Vertrau dir! Horch auf dein Herz!

30 10 2009

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“ Der Satz, der schon fast so etwas wie ein Gebet für mich ist. Ich frage Max, ob er sich daran erinnern kann, dass er mir diesen Rat so ähnlich auch schon gegeben hat und umreiße kurz, wann du ihn mir das erste Mal gegeben hast. Ich frage den Sandburgenbauer, ob er sich an unsere Diskussion über das „Nichts“ erinnert und gebe unsere Auseinandersetzung, die fast gleichlautend ablief, wieder. Die Sache mit dem „Rausmüssen“, mal eben um den Block oder mal eben an den Strand. Zwei grundverschiedene Menschen, die, Jahre versetzt, ähnliche Erklärungen abgeben, in gleichen Wortlauten sprechen. Und dann dieses Wohlfühlen. Diese „Elektrizität“ bei Berührungen, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, Max Blicke, wenn er auf das Meer hinausschaut – ich versuche ihm zu erklären, dass ich all das irgendwie schon einmal erlebt hab, in meinem früheren Leben mit dir, in meinem wirklichen Leben. Ich versuche meine Angst in Worte zu kleiden, als ich Max so krank im Bett vorgefunden habe. Es war beinahe die gleiche Angst und Panik, wie ich sie jedes Mal empfand, wenn du auf Entzug warst, wenn du dir ohne fremde Hilfe das Gift aus den Poren geschwitzt hast, randaliertest und beinahe krepiert bist vor Schmerzen und Sucht.

Max vergräbt sein Gesicht in seinen großen Händen und weint. Ich unterbreche meine Ausführungen. Es war doch zu viel. Doch bevor ich mich entschuldigen kann, sagt er immer und immer wieder „Kleines es tut mir so leid, es tut mir so unendlich leid.“ Er kann doch nichts dafür. Er ist weder drogenabhängig, noch trägt er für irgendwas von dem, was ich gerade erzählte, die Verantwortung. Aber er entschuldigt sich ohne Unterlass, bis ich ihm die Hände vor dem Gesicht fast fortreiße und ihn anschreie, er soll damit aufhören.

Es war wirklich zuviel für ihn und ich werde wütend auf mich selbst, dass ich mich so habe gehen lassen. Ich hätte doch spüren müssen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Langsam helfe ich ihm auf und bringe ihn zurück in die Koje. Max legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Er spricht kein weiteres Wort, sagt nur Danke, wenn ich ihm einen Tee bringe, verweigert das Essen und schaut stur vor sich hin. Ich selbst habe das Gefühl, das alles nicht mehr zu ertragen, ich komme nicht mehr an ihn heran, als hätte er sich seinen eigenen Turm und sich herum aufgebaut. Als ich den alten R4 von Max anfahren höre, atme ich auf. Da kommt Jacques. Ich muss hier raus.

Ich bitte Jacques sich ein oder zwei Stunden um Max zu kümmern. Kurz umreiße ich, was passiert ist, und dass sein Freund seitdem beinahe autistisch im Bett liegt. Wenn jetzt noch jemand an ihn herankommt, dann vielleicht der alte Viehdoktor, der ihm so nahe steht. Ich greife mein Ölzeug, rufe Dune und laufe auf den Strand hinaus. Es regnet in Strömen. Es regnet so heftig, dass durch das Prasseln nicht mal mehr das Meeresrauschen heraus zu filtern ist. Egal. Und wenn ich nass bis auf die Knochen werde. Ich muss weg hier. Ich brauche Luft zum Atmen. Dune macht auf halbem Weg wieder kehrt und läuft zurück zum Turm. Soll sie doch. Sollen sie mich doch alle alleine lassen. Ich brauche niemanden. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich will mit mir alleine sein. Auch dich will ich nicht. Ich weiß, dass das nicht möglich ist, denn du bist immer bei mir. Ich weine, ich schreie und das Gute ist, dass niemand meine Schreie hören kann. Sie peitschen hinaus auf die offene See, wo sie sich in selbstmörderischer Absicht in die Wogen stürzen. Diese unglaubliche Wut muss hinaus. Die Wut auf dich. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dem Menschen, der mir zur Zeit am Nächsten steht, unglaubliches Leid zugefügt. Ich weiß nicht wieso – aber ich habe Max gesehen, in seinem Leid. Und es ist meine Schuld.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“

Nichts ist gut. Gar nichts! Hörst du? G a r N i c h t s !!!

Ich muss nur aufstehen, loslaufen, die Zähne zusammenbeißen und ich darf, sobald ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, keine Bewegungen machen, die mich oben halten. Was heißt Boden unter den Füßen, den habe ich mir selbst schon weg gezogen. Einfach ins Meer hinein laufen, immer weiter, immer tiefer hinein in die stürmische Umarmung aus eiskaltem Wasser, sprudelnder Gischt und Algen. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen und ich sitze immer noch regungslos im Sand und hadere mit mir und dieser Welt. Ich verstehe sie nicht, diese Welt und ich verstehe mich erst recht nicht. Die Schreie werden mehr und mehr zu einem grausamen Gekrächze, und es kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Möwenherren vorbei geflogen kommen, in der Annahme hier hocke ein paarungsbereites, hysterisches Möwenweibchen. Wobei das mit dem Hysterisch ja stimmt. Ich muss wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Es wäre das erste Mal, dass die Geister auf mich gehört hätten. Ich hab es ja laut genug zum Ausdruck gebracht, dass mich alle in Ruhe und alleine lassen sollen.

Irgendwie rappele ich mich hoch, trete mir die furchtbaren und eh durchweichten Turnschuhe von den Füßen und laufe barfuß, jedes Sandkorn unter den Sohlen genießend, zum Meer. Die Jeans hat mindestens das Doppelte an Gewicht zugelegt, so nass ist sie mittlerweile und sich mit dem Sand verbündend scheuert sie mächtig an den Fußgelenken. Das Wasser ist eiskalt und in mir und um mich herum zieht sich alles zusammen, was willkürlich und unwillkürlich dazu in der Lage ist. Ich bekomme eine ganzflächige Gänsehaut und bemerke sogar hinter den Ohren, wie sich die kleinsten der kleinen Härchen aufstellen. Einen Fuß setze ich vor den anderen und kämpfe gegen die Kraft der Wellen an. Meine Zehen greifen in den sandigen Meeresboden und ich könnte glaube ich behaupten, dass es trotz der Kälte meinen Füßen gut geht, wenn ich sie denn noch spüren würde. Die Hose wird immer schwerer, zieht vom Bund her mächtig nach unten, da ich aber schon bis zu den Knien im Wasser bin, löst sich dieses Zuggefühl nach unten hin auf. Einen Schritt setze ich vor den anderen, den Blick starr auf den grauschwarzen Horizont gerichtet.

Der Regen ist hier kaum mehr zu spüren. Der Wind bläst so heftig, dass er sich hier im Meer als feiner Nebel verteilt. Und da ich sowieso schon klitschnass bin, ist mir der Regennebel auch egal. Vor mir baut sich eine Welle auf, die aber gleich von zwei weiteren Wogen in die Zange genommen wird und in ihnen verschwindet. Doch direkt dahinter kommt bereits die Nächste. Da ich meinen Blick wieder an den Horizont geheftet habe, bemerke ich sie erst, als es schon zu spät ist. Die Welle greift mich um die Hüfte, sie schnappt sich meine Arme und drückt mir mit aller Gewalt gegen die Brust. Ich taumele und schreie, ich schwanke und fluche, ich falle. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in alle Öffnungen natürlicher und unnatürlicher Art, die es finden kann. Die Augen brennen und ich kann sie nicht öffnen und ich habe noch keinen Boden unter den Füßen. Plötzlich im Trudeln spüre ich, wie mein Hinterteil aufsetzt. Ich stoße mich vom Untergrund kräftig ab und schieße wie ein übergewichtiger Wal in eigentümlichem Gewand aus dem Wasser. Als ich den Meeresboden erneut unter den Füßen spüren kann, balanciere ich mich bestmöglich aus, um nicht gleich wieder einer Welle zum Opfer zu fallen. Bis zur Hüfte stehe ich bereits im Wasser und ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich noch ganz dicht bin. Ich muss dem Wahnsinn anheim gefallen sein. Anders ist dieses Affentheater wohl kaum zu erklären. Das Meer schiebt mich zurück an Land. Die Schritte sind größer und weiter. Dank Rückenwind und -wellen, bin ich bald zurück an Land. Rechts neben dem Leuchtturm sieht ein Wolkengemälde aus wie der Saturn, der sich in eine Wolke zum Ausruhen eingebettet hat. Ein Planet der sein Paralleluniversum gefunden hat? Ich friere. Das Gefühl, das mir bereits in den Füßen fehlt, fehlt mir nun auch in den Armen und Händen und Oberschenkeln. Mein Hintern fühlt sich an wie eine Eisbombe und schmerzt furchtbar an einer Weichteilstelle. Als ich am Leuchtturm ankomme, sitzt Dune mit mitleidigem Blick in der Türe und erwartet mich. Wort- und regungslos drücke ich mich an ihr vorbei. Sie war es, die mich im Stich gelassen hat. Sie ist einfach weggelaufen. Dann werde ich sie jetzt sicher nicht dafür loben, dass sie im Hausflur auf meine Heimkehr gewartet hat.

“Kleines? Was um Himmels Willen ist passiert? Wie siehst du aus? Du bist ja nass bis auf die Knochen!”

“Es ist nichts passiert.”

“Willst du mich veralbern? Du kommst nach Hause, siehst aus wie ein nasser Sack, sagst nichts, gehst an mir vorbei, lässt dir ein heißes Bad ein und sagst, es ist nichts passiert?!”

“Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.”

“Ach, und so nass bist du, weil dort, wo du warst, punktuell ein überdimensionaler Regenschauer runtergekommen ist oder was?”

“Nein, ich war im Rhein.”

“Du warst was? Im Rhein?”

“Im Rhein. In der Sieg war ich ja schon. Im Rhein noch nie!”

“Hallo? Spinnst du? Es ist November und draußen sind es drei Grad. Okay, es sind drei Grad plus, aber es sind drei Grad. Du hättest dir den Tod holen können!”

“Stimmt, hätte ich. Und?”

“Wie und? Was ist denn los mit dir?”

“Stimmt, hätte ich. Ich bin aber hier. Lebe noch. Und jetzt nehm ich ein Bad!”

“Kleines, bitte rede doch mit mir! Was ist denn passiert?”

“Es ist nichts passiert Schatz. Ich war blue, ich war moody und dieses Wasser hatte einfach eine furchtbare Anziehungskraft. Erst war ich mit den Füßen drin, dann kam ein Tanker, dann ne Welle, von der Unterströmung brauch ich dir ja nichts zu erzählen, und dann lag ich halt drin – umarmt von Vater Rhein, besser als von keinem Vater umarmt zu werden, oder?”

“Du bist auf Stress aus, oder?”

“Nicht wirklich. Ich hab nur keinen Bock da jetzt ein Drama draus zu machen. Darf ich jetzt baden?”

“Tschuldigung. Ich dachte nur du wolltest…”

“Was wollte ich? Schluss machen? Die Welt rausschmeißen. Hey du, das ist dein Job, dein Privileg, darauf hast du ein Abo. Ich wollte nur ans Wasser und nicht gleich ins Wasser. Zumindest nicht so. Mach dir keinen Kopf. Deine Kleine rastet nicht gleich aus und verabschiedet sich vom Leben, nur weil der wichtigste Mensch es wieder nicht geschafft hat. Wenn du mit den Rückfällen leben kannst, kann ich es schon lange. Ich liebe dich so wie du bist. So wie ich dich kennen gelernt hab. Und wenn der Dreck dazu gehört, dann ist es eben so.”

“Darf ich mit in die Wanne?”

“Darf ich mir auch nachher Einen drücken? Nee??? Also. Noch Fragen?”

Ich hasste diese Diskussionen, die eigentlich niemand brauchte, die aber doch immer wieder irgendwie Klarheit schafften und nötige Grenzen setzten.

Dass der R4 nicht mehr vor dem Turm steht, ist mir gar nicht aufgefallen. Als ich hochkomme, ist die Koje gemacht, es ist aufgeräumt, Max ist weg und Jacques auch. Kein Wunder, dass mich Dune so dämlich angeglotzt hat, als ich eben kam. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Nein, es ist fast schon ein Briefchen. Da ich Max Handschrift kenne, gehe ich davon aus, dass diese für einen Doktor vollkommen untypische klare Handschrift, die von Jacques sein muss. In dem Alter möchte ich auch noch so eine schöne Handschrift haben, wobei ich die heute schon nicht mehr habe. Dank Rechner und Tastatur, wird einem Menschen das Schönschreiben ja richtiggehend abgewöhnt. Auch habe ich mir abgewöhnt, erst zu denken und dann zu handeln. Das kann man zumindest annehmen, wenn man mich dabei beobachtet, wie ich mich gerade mit triefenden Klamotten auf die Couch setze. Jetzt ist sie eh nass, dann kann ich auch sitzen bleiben.

„Mach dir keine Sorgen“ – Nette Form einen Brief zu beginnen, und so sinnig in dieser Situation

„Max geht es nicht sehr gut“ - Ach was, wie kommt er denn darauf? Wieso bin ich so aggressiv? Vielleicht wegen der nassen Klamotten.

„Ich soll dir ausrichten, dass du dir keinen Kopf machen sollst.“ - Zu spät, würde ich sagen.

„Ich habe Max erstmal mit zu mir genommen. Meine Frau wird ihn schon wieder hochpäppeln.“ - Und das vollenden, wozu ich nicht in der Lage war.

„Lass ihm einfach ein bisschen Zeit. Er wird sich in den nächsten Tagen bestimmt bei dir melden.“ – Bis dahin bin ich erfroren, wenn ich jetzt nicht zum Ende komme.

„Die Tiere habe ich noch schnell gefüttert. Ich weiß ja nicht, wann du wieder zurück bist.“ – Ich bin hier und meine Finger sind so kalt, dass ich die Dosen sowieso nicht aufbekommen hätte.

„Nun lass dich ganz herzlich umarmen.“ – Besser nicht – ich bin nass.

„Auch von Max und er sagt, dass er dich liebt.“ – Ach, darum hat er sich entführen lassen.

„In Freundschaft, Jacques“

Wie lange ich hier schon sitzen mag? Die halbe Sitzfläche der Couch ist durchnässt, demnach also schon ein Weilchen. Die Finger sind blau gefroren und meine Lippen und Zähne klappern aufeinander im Tempo einer Maschinengewehrsalve. Jetzt aber nichts wie ab unter die heiße Dusche, sonst bin ich Morgen wirklich tot. Die Jeans sitzt, wahrscheinlich das aller erste Mal, bombenfest und ich brauche eine Ewigkeit, um sie mir vom Körper zu schälen. Meine Haut ist klamm und eiskalt, darum bin ich lieber vorsichtig bei der Dosierung des heißen Wassers. Es tut so gut, es tut so unglaublich gut, das warme Nass zu spüren. Und auch wenn es kaum mehr möglich scheint, bekomme ich eine weitere Gänsehaut, die sich wohl einfach über die Erste drüberstülpt. Ganz vorsichtig drehe ich das heiße Wasser auf und ich bilde mir ein, dass es auf meiner Haut nur so zischt. Dichter Nebel macht sich in der Kabine breit. Ich hocke mich hin, stütze meinen Kopf in die Hände und weine. Am Liebsten möchte ich jetzt einen Boxkampf austragen. Mich mit einem ebenbürtigen so lange prügeln, bis einer von uns aufgibt. Ich bekomme Angst vor mir selber. So aggressiv kenne ich mich gar nicht. Und wenn so ein Zustand sich mal angenähert hat, war es nach der Urschreitherapie, wie ich sie bereits am Strand durchgeführt habe, hundertprozentig erledigt. Doch heute ist wieder einmal alles anders, scheinbar verzwickter, unverständlicher, trauriger.

Das Verhalten von Max kann ich nicht einordnen. Was hat ihn verstummen und schließlich flüchten lassen? Das entspricht alles so gar nicht diesem verworrenen Bild, das ich bis heute von ihm hatte. Er liefert mir Puzzleteile, die überhaupt nicht zu passen scheinen. Sie sind andersförmig, andersfarbig, andersfühlig. Da machte die Parallele einen Knick und die eine Gerade führt nun in eine ganz andere Richtung. Ich lasse mich auf meine vier Buchstaben hinab und stelle fest, dass es dort immer noch furchtbar schmerzt und brennt. Vorsichtig taste ich die Stelle ab und komme zu der Diagnose “Arsch aufgerissen”. Irgendwo muss ich mich an einem spitzen Stein geschnitten haben. Das kann nur im Wasser passiert sein, als ich wie ein Klops durch unter den Wellen hergetrudelt bin. Mein späterer Blick auf meine Jeans, wird mir diese Theorie bestätigen. Ziemlich mittig auf der rechten Pobacke prangt eine dicke 5 und gewährt mir den Durchblick.

Diese Dusche ist einfach der Hammer. Das Wasser wird warm, es ist warm, es bleibt warm und es spielt gar keine Rolle, wie lange es dauern soll. Meinetwegen ewig. Ich möchte hier vorläufig nicht mehr weg. Ich will es rieseln hören und ich will es spüren. Das Streicheln meiner sich aufwärmenden Haut, es tut so wohl. Sitzen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis sich irgendwer hier her verirrt, der mir das Wasser abdreht, oder bis Dune mich heraus schubbst. Von außen klingt ein klägliches Maunzen an mein Ohr. Fee scheint mich zu vermissen, oder ihr siebter Sinn sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Als ich hinter der Duschabtrennung vorschaue, sehe ich, wie sie sich auf meinen nassen sieben Sachen zusammen rollt. Das kann nicht bequem und kuschelig sein. Wahrscheinlich ist es einfach mein Geruch, der sie zu dieser Haltung treibt. Mein Geruch und der Duft der großen weiten Seewelt da draußen. Mittlerweile ist der Abend angebrochen, es ist dunkel. Es ist dunkel und ich sitze immer noch unter dem Duschstrahl, der mich mit der Wärme verwöhnt, die der Rest der Welt gerade schmählich vermissen lässt.





Es ist noch nicht Tag,

27 10 2009

Es ist noch nicht Tag, und wenn dieser Nochnichttag in seiner Folge so fad schmeckt wie mein erster Kaffee, dann erfinde ich den achten Tag der Woche – den Nochnichttag. Wäre Dune nicht so furchtbar unruhig, hätte ich sicher noch das eine oder andere Stündchen schlafen können, zumindest so lange, bis es einigermaßen hell ist draußen. Doch der Nebel, der vor dem Bullauge seine Wellen schlägt, verspricht einen ähnlichen Tag wie gestern. Dune ist einfach nicht zu beruhigen. Unruhig läuft sie durch die Stube, steht immer wieder an der Treppe und junkert und ab und an läuft sie auch hinunter und kratzt an der Tür. Die habe ich ihr schon mindestens dreimal geöffnet, aber sie will nicht raus, weil sie muss, da muss was anderes hinter stecken. Sie muss jetzt erst einmal damit zurecht kommen, dass ich noch nicht so weit bin. Ich brauche etwas länger um in die Puschen zu kommen. Zwar beeile ich mich, doch bin ich für meine Hündin nicht schnell genug. Sie wird nicht nur immer hektischer, sondern auch immer lauter in ihren Äußerungen und ich bekomme fast Aggressionen ob dieser Hetze. Sie weiß doch, dass ich nicht zu den Stehauffrauchen gehöre, die von der Matratze in den Tag hüpfen und mit diesem Speed durch das Leben sausen. „Boah Dune. Es ist gut jetzt!!! AUS!!! Ich mach doch schon. Schneller geht’s halt nicht!“ Wie vom Donner gerührt verharrt mein Haustier für einen Augenblick in ihrer Haltung, schaut mich irritiert mit ihren bildhübschen Augen an und beginnt von Vorne.

Genau achtundzwanzig Minuten des Terrors habe ich nun hinter mich gebracht und ich bin heilfroh, als wir endlich den Turm verlassen können. Im Brusttaxi trage ich Fee und Kleine Düne spazieren, während Dune voraus prescht, laut bellend, fast aggressiv und nach ein paar Sprüngen immer wieder zu mir zurückkehrt, um mich mit gleichem Wortlaut anzutreiben. Vielleicht sind die Delfine wieder da und sie versucht mir das irgendwie mitzuteilen. Aber das geht doch auch weniger panisch und ruhiger?! Ohne es selbst gleich zu bemerken, stapfe ich einen Schritt schneller durch den schweren Sand. Und das erste Mal höre ich mich, wie ich über die Wetterumstände wirklich nöle. Zum Barfußlaufen ist es viel zu kalt, das gäbe Frostbeulen an den Füßen. Und für ein lockeres Walking in Gummistiefeln bin weder ich geschaffen, noch ist der Sand dazu wirklich geeignet. Doch die Unruhe meiner Hündin überträgt sich auf mich und leise schleicht in mir der Verdacht auf, dass irgendwas mit Max vielleicht nicht stimmen könnte. Hunde haben doch so einen siebten Sinn. Ich rufe mir seine eigenartige SMS in den Kopf und in meinem Herzen zieht sich alles zusammen. Ja sicher! Natürlich! Das ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Wenn Dune Max schon hören kann, bevor ich ihn höre, dann fühlt sie vielleicht auch, dass es ihm schlecht geht. Darum ist sie so nervös und so zickig.

Neben den schweren Schritten macht mir die mangelnde Sicht arg zu schaffen. Ich kann kaum einen Meter weit nach vorne schauen, und wenn Dune losläuft, ist sie bald aus meiner sehenden Wahrnehmung verschwunden und ich höre nur noch kläffenden Nebel. Doch das alles darf mich jetzt nicht aufhalten oder verlangsamen. Ich hoffe, dass von der Brühe nachher noch etwas in dem Topf ist und sich nicht alles in meinen Rucksack ergossen hat. Viel mehr hoffe ich aber, dass Max sie überhaupt noch genießen kann. Horrorszenarien spielen sich vor meinem geistigen Auge ab. Vielleicht ist er beim Dachflicken gestürzt und hat sich was gebrochen? Ganz langsam und schleichend macht sich in mir dieses Gefühl breit, das ich das letzte Mal vor gar nicht all zu langer Zeit hatte – als Dune verschwunden war. Diese Sorge, gepaart mit Angst. Diese Hilflosigkeit im Kontrast zu dieser Panik. Klare Gedanken sind nicht mehr möglich und mit jedem Schritt werden meine Selbstgespräche lauter. Alles wird gut. Es ist nichts Schlimmes. Vielleicht hat er nur seine Tage. Alles wird gut. Gleich bist du da und du kannst ihn umarmen. Er hat dir gesmst also lebt er. Nur Lebende können ein Handy bedienen. Und wenn er mit seinen großen Händen noch die kleinen Tasten drücken kann, dann kann es so schlimm nicht sein. Aber das war gestern. Vielleicht geht es ihm heute schon viel schlechter. Warum sonst sollte Dune so ausflippen? Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.

Autsch! Verdammt was ist das jetzt? Ich war so mit meiner Gebetsmühle zu Max Zustand beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich schon längst angekommen bin. Also bin ich direkt in die Stiege gelaufen und habe mich fast der Länge nach drauf gelegt. Gott sei Dank konnte ich mich noch abfangen, sonst hätte es Kieferbruch bei mir und mindestens böse Quetschungen im Brusttaxi gegeben. Zwar kann ich mich über eine mangelnde Oberweite nicht beschweren, im Gegenteil, aber ob die Milchtüten als Airbags wirklich was taugen, möchte ich bezweifeln.

Dune läuft um den Pfahlbau herum und bellt sich schlapp. Ich rufe sie herbei und versuche sie irgendwie zu beruhigen. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihr klar machen soll, dass ich sie nicht die Holzsprossen hinauf gewuchtet bekomme und darum erstmal alleine vorgehe. Natürlich versteht sie mich nicht und so steigert sich ihr Gekläffe auch noch einmal mächtig, als ich die ersten Stufen nach oben klettere. Doch dann, als hätte jemand bei ihr den Ausknopf gefunden, den ich mir dann unbedingt noch zeigen lassen muss, setzt sie sich vor die Leiter und schweigt. Naja, sie schweigt nicht wirklich. Das Gejunker ist aber schon um ein Vielfaches angenehmer als ihr Gebrüll.

Erst ganz leise und dann etwas heftiger klopfe ich an der schweren Holztür, an der eigens für diesen Zweck ein Schlagring im Maul eines Gargoyles befestigt ist. Diese Tür erinnert mich immer an den Film „Das Labyrinth“ mit David Bowie – wo dieses Mädchen die Frage nach Wahrheit und Lüge beantworten muss. Aus dem Inneren des Turms ist nichts zu vernehmen und ich drehe vorsichtig den dicken Türknauf, natürlich erstmal nach links, woraufhin sich so gar nichts öffnen lässt. Eine neuerliche Drehung in die richtige Richtung lässt die Türe aufspringen und ich öffne sie einen Spalt, gerade so weit, dass ich mein Haupt hindurch strecken kann. Es ist ziemlich dunkel, da Max rundum die Gardinchen zu gezogen hat. Nachdem sich meine Augen an die halbe Dunkelheit gewöhnt haben, entdecke ich das Bett und Max darin. Keine Bewegung, kein Anzeichen dafür, dass er mein Kommen registriert hat.

„Max? Max? Bist du wach?“

Eine der wohl dämlichsten Fragen, die man jemandem stellen kann, der gerade im Bett liegt. Hat er nämlich geschlafen, dann hat er geschlafen und ist oder wird spätestens jetzt wach. Ich kann über mich selbst mal wieder nur den Kopf schütteln und traue ich mich in die Stube hinein. In kleinen Schritten gehe ich auf das Bett zu und je näher ich komme, um so lauter wird dieses röchelnde und rasselnde Geräusch, das ich nur zu gut kenne. Scheiße. Verdammte Scheiße noch mal. Du dämlicher Idiot. Warum machst du einen auf cool mit deiner SMS, anstatt zu schreiben was los ist? Als ich bei Max ankomme, spüre ich, ohne ihn anzufassen, die Hitze, die von ihm aufsteigt. Die Atemgeräusche dazu genommen, gehe ich von einer deftigen Lungenentzündung aus. Der Ofen ist aus und es ist nicht wirklich wärmer hier drin als draußen. Als erstes muss das Fieber runter, von dem ich gar nicht wirklich wissen will, wie hoch es ist. Und wenn es dann temperaturtechnisch in den Keller geht, muss ich ihn zu mir in den Turm schaffen. Notfalls mit Gewalt. Er wird mich hassen, weil ich seinen R4 entweihe, in dem ich führerscheinloses Wesen ihn damit zum Leuchtturm bringe. Aber damit kann ich besser umgehen, als ihn für alle Zeit an die Meergötter zu verlieren.

Als hätte ich nie etwas anderes getan, schmeiße ich den Ofen an und setze Wasser auf. Wenigstens gut eingekauft hat er vorher. Ich versuche nicht daran zu denken, was eine Lungenentzündung mit einem alten Mann alles anstellen kann. Ich funktioniere. Stube heizen, Wasser kochen, Wadenwickel machen, ihm einen frischen Pyjama anziehen und die Zudecke austauschen. Weiß der Geier warum er alles in mehrfacher Ausführung hier hat, wo das doch nur sein Zweitwohnsitz hat, aber es ist gut so wie es ist, so habe ich eigentlich perfekte Voraussetzungen, ihm zu helfen. Die durchgeschwitzten Sachen koche ich kurz aus und hänge sie dann zum Trocknen über den Ofen. Ebenso verfahre ich mit der Decke – allerdings ohne sie vorher zu waschen. Dafür hätte ich dann doch gerne meine gute Bosch, nebst Herrn Trockner.

Dass ich Fee und Kleine Düne noch immer an der Brust mit mir herumschleppe merke ich erst, als mich Fee mit ihren Krallen bearbeitet. Oh Mann, denen muss ja vollends übel geworden sein. Aus Küchenhandtüchern und trockenen Aufnehmern, die ich in diesem gut sortierten Pfahlbau finde, baue ich den beiden ein kuscheliges Nest nahe dem Ofen in einem Einkaufskorb. So können sie, beziehungsweise so kann Fee auch nicht heraus, ohne dass ich es hören würde. Die wohlige Wärme des Ofens scheint sie auch gleich einzulullen und beide schlafen sofort ein.

Viele erste Handgriffe sind getan und ich muss mir eingestehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Hier in dem Pfahlbau klappt das alles nicht. Entweder brauche ich Hilfe, noch zwei bis fünf weitere Hände oder Max muss in den Turm, wo ich, als knochenkrankes und leicht hypochondrisches Wesen auf alle Eventualitäten eingerichtet bin. Wer braucht schon Ärzte und Krankenhäuser. Davon hatte ich in der Vergangenheit wahrlich genug. Notsituationen erfordern besondere Maßnahmen. Das hier ist eine Notsituation und ich hoffe Max wird mir das irgendwie verzeihen können. Ich durchsuche seine Klamotten nach dem Handy. Weit kann es nicht sein, hat er mir doch gestern noch diese Kurzmitteilung geschickt.

Ohne Probleme könnte ich dem Sandburgenbauer jetzt einen Zugang legen, aber bei der Suche nach seinem Telefon werde ich super nervös. Normal ist das nicht. Aber ich hasse so etwas. Meine ausgeprägte Neugier hin oder her, ich mag nicht in fremden Sachen herumwühlen. Das konnte ich noch nie und nur weil dies eine Notsituation ist, wird das Gefühl einen Vertrauensbruch zu begehen nicht schwächer. Doch es muss sein. Ah unterm Bett. Ich sehe wie etwas unter dem Bett aufblinkt und greife mir das Gerät. Max hat acht Anrufe in Abwesenheit. Na, der ist ja noch ignoranter als ich. Eine neue SMS ist auch gerade gekommen. Aber das alles interessiert mich jetzt nicht. Im digitalen Telefonbuch suche ich nach irgendwas, das wie Jacques klingt und werde fündig. Jacques muss mir irgendwie zur Hilfe eilen. Ich weiß noch nicht, wie diese Hilfe aussehen kann, aber sie muss her. Jacques muss her. Der beste Freund, der weise, greise Mann, der Dune gerettet hat. Ein alter Viehdoktor, der alles dafür geben wird, seinem Freund zu helfen.

Hektisch wähle ich den Eintrag aus und versuche die Verbindung herzustellen. Gott sei Dank, es klingelt. Eigentlich ist es Schwachsinn. Jacques kann vor heute Abend nicht hier sein. Aber vielleicht hat er ja eine gute Idee. Nach dem fünften Klingeln hebt ein Mädchen auf der anderen Seite ab und meldet sich ordentlich und mit vollständigem Namen, den ich gar nicht verstehe. Ich weine, ich brülle, ich rede wirr daher und es dauert eine ganze Weile, bis mich eine der Enkelinnen, die ich wohl an der Strippe habe, darüber aufklären kann, dass ihr Papa und ihr Opa schon seit ganz früh unterwegs sind um Max zu besuchen. Danach kommt noch Jacques Frau ans Telefon, die mich dann wirklich wieder runter holt von meiner Sorgenpalme. Es könne nicht mehr lange dauern, sie seien schon vor Stunden los gefahren und müssten bald eintreffen. Jacques hat seit vorgestern versucht seinen Freund zu erreichen und gar keine Reaktion erfahren, woraufhin er sich voller Sorge seinen Sohn schnappte und auf den Weg machte. Ganz kurz fährt mir die Frage durch den Kopf, wieso sich Max bei mir antwortend meldet aber nicht bei seinem Uraltfreund reagiert. Doch ich denke diesen Gedanken nicht zu Ende.

In dem Moment, wo ich mich von Jacques Frau verabschiede, betreten zwei Männer den Raum. Einer der beiden trägt meinen Hund im Arm, der ungeduldig rumzappelt und endlich wieder festen Boden unter den Pfoten wünscht. Im Gegenlicht erkenne ich Jacques und ich falle dem alten Mann in die Arme und beginne einfach nur hemmungslos zu weinen. Danke. Danke wem auch immer. Danke, danke, danke.

Jetzt wird alles wieder gut.

Mit der tränenreichen Umarmung trete ich alles an Jacques ab. Ich übergebe ihm meine Angst, meine Sorgen, meine Hilflosigkeit, meine Liebe zu Max, meine Erinnerungen. Mit seiner festen und starken Umarmung nimmt mir Jacques alles ab. Er nimmt mir die Last, die Sorge, die Hilflosigkeit, die Angst und meine Erinnerungen, nur die Liebe zu Max, die teilt er mit mir.





Was Max betrifft

23 10 2009

Was Max betrifft, vertraue ich mir schon lange. Ich verstehe ihn nicht immer. Dich habe ich auch nicht immer verstehen können. Aber ihn versuche ich zu verstehen und gebe nicht auf, so wie ich auch bei dir nie aufgegeben habe. Ich horche auf mein Herz und es sagt mir immer wieder, dass Max einer der wirklich guten Menschen in meinem Leben ist. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, und folge ihm noch immer. Das zeigt sich darin, dass ich in Max vertraue. Dass ich mich auf ihn einlassen kann. Sicher nicht in so weit, wie ich es mich auf dich habe können. Aber ich lasse mich schon auf sehr viel ein und stelle immer wieder fest, wie nah er mir ist und wie sehr dieses Vertrauen belohnt wird. Ob alles wirklich gut wird, weiß ich nicht. Das kann ich noch nicht ermessen. Ich wünsche es mir. Ich wünsche es dir. Ich wünsche es Max und ich wünsche, dass das alles, was gut wird, hier gut wird. Hier am Strand, hier am Fuße des Leuchtturms, der mein neues Zuhause ist und vielleicht schon viel mehr Zuhause ist, als es je ein anderer Ort war.

Seit sicher mehr als einer Stunde sitzen wir nun schon im Pfahlbau, um diesen prächtig geschnitzten kleinen Tisch, mit Kerze und mit heißer Schokolade vor uns. Ich nuckele nervös an meiner vierten Zigarette seit Ankunft und Max sitzt in einem wunderschönen riesigen Ohrensessel und raucht seine Pfeife. Ein seltener Anblick, und eigentlich hatte ich schon vermutet, er hätte das Rauchen aufgehört. Max erzählt mir vom Entstehen des Pfahlbaus. Und mit jedem seiner Worte wird mir bewusster und klarer, wie viel Liebe hier verbaut ist. Wie viele Gefühle er in diese Unterkunft hat einschnitzen lassen. Trotz aller Schlichtheit, strahlt jede kleinste Holzlatte im Detail soviel Stärke, Trotz, Sehnsucht und Liebe aus. Während Max erzählt, lasse ich meinen Blick ganz genau durch jede Ecke des Raumes gleiten und ich bin mir sicher, er hat dieses Haus auch gebaut, um seinen Sohn ein Stück näher zu sein. Um das zu leben, was er nie leben durfte, diese Liebe zu seinem Kind, die Liebe, die er von einem Tag auf den anderen hat nicht mehr zeigen können und dürfen. Und ich wünsche meinem Max von ganzem Herzen, dass er seinem Jungen hier so nah sein kann, wie ich es im Turm dir bin.

„Und? Überraschung gelungen?“ Mit dieser an mich gerichteten Frage beendet Max seine Erzählung und ich erschrecke fast ein bisschen, bei der persönlichen Ansprache. Ich fühle mich ein bisschen ertappt und stottere etwas von „mehr als das“ vor mich hin. Max kommt auf mich zu, geht vor mir in die Hocke, nimmt meine Hände in seine großen Sandburgenbauerhände und fragt mich, ob ich an dich denke.

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es nicht, sonst würde ich nicht fragen. Ich kann es mir nur denken. Deine Augen. Dein Blick. Dieser sehnsüchtige Ausdruck in deinem Gesicht. So schaust du immer aus, wenn du an ihn denkst.“

Meine Hände kuscheln sich ganz eng in Max Hände ein und ich antworte ihm, dass ich gar nicht so genau sagen kann, woran ich gerade alles denke. Sicher auch an dich. Aber eben auch an viele andere Sachen. Dass ich versuche mir ein paar Fragen zu beantworten. Und dass ich mich unglaublich wohl fühle in seinem neuen Domizil. Max lächelt, zieht mich zu sich heran und sagt: „Tja kleine Freundin, so hat jetzt jeder von uns seinen Zufluchtsort am wohl schönsten Platz der Erde. Am Meer.“

Das Bett, das in dem scheinbar einzigen Raum des Pfahlbau steht, ist ein gusseisernes Monster mit nicht weniger detailreichen Verzierungen, wie der ganze Bau als solcher. Es ist nicht breiter als ein normales Bett, dafür länger, was mich nicht verwundert bei Max Größe. Höher ist es auch, wahrscheinlich damit der „alte Mann“ sich nicht so weit hinunter bücken muss zum Einsteigen. Am Kopfende der Schlafstätte steht ein kleiner Tisch mit wundervoll gedrechseltem Tischbein. Ähnlich einem Bistrotisch, nur nicht so hoch und oben auf liegt eine Holzplatte mit Intarsien verziert. Da ich von hier aus nicht erkennen kann, was für ein Motiv die Tischplatte ziert, löse ich mich aus der wohligen Händeumklammerung, gebe Max einen Kuss auf die Nase, die gerade so praktisch vor meinem Mund ist, und drücke mich an ihm vorbei um aufzustehen. Ich gehe zum Bett und setz mich auf dessen Kante und betrachte den Tisch. Ich kann es echt nicht fassen, wie schön diese Arbeit ist. Ein Leuchtturm, der auf einem Felsen aus dem peitschenden Meer hinausragt. „Hat den Tisch auch dein Freund gemacht?“, frage ich Max. „Nein, das ist so was wie ein Erbstück. Als mein Sohn noch recht klein war, war ich mit ihm zusammen auf einem Flohmarkt. Wir liebten Floh- und Trödelmärkte und der Kleine war immer super stolz, wenn sein großer starker Vater tolle Spielsachen für ihn erhandelt und erfeilscht hat. Wenn Sohnemann nicht mehr laufen mochte, trug ich ihn auf meinen Schultern umher, und diesem Umstand verdanke ich diesen Tisch. Eigentlich war ich gerade dabei ein olles Teeservice zu begutachten, als mein Sohn von oben schrie „Papsi, Papsi, Leuchtsturm, Tisch mit Leuchtsturm, Papsi!“ Als erstes wollte ich mich schlapp lachen über den Ausdruck Leuchtsturm und als ich mir dann dieses Tischchen ansah, habe ich mich so in ihn verliebt, dass ich fast vergessen hätte, um ihn zu feilschen. Ich glaube, ich hätte jeden Preis für ihn bezahlt, was der Verkäufer aber Gott sei Dank nicht bemerkte. Der Tisch kostete mich immer noch ein kleines Vermögen, aber er war jeden einzelnen des guten alten Pfennigs wert.

Beim Wort LeuchtSturm überkommt mich zum x-ten Mal an diesem Tag dieser wohliger Gänsehautschauer. Leuchtsturm. Leuchtstürmischer Glückstag. Und da ist es wieder. Dieses Gefühl der Nähe, die ich noch immer nicht ganz verstehen, aber dafür umso deutlicher spüren kann. Dieses Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, wie ich es eigentlich nur von dir und dem Turm kenne.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und noch etwas fällt mir an diesem Tisch auf. Oder besser gesagt, es fällt mir jetzt erst richtig auf diesem Tisch auf. Neben einem Uralt-Wecker der Marke, „Steh auf oder ich bimmel dich zum Hörsturz“, steht ein ganz abgegrabbelter grauer Elefant mit Knopf im Ohr. Die Flusen um den Knopf deuten darauf hin, dass er mal recht plüschig gewesen sein muss und bei genauer Betrachtung fällt mir weiter auf, dass der kleine Kuscheldickhäuter aus der gleichen Reihe sein muss, wie ich den Fanti von dir habe. Ich frage Max, ob ich ihn mal genauer anschauen darf und nachdem er mit einem kurzen „Ja klar“ antwortete, schiebt er noch ein „Der ist von meinem Jungen übriggeblieben“ hinterher. Meine anhaltende Gänsehaut erhebt sich um ein oder zwei weitere Millimillimillimillimeter, kaum wahrnehm- aber spürbar.

„Ich glaube“, flüstere ich Max zu, indem ich den Elefanten wieder an seinen Platz auf den Tisch zurückstelle, „ich glaube, ich hätte deinen Sohn verdammt gern gehabt.“

„Ja“ entgegnet Max, „ich bin mir schon seit einiger Zeit sicher, dass ihr euch richtig gut verstanden hättet.“ Und ich kann sehen, wie sich mein Sandburgenbauer ein paar Tränen hilflos aus dem Gesicht wischt.

Zwei heiße Schokoladen und drei Tote Tanten später packt uns das schlechte Gewissen, weil wir die Tiere jetzt schon so lange alleine gelassen haben. Gemeinsam räumen wir schnell auf und zusammen, und machen uns auf den Weg zurück in den Leuchtturm, wo sicher schon zwei hungrige Mäuler auf uns warten. Mäulchen Nummer Drei sitzt, beziehungsweise liegt ja direkt an der Quelle und Dunes Milchbar macht nicht den Eindruck, als würde sie von jetzt auf gleich versiegen. Beim Abschließen des Pfahlbaus zeigt mir Max, wo er den Schlüssel versteckt, und lädt mich ein, immer sein Gast zu sein, wenn mir danach sei. Auch wenn er nicht da wäre, könnte ich jeder Zeit in seinem Heim Unterschlupf finden. Da ist es wieder. Flashback. Rückblick. Das kenne ich doch. Kenne ich das? Nein, nicht so, und doch irgendwie.

Hand in Hand spazieren wir schweigsam, und dank der Toten Tanten nicht mehr in ganz gerader Linie zurück nach Hause. Ich bin komplett überwältigt und beeindruckt von den Ereignissen, Geschehnissen und all dem, was ich erfahren habe, an diesem Tag. Was mich aber auch über diesen letzten Spaziergang für heute noch weiterführend beschäftigen wird, sind diese vielen kleinen und großen Parallelen zwischen Max und dir oder besser gesagt, zwischen Max, seinem Jungen und dir. Ich bringe es alles noch nicht zusammen und mir stellen sich beinahe minütlich immer mehr Fragen, auf die ich Antworten finden möchte. Aber eines ist für mich klar. Es gibt Zufälle, die sind zu zufällig, um Zufälle zu sein. Und ich habe davon abgesehen auch noch nie wirklich an Zufälle geglaubt – so wie du auch, bin ich der Meinung, dass alles, was einem im Leben passiert, irgendwie vorbestimmt ist. Über das von wem es vorbestimmt ist, darüber scheiden sich Geister, aber es geschieht nichts einfach nur so – und solche Parallelen müssen einen Ursprung haben, und ich bin mir fast sicher, dass es durchaus Parallelen gibt, die sich irgendwann doch berühren oder berührt haben in ihrer Entwicklung. Mit einem Mathematiker würde ich mich auf solch eine Diskussion nie einlassen, aber vielleicht bekomme ich ja eines Tages mal Max dazu, das mit mir auszudiskutieren.

„Du, Kleines?“ Max unterbricht die Stille des Spaziergangs. „Darf ich dich was fragen?“

„Sicher, weißt du doch Großer!“

„Eigentlich ist es eher eine Bitte, oder ein Wunsch. Ach, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Meinst du, du könntest mir irgendwann mal mehr über ihn erzählen? Wie ihr euch genau kennen gelernt habt. Was ihn so für dich ausgezeichnet hat und ja auch heute noch auszeichnet? Bitte halte mich jetzt nicht für super neugierig oder so. Mich interessiert es wirklich, wie er war, wie der Mensch beschaffen ist, der deiner bedingungslosen Liebe und Zuneigung, über seinen Tod hinaus, so würdig ist.“

Einen Moment lang, muss ich nachdenken, bevor ich darauf antworten kann. Ich überlege, ob ich jemals zuvor von dir so gesprochen habe, so ausführlich, wie es sich Max wünscht. Ich frage mich, ob ich das eigentlich will, und wenn nicht, warum nicht.

„Machen wir einen Deal?“ entgegne ich Max, der mich unaufhörlich anschaut und sichtlich auf eine hoffentlich positive Antwort wartet. „Ich erzähle dir von ihm, und du mir von deinem Sohn.“

Im Schatten meines Leuchtturms findet Max seine Stimme wieder. „Okay, einverstanden – aber du fängst an. Nicht heute. Vielleicht Morgen. Kann ich dich jetzt alleine lassen? Ich mag noch ein bisschen spazieren und nachdenken.“

„Ja sicher großer Sandmeister. Dann wünsche ich dir einen schönen Abend und eine noch schönere Nacht. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Wir lassen die Geschichten einfach auf uns zu kommen. Ich hab dich lieb Max.“

Als ich die letzten Worte über meine Lippen kommen höre, gebe ich ihm noch rasch einen Kuss und verschwinde in den sicheren Mauern meines Zuhauses. „Ich dich auch, Kleines!“ Höre ich noch gerade so, bevor ich die Türe schließe und das Sein meines Max, dem Resttag vertrauensvoll in die Hände lege.

Je weniger, desto mehr,

je kleiner, desto größer,

je offener,desto verdeckter.

Je weniger von ihm sichtbar ist, desto mehr bekomme ich Angst.

Je kleiner er wird, desto größer wird die Furcht.

Je verdeckter er sich zeigt,desto offener zeigt sich die Angst in mir.

Lange ist es her. Undenkbar lange?

Nein, nicht undenkbar, denke ich doch jeden Tag daran,

was damals geschah, als du mich fandest.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Nein, sie ist in der Lage viele Wunden zu heilen, aber diese nicht.

Diese Wunde ist nicht zum Vernarben gemacht.

Diese Erinnerung ist nicht zum Verblassen gemacht.

Dieser Schmerz ist nicht zum Vergehen gemacht.

Dieses Theater ist nicht für einen letzten Vorhang gemacht.

Wenn Wunden nicht vernarben,

Erinnerungen nicht verblassen,

Schmerzen nicht vergehen und

der letzte Vorhang dieses Theaters nicht fallen mag,

wie wenig bleibt denn dann?

Die Liebe.

Je weniger – Desto mehr?

Also doch!






Meine Vorfreude

22 10 2009

Meine Vorfreude auf den restlichen Tag wird schlagartig erhöht, als ich den alten R4 vorröhren höre. Ich breche alle Rekorde und bevor sich Max an der Tür die Hand wund hauen kann, öffne ich ihm bereits. Elfengleich hüpfe ich in seinen Arm und freue mich über die Erwiderung meiner Wiedersehensfreude. „Na ihr 2?“

„Bin ich erdickt, wie viele Tote Tanten hast du schon intus oder anders gefragt: Siehst du jetzt schon Doppelbilder altes Haus?“

Noch bevor mir Max die Frage beantworten kann, schiebt sich Dune an mir vorbei nach draußen. Schwanzwedelnd begrüßt sie jeden Schilfhalm mit Vornamen, beschnuffelt jede Sanderhöhung einmal rundum und strullert mit einem Ausdruck der absoluten Erleichterung im Hundegesicht an einen ausgewählten Platz im Sand. Sie sieht so glücklich aus. Glücklich und frei. Einmal spaziert Dune noch gemütlich um den Turm und humpelt wieder an mir vorbei nach oben. Wahrscheinlich rufen die Mutterpflichten.

Max umarmt mich ausgiebigst zur Begrüßung. Er vermittelt mir dieses bekannte Gefühl, dass nichts, aber auch gar nichts, mich bedrohen könnte, dass ich unabdingbar sicher bin und mich so fühlen darf. Es ist so lange her, dass ich so empfunden habe, so empfinden durfte. Und mit jeder Sekunde, die ich in den Armen des starken Sandbauers liege, sein Herz kräftig schlagen spüre und diese Sicherheit und dieses Urvertrauen fühle, mit jeder Sekunde spüre ich dich mehr und mehr. Dieses Gespür beginnt ganz sachte, wie ein „das kenn ich“, über ein „das mag ich“ bis hin zu diesem unglaublichen Gefühl es zu lieben, zu vermissen und nie wieder loslassen wollen. Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Wohlfühlen, ja und eine gewisse Form von Liebe gehen von Max auf mich über und ich fühle mich einfach nur gut. Als Max spürt, dass ich mich mehr und mehr in seiner Umarmung fallen lasse, beginnt er ganz langsam seine Umarmung zu lockern. Ein kleines Stück hält er mich von sich weg und fragt mich mit seinem unglaublich charmanten Lächeln um die Mundwinkel, ob wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen wollen? Klar, will ich. Ich mag die Luft atmen, das Meer hören, ich mag durch den Sand stapfen und schweigen, oder vielleicht ein bisschen reden, mehr über Max erfahren und das eine oder andere Déjà-Vu der letzten Zeit auflösen.

Ich laufe nach oben, verabschiede mich von Fee und Kleine Düne, frage Dune ob sie vielleicht mitkommen mag und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Max ist bereits ein paar Schritte vorgegangen und hat den Wassersaum schon fast erreicht. Dune hat Lust uns zu begleiten und folgt mir. Ich passe mein Tempo ihrem Humpeln an und mit jedem Schritt schaut sie mich, mit einer unglaublichen Dankbarkeit in den Augen, an. Als wir Max erreichen, springt meine Hündin ihm von hinten ins Kreuz und möchte ihn zu einer kleinen Rauferei ermuntern. Nur zu gerne lässt sich unser Sandburgenbauer darauf ein. Die Zwei kämpfen ein bisschen, während ich einfach nur den Blick über das Wasser genieße, die Möwen, die über uns kreisen beobachte und glücklich vor mich hin lächele.

Nach nur zwei oder drei Minuten bemerkt Dune ihre Grenzen. Sie ist eben immer noch recht schwach. Sie verabschiedet sich von Max, gibt mir noch einen dicken Schleck mit auf den Weg und trollt sich zurück zum Turm. Ich glaube, jetzt ist sie richtig angekommen. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist.

Max nimmt mich bei der Hand und nach einer Millisekunde, in der ich diese Energie spüre, wie sie aus seiner Hand in Meine überspringt, drücken wir beide fest zu und gehen los. Ich drehe mich noch einmal um, und bestaune meinen Leuchtturm, wie er sich in kräftigem Rot-Weiß vom Himmel und der Strandkulisse abhebend nach oben reckt.

Viel Glück

Deine Kollegen ein paar tausend Strände entfernt

kämpfen auch heute wieder gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes,

gegen die Stürme des Lebens.

Und der Himmel über dir mein Freund verheißt,

dass auch du heute einen Kampf ausfichst

gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes

und gegen den Sturm des Lebens

Viel Glück

Max greift mir von hinten um die Schulter und legt seinen starken Arm um meinen Hals. Wie ich dieses Gefühl der Rückendeckung liebe. So habe ich mit dir am liebsten irgendwo gestanden und etwas betrachtet – Nach vorne hin der gewünschte Ausblick, nach hinten hin dein starker Körper und die Kraft der Umarmung, die mich einlullte.

Ich lehne meinen Kopf an Max Brust an, schiele nach oben und kann sehen, wie er mit traurigem Blick meinen Blick zum Leuchtturm folgt.

„An was denkst du Großer, wenn du den Leuchtturm anschaust? Warum wirkst du so traurig?“

„Hmm.“

„Hmm – du musst nicht reden, wenn du nicht magst. Aber du schaust so nachdenklich und grüblerisch aus.“

„Ich denke an meinen Jungen, Kleines. Daran, wie er diesen Ausblick gemocht hätte. Wie er diesen Anblick geliebt hätte. Ich überlege, was er wohl denken würde, wäre er hier. Er hat das Meer und das Leben am und um die See so sehr geliebt. All das habe ich leider erst viel zu spät erfahren.“

„Tut ganz schön weh, hmm?! Darum bin ich hier. Damit dieser unendliche Schmerz endlich aufhört. Der Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht. Für mich ist das Leben hier die einzig denkbare Möglichkeit, ihm so nah wie möglich zu sein. Er ist mein Leuchtturm. Der Leuchtturm ist er. Und so lebe ich seine Liebe und diese Liebe, das Band, das uns verbunden hat, irgendwie weiter. Verstehst du, wie ich das meine? Und du tust das doch auch in gewisser Weise. Du hast deinen Lebensweg an den Strand gebaut. Du verfolgst mit jedem Schritt, den du durch den Sand gehst, die Liebe, die dich mit deinem Sohn verbindet. Die Liebe, die du nicht leben, nicht mit ihm erleben durftest. Nur hast du keinen Leuchtturm, in den du deine Gefühle, dein Vermissen, deine Sehnsucht, deine Liebe und deine Trauer steckst, sondern du baust sie immer wieder mit deinen Händen auf, in dem du diese göttlichen Skulpturen schaffst.“

„Das hast du schön gesagt, Kleines.“

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, spazieren wir weiter. Kurz bevor wir zur Bucht kommen und sie einsehen können, richtet Max noch mal das Wort an mich.

„Erinnerst du dich an die Überraschung, Kleines, von der ich gesprochen habe? Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit, um dich zu überraschen. Wobei es eigentlich gar nicht mehr wirklich überraschend für dich ist. Du hast sie ja schon entdeckt.“

„Sprichst du von dem Pfahlbau, Max? Ja, den hab ich schon gesehen, schon inspiziert und dank diesem Ding habe ich auch Trionarden mehr unbeantworteter Fragen in meinem Kopf, als mir lieb ist.“

Max lacht und Max schweigt. Ich mag ihn treten und knuffen. Ich hasse es, wenn jemand meine Neugier so auf die Folter spannt.

Am Pfahlbau angekommen, schubbst mich Max die Stiege nach oben und scheint vollkommen desinteressiert an meinen Lobhudeleien und –hymnen auf dieses Gebäude der besonderen Art. Auch wenn ich immer noch nicht verstehen kann, wie es jemand, ohne mein Wissen und ohne ein Bemerken meinerseits, hier in „meiner“ Bucht erschaffen konnte.

Max folgt mir, was mich einerseits sehr hetzt, da ich auf Treppen oder wie hier, solchen Holzleitern es gar nicht leiden kann, wenn mir jemand so dicht am Hintern klebt. Andererseits bin ich ganz froh, da diese Treppe eklig zu erklimmen ist und ich mich doch um ein Vielfaches sicherer fühle mit Max im Kreuz. Nicht, dass es einen Sturz verhindern würde, aber ich würde doch wesentlich weicher fallen. Oben angekommen, setze ich mich erstmal auf das immer noch einladend wirkende Bänkchen und atme meine Angst weg. „Ist das nicht genial?“, frage ich Max und beobachte, wie er einem der hölzernen Gargoyles über der Eingangstür ins Maul fasst und einen Schlüssel herauszieht. Mit dem Schlüssel öffnet er die Türe, die einen zwar recht leisen aber doch durchdringenden Quietschton von sich gibt. „Herzlich Willkommen beim ollen Sandmann, Kleines. Tritt ein, bring Glück hinein und fühl dich wie zu Hause. Magst du eine Schokolade mittrinken?“

Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Wochen, seit dem ich hier her gekommen bin und mich auf das Abenteuer, unseren Traum zu verwirklichen, eingelassen habe, nicht selten dämlich aus der Wäsche geguckt habe. Doch der Blick, der sich jetzt im Moment auf meinem Gesicht manifestiert, scheint durch nichts zu übertreffen zu sein. Gemessen an den Hunderten Fragen, die sich gleichzeitig durch das Netz meiner Gedankengänge schaufeln, muss ich saudoof aus der Wäsche gucken.

„Ent – Entschuldige Max, ich weiß, du bist kein Mann wirklich großer Worte. Aber hierzu brauche ich doch ein bisschen mehr Text. Wie zu Hause? Wie beim ollen Sandmann? Wieso weißt du, wo der Schlüssel ist?“

Wieder lacht Max – und diesmal bin ich mir sicher, dass er mich nicht an- sondern auslacht. Ich weiß zwar nicht, was daran jetzt so furchtbar komisch ist, aber ich harre des Endes dieser Lachsalve und hoffe auf Erklärungen.

Der Sandburgenbauer braucht ein bisschen, bis er sich wieder beruhigt und dann erklärt er mir, dass das sein Pfahlbau ist, auf dem, bzw. in dem wir gerade über der Bucht thronen. Es hat ihn einige Mühe gekostet, bis er endlich jemanden gefunden hat, der ihm eine Baugenehmigung erteilen konnte, denn die Besitzverhältnisse der Bucht scheinen mehr als ungeregelt zu sein. Das Land hat sich dann dafür verantwortlich gezeigt und so dauerte es, dank guter Kontakte, die Max derweil hier geknüpft hat, ein paar wenige Tage und er konnte loslegen. Ein Freund von ihm hat geholfen. Max lieferte die Ideen und dieser Freund schnitzte. Somit ist dieser Bau ein Werk zweier begnadeter Talente. Er habe seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass sich aus uns etwas eigenartiges und ganz besonderes entwickeln würde. Und nachdem er mitbekommen hat, dass ich in den Turm ziehe, hätte er unbedingt in meiner Nähe bleiben wollen, um diese Entwicklung zu beobachten, zu schüren, weiter zu bringen. Eine Bleibe am Hafen sei für ihn nicht in Frage gekommen. Sein Haus weit draußen hätte er selbstverständlich behalten, denn da fühlt er sich ja nach wie vor zu Hause. Aber so hat er immer die Möglichkeit über Nacht zu bleiben, in meiner, in unserer Nähe, wenn er das Gefühl hat, wir könnten ihn brauchen. Und der Unfall mit Dune habe ihm gezeigt, wie richtig seine Entscheidung war.

Ich bin so was von sprachlos, dass ich nicht mal mehr ein „Hmm“ über die Lippen bringen kann. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starre ich Max an. Ich lese seine Lippen, ich höre seine Worte und ganz, ganz langsam wird mir bewusst, was er mir gerade erzählt und wie unglaublich nah ich diesen Menschen an mich heranlasse, ich ihm nichts entgegensetze. Im Gegenteil. Ich freue mich über diese Entwicklung. Ich freue mich, dass er es ist, dem dieser Pfahlbau gehört du ich bin sehr glücklich darüber, ihn so nah zu wissen.

Du setzt das Saxophon von den Lippen ab, reinigst das Mundstück grob mit deinem Pulloverärmel und starrst mich an.

„Sag mal Kleines, wenn du, wie du immer sagst, keine Freunde hast, wer kennt dich dann?“

„Niemand, außer dir vielleicht.“

„Heißt das, dass du einzig mir die Ehre zu teil werden lässt, in dein Herz zu schauen?“

„Jepp.“

„Ich habe Angst bei dem Gedanken daran.“

„Wieso hast du Angst? Was ist so schlimm daran? Diese Mauer um mich herum, dient mir zum Schutz. Ich bestimme, ob ich durch die Schießschachte hinaus auf die Welt schauen mag. Und es liegt ganz alleine bei mir, ob ich die Zugbrücke hinab lasse, um jemandem Einlass zu gewähren. Das gibt mir Sicherheit. So fühle ich mich geborgen. Und du, du weißt doch wo der Schlüssel liegt.“

„Ich habe Angst, dass es niemand merken könnte, wenn dir mal nicht wohl ist, oder schlimmer, wenn die einmal etwas passiert. Das ist doch eine Form von Einsamkeit – wenn auch eine selbstgewählte Form. Aber wie soll ein Mensch wissen, oder spüren, dass es dir nicht gut geht, wenn du es niemanden wissen lässt, und dieses hinter deiner Mauer vor der Welt versteckst?“

„Du bist da. Du bist in meiner Nähe. Du spürst, wenn es mir nicht gut geht. Und du merkst, wenn etwas im Argen liegt.“

„Und wenn ich mal nicht mehr…“

„Wenn du mal nicht mehr bist? Dann merkt es wohl niemand mehr. Dann ist es aber auch egal. Dann ist es mir egal.“

„Versprichst du mir etwas Kleines?“

„Nein!“

„Du weißt nicht, was ich sagen will.“

„Doch, du willst mir erzählen, wie schlimm alles wird, wenn du gehst, weil du gehen wirst und willst, irgendwann.“

„Ja schon, aber…“

„Nichts aber. Ich verspreche nichts, was mit diesem Umstand zu tun haben könnte.“

„Ich wünsche mir doch nur, dass du darüber nachdenkst und vielleicht, irgendwann einmal, wieder einem Menschen die Chance gibst, dich so kennen zu lernen, wie du wirklich bist. Dich kennen zu lernen, und nicht das Bild, dass du allen von dir aufzeichnest, wie eine schlechte Karikatur.“

„Mal schauen. Ich sag jetzt nichts dazu. Ich möchte nichts dazu sagen. Ich möchte nicht darüber nachdenken und ich möchte jetzt keine Entscheidungen treffen müssen, die ich dir zu liebe treffe und mit denen ich später nicht mehr leben mag.“

„Bitte denke drüber nach. Bitte.“

Du nimmst einen Schluck heißen Kakao, lässt ihn durch den Mund fließen als wolltest du jeden Millimeter deines Mundinnenraumes mit Feuchtigkeit benetzen und setzt das Saxophon wieder an. Du spielst „Poor Man’s Moody Blues“ von Barclay James Harvest.

Hast du damals ahnen können, dass mir jemand wie Max über den Weg läuft? Wusstest du damals schon, dass es Menschen gibt, die dir ähnlich sind? Für mich warst und bist du einzigartig. Ist das dein Weg mir zu zeigen, dass dem nicht so ist? Dass du nicht einzigartig, sondern einer von wenigen Menschen bist mit Gefühlen, die sich auf andere Menschen mit all diesen Gefühlen einlassen können und auch möchten?

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”





Nachteilig an den Selbstgesprächen ist,

16 10 2009

Nachteilig an den Selbstgesprächen ist, dass ich mir auf die Fragen, die ich mir stelle, nur in den seltensten Fällen auch befriedigende Antworten erhalte. Selbst Fee, die sich mal wieder aus meinem Brusttaxi mit dem Köpfchen herauswagt, schnurrt nicht, maunzt nicht, sagt nix, staunt nur.

(c) Kurt Detlev Schulz

Mit ganz vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Stelzenhaus zu, wahrscheinlich mit der Angst im Nacken, dass es gleich einen riesigen Knall tut, und sich das Ding vor meinen Augen wieder in Wohlgefallen auflöst. Aber es knallt nicht, auch löst es sich nicht auf, sondern wird, je näher ich komme, immer imposanter und schöner. Das hat kein stinknormaler Architekt hier her gebaut, das war ein Künstler. Wundervolle Ornamente im Holz lassen auf ein hohes Maß an Kreativität schließen. Und auch die Figuren am Dach, ähnlich den steinernen Gargoyles an Schlössern und Burgen beeindrucken mich zu tiefst. Bei aller Begeisterung und Bewunderung, habe ich aber immer noch keine Antwort auf meine Fragen – außer vielleicht auf die, ob ich spinne, denn dieses Haus steht tatsächlich hier rum, und ich davor.

Mit Abstand gehöre ich zu den unmutigsten Menschen dieser Welt. Andernfalls wäre ich dir sicher schon gefolgt. Aber ich bin auch einer der Menschen, die ständig Opfer ihrer nicht selten maßlosen Neugierde werden. Und auch wenn ich sehr unbeteiligt tun kann, so kocht in mir doch immer der große Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Gut, hier steht das Ding auf Pfählen und nicht wirklich plan auf Grund. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, was sich hinter dieser ausgeklügelten Schnellbauweise verbirgt und ganz sicher will ich wissen, wer es wagt, hier in „meiner“ Bucht, solch einen Kawenzmann von Holzbau hinzusetzen. Ich schubbse Fee zurück an meine Brust und schließe vorsichtshalber die Knöpfe der Fleecejacke. Mit bedachten Schritten erklimme ich die Holzstiege, die, durch Regen und Wetter schon sehr glitschig ist.

Gedankenpfahlbau

Gefühlsstreben

kreuz und quer

stark wirkend

aus dem Sand ragend

vom Gedankenmeer umspült

Auf der Terrasse des Pfahlbaus steht eine kleine, schmucke, blaue Holzbank, auf die ich mich setze. Den Rucksack nehme ich ab und auch Fee bekommt ihre Freiheit wieder. Ich pflücke sie aus dem Brusttuch und setze sie mir auf die Schulter. Auf den Schrecken brauche ich erstmal einen Kaffee und eine Zigarette. Ich muss nachdenken.

Einmal stehe ich noch auf und versuche in die kleinen Hexenhausfensterchen zu schauen, die aber, durch kleine Gardinen verhängt, keinen weiteren Einblick in den Bau möglich machen.

Gedankenverloren starre ich in die Bucht, beobachte das immer noch sehr unruhige Wasserspiel des Meeres und stelle mir weitere tausend Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Ohne Uhr, ist eine Zeitmessung schon ziemlich schwierig. Paart man diesen faktischen Zustand mit meiner Angst um Dune, dem Erstaunen über diesen Pfahlbau, die Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, dem Glück die Delfine gesehen zu haben und der Tatsache, die niedlichste Katze der Welt auf den Schultern sitzen zu haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie lange ich hier schon sitze. Du würdest jetzt die Prüfung mittels Sonnenstand vorschlagen. Wobei ich leider nicht weiß, wo die Sonne stand, als wir her kamen, geschweige denn, ob sie überhaupt schon stand oder sich noch durch die Wolkendecke boxte, die zwar zwischenzeitlich dünner und löchriger wurde, aber eben immer noch den Großteil in dunkles Grauschwarz taucht. Nicht eine Fußspur ist, von meiner abgesehen, im dunkelweißen Sand auszumachen. Wie kann jemand ein solches Haus hier hinbauen, ohne Spuren zu hinterlassen? Gut, es war die letzten Nächte mehr als stürmisch, aber das so gar nichts zu sehen ist? Trauriger Weise kommt hinzu, dass ich nicht nur keine Fuß- oder Bauspuren sehen kann. Es gibt nicht einen Pfotenabdruck. Ich hatte so gehofft, hier in der Bucht eine Spur von meiner Dune zu finden. Eine Fährte und sei sie auch noch so klein. Doch bis auf meinen Trampelpfad hier her, gibt es keine Anhaltspunkte auf intelligentes Leben in der Bucht.

Bevor mein Krautsalat im Kopf übersäuert und ich in Weltenübel verfalle, gehe ich weiter. Zum Hafen ist es jetzt nicht mehr weit und dort werde ich irgendwo, irgendwie, mit irgendwem meine Datei auf der CD in gedruckte Plakate umwandeln. Die CD? Habe ich die CD eingesteckt? Hektisch drehe ich den Rucksack auf Links und verschütte dabei fast meinen Kaffee. Kaum zu fassen, dass ich noch über soviel Reaktionsvermögen verfüge und das verhindern konnte. Ich glaub es nicht. So dämlich kann selbst ich nicht sein. Ich hab sie nicht eingesteckt. Im Rucksack ist alles, Binden, Tampons, ein paar herumfliegende Cents, ein Döschen Schlabber für Fee, meine Geldbörse, eine asbachuralte Mahnung aus meinem asbachuralten Leben und das Buch „Strandgeflüster, die Spurensuche“, das ich immer noch nicht gelesen habe, aber schon so viele Eselsohren hat, als sei es mein absoluter Lieblingsschmöker. Nur keine CD, nicht mal ein leeres Jewel Case. Nix, nothing, nada. Es ist zum Heulen, was ich auch gleich tue.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

„Du siehst doch, was passiert, wenn ich mir vertraue“, brülle ich auf den Strand hinaus, und versetze damit Fee solch einen Schrecken, dass sie neben mich auf die Bank in meinen Rucksackinhalt springt.

„Dune ist fort, hier stehen komische Häuser in meinem StrandStaub und ich bin zu blöd an eine CD zu denken, die ich brauche, wenn ich Dune wiederfinden will. Verdammt noch mal! Tu was! Hilf mir doch bitte!!!“

Am Liebsten möchte ich jetzt mit einer Axt in diesen Pfahlbau hineinschlagen und ihn zu Milliarden kleinen Streichhölzern und Zahnstochern verarbeiten. Ich habe so eine unendliche Wut in mir. Jetzt muss ich nur den Dreh finden, diese Wut und Aggression in positive Energie umzuwandeln. Ich pfeffere mein Hab und Gut zurück in den Rucksack, reduziere mein Tempo und meine Kraft und verfrachte Fee zurück in das Brusttuch, schließe die Fleecejacke, packe noch den Ostfriesennerz in den Rucki und weiter geht’s. Dann muss ich halt jeden Menschen einzeln ansprechen, Dune beschreiben und fragen, ob sie gesehen wurde. Wie gut, dass ich auch ihr Bild in meinem Portemonnaie mitführe.

Immer noch wutschnaubend „laufe“ ich im Hafen auf. Am Kai noch quatsche ich die ersten Fischer und Matrosen an, die nur achselzuckend an mir vorbei gehen. In den Geschäften kennt niemand einen Hund, der so aussieht wie meiner und ein Streuner ist auch niemandem aufgefallen. Drei Stunden spreche ich mit allem was zu Dialogen fähig scheint, frage ich mir wildfremde Menschen Löcher in den Bauch und werde von einem Nein zum Nächsten ständig desillusionierter. Diese Suche kann schlicht und ergreifend als sinnfrei gewertet werden. So ein Quatsch aber auch, als würde sich Dune freiwillig in solche Menschenmassen begeben. Sie, die Strandhündin, die ewig brauchte, bis sie mit mir mal ein kleines Dörfchen zum Einkauf besucht hat und die lieber an der Promenade fünf Stunden auf mich wartet, als auch nur eine Pfote auf befahrenen Asphalt zu setzen. Meine Verzweiflung ist grenzenlos und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor es wieder Nacht ist. Dann habe ich einen ganzen Tag verloren. Nein, einen ganzen Tag minus einem Morgengrauen, denn das Stündchen mit Delphi und Finchen darf und kann ich nicht als Verloren betrachten. Soviel zum Glück des Tages. Es war das Glück einer Stunde und ihm folgte kein Weiteres. Ich stürze mich in die Hoffnung, dass Dune vielleicht am Turm ist, besser noch im Turm, denn den Balken habe ich dort liegen lassen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie auf der Couch oder auch in meiner Koje liegt und auf mich wartet.

Die Laune der Rückkehr wird noch untermauert, durch wieder wechselndes Wetter. Es beginnt zu regnen. Aber was kann mir das schon noch. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder doch?

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Glasklare Tropfen

aus grauen Wolken,

vom schwarzen Himmel.

Glasklare Tränen

aus blauen Augen,

ins schwarzblaue Meer

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Entsprechend der Geschwindigkeit des peitschenden Niederschlags, erhöhe ich die Schlagzahl meiner Schritte, was mir meine Knochen sehr verübeln. Im nassen schweren Regensand zu laufen, mit Gummistiefeln an den Füßen, ist für sie eine arge Strafe. Im Augenblick ist mir eigentlich so alles pummel. Ich bin am Ende. Am Ende meiner Kräfte. Am Ende meines Vertrauens. Ich höre mein Herz nicht mehr und mein Bauch fühlt sich nur leer und kalt an. Wenn es irgendwie so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann, dann…, oh bitte, bitte, bitte, lass Dune im Turm auf mich warten und mich vollkommen unverständig zusammen bellen, weil ich so lange fort war, ohne sie mit zu nehmen. Bitte, Bitte, Bitte.

Die letzten Meter bis zum Leuchtturm schaffe ich kaum noch. Soll ich rennen oder soll ich meiner Angst freien Lauf lassen? Nehme ich Anlauf oder gehe ich Schritt für Schritt auf die Enttäuschung zu? Taumele ich ins Glück oder wanke ich in einen intensiveren Zustand tiefster Traurigkeit?

Stürmisches Ich

Windstärke 7

Gefühlssturm Stärke 8

Gedankentornado Stärke 9

Sehnsucht Hoch 10





Ich ziehe mir die Kuscheldecke über

23 08 2009

Ich ziehe mir die Kuscheldecke über und mache mich lang. Fee rollt sich auf meiner Brust zusammen. In beiderseitigem Einvernehmen wird der wortlose Beschluss gefasst, dass wir, bis Dune irgendwann wieder Einlass begehrt, uns unseren Träumereien hingeben. Ich weiß nicht, wovon meine Katze träumt. Vielleicht von einem stattlichen Kater? Wobei sie eigentlich noch viel zu jung für solche nicht jugendfreien Träume ist. Ich träume mich zu dir, in deine liebevolle zärtliche Umarmung, ganz dicht zu dir.“

Ich ziehe mir die Decke über die Nase, während meine Füße sich am Ende meines Körpers, fest im Stoff einwickeln. Nichtstun macht müde, und wenn ich müde bin, friere ich. Wobei ich sowieso eine Frostnase bin. Zaghaft öffne ich ein Auge, um blinzelnd festzustellen, wo ich bin, ob ich bin wo ich sein will und ob alles gut ist. Die Couch, der Raum, das beruhigende Brummen der Leuchtfeuertechnik über mir, es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Wo ist Fee? Ich lupfe die Decke von meiner Nase und wickele meinen Kopf leicht aus der selbstgedrehten Kuschelhöhle heraus. Hier bei mir ist sie nicht. Ich schrecke auf, habe Angst, dass ich sie zerdrückt haben könnte oder so von mir heruntergekickt, dass sie verstört irgendwo um mich herumliegt. Nie ist nicht zu sehen, nicht in meiner direkten Umgebung und ich setze mich widerwillig aber mit steigendem Puls auf. Als ich endlich meine Knochen in die Sitzposition gequält habe, habe ich freien Blick auf den riesigen Korb, den ich für Dune und ihre Familie angeschafft habe.

Fee, bedingt durch ihre Fellfarbe, fällt in dem großen Geflecht und auf der eierschalfarbenen Kissenmasse gar nicht auf. Sie liegt mittig im Korb, wie immer, wenn sie sich gut fühlt, wie ein kleiner Fennek zusammengerollt und man kann hinter ihrem krummen, buschigen Schwanz gerade so ein Gesichtchen erahnen. Ich fingere nach meiner Kamera, die, seitdem ich sie hier habe und seitdem Fee eingezogen ist, immer zum Abschuss bereit liegt. Selbstverständlich bleibt mein Gekrusche nicht unbemerkt und Fee hebt kurz ihren Kopf, gibt ein knappes „Miaunz“ von sich, als wolle sie mich schimpfen, warum ich so eine Hektik verbreite, und rollt sich noch enger zusammen. Nach dem fünften oder sechsten Aufflackern des Blitzes wird es ihr zu doof und das kleine Fellknäuel erhebt sich. Ich ärgere mich schon ein wenig, weil ich sie so gestört habe und weil nur so wenig Bilder aus diesem Stilleben im Korb entstanden sind. Die kleine Katze kommt mit hocherhobenem Schwanz auf mich zu, was richtig lustig ausschaut, da der Knick, der durch den Bruch entstanden ist, als habe sie einen Wimpel an der Spitze angebunden. Mit forderndem und dramatisch klagendem Maunzen stellt sie sich vor meine Füße und weil ich nicht sofort reagiere, setzt sie zum obligatorischen Beinsprung an und zieht sich an mir, meiner Hose, meinen Schienbeinen zu mir herauf. Die Klippe meiner Knie meisterhaft überwunden und auf dem Schoß angekommen, rollt sie sich wieder ein und schnurrt bis mir die Schenkel beben.

Dune scheint immer noch unterwegs zu sein, sonst hätte sie schon mordsmäßig angeschlagen um Einlass zu begehren. Und ich? Ich bin immer noch überwältigt von dieser furchtbaren Herbst-Winter-Müdigkeit. Darum lass ich mich zur Seite fallen, winkle die Beine weiter an und bereite Fee eine Höhle begrenzt durch meinen Bauch, meinen Unterleib und die Oberschenkel. Das Sortieren der Decke und das Wiederherbeiführen der vorangegangenen Wickelsituation veranlasst die Katze erneut zu einem maunzenden Protest. Dann wird es still. Fee schnurrt ruhig weiter und auch ich gewinne meine Ruhe wieder. Nur noch fünf Minuten.

„Nur noch fünf Minuten“

„Noch mal fünf Minuten?“

„Ohja, bitte!“

„Kleines, wir legen schon seit zwei Stunden immer wieder fünf Minuten ein.“

„Na dann kommt es auf Fünf mehr oder weniger doch gar nicht an.“

„Und unsere Planung für heute?“

„Später, in fünf Minuten oder so?“

„Du bist unverbesserlich. Was soll aus dir mal werden, wenn aus meiner Kleinen was Großes wird?“

„Zeitschinder? Minutenborger? Eine Fünfminutenterrine?“

„Kann es sein, dass du mich nicht ernst nimmst?“

„Doch, schon, aber…“

„Aber was?“

„Aber so bin ich halt, wenn ich noch fünf Minuten brauche. Noch fünf Minuten?“

„Okay, noch fünf Minuten, aber dann ist wirklich Schluss!“

Du konntest mir nie wirklich etwas abschlagen. Ob es um fünf Minuten kuschelnd im Bett, um einen Musikwunsch, den unbedingt jetzt und sofort auf dem Saxophon spielen solltest, oder ob es einfach darum ging, bei dir sein zu dürfen. Ich rief dich an, ich wollte zu dir, und du hast deinen ganzen verkorksten Tagesablauf auf den Kopf gestellt, um es möglich zu machen. Irgendwann musste ich sogar erkennen, welchen Qualen du dich manchmal dafür ausgesetzt hast, wenn ich dir mal wieder auf der Pelle hing und du sogar erste Entzugserscheinungen riskiert hast, nur weil du mich nicht alleine lassen wolltest. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich realisiert habe, was du da für mich auf dich nimmst, was unser ungeplantes Treffen damals, für dich für Konsequenzen hatte. Es waren nur fünf Minuten, die unser beider Leben komplett auf den Kopf gestellt haben. Und diese fünf Minuten entwickelten sich mehr und mehr zu einer uns ganz eigenen Zeiteinheit, die unser Leben bestimmt hat. Wärst du fünf Minuten früher im Hofgarten gewesen, hättest du deinen Plan schon umgesetzt und von mir nichts mehr mitbekommen. Wärst du fünf Minuten später gekommen, wäre ich vielleicht schon wieder fort gewesen, von jemandem anders aufgelesen, oder von der Polizei? Fünf Minuten kamen mir vor wie eine Ewigkeit voller Schmerzen und Gewalt. Vielleicht waren es auch nur Vier oder es waren zehn Minuten und ich habe in der Aufregung und Angst jedes Zeitgefühl verloren? Muss ich heute beschreiben, was damals war, sage ich, es waren fünf Minuten.

„Gib mir fünf Minuten.“ War dein Standardsatz, wenn du dich auf den Weg ins Bad gemacht hast, um die Welt rauszuschmeißen, um dir durch deine Venen zu jagen, was dich die Welt hat besser ertragen lassen. Wäre ich nur fünf Minuten früher bei dir gewesen, hätte ich dich vielleicht noch abknüpfen können, dich halten können. Vielleicht hätte ich verhindern können, dass dieses Seil dir deinen Kehlkopf zerdrückt und vielleicht hättest du nie soviel Schwung genommen, um dir dein eigenes Genick zu brechen? Ich hätte nur fünf Minuten gebraucht, um diese kleine Schatzkiste zu retten, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte. Fünf Minuten, in der ich all deine Briefe, deine liebevollen Zeilen und verrückten Kleinigkeiten und Geschenke bei Seite schaffen können. So sind sie deiner Mutter in die Hände gefallen und wurden für mich auf ewige Zeiten unerreichbar. Fünf Minuten einer verpassten Gelegenheit, für die ich mich auf ewig hassen werde. Fünf Minuten voller hätte, würde, könnte und vielleicht und wohl möglich. Aber es gab auch so viele der schönen fünf Minuten. Der Nur-Noch-Fünf-Kuschel-Minuten, fünf Minuten voller Zärtlichkeit und Musik, fünf Minuten Gänsehaut und Wohlfühlschauer. Fünf Minuten vollgepackt mit Zweisamkeit. Fünf Minuten nur du. Und ich möchte keine einzige all dieser fünf Minuten missen.

Dune? Fee? Wer von euch knurrt und warum? Ach nein, es ist keiner der beiden, es ist mein anderes Bauchgefühl, dessen Protesthaltung auf Grund von mangelnder Nahrungszufuhr ich ernst nehmen sollte. Aber es ist so schön hier. Der Fellzwerg liegt noch genauso in der Höhle, wie eben. Ganz leicht lege ich meine Hand auf ihren Körper, woraufhin die kleinen Öhrchen sich gleich aufstellen und einzelne Partien des Fells sich mir entgegenrecken. Zeitgleich vernehme ich ein Schnurren, das mehr Wohlbehagen kaum ausdrücken könnte. Puh, sie lebt. Ich habe immer noch eine riesige Panik davor, dass dieses kleine Leben irgendwann mal nicht mehr um mich sein könnte, weil sie vielleicht doch zu schwach oder weil es Verletzungen im Inneren gibt, von denen ich nichts ahne. Vom Kopf her habe ich absolut klar, dass das nicht sein kann. Sie ist wohl auf, wird täglich kräftiger und wächst sogar sichtbar zu einer schönen Kätzin heran, einer Kätzin mit Handycap. Das entstellt sie nicht, aber sie weiß es sehr gut für ihre Zwecke einzusetzen.

Bei aller Begeisterung für Fee, frage ich mich, was wohl mit Dune ist, beziehungsweise wo sie ist. Von draußen ist nur das Grollen der stürmenden See zu vernehmen und Regen, der sich an die Fenster schmeißt. Ganz vorsichtig pelle ich mich aus der Deckenrolle, drapiere sie über Fee so, dass sie noch Luft bekommt und schleiche zum Fenster. Es ist so finster, es ist so bedrohlich dunkel. Und ich freue mich hier oben zu sein, denn dort draußen fiele mir sicher gleich der Himmel auf den Kopf. Und wenn er nun Dune auf den Kopf fällt? Eine kleine Drehung um die eigene Achse und ich kann einen Blick auf die Mikrowelle erhaschen. Ohne Brille gar nicht so leicht, aber es sieht wirklich so aus, als hätten wir jetzt weitere drei Stunden des Sturmtages verschlafen. Weitere Unruhe beschleicht mich, fast bis zur Panikattacke. So schnell ich kann laufe ich die Wendeltreppe hinunter und raus. „Dune??? Dune!!!! Djuuuuu-huuuuuuun!“ Mit aller Kraft stellt sich meine Stimme gegen den Wind, versucht kleine Luftlöcher im Sturm auszunutzen und meine Sorge, meine Angst aufs Land hinauszutragen und aufs Meer. Angestrengt versuche ich die Geräusche des Sturms auseinander zu klamüsern, trenne Windgeheul von Meeresrauschen, Leuchtfeuerbrummen von Möwenkreischen. Je nachdem wie ich mich in den Wind stelle, kann ich Kuttergeräusche hören. Wahrscheinlich wieder so ein lebensmüder Fischer, der um seine Existenz zu erhalten, größtes Risiko beim Fischfang eingeht. Ich höre alles, sogar das schnarrende Aneinanderreiben des Schilfes von der Düne, vor der ich mittlerweile stehe – aber ich höre meinen Hund nicht! Sie würde doch reagieren, wenn sie mich hört? Egal wo sie ist, sie würde auf mich zugelaufen kommen, glücklich darüber, dass ich sie nicht vergessen habe und mit mir in den sicheren Leuchtturm zurückwollen. Und was, wenn sie mich gar nicht hören kann? Wenn sie irgendwo verletzt liegt oder wenn die Geburt sie überrascht hat und sie sich ein sturmsicheres Dünental gesucht hat, um ihre Welpen unter den denkbar übelsten Bedingungen auf die Welt zu bringen? Sie weiß doch gar nicht, wie es ist Mutter zu werden. Mein kleines Podencolein muss doch noch soviel lernen? Panik überkommt mich, schleichend, zielsicher, vom Scheitel bis zur Sohle.

Nein, nein, nein. Nicht wieder. Ich werde nicht wieder etwas verlieren, was mir beinahe mehr bedeutet als mein Leben. Ich werde nicht wieder alleine gelassen. Ich werde nicht wieder etwas missen müssen, was den Inbegriff von Freundschaft für mich ausmacht. Es gibt eine Menge Menschen, auch in meinem direkten Umfeld, die eine solche Tierliebe nicht nachvollziehen können, schlimmstenfalls sie sogar verurteilen. Sie verurteilen mich, weil sie im Inneren genau spüren, dass sie es nie wert sein werden, mich zum Freund zu haben und sind eifersüchtig darauf, dass ein dahergelaufener Hund mehr von meiner Liebe und Zuneigung erhält, als mancher Mensch, der mir eigentlich viel näher stehen sollte. Dune, wo bist du?

Und du? Verdammt noch mal, du bist mir so nah, immer noch. Aber wenn ich dich brauche, scheinst du für mich unerreichbar zu sein. Okay, ich habe meine Lektion erhalten, was auch immer sie mir beibringen sollte. Jetzt mach endlich, dass mein Hund mich anspringt und mir freudig erregt das Gesicht abküsst. Bitte! Bitte tu doch was! Jetzt!

Verstört, verängstigt, panisch und vollkommen von der Rolle, kehre ich, unter weiteren verzweifelten Rufen nach Dune, zum Leuchtturm zurück. An der schweren Stahltür befestige ich einen Holzbalken um zu verhindern, dass die Türe ganz schließt. Von der Innenseite stelle ich die kleine Kommode dagegen, damit sie nicht immerfort aufschlägt, wenn der Wind sich gegen sie stellt. So kann Dune problemlos hineinkommen, wenn sie denn kommt. Ich laufe im Eilschritt die Stiege hinauf und suche wie eine Bescheuerte mein Handy. „Max, Max, Max, bitte sei da. Bitte reagiere. Bitte melde dich. Ich brauche dich doch.“ Mit zitternden Händen und rasendem Puls wähle ich Max Nummer und das bedrohliche Tuten nach erfolgreichem Verbindungsaufbau bringt mich fast um den Verstand. „Dies ist die Mailbox von Maximilian… blablabla.“ Ich schreie, ich tobe und ich werfe das Handy in die nächste Ecke, nicht darüber nachdenkend, dass ich es noch brauchen könnte. Meergott sei Dank, landet es sicher im Sessel, verschreckt aber die kleine Fee so sehr, dass sie samt Deckenschleppe von der Couch springt, um sich dann an mir hinauf zu krallen. „Auaaa! Verdammtes Mistvieh!“ brülle ich sie an und schlenkere das Bein, um sie von mir los zu schütteln. Sehr unsanft landet die kleine Katze wieder auf dem Boden und schleicht sich, schreiend und maunzend in Dunes großen Korb. Mir wird ganz übel und ich laufe ihr hinterher, pflücke sie aus dem Kissen, nehme sie mir zu Brust und küsse und streichele sie, vollgepackt schlechten Gewissens. „Es tut mir leid Fee. Fee bitte, nimm es mir nicht übel. Ich weiß du kannst nichts dafür, aber Dune… . Ach Mensch Süße, schau mich nicht so ängstlich an. Ich wollte das nicht. Bitte, bitte nimm es mir nicht übel. Es tut mir leid!“ Ich vergesse fast, dass sie mich gar nicht hören kann.

Ich weiß nicht wer mehr zittert, Fee oder ich. Sie, sichtlich geschockt darüber, dass ihr Dosenöffner so die Fassung verlieren kann und ich, panisch wegen Dune, und ebenfalls ohne jegliches Verständnis dafür, dass ich meiner kleinen Fee so weh tun konnte. Es dauert ein ganzes Weilchen, bis sich das Häufchen Katze auf meinem Arm wieder entspannt und zu schnurren beginnt. Ich verpasse ihr einen dicken Kuss zwischen die Ohren und mache mich an einen erneuten Versuch Max zu erreichen. Ich spreche ihm auf die Mailbox und sende ihm drei SMS zu, aus denen meine Angst einfach herausschreien muss. Jetzt muss er sich melden. Jetzt kann er sich nicht mehr tot stellen. Max – egal wo du bist, bitte melde dich.





Es ist gar nicht so einfach,

19 08 2009

Es ist gar nicht so einfach, für so einen Winzling einen Namen zu finden. Sofort fällt mir Fortuna ein, aber dieses Kätzchen ist so klein, da passt was ganz kurzes sicher viel besser. Während ich mir weiter einen Kopf über einen kurzen und knackigen Namen mache, schätze ich die kleine Fee – Fee – das ist es, ich nenne sie Fee – schätze ich Fee auf sechs, höchstens sieben Wochen alt. Der Schwanz ist einmal gebrochen. Ich werde es nicht schienen, sondern so heilen lassen. Eine Schiene würde Fee sicher total rammdösig machen. Bleibt noch, neben dem miserablen Allgemeinzustand die Pfote, beziehungsweise die Stelle, wo sie eigentlich eine Pfote haben sollte. Dune hat ganze Arbeit geleistet und das Bein komplett vom Dreck des Meeres befreit. Bei Wohnlicht betrachtet und mit wesentlich mehr Ruhe als vorhin, stelle ich fest, dass die Entzündung gar nicht der Rede wert ist. Das Tätzchen muss bereits wenige Tage nach der Geburt abgetrennt worden sein, so gut wie das schon verheilt ist. Vielleicht war es ja auch wirklich nur ein Unfall. Die Entzündung bekomme ich mit einem kleinen Verband und Jod sicher in den Griff. Unfall her, Unfall hin, wer bitte setzt so ein süßes Geschöpf aus? Es ist wirklich zum Heulen. So klein und schon soviel Leid. Sollte Fee es wirklich schaffen, was ich hoffe, und wonach es eigentlich auch im Augenblick aussieht, dann bin ich sehr gespannt, wie sie sich entwickelt. Welche Katzendame kann schon von sich behaupten, in der wichtigen Prägephase gequält worden zu sein, ein Teil dieser Zeit in einem Pizzakasten auf dem offenen Meer zugebracht zu haben und weiterführend von einer Podencodame erzogen worden zu sein? Entweder wird sie die selbstbewussteste Katze, die dieser Küstenstrich je zu sehen bekommen hat, oder es bekommt sie niemand zu sehen, weil sie sich für ein Leben als Einsiedlerkätzin im Leuchtturm entscheidet. Morgen muss ich dringend einkaufen. Ein Katzenklo bekomme ich im Moment zur Not noch gebastelt, genug Sand liegt ja hier herum. Aber Katzenfutter oder besser noch Milch sollte schnellstens her. Im Augenblick scheint sie mir mit dem Wasser an einer Spur Vollmilch recht glücklich zu sein, aber das Gelbe vom Ei ist das nicht, vor allem würde ein Durchfall sie jetzt noch zusätzlich schwächen.

Nachdem die erste Grundversorgung stattgefunden und Fee sich sogar beruhigt hat, lege ich sie behutsam zurück in Dunes Obhut. Über alle Aufregung habe ich gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Oder ist sie nicht vergangen, und die Auswirkungen des Sturms gaukeln das nur vor? Ein Blick auf die Mikrowelle zeigt mir, dass es schon Nachmittag ist. So habe ich den Mittag bis jetzt mit der Aktion “Rettet Fee” verbracht. Draußen geht indes richtig die Post ab. Das Meer rutscht immer näher heran und ich könnte den Eindruck gewinnen, es will am Fuß des Turms Schutz suchen vor dem Wind. Ein einsamer Kutter wankt und torkelt über die Wasseroberfläche. Wie eine Nussschale, die man unter den Duschkopf legt und bespült. Ich bin gerade ganz froh, dass ich nicht auf Fischfang bin. Ich würde ordentlich die Meerestiere füttern. Ich entscheide mich für ein Nachmittagsschläfchen und lege mich für ein Stündchen oder zwei in die Koje. Rauhe Seeluft und soviel Aufregung macht noch müder. Dune nimmt vorsichtig Fee in ihr Maul und legt sie mir auf die Matratze. Danach kommt sie mit hinzu und nun teilen wir uns das Bett mehr oder weniger gerecht.

In Abständen von ungefähr zwei Stunden bekommt Fee einen Schluck zu essen, zu fressen, zu trinken? Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sagen wir doch einfach zu schlabbern. Oberschwester Dune passt ganz genau auf, damit dem armen Hascherl auch bloß nichts passiert, und wenn ich sie nicht in einem Tuch um der Brust trage, dann wird sie sanft von meiner Hündin ins Maul genommen und von A nach B transportiert. Wenn Fee den restlichen Tag übersteht und die Nacht dazu, bin ich ab Morgen hochgradig optimistisch und feiere mit den beiden Ladies ein kleines Fest.

Ich wünsche mir, Max wäre hier. Nicht, dass ich der Überzeugung bin, dass er mir helfen könnte. Alleine seine Anwesenheit würde mich extrem beruhigen. Auf der anderen Seite, hätte ich das Gefühl über das Profil reden zu müssen, und ob ich das nach all der Aufregung wirklich möchte weiß ich nicht.

Draußen ist es schon stockduster und das am Nachmittag. Der Wind schmeißt den Regen literweise an die Turmfenster und ich bin einmal mehr stolz, dass du so ein verdammt guter Handwerker warst. Nicht der kleinste Durchzug und es regnet nirgendwo hinein. Das Leuchtfeuer leistet ganze Arbeit und gibt sich redlich Mühe einen guten Job zu machen. Natürlich wünscht sich jeder Mensch eitlen Sonnenschein. Ich hingegen finde, bis auf ein oder zwei Kleinigkeiten, dass es hier an diesem Ort gar kein wirklich schlechtes Wetter geben kann. Jede Saison, jedes Wetter hat seine ganz eigene Faszination und solange der Turm nicht zu wackeln anfängt oder undicht wird, kann ich dem Allen auch immer etwas Schönes abgewinnen.

Die drei Damen vom Turm liegen immer mal wieder in der Koje. In der Zwischenzeit haben wir die Position leicht getauscht und ich habe mich an den äußeren Rand gelegt, damit ich auch mal aufstehen kann, um unsere kleine Prinzessin Fee zu versorgen. Ich habe ein Heft angelegt, in dem ich alles Wichtige und Notwendige notiere. Wann das Baby was zu schlabbern bekommt, wie sie sich verhält, wann sie eher maunzt oder lieber schreit. Unseren ganzen Stolz habe ich rot eingekreist. In einer Doku habe ich einmal gesehen, dass man Katzenbabies, die nicht bei der Mutter aufwachsen, den Bauch massieren muss, damit sie koten können. Im normalen Leben erledigt das die Mamakatze mit ihrem Lecken – für mich ist die Vorstellung Fee am Bauch rumzulutschen nicht sehr erquicklich und inwiefern Dune auch Bauchmassagen in ihrer Therapie vorgesehen hat, konnte ich noch nicht richtig beobachten. Nach der zweiten Schlabberrunde habe ich also Fees Bäuchlein ganz vorsichtig mit zwei Fingern massiert und siehe da, sie wurstete. Eine ganz kleine wurstige Pille kam mühsam durch den Verdauungstrakt, unter der am Schwanz dafür vorgesehenen Stelle, hervor und ich bin stolz wie es keine andere Mama sein kann. Ich erinnere mich an den Tanz, den Mütterchen aufführte, als wir Kinder erfolgreich aufs Töpfchen gingen und frage mich, ob es nicht vielleicht doch von Vorteil ist, dass ich mit zwei Tieren hier lebe, die zwar auf ihre Art und Weise reden, aber keine Interviews geben können.

Bei all dem Theater um Fee habe ich ganz vergessen, dass auch meine Hündin solche Bedürfnisse haben müsste und versuche sie dazu zu bewegen, doch mal eine Runde um den Turm zu gehen. Mit ihren großen bernsteinfarbenen Augen schaut sie mich an, quetscht sich an den Türholm und schaut in die schwarzen Wolken. Jetzt fehlt nur noch, dass sie die Hinterbeine zusammenquetscht. In einem Affentempo wetzt sie zur nächsten Düne, legt dort etwas ab und kommt zurückgeprescht. Erledigt Frauchen, können wir uns jetzt wieder bitte um Fee kümmern? Ich muss richtig lachen. Womit habe ich nur solch ein schlaues Haustier verdient?

Geentert. Die Leuchtturmwärterin stellt fest, sie lebt mit zwei Piratenbräuten unter einem Dach. Während Fee sich einfach nur erholt und offensichtlich minütlich an Kraft gewinnt, fühlt sich meine gute Dune so richtig stark. Durfte sie bisher nur auf Erlaubnis in die Koje, fühlt sie sich seit heute gerade dazu verpflichtet sich dort als sicherer Wall für ein Häufchen Katze einzukringeln. Ich weiß, ich werde es bis an mein Ende hier im Turm bereuen, dass ich ihr diese Freiheit zugestehe, aber die beiden sehen einfach zu niedlich aus. Und wenn alle Stricke reißen, verfüge ich in meiner schnuckeligen Behausung ja auch noch über eine schnuckelige Schlafcouch. Die wird mir meine Knochen vollends ruinieren, aber was tut man nicht alles für das liebe Vieh.

Mein Leben in zwei Extremen muss für die Nachwelt festgehalten werden. Ich weiß noch nicht was genau ich meine, wenn ich von Nachwelt spreche, aber das ist jetzt erst einmal zweitrangig. So packe ich meine Kamera und verfalle in uralte Muster, hunderte Bilder schießen, nicht lange an Motiven herumüberlegen und auf das perfekte Bild warten, sondern einfach draufhalten, abdrücken, aus dem Bauch heraus schnappschießen. Als erstes wird von oben, von hinten, von unten, von rechts und von links das schlummernde Stilleben in der Koje auf der XD-Card festgehalten. Dune ist alles andere begeistert, weil sich ständig der Blitz zu schaltet. Von Fee gelingen mir ein paar wirklich wunderschöne Schwarz-Weiß-Aufnahmen und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie sie sich auf dem Bildschirm machen.

Die Sonne geht unter. Auch wenn sie eigentlich den ganzen Tag gar nicht richtig zu sehen, sondern nur zu erahnen war, zeigen sich jetzt ein paar wunderbunte Strahlen am Horizont, die ich selbstverständlich auch im Bild festhalte. Bei diesen Bildern weiß ich, dass sie die Realitäten nie wieder geben können. So wenig, wie man diese Augenblicke in Worte fassen kann, lassen sie sich auf 11 x 15 oder in Plakatgröße wiedergeben. Im Anschluss an die FarbFotografie wähle ich auch hier den Schwarz-Weiß-Modus und das Ergebnis, das sich auf dem Display zeigt, gibt mir Stoff zum Spinnen.

Vielleicht sollte ich einmal überlegen, ob ich mich nicht auf Schwarz-Weiß-Fotografie spezialisieren soll – zumindest was solche Motive wie Wetter, Himmel & Meer, Strand und Horizont etc. betrifft. Ich muss Max das nächste Mal fragen, ob er eine Chance sieht, diese Bilder dann auszustellen und zum Kauf anzubieten. Ein kleines Zubrot tut der Haushaltskasse ganz sicher wohl, vor allem, wo wir doch jetzt ein Fresserchen mehr zu versorgen haben.

Es wird kalt, und ich meine richtig kalt. Gerade hat mir Verena per SMS eine Sternschnuppe geschickt und mir gesagt, ich dürfe mir was wünschen. Wenn sie wüsste, dass ich vor lauter Schmunzeln das Wünschen vergessen habe, wäre sie sicher mordstraurig. Aber wenn man hier den Himmel anschaut, grauschwarz, mit dicken Wolken, die über den Himmel eilen, als wären sie auf der Flucht, denkt man an alles, nur nicht an Sternenhimmel und -schnuppen. Ganz langsam steigt die Kälte in meiner Kleidung hoch, buddelt sich in Knopflöcher und schiebt sich in die Gummistiefel. Es ist Zeit rein zu gehen und außerdem möchte ich Fee noch nicht so lange alleine lassen. Zwar weiß ich sie bei Dune in aller besten Pfoten, aber ich möchte ihr auch das Gefühl geben, dass sie nun ein richtiges, wasserdichtes Zuhause hat, dass sie sich sicher fühlen kann, dass auch ich auf sie aufpasse und ihr kleines Leben mit dem Meinen verteidigen werde.

Und Morgen? Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Für Fee wird nicht nur der Tag, sondern alles ganz neu werden und ich freue mich schon richtig darauf, mit ihr durch ihr neues Leben zu kuscheln. Natürlich nicht nur mit ihr, auch mit Dune. Und Dune mit ihr. Und wir mit uns. Und…

Ach du! Wenn du von da oben irgendwas ausrichten kannst, dann mach es der kleinen Fee bitte möglich, so wie damals mir auch. Sie hat es wirklich verdient.

Dune bellt und bellt und bellt. Sie bellt den ganzen Turm zusammen. Ich träume. Für einen Traum ist das Gebell aber sehr laut und klingt realistisch bedrohlich. Fee?! Feeeee schreie ich im Aufschrecken und ignoriere dabei die verschobenen Lendenwirbel 1 bis 5, welche die Nacht auf der Schlafcouch nicht wirklich gut weggesteckt haben. Hektisch schaue ich in die Koje. Leer. Ich schaue auf den Sessel. Leerer. Ich höre ein leises „Miaunz“ und bekomme eine gigantische Gänsehaut der Erleichterung. Das kleine Fellbündel liegt ganz eng zusammengerollt auf meinem Kissen und blinzelt mich aus vollkommen verschlafenen Augen an. In einem Zustand zwischen Himmelhochjauchzend ob dieses Anblickes und so was von vollkommen genervt, wegen dieses ohrenbetäubenden Gekläffs, erhebe ich mich im Zeitlupentempo von meiner Schlafstätte.

Frau Hund steht unten vor der Tür, springt sie wie eine Besessene an und lässt keinen ihrer Sprünge unkommentiert. „Um die Kastration bist du bis jetzt rumgekommen – Wenn du nicht auf der Stelle die Klappe hältst, lass ich dir gleich beim Arzt die Stimmbänder zerschneiden. Tierliebe hin – Tierliebe her, ein bisschen Menschenliebe würde dir gerade nicht schlecht zu Gesicht stehen“, poltere ich während meiner hinkenden Wendeltreppenbewältigung. „Hallo??? Hallooooo! Keiner zu Hause? Der Brötchenservice ist da!“

Max, es ist Max und so sehr wie ich ihn mir gestern auch herbeigesehnt habe, so sehr verfluche ich ihn und seine mangelnde Bereitschaft sein Handy zu nutzen. Kann der sich nicht anmelden?

Ich öffne die Türe und Dune schiebt sich mit aller Gewalt heraus, was mir eine zusätzliche Beule einbringt. Stahltür an Kopf, Stahltür an Kopf – AUFWACHEN! Meine Laune ist endgültig im nicht vorhandenen Keller und ich drehe mich auf den Fersen um und schleiche mich wieder. Sollen die sich doch gegenseitig kaputt begrüßen.

Wieder oben angekommen prüfe ich kurz, ob es Fee noch immer gut geht, schmeiße den Wasserkocher an und verziehe mich unter die Dusche. Die Schimpfwörter die mir entgleiten sind so gar nichts für Katzenbabies und darum fluche ich unter dem Duschstrahl, in der Hoffnung, die Erziehung des neuen Mitbewohners nicht zu verkorksen. So ein Terror vor der ersten Kippe und vor dem ersten Kaffee. Das hätte sich vor ein paar Monaten mal jemand erlauben sollen, den hätte ich unangespitzt in die Düne gerammt. Mit zunehmender Duschdauer steigert sich mein Wohlbefinden und ich verlasse als innerlich geglättete und äußerlich verschrumpelte Leuchtturmwärterin das Bad.

Zurück in der Stube, treibt es mir die Tränen in die Augen. Ebenso flink, wie Max vor nicht all zu langer Zeit aufgeräumt hat, hat er nun den Tisch gedeckt, das Frühstück bereitet, mir einen wunderschönen orange-roten Strauß Gerberas in den Eimer gestellt und sitzt nun vor unseren dampfenden Kaffeetassen, mit Fee auf dem Schoß.





„An was denkst du?“

18 08 2009

„An was denkst du?“

„Nichts!“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Geräusche, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du nach Worten suchst, was du tust, wenn du behauptest, dass du keine findest, dann denkst du ja doch!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt Gedanken voraus. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das nicht vergessen und ich werde dich daran erinnern und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Am Ende solcher Gespräche bist du immer gegangen. Wortlos, kusslos, umarmungslos. Du hast deine Sachen gepackt und gingst. Ich wusste wohin, ich wusste auch warum, aber ich dachte im Traum nicht daran, dich daran hindern zu wollen, denn auf diese Art, hast du die Welt rausgeschmissen.

Ich denke es ist an der Zeit mich rauszuschmeißen. Bevor ich jetzt in tiefes Trübsal ver- oder dem Weltenübel anheim falle, ziehe ich mir lieber mein Ölzeugs über und zeige dem Wetter was der Trotz einer Leuchtturmwärterin ist. Für die 159 Stufen brauche ich eine Ewigkeit. Jeder Tritt ein Gedanke. Für die Türe brauche ich heute ganz schön viel Kraft. Kein Wunder, wie ich feststellen kann, nachdem ich sie endlich geöffnet habe, es stürmt. Der erste richtige Herbststurm nimmt Kurs auf das Land, unseren Leuchtturm und auf mich. Nicht minder stürmisch flitzt Dune auf mich zu und springt mich an. Ich wanke zurück und lande sehr unsanft mit Rücken, Schulterblättern und Hinterkopf an der Türe. Kleine Schläge auf den Hinterkopf… Wie ich diese weisen Sprüche hasse. Irgendwie bedaure ich, dass Dune den ollen Max nicht begleitet hat. Ich sorge mich etwas um meinen Sandmann, aber vielleicht war das seine Art, die Welt raus zu schmeißen?

Die Nacht weicht dem Tag

Bedrohliches Schwarz

Färbt sich in schwarzes Grau

Die Nacht weicht dem Tag

Auf bedrohlichem Schwarz

Tanzt grauweiß die Gischt

Die Nacht weicht dem Tag

Deine Stärke

Deine wundervoll runde Form

Deine Kraft leuchtet durch das Schwarz

Danke für den Schutz

Vor mir selbst

Vor der Welt

Vor der Nacht

Die Nacht weicht dem Tag

Der Tag sieht nicht wirklich aus, als hätte er die Nacht schon rausgeschmissen und unser Leuchtturm legt heute sogar eine Tagschicht ein. Wenn der Nieselregen nicht wäre, der je nach Windrichtung fast ein bisschen weh tut im Gesicht, wäre es gar nicht so übel hier draußen. Die Luft ist verhältnismäßig warm. Zumindest ist es nicht so kalt, wie das ganze Drumherum des Wetters, es den Menschen glauben machen will. Meine Füße treten mit mir in einen kurzen Dialog, der mich schließlich dazu bewegt, mich der lästigen Gummistiefel zu entledigen. Solange es nicht schneit, wollen meine Stampfer barfuß sein. Der Sand ist kühl und schwer durch den Regen. Während ich Schritt für Schritt, gegen den Wind kämpfend, auf das Meer zu stapfe, wird das Rauschen und Grollen der Wellen lauter. Es klingt unheimlich und bedrohlich, es macht aber auch neugierig und hat eine magische Anziehungskraft. Ich liebe es, das Meer zu beobachten, wenn es so ist, wie es jetzt ist. Wenn sich die Wogen gegeneinander aufbäumen, sich gegenseitig abklatschen, neu aufrichten, um dann weit aufs Land hinaus zu preschen. Der Wassersaum ist sicher zehn bis zwanzig Meter näher am Turm als bei ruhigem Wetter und das unter den anlandenden Wellen immer wieder erscheinende Strandgut erzählt wortlos die Geschichte der letzten Nacht. Dune rast plötzlich auf das Wasser zu und bellt, gegen die Lautstärke der Wellen anbrüllend, eine Kiste an, die in Richtung Strand treibt. Bei näherem Betrachten stelle ich fest, dass es eine Styroporkiste ist, wie sie von Pizzaservices benutzt wird, um Speisen während dem Transport heiß zu halten. Meine Hündin verliert mit jedem Zentimeter, den die Kiste näher auf sie zutreibt, zunehmend die Fassung. Eine Mischung aus Gebell, Gewuffe und Geknurre paart sich mit wilden Sprüngen weiter ins Wasser und wieder hinaus. Normalerweise macht sie nicht so ein Spiel. Gut, normalerweise wird uns die Pizza auch nicht frei Meer geliefert, denn der nächste Pizzamann hat seinen Laden viele Kilometer entfernt und bevor der hier ist, hab ich mir meine Pizza Funghi schon selbst in den Ofen geschoben. Da sich Dune so gar nicht beruhigen und mittlerweile auch nicht mehr ansprechen lassen will, halte ich es für eine gute Sache, dem Ding mit Deckel doch mal auf die Spur zu gehen.

Dieses Ölzeug ist das aller Letzte, wenn man auf Bequemlich- und Bewegungsfreiheit Wert legt. Mich gegen dieses starre und unbeugsame Material durchsetzend, krempele ich meine Jeans ein paar Etagen höher und betrete todesmutig das tosende Nass zur ultimativen Kistenrettung. Als ich das Ding, das sich ständig wieder auf den Weg ins offene Meer macht, endlich zu packen bekomme, gleitet es mir auch gleich wieder aus den Händen. Durch das Wasser ist das Verpackungsmaterial sehr glitschig, aber nicht nur das. Es war auch recht schwer, und es kann sich um keine leere Kiste handeln. Na super, wenn da mal ein Pizzabote keine Lust hatte und seine Ladung einfach im Meer entklappt hat, um dann mit der Tageskasse durchzubrennen. Wieder kommt die Kiste auf mich zu und endlich gelingt es mir, sie festzuhalten. Beinahe lege ich mich noch der Länge nach auf die Nase, werde ich doch von einer ganz hinterhältigen Woge von hinten angegriffen. Sie unterspült meine Füße und bevor ich recht merke, dass der Sand unter ihnen immer weniger wird, wanke ich auch schon wie ein besoffener Matrose bei Landgang. Aber nicht mit mir. Die Zeiten, sind längst vorbei, in denen mich etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Das schafft heute nur noch Dune, oder ein Persönlichkeitsprofil von Max. Aber keine Welle dieser Welt wird mich jetzt daran hindern den Styroporbehälter zu bergen. Vielleicht ist es auch eine Flaschenpost, die in Ermangelung einer Flasche in diese Box gesteckt wurde? Dann muss der Absender aber mindestens Steinmetz gewesen sein, der seine Liebesbotschaft noch mit Hammer und Meißel in eine Steinplatte gerammt hat. Das Gewicht spricht für mehrere Pizzen, die sicher nicht mehr genießbar sind, ein Buch oder mehrere Bücher, oder sonst irgendwas, was das Gewicht des Behältnisses so fühlbar ansteigen lässt. Gerade so vor den hinterhältigsten Wellen meiner See gerettet, stolpere ich aus dem Wasser, wo schon die nächste Gefahr auf mich wartet. Dune. Sie hoppst und hüpft an mir hoch und vor mir her und ist furchtbar aufgeregt. „Dune!!! AUS!!!“ Ich schreie gegen das Gebell und das Meer an. So langsam kriege ich die Krise. Ich wollte doch nur gemütlich spazieren gehen, und jetzt dieser Stress wegen einer dämlichen Kiste. Wenn da jetzt irgendein Müll drin ist, dann,…, dann, ach dann weiß ich auch nicht!

In sicherem Abstand zum Meer, knie ich mich an eine Düne und finde etwas Ruhe. Der Wind verhallt irgendwo drumherum und die einzige die jetzt noch rumwirbelt ist Dune, die ich mit einem erneuten scharfen „AUS! Mach jetzt PLATZ“ halbwegs zur Raison bringen kann. MenschMenno, manchmal kostet mich dieser Hund echt Nerven und ich erinnere mich an Max Ausführungen, als er mich am Flughafen abholte. Der arme Kerl muss streckenweise komplett überfordert gewesen sein, mit diesem störrischen Podenco.

Unter furchtbarem Gequietsche, das sogar nasses Styropor mit sich bringt, versuche ich den Deckel zu lupfen. Dummerweise hat der sich so vollgesogen, dass mir nur einzige Perlen des Dämmstoffs entgegenfliegen. Muss ich da jetzt noch mit der Axt ran oder was? Kurz bevor ich den Behälter rein gedanklich mit einer Black & Decker schon in seine kleinsten Einzelteile zertrümmert habe, höre ich ein Geräusch. Ich schaue meinen Hund an, sie schaut mich an und ich quengele ihr entgegen, dass sie jetzt gar nicht anfangen braucht zu junkern. Wer Styroporboxen birgt ist auch der Besitzer und egal was sich darin befindet, es ist meins. Dune schaut mich einfach nur an und ich stelle fest, dass sie es gar nicht ist, die komische Geräusche von sich gibt. Das Geräusch wird immer mehr zu einem Wimmern, einem Maunzen??

Jetzt werde ich doch richtig hektisch. Da hat doch wohl nicht jemand… Ich mag diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Mit meinen kümmerlichen Resten von Fingernägeln, ich gehöre ja leider immer noch zu der Gattung Knabberer und Eigenhornkannibale, kratze ich an der Schachtel herum, pule immer größer werdende Stücke heraus, bis ich irgendwann das richtige „PackAn“ habe, um den Deckel herunter zu reißen. Und tatsächlich. Am Boden gekauert schlottert ein undefinierbares, kleines Häufchen Elend mit Fell, Schwanz, vier Pfoten und unendlich langen Schnurrhaaren. „Verdammte Scheiße!“ Ich vergesse alle Erziehung und schimpfe und tobe und heule. Das darf wirklich nicht wahr sein, wer macht denn so was?

Vorsichtig hebe ich das Knäuel aus seinem Knast heraus. Es ist gar nicht so schwer, wie die Kiste vermuten ließ, im Gegenteil. Es zittert am ganzen Körper und auf den ersten Blick schätze ich es für nicht älter als fünf oder sechs Wochen alt. Das Fell ist hellgrau, vielleicht eigentlich auch weiß, es hat strahlend blaue Augen, einen scheinbar gebrochenen Schwanz und ein verkrüppeltes Beinchen. Der Stumpf sieht aus, als hätte jemand gezielt die Pfote abgehackt, darüber kann ich aber nur mutmaßen, denn die Wunde ist ganz nass und eitrig. Ich möchte töten. Ich möchte wirklich töten. Dieser Mensch, der sich eigentlich gar nicht Mensch nennen darf, gehört in eine Fünfzig-Quadratzentimeter-Schaumstoff-Kiste eingesperrt und im Indischen Ozean den Haien zum Fraß vorgeworfen. Mindestens.

Ganz, ganz vorsichtig robbt Dune auf mich zu und beginnt mit all ihrer Vorsicht das kleine nasse etwas abzulecken. In einem etwas freundlicheren Ton bitte ich sie Aus zu lassen, dann stecke ich das Fellbündel erstmal unter den Wollpullover und eilig, aber ohne all zu viel zu ruckeln, laufe ich heim. Dune folgt mir, immer den Kopf zu mir gehoben, als wolle sie aufpassen, dass das arme Tier nicht unter meinem Pulloversaum durchrutscht.

Der kleine Körper unter dem Pullover ist ganz kalt. Und ich habe eine Heidenangst, dass der Zwerg es nicht schafft. Aber egal wie, er soll zumindest in seinen letzten Minuten oder Stunden das Gefühl bekommen, geliebt worden zu sein.

Das alles erscheint mir wie ein Déjà-Vu. Nur ging es damals nicht um eine Katze, sondern um mich und ich steckte nicht unter deinem Pullover, sondern du legtest deinen Trench um mich. Vorsichtig bringe ich das Häufchen Elend unter meinem Pullover in den Turm, strengstens bewacht von Dune, die entgegen ihrem Podenco-Naturell, so gar keinen Jagdtrieb, sondern eher Beschützerinstinkt an den Tag legt.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

Wie ein Gebet begleiten mich deine Worte jede einzelne Stufe der Wendeltreppe hinauf. Trotz aller in mir aufkommenden Hektik und Panik aus Sorge um das Bündel, versuche ich einen halbwegs klaren Kopf zu behalten und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Turm zu düsen. In eine Kiste stecke ich das Würmchen sicher nicht mehr. Ich möchte nicht diejenige sein, die das Trauma noch verstärkt. Vorsichtig lege ich das Kätzchen auf der Couch ab, ziehe meinen Pullover aus, drapiere ihn drumherum und suche nach einem halbwegs gescheiten Liegeplatz. Die Spülschüssel. Mütterchen hat mir eine alte Plastikschüssel vererbt. Ich glaube, das ist die erste Schüssel aus Plastik, die es in unserem Haushalt gab. Ich wühle im Schrank und werde tatsächlich fündig. Mit der Schüssel gehe ich auf die Couch zu, wo Dune sich derweil schon in embryonaler Haltung um das Katzenbaby gedreht hat, um es zusätzlich zu wärmen. Ganz sanft leckt meine Hündin dem Bündel das Meer aus dem Fell und mit jedem Schlecker Zuwendung, zittert das Kleine weniger.

“Du warst einfach da, aus dem Nichts, standest du vor mir, hast mich betrachtet von oben bis unten, verprügelt und missbraucht wie ich war, hast mich in deinem mausgrauen Trenchcoat eingewickelt und fortgebracht. Was hier so kurz und wie die Beschreibung auf einer Keksdose klingt, hat in der Realität Stunden verschlungen, Stunden voller Schmerzen und Angst, der Panik, dass sie zurückkommen könnten und diesem undefinierbaren Vertrauen, dass ich dir, ohne dich je zuvor gesehen zu haben, entgegenbrachte. Du nahmst mich mit und richtetest mich mit aller Vorsicht wieder zu einem nach einem Menschen aussehenden Wesen her. Du hast dich um meine Wunden gekümmert, die äußeren Blessuren, die Hämatome und die Schnittverletzungen, und um die Inneren, die du nicht ermessen, aber wohl mit deinem Feingefühl erahnen konntest. Du hast mich nach Strich und Faden verwöhnt, und dich immer gerade so nah an mich herangewagt, dass ich keine Panikattacken bekam. Was es zu organisieren galt, hast du organisiert. Was es von mir abzuwenden galt, hast du abgewendet. Du hast die Welt rausgeschmissen und damit etwas in Bewegung gesetzt und entstehen lassen, das es nie wieder so gab, das ich nie wieder erleben durfte, das ich bei keinem Menschen auf der Welt je wieder gefunden habe, Freundschaft und eine ganz besondere und von uns gelebte Form der Liebe. In dem Moment, wo du mich aufgelesen hast, hast du begonnen dieses Band zu knüpfen, jene Verbindung, die nicht sichtbar aber spürbar stärker ist als Freundschaft oder Liebe. In den folgenden Jahren haben wir alles geteilt, alles zusammen gemacht und uns bedingungslos vertrauen können. Du hast mich genauso akzeptiert, wie ich war und auch heute noch bin. Ich nahm dich an, als Menschen den ich liebe und den ich um nichts auf der Welt hätte verändern wollen. Natürlich gab es, gerade die Drogen betreffend, immer wieder Momente, in denen ich mir, wie du dir ja auch, gewünscht hätte, es wäre anders – du wärst da anders. Blicke ich heute zurück, weiß ich noch mehr als damals, dass das deine Art war, die Welt hinaus zu schmeißen, deine Möglichkeit war, dem allen zu entfliehen, was Leben so unerträglich macht. Sicher kann ich Drogen verabscheuen, was ich auch tue, aber ich kann dir nicht vorwerfen, ein schlechterer Mensch zu sein, nur weil du warst wie du warst. Im Gegenteil, du bist mit Abstand der beste Mensch, dem ich je über den Weg gelaufen bin.”

Da die Spülschüssel nicht als Katzenkorb entfremdet wird, fülle ich sie mit lauwarmem Wasser, dem ich ein wenig Kamilleextrakt hinzufüge. Mit Wattestäbchen, Pellets, Wasch- und Handtuch bestückt, nähere ich mich dem tierischen Dreamteam, um eine Erstversorgung an dem Findling durch zu führen. Vielleicht hätte ich das mit meiner Hündin vorher bei einer Tasse grünem Tee besprechen sollen. Da sie selbst weggedöst war, erschreckt sie sich und knurrt mich an, gleich merkend, dass ich es bin, ihr Dosenöffner, und in Schwanztrommeln verfällt. Mit der Nase stupst sie die kleine Katze wach, oder versucht sie festzustellen, ob die Kleine überhaupt noch lebt? Sie lebt, denn kaum hat sie die Augen auf, beginnt sie herzerweichend zu maunzen und zu schreien. Da müssen wir jetzt durch Dune und es wird mit Sicherheit nicht besser in den nächsten paar Minuten. Mit aller mir gebotenen Vorsicht hebe ich mir das schon trockenere Bündel Fell auf den Schoß, den ich mir vorsichtshalber abgedeckt habe. Das arme Tier ist viel zu verängstigt und viel zu schwach, um sich auch nur irgendwie zur Wehr zu setzen, sieht man von der Lautgebung einmal ab. Ganz sanft wasche ich das Tierchen mit dem Waschtuch ab, reinige die kleinen kristallklaren und blauen Augen vom Schnodder des Weinens und riskiere einen Kennerblick in die winzigen Öhrchen. Zumindest scheint das Kerlchen keine blinden Passagiere wie Milben oder Flöhe mit eingeführt zu haben. Das Fell wird unter meiner Waschmassage schnell als beigefarbig mit weißen Stromung definierbar und dem Gesamtaussehen gehe ich davon aus, hier was mit ordentlich viel Rasse drin zu haben. Vielleicht eine Zusammensetzung aus Siam und Kartäuser oder Birma und einem unfassbar stattlichen Wald- und Wiesenkater? Da fällt mir doch ein, dass ich eigentlich mal das Geschlecht bestimmen könnte. Zwar weiß ich immer noch nicht, ob dieses kleine Schnuckelchen es wirklich schaffen kann, aber ich möchte ihm oder ihr schon einen Namen geben. Ich betrachte mir das Fundstück von allen Seiten und stelle ohne notarielle Aufsicht fest: Keine Nüsse, keine Nüsschen, nicht mal kleine potent werden wollende i-Pünktchen – also ein Mädchen. Passt ja prima – die drei Damen vom Turm.





Wenn die Sonne

16 08 2009

Wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

die Wolkendecke vorsichtig durchbricht,

um dir Licht und Wärme zu spenden,

um dir Zärtlichkeit und Zuversicht zu geben,

wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

dann spürst du.

dass du nicht alleine bist.

Seit über drei Wochen bin ich nun schon zu Hause, hier im Turm, hier bei dir, und lebe unseren Traum. Sie sind vergangen wie im Fluge, auch ohne dass es bahnbrechende Neuigkeiten gegeben hätte oder dramatische Dinge stattgefunden hätten. Nicht nur ich bin im Umbruch, die Jahreszeit ist es auch und ich finde es jeden Tag aufs Neue spannend, wie der Planet Sonne sich versucht dem zu widersetzen. Sie kämpft mit ihrem ganzen Charme und ihrer ganzen Gewalt gegen Wolken und Regen. Somit kommen wir hier in den Genuss, im Land der tausend Regenbogen leben zu dürfen.

Ich habe in den letzten Tagen natürlich nicht gelernt mit Pinsel und Farbe umzugehen. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als bei jedem dieser faszinierenden Farbbalken die Kamera in Anschlag zu nehmen, und das Schauspiel digital für meine Nachwelt fest zu halten. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass das ein anhaltender Willkommensgruß für mich ist.

Und er wirkt. Mit jedem weiteren Tag und mit jeder weiteren Nacht, aber gerade mit jedem weiteren Regenbogen, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Dankbar bin ich. Dankbar und unendlich traurig, das alles nicht mit dir zweisam erleben zu können. Du bist in meinen Gedanken, meinem Kopf, meinem Herzen, also bist du auch hier. Aber anders. Es ist alles anders, seitdem du nicht mehr da bist, auch wenn du für mich immer hier sein wirst. Da ist sie wieder, meine höchsteigene Schizophrenie und multiple Persönlichkeit. Du bist du und nicht hier aber doch anwesend. Wer außer mir kann das schon verstehen? Verena. Mir fällt ein, dass ich mein regelmäßiges Piep absetzen muss, was ich natürlich gerne tue. Freundschaften muss man pflegen hast du immer gesagt, was ich ziemlich erstaunlich fand, weil du nicht wirklich richtige Freunde hattest. Bekannte hattest du eine Menge, und die meisten waren eher flüchtiger Natur.

Dune kläfft den ganzen Strand zusammen und mir fällt auf, dass sich doch etwas Entscheidendes verändert hat die letzten Wochen. Meine Hündin hat ihren Mut wieder gefunden. Ich weiß nicht, ob sie in Therapie war, und wenn bei wem – auf alle Fälle jagt sie wieder Möwen. Mir kommt das ganz gelegen, denn die Gute hat ganz schön an Gewicht zugelegt, was wohl für meine guten Eigenschaften als Dosenöffner spricht. Fast den ganzen Tag streunt sie draußen herum, macht Möwen und anderem Federvieh das Leben schwer oder dreht den Strand auf Links, um schließlich mit irgendwelchen abgegammelten Turnschuhen oder halb verwesten alten Lappen als Geschenk bei mir aufzukreuzen. Sie liebt mich eben und hat nicht wirklich andere Möglichkeiten, mir das zu zeigen. Das Jagen und Sammeln hat sie sicher von mir. Zumindest stehe ich ihr da in Nichts nach, wenn ich mir meine stattliche Muschelsammlung anschaue, die ich hier zusammen getragen habe.

Heute nimmt das Kläffen so gar kein Ende und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Dune eine Möwe gestellt hat, die nun auf einem Bein und mit herausgestreckter Zunge um sie herumtanzt. Das würde eine solche Aufregung erklären. Also pelle ich mich aus meiner Kuschelposition und schaue nach dem Rechten. Ahhhh, höre ich mich selbst staunend und erfreut ausrufen. Bei genauer Betrachtung, und wenn das kämpfende Knäuel ca. 40 Meter unter mir sich mal kurzfristig entwirrt, kann ich Max erkennen, der Dune zur Begrüßung zu einem kleinen Kämpfchen herausgefordert haben muss. Oder Dune hat ihn am Wagen abgepasst und dem armen Kerl gar keine andere Chance gelassen, als sich erst mit ihr zu beschäftigen, frei nach dem Motto: „Du kommst hier nicht rein!“

Schnell schlüpfe ich in die Turnschuhe und schmeiße mir meine Wind- und Wetterjacke über. Zwar komme ich mit meinem Einsiedlerleben sehr gut zurecht, aber Max muss standesgemäß begrüßt und geknuddelt werden. Außerdem zeigt mir der erneute Blick aus dem Fenster, dass ihm ein bisschen Hilfe gegen das Dünenmonster sicher sehr gelegen kommt. Eilig nehme ich die Stufen der Wendeltreppe und lege mich auch prompt fast auf die Nase. War diese Biegung schon immer da? Nicht weiter fragend, warum mir meine eigene Treppe plötzlich ein Bein stellt, flitze ich hinab und falle Max, der sich von Dune losgerissen hat, aber immer noch penetrant besprungen wird, direkt in die Arme. Bevor meine Nase und mein Mund vom dicken Bundeswehrparker meines Besuches luftdicht verschlossen werden, bringe ich noch ein „Aus!!! Dune! Los! Hopp, geh Möwen ärgern!“ zu Stande und schon nimmt das ausführliche Begrüßungsknuddeln seinen Lauf. Mein Herz rast wie bescheuert und ich glaube ich benehme mich, als sehe ich das erste Mal nach Jahrzehnten wieder einen Menschen.

Mit all seiner Stärke und Kraft und doch fast zärtlich umarmt mich Max, hält mich fest gegen sich gedrückt, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und fragt mich nach dem werten Befinden. „Gngt ofach rchtg got“, nuschel ich in die Jacke und den sich darunter befindlichen Brustkorb. Nachdem ich mich wieder befreit habe, nehme ich einen erneuten Anlauf: „Gut, einfach richtig gut. Und selbst? Was macht die Kunst? Gibt’s was Neues aus dem Bushland?“

„Absage!“, sagt er breit grinsend, „War doch klar, aber…“ Geschickt greift er mich um die Hüften und schleudert mich einmal um sich herum und dann über seine Schulter. Dort angekommen kämpfe ich mit meiner Luft, während er mir auf den Allerwertesten trommelt und mit tiefster Bassstimme trällert „aber ich habe einen Job für nächsten Sommer!“

„Schön!“, grunze ich und verspreche ausdrückliche Freude und Gratulation, wenn ich wieder festen Sand unter den Füßen haben darf.

„Es ist unser, wirklich unser!“ Ich tanze um den Leuchtturm, laufe und renne und immer wenn ich an dir vorbeikomme bekommst du einen Kuss, egal wohin. „Danke, Danke, Danke, Danke!“ Die ganze Arbeit und Schufterei hatte sich gelohnt. Nachdem wir bewiesen hatten, dass wir in Eigenleistung alle möglichen Reparaturen und Verschönerungen selbst vornehmen können, ließ man sich dazu herab uns den Leuchtturm zu verkaufen oder heißt das noch verpachten? Immerhin werden die technischen Einrichtungen ja nicht von uns gewartet und in Stand gehalten. Man will Leute, welche die turmeigene Atmosphäre unterstreichen und sie nicht verändern wollen, hieß es damals. Jetzt, wo alle Unterschriften getätigt waren und wir nochmals über die Rechte und Pflichten informiert wurden, durften wir endlich einziehen. Wohnrecht in einem Leuchtturm. Ein Traum, ein wahr gewordener Traum, unser Traum. Du warfst mich über deine Schulter, klopftest und trommeltest auf meinem Allerwertesten im Takt und sangst: „Leuchtturmwärterin, Leuchtturmwärterin, du bist jetzt eine Leuchtturmwärterin!“ Dabei hast du über das ganze Gesicht gestrahlt, wie ein kleines Kind, und dich mit mir, als schwerer Ladung, immer weiter im Kreis gedreht, bis dir so schwindelig wurde, dass wir in den Sand fielen. Ganz plötzlich änderte sich dein Gesichtsausdruck von himmelhochjauchzend in zu Tode besorgt und du fragtest mich, ob alles okay sei oder mir was weh tut. Eigentlich wollte ich eine Jammermine auflegen, aber bei dem Blick in dein Gesicht musste ich erst lächeln und unter Prusten brachte ich nur ein „Alles Okay“, raus. Wir rollten uns im Sand und lachten und lachten und lachten.

„Hallo? Wenn du als Leuchtturmwärterin nicht höhen- und schwanktauglich bist, solltest du dir vielleicht eine Sandburg bauen!“

„Was? Wie? Achso!“ Ich starre Max an, als ob er von einem anderen Planeten kommt und verstehe sehr, sehr langsam, dass ich bereits wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehe. Ein paar weitere unendliche Momente nach diesem Verständnis, finde ich auch meine Sprache wieder. „Ähm, ja Glückwunsch Brummbär. Erzähl, was ist das für ein Job, wo, wann nächstes Jahr im Sommer, wie lange und überhaupt!“ Das Tempo meiner Fragen spricht dafür, dass ich die fassungslosen Minuten während und nach meiner Landung, aufzuholen versuche.

Max berichtet mit für ihn absolut untypischer Hektik in der Stimme, dass das mit Amerika ja klar gewesen wäre. Die Bushmänner haben mit der Begründung abgesagt, dass sich so viele nationale Künstler beworben haben, dass man diesen Event nicht auf einen internationalen Wettbewerb ausweiten wolle. In dieser Bewertungsjury der Amis sitzt aber wohl ein Deutscher aus Sankt Peter, der dort im kommenden Jahr einen Workshop veranstalten will und diesen soll Max leiten. Sankt Peter Ording sei nicht gerade der Strand, an dem Max tot über der Buhne hängen wolle, aber der Sand sei okay und wenn er ein bisschen Geld mit seinen Skulpturen verdienen könne und anderen seine Leidenschaft auch noch beibringen darf, dann wäre das doch toll. Außerdem sei er für seine Verhältnisse schon viel zu lange an einem Ort und da kommt so ein Strandwechsel gerade mal recht. Der Workshop soll über ein halbes Jahr gehen und interessierten Touristen das Skulpturenbauen näher bringen.

Natürlich freue ich mich für Max. Aber es bedeutet für mich auch wieder einen Abschied, einen kleinen Tod. Gut, ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit, vielleicht eine kleine Ewigkeit. Ich weiß, ich werde ihn furchtbar vermissen. Auch wenn wir nicht jeden Tag auf einander hängen, uns unter Umständen Monate nicht sehen. Doch wenn ich das Bedürfnis hätte ihn zu sehen, dann wüsste ich was zu tun ist. Wenn ich ihn sehen will, fahre ich vorbei oder er kommt her. An das Gefühl, dass das nicht mehr so sein wird, muss ich mich gewöhnen. Ich bete nur, dass er wieder kommt und nicht wieder Geschmack findet an seinen Strandreisen. Ich ärgere mich über meine egoistischen Gedanken. Nichts, absolut gar nichts rechtfertigt dieses „Ich-Arme-Verlassene“-Denken und so falle ich Max noch mal richtig um den Hals und gebe ihm einen dicken Kuss in den Wallebart. „Womit habe ich das denn verdient?“ Ich lächele ihn ganz breit an und antworte mit einem neckischen „Ach, nur so!“

Bis nächsten Sommer kann noch viel passieren, merkt Max beim folgenden Spaziergang an. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, ihn nicht zu intensiv in meine Gehirnwindungen schauen zu lassen, scheinbar vergessend, dass ich hier mit Max am Strand bin, und nicht mit irgendeinem netten Bekannten, der sich für mich ehrlicher Weise soviel interessiert, wie für die Börsenkurse jeden Tag. Auch hier ziehe ich wieder eine Parallele zu dir. Wenn du mich gefragt hast, ob es mir gut geht, dann hast du das gefragt, weil es dich wirklich interessierte ob es mir gut geht. Und wenn du wissen wolltest, ob alles in Ordnung mit mir ist, dann weil du sehr wohl, wahrscheinlich schon Stunden zuvor gespürt hast, dass wohl irgendwas im Argen liegt bei mir. Der olle Zausel Max ist da ganz ähnlich gestrickt. Er ist schweigsamer und scheint sehr reflektierend durchs Leben zu gehen. Wenn er aber eine Ahnung hat, dann hat diese Ahnung auch Hand und Fuß.

„Hat deine Angst mit ihm zu tun?“

Ich falle aus allen Wolken. Es wird mir ein immer währendes Mysterium bleiben, wie dieser Mensch durch mich hindurch und wieder zurück schauen kann. Als ich bejahe, fragt er mich, ob ich ihm eine kleine Analyse zugestehen würde, eine kleine Skizze dessen, was er sich so zusammenreimt.

Da ich mich für einen Menschen halte, der nicht wie ein offenes Buch ohne sieben Siegeln durchs Leben schreitet, gehe ich auf seinen Vorschlag ein und bitte Dr. Hobbypsychologen und Sandburgenbauer Max um ein Persönlichkeitsprofil meinerselbst.

„Ich kann jetzt nur das interpretieren, was ich von dir kenne, von dir glaube zu kennen oder mir auf Grund deiner Erzählungen, deiner Selbstdarstellung zusammenreime. Kennen gelernt habe ich dich als sehr gefühlsbetonten Mensch, der sehr nah am Wasser gebaut hat, allem was ihm fremd ist sehr skeptisch gegenüber steht und der mit aller Gewalt versucht, um Himmels Willen niemanden zu nah an sich heran zu lassen. Du erzählst, wenn du erzählen willst, und das willst du nur selten. Ich denke du bist ein Mensch, den man hin und wieder zu seinem Glück zwingen muss. Irgendwann in deinem Leben gab es einen Punkt, an dem du nicht mehr ohne weiteres an das Gute im Menschen geglaubt hast, an dem du nicht mehr versucht hast, unter großem Aufwand aus allem nur das Gute zu ziehen, an dem du für dich erkannt hast, dass das, was Leben ist, eine Herausforderung darstellt, der du dich jeden Tag aufs Neue und mit all deiner Kraft und Energie stellen musst. Es gibt oder gab, das habe ich noch nicht ganz aufdröseln können, für dich einen Menschen in deinem Leben, dem du bedingungslos vertraust. Ich lasse jetzt absichtlich die Vergangenheitsform fort, denn ich bin der Überzeugung, dass dieser Mensch, wenn er denn mal war und nicht mehr ist, auch heute noch deine ganze Liebe besitzt, dem du noch immer so sehr vertraust, das kaum ein anderer Mensch eine Chance hat, sich dir auch nur ansatzweise so zu nähern.

Mit diesem Menschen teilst du, neben vielen menschlichen Eigenschaften, eine langes Stück deines Lebenswegs, vielleicht den bislang wichtigsten und schwierigsten Teil. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, so dass ihr gemeinsam Unmengen von Steinen aus diesem eurem Weg räumen konntet. Wie schon gesagt, liebst du diesen Menschen bedingungslos. Und das beziehe ich nicht einzig auf diese Beziehungsschiene. Es soll ja durchaus auch Freundschaften zwischen Mann und Frau geben, die rein auf Freundschaft im ureigensten Sinne und weniger auf das Rumgehoppse auf Matratzen basieren. Definierst du Freundschaft, definierst du sie auf Basis dieser Beziehung zwischen ihm und dir. Das hat zur Folge, dass nie wieder ein Mensch, dich als echten wahren Mensch kennen lernen kann, da du dich nur ihm offenbart hast, nur er jede kleine Winzigkeit aus deinem Leben kennt und auch nur er in der Lage ist, dich zu nehmen wie du wirklich bist .Dieser Mensch ist für dich eine Form von Übermensch, das Non Plus Ultra eines Freundes und das macht es allen anderen um dich herum sehr schwer, Zugang zu dir bekommen. Ich gehe von einem Mann aus, denn eine wahre Freundschaft zwischen zwei Frauen ist nach meinem Empfinden, tut mir leid wenn ich das so feststellen muss, niemals so möglich. Frauen erzählen sich sicher alles, aber schon alleine aus Gründen der berühmten Stutenbissigkeit und dem angeborenen Rivalinnenverhalten, erfährt selbst eine beste Freundin nie alles. Manchmal seid ihr Frauen da wirklich komisch.

Lange Rede kurzer Sinn. Mit diesem Typen, der sich echt glücklich schätzen darf, dass er dich von so vielen Seiten kennt, verbindet dich alles, was dich ausmacht und vieles darüber hinaus. Auch wenn ihr nicht zusammen sein könnt, wie zum Beispiel hier und jetzt, seid ihr so eng miteinander verbunden, dass sich dein Leben in vielen Facetten um ihn dreht. Du denkst an ihn. Du fühlst (für) ihn. Du lebst mit ihm. Dein Leben ist auf eure Beziehung, auf diese ganz besondere Art der Freundschaft, auf diese ganz besondere Form der Liebe ausgerichtet. Für diese Liebe bist du bereit alles an den Nagel zu hängen und hier komplett neu anzufangen.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, warum er nicht hier ist oder nicht hier sein kann, aber du lebst ein Leben in eurem Sinn.

Du bist auf ganz wundervolle Art in der Lage, in dich ein unsagbares Vertrauen zu setzen, auf dein Herz zu hören und aus dem Bauch heraus zu agieren. Natürlich hast du einen gesunden Ratio, der dir aber oft genug ein Bein stellt oder im Wege steht. Dein Leben baut auf Liebe auf, und das finde ich die schönste Lebensform, die jemand für sich wählen kann. Und jetzt bist du dran.“

„Darf ich das verdauen, oder muss ich gleich was dazu sagen?“

„Eigentlich müsstest du wissen Kleines, dass du mir alles immer sagen kannst, aber nie was sagen musst.“

„Darf ich was fragen?“

„Sicher!“

„Wieso nennst du mich Kleines?“

„Na“, antwortet er mit seinem berühmt berüchtigten und mich überwältigendem Lächeln, „Na schau dich doch mal an, soll ich Große sagen? Ich bin geringfügige Meter länger als du und nehme mir darum das Recht, dich Kleines zu nennen. Was doch okay ist, hoffe ich.“

„Jaja, ist schon okay, ist nur weil…“

„Weil du sein Kleines bist.“

„Hmmm, ja.“

„Darf ich jetzt auch was fragen?“

„Klar, im Zweifel gibt es keine Antwort“, entgegne ich schnippisch.

„Lebt er noch?“

„Nein, er hat mich…, nein, er ist tot.“

Die Sinnlosigkeit meines Versuches klar vor Augen, versuche ich vor Max zu verbergen, dass mich ein wenig Angst beschleicht, nach seinem erstellten Persönlichkeitsprofil. Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Trage ich meine Liebe zu dir so sehr vor mir her? Nein, das kann nicht sein, denn sonst hätte mich schon vorher jemand darauf angesprochen. Selbst wenn ich von dir in der Vergangenheit erzählte, was nie sehr ausführlich war, ist nie jemand auf die Idee gekommen mich nach Einzelheiten zu fragen, oder hat mir auf den Kopf zugesagt, in welcher Beziehung wir zueinander stehen. Im Gegenteil, manch Einer, dem ich von dir erzählte, konnte sich schon ein paar Tage später nicht mehr daran, oder an den Zusammenhang erinnern. Der für mich schlimmste Fall war, dass das bisschen, von mir vorsichtig Offenbarte in einer bösen Schlammschlacht gegen mich verwendet wurde. Das sind die Vertrauensbrüche in meinem Leben, die ich nicht verzeihen kann und die ich sehr nachtragend mit mir herumschleppe, die mich ängstigen und sehr, sehr vorsichtig gemacht haben. Max habe ich nie wirklich von dir erzählt. Max habe ich nie aus meinem Leben erzählt. Und doch war es ihm gerade möglich, das große schwarze Buch der Leuchtturmwärterin aufzuschlagen und mir aus ihm vorzulesen.

Bitte erkläre mich jetzt nicht für verrückt oder halte mich für bescheuert, das tu ich selbst schon, aber Max scheint mir eine Reinkarnation von dir zu sein, nur um Jahre gealtert. Das würde auch diese Zuversicht, Hoffnung und das Wohlfühlen erklären, das ich empfinde, wenn wir uns sehen. Aus den von ihm so treffend erklärten Motiven heraus, habe ich ihn betreffend die Beschreibung Freund noch nie in den Mund genommen. aber daran gedacht habe ich schon oft. Er ist für mich wie ein alter Freund. Und bevor er im Sommer geht, werde ich ihm das auch sagen, spätestens.





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.








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