher, in dessen Mitte in kleiner Leuchtturm modelliert ist? Den hat mir Petra geschenkt und der kommt hier sicher richtig gut zur Geltung. Und wer weiß, wenn ich mich erst hier eingelebt habe, dann finde ich vielleicht auch die Ruhe, um mir dieses Laster endlich abzugewöhnen. Bislang heißt meine Raucherweisheit ja immer: Ich rauche nicht mehr! Aber eben leider auch nicht weniger.

Meine Kamera darf ich auf keinen Fall vergessen. Sollte es denn richtig Winter werden, lassen sich sicher bombastische Fotos machen. Ich erinnere mich an die Nordsee vor drei Jahren, da war das Watt zugefroren. Am Wassersaum türmten sich kleine zarte Eisschollen und je nachdem, wie das Licht fiel, gab es Motive, die in jeden mystischen Film gepasst hätten.

Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass mit meinem Vorhaben eine Art Schlussstrich gezogen wird? Diese Liste, all die Dinge, die ich dort addiere, das alles bekommt den Charme von Endgültigkeit. Aber es ist ja nicht endgültig. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage. Mein Mobiliar wird eingelagert. Meine Kisten verbleiben in diversen Garagen und Kellern von guten Bekannten und der Familie. Innerhalb eines Tages kann ich wieder im Rheinland sein und ich kann jederzeit zurück, wenn ich will. Will ich denn? Natürlich will ich. Ich wandere nicht aus, ich erfülle unseren Traum. Oder?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun. Mein Herz klingt so leicht und gar nicht nach Blues. Mein Bauchgefühl führt mich in ein sagenhaftes Abenteuer. Und das verspricht alles nicht nur gut zu werden. Es fühlt sich bereits jetzt sehr gut an. Da ist er wieder, der Grübel. Bin ich nicht so überzeugt, wie ich klinge? Doch. Ich bin überzeugt. Jahre haben wir von diesem Leben geträumt. Ein Leben in einem Leuchtturm. In den schillerndsten Farben haben wir es uns ausgemalt, dieses Leben unter dem Himmel, 40 Meter oder mehr über dem Meer. Jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit und ich werde ihn nicht platzen lassen wie eine Seifenblase. Ich vertraue darauf, das Richtige zu tun.

Strand? Gut!

Hier bei dir

Hier bei dir am Strand

Hier bei dir am Strand geht’s mir gut

Strand? Gut!

Strandgut

Eine unserer weltberühmten Wortspielereien, die außer uns niemand verstanden hat. Frag mich nicht, wie ich jetzt und hier darauf komme. Vielleicht, weil Dune die ganze Zeit versucht eine enorm große Holzbohle aus dem Wasser zu ziehen? Ein Dickkopf wie ihr Frauchen. Sie soll sich ruhig auspowern. Vor allem aber soll sie ihre Geschäfte nicht vergessen.








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