All the nights, that I’ve missed you

1 11 2009

All the nights, that I’ve missed you – mit dem Poor Man’s Moody Blues im Kopf und im Herzen wache ich auf. Wieder ein Traum, an den ich mich nicht erinnern kann. Die Melodie in meinem Kopf spricht allerdings dafür, dass du mal wieder vor mir auf dem Küchentisch gesessen hast. Mir ist eiskalt, ich zittere wie Espenlaub und habe fürchterliche Halsschmerzen. Der gestrige Nervenzusammenbruch zieht also weitere Kreise. Ich hasse es krank zu sein. Aber was setze ich mich auch bei strömendem Regen an den Strand und lass mich begießen. Rein wachstumstechnisch hat das doch sowieso keinerlei Auswirkungen mehr. Ich hasse es, wenn der Kopf arbeitet, während sich alle anderen Körperteile schwer und schmerzend anfühlen, ich mich fühle wie unter einem Trecker hervorgezogen und ich mich nicht gescheit rühren kann. Wenn selbst der Gang zum Wasserkocher oder ins Bad zu einer Odyssee ausartet, weil mir jeder Muskel und jeder Knochen schmerzhaft seine Verachtung ausspricht. Gequält schäle ich mich aus der wohligen Umarmung meiner Bettdecke um auf zu stehen. Himmel, Dune kannst du bitte mal das Karussell anhalten. Das ist ja grausig auf nüchternen Magen. Bevor ich mir den Gesundheitstee zubereite, es gibt Zeiten, da verzichte sogar ich auf Kaffee, und im Bad nachsehe, ob an der Frau vor dem Spiegel noch irgendwas zu retten ist, stolpere ich die Wendeltreppe hinunter, um die Türe zu öffnen. Mit letzter Armkraft schiebe ich den Holzpflock zwischen Tür und Rahmen, so kann Dune wenigstens ihre Tagesgeschäfte draußen erledigen und muss sich nicht mit dem Katzenklo herumärgern. Intelligent ist sicher was anderes. Mir ist es absolut frostig und ich lass die Türe für den Hund auf. Aber in meinem Bett mit Wärmflaschen und Dinkelkissen wird’s schon gehen.

Es regnet in Strömen, aber es schneit in …? Wie heißt das bei Schnee? Es schneit in Teppichen? In Vorhängen? In Flocken ist klar. Eigentlich liebe ich diese Ecke der Welt so sehr, weil dieses weiße Übel hier nicht vorkommen sollte – oder höchstens einmal im Jahrhundert. Ich halte diesem Jahrhundert zu Gute, dass es noch nicht so alt ist, und irgendwann muss es ja mal sein. Dann lieber jetzt – und der Rest des Jahrhunderts ist Ruhe. Der Strand ähnelt mehr und mehr einer gigantischen beigebraunen Marmor- oder Granitplatte mit weißer Maserung, die sich stetig mit einander verknüpft, um einen glitzernden Teppich zu bilden. Dann schneit es wahrscheinlich doch in Teppichen. Oder in Verknüpfungen? Naja, ist ja auch egal. Mir ist es viel zu kalt, um mir dieses Naturschauspiel noch länger anzuschauen. Also wanke ich wieder nach oben, koch mir einen frischen Tee, erhitze die Dinkelkissen und ab geht’s in die Falle. Schlafen ist die beste Medizin und ich werde schlicht und ergreifend so lange im Bett bleiben, bis ich wieder gescheit schnaufen kann. Ob es wenigstens Max langsam besser geht?

Schneeflocken tanzen wild vor dem Bullauge umher. Sie erinnern ein wenig an den beknackten Tänzer und Sänger von Boney M. der zu der eigentlich, für damalige Verhältnisse, guten Musik, irre komische Verrenkungen gemacht hat. Fee sitzt auf der Couchlehne und beobachtet das Schneetreiben. Ich würde ja gerne mit ihr ein bisschen raus, damit sie die Kristalle jagen kann. Doch mit fast 40°C Fieber, sollte ich das wohl ganz schnell wieder vergessen. Ich will einfach nur noch schlafen.

Alles tut weh, wirklich alles, und ich möchte mich nicht bewegen müssen. Warum kann Dune keine Dosen öffnen? Seit gestern ist das Fieber noch mal ein bisschen gestiegen. Ich schwitze, ich friere, ich möchte mich in den Schnee legen und anschließend in die Mikrowelle. Kraft- und lieblos fülle ich die Fressnäpfe auf und lege mich zurück in die Koje. Kurz bevor ich im Land der Fieberträume verschwinde, höre ich aus wie aus weiter Ferne mein Handy rappeln. Jacques fragt für Max, ob ich im Pfahlbau mal nach dem Rechten sehen könnte. Zur Antwort bekommt er ein kurzes: “geht nich, krank bin” und schon döse ich wieder ein.

Du warst immer hart gegen dich selbst. Schwächen hast du dir nie erlaubt, bis ich in dein Leben getreten bin. Auf so einen Tüdelkram bei Erkältungen hast du super allergisch reagiert. Nichts konnte man dir recht machen. Alles wolltest du selbst schaffen. Als ich dann krank wurde und mir bald mein rechter Unterschenkel abgefault ist, warst du es allerdings, der mit dem Tüdeln angefangen hat.

“Kleines, deine Temperatur steigt und steigt, das Bein ist super heiß und sieht nicht gut aus. Du musst damit zum Arzt.”

“Nein, ich will nicht. Mach noch mal von der Zugsalbe drauf, das geht dann schon.”

“Das geht nicht. Das versuchen wir seit Tagen. Wenn du jetzt nicht vernünftig wirst, dann lass ich einen Arzt kommen.”

Aus der kleinen Wunde am Schienbein, die ich mir beim Sturz die Kellertreppe hoch eingefangen hatte, war mittlerweile ein ekliger 5-Markstück großer Eiterkrater gewachsen. Natürlich wurde ich nicht vernünftig. Seit der demütigenden Untersuchung damals, habe ich mir Ärzte nur noch von hinten angeguckt, wenn überhaupt. Als ich dann das Phantasieren angefangen habe, hast du es mit der Angst bekommen und einen Notarzt gerufen. Doktor Igel hatte nicht nur keine Lust. Er machte seinem stachligen Namen alle Ehre und ließ uns seine Unlust spüren. Keine Ahnung von welchem Golfrasen wir ihn abgehalten haben. Vor allen Dingen dich hat er auf dem Kieker gehabt.

“Nimmt sie auch Drogen?”

“Nein, keine Drogen!”

“Bist du sicher? Sieht aber schon fertig aus deine Kleine. Und wenn wir ihr nachher das Bein aufschneiden, sollte die Betäubung doch wenigstens ein bisschen wirken oder?”

“Ich wüsste nicht, dass wir schon mal zusammen vor eine Apotheke gekotzt haben. Also duzen sie mich bitte nicht. Sie nimmt keine Drogen! Und wenn sie mir nicht glauben, dann raten sie ihrem messerschwingenden Kollegen doch, dass er vorher ein Screening machen soll. Sie ist absolut sauber. Das Einzige was sie die letzten Tage eingeschmissen hat waren fünf von den Schmerztabletten und diese schwarze Salbe hat sie auf die Wunde aufgetragen.”

“Wollen S i e mir jetzt meinen Job erklären? Wir packen die Kleine jetzt ein und nehmen sie mit in die Notaufnahme. Da wird sie eh gecheckt.”

Du warst so sauer. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass man deinen Pupillen schon aus fünf Kilometer Entfernung angesehen hat, wie dein Grundnahrungsmittel beschaffen ist, hast du dich ganz fürchterlich zusammengerissen, bevor die Situation eskaliert. Im Krankenhaus haben die mich dann gecheckt, die Wunde gesäubert, mir eine Spülung und was gegen das Fieber mitgegeben und ich durfte wieder gehen. Du hast deine letzten Markstücke zusammen sortiert und ein Taxi nach Hause spendiert. Als wir zu Hause ankamen wurdest du ganz still, hast dich erst ins Bad verkrümelt, dann Stundenlang Saxophon gespielt. Erst sehr viel später bist du damit rausgerückt, wie klein du dir vorgekommen bist, weil du mir nicht helfen konntest und die dich gar nicht Ernst genommen haben. Trotzdem war ich sehr glücklich, dass du mit mir gefahren bist, und dass du dabei warst. Du und keiner sonst.

Rotblaue Männer schieben mich in ein großes rotes Maul und versiegeln die Lippen. Eine Stimme sagt mir, dass alles gut und sich um die Tiere gekümmert wird, alles wird gut, alles wird gut, wird gut, wird gut, gut, gu…

Das ist nicht meine Koje. Das ist nicht meine Stube. Das ist nicht mein Leuchtturm. Aber dort am Ende des Bettes sitzt mein Max. “Verdammt wohin hast du mich denn jetzt verschleppt?”

“Reg dich nicht auf Sysse, du liegst im Krankenhaus. Und ich möchte dich prügeln für deinen Leichtsinn. Du hättest echt draufgehen können.”

Da ist er wieder, dieser kurze nette Schlauch, der gerade soviel Platz bietet, dass ich mich draufstellen kann. Ich verstehe nur Bahnhof, komme aber nicht dazu, weiter zu fragen, weil eine kleine, biestig dreinschauende Philippinin, die jetzt, wo ich wieder wach bin, auch keine Zurückhaltung mehr bei der Blutabnahme an den Tag legt, mir eine Kanüle in die Armbeuge rammt. Als ich meinen Arm sehe, könnte ich schreien. So zerstochen, blau, rot, grün und gelb hast selbst du deine Beugen durchs Fixen nie gehabt. Haben die hier Schlachtversuche an mir vorgenommen? Gräfin Dracula verlässt mit mindestens zwölf Litern meines kostbaren Saftes den Raum und ich frage Max, wie es überhaupt sein kann, dass er hier bei mir ist. Max erzählt mir, dass er sich, vor vier Tagen bei meiner Einlieferung, in seiner Not als mein Vater ausgegeben hätte. Daraufhin hat man ihn furchtbar zusammengestaucht, wie es sein könnte, dass ich mit Lungenentzündung und wohl nicht erst seit ein paar Stunden auf der Wendeltreppe liege. Alles in Allem habe ich wohl das Abo “Erkältungskrankheiten in Steigerung” genommen, denn neben der Lungenentzündung, seien auch noch Rippenfell und Nierenbecken betroffen. Ja Hurra. Wenn, dann nehme ich ja gleich alles, ich Gieriges ich. “Wie jetzt, vier Tage? Sag nicht, dass ich schon seit vier Tagen hier vor mich hin penne. Dune, was ist mit Dune und den beiden Kleinen? Und du? Du bist doch auch krank, „Papi“. Wieso bist du nicht bei Jacques?” Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist dass ich Fee dabei beobachtete, wie sie den Schneeflocken hinterher schmachtete. Ich lag in meiner Koje und sie saß auf der Couchlehne. Danach ist alles weg, was mit der Realität zu tun haben könnte. Jetzt liege ich hier in einem Krankenhaus, bekomme lecker Kochsalzlösung und anderen Schweinkram, was meinen Adern wahrscheinlich vorgaukeln soll, dass der Blutverlust gar nicht so hoch war. Eine Krankenschwester mit bösem Blick kommt hinein und fragt mich, ob ich vielleicht etwas Essen wolle. Ihr Anblick erschreckt mich so, dass ich dankend ablehne, was Max beinahe aus der Haut fahren lässt.

Sehr detailreich erzählt mir Max, was in den letzten Tagen passiert ist. Jacques habe nur meine SMS bekommen, dass ich krank sei und mich dann versucht persönlich zu erwischen. Das habe nicht geklappt und als ich am nächsten Tag immer noch nicht ans Handy gegangen bin, hat es Max mit der Angst bekommen und Jacques gezwungen ihn zu mir raus zu fahren. Dune hat die Beiden sehr laut und hektisch begrüßt und als sie in den Turm reinkamen, lag ich wohl auch schon wie tot zu ihren Füßen. Max hat daraufhin sofort den Notdienst alarmiert, die erst nicht glauben wollten, dass sie wirklich zum Leuchtturm kommen sollten. Und bevor weitere dumme Fragen gestellt würden, hat er sich dann als meinen Vater ausgegeben. Hier nimmt man die Patientenrechte sehr ernst und er hätte nicht mal den dicken Zeh in den Rettungswagen setzen dürfen, ohne diese kleine Notlüge, die ich ihm auch gar nicht verüble. Und für einen kleinen ganz kurzen Augenblick wünsche ich mir sogar solch einen coolen Vater. Nachdem man mich im Krankenhaus auf den Kopf gestellt und festgestellt hat, dass so ziemlich alles ein Matsch ist, hat man mich so ruhig gestellt, dass ich garantiert einen vollen Tag und eine volle Nacht schlafe – gut, es sind fast drei daraus geworden – aber so fühle ich mich jetzt auch. Schon fast wieder fit, denke ich, sage ich und schlafe auch prompt wieder ein.

Max sitzt immer noch an meinem Bett. Meine Hand hält er fest in seinen Händen und auf diesem Fingerberg hat er seinen Kopf zur Ruhe gebettet. “Soll ich ein Stück rutschen?”

“Nein, Kleines, danke.” Er lächelt und ich freue mich über das Lächeln. “Schönen Gruß von Oberschwester Rabiata, wenn dein Fieber nicht bald zurückgeht, fährt sie die harten Geschütze auf. Dann gibt es Wadenwickel mein Kind!” Ich rümpfe die Nase und murmel etwas von Gesundschlafen.

Fast zwei Wochen habe ich in dem Krankenhaus jetzt verbracht und endlich darf ich nach Hause. Oder sollte ich besser sagen, dürfen wir nach Hause? Max sitzt seit zwei Wochen an meinem Bett und verlässt das Zimmer nur, um sich im Park ein wenig die Füße zu vertreten. Unseren ersten Spaziergang vor vier Tagen habe ich furchtbar genossen. Hand in Hand bummelten wir durch die Parkanlage und lästerten über andere Patienten und hochnäsige Ärzte. Wenn dieses System der Familienpflege erst einmal in Deutschland übernommen wird, dann sehe ich aber echt schwarz. Wer niemanden hat, der ihn pflegt und wäscht, liegt unter Umständen auch schon mal was länger im eigenen Saft. Die Kliniken hier sind nur auf die rein medizinische Versorgung eingestellt. Der Rest soll oder muss von der Familie geleistet oder ordentlich bezahlt werden. Max sieht so glücklich aus, als er mir in den R4 hilft. Endlich geht’s wieder nach Hause. An der Strandstraße angekommen, die zu unserem Leuchtturm führt, atme ich erst einmal tief durch. Was hab ich diese Luft vermisst. Wie sehr hab ich mich nach diesem Grollen der Wellen gesehnt. Mein Nennpapa warnt mich noch kurz vor, dass ich mich nicht erschrecken solle, weil die Tiere fort sind. Jacques hat sie mit zu sich genommen, bis ich wieder soweit auf dem Damm bin, dass ich mich wieder um sie kümmern kann. Jetzt, hier, wieder zu Hause, sollte ich mindestens noch zwei Tage alleine bleiben und mich akklimatisieren. Vor der Wendeltreppe ist ein Schild gespannt auf dem steht: “Herzlich Willkommen Frau Leuchtturmwärterin.” Ich möchte heulen, so gerührt bin ich. In der Stube ist alles super sauber. Viel sauberer als sonst. Auf dem kleinen Tisch steht eine große Obstschale und das Bett ist schon frisch und einladend bezogen. Ich brauche auch gar nicht erst auf die Idee kommen, mich auf die Couch oder in den Sessel setzen zu wollen. Die Fahrt sei sicher anstrengend gewesen und darum werde ich gleich in die Koje gestopft, mit Wärmflasche und Tee versorgt. Während sich meine Blicke durch meinen Turm hangeln und ich einige kurze Fragen stelle, wer hier was verbrochen hat, rutscht Max auf der Couch mehr und mehr in Liegeposition. Der arme Kerl muss fix und fertig sein.

Endlich wieder zu Hause! Das wohlige Brummen der Leuchtfeuertechnik, das Rauschen des Meeres, das von draußen zu mir hinein schallt, der Wind, der um den Turm heult und Max. Max? Beachtend, dass ich mich vorläufig noch langsamer aufrichten soll, als ich es sonst schon getan habe, setze ich mich in der Koje auf und suche nach meinem alten Freund. „Max? Maaa-haaa-xxxx!! Och bitte nicht schon wieder.“ Ich merke wie mein Herz zu rasen beginnt und ich male mir erstmal bekannte und noch nicht gekannte Horrorszenarien aus, bevor ich mein Hirn einschalte und mich genauer umschaue. Doch schon wieder. Unter meiner Teetasse klemmt ein Blatt Papier. Nervös und mit heftig zittrigen Fingern greife ich nach dem Brief.

„Na, ausgeschlafen? Nicht was du schon wieder denkst! Da du die Nacht so wunderschön ruhig und zufrieden verbracht hast, und auch heute Morgen nicht viel von dir zu bemerken war, habe ich mich in meinen Pfahlbau getraut. Ich schaue nur nach dem Rechten und bin bald zurück. Du bleibst bitte schön liegen. Ich verlass mich drauf. Es umarmt dich, dein Pfleger Max.“

Wieso eigentlich Nacht? Und wieso heute Morgen? Wie lange hab ich denn geschlafen? Mein Blick fixiert die Mikrowelle und nach einem kleinen Weilchen haben sich meine Augen an die Anzeige gewöhnt. Schock schwere Not, ich habe doch tatsächlich schon wieder einen ganzen Tag verpennt. Ich hoffe es war nur einer. An mangelnder Ruhe in der Vergangenheit kann es nicht liegen. Die hatte ich im Krankenhaus ausreichend. Ich denke es liegt am noch immer sehr schlappen Allgemeinzustand und daran, dass ich meine Koje im Augenblick garantiert für mich alleine habe. Keine Fee, keine Dune und keine Kleine Wanderdüne. So wie Max erzählt hat, flitzt das Kerlchen wohl schon ganz munter durch die Gegend und hält bei Jacques Groß und Klein ordentlich auf Trab. Ich muss Max nachher unbedingt bitten, dass er das Gitter an der Treppe befestigt, damit der Welpe mir nicht den Abgang macht. Und dann müssen wir Dune beibringen, wie sie sich das Gitter aufmachen kann.





Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Das laute Aufschreien

26 10 2009

Das laute Aufschreien von Kleine Düne reißt mich aus meinen Gedanken. So schnell ich kann, spurte ich zu ihm hin, komme aber wie meist zu spät, weil Dune schon munter und fürsorglich vor ihm sitzt. Eine hauchdünnes Rinnsal Blut fließt aus seinem Stirnfell, Fee faucht ihn an und sucht sich einen anderen Platz zum Weiterschlafen. Ich schau mir die Wunde des Welpen an, die schon von der Frau Mama saubergeleckt wird. Ist nicht schlimm. War sicher nur der Schreck. Bis er laufen kann, ist das längst vergessen. Mich würde nur interessieren, was Fee so gereizt hat, dass sie ihm eine scheuern musste. Vielleicht hat er ihren Stumpf mit einer überdimensionalen Zitze verwechselt? Oder Fee hatte einen Alptraum. Achselzuckend verlasse ich den Kampfkorb und muss schon ein bisschen schmunzeln über die Tatsache, wie sich Realität und Erinnerung fast decken – nur habe ich eine Nase zertrümmert, während Fee sich im Skalpieren probiert hat.

So entspannt wie in dieser Woche war ich schon lange nicht mehr. Alles hat sich zum Guten gewendet, wenn es nicht schon gut war und bis auf das Wetter, was ich persönlich eher als normal denn als furchtbar einstufen würde zu dieser Jahreszeit, waren die Tage sehr harmonisch und verliefen in aller Ruhe. Noch nicht einmal mehr das Gespräch mit Max macht mir Kopfschmerzen. Im Gegenteil, ich freue mich schon richtig darauf ihm von dir zu erzählen. So er mir nicht zuvor kommt, werde ich ihn die Tage einmal besuchen. Vielleicht kann ich ihm ja auch noch ein bisschen bei den Reparaturarbeiten am Pfahlbau helfen. Ansonsten werden wir heiße Schoggi trinken und einfach alles auf uns zukommen lassen. Drücken werde ich mich sicher nicht mehr, das ist so sicher wie das Signal unseres Leuchtfeuers.

Seeluft macht gesund, das beweist sich hier immer wieder aufs Neue. Nachdem Dunes Hals so toll abgeheilt ist und Jacques tolle Naht sich bereits in einen zarten feinen Strich unter dem nachwachsenden Stoppelfell verwandelt hat, beschließe ich heute den Bauchverband abzunehmen. Bislang habe ich immer nur ganz vorsichtig geschaut, ob alles in Ordnung ist. Bereitwillig legt sich Dune auf der Couch auf den Rücken und lässt sich von Oberschwester Leuchtturmwärterin verarzten. Auch die Bauchwunde sieht einfach toll aus. Der alte Zausel hat echt noch eine Menge auf dem Kasten. Das Einzige was an dem Bauch entzündet scheint, ist eine der beiden Zitzen, an denen sich Kleine Düne stets verlustiert. Das werde ich die nächsten Tage mal beobachten und notfalls muss ich sie eben mit Pflaster abkleben, damit der junge Herr seine Kieferchen davon lässt. Ganz sanft massiere ich der Lady den Bauch, und ich wette, wenn sie könnte, sie würde schnurren. Stattdessen gibt sie eigenartige Grunzgeräusche von sich, räkelt und streckt sich. Ohne viel Druck aber mit Fingernägeln schubbere ich sie entlang der Zitzenleisten. Das muss eine wahre Wohltat sein und ich erinnere mich an meine Operationen und wie selig ich war, als ich diese verdammten Anti-Thrombose-Strümpfe endlich ausziehen durfte. Es ist so schön zu beobachten, wie viel Vertrauen Dune in mich hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ihr nie etwas antun könnte. Kleine Düne liegt an Mamas Kopf und ich frage mich, ob er wirklich nichts sehen kann, trotz geöffneter Augen.

Vergnügt und glücklich schnappe ich mein Handy und smse Max, ob er vielleicht Lust auf einen Besuch hat. Ich würde auch versuchen, Dune zu überreden mit zu kommen. Da ich um die Handyunlust von Max weiß, erwarte ich gar keine rasche Antwort. So räume ich hier und wusele dort ein bisschen herum, vertreibe mir die Zeit mit gemeiner Turmarbeit und erfreue mich an meinen Mitbewohnern. Fee entscheidet sich sogar zwischendurch, mir bei dem schnöden Gewische Gesellschaft zu leisten, krallt sich an mir hoch, bis ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, und sie freiwillig auf meine Schulter setze. In der Duschkabine springt sie ab, hat sie doch eine klitzekleine Spinne entdeckt, die ihr Jagdfieber weckt. Es ist so süß anzuschauen. Wie sie sich heranpirscht, noch kleiner macht, als sie eh schon ist, wie ihr gebrochener Schwanz durch die Gegend peitscht und sie schließlich, nach langem Getue doch im Leeren landet, weil die Spinne sich derweil wieder auf dem Weg nach oben befindet. Natürlich hole ich die Kamera, diese Jagd in der Duschtasse muss einfach festgehalten werden.

Der Staubnebel im Leuchtturm ist beseitigt, der Nebel draußen liegt satt und dick auf dem Strand und dem Meer. Wie sagte Mütterchen früher immer, sie hatte einen bestimmten Ausdruck dafür. Waschküche – genau, das war es. Mütterchen nannte den Zustand immer Waschküche. Denn früher, als noch in den großen Bottichen Wäsche gekocht wurde, war es in den Waschküchen durch den Wasserdunst sehr nebelig. Ich kann mich ja mal aus dem Fenster hängen und nach unten schauen, dann wird mir schwindelig, weil ich nicht wirklich frei von Höhenangst bin. Dann ist der Schleudergang direkt mit dabei. Ich phantasiere schon wieder wild rum. Wird man so, wenn man am schönsten Platz der Welt alleine unter Tieren lebt? Apropos alleine. Max hat sich immer noch nicht gemeldet und ich fürchte, ich muss bis Morgen warten mit meinem Besuch. Vielleicht ist ja dann auch die Sicht wieder etwas besser und ich kann auf meinem Spaziergang zum Pfahlbau auch die Aussicht auf das Meer genießen. Ich starte einen neuen Versuch in Sachen Kurzmitteilung und füge gleich an, dass sich der Besuch wohl auf Morgen verschieben wird.

Nicht richtig ~ Nicht ich

Es wurde nicht Tag

Nicht richtig

Nicht hell

Ich wurde nicht Mensch

Nicht richtig

Nicht ich

So bleib ich hier

Schließe die Augen

Schließe mich

Und trau mich

Zu sein wie ich bin

Nicht Mensch

Nicht richtig

ICH

Ich weiß nicht, warum mir all diese Verse jetzt einfallen. Wohlmöglich weil dieses Wetter zu poetischen Ausflügen einlädt, weil es so traurigschaurig schön ist dort draußen und ich mich nicht entscheiden kann, ob ich gehen oder bleiben mag. All diese Verse habe ich mal dir geschrieben oder ich hätte sie dir noch schreiben wollen, bekam aber leider nie wieder die Chance dazu. Die, die ich dir schrieb, wanderten damals in diese große Schatzkiste – die Schatzkiste, die wohl heute noch irgendwo ungeliebt und unbeachtet auf dem Speicher oder im Keller des Drachens steht, der auch gemeinhin als deine Mutter bekannt ist. Nein, sorge dich nicht, ich steigere mich nicht wieder in diese Wut hinein, die ich in mir trage, wenn ich an sie denke oder von ihr spreche. Mich überkommt nur einmal mehr unendliche Traurigkeit über diese unfassbare Lieblosigkeit. Denke ich an mein Mütterchen, denke ich voller Liebe an sie und ihre Liebe, die sie mir bis heute entgegen bringt. Auf diese Mutterliebe kann ich immer zählen, auf sie bauen. Natürlich ist unsere Beziehung auch schwierig. Welche Mutter-Tochter-Beziehung ist das nicht. Doch bei allen Schwierigkeiten schwingt auch immer Zuneigung mit, ist die Beziehung immer in Liebe gehüllt und stärkt für alles, was ich für mein Leben brauche, seit ich auf eigenen Füßen stehe. Deine Mutter verstehe ich bis heute nicht. Und ich mag sie nicht. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Eigentlich brauche ich dir gar nichts mehr erzählen, denn du weißt ja schon alles von mir, und das was du nicht weißt, das siehst du. Von dort oben, irgendwo hinter dieser Nebelwolkendecke, die so ganz und gar unkuschelig aussieht.

Ist es noch Tag oder wird es schon Nacht? Ich bin so aus dem Rhythmus durch diese wohlige Ruhe hier, es ist nicht zu fassen. Der Blick auf die Uhr an der Mikrowelle entsetzt mich. 0:00 Uhr blinkt es und blinkt es und blinkt es. Stromausfall? Hatten wir hier Stromausfall und ich hab’s nicht gemerkt? Oh Shit, dieser dämliche Staubsauger. In meiner wischenden Putzwut habe ich dieses Monster kurz eingesteckt und die Mikrowelle ausgestöpselt. Und nun? Wo krieg ich jetzt die Uhrzeit her? Grob schätzen ist nicht, da liege ich wahrscheinlich um Tage daneben. Das Handy. Mein Mobiltelefon, das immer noch keinen Mitteilungseingang zu verzeichnen hat, zeigt dafür verlässlich die Uhrzeit an. Halb Fünf – und wenn mich meine Sinne nicht ganz im Stich gelassen haben, haben wir Halb Fünf am Abend. Dann wird’s gleich ganz schnell Nacht. Und während ich so überlege, was ich mit der anbrechenden Nacht anfangen kann, miept der Kommunikationsknochen in meiner Hand. Aha, dem Meister des Sandes ist seine Pin eingefallen und er hat sein Handy aktiviert.

„Kleines bitte nicht, Morgen auch nicht. Mir ist nicht wohl. Sorge dich nicht. Hab dich lieb. Max“

Dass dir nicht wohl ist glaub ich wohl. Bist du doof oder was? Wenn es dir nicht gut geht, dann muss ich doch erst recht vorbeischauen. Ein bisschen betüddeln tut dir sicher gut. Vielleicht kann ich was für dich erledigen. Und wer weiß, was mit dir los ist. Wenn es das Weltenübel ist, dann muss ich dich sehen. Und wenn du krank bist, dann schon mal erst recht. Pfft – Mir ist nicht wohl. Ich zeige Dune die SMS und sie bellt das Handy an, oder bellt sie es aus? Egal, sie bellt und bestätigt mich in meinem Wunsch, den Sandburgenbauer zu sehen. Also koche ich jetzt eine leckere Brühe und dann packe ich meinen Rucki und Morgen, in aller Frühe, mache ich mich auf die Gummistiefel, um Max heim zu suchen. Basta. Dune bellt erneut, als wolle sie damit diesen Plan beglaubigen.

Schnell ist die Brühe zubereitet und zu meinem großen Erstaunen schmeckt sie sogar. Eigentlich kann ich wirklich gut kochen, aber ich muss auch in der Stimmung dazu sein, und die geht mir gerade heftig ab. Ich sorge mich um Max und wenn ich nicht so schissig wäre, würde ich mich gleich auf die Gummistiefel machen. Ich weiß, er will es nicht. Aber ich habe den heftigeren Dickkopf. Und doch werde ich mich bis Tagesanbruch gedulden. Geduld. Ein absolutes Fremdwort. Wer Geduld hat ist zu feige gleich zu handeln. Das hat mal so ein Schnösel in meiner Schulzeit gesagt. Er hat gleich gehandelt und in der Bank, in der er seine Lehre gemacht hat, Gelder veruntreut. Selber Schuld.

Sterbensstille

Nachts

Bei dir

Ein unbeleuchteter Moment

Stille

Nebel

Wellen

Nebelwellen

Stille

Nachts

Bei dir

Zum Sterben schön

Sterbensstille

Das Wettergetöse hat nachgelassen. Es ist bitterkalt und immer noch liegt der Nebel über dem Land. Sobald das Leuchtfeuer den Ozean berührt, kann man die dicken undurchdringbaren Schleier sehen, wie sie schwer über dem Wasser hängen. Keine Möwe kreischt, kein Bootsmotor brummt aus der Ferne. Die Nacht scheint sich dem Nebel ergeben zu haben.

„Kannst du ihn hören?“

„Wen?“

„Den Nebel Kleines, den Nebel!“

„Was für’n Zeug hast du dir denn gerade gespritzt? Seit wann kann man Nebel hören?“

„Was hörst du denn?“

„Nichts Großer, hier ist nichts zu hören.“

„Dann hörst du ihn, den Nebel. Diese unheimliche Stille, die einen herunter zieht und doch wach sein lässt, die dich wachsam sein lässt, bis eine seltsame Müdigkeit dich überkommt, die nichts spricht, aber doch alles sagt – diese Stille, das ist der Nebel.“

Damals hielt ich deine Ausführungen für sehr schräg. Ich habe dir deine Drogen zu Gute gehalten und dass du wahrscheinlich gerade auf einem ganz eigenartigen Tripp bist. Aber seitdem ich hier bin, kann ich dich wirklich verstehen. Und ich kann sie wirklich hören, diese Stille – ich höre ihm zu, dem Nebel. Diese Nacht ist so ruhig, dass ich kaum in den Schlaf finde. Einzig das Gebrumme des Leuchtfeuers, Dunes Schnarchen und das behagliche Schmatzen von Kleine Düne durchdringen die Stille hin und wieder. Das ist doch wirklich krank. Wohne ich an einer Straße, kann ich nicht schlafen, weil mich die vielen Autos und vor allem diese mobilen Discos nerven. Schlafe ich in einem Hotelzimmer nahe eines Wasserfalls, kann ich nicht schlafen, weil ich einen ständigen Blasendrang verspüre. Hier, unter dem Himmelszelt, vierzig Meter oder 159 Stufen von der Erde entfernt, kann ich nicht schlafen, weil es mir zu still ist? Ich kann sie wirklich nicht mehr alle haben, oder?

Nachdem ich mich ein Weilchen selbst fertig gemacht habe und mittels leiser Selbstgespräche versuchte mir bei zu bringen, dass ich schon eine komische Leuchtturmwärterin bin, gestehe ich mir ein, dass es nicht die Stille ist, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist wieder der Kopf. Es ist der Grübel, der sich mitten in meine Stirn gesetzt hat und alles daran setzt, dass ich nicht schlafe. Er will, dass ich mich auseinandersetze. Jetzt und hier. Und wieder schweifen meine Gedanken zu Max ab. Doch diesmal denke ich nicht darüber nach, dass er krank sein könnte. Diese Gewissheit werde ich morgen bekommen. Nein, es ist dieses Gefühl ihn zu mögen, ja ihn fast zu lieben und ihm so nahe zu sein, wie ich es erst einmal einem Menschen war. Nämlich dir. Ich muss herausfinden was das ist. Ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Morgen.





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Meine Vorfreude

22 10 2009

Meine Vorfreude auf den restlichen Tag wird schlagartig erhöht, als ich den alten R4 vorröhren höre. Ich breche alle Rekorde und bevor sich Max an der Tür die Hand wund hauen kann, öffne ich ihm bereits. Elfengleich hüpfe ich in seinen Arm und freue mich über die Erwiderung meiner Wiedersehensfreude. „Na ihr 2?“

„Bin ich erdickt, wie viele Tote Tanten hast du schon intus oder anders gefragt: Siehst du jetzt schon Doppelbilder altes Haus?“

Noch bevor mir Max die Frage beantworten kann, schiebt sich Dune an mir vorbei nach draußen. Schwanzwedelnd begrüßt sie jeden Schilfhalm mit Vornamen, beschnuffelt jede Sanderhöhung einmal rundum und strullert mit einem Ausdruck der absoluten Erleichterung im Hundegesicht an einen ausgewählten Platz im Sand. Sie sieht so glücklich aus. Glücklich und frei. Einmal spaziert Dune noch gemütlich um den Turm und humpelt wieder an mir vorbei nach oben. Wahrscheinlich rufen die Mutterpflichten.

Max umarmt mich ausgiebigst zur Begrüßung. Er vermittelt mir dieses bekannte Gefühl, dass nichts, aber auch gar nichts, mich bedrohen könnte, dass ich unabdingbar sicher bin und mich so fühlen darf. Es ist so lange her, dass ich so empfunden habe, so empfinden durfte. Und mit jeder Sekunde, die ich in den Armen des starken Sandbauers liege, sein Herz kräftig schlagen spüre und diese Sicherheit und dieses Urvertrauen fühle, mit jeder Sekunde spüre ich dich mehr und mehr. Dieses Gespür beginnt ganz sachte, wie ein „das kenn ich“, über ein „das mag ich“ bis hin zu diesem unglaublichen Gefühl es zu lieben, zu vermissen und nie wieder loslassen wollen. Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Wohlfühlen, ja und eine gewisse Form von Liebe gehen von Max auf mich über und ich fühle mich einfach nur gut. Als Max spürt, dass ich mich mehr und mehr in seiner Umarmung fallen lasse, beginnt er ganz langsam seine Umarmung zu lockern. Ein kleines Stück hält er mich von sich weg und fragt mich mit seinem unglaublich charmanten Lächeln um die Mundwinkel, ob wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen wollen? Klar, will ich. Ich mag die Luft atmen, das Meer hören, ich mag durch den Sand stapfen und schweigen, oder vielleicht ein bisschen reden, mehr über Max erfahren und das eine oder andere Déjà-Vu der letzten Zeit auflösen.

Ich laufe nach oben, verabschiede mich von Fee und Kleine Düne, frage Dune ob sie vielleicht mitkommen mag und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Max ist bereits ein paar Schritte vorgegangen und hat den Wassersaum schon fast erreicht. Dune hat Lust uns zu begleiten und folgt mir. Ich passe mein Tempo ihrem Humpeln an und mit jedem Schritt schaut sie mich, mit einer unglaublichen Dankbarkeit in den Augen, an. Als wir Max erreichen, springt meine Hündin ihm von hinten ins Kreuz und möchte ihn zu einer kleinen Rauferei ermuntern. Nur zu gerne lässt sich unser Sandburgenbauer darauf ein. Die Zwei kämpfen ein bisschen, während ich einfach nur den Blick über das Wasser genieße, die Möwen, die über uns kreisen beobachte und glücklich vor mich hin lächele.

Nach nur zwei oder drei Minuten bemerkt Dune ihre Grenzen. Sie ist eben immer noch recht schwach. Sie verabschiedet sich von Max, gibt mir noch einen dicken Schleck mit auf den Weg und trollt sich zurück zum Turm. Ich glaube, jetzt ist sie richtig angekommen. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist.

Max nimmt mich bei der Hand und nach einer Millisekunde, in der ich diese Energie spüre, wie sie aus seiner Hand in Meine überspringt, drücken wir beide fest zu und gehen los. Ich drehe mich noch einmal um, und bestaune meinen Leuchtturm, wie er sich in kräftigem Rot-Weiß vom Himmel und der Strandkulisse abhebend nach oben reckt.

Viel Glück

Deine Kollegen ein paar tausend Strände entfernt

kämpfen auch heute wieder gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes,

gegen die Stürme des Lebens.

Und der Himmel über dir mein Freund verheißt,

dass auch du heute einen Kampf ausfichst

gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes

und gegen den Sturm des Lebens

Viel Glück

Max greift mir von hinten um die Schulter und legt seinen starken Arm um meinen Hals. Wie ich dieses Gefühl der Rückendeckung liebe. So habe ich mit dir am liebsten irgendwo gestanden und etwas betrachtet – Nach vorne hin der gewünschte Ausblick, nach hinten hin dein starker Körper und die Kraft der Umarmung, die mich einlullte.

Ich lehne meinen Kopf an Max Brust an, schiele nach oben und kann sehen, wie er mit traurigem Blick meinen Blick zum Leuchtturm folgt.

„An was denkst du Großer, wenn du den Leuchtturm anschaust? Warum wirkst du so traurig?“

„Hmm.“

„Hmm – du musst nicht reden, wenn du nicht magst. Aber du schaust so nachdenklich und grüblerisch aus.“

„Ich denke an meinen Jungen, Kleines. Daran, wie er diesen Ausblick gemocht hätte. Wie er diesen Anblick geliebt hätte. Ich überlege, was er wohl denken würde, wäre er hier. Er hat das Meer und das Leben am und um die See so sehr geliebt. All das habe ich leider erst viel zu spät erfahren.“

„Tut ganz schön weh, hmm?! Darum bin ich hier. Damit dieser unendliche Schmerz endlich aufhört. Der Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht. Für mich ist das Leben hier die einzig denkbare Möglichkeit, ihm so nah wie möglich zu sein. Er ist mein Leuchtturm. Der Leuchtturm ist er. Und so lebe ich seine Liebe und diese Liebe, das Band, das uns verbunden hat, irgendwie weiter. Verstehst du, wie ich das meine? Und du tust das doch auch in gewisser Weise. Du hast deinen Lebensweg an den Strand gebaut. Du verfolgst mit jedem Schritt, den du durch den Sand gehst, die Liebe, die dich mit deinem Sohn verbindet. Die Liebe, die du nicht leben, nicht mit ihm erleben durftest. Nur hast du keinen Leuchtturm, in den du deine Gefühle, dein Vermissen, deine Sehnsucht, deine Liebe und deine Trauer steckst, sondern du baust sie immer wieder mit deinen Händen auf, in dem du diese göttlichen Skulpturen schaffst.“

„Das hast du schön gesagt, Kleines.“

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, spazieren wir weiter. Kurz bevor wir zur Bucht kommen und sie einsehen können, richtet Max noch mal das Wort an mich.

„Erinnerst du dich an die Überraschung, Kleines, von der ich gesprochen habe? Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit, um dich zu überraschen. Wobei es eigentlich gar nicht mehr wirklich überraschend für dich ist. Du hast sie ja schon entdeckt.“

„Sprichst du von dem Pfahlbau, Max? Ja, den hab ich schon gesehen, schon inspiziert und dank diesem Ding habe ich auch Trionarden mehr unbeantworteter Fragen in meinem Kopf, als mir lieb ist.“

Max lacht und Max schweigt. Ich mag ihn treten und knuffen. Ich hasse es, wenn jemand meine Neugier so auf die Folter spannt.

Am Pfahlbau angekommen, schubbst mich Max die Stiege nach oben und scheint vollkommen desinteressiert an meinen Lobhudeleien und –hymnen auf dieses Gebäude der besonderen Art. Auch wenn ich immer noch nicht verstehen kann, wie es jemand, ohne mein Wissen und ohne ein Bemerken meinerseits, hier in „meiner“ Bucht erschaffen konnte.

Max folgt mir, was mich einerseits sehr hetzt, da ich auf Treppen oder wie hier, solchen Holzleitern es gar nicht leiden kann, wenn mir jemand so dicht am Hintern klebt. Andererseits bin ich ganz froh, da diese Treppe eklig zu erklimmen ist und ich mich doch um ein Vielfaches sicherer fühle mit Max im Kreuz. Nicht, dass es einen Sturz verhindern würde, aber ich würde doch wesentlich weicher fallen. Oben angekommen, setze ich mich erstmal auf das immer noch einladend wirkende Bänkchen und atme meine Angst weg. „Ist das nicht genial?“, frage ich Max und beobachte, wie er einem der hölzernen Gargoyles über der Eingangstür ins Maul fasst und einen Schlüssel herauszieht. Mit dem Schlüssel öffnet er die Türe, die einen zwar recht leisen aber doch durchdringenden Quietschton von sich gibt. „Herzlich Willkommen beim ollen Sandmann, Kleines. Tritt ein, bring Glück hinein und fühl dich wie zu Hause. Magst du eine Schokolade mittrinken?“

Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Wochen, seit dem ich hier her gekommen bin und mich auf das Abenteuer, unseren Traum zu verwirklichen, eingelassen habe, nicht selten dämlich aus der Wäsche geguckt habe. Doch der Blick, der sich jetzt im Moment auf meinem Gesicht manifestiert, scheint durch nichts zu übertreffen zu sein. Gemessen an den Hunderten Fragen, die sich gleichzeitig durch das Netz meiner Gedankengänge schaufeln, muss ich saudoof aus der Wäsche gucken.

„Ent – Entschuldige Max, ich weiß, du bist kein Mann wirklich großer Worte. Aber hierzu brauche ich doch ein bisschen mehr Text. Wie zu Hause? Wie beim ollen Sandmann? Wieso weißt du, wo der Schlüssel ist?“

Wieder lacht Max – und diesmal bin ich mir sicher, dass er mich nicht an- sondern auslacht. Ich weiß zwar nicht, was daran jetzt so furchtbar komisch ist, aber ich harre des Endes dieser Lachsalve und hoffe auf Erklärungen.

Der Sandburgenbauer braucht ein bisschen, bis er sich wieder beruhigt und dann erklärt er mir, dass das sein Pfahlbau ist, auf dem, bzw. in dem wir gerade über der Bucht thronen. Es hat ihn einige Mühe gekostet, bis er endlich jemanden gefunden hat, der ihm eine Baugenehmigung erteilen konnte, denn die Besitzverhältnisse der Bucht scheinen mehr als ungeregelt zu sein. Das Land hat sich dann dafür verantwortlich gezeigt und so dauerte es, dank guter Kontakte, die Max derweil hier geknüpft hat, ein paar wenige Tage und er konnte loslegen. Ein Freund von ihm hat geholfen. Max lieferte die Ideen und dieser Freund schnitzte. Somit ist dieser Bau ein Werk zweier begnadeter Talente. Er habe seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass sich aus uns etwas eigenartiges und ganz besonderes entwickeln würde. Und nachdem er mitbekommen hat, dass ich in den Turm ziehe, hätte er unbedingt in meiner Nähe bleiben wollen, um diese Entwicklung zu beobachten, zu schüren, weiter zu bringen. Eine Bleibe am Hafen sei für ihn nicht in Frage gekommen. Sein Haus weit draußen hätte er selbstverständlich behalten, denn da fühlt er sich ja nach wie vor zu Hause. Aber so hat er immer die Möglichkeit über Nacht zu bleiben, in meiner, in unserer Nähe, wenn er das Gefühl hat, wir könnten ihn brauchen. Und der Unfall mit Dune habe ihm gezeigt, wie richtig seine Entscheidung war.

Ich bin so was von sprachlos, dass ich nicht mal mehr ein „Hmm“ über die Lippen bringen kann. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starre ich Max an. Ich lese seine Lippen, ich höre seine Worte und ganz, ganz langsam wird mir bewusst, was er mir gerade erzählt und wie unglaublich nah ich diesen Menschen an mich heranlasse, ich ihm nichts entgegensetze. Im Gegenteil. Ich freue mich über diese Entwicklung. Ich freue mich, dass er es ist, dem dieser Pfahlbau gehört du ich bin sehr glücklich darüber, ihn so nah zu wissen.

Du setzt das Saxophon von den Lippen ab, reinigst das Mundstück grob mit deinem Pulloverärmel und starrst mich an.

„Sag mal Kleines, wenn du, wie du immer sagst, keine Freunde hast, wer kennt dich dann?“

„Niemand, außer dir vielleicht.“

„Heißt das, dass du einzig mir die Ehre zu teil werden lässt, in dein Herz zu schauen?“

„Jepp.“

„Ich habe Angst bei dem Gedanken daran.“

„Wieso hast du Angst? Was ist so schlimm daran? Diese Mauer um mich herum, dient mir zum Schutz. Ich bestimme, ob ich durch die Schießschachte hinaus auf die Welt schauen mag. Und es liegt ganz alleine bei mir, ob ich die Zugbrücke hinab lasse, um jemandem Einlass zu gewähren. Das gibt mir Sicherheit. So fühle ich mich geborgen. Und du, du weißt doch wo der Schlüssel liegt.“

„Ich habe Angst, dass es niemand merken könnte, wenn dir mal nicht wohl ist, oder schlimmer, wenn die einmal etwas passiert. Das ist doch eine Form von Einsamkeit – wenn auch eine selbstgewählte Form. Aber wie soll ein Mensch wissen, oder spüren, dass es dir nicht gut geht, wenn du es niemanden wissen lässt, und dieses hinter deiner Mauer vor der Welt versteckst?“

„Du bist da. Du bist in meiner Nähe. Du spürst, wenn es mir nicht gut geht. Und du merkst, wenn etwas im Argen liegt.“

„Und wenn ich mal nicht mehr…“

„Wenn du mal nicht mehr bist? Dann merkt es wohl niemand mehr. Dann ist es aber auch egal. Dann ist es mir egal.“

„Versprichst du mir etwas Kleines?“

„Nein!“

„Du weißt nicht, was ich sagen will.“

„Doch, du willst mir erzählen, wie schlimm alles wird, wenn du gehst, weil du gehen wirst und willst, irgendwann.“

„Ja schon, aber…“

„Nichts aber. Ich verspreche nichts, was mit diesem Umstand zu tun haben könnte.“

„Ich wünsche mir doch nur, dass du darüber nachdenkst und vielleicht, irgendwann einmal, wieder einem Menschen die Chance gibst, dich so kennen zu lernen, wie du wirklich bist. Dich kennen zu lernen, und nicht das Bild, dass du allen von dir aufzeichnest, wie eine schlechte Karikatur.“

„Mal schauen. Ich sag jetzt nichts dazu. Ich möchte nichts dazu sagen. Ich möchte nicht darüber nachdenken und ich möchte jetzt keine Entscheidungen treffen müssen, die ich dir zu liebe treffe und mit denen ich später nicht mehr leben mag.“

„Bitte denke drüber nach. Bitte.“

Du nimmst einen Schluck heißen Kakao, lässt ihn durch den Mund fließen als wolltest du jeden Millimeter deines Mundinnenraumes mit Feuchtigkeit benetzen und setzt das Saxophon wieder an. Du spielst „Poor Man’s Moody Blues“ von Barclay James Harvest.

Hast du damals ahnen können, dass mir jemand wie Max über den Weg läuft? Wusstest du damals schon, dass es Menschen gibt, die dir ähnlich sind? Für mich warst und bist du einzigartig. Ist das dein Weg mir zu zeigen, dass dem nicht so ist? Dass du nicht einzigartig, sondern einer von wenigen Menschen bist mit Gefühlen, die sich auf andere Menschen mit all diesen Gefühlen einlassen können und auch möchten?

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”





Max lässt es sich nicht nehmen

20 10 2009

Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.

„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“

Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.

Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.

gestrandet

nach durchwachter Nacht

nach durchdachter Nacht

nach durchfühlter Nacht

nach durchfrorener Nacht

nach durchliebter Nacht

nach durchlebter Nacht

auf dem Strand in der Nacht

gewacht, gedacht, gefühlt,

gefroren, geliebt, gelebt

gestrandet

Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.

„Nichts.“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.

„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.

Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.

Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:

„Die Überraschung, Kleines…“

Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…

„Klein!-nes! Die Überraschung!“

„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“

Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“

Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.

Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.

„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“

Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?

“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.

Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”

Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.

Muschelgespräche

<< Möchtest du dich wirklich öffnen?

>> Ja, möchte ich.

<< Wo ist für dich der Reiz?

>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.

<< Die Welt da draußen ist kalt.

>> Aber die Sonne scheint.

<< Die Welt ist kalt, glaube mir.

>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.

<< Es ist brutal.

>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?

<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.

>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.

<< Das wird dir nicht bekommen.

>> Wie meinst du das?

<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch  nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.

>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?

<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt

Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.





Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Trotz des bestialischen Hungers

18 10 2009

Trotz des bestialischen Hungers, den Fee sicher erlitten hat, frisst sie in aller Ruhe, was mich in sofern beruhigt, dass im Folgenden nicht mit ausgespuckten Unglücken in der Stube zu rechnen ist. In der Zwischenzeit war ich duschen, habe halbherzig Körperpflege betrieben, trinke die x-te Tasse Kaffee und rauche die wahrscheinlich dreißigste oder vierzigste Zigarette. Meine kleine Mitbewohnerin kann dieser Sucht so gar nichts abgewinnen. Sie rümpft sichtlich die Nase und schaut mich mit dem bestmöglichen vorwurfsvollen Blick an, den eine Katze in diesem zarten Alter und mit solch hübschem Catsicht auflegen kann. Es tut mir ja leid, aber irgendwo muss ich hin mit meiner Angst, und so versuche ich, sie halt verdampfen zu lassen.

Das schöne Gesicht des Tages hat sich indes die Maske des Grauens aufgesetzt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Himmel ist grau in allen Schattierungen und in allen Tiefen, die diese Nichtfarbe, diese Mischung aus Schwarz und Weiß zu Stande bringen kann. Die Sonne hat schon längst ihre Kraft verloren und sich dem Schlechten ergeben. Sie hat sich auf- und damit der Kälte und der Dunkelheit die Macht über den restlichen Tag übergeben. So stehe ich am Fenster, ziehe abwechselnd an meiner Zigarette und knabbere mir die restlichen Fingernägel bis zu den Ellebogen ab. Ich beobachte wie schwarze tief hängende Wolken sich über graue Schleier schieben, damit sich der Tag endgültig verdunkelt. Die kleine Fee schmust mir um die Beine und gerade als ich sie aufheben will, entdeckt sie eine kleine Staubmaus, die über den Holzboden huscht. Der Instinkt von Katzen ist einfach faszinierend. Obwohl sie es sich wahrscheinlich nie ihrer Mutter oder ihrem Vater abschauen konnte, nimmt sie Jägerinposition ein, indem sie sich vorne ganz flach legt und den kleinen Hintern mit dem gebrochenen Schwanz nach oben hält. Zwei bis dreimal ruckelt sie mit dem Hinterteil und setzt dann zu einem noch etwas unbeholfenen, aber schon beeindruckend wirkenden Fangsprung an. Das Mäulchen weit aufgerissen aspiriert sie die das Staubgewusel fast, spuckt es umgehend wieder aus und verzieht das Gesicht, als hätte unsereins in eine saure Zitrone gebissen.

„Du sollst das doch nicht tun, Kleines.“

„Was denn?“ erwiderte ich mit der unschuldigsten Mine, die ich auflegen konnte.

„Tee trinken ist ja okay, aber wenn ich spiele, dann lutsche bitte nicht so genüsslich an der Zitronenscheibe herum. Das ist für Bläser die Qual schlechthin.“

„Hmm, wieso?“

„Stell dir vor du besuchst ein Bläserkonzert, weil du dazu gezwungen wirst. Du hast so gar keine Lust, kommst aber aus der Nummer nicht raus. Dann brauchst du dich nur in die erste Reihe zu setzen und nach den ersten ein oder zwei Takten offensichtlich in eine Zitrone beißen. Das Konzert kannst du vergessen. Ich kann dir nicht erklären wieso das so ist. Aber so gut wie jedem Bläser, der das sieht, zieht sich alles im Mund zusammen, als würde er selbst an der Limonenfrucht zutscheln. Und mit zusammengezogenem Mund ist ein Betätigen des Blasinstruments nicht mehr möglich.“

„Wie gut, dass mich keiner in solch ein Konzert zwingt.“

Fees Jagdversuch und diese kleine Erinnerung, an eines unserer nicht so ganz tiefgängigen Gespräche, lassen mich lächeln. Hätte nicht gedacht, dass das heute überhaupt noch mal funktionieren könnte. Je länger ich hier am Fenster stehe und ins Nichts hinaus starre, desto kälter wird mir. Es ist diese Kälte, die von Innen nach Außen wächst und nicht umgekehrt. Es ist diese Kälte, gegen die man auch mit Dinkelkissen und Wärmflaschen machtlos ist, denn das Herz lässt sich mit solchen Dingen nicht erwärmen. Hierzu braucht es Liebe und Glück; Zuneigung und Zuwendung, Zärtlichkeit und Zweisamkeit. Das alles fehlt, wenn nicht ganz dann partiell und ich sehe mich wie dieses Gefühl der Traurigkeit, in Dunkelheit gehüllt mit schwarzen und derzeit ziemlich verheulten Augen. Es gibt Reisen, die enden in der Finsternis. Wenn dieser Satz, den ich mal in irgendeinem Fantasyschinken aufgeschnappt habe, so richtig ist, dann bin ich wohl gerade angekommen.

Auch meine Katze ist angekommen, auf der dritten Stufe der Wendeltreppe, und maunzt sich die Kehle aus dem Leib. Ich fass es nicht. Da futtert sie gerade mal ein paar Stündchen, wie eine Große aus dem eigenen Napf, und schon wird sie größenwahnsinnig. Wie ein geölter Blitz eile ich ihr zu Hilfe. Es muss ja nicht sein, dass sie noch herunter purzelt und sich weitere edle Körperteile ruiniert. Mit ihren blauen Augen schaut sie mich an als wolle sie mir erklären, dass sie gar nicht weiß wie das passieren konnte und wie sie hier her gekommen ist. Ein Unschuldslamm im Katzenpelz. Ich frage sie, ob wir mal rausgehen sollen, wohlwissend, dass sie mich eh nicht hören kann, aber vielleicht kann sie ja, bedingt durch das rekordverdächtige Tempo ihrer Entwicklung in den letzten Tagen, schon von den Lippen lesen? Ich setze sie erst auf meiner Schulter ab, beschließe aber nach ihren ersten Versuchen, sich dort an den Stellen fest zu tackern, wo kaum Fleisch auf den Schulterknochen ist, sie doch auf dem herkömmlichen Weg zu transportieren. Das Brustmobil ist wieder unterwegs.

In der Tür liegt immer noch der Holzbalken, und ich wundere mich, dass ich dort oben, nicht mehr von dem Getöse draußen wahr nehmen kann, wo es doch problemlos Einlass bekommt. Der Wind weht uns heftig ins Gesicht und Fee steht im Null Komma Nix das Fell zu Berge. Sie sieht aus wie ein dumm geföhnter Yorkshire-Terrier. Was lauter grollt, der Wind oder das Meer kann ich nicht richtig ausmachen, auf alle Fälle scheint die Natur besser in der Lage sein, ihren Frust abzulassen, als ich es bin. Alleine der Gedanke, dass meine arme Dune hier irgendwo… ich drehe wirklich durch. Und bevor ich das tue, bringe ich die kleine Fee noch in Sicherheit. Wir stapfen wieder hinauf ins warme und windstille Stübchen. Ich lege den kleinen Racker in den Korb von Dune und mache mir erst einmal ein Brot. Das Essen vergessen. So oft, wie das in letzter Zeit passiert, frage ich mich, wieso ich immer noch mindestens fünfzehn Kilo zuviel auf den Hüften habe.

„Damit Sie auch Morgen noch, kraftvoll zubeißen können!“

Erstens habe ich in meinem ersten Leben definitiv zu viel vor der Glotze gehangen und zweitens sieht kraftvoll oder herzhaft zubeißen sicher anders aus. Während ich so mit meinen Backenzähnen im Schneckentempo das Vollkornbrot zermalme, höre ich irgendwo zwischen Kaubewegungen, Wind- und Meeresrauschen die Hupe der Waltons. Und drittens sorgt zuviel Fernsehen für Hallus? Nein, das war wirklich eine Hupe, und der R4 von Max hat, eigentlich als Gag gedacht, genau dieses knödelnde Warninstrument eingebaut. Max, Max ist da… Ich werfe das Brot auf den Teller, und das hebt, wie man es von Steinen kennt, die man über Wasser flitscht, nach kurzem Porzellankontakt gleich wieder ab und landet im hohen Bogen auf der Erde. Egal, draußen ist Max. Unten ist Max und ich muss, ich will… Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaxxxx!

Alle Gefahren der Wendeltreppe ignorierend renne ich die Stufen hinab und nehme ausnahmsweise auch auf diesem Weg mal zwei Stufen auf einmal. Unten angekommen, falle ich mit der letzten Stufe auch gleich meinem Sandmann in die Arme. Ich heule und ich schreie und ich trommele ihm so fest auf die Brust, dass es fast wie das Drohgetrommel bei einem Silberrücken klingt. „Verdammt, warum meldest du dich nicht? Warum reagierst du nicht? Max, Dune ist fort! Ich hab, ich hab so eine Scheiß Angst. Ich hab schon alles abgesucht und ich finde sie nicht. Sie hört mich nicht, sie reagiert nicht. Warum hörst du deine beschissene Mailbox nicht ab?…“

Als ich einen kurzen Moment in meiner Tirade Luft hole, sagt Max mit sehr bedröppeltem Gesicht einfach nur „Kleines, es tut mir leid.“ Gar nicht weiter abwartend, was er noch sagen könnte, peitsche ich mit meinen Worten hinein. „Mehr fällt dir dazu nicht ein? Es tut dir leid? Hey Alter, mir geht der Arsch auf Grundeis. Dune ist weg. Du erinnerst dich doch an Dune, oder? Das ist die süße Podencohündin, die dich so in ihr Herz geschlossen hat, die dich über alles liebt und du weißt nichts weiter zu sagen als es tut dir leid?“

„Kleines, bitte beruhige dich doch, lass mich doch aussprech…“

„Ich will mich aber nicht beruhigen. Ich kann mich nicht beruhigen. Ich stehe seit Tagen unter Strom. Ich bin verzweifelt, ich bin am Ende, ich…“

Weiter komme ich nicht, da nimmt mich Max forsch an die Hand und zerrt mich aus dem Haus. Ich fliege hinterher und hab keinen Plan, was jetzt passiert, was mit Max los ist und warum ihn scheinbar einfach nicht interessiert, was mit Dune ist. Mit festen und schnellen Schritten lotst mich der Sandmann zu seinem Vehikel, öffnet die Ladetür und sagt noch einmal, etwas lauter und vielleicht auch mit ein bisschen Wut in der Stimme: „Es tut mir leid, Kleines. Ich kann nichts dafür. Ich konnte nichts machen. Ich…“

Ich höre gar nicht mehr weiter zu und breche hysterisch in Schreien und Weinen aus. Auf der Ladefläche liegt in einem großen Weidenwäschekorb meine süße Hündin mit verbundenem Vorderlauf, mit rasiertem Schädel und einer großen genähten Wunde, die sich hinter dem Ohr entstehend, bis zum Schulterblatt zieht. Ihr Bauch ist bandagiert und, und er sieht so schmal aus. Ich schmeiße mich über meine Hündin und kurz bevor ich zu fest zupacke, um sie zu drücken und zu herzen, nehme ich verstört wieder etwas Abstand, weil ich Angst habe, ihr weh zu tun. Müde und erschöpft hebt sie ihren Kopf und, die aus dem Korb ragende Rute, klopft ganz leise. Sie wedelt, sie schaut mich an, sie hat mich erkannt. Ich setze mich vor den Korb, schaue Max an, der sich neben mich setzt, was den Wagen hinten absacken lässt und frage immer und immer wieder: „Was hast du mit ihr gemacht? Was ist passiert? Max, was im drei Teufels Namen ist mit meinem Hund passiert?“ Die Antwort nicht wirklich abwartend, drehe ich mich zu Dune um und kraule ihr leicht das Kinn, gebe ihr einen satten Kuss auf die viel zu warme Nase und heule.

Der Wind wird nicht milder und die Kälte wandelt sich nicht durch Zauberhand in Wärme um. Max ergreift noch einmal kurz das Wort und meint, wir sollen doch vielleicht erstmal reingehen. Dann würde er mir alles in Ruhe erklären.

Max hievt den Korb aus dem Auto und ich decke Dune gut zu. Es sind nur ein paar Schritte, aber der Wind ist so bissig. Ich schmeiße die Türe vom R4 ins Schloss und folge ihm. Durch die große Tür und ich trete ungeschickt, und ungeachtet der Tatsache, dass ich nur Wollsocken anhabe, den Holzpflock fort. Nein, jetzt nicht schreien, jetzt nicht laut aufschreien, und Max lässt wohl möglich vor Schreck den Korb fallen. Meine große Zehe wird sehr warm und ich habe das Gefühl, dass er auch anschwillt. Egal, ich folge dem Korbträger nach oben, und als hätte sie genau gespürt, was gerade passiert, steht Fee oben am Treppenabsatz und miaut zur Begrüßung.

Wir beschließen den Weidenwaschkorb neben Dunes Korb zu stellen, damit sie, so sie sich in der Lage dazu fühlt und mehr Platz braucht, ganz einfach umziehen kann. Schnell fülle ich einen Napf mit Trockenfutter und einen mit Wasser. Max bittet mich, das Trockenfutter noch ein paar Tage weg zu lassen und ihr nur Nassfutter zu geben. Der Kiefer habe ordentlich was abbekommen bei dem Aufprall, und knackige Kaubewegungen seien sicher sehr schmerzhaft für sie. Ich verstehe eigentlich nur Bahnhof, folge ihm aber und tausche das Futter hastig aus. Meine Hände zittern wie Espenlaub und Max kommt mir zur Hilfe, damit ich die Schaleninhalte nicht dem Turmboden zuführe. Nachdem die Erstversorgung für Dune abgeschlossen scheint, kocht uns der Sandburgenbauer einen Kaffee. Ich setze mich zu Dune, streichele sie und kraule sie und höre nur wie durch Watte: „Du blutest Kleines, dein Socken ist total versifft. Zieh ihn aus, los, ich schau mir das mal an.“

Beim Tritt gegen den Holzbalken unten an der Tür, habe ich mir ordentlich meinen Zeh lädiert. Der Nagel ist abgesplittert und es blutet heftig aus dem Nagelbett. Ganz vorsichtig, und eigentlich bei diesen riesigen Händen kaum fassbar, verarztet mich Max geschickt mit Jod und einem kleinen Verband. Jetzt sieht der große Zeh aus wie eine weiße Knolle. “Wenn man euch Drei so nebeneinander sieht, kann man glatt von einem Stilleben in Mull reden”, versucht Max zu scherzen. Mit zusammengekniffenen Augen schaue ich ihn böse an. Mir ist nicht nach Scherzen. Mir ist nicht nach seinen Scherzen. Und wieder ergießen sich Sturzbäche von Tränen über meinem Gesicht.

„Drei? Wieso Drei?“

Ich schaue mich hektisch um und suche nach Fee, die aber in gebührendem Abstand zu uns liegt und mit Spannung verfolgt, was da vielleicht noch kommen mag. Sie kann uns nicht hören, aber sie scheint instinktiv zu spüren, dass ihre Nähe jetzt gerade nicht bei mir gefragt ist. Fast tut sie mir ein bisschen Leid. Da sie aber auch gar keine Anstände macht, sich nähern zu wollen, scheint es ja wirklich okay für sie zu sein.

„Wieso Drei?“, wiederhole ich meine Frage und sehe erst jetzt, dass auch Max weint. Ein Anblick, mit dem ich gerade gar nicht umgehen kann. Ich habe nichts gegen Männer, die weinen, ganz im Gegenteil. Auch du gehörtest zu diesen Zartbesaiteten, die bei superkitschigen Happyends und Tragödien unseres Lebens durchaus Gefühl zeigen konnte. Aber bei solch einem Bären von Mann, bei meinem sonoren Sandmann, da stürzt mich dieser Anblick doch in Hilflosigkeit.

Während ich überlege, wie ich Max am Besten Trost spenden kann, höre ich ein ganz leises Quieken. Vorsichtig drehe ich mich zu Dune um und versuche zu verstehen, warum sie so komische Geräusche von sich gibt, da sehe ich unter ihrem bandagierten Vorderlauf sich etwas bewegen. Vorsichtig, mit beiden Händen hebe ich die Pfote von meiner Hündin an und erblicke einen wunderhübschen winzigen Welpen, der sich gerade wieder in die richtige Position ruckelt, um die beiden einzig nicht verbundenen Zitzen an Dune zu erobern. Die Äuglein sind noch fest verschlossen und alles in Allem sieht der Kleine noch nicht ganz fertig aus. Er findet aber die Nahrungsquelle und saugt kräftig die leckere Muttermilch auf. „Es kann sein, dass bei Dune die Milch durch den Schock zurückgeht. Im Augenblick sieht es nicht danach aus, aber möglich ist es.“, unterbricht Max meine Beobachtungen und Gedankengänge. „Wenn dem so ist, bist du gefragt, oder wir, ich helfe sehr gerne. Dann müssen wir beifüttern, oder komplett Ersatzmilch geben. Aber wie gesagt, im Moment sieht es wirklich alles gut aus. Mutter und Kind sind wohlauf.“

Bei dem Wort „wohlauf“ dreht sich mir der Magen um, und vollkommen aus der Reihe bin ich es, die jetzt spucken muss. Ich versuche so gut es geht alles noch bei mir zu behalten, bis ich in der Badkabine bin, kriege dort die Kurve zur Toilette aber nicht schnell genug und gebe meine Mageninhaltsreste in die Waschschüssel. Wohlauf, was versteht er bitte unter wohlauf? Wenn ich mir mein Haustier so anschaue, dann ist das alles, aber nicht wohlauf. Ich wasche mir mein Gesicht und die Schüssel befreie ich von einem ekligem Gemisch meiner bröckligen innersten Aufregung.

Als ich zurückkehre, weint Max immer noch still vor sich hin. Humpelnd nehme ich Kurs auf ihn, drücke ihm einen dicken Schmatzer auf die hohe Stirn, setze mich neben ihn auf die Couch und bitte ihn, doch endlich zu erzählen.





Wenn die Sonne

16 08 2009

Wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

die Wolkendecke vorsichtig durchbricht,

um dir Licht und Wärme zu spenden,

um dir Zärtlichkeit und Zuversicht zu geben,

wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

dann spürst du.

dass du nicht alleine bist.

Seit über drei Wochen bin ich nun schon zu Hause, hier im Turm, hier bei dir, und lebe unseren Traum. Sie sind vergangen wie im Fluge, auch ohne dass es bahnbrechende Neuigkeiten gegeben hätte oder dramatische Dinge stattgefunden hätten. Nicht nur ich bin im Umbruch, die Jahreszeit ist es auch und ich finde es jeden Tag aufs Neue spannend, wie der Planet Sonne sich versucht dem zu widersetzen. Sie kämpft mit ihrem ganzen Charme und ihrer ganzen Gewalt gegen Wolken und Regen. Somit kommen wir hier in den Genuss, im Land der tausend Regenbogen leben zu dürfen.

Ich habe in den letzten Tagen natürlich nicht gelernt mit Pinsel und Farbe umzugehen. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als bei jedem dieser faszinierenden Farbbalken die Kamera in Anschlag zu nehmen, und das Schauspiel digital für meine Nachwelt fest zu halten. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass das ein anhaltender Willkommensgruß für mich ist.

Und er wirkt. Mit jedem weiteren Tag und mit jeder weiteren Nacht, aber gerade mit jedem weiteren Regenbogen, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Dankbar bin ich. Dankbar und unendlich traurig, das alles nicht mit dir zweisam erleben zu können. Du bist in meinen Gedanken, meinem Kopf, meinem Herzen, also bist du auch hier. Aber anders. Es ist alles anders, seitdem du nicht mehr da bist, auch wenn du für mich immer hier sein wirst. Da ist sie wieder, meine höchsteigene Schizophrenie und multiple Persönlichkeit. Du bist du und nicht hier aber doch anwesend. Wer außer mir kann das schon verstehen? Verena. Mir fällt ein, dass ich mein regelmäßiges Piep absetzen muss, was ich natürlich gerne tue. Freundschaften muss man pflegen hast du immer gesagt, was ich ziemlich erstaunlich fand, weil du nicht wirklich richtige Freunde hattest. Bekannte hattest du eine Menge, und die meisten waren eher flüchtiger Natur.

Dune kläfft den ganzen Strand zusammen und mir fällt auf, dass sich doch etwas Entscheidendes verändert hat die letzten Wochen. Meine Hündin hat ihren Mut wieder gefunden. Ich weiß nicht, ob sie in Therapie war, und wenn bei wem – auf alle Fälle jagt sie wieder Möwen. Mir kommt das ganz gelegen, denn die Gute hat ganz schön an Gewicht zugelegt, was wohl für meine guten Eigenschaften als Dosenöffner spricht. Fast den ganzen Tag streunt sie draußen herum, macht Möwen und anderem Federvieh das Leben schwer oder dreht den Strand auf Links, um schließlich mit irgendwelchen abgegammelten Turnschuhen oder halb verwesten alten Lappen als Geschenk bei mir aufzukreuzen. Sie liebt mich eben und hat nicht wirklich andere Möglichkeiten, mir das zu zeigen. Das Jagen und Sammeln hat sie sicher von mir. Zumindest stehe ich ihr da in Nichts nach, wenn ich mir meine stattliche Muschelsammlung anschaue, die ich hier zusammen getragen habe.

Heute nimmt das Kläffen so gar kein Ende und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Dune eine Möwe gestellt hat, die nun auf einem Bein und mit herausgestreckter Zunge um sie herumtanzt. Das würde eine solche Aufregung erklären. Also pelle ich mich aus meiner Kuschelposition und schaue nach dem Rechten. Ahhhh, höre ich mich selbst staunend und erfreut ausrufen. Bei genauer Betrachtung, und wenn das kämpfende Knäuel ca. 40 Meter unter mir sich mal kurzfristig entwirrt, kann ich Max erkennen, der Dune zur Begrüßung zu einem kleinen Kämpfchen herausgefordert haben muss. Oder Dune hat ihn am Wagen abgepasst und dem armen Kerl gar keine andere Chance gelassen, als sich erst mit ihr zu beschäftigen, frei nach dem Motto: „Du kommst hier nicht rein!“

Schnell schlüpfe ich in die Turnschuhe und schmeiße mir meine Wind- und Wetterjacke über. Zwar komme ich mit meinem Einsiedlerleben sehr gut zurecht, aber Max muss standesgemäß begrüßt und geknuddelt werden. Außerdem zeigt mir der erneute Blick aus dem Fenster, dass ihm ein bisschen Hilfe gegen das Dünenmonster sicher sehr gelegen kommt. Eilig nehme ich die Stufen der Wendeltreppe und lege mich auch prompt fast auf die Nase. War diese Biegung schon immer da? Nicht weiter fragend, warum mir meine eigene Treppe plötzlich ein Bein stellt, flitze ich hinab und falle Max, der sich von Dune losgerissen hat, aber immer noch penetrant besprungen wird, direkt in die Arme. Bevor meine Nase und mein Mund vom dicken Bundeswehrparker meines Besuches luftdicht verschlossen werden, bringe ich noch ein „Aus!!! Dune! Los! Hopp, geh Möwen ärgern!“ zu Stande und schon nimmt das ausführliche Begrüßungsknuddeln seinen Lauf. Mein Herz rast wie bescheuert und ich glaube ich benehme mich, als sehe ich das erste Mal nach Jahrzehnten wieder einen Menschen.

Mit all seiner Stärke und Kraft und doch fast zärtlich umarmt mich Max, hält mich fest gegen sich gedrückt, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und fragt mich nach dem werten Befinden. „Gngt ofach rchtg got“, nuschel ich in die Jacke und den sich darunter befindlichen Brustkorb. Nachdem ich mich wieder befreit habe, nehme ich einen erneuten Anlauf: „Gut, einfach richtig gut. Und selbst? Was macht die Kunst? Gibt’s was Neues aus dem Bushland?“

„Absage!“, sagt er breit grinsend, „War doch klar, aber…“ Geschickt greift er mich um die Hüften und schleudert mich einmal um sich herum und dann über seine Schulter. Dort angekommen kämpfe ich mit meiner Luft, während er mir auf den Allerwertesten trommelt und mit tiefster Bassstimme trällert „aber ich habe einen Job für nächsten Sommer!“

„Schön!“, grunze ich und verspreche ausdrückliche Freude und Gratulation, wenn ich wieder festen Sand unter den Füßen haben darf.

„Es ist unser, wirklich unser!“ Ich tanze um den Leuchtturm, laufe und renne und immer wenn ich an dir vorbeikomme bekommst du einen Kuss, egal wohin. „Danke, Danke, Danke, Danke!“ Die ganze Arbeit und Schufterei hatte sich gelohnt. Nachdem wir bewiesen hatten, dass wir in Eigenleistung alle möglichen Reparaturen und Verschönerungen selbst vornehmen können, ließ man sich dazu herab uns den Leuchtturm zu verkaufen oder heißt das noch verpachten? Immerhin werden die technischen Einrichtungen ja nicht von uns gewartet und in Stand gehalten. Man will Leute, welche die turmeigene Atmosphäre unterstreichen und sie nicht verändern wollen, hieß es damals. Jetzt, wo alle Unterschriften getätigt waren und wir nochmals über die Rechte und Pflichten informiert wurden, durften wir endlich einziehen. Wohnrecht in einem Leuchtturm. Ein Traum, ein wahr gewordener Traum, unser Traum. Du warfst mich über deine Schulter, klopftest und trommeltest auf meinem Allerwertesten im Takt und sangst: „Leuchtturmwärterin, Leuchtturmwärterin, du bist jetzt eine Leuchtturmwärterin!“ Dabei hast du über das ganze Gesicht gestrahlt, wie ein kleines Kind, und dich mit mir, als schwerer Ladung, immer weiter im Kreis gedreht, bis dir so schwindelig wurde, dass wir in den Sand fielen. Ganz plötzlich änderte sich dein Gesichtsausdruck von himmelhochjauchzend in zu Tode besorgt und du fragtest mich, ob alles okay sei oder mir was weh tut. Eigentlich wollte ich eine Jammermine auflegen, aber bei dem Blick in dein Gesicht musste ich erst lächeln und unter Prusten brachte ich nur ein „Alles Okay“, raus. Wir rollten uns im Sand und lachten und lachten und lachten.

„Hallo? Wenn du als Leuchtturmwärterin nicht höhen- und schwanktauglich bist, solltest du dir vielleicht eine Sandburg bauen!“

„Was? Wie? Achso!“ Ich starre Max an, als ob er von einem anderen Planeten kommt und verstehe sehr, sehr langsam, dass ich bereits wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehe. Ein paar weitere unendliche Momente nach diesem Verständnis, finde ich auch meine Sprache wieder. „Ähm, ja Glückwunsch Brummbär. Erzähl, was ist das für ein Job, wo, wann nächstes Jahr im Sommer, wie lange und überhaupt!“ Das Tempo meiner Fragen spricht dafür, dass ich die fassungslosen Minuten während und nach meiner Landung, aufzuholen versuche.

Max berichtet mit für ihn absolut untypischer Hektik in der Stimme, dass das mit Amerika ja klar gewesen wäre. Die Bushmänner haben mit der Begründung abgesagt, dass sich so viele nationale Künstler beworben haben, dass man diesen Event nicht auf einen internationalen Wettbewerb ausweiten wolle. In dieser Bewertungsjury der Amis sitzt aber wohl ein Deutscher aus Sankt Peter, der dort im kommenden Jahr einen Workshop veranstalten will und diesen soll Max leiten. Sankt Peter Ording sei nicht gerade der Strand, an dem Max tot über der Buhne hängen wolle, aber der Sand sei okay und wenn er ein bisschen Geld mit seinen Skulpturen verdienen könne und anderen seine Leidenschaft auch noch beibringen darf, dann wäre das doch toll. Außerdem sei er für seine Verhältnisse schon viel zu lange an einem Ort und da kommt so ein Strandwechsel gerade mal recht. Der Workshop soll über ein halbes Jahr gehen und interessierten Touristen das Skulpturenbauen näher bringen.

Natürlich freue ich mich für Max. Aber es bedeutet für mich auch wieder einen Abschied, einen kleinen Tod. Gut, ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit, vielleicht eine kleine Ewigkeit. Ich weiß, ich werde ihn furchtbar vermissen. Auch wenn wir nicht jeden Tag auf einander hängen, uns unter Umständen Monate nicht sehen. Doch wenn ich das Bedürfnis hätte ihn zu sehen, dann wüsste ich was zu tun ist. Wenn ich ihn sehen will, fahre ich vorbei oder er kommt her. An das Gefühl, dass das nicht mehr so sein wird, muss ich mich gewöhnen. Ich bete nur, dass er wieder kommt und nicht wieder Geschmack findet an seinen Strandreisen. Ich ärgere mich über meine egoistischen Gedanken. Nichts, absolut gar nichts rechtfertigt dieses „Ich-Arme-Verlassene“-Denken und so falle ich Max noch mal richtig um den Hals und gebe ihm einen dicken Kuss in den Wallebart. „Womit habe ich das denn verdient?“ Ich lächele ihn ganz breit an und antworte mit einem neckischen „Ach, nur so!“

Bis nächsten Sommer kann noch viel passieren, merkt Max beim folgenden Spaziergang an. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, ihn nicht zu intensiv in meine Gehirnwindungen schauen zu lassen, scheinbar vergessend, dass ich hier mit Max am Strand bin, und nicht mit irgendeinem netten Bekannten, der sich für mich ehrlicher Weise soviel interessiert, wie für die Börsenkurse jeden Tag. Auch hier ziehe ich wieder eine Parallele zu dir. Wenn du mich gefragt hast, ob es mir gut geht, dann hast du das gefragt, weil es dich wirklich interessierte ob es mir gut geht. Und wenn du wissen wolltest, ob alles in Ordnung mit mir ist, dann weil du sehr wohl, wahrscheinlich schon Stunden zuvor gespürt hast, dass wohl irgendwas im Argen liegt bei mir. Der olle Zausel Max ist da ganz ähnlich gestrickt. Er ist schweigsamer und scheint sehr reflektierend durchs Leben zu gehen. Wenn er aber eine Ahnung hat, dann hat diese Ahnung auch Hand und Fuß.

„Hat deine Angst mit ihm zu tun?“

Ich falle aus allen Wolken. Es wird mir ein immer währendes Mysterium bleiben, wie dieser Mensch durch mich hindurch und wieder zurück schauen kann. Als ich bejahe, fragt er mich, ob ich ihm eine kleine Analyse zugestehen würde, eine kleine Skizze dessen, was er sich so zusammenreimt.

Da ich mich für einen Menschen halte, der nicht wie ein offenes Buch ohne sieben Siegeln durchs Leben schreitet, gehe ich auf seinen Vorschlag ein und bitte Dr. Hobbypsychologen und Sandburgenbauer Max um ein Persönlichkeitsprofil meinerselbst.

„Ich kann jetzt nur das interpretieren, was ich von dir kenne, von dir glaube zu kennen oder mir auf Grund deiner Erzählungen, deiner Selbstdarstellung zusammenreime. Kennen gelernt habe ich dich als sehr gefühlsbetonten Mensch, der sehr nah am Wasser gebaut hat, allem was ihm fremd ist sehr skeptisch gegenüber steht und der mit aller Gewalt versucht, um Himmels Willen niemanden zu nah an sich heran zu lassen. Du erzählst, wenn du erzählen willst, und das willst du nur selten. Ich denke du bist ein Mensch, den man hin und wieder zu seinem Glück zwingen muss. Irgendwann in deinem Leben gab es einen Punkt, an dem du nicht mehr ohne weiteres an das Gute im Menschen geglaubt hast, an dem du nicht mehr versucht hast, unter großem Aufwand aus allem nur das Gute zu ziehen, an dem du für dich erkannt hast, dass das, was Leben ist, eine Herausforderung darstellt, der du dich jeden Tag aufs Neue und mit all deiner Kraft und Energie stellen musst. Es gibt oder gab, das habe ich noch nicht ganz aufdröseln können, für dich einen Menschen in deinem Leben, dem du bedingungslos vertraust. Ich lasse jetzt absichtlich die Vergangenheitsform fort, denn ich bin der Überzeugung, dass dieser Mensch, wenn er denn mal war und nicht mehr ist, auch heute noch deine ganze Liebe besitzt, dem du noch immer so sehr vertraust, das kaum ein anderer Mensch eine Chance hat, sich dir auch nur ansatzweise so zu nähern.

Mit diesem Menschen teilst du, neben vielen menschlichen Eigenschaften, eine langes Stück deines Lebenswegs, vielleicht den bislang wichtigsten und schwierigsten Teil. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, so dass ihr gemeinsam Unmengen von Steinen aus diesem eurem Weg räumen konntet. Wie schon gesagt, liebst du diesen Menschen bedingungslos. Und das beziehe ich nicht einzig auf diese Beziehungsschiene. Es soll ja durchaus auch Freundschaften zwischen Mann und Frau geben, die rein auf Freundschaft im ureigensten Sinne und weniger auf das Rumgehoppse auf Matratzen basieren. Definierst du Freundschaft, definierst du sie auf Basis dieser Beziehung zwischen ihm und dir. Das hat zur Folge, dass nie wieder ein Mensch, dich als echten wahren Mensch kennen lernen kann, da du dich nur ihm offenbart hast, nur er jede kleine Winzigkeit aus deinem Leben kennt und auch nur er in der Lage ist, dich zu nehmen wie du wirklich bist .Dieser Mensch ist für dich eine Form von Übermensch, das Non Plus Ultra eines Freundes und das macht es allen anderen um dich herum sehr schwer, Zugang zu dir bekommen. Ich gehe von einem Mann aus, denn eine wahre Freundschaft zwischen zwei Frauen ist nach meinem Empfinden, tut mir leid wenn ich das so feststellen muss, niemals so möglich. Frauen erzählen sich sicher alles, aber schon alleine aus Gründen der berühmten Stutenbissigkeit und dem angeborenen Rivalinnenverhalten, erfährt selbst eine beste Freundin nie alles. Manchmal seid ihr Frauen da wirklich komisch.

Lange Rede kurzer Sinn. Mit diesem Typen, der sich echt glücklich schätzen darf, dass er dich von so vielen Seiten kennt, verbindet dich alles, was dich ausmacht und vieles darüber hinaus. Auch wenn ihr nicht zusammen sein könnt, wie zum Beispiel hier und jetzt, seid ihr so eng miteinander verbunden, dass sich dein Leben in vielen Facetten um ihn dreht. Du denkst an ihn. Du fühlst (für) ihn. Du lebst mit ihm. Dein Leben ist auf eure Beziehung, auf diese ganz besondere Art der Freundschaft, auf diese ganz besondere Form der Liebe ausgerichtet. Für diese Liebe bist du bereit alles an den Nagel zu hängen und hier komplett neu anzufangen.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, warum er nicht hier ist oder nicht hier sein kann, aber du lebst ein Leben in eurem Sinn.

Du bist auf ganz wundervolle Art in der Lage, in dich ein unsagbares Vertrauen zu setzen, auf dein Herz zu hören und aus dem Bauch heraus zu agieren. Natürlich hast du einen gesunden Ratio, der dir aber oft genug ein Bein stellt oder im Wege steht. Dein Leben baut auf Liebe auf, und das finde ich die schönste Lebensform, die jemand für sich wählen kann. Und jetzt bist du dran.“

„Darf ich das verdauen, oder muss ich gleich was dazu sagen?“

„Eigentlich müsstest du wissen Kleines, dass du mir alles immer sagen kannst, aber nie was sagen musst.“

„Darf ich was fragen?“

„Sicher!“

„Wieso nennst du mich Kleines?“

„Na“, antwortet er mit seinem berühmt berüchtigten und mich überwältigendem Lächeln, „Na schau dich doch mal an, soll ich Große sagen? Ich bin geringfügige Meter länger als du und nehme mir darum das Recht, dich Kleines zu nennen. Was doch okay ist, hoffe ich.“

„Jaja, ist schon okay, ist nur weil…“

„Weil du sein Kleines bist.“

„Hmmm, ja.“

„Darf ich jetzt auch was fragen?“

„Klar, im Zweifel gibt es keine Antwort“, entgegne ich schnippisch.

„Lebt er noch?“

„Nein, er hat mich…, nein, er ist tot.“

Die Sinnlosigkeit meines Versuches klar vor Augen, versuche ich vor Max zu verbergen, dass mich ein wenig Angst beschleicht, nach seinem erstellten Persönlichkeitsprofil. Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Trage ich meine Liebe zu dir so sehr vor mir her? Nein, das kann nicht sein, denn sonst hätte mich schon vorher jemand darauf angesprochen. Selbst wenn ich von dir in der Vergangenheit erzählte, was nie sehr ausführlich war, ist nie jemand auf die Idee gekommen mich nach Einzelheiten zu fragen, oder hat mir auf den Kopf zugesagt, in welcher Beziehung wir zueinander stehen. Im Gegenteil, manch Einer, dem ich von dir erzählte, konnte sich schon ein paar Tage später nicht mehr daran, oder an den Zusammenhang erinnern. Der für mich schlimmste Fall war, dass das bisschen, von mir vorsichtig Offenbarte in einer bösen Schlammschlacht gegen mich verwendet wurde. Das sind die Vertrauensbrüche in meinem Leben, die ich nicht verzeihen kann und die ich sehr nachtragend mit mir herumschleppe, die mich ängstigen und sehr, sehr vorsichtig gemacht haben. Max habe ich nie wirklich von dir erzählt. Max habe ich nie aus meinem Leben erzählt. Und doch war es ihm gerade möglich, das große schwarze Buch der Leuchtturmwärterin aufzuschlagen und mir aus ihm vorzulesen.

Bitte erkläre mich jetzt nicht für verrückt oder halte mich für bescheuert, das tu ich selbst schon, aber Max scheint mir eine Reinkarnation von dir zu sein, nur um Jahre gealtert. Das würde auch diese Zuversicht, Hoffnung und das Wohlfühlen erklären, das ich empfinde, wenn wir uns sehen. Aus den von ihm so treffend erklärten Motiven heraus, habe ich ihn betreffend die Beschreibung Freund noch nie in den Mund genommen. aber daran gedacht habe ich schon oft. Er ist für mich wie ein alter Freund. Und bevor er im Sommer geht, werde ich ihm das auch sagen, spätestens.





Hier ist alles so anders und so schön.

11 08 2009

Hier ist alles so anders und so schön. Hier ist alles so wunderbunt, lustig und traurig gleicher Maßen. Hier ist alles so aufbauend, erhebend, beeindruckend. Hier erinnert alles so sehr und ich darf so vieles neu entdecken. Hier passiert so viel, auch wenn eigentlich nichts passiert. Hier vermittelt alles so viel Sicherheit und Geborgenheit. Dieser Ort war, ist und bleibt einzigartig und ich habe die Chance hier sein zu dürfen. Ich darf hier sein, diesen Ort entdecken, noch lieber gewinnen, mich fallen lassen. Hier bin ich – Hier darf ich sein. Vor allem aber bist du hier. Hier ist so unendlich viel du, so unglaublich viel von dir. Hier ist deine Seele, deine Seele ist das alles hier. Und wenn ich jemals etwas richtig machen kann, dann jetzt und hier, indem ich diese Möglichkeit beim Dünengras packe und bleibe.

Ich werde fliegen. Ich werde mir das Nötigste einpacken, Dune schnappen und losfliegen. Vorher mache ich noch bei Max Halt und vertraue ihm diesmal meine Hündin an. Ich bringe es nicht übers Herz sie schon wieder ständig in komische Transportkisten packen zu müssen. Tage danach ist sie dann wuschig und ungenießbar. Das brauche ich nicht und sie schon gar nicht. Wieder ein Abschied. Wieder ein kleiner Tod, aber ich verspreche, dass ich wieder kommen werde. Bald, gleich, sofort. Und dann flieg ich ins Rheinland, werde alles Notwendige veranlassen, ein kurzes Tschüss den Rhein entlang schmettern, dem allgemeinen „Hallo“ auf mein Erscheinen, ein Unverzügliches „Und wech!“ hinterher flüstern.

Es ist an der Zeit zu vertrauen, es ist für mich an der Zeit, auf mein Herz zu hören und meinem Bauchgefühl nach zu gehen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass es keinen Aufschub mehr duldet, dass ich es tun muss, weil ich es tun will, weil es getan werden soll, weil ich einfach hier her gehöre. Vielleicht nicht für immer. Vielleicht nicht für die Ewigkeit. Aber für eine Zeit lang. Eine Zeit voller Liebe, Erinnerungen, Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Abenteuer und Neuem.

Ich greife mir meinen Rattanköfferchen, der, so hoffe ich, diese eine Reise sicher noch überleben wird, und packe: Zahnbürste, Schminkzeugs, Kohle, Reisepass, Perso, Handy, zwei bis drei Unterhosen, T-Shirts, ein T-Shirt von dir, eine Hose zum Wechseln, Socken, ein Hemd und zwei Pullover. Basta, das muss reichen. Länger bleibe ich nicht. Den ganzen Verwaltungskram habe ich schon erledigt und ich hoffe, dass bei Mütterchen nicht irgendwelche üblen Überraschungen auf mich warten. Ich will einfach nur hin und wieder weg. Mütterchen wird weinen, Bekannte werden toben, Verena wird’s verstehen und einfach nur glücklich sein, wenn ich an das Ladekabel denke.

Nun ist Dunes Reisetasche dran: Tauknoten, Lieblingsleckerlis, mein T-Shirt, Plüschknochen, Tennisball, ein paar Dosen Futter. Dann werde ich Max ein paar Euro in die Hand drücken, damit er ihr einmal Tartar kaufen kann. Und schwupps bin ich schon wieder zurück. Max ist ein super Dogsitter, er kennt Dune fast so lange wie ich selbst und er hat sich mit seinen Tobe- und Raufspielchen kräftig in ihr Herz gespielt. Ich hoffe, dass sie mich vermissen wird, aber ich weiß auch, dass sie es unter diesen Umständen nirgends besser haben kann, als bei ihm. Das Packen ihrer Sachen macht Dune neugierig, und wie das bei Haustieren so ist, sie haben den siebten Sinn, ahnt sie wohl, dass irgendwas im Busch ist.

Die Aktion gestaltet sich mehr und mehr zum Hürdenlauf. Wo ich bin, ist auch Dune und alles, was in die Tasche kommt, muss ausgiebig beschnuffelt, für korrekt befunden und abgenickt, abgewufft werden. Sie wird mir den Abschied ganz schön schwer machen. Mir brennt jetzt schon das Herz, wenn ich überlege, dass ich die nächsten Tage ohne sie sein soll. Nur so macht es aber Sinn. Da muss der höchsteigene Egoismus, den durchaus auch schon mal an den Tag, beziehungsweise an den Abend legen kann, zurückstehen.

„Du, Kleines, können wir noch mal über heute früh reden? Du weißt schon, die Pinselaktion!“

„Du hast doch alles gesagt. Ich soll mich nicht sorgen, ich soll mich nicht aufregen, irgendwann wirst du halt gehen. Wenn du es für richtig hältst. Wenn du willst. Du, du, du. Ob ich das will, ob mir das passt, ob ich da ein Problem mit hab, juckt dich doch gar nicht. Also, was noch reden?“

„Das ist nicht fair und das weißt du. Hab ich nicht das Recht auf Egoismus? Du weißt von Anfang an, dass das, was wir haben, nicht für die Ewigkeit ist. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und dir gesagt, dass ich ohne großen Abschied gehen werde, wenn ich glaube, dass du alleine zurecht kommst. Das war gestern noch nicht der Fall. Das sehe ich heute auch noch nicht. Und Morgen denke ich, wird es auch noch nicht so weit sein. Aber wenn es soweit ist Kleines, dann bin ich fort. Ich werde dich immer mitnehmen. Ich werde dich überall hin mitnehmen. Wie heißt das in diesem kitschigen Film, den du so gerne siehst, „Ghost, Nachricht von Sowieso“? Die Liebe in sich, die nimmt man mit.“

„Du sagst du liebst mich und im gleichen Moment faselst du von deinem Abschied. Wo ist da der Sinn? Was ist das für eine Liebe, die so verletzt? Ich will das nicht hören. Ich will das nicht fühlen. Ich will das nicht!“

„Ich dachte, du hättest verstanden, dass es nicht darum geht, was du willst. Ich dachte immer du würdest mich verstehen.“

„Das tu ich.!

„Scheinbar nicht.“

„Doch, aber nur weil ich dich verstehe, heißt das nicht, dass ich mit dem konform gehen muss. Ich sehe es nicht ein. Ich sehe es einfach nicht ein. Ich will dich nicht verlieren. Jetzt nicht, Morgen nicht, nicht nächstes Jahr! Nie, Niemals! Verstehst du mich?“

„Du wirst mich nicht verlieren. Niemals! Du wirst mich loslassen müssen. Aber du wirst mich nie verlieren!“

„Das kann ich nicht, das werde ich nie können. Ich kann dich nicht loslassen. Ich werde dich nicht loslassen. Ich will dich nicht loslassen“

Ich habe dich verstanden. Ich habe dir geglaubt. Aber ich war zu blind um den Augenblick kommen zu sehen. Wahrscheinlich wollte ich ihn gar nicht sehen. Ich war so überzeugt davon, dass du alles unserer Freundschaft und dieser besonderen Form der Liebe unterordnest, dass ich das nicht auf dem Zettel hatte. Du hast diesen Leuchtturm entdeckt. Du hast ihn für uns gekauft. Du hast ihn mit mir und für mich hergerichtet. Wie konnte ich davon ausgehen, dass der Abschied so nah, dein Egoismus so groß ist?

Dune stuppst mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat ihre Stoffmaus im Maul und scheint darauf zu bestehen, dass sie auch in die Tasche gehört. Als hätte ich die vergessen, aber wir bleiben ja noch eine Nacht. Beim Stichwort Nacht fällt mir die Letzte wieder ein. Was macht eigentlich die Wunde? Heute ist soviel passiert und nicht passiert, dass ich ihr noch gar keinen weiteren Blick geschenkt habe. Ich beuge mich zu meiner Hündin hinab und hocke mich vor sie hin. Und wieder scheint sie genau zu wissen, was passiert. Artig legt sie ihren Kopf auf meine Knie, um mir den best möglichen Blick auf ihren Schmiss zu ermöglichen. Die Wunde sieht gut aus, so man das von einer Wunde sagen kann. Es scheint sich nichts entzündet zu haben und über den Tag konnte ich auch keine wesentlichen Ausfälle an ihr feststellen. Während ich sie umarme und wir ein paar Kuschelminuten einlegen, fahren meine Gedanken und Gefühle wieder Karussell.

Losgelassen

Mit betroffenen Mienen, hoben sie deinen Körper aus meinem Schoß.
Mit sanftem Griff, lösten sie meine Umarmung.
Beinahe zärtlich klangen ihre Worte: “Sie müssen ihn jetzt loslassen.”.

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Immer wieder sagten sie mir: “Du musst endlich loslassen”
Immer wieder hörte ich: “Lass los oder du wirst draufgehen”
Immer wieder therapieren sie mich: “die Kunst des Loslassens”

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Loslassen heißt nicht losgelassen
und darum

hält mein Herz fest
an dir
unserer Freundschaft
unserer Liebe.

Wie das Gras im Sand der Dünen.
Wie dein Leuchtturmlicht den Himmel.
Wie das Meer den Strand.

Ich löste die Umarmung.
Ich ließ deine Hand los.
Sie nahmen dich mit.
Ich habe dich losgelassen

Aber ich werde nie los lassen.

Abschied ist immer ein kleiner Tod. Ich packe unsere Sachen für einen sehr kurzen Abschied und ich fühle mich absolut zerrissen und innerlich zerfetzt. Keine Gefühlsbahn führt mehr in eine klare Richtung und in meinem Herzen und in meinem Kopf geht alles drunter und drüber. Das verstehe wer will. Bin ich so wenig überzeugt, von dem was ich vorhabe? Oder habe ich unterschwellig böse Ahnungen, die mir sagen wollen, dass es ganz anders kommt, als ich es mir vorstellen möchte? Natürlich habe ich Angst davor, dass in Deutschland alles ganz anders wird, nichts funktioniert und alle Vorbereitungen, die schon längst getroffen, für die Katz sind. Andererseits, wenn ich jetzt nicht loslasse und mein Leben lebe, sei es auch nur für das angedachte Jahr, dann werde ich es nie tun. Dann wird sich unser Traum nie erfüllen und ich fühle mich einfach schuldig. Ich bin es diesem Traum schuldig, dass ich das jetzt durchziehe. Ich bin es dir schuldig. Und, zu guter Letzt, bin ich es auch mir schuldig.

Deine Seele, deine Liebe, deine Träume und Wünsche sind hier. Sie sind der Mörtel für jeden einzelnen Backstein, sie spiegeln sich in jedem einzelnen Pinselstrich wieder. Sie vereinen sich in jeder Stufe der Wendeltreppe. Ich bade in ihnen, wenn ich in die Kabine gehe und ich genieße sie, wenn ich mir etwas zu Essen mache oder Wasser für einen Cappuccino koche.

Wieder ist es der Hund, der mich aus meinen chaotischen Gedanken reißt. Sie läuft hektisch die Treppe herunter und ich eile ihr nicht minder hektisch hinter her. Nein, nein, nein, kein Bach im Haus, keinen Fluss in den Flur und keinen Haufen vor die Tür. Ab mit ihr nach draußen. Als ich die Tür öffne, fegt sie hinaus, als ob die Möwe von letzter Nacht hinter ihr her wäre. Wobei, vielleicht war ja auch Dune hinter der Möwe her und das arme Federvieh hat sich nur gewehrt. Letztere Theorie passt so gut zur Geschichte von Delphi und Finchen, an der ich, bis das Gegenteil bewiesen ist gerne festhalten möchte. Nennen wir es romantische Vorstellung. Wenn es wirklich so war, das meine Dune Mutter und Kind beschützen wollte, dann…

Ja was dann?

Na dann bin ich doch noch viel stolzere Hundebesitzerin, als ich seit je her war. Und dann werde ich sie Morgen dem Max als super zuverlässigen Hütehund übergeben. Max braucht sich dann keine Sorgen um seine Sandskulpturen machen, weil Dune sie bis aufs Blut verteidigen wird. Ich glaube, ich schweife gerade schwer ins Alberne ab.

Alleine rumalbern ist ziemlich albern. Und wieder fehlst du.

Ich lasse die Türe angelehnt und klettere die Wendeltreppe wieder hinauf. Mir ist kalt und ein Blick auf die Füße sagt mir warum. Barfuß auf Kacheln, das hatten wir doch heute schon mal.

Der Himmel ist stockfinster. Kein Stern in Sicht und auch der Mond zeigt kein Gesicht. Ich sitze am Fenster und beobachte, beschienen durch unser Leuchtfeuer, wie Dune ihren eigenen Schatten jagt. Hin und wieder legt sie eine kurze Geschäftspause ein und dann, ganz geschickt, fällt sie wieder irgendwas an, auf dem sich zuvor ihr Schatten noch mutig gezeigt hat. Dieses Vieh ist einfach dufte. Gleich ist es Zehn und es wird Zeit. Morgen wird ein harter Tag.

Geschafft.

Ich bin auf dem Rückweg und kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich darüber bin.

Zuhause ist dort, wo das Herz wohnt?

Was aber, wenn das Herz urplötzlich umgezogen ist – klammheimlich – und man es selbst gar nicht richtig wahr genommen hat?

Zuhause ist es immer noch am Schönsten?

Das ist sicher richtig, wenn man für Zuhause eine ortsgebundene Definition hat.








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