Wenn die Sonne

16 08 2009

Wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

die Wolkendecke vorsichtig durchbricht,

um dir Licht und Wärme zu spenden,

um dir Zärtlichkeit und Zuversicht zu geben,

wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

dann spürst du.

dass du nicht alleine bist.

Seit über drei Wochen bin ich nun schon zu Hause, hier im Turm, hier bei dir, und lebe unseren Traum. Sie sind vergangen wie im Fluge, auch ohne dass es bahnbrechende Neuigkeiten gegeben hätte oder dramatische Dinge stattgefunden hätten. Nicht nur ich bin im Umbruch, die Jahreszeit ist es auch und ich finde es jeden Tag aufs Neue spannend, wie der Planet Sonne sich versucht dem zu widersetzen. Sie kämpft mit ihrem ganzen Charme und ihrer ganzen Gewalt gegen Wolken und Regen. Somit kommen wir hier in den Genuss, im Land der tausend Regenbogen leben zu dürfen.

Ich habe in den letzten Tagen natürlich nicht gelernt mit Pinsel und Farbe umzugehen. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als bei jedem dieser faszinierenden Farbbalken die Kamera in Anschlag zu nehmen, und das Schauspiel digital für meine Nachwelt fest zu halten. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass das ein anhaltender Willkommensgruß für mich ist.

Und er wirkt. Mit jedem weiteren Tag und mit jeder weiteren Nacht, aber gerade mit jedem weiteren Regenbogen, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Dankbar bin ich. Dankbar und unendlich traurig, das alles nicht mit dir zweisam erleben zu können. Du bist in meinen Gedanken, meinem Kopf, meinem Herzen, also bist du auch hier. Aber anders. Es ist alles anders, seitdem du nicht mehr da bist, auch wenn du für mich immer hier sein wirst. Da ist sie wieder, meine höchsteigene Schizophrenie und multiple Persönlichkeit. Du bist du und nicht hier aber doch anwesend. Wer außer mir kann das schon verstehen? Verena. Mir fällt ein, dass ich mein regelmäßiges Piep absetzen muss, was ich natürlich gerne tue. Freundschaften muss man pflegen hast du immer gesagt, was ich ziemlich erstaunlich fand, weil du nicht wirklich richtige Freunde hattest. Bekannte hattest du eine Menge, und die meisten waren eher flüchtiger Natur.

Dune kläfft den ganzen Strand zusammen und mir fällt auf, dass sich doch etwas Entscheidendes verändert hat die letzten Wochen. Meine Hündin hat ihren Mut wieder gefunden. Ich weiß nicht, ob sie in Therapie war, und wenn bei wem – auf alle Fälle jagt sie wieder Möwen. Mir kommt das ganz gelegen, denn die Gute hat ganz schön an Gewicht zugelegt, was wohl für meine guten Eigenschaften als Dosenöffner spricht. Fast den ganzen Tag streunt sie draußen herum, macht Möwen und anderem Federvieh das Leben schwer oder dreht den Strand auf Links, um schließlich mit irgendwelchen abgegammelten Turnschuhen oder halb verwesten alten Lappen als Geschenk bei mir aufzukreuzen. Sie liebt mich eben und hat nicht wirklich andere Möglichkeiten, mir das zu zeigen. Das Jagen und Sammeln hat sie sicher von mir. Zumindest stehe ich ihr da in Nichts nach, wenn ich mir meine stattliche Muschelsammlung anschaue, die ich hier zusammen getragen habe.

Heute nimmt das Kläffen so gar kein Ende und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Dune eine Möwe gestellt hat, die nun auf einem Bein und mit herausgestreckter Zunge um sie herumtanzt. Das würde eine solche Aufregung erklären. Also pelle ich mich aus meiner Kuschelposition und schaue nach dem Rechten. Ahhhh, höre ich mich selbst staunend und erfreut ausrufen. Bei genauer Betrachtung, und wenn das kämpfende Knäuel ca. 40 Meter unter mir sich mal kurzfristig entwirrt, kann ich Max erkennen, der Dune zur Begrüßung zu einem kleinen Kämpfchen herausgefordert haben muss. Oder Dune hat ihn am Wagen abgepasst und dem armen Kerl gar keine andere Chance gelassen, als sich erst mit ihr zu beschäftigen, frei nach dem Motto: „Du kommst hier nicht rein!“

Schnell schlüpfe ich in die Turnschuhe und schmeiße mir meine Wind- und Wetterjacke über. Zwar komme ich mit meinem Einsiedlerleben sehr gut zurecht, aber Max muss standesgemäß begrüßt und geknuddelt werden. Außerdem zeigt mir der erneute Blick aus dem Fenster, dass ihm ein bisschen Hilfe gegen das Dünenmonster sicher sehr gelegen kommt. Eilig nehme ich die Stufen der Wendeltreppe und lege mich auch prompt fast auf die Nase. War diese Biegung schon immer da? Nicht weiter fragend, warum mir meine eigene Treppe plötzlich ein Bein stellt, flitze ich hinab und falle Max, der sich von Dune losgerissen hat, aber immer noch penetrant besprungen wird, direkt in die Arme. Bevor meine Nase und mein Mund vom dicken Bundeswehrparker meines Besuches luftdicht verschlossen werden, bringe ich noch ein „Aus!!! Dune! Los! Hopp, geh Möwen ärgern!“ zu Stande und schon nimmt das ausführliche Begrüßungsknuddeln seinen Lauf. Mein Herz rast wie bescheuert und ich glaube ich benehme mich, als sehe ich das erste Mal nach Jahrzehnten wieder einen Menschen.

Mit all seiner Stärke und Kraft und doch fast zärtlich umarmt mich Max, hält mich fest gegen sich gedrückt, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und fragt mich nach dem werten Befinden. „Gngt ofach rchtg got“, nuschel ich in die Jacke und den sich darunter befindlichen Brustkorb. Nachdem ich mich wieder befreit habe, nehme ich einen erneuten Anlauf: „Gut, einfach richtig gut. Und selbst? Was macht die Kunst? Gibt’s was Neues aus dem Bushland?“

„Absage!“, sagt er breit grinsend, „War doch klar, aber…“ Geschickt greift er mich um die Hüften und schleudert mich einmal um sich herum und dann über seine Schulter. Dort angekommen kämpfe ich mit meiner Luft, während er mir auf den Allerwertesten trommelt und mit tiefster Bassstimme trällert „aber ich habe einen Job für nächsten Sommer!“

„Schön!“, grunze ich und verspreche ausdrückliche Freude und Gratulation, wenn ich wieder festen Sand unter den Füßen haben darf.

„Es ist unser, wirklich unser!“ Ich tanze um den Leuchtturm, laufe und renne und immer wenn ich an dir vorbeikomme bekommst du einen Kuss, egal wohin. „Danke, Danke, Danke, Danke!“ Die ganze Arbeit und Schufterei hatte sich gelohnt. Nachdem wir bewiesen hatten, dass wir in Eigenleistung alle möglichen Reparaturen und Verschönerungen selbst vornehmen können, ließ man sich dazu herab uns den Leuchtturm zu verkaufen oder heißt das noch verpachten? Immerhin werden die technischen Einrichtungen ja nicht von uns gewartet und in Stand gehalten. Man will Leute, welche die turmeigene Atmosphäre unterstreichen und sie nicht verändern wollen, hieß es damals. Jetzt, wo alle Unterschriften getätigt waren und wir nochmals über die Rechte und Pflichten informiert wurden, durften wir endlich einziehen. Wohnrecht in einem Leuchtturm. Ein Traum, ein wahr gewordener Traum, unser Traum. Du warfst mich über deine Schulter, klopftest und trommeltest auf meinem Allerwertesten im Takt und sangst: „Leuchtturmwärterin, Leuchtturmwärterin, du bist jetzt eine Leuchtturmwärterin!“ Dabei hast du über das ganze Gesicht gestrahlt, wie ein kleines Kind, und dich mit mir, als schwerer Ladung, immer weiter im Kreis gedreht, bis dir so schwindelig wurde, dass wir in den Sand fielen. Ganz plötzlich änderte sich dein Gesichtsausdruck von himmelhochjauchzend in zu Tode besorgt und du fragtest mich, ob alles okay sei oder mir was weh tut. Eigentlich wollte ich eine Jammermine auflegen, aber bei dem Blick in dein Gesicht musste ich erst lächeln und unter Prusten brachte ich nur ein „Alles Okay“, raus. Wir rollten uns im Sand und lachten und lachten und lachten.

„Hallo? Wenn du als Leuchtturmwärterin nicht höhen- und schwanktauglich bist, solltest du dir vielleicht eine Sandburg bauen!“

„Was? Wie? Achso!“ Ich starre Max an, als ob er von einem anderen Planeten kommt und verstehe sehr, sehr langsam, dass ich bereits wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehe. Ein paar weitere unendliche Momente nach diesem Verständnis, finde ich auch meine Sprache wieder. „Ähm, ja Glückwunsch Brummbär. Erzähl, was ist das für ein Job, wo, wann nächstes Jahr im Sommer, wie lange und überhaupt!“ Das Tempo meiner Fragen spricht dafür, dass ich die fassungslosen Minuten während und nach meiner Landung, aufzuholen versuche.

Max berichtet mit für ihn absolut untypischer Hektik in der Stimme, dass das mit Amerika ja klar gewesen wäre. Die Bushmänner haben mit der Begründung abgesagt, dass sich so viele nationale Künstler beworben haben, dass man diesen Event nicht auf einen internationalen Wettbewerb ausweiten wolle. In dieser Bewertungsjury der Amis sitzt aber wohl ein Deutscher aus Sankt Peter, der dort im kommenden Jahr einen Workshop veranstalten will und diesen soll Max leiten. Sankt Peter Ording sei nicht gerade der Strand, an dem Max tot über der Buhne hängen wolle, aber der Sand sei okay und wenn er ein bisschen Geld mit seinen Skulpturen verdienen könne und anderen seine Leidenschaft auch noch beibringen darf, dann wäre das doch toll. Außerdem sei er für seine Verhältnisse schon viel zu lange an einem Ort und da kommt so ein Strandwechsel gerade mal recht. Der Workshop soll über ein halbes Jahr gehen und interessierten Touristen das Skulpturenbauen näher bringen.

Natürlich freue ich mich für Max. Aber es bedeutet für mich auch wieder einen Abschied, einen kleinen Tod. Gut, ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit, vielleicht eine kleine Ewigkeit. Ich weiß, ich werde ihn furchtbar vermissen. Auch wenn wir nicht jeden Tag auf einander hängen, uns unter Umständen Monate nicht sehen. Doch wenn ich das Bedürfnis hätte ihn zu sehen, dann wüsste ich was zu tun ist. Wenn ich ihn sehen will, fahre ich vorbei oder er kommt her. An das Gefühl, dass das nicht mehr so sein wird, muss ich mich gewöhnen. Ich bete nur, dass er wieder kommt und nicht wieder Geschmack findet an seinen Strandreisen. Ich ärgere mich über meine egoistischen Gedanken. Nichts, absolut gar nichts rechtfertigt dieses „Ich-Arme-Verlassene“-Denken und so falle ich Max noch mal richtig um den Hals und gebe ihm einen dicken Kuss in den Wallebart. „Womit habe ich das denn verdient?“ Ich lächele ihn ganz breit an und antworte mit einem neckischen „Ach, nur so!“

Bis nächsten Sommer kann noch viel passieren, merkt Max beim folgenden Spaziergang an. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, ihn nicht zu intensiv in meine Gehirnwindungen schauen zu lassen, scheinbar vergessend, dass ich hier mit Max am Strand bin, und nicht mit irgendeinem netten Bekannten, der sich für mich ehrlicher Weise soviel interessiert, wie für die Börsenkurse jeden Tag. Auch hier ziehe ich wieder eine Parallele zu dir. Wenn du mich gefragt hast, ob es mir gut geht, dann hast du das gefragt, weil es dich wirklich interessierte ob es mir gut geht. Und wenn du wissen wolltest, ob alles in Ordnung mit mir ist, dann weil du sehr wohl, wahrscheinlich schon Stunden zuvor gespürt hast, dass wohl irgendwas im Argen liegt bei mir. Der olle Zausel Max ist da ganz ähnlich gestrickt. Er ist schweigsamer und scheint sehr reflektierend durchs Leben zu gehen. Wenn er aber eine Ahnung hat, dann hat diese Ahnung auch Hand und Fuß.

„Hat deine Angst mit ihm zu tun?“

Ich falle aus allen Wolken. Es wird mir ein immer währendes Mysterium bleiben, wie dieser Mensch durch mich hindurch und wieder zurück schauen kann. Als ich bejahe, fragt er mich, ob ich ihm eine kleine Analyse zugestehen würde, eine kleine Skizze dessen, was er sich so zusammenreimt.

Da ich mich für einen Menschen halte, der nicht wie ein offenes Buch ohne sieben Siegeln durchs Leben schreitet, gehe ich auf seinen Vorschlag ein und bitte Dr. Hobbypsychologen und Sandburgenbauer Max um ein Persönlichkeitsprofil meinerselbst.

„Ich kann jetzt nur das interpretieren, was ich von dir kenne, von dir glaube zu kennen oder mir auf Grund deiner Erzählungen, deiner Selbstdarstellung zusammenreime. Kennen gelernt habe ich dich als sehr gefühlsbetonten Mensch, der sehr nah am Wasser gebaut hat, allem was ihm fremd ist sehr skeptisch gegenüber steht und der mit aller Gewalt versucht, um Himmels Willen niemanden zu nah an sich heran zu lassen. Du erzählst, wenn du erzählen willst, und das willst du nur selten. Ich denke du bist ein Mensch, den man hin und wieder zu seinem Glück zwingen muss. Irgendwann in deinem Leben gab es einen Punkt, an dem du nicht mehr ohne weiteres an das Gute im Menschen geglaubt hast, an dem du nicht mehr versucht hast, unter großem Aufwand aus allem nur das Gute zu ziehen, an dem du für dich erkannt hast, dass das, was Leben ist, eine Herausforderung darstellt, der du dich jeden Tag aufs Neue und mit all deiner Kraft und Energie stellen musst. Es gibt oder gab, das habe ich noch nicht ganz aufdröseln können, für dich einen Menschen in deinem Leben, dem du bedingungslos vertraust. Ich lasse jetzt absichtlich die Vergangenheitsform fort, denn ich bin der Überzeugung, dass dieser Mensch, wenn er denn mal war und nicht mehr ist, auch heute noch deine ganze Liebe besitzt, dem du noch immer so sehr vertraust, das kaum ein anderer Mensch eine Chance hat, sich dir auch nur ansatzweise so zu nähern.

Mit diesem Menschen teilst du, neben vielen menschlichen Eigenschaften, eine langes Stück deines Lebenswegs, vielleicht den bislang wichtigsten und schwierigsten Teil. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, so dass ihr gemeinsam Unmengen von Steinen aus diesem eurem Weg räumen konntet. Wie schon gesagt, liebst du diesen Menschen bedingungslos. Und das beziehe ich nicht einzig auf diese Beziehungsschiene. Es soll ja durchaus auch Freundschaften zwischen Mann und Frau geben, die rein auf Freundschaft im ureigensten Sinne und weniger auf das Rumgehoppse auf Matratzen basieren. Definierst du Freundschaft, definierst du sie auf Basis dieser Beziehung zwischen ihm und dir. Das hat zur Folge, dass nie wieder ein Mensch, dich als echten wahren Mensch kennen lernen kann, da du dich nur ihm offenbart hast, nur er jede kleine Winzigkeit aus deinem Leben kennt und auch nur er in der Lage ist, dich zu nehmen wie du wirklich bist .Dieser Mensch ist für dich eine Form von Übermensch, das Non Plus Ultra eines Freundes und das macht es allen anderen um dich herum sehr schwer, Zugang zu dir bekommen. Ich gehe von einem Mann aus, denn eine wahre Freundschaft zwischen zwei Frauen ist nach meinem Empfinden, tut mir leid wenn ich das so feststellen muss, niemals so möglich. Frauen erzählen sich sicher alles, aber schon alleine aus Gründen der berühmten Stutenbissigkeit und dem angeborenen Rivalinnenverhalten, erfährt selbst eine beste Freundin nie alles. Manchmal seid ihr Frauen da wirklich komisch.

Lange Rede kurzer Sinn. Mit diesem Typen, der sich echt glücklich schätzen darf, dass er dich von so vielen Seiten kennt, verbindet dich alles, was dich ausmacht und vieles darüber hinaus. Auch wenn ihr nicht zusammen sein könnt, wie zum Beispiel hier und jetzt, seid ihr so eng miteinander verbunden, dass sich dein Leben in vielen Facetten um ihn dreht. Du denkst an ihn. Du fühlst (für) ihn. Du lebst mit ihm. Dein Leben ist auf eure Beziehung, auf diese ganz besondere Art der Freundschaft, auf diese ganz besondere Form der Liebe ausgerichtet. Für diese Liebe bist du bereit alles an den Nagel zu hängen und hier komplett neu anzufangen.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, warum er nicht hier ist oder nicht hier sein kann, aber du lebst ein Leben in eurem Sinn.

Du bist auf ganz wundervolle Art in der Lage, in dich ein unsagbares Vertrauen zu setzen, auf dein Herz zu hören und aus dem Bauch heraus zu agieren. Natürlich hast du einen gesunden Ratio, der dir aber oft genug ein Bein stellt oder im Wege steht. Dein Leben baut auf Liebe auf, und das finde ich die schönste Lebensform, die jemand für sich wählen kann. Und jetzt bist du dran.“

„Darf ich das verdauen, oder muss ich gleich was dazu sagen?“

„Eigentlich müsstest du wissen Kleines, dass du mir alles immer sagen kannst, aber nie was sagen musst.“

„Darf ich was fragen?“

„Sicher!“

„Wieso nennst du mich Kleines?“

„Na“, antwortet er mit seinem berühmt berüchtigten und mich überwältigendem Lächeln, „Na schau dich doch mal an, soll ich Große sagen? Ich bin geringfügige Meter länger als du und nehme mir darum das Recht, dich Kleines zu nennen. Was doch okay ist, hoffe ich.“

„Jaja, ist schon okay, ist nur weil…“

„Weil du sein Kleines bist.“

„Hmmm, ja.“

„Darf ich jetzt auch was fragen?“

„Klar, im Zweifel gibt es keine Antwort“, entgegne ich schnippisch.

„Lebt er noch?“

„Nein, er hat mich…, nein, er ist tot.“

Die Sinnlosigkeit meines Versuches klar vor Augen, versuche ich vor Max zu verbergen, dass mich ein wenig Angst beschleicht, nach seinem erstellten Persönlichkeitsprofil. Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Trage ich meine Liebe zu dir so sehr vor mir her? Nein, das kann nicht sein, denn sonst hätte mich schon vorher jemand darauf angesprochen. Selbst wenn ich von dir in der Vergangenheit erzählte, was nie sehr ausführlich war, ist nie jemand auf die Idee gekommen mich nach Einzelheiten zu fragen, oder hat mir auf den Kopf zugesagt, in welcher Beziehung wir zueinander stehen. Im Gegenteil, manch Einer, dem ich von dir erzählte, konnte sich schon ein paar Tage später nicht mehr daran, oder an den Zusammenhang erinnern. Der für mich schlimmste Fall war, dass das bisschen, von mir vorsichtig Offenbarte in einer bösen Schlammschlacht gegen mich verwendet wurde. Das sind die Vertrauensbrüche in meinem Leben, die ich nicht verzeihen kann und die ich sehr nachtragend mit mir herumschleppe, die mich ängstigen und sehr, sehr vorsichtig gemacht haben. Max habe ich nie wirklich von dir erzählt. Max habe ich nie aus meinem Leben erzählt. Und doch war es ihm gerade möglich, das große schwarze Buch der Leuchtturmwärterin aufzuschlagen und mir aus ihm vorzulesen.

Bitte erkläre mich jetzt nicht für verrückt oder halte mich für bescheuert, das tu ich selbst schon, aber Max scheint mir eine Reinkarnation von dir zu sein, nur um Jahre gealtert. Das würde auch diese Zuversicht, Hoffnung und das Wohlfühlen erklären, das ich empfinde, wenn wir uns sehen. Aus den von ihm so treffend erklärten Motiven heraus, habe ich ihn betreffend die Beschreibung Freund noch nie in den Mund genommen. aber daran gedacht habe ich schon oft. Er ist für mich wie ein alter Freund. Und bevor er im Sommer geht, werde ich ihm das auch sagen, spätestens.





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.





Hier ist alles so anders und so schön.

11 08 2009

Hier ist alles so anders und so schön. Hier ist alles so wunderbunt, lustig und traurig gleicher Maßen. Hier ist alles so aufbauend, erhebend, beeindruckend. Hier erinnert alles so sehr und ich darf so vieles neu entdecken. Hier passiert so viel, auch wenn eigentlich nichts passiert. Hier vermittelt alles so viel Sicherheit und Geborgenheit. Dieser Ort war, ist und bleibt einzigartig und ich habe die Chance hier sein zu dürfen. Ich darf hier sein, diesen Ort entdecken, noch lieber gewinnen, mich fallen lassen. Hier bin ich – Hier darf ich sein. Vor allem aber bist du hier. Hier ist so unendlich viel du, so unglaublich viel von dir. Hier ist deine Seele, deine Seele ist das alles hier. Und wenn ich jemals etwas richtig machen kann, dann jetzt und hier, indem ich diese Möglichkeit beim Dünengras packe und bleibe.

Ich werde fliegen. Ich werde mir das Nötigste einpacken, Dune schnappen und losfliegen. Vorher mache ich noch bei Max Halt und vertraue ihm diesmal meine Hündin an. Ich bringe es nicht übers Herz sie schon wieder ständig in komische Transportkisten packen zu müssen. Tage danach ist sie dann wuschig und ungenießbar. Das brauche ich nicht und sie schon gar nicht. Wieder ein Abschied. Wieder ein kleiner Tod, aber ich verspreche, dass ich wieder kommen werde. Bald, gleich, sofort. Und dann flieg ich ins Rheinland, werde alles Notwendige veranlassen, ein kurzes Tschüss den Rhein entlang schmettern, dem allgemeinen „Hallo“ auf mein Erscheinen, ein Unverzügliches „Und wech!“ hinterher flüstern.

Es ist an der Zeit zu vertrauen, es ist für mich an der Zeit, auf mein Herz zu hören und meinem Bauchgefühl nach zu gehen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass es keinen Aufschub mehr duldet, dass ich es tun muss, weil ich es tun will, weil es getan werden soll, weil ich einfach hier her gehöre. Vielleicht nicht für immer. Vielleicht nicht für die Ewigkeit. Aber für eine Zeit lang. Eine Zeit voller Liebe, Erinnerungen, Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Abenteuer und Neuem.

Ich greife mir meinen Rattanköfferchen, der, so hoffe ich, diese eine Reise sicher noch überleben wird, und packe: Zahnbürste, Schminkzeugs, Kohle, Reisepass, Perso, Handy, zwei bis drei Unterhosen, T-Shirts, ein T-Shirt von dir, eine Hose zum Wechseln, Socken, ein Hemd und zwei Pullover. Basta, das muss reichen. Länger bleibe ich nicht. Den ganzen Verwaltungskram habe ich schon erledigt und ich hoffe, dass bei Mütterchen nicht irgendwelche üblen Überraschungen auf mich warten. Ich will einfach nur hin und wieder weg. Mütterchen wird weinen, Bekannte werden toben, Verena wird’s verstehen und einfach nur glücklich sein, wenn ich an das Ladekabel denke.

Nun ist Dunes Reisetasche dran: Tauknoten, Lieblingsleckerlis, mein T-Shirt, Plüschknochen, Tennisball, ein paar Dosen Futter. Dann werde ich Max ein paar Euro in die Hand drücken, damit er ihr einmal Tartar kaufen kann. Und schwupps bin ich schon wieder zurück. Max ist ein super Dogsitter, er kennt Dune fast so lange wie ich selbst und er hat sich mit seinen Tobe- und Raufspielchen kräftig in ihr Herz gespielt. Ich hoffe, dass sie mich vermissen wird, aber ich weiß auch, dass sie es unter diesen Umständen nirgends besser haben kann, als bei ihm. Das Packen ihrer Sachen macht Dune neugierig, und wie das bei Haustieren so ist, sie haben den siebten Sinn, ahnt sie wohl, dass irgendwas im Busch ist.

Die Aktion gestaltet sich mehr und mehr zum Hürdenlauf. Wo ich bin, ist auch Dune und alles, was in die Tasche kommt, muss ausgiebig beschnuffelt, für korrekt befunden und abgenickt, abgewufft werden. Sie wird mir den Abschied ganz schön schwer machen. Mir brennt jetzt schon das Herz, wenn ich überlege, dass ich die nächsten Tage ohne sie sein soll. Nur so macht es aber Sinn. Da muss der höchsteigene Egoismus, den durchaus auch schon mal an den Tag, beziehungsweise an den Abend legen kann, zurückstehen.

„Du, Kleines, können wir noch mal über heute früh reden? Du weißt schon, die Pinselaktion!“

„Du hast doch alles gesagt. Ich soll mich nicht sorgen, ich soll mich nicht aufregen, irgendwann wirst du halt gehen. Wenn du es für richtig hältst. Wenn du willst. Du, du, du. Ob ich das will, ob mir das passt, ob ich da ein Problem mit hab, juckt dich doch gar nicht. Also, was noch reden?“

„Das ist nicht fair und das weißt du. Hab ich nicht das Recht auf Egoismus? Du weißt von Anfang an, dass das, was wir haben, nicht für die Ewigkeit ist. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und dir gesagt, dass ich ohne großen Abschied gehen werde, wenn ich glaube, dass du alleine zurecht kommst. Das war gestern noch nicht der Fall. Das sehe ich heute auch noch nicht. Und Morgen denke ich, wird es auch noch nicht so weit sein. Aber wenn es soweit ist Kleines, dann bin ich fort. Ich werde dich immer mitnehmen. Ich werde dich überall hin mitnehmen. Wie heißt das in diesem kitschigen Film, den du so gerne siehst, „Ghost, Nachricht von Sowieso“? Die Liebe in sich, die nimmt man mit.“

„Du sagst du liebst mich und im gleichen Moment faselst du von deinem Abschied. Wo ist da der Sinn? Was ist das für eine Liebe, die so verletzt? Ich will das nicht hören. Ich will das nicht fühlen. Ich will das nicht!“

„Ich dachte, du hättest verstanden, dass es nicht darum geht, was du willst. Ich dachte immer du würdest mich verstehen.“

„Das tu ich.!

„Scheinbar nicht.“

„Doch, aber nur weil ich dich verstehe, heißt das nicht, dass ich mit dem konform gehen muss. Ich sehe es nicht ein. Ich sehe es einfach nicht ein. Ich will dich nicht verlieren. Jetzt nicht, Morgen nicht, nicht nächstes Jahr! Nie, Niemals! Verstehst du mich?“

„Du wirst mich nicht verlieren. Niemals! Du wirst mich loslassen müssen. Aber du wirst mich nie verlieren!“

„Das kann ich nicht, das werde ich nie können. Ich kann dich nicht loslassen. Ich werde dich nicht loslassen. Ich will dich nicht loslassen“

Ich habe dich verstanden. Ich habe dir geglaubt. Aber ich war zu blind um den Augenblick kommen zu sehen. Wahrscheinlich wollte ich ihn gar nicht sehen. Ich war so überzeugt davon, dass du alles unserer Freundschaft und dieser besonderen Form der Liebe unterordnest, dass ich das nicht auf dem Zettel hatte. Du hast diesen Leuchtturm entdeckt. Du hast ihn für uns gekauft. Du hast ihn mit mir und für mich hergerichtet. Wie konnte ich davon ausgehen, dass der Abschied so nah, dein Egoismus so groß ist?

Dune stuppst mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat ihre Stoffmaus im Maul und scheint darauf zu bestehen, dass sie auch in die Tasche gehört. Als hätte ich die vergessen, aber wir bleiben ja noch eine Nacht. Beim Stichwort Nacht fällt mir die Letzte wieder ein. Was macht eigentlich die Wunde? Heute ist soviel passiert und nicht passiert, dass ich ihr noch gar keinen weiteren Blick geschenkt habe. Ich beuge mich zu meiner Hündin hinab und hocke mich vor sie hin. Und wieder scheint sie genau zu wissen, was passiert. Artig legt sie ihren Kopf auf meine Knie, um mir den best möglichen Blick auf ihren Schmiss zu ermöglichen. Die Wunde sieht gut aus, so man das von einer Wunde sagen kann. Es scheint sich nichts entzündet zu haben und über den Tag konnte ich auch keine wesentlichen Ausfälle an ihr feststellen. Während ich sie umarme und wir ein paar Kuschelminuten einlegen, fahren meine Gedanken und Gefühle wieder Karussell.

Losgelassen

Mit betroffenen Mienen, hoben sie deinen Körper aus meinem Schoß.
Mit sanftem Griff, lösten sie meine Umarmung.
Beinahe zärtlich klangen ihre Worte: “Sie müssen ihn jetzt loslassen.”.

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Immer wieder sagten sie mir: “Du musst endlich loslassen”
Immer wieder hörte ich: “Lass los oder du wirst draufgehen”
Immer wieder therapieren sie mich: “die Kunst des Loslassens”

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Loslassen heißt nicht losgelassen
und darum

hält mein Herz fest
an dir
unserer Freundschaft
unserer Liebe.

Wie das Gras im Sand der Dünen.
Wie dein Leuchtturmlicht den Himmel.
Wie das Meer den Strand.

Ich löste die Umarmung.
Ich ließ deine Hand los.
Sie nahmen dich mit.
Ich habe dich losgelassen

Aber ich werde nie los lassen.

Abschied ist immer ein kleiner Tod. Ich packe unsere Sachen für einen sehr kurzen Abschied und ich fühle mich absolut zerrissen und innerlich zerfetzt. Keine Gefühlsbahn führt mehr in eine klare Richtung und in meinem Herzen und in meinem Kopf geht alles drunter und drüber. Das verstehe wer will. Bin ich so wenig überzeugt, von dem was ich vorhabe? Oder habe ich unterschwellig böse Ahnungen, die mir sagen wollen, dass es ganz anders kommt, als ich es mir vorstellen möchte? Natürlich habe ich Angst davor, dass in Deutschland alles ganz anders wird, nichts funktioniert und alle Vorbereitungen, die schon längst getroffen, für die Katz sind. Andererseits, wenn ich jetzt nicht loslasse und mein Leben lebe, sei es auch nur für das angedachte Jahr, dann werde ich es nie tun. Dann wird sich unser Traum nie erfüllen und ich fühle mich einfach schuldig. Ich bin es diesem Traum schuldig, dass ich das jetzt durchziehe. Ich bin es dir schuldig. Und, zu guter Letzt, bin ich es auch mir schuldig.

Deine Seele, deine Liebe, deine Träume und Wünsche sind hier. Sie sind der Mörtel für jeden einzelnen Backstein, sie spiegeln sich in jedem einzelnen Pinselstrich wieder. Sie vereinen sich in jeder Stufe der Wendeltreppe. Ich bade in ihnen, wenn ich in die Kabine gehe und ich genieße sie, wenn ich mir etwas zu Essen mache oder Wasser für einen Cappuccino koche.

Wieder ist es der Hund, der mich aus meinen chaotischen Gedanken reißt. Sie läuft hektisch die Treppe herunter und ich eile ihr nicht minder hektisch hinter her. Nein, nein, nein, kein Bach im Haus, keinen Fluss in den Flur und keinen Haufen vor die Tür. Ab mit ihr nach draußen. Als ich die Tür öffne, fegt sie hinaus, als ob die Möwe von letzter Nacht hinter ihr her wäre. Wobei, vielleicht war ja auch Dune hinter der Möwe her und das arme Federvieh hat sich nur gewehrt. Letztere Theorie passt so gut zur Geschichte von Delphi und Finchen, an der ich, bis das Gegenteil bewiesen ist gerne festhalten möchte. Nennen wir es romantische Vorstellung. Wenn es wirklich so war, das meine Dune Mutter und Kind beschützen wollte, dann…

Ja was dann?

Na dann bin ich doch noch viel stolzere Hundebesitzerin, als ich seit je her war. Und dann werde ich sie Morgen dem Max als super zuverlässigen Hütehund übergeben. Max braucht sich dann keine Sorgen um seine Sandskulpturen machen, weil Dune sie bis aufs Blut verteidigen wird. Ich glaube, ich schweife gerade schwer ins Alberne ab.

Alleine rumalbern ist ziemlich albern. Und wieder fehlst du.

Ich lasse die Türe angelehnt und klettere die Wendeltreppe wieder hinauf. Mir ist kalt und ein Blick auf die Füße sagt mir warum. Barfuß auf Kacheln, das hatten wir doch heute schon mal.

Der Himmel ist stockfinster. Kein Stern in Sicht und auch der Mond zeigt kein Gesicht. Ich sitze am Fenster und beobachte, beschienen durch unser Leuchtfeuer, wie Dune ihren eigenen Schatten jagt. Hin und wieder legt sie eine kurze Geschäftspause ein und dann, ganz geschickt, fällt sie wieder irgendwas an, auf dem sich zuvor ihr Schatten noch mutig gezeigt hat. Dieses Vieh ist einfach dufte. Gleich ist es Zehn und es wird Zeit. Morgen wird ein harter Tag.

Geschafft.

Ich bin auf dem Rückweg und kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich darüber bin.

Zuhause ist dort, wo das Herz wohnt?

Was aber, wenn das Herz urplötzlich umgezogen ist – klammheimlich – und man es selbst gar nicht richtig wahr genommen hat?

Zuhause ist es immer noch am Schönsten?

Das ist sicher richtig, wenn man für Zuhause eine ortsgebundene Definition hat.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.