Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

31 10 2009

Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

And the winner is…

Leuchtturmwärterin!

Zweieinhalb Stunden habe ich in der Dusche gehockt. Mein neuer persönlicher Rekord, und ich kenne niemanden, der es zu ähnlichem Sitzfleisch gebracht hätte. Zweieinhalb Stunden Streicheleinheiten per Wasserzufuhr, na wenn das mal kein Erlebnis ist. Soviel Bodylotion habe ich gar nicht mehr da, um den Feuchtigkeitshaushalt meiner Haut wieder in Balance zu bringen. So schrumpele ich lustig vor mich hin und entwickele mich zur Schrumpelwärterin. Die nimmt die Wärme auch gleich mit ins Bett. Ich kuschele mich in die Koje und wünsche mir, dass der Sandsack mich mitten auf die Zwölf trifft, damit ich gleich einschlafe. Das Leben ist kein Wunschkonzert, und meinem Kopf ist nach allem, nur nicht nach schlafen. Fee schlummert ganz dicht an meinem Bauch, oder sie schlummert nicht und ruht nur, denn sie schnurrt noch so heftig. Ein wohltuendes Gefühl, dieses leise Brummeln, das sich über der Haut verteilt.

Es passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein riesiges großes Rätsel hat sich aufgetan, und ich bin nicht einmal in der Lage es im Ansatz der Lösung näher zu bringen. Was stört mich an der ganzen Geschichte, das muss ich raus finden. Je länger ich Max kenne, je intensiver ich ihn kenne, desto näher ist er mir. Das ist nichts Außergewöhnliches, so man denn, ein offener und vertrauensseliger Mensch ist. Zu dieser Gattung Mensch zähle ich aber nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die mich umgeben, die ich kenne, die mich kennen, die mich aber nur soweit kennen, wie ich sie in mich hinein schaue lasse. Und das ist nicht weit. Bei Max ist das anders. Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er ein besonderer Mann ist, ein besonderer Mensch, der meinen Lebensweg gekreuzt hat. Diese Nähe, diese Vertrautheit – das war nicht neu für mich, aber es war nach langer Zeit wieder das erste Mal. Hinzu kommen die vielen kleinen und großen Begebenheiten, die mich ständig erinnerten. Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, kam so oft in mir hoch und verwirrte mich. Es ließ mich aber auch weiter Vertrauen fassen. Heute kröne ich für mich dieses Vertrauen, in dem ich Max von meinem persönlichen Allerheiligsten erzähle. So war der Deal. Ich erzähle von dir und er mir von seinem Sohn. Nicht gezwungener Maßen, sondern in dem Moment, wo ein jeder von uns dazu bereit wäre. Ich war heute bereit. Und seit dem ist alles anders.

Wo ist der Haken. Wo habe ich den Knick in der Optik, oder besser im Verstand? Was ist der Auslöser dafür, dass sich Max dermaßen heftig zurückzieht, ohne selbst das Wort an mich zu richten, sondern über Dritte? Ich weiß, es muss was geben, das ich nicht richtig zu deuten weiß. Es gibt ein Zeichen, das ich nicht sehe. Da ist was, was ich übersehen haben muss, oder überhört. Aber was?

Denken, grübeln, weltenübeln, sinnieren, fragen, schätzen, interpretieren, nachhaken, zusammensetzen, verzweifeln, erinnern, schlussfolgern, …

Ich drehe mich im Kreis. So muss sich ein Hamster in diesem furchtbaren Rad fühlen. Er flitzt und flitzt und rennt, immer weiter, ohne Pause, ohne Abzweigungen oder Kurven, immer weiter in einer Spur aus Drahtgeflecht oder Plastikstreben. Im Zweifelsfall quietscht das Rad und untermalt sein Tun mit furchtbaren Geräuschen, die ihn zusätzlich antreiben, vor denen er zu flüchten versucht und keinen Ausweg findet. Eigentlich braucht er nur aufhören zu laufen. Eigentlich. Aber er weiß es nicht. Er kann es nicht wissen, weil es ihm sein Instinkt nicht sagen kann. In der freien Natur gibt es keine runden Drahtgeflechtautobahnen, keine zum Kreis geformten Plastikstreben, keine Hamsterräder. Wenn er Glück hat, dann findet er den richtigen Zeitpunkt um abzuspringen. Wenn er Glück hat, Glück.

Lebenslauf

Ich renne im Kreis des Lebens

Ich stolpere durch das Leben

Ich bewege mich im Leben

Ich erklimme das Leben

Ich haste nach dem Leben

Ich wanke im Leben

Ich laufe um mein Leben

Lebenslauf

Es holt mich ein das Leben

Mit meiner Vergangenheit

Mit meiner Krankheit

Mit meiner Verzweiflung

Mit meiner Traurigkeit

Mit dem unendlichen Vermissen

Mit dieser unerträglichen Sehnsucht

Ich laufe

Weiter

Immer weiter

Lebenslauf

Und wenn es so weiter geht, laufe ich noch gegen eine Wand. Verdammt, so schwer kann es doch nicht sein. Wieder und wieder gehe ich den Tag im Kopf durch. Meine Erzählung rufe ich Wort für Wort aus meiner Erinnerung ab. Der Hamster rennt im Rad und ich dreh gleich dran.

Aus dem Hundekorb dringt ein lautes Quieken, fast ein Schreien heraus. Kleine Düne brüllt sich die Seele aus dem Leib und mir fällt jetzt erst auf, dass Dune noch immer nicht wieder hochgekommen ist. Ob sie darauf hofft, dass Max zurück kommt? Vielleicht sollte ich ihr stecken, dass er sich in die Obhut des Viehdoktors geflüchtet hat und bis auf Weiteres nicht mit ihm zu rechnen ist? Auf den Stufen der Wendeltreppen ist Pfotentrappeln zu vernehmen. Das Hungergeschrei des Nachwuchses trägt Früchte und meine Hündin nimmt ihre Mutterpflichten in Angriff. Mich würdigt sie keines Blickes. Na super, jetzt begehrt auch noch der Hund gegen den Dosenöffner auf. Vielleicht ist sie auch nur schlecht drauf, denn wieso sollte sie Max Auszug mit mir in direkten Zusammenhang bringen? Und wieso gehe ich davon aus, dass dieser Hund irgendwas mit irgendwas in Zusammenhang bringt? Ich sag ja, ich dreh am Rad und verwirre. Kann bitte jemand mit einem Hammer kommen, und mir das Licht für heute Nacht auspusten. Bitte.

Natürlich kommt keiner mit einem Hammer. Wäre ja auch zu gruselig. Aber der Mond kommt hervor. Ganz langsam schiebt er sich in den Rahmen des Bullauges und er scheint zu lächeln. So hat doch wenigstens einer gute Laune heute. Kein Wunder, hat er von dem Tag und all seinen Katastrophen doch nichts mitbekommen. Ihn kann ich also auch nicht fragen, was ich falsch gemacht habe. Er kann mir auch nicht sagen, auf welchem Punkt des berühmten Schlauches ich gerade stehe. Ich müsste nur dort runterhüpfen und käme vielleicht zu ein paar Antworten meiner vielen Fragen. Aber nein. Ich stehe auf dem Schlauch, starre in das freundliche Planetengesicht am Himmel und wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt in diesem Augenblick einfach an dich herankuscheln.

Kalter Mond

komm nur her,

mach dich breit,

mach dich dick.

Komm nur her

und zeig mir,

wer der Herr am Nachthimmel ist.

Nur eines

das kannst du

mir nie geben,

kalter Mond

-

Wärme

Kaum zu glauben aber wahr, Dune kommt zu mir. Und sie schleppt Kleine Düne im Maul, was sicher bedeuten soll, dass ich wieder als Kuschelwärmer herhalten soll. Sie braucht mich also doch. Direkt neben mir auf dem Kopfkissen legt sie ihn ab. Ihn? Bah, das ist aber kalt. Kleine Düne? Ich schrecke hoch und schaue mir genau an, was mir meine Hündin aufs Kissen gelegt hat. Das ist gar nicht der Welpe. Das ist eine Geldbörse. Eigenartig. Meine ist es nicht, die ist nicht so prall. Vielleicht hat Jacques sie verloren, als er im Namen von Max hier rumgewirbelt ist, um die Stube in Ordnung zu bringen. Ich bin sehr froh, mir endlich einmal Fragen zu stellen, die ich mir auch selbst beantworten kann. Ein kurzer Ruck am Druckknopfverschluss und das Portemonnaie öffnet sich. Die Börse lässt sich dreifach ausklappen, wie ein Leporello, Rechts-Außen klappt nach Mitte, und Links-Außen klappt über Rechts-Außen über Mitte. In dem großen mittleren Klarsichtfenster ist nichts zu sehen, außer einem alten Kassenbon, der schon so vergilbt ist, dass man keine konkreten Auskünfte über geleistete Einkäufe erhalten kann. Kein Bild, keine Bilder. Also kann es eigentlich nicht Jacques Geldbehältnis sein, denn der trägt doch sicher seine ganze Großfamilie, zumindest aber Frau und Enkel mit sich herum.

Meine Neugier ist geweckt. Solche Aktionen kann ich eigentlich nicht gut heißen. Schnüffeleien sind nicht mein Stil. Etwas, was du auch sehr an mir geschätzt hast. Es war aber auch nicht schwer bei dir. Ich habe dir vertraut. Du hast mir nie einen Anlass gegeben zu zweifeln oder dir etwas nicht zu glauben. Die Karten hast du immer auf den Tisch gelegt, und deinen Stoff auch. Die wirklich einzige Regel lautete, wenn du im Bad bist, hab ich dort nichts verloren. Und es gab nie einen Grund diese Auflage zu unterwandern, weil ich wusste, was du dort treibst, außer den normalen Tagesgeschäften. Die Aktion mit dem Handy im Pfahlbau hat mich mutig gemacht. In einem der Fächer werde ich etwas finden, was auf den Besitzer schließen lässt. Dann mach ich das Lederetui wieder zu und gut ist. Ein paar kleine Scheine, ein paar Euro, ein paar Dollar. Kein Ausweis, nur eine Adresse, in der Nähe des Hafens. Das abgerissene Deckblatt eines Streichholzheftchens mit dem Namen und der Telefonnummer einer Bar in New York bringt mich auch nicht weiter. Ein Bild eines kleinen Jungens, schätzungsweise neun oder zehn Jahre alt, blondbraune Haare und solche strahlenden blauen Augen, dass selbst das Bildalter sie nicht ermatten lassen konnten. Der Kleine hat süße Grübchen. Weiter ist nichts im Portemonnaie. Ich schätze, es ist Max Börse. Der Junge könnte sein Sohn sein, das würde sich mit seinen Erzählungen decken, soweit man die Anhäufung von Andeutungen Erzählung nennen kann. Am Besten wird sein, ich smse Jacques, dass Dune hier ein Portemonnaie gefunden hat. Er wird mir schon mitteilen, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Direkt auf meine Kurzmitteilung erhalte ich Antwort. Ganz schön fix für so alte Finger.

„es gehört max. er sagt er sei dran. da er nicht erzählen kann, mach es auf u. schau dir das bild an. mehr später. liebe grüße j+m“

Max kann also nicht sauer sein. Wäre er wütend auf mich, wäre der Inhalt seiner Börse für mich tabu. Gut, es wäre zu spät für Tabus, aber das kann er ja nicht wissen. Warum wollte er dann fort von hier? Hatte er Sorge, dass er gleichziehen muss? Kennt er mich nach all der Zeit und vor allen Dingen, nach all meinen Offenbarungen immer noch nicht gut genug um zu wissen, dass er das nicht braucht? Dass er wie ich auch, alle Zeit der Welt hat? Ich soll, nein, ich darf mir das Bild anschauen. Meint er das mit dem kleinen Jungen? Den habe ich schon bestaunt. Immer noch vorsichtig öffne ich die Geldbörse erneut und suche nach weiteren Bildern. Es gibt nicht mehr Innenleben, als ich bereits herausgefischt hatte, also kann er nur das Bild meinen. Dann ist das also sein Sohn. Es muss für ihn die Hölle sein, nur diese verblichene Papiererinnerung an sein Kind zu haben. Vielleicht hat er noch mehr zu Hause oder im Pfahlbau, aber sehr viel jüngeren Datums sind diese sicher nicht.

Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre dich zu kennen, dich zu lieben, um deine bedingungslose Freundschaft zu wissen und ich hätte dich nicht so sehen und erleben dürfen, wie ich es durfte. Habe ich mit meinen Ausführungen über dich und dein Leben den Schmerz von meinem Sandburgenbauer vielleicht vergrößert? Wurde ihm dadurch bewusst, was er im Leben verpasste, nachdem er die Familie verlassen hat, nachdem er sein Kind verlassen hat? Habe ich Erinnerungen geweckt, die er über Jahre tief in sich vergraben hatte?

Herrje, es ist mitten in der Nacht und ich kommuniziere noch via Handy mit zwei älteren Herrschaften. In mir steigt ein bisschen Neid auf. Die zwei Zausel sitzen jetzt bestimmt bei einer verbotenen Flasche Rotwein zusammen und tauschen sich über den heutigen Tag aus. Max wird sich seinem Freund anvertrauen und seinen Rat suchen. Und ich? Ich liege in meiner Koje, habe ein lebendiges Katzenfell am Bauch, einen Hundekopf mit fragenden Augen auf der Matratze und führe Selbstgespräche. Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten. Und du da oben, du bist mir heute auch keine große Hilfe. Ist die Wolkendecke so stark, dass deine gut gemeinten Ratschläge sie nicht durchdringen können?

Der Mann mit dem Hammer kommt heute sicher nicht mehr. Und das mit dem Sandsack mitten auf die Zwölf wird mich auch als unerfüllter Wunsch in den Schlaf begleiten. Schlafen, das ist eine gute Idee. Es ist jetzt auch wirklich an der Zeit. Wer weiß, was mich Morgen alles erwartet.

(c) Kurt Detlev Schulz

Hier

Gerade in den Momenten,

in denen ich mich einsam fühle,

alleine,

verlassen,

unverstanden,

gerade in diesen Momenten fällt mir auf,

wie einsam sich der Turm fühlen muss,

wie allein

und verlassen

in der kalten Nacht,

hier

am Strand.





Es ist noch nicht Tag,

27 10 2009

Es ist noch nicht Tag, und wenn dieser Nochnichttag in seiner Folge so fad schmeckt wie mein erster Kaffee, dann erfinde ich den achten Tag der Woche – den Nochnichttag. Wäre Dune nicht so furchtbar unruhig, hätte ich sicher noch das eine oder andere Stündchen schlafen können, zumindest so lange, bis es einigermaßen hell ist draußen. Doch der Nebel, der vor dem Bullauge seine Wellen schlägt, verspricht einen ähnlichen Tag wie gestern. Dune ist einfach nicht zu beruhigen. Unruhig läuft sie durch die Stube, steht immer wieder an der Treppe und junkert und ab und an läuft sie auch hinunter und kratzt an der Tür. Die habe ich ihr schon mindestens dreimal geöffnet, aber sie will nicht raus, weil sie muss, da muss was anderes hinter stecken. Sie muss jetzt erst einmal damit zurecht kommen, dass ich noch nicht so weit bin. Ich brauche etwas länger um in die Puschen zu kommen. Zwar beeile ich mich, doch bin ich für meine Hündin nicht schnell genug. Sie wird nicht nur immer hektischer, sondern auch immer lauter in ihren Äußerungen und ich bekomme fast Aggressionen ob dieser Hetze. Sie weiß doch, dass ich nicht zu den Stehauffrauchen gehöre, die von der Matratze in den Tag hüpfen und mit diesem Speed durch das Leben sausen. „Boah Dune. Es ist gut jetzt!!! AUS!!! Ich mach doch schon. Schneller geht’s halt nicht!“ Wie vom Donner gerührt verharrt mein Haustier für einen Augenblick in ihrer Haltung, schaut mich irritiert mit ihren bildhübschen Augen an und beginnt von Vorne.

Genau achtundzwanzig Minuten des Terrors habe ich nun hinter mich gebracht und ich bin heilfroh, als wir endlich den Turm verlassen können. Im Brusttaxi trage ich Fee und Kleine Düne spazieren, während Dune voraus prescht, laut bellend, fast aggressiv und nach ein paar Sprüngen immer wieder zu mir zurückkehrt, um mich mit gleichem Wortlaut anzutreiben. Vielleicht sind die Delfine wieder da und sie versucht mir das irgendwie mitzuteilen. Aber das geht doch auch weniger panisch und ruhiger?! Ohne es selbst gleich zu bemerken, stapfe ich einen Schritt schneller durch den schweren Sand. Und das erste Mal höre ich mich, wie ich über die Wetterumstände wirklich nöle. Zum Barfußlaufen ist es viel zu kalt, das gäbe Frostbeulen an den Füßen. Und für ein lockeres Walking in Gummistiefeln bin weder ich geschaffen, noch ist der Sand dazu wirklich geeignet. Doch die Unruhe meiner Hündin überträgt sich auf mich und leise schleicht in mir der Verdacht auf, dass irgendwas mit Max vielleicht nicht stimmen könnte. Hunde haben doch so einen siebten Sinn. Ich rufe mir seine eigenartige SMS in den Kopf und in meinem Herzen zieht sich alles zusammen. Ja sicher! Natürlich! Das ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Wenn Dune Max schon hören kann, bevor ich ihn höre, dann fühlt sie vielleicht auch, dass es ihm schlecht geht. Darum ist sie so nervös und so zickig.

Neben den schweren Schritten macht mir die mangelnde Sicht arg zu schaffen. Ich kann kaum einen Meter weit nach vorne schauen, und wenn Dune losläuft, ist sie bald aus meiner sehenden Wahrnehmung verschwunden und ich höre nur noch kläffenden Nebel. Doch das alles darf mich jetzt nicht aufhalten oder verlangsamen. Ich hoffe, dass von der Brühe nachher noch etwas in dem Topf ist und sich nicht alles in meinen Rucksack ergossen hat. Viel mehr hoffe ich aber, dass Max sie überhaupt noch genießen kann. Horrorszenarien spielen sich vor meinem geistigen Auge ab. Vielleicht ist er beim Dachflicken gestürzt und hat sich was gebrochen? Ganz langsam und schleichend macht sich in mir dieses Gefühl breit, das ich das letzte Mal vor gar nicht all zu langer Zeit hatte – als Dune verschwunden war. Diese Sorge, gepaart mit Angst. Diese Hilflosigkeit im Kontrast zu dieser Panik. Klare Gedanken sind nicht mehr möglich und mit jedem Schritt werden meine Selbstgespräche lauter. Alles wird gut. Es ist nichts Schlimmes. Vielleicht hat er nur seine Tage. Alles wird gut. Gleich bist du da und du kannst ihn umarmen. Er hat dir gesmst also lebt er. Nur Lebende können ein Handy bedienen. Und wenn er mit seinen großen Händen noch die kleinen Tasten drücken kann, dann kann es so schlimm nicht sein. Aber das war gestern. Vielleicht geht es ihm heute schon viel schlechter. Warum sonst sollte Dune so ausflippen? Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.

Autsch! Verdammt was ist das jetzt? Ich war so mit meiner Gebetsmühle zu Max Zustand beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich schon längst angekommen bin. Also bin ich direkt in die Stiege gelaufen und habe mich fast der Länge nach drauf gelegt. Gott sei Dank konnte ich mich noch abfangen, sonst hätte es Kieferbruch bei mir und mindestens böse Quetschungen im Brusttaxi gegeben. Zwar kann ich mich über eine mangelnde Oberweite nicht beschweren, im Gegenteil, aber ob die Milchtüten als Airbags wirklich was taugen, möchte ich bezweifeln.

Dune läuft um den Pfahlbau herum und bellt sich schlapp. Ich rufe sie herbei und versuche sie irgendwie zu beruhigen. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihr klar machen soll, dass ich sie nicht die Holzsprossen hinauf gewuchtet bekomme und darum erstmal alleine vorgehe. Natürlich versteht sie mich nicht und so steigert sich ihr Gekläffe auch noch einmal mächtig, als ich die ersten Stufen nach oben klettere. Doch dann, als hätte jemand bei ihr den Ausknopf gefunden, den ich mir dann unbedingt noch zeigen lassen muss, setzt sie sich vor die Leiter und schweigt. Naja, sie schweigt nicht wirklich. Das Gejunker ist aber schon um ein Vielfaches angenehmer als ihr Gebrüll.

Erst ganz leise und dann etwas heftiger klopfe ich an der schweren Holztür, an der eigens für diesen Zweck ein Schlagring im Maul eines Gargoyles befestigt ist. Diese Tür erinnert mich immer an den Film „Das Labyrinth“ mit David Bowie – wo dieses Mädchen die Frage nach Wahrheit und Lüge beantworten muss. Aus dem Inneren des Turms ist nichts zu vernehmen und ich drehe vorsichtig den dicken Türknauf, natürlich erstmal nach links, woraufhin sich so gar nichts öffnen lässt. Eine neuerliche Drehung in die richtige Richtung lässt die Türe aufspringen und ich öffne sie einen Spalt, gerade so weit, dass ich mein Haupt hindurch strecken kann. Es ist ziemlich dunkel, da Max rundum die Gardinchen zu gezogen hat. Nachdem sich meine Augen an die halbe Dunkelheit gewöhnt haben, entdecke ich das Bett und Max darin. Keine Bewegung, kein Anzeichen dafür, dass er mein Kommen registriert hat.

„Max? Max? Bist du wach?“

Eine der wohl dämlichsten Fragen, die man jemandem stellen kann, der gerade im Bett liegt. Hat er nämlich geschlafen, dann hat er geschlafen und ist oder wird spätestens jetzt wach. Ich kann über mich selbst mal wieder nur den Kopf schütteln und traue ich mich in die Stube hinein. In kleinen Schritten gehe ich auf das Bett zu und je näher ich komme, um so lauter wird dieses röchelnde und rasselnde Geräusch, das ich nur zu gut kenne. Scheiße. Verdammte Scheiße noch mal. Du dämlicher Idiot. Warum machst du einen auf cool mit deiner SMS, anstatt zu schreiben was los ist? Als ich bei Max ankomme, spüre ich, ohne ihn anzufassen, die Hitze, die von ihm aufsteigt. Die Atemgeräusche dazu genommen, gehe ich von einer deftigen Lungenentzündung aus. Der Ofen ist aus und es ist nicht wirklich wärmer hier drin als draußen. Als erstes muss das Fieber runter, von dem ich gar nicht wirklich wissen will, wie hoch es ist. Und wenn es dann temperaturtechnisch in den Keller geht, muss ich ihn zu mir in den Turm schaffen. Notfalls mit Gewalt. Er wird mich hassen, weil ich seinen R4 entweihe, in dem ich führerscheinloses Wesen ihn damit zum Leuchtturm bringe. Aber damit kann ich besser umgehen, als ihn für alle Zeit an die Meergötter zu verlieren.

Als hätte ich nie etwas anderes getan, schmeiße ich den Ofen an und setze Wasser auf. Wenigstens gut eingekauft hat er vorher. Ich versuche nicht daran zu denken, was eine Lungenentzündung mit einem alten Mann alles anstellen kann. Ich funktioniere. Stube heizen, Wasser kochen, Wadenwickel machen, ihm einen frischen Pyjama anziehen und die Zudecke austauschen. Weiß der Geier warum er alles in mehrfacher Ausführung hier hat, wo das doch nur sein Zweitwohnsitz hat, aber es ist gut so wie es ist, so habe ich eigentlich perfekte Voraussetzungen, ihm zu helfen. Die durchgeschwitzten Sachen koche ich kurz aus und hänge sie dann zum Trocknen über den Ofen. Ebenso verfahre ich mit der Decke – allerdings ohne sie vorher zu waschen. Dafür hätte ich dann doch gerne meine gute Bosch, nebst Herrn Trockner.

Dass ich Fee und Kleine Düne noch immer an der Brust mit mir herumschleppe merke ich erst, als mich Fee mit ihren Krallen bearbeitet. Oh Mann, denen muss ja vollends übel geworden sein. Aus Küchenhandtüchern und trockenen Aufnehmern, die ich in diesem gut sortierten Pfahlbau finde, baue ich den beiden ein kuscheliges Nest nahe dem Ofen in einem Einkaufskorb. So können sie, beziehungsweise so kann Fee auch nicht heraus, ohne dass ich es hören würde. Die wohlige Wärme des Ofens scheint sie auch gleich einzulullen und beide schlafen sofort ein.

Viele erste Handgriffe sind getan und ich muss mir eingestehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Hier in dem Pfahlbau klappt das alles nicht. Entweder brauche ich Hilfe, noch zwei bis fünf weitere Hände oder Max muss in den Turm, wo ich, als knochenkrankes und leicht hypochondrisches Wesen auf alle Eventualitäten eingerichtet bin. Wer braucht schon Ärzte und Krankenhäuser. Davon hatte ich in der Vergangenheit wahrlich genug. Notsituationen erfordern besondere Maßnahmen. Das hier ist eine Notsituation und ich hoffe Max wird mir das irgendwie verzeihen können. Ich durchsuche seine Klamotten nach dem Handy. Weit kann es nicht sein, hat er mir doch gestern noch diese Kurzmitteilung geschickt.

Ohne Probleme könnte ich dem Sandburgenbauer jetzt einen Zugang legen, aber bei der Suche nach seinem Telefon werde ich super nervös. Normal ist das nicht. Aber ich hasse so etwas. Meine ausgeprägte Neugier hin oder her, ich mag nicht in fremden Sachen herumwühlen. Das konnte ich noch nie und nur weil dies eine Notsituation ist, wird das Gefühl einen Vertrauensbruch zu begehen nicht schwächer. Doch es muss sein. Ah unterm Bett. Ich sehe wie etwas unter dem Bett aufblinkt und greife mir das Gerät. Max hat acht Anrufe in Abwesenheit. Na, der ist ja noch ignoranter als ich. Eine neue SMS ist auch gerade gekommen. Aber das alles interessiert mich jetzt nicht. Im digitalen Telefonbuch suche ich nach irgendwas, das wie Jacques klingt und werde fündig. Jacques muss mir irgendwie zur Hilfe eilen. Ich weiß noch nicht, wie diese Hilfe aussehen kann, aber sie muss her. Jacques muss her. Der beste Freund, der weise, greise Mann, der Dune gerettet hat. Ein alter Viehdoktor, der alles dafür geben wird, seinem Freund zu helfen.

Hektisch wähle ich den Eintrag aus und versuche die Verbindung herzustellen. Gott sei Dank, es klingelt. Eigentlich ist es Schwachsinn. Jacques kann vor heute Abend nicht hier sein. Aber vielleicht hat er ja eine gute Idee. Nach dem fünften Klingeln hebt ein Mädchen auf der anderen Seite ab und meldet sich ordentlich und mit vollständigem Namen, den ich gar nicht verstehe. Ich weine, ich brülle, ich rede wirr daher und es dauert eine ganze Weile, bis mich eine der Enkelinnen, die ich wohl an der Strippe habe, darüber aufklären kann, dass ihr Papa und ihr Opa schon seit ganz früh unterwegs sind um Max zu besuchen. Danach kommt noch Jacques Frau ans Telefon, die mich dann wirklich wieder runter holt von meiner Sorgenpalme. Es könne nicht mehr lange dauern, sie seien schon vor Stunden los gefahren und müssten bald eintreffen. Jacques hat seit vorgestern versucht seinen Freund zu erreichen und gar keine Reaktion erfahren, woraufhin er sich voller Sorge seinen Sohn schnappte und auf den Weg machte. Ganz kurz fährt mir die Frage durch den Kopf, wieso sich Max bei mir antwortend meldet aber nicht bei seinem Uraltfreund reagiert. Doch ich denke diesen Gedanken nicht zu Ende.

In dem Moment, wo ich mich von Jacques Frau verabschiede, betreten zwei Männer den Raum. Einer der beiden trägt meinen Hund im Arm, der ungeduldig rumzappelt und endlich wieder festen Boden unter den Pfoten wünscht. Im Gegenlicht erkenne ich Jacques und ich falle dem alten Mann in die Arme und beginne einfach nur hemmungslos zu weinen. Danke. Danke wem auch immer. Danke, danke, danke.

Jetzt wird alles wieder gut.

Mit der tränenreichen Umarmung trete ich alles an Jacques ab. Ich übergebe ihm meine Angst, meine Sorgen, meine Hilflosigkeit, meine Liebe zu Max, meine Erinnerungen. Mit seiner festen und starken Umarmung nimmt mir Jacques alles ab. Er nimmt mir die Last, die Sorge, die Hilflosigkeit, die Angst und meine Erinnerungen, nur die Liebe zu Max, die teilt er mit mir.





Das laute Aufschreien

26 10 2009

Das laute Aufschreien von Kleine Düne reißt mich aus meinen Gedanken. So schnell ich kann, spurte ich zu ihm hin, komme aber wie meist zu spät, weil Dune schon munter und fürsorglich vor ihm sitzt. Eine hauchdünnes Rinnsal Blut fließt aus seinem Stirnfell, Fee faucht ihn an und sucht sich einen anderen Platz zum Weiterschlafen. Ich schau mir die Wunde des Welpen an, die schon von der Frau Mama saubergeleckt wird. Ist nicht schlimm. War sicher nur der Schreck. Bis er laufen kann, ist das längst vergessen. Mich würde nur interessieren, was Fee so gereizt hat, dass sie ihm eine scheuern musste. Vielleicht hat er ihren Stumpf mit einer überdimensionalen Zitze verwechselt? Oder Fee hatte einen Alptraum. Achselzuckend verlasse ich den Kampfkorb und muss schon ein bisschen schmunzeln über die Tatsache, wie sich Realität und Erinnerung fast decken – nur habe ich eine Nase zertrümmert, während Fee sich im Skalpieren probiert hat.

So entspannt wie in dieser Woche war ich schon lange nicht mehr. Alles hat sich zum Guten gewendet, wenn es nicht schon gut war und bis auf das Wetter, was ich persönlich eher als normal denn als furchtbar einstufen würde zu dieser Jahreszeit, waren die Tage sehr harmonisch und verliefen in aller Ruhe. Noch nicht einmal mehr das Gespräch mit Max macht mir Kopfschmerzen. Im Gegenteil, ich freue mich schon richtig darauf ihm von dir zu erzählen. So er mir nicht zuvor kommt, werde ich ihn die Tage einmal besuchen. Vielleicht kann ich ihm ja auch noch ein bisschen bei den Reparaturarbeiten am Pfahlbau helfen. Ansonsten werden wir heiße Schoggi trinken und einfach alles auf uns zukommen lassen. Drücken werde ich mich sicher nicht mehr, das ist so sicher wie das Signal unseres Leuchtfeuers.

Seeluft macht gesund, das beweist sich hier immer wieder aufs Neue. Nachdem Dunes Hals so toll abgeheilt ist und Jacques tolle Naht sich bereits in einen zarten feinen Strich unter dem nachwachsenden Stoppelfell verwandelt hat, beschließe ich heute den Bauchverband abzunehmen. Bislang habe ich immer nur ganz vorsichtig geschaut, ob alles in Ordnung ist. Bereitwillig legt sich Dune auf der Couch auf den Rücken und lässt sich von Oberschwester Leuchtturmwärterin verarzten. Auch die Bauchwunde sieht einfach toll aus. Der alte Zausel hat echt noch eine Menge auf dem Kasten. Das Einzige was an dem Bauch entzündet scheint, ist eine der beiden Zitzen, an denen sich Kleine Düne stets verlustiert. Das werde ich die nächsten Tage mal beobachten und notfalls muss ich sie eben mit Pflaster abkleben, damit der junge Herr seine Kieferchen davon lässt. Ganz sanft massiere ich der Lady den Bauch, und ich wette, wenn sie könnte, sie würde schnurren. Stattdessen gibt sie eigenartige Grunzgeräusche von sich, räkelt und streckt sich. Ohne viel Druck aber mit Fingernägeln schubbere ich sie entlang der Zitzenleisten. Das muss eine wahre Wohltat sein und ich erinnere mich an meine Operationen und wie selig ich war, als ich diese verdammten Anti-Thrombose-Strümpfe endlich ausziehen durfte. Es ist so schön zu beobachten, wie viel Vertrauen Dune in mich hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ihr nie etwas antun könnte. Kleine Düne liegt an Mamas Kopf und ich frage mich, ob er wirklich nichts sehen kann, trotz geöffneter Augen.

Vergnügt und glücklich schnappe ich mein Handy und smse Max, ob er vielleicht Lust auf einen Besuch hat. Ich würde auch versuchen, Dune zu überreden mit zu kommen. Da ich um die Handyunlust von Max weiß, erwarte ich gar keine rasche Antwort. So räume ich hier und wusele dort ein bisschen herum, vertreibe mir die Zeit mit gemeiner Turmarbeit und erfreue mich an meinen Mitbewohnern. Fee entscheidet sich sogar zwischendurch, mir bei dem schnöden Gewische Gesellschaft zu leisten, krallt sich an mir hoch, bis ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, und sie freiwillig auf meine Schulter setze. In der Duschkabine springt sie ab, hat sie doch eine klitzekleine Spinne entdeckt, die ihr Jagdfieber weckt. Es ist so süß anzuschauen. Wie sie sich heranpirscht, noch kleiner macht, als sie eh schon ist, wie ihr gebrochener Schwanz durch die Gegend peitscht und sie schließlich, nach langem Getue doch im Leeren landet, weil die Spinne sich derweil wieder auf dem Weg nach oben befindet. Natürlich hole ich die Kamera, diese Jagd in der Duschtasse muss einfach festgehalten werden.

Der Staubnebel im Leuchtturm ist beseitigt, der Nebel draußen liegt satt und dick auf dem Strand und dem Meer. Wie sagte Mütterchen früher immer, sie hatte einen bestimmten Ausdruck dafür. Waschküche – genau, das war es. Mütterchen nannte den Zustand immer Waschküche. Denn früher, als noch in den großen Bottichen Wäsche gekocht wurde, war es in den Waschküchen durch den Wasserdunst sehr nebelig. Ich kann mich ja mal aus dem Fenster hängen und nach unten schauen, dann wird mir schwindelig, weil ich nicht wirklich frei von Höhenangst bin. Dann ist der Schleudergang direkt mit dabei. Ich phantasiere schon wieder wild rum. Wird man so, wenn man am schönsten Platz der Welt alleine unter Tieren lebt? Apropos alleine. Max hat sich immer noch nicht gemeldet und ich fürchte, ich muss bis Morgen warten mit meinem Besuch. Vielleicht ist ja dann auch die Sicht wieder etwas besser und ich kann auf meinem Spaziergang zum Pfahlbau auch die Aussicht auf das Meer genießen. Ich starte einen neuen Versuch in Sachen Kurzmitteilung und füge gleich an, dass sich der Besuch wohl auf Morgen verschieben wird.

Nicht richtig ~ Nicht ich

Es wurde nicht Tag

Nicht richtig

Nicht hell

Ich wurde nicht Mensch

Nicht richtig

Nicht ich

So bleib ich hier

Schließe die Augen

Schließe mich

Und trau mich

Zu sein wie ich bin

Nicht Mensch

Nicht richtig

ICH

Ich weiß nicht, warum mir all diese Verse jetzt einfallen. Wohlmöglich weil dieses Wetter zu poetischen Ausflügen einlädt, weil es so traurigschaurig schön ist dort draußen und ich mich nicht entscheiden kann, ob ich gehen oder bleiben mag. All diese Verse habe ich mal dir geschrieben oder ich hätte sie dir noch schreiben wollen, bekam aber leider nie wieder die Chance dazu. Die, die ich dir schrieb, wanderten damals in diese große Schatzkiste – die Schatzkiste, die wohl heute noch irgendwo ungeliebt und unbeachtet auf dem Speicher oder im Keller des Drachens steht, der auch gemeinhin als deine Mutter bekannt ist. Nein, sorge dich nicht, ich steigere mich nicht wieder in diese Wut hinein, die ich in mir trage, wenn ich an sie denke oder von ihr spreche. Mich überkommt nur einmal mehr unendliche Traurigkeit über diese unfassbare Lieblosigkeit. Denke ich an mein Mütterchen, denke ich voller Liebe an sie und ihre Liebe, die sie mir bis heute entgegen bringt. Auf diese Mutterliebe kann ich immer zählen, auf sie bauen. Natürlich ist unsere Beziehung auch schwierig. Welche Mutter-Tochter-Beziehung ist das nicht. Doch bei allen Schwierigkeiten schwingt auch immer Zuneigung mit, ist die Beziehung immer in Liebe gehüllt und stärkt für alles, was ich für mein Leben brauche, seit ich auf eigenen Füßen stehe. Deine Mutter verstehe ich bis heute nicht. Und ich mag sie nicht. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Eigentlich brauche ich dir gar nichts mehr erzählen, denn du weißt ja schon alles von mir, und das was du nicht weißt, das siehst du. Von dort oben, irgendwo hinter dieser Nebelwolkendecke, die so ganz und gar unkuschelig aussieht.

Ist es noch Tag oder wird es schon Nacht? Ich bin so aus dem Rhythmus durch diese wohlige Ruhe hier, es ist nicht zu fassen. Der Blick auf die Uhr an der Mikrowelle entsetzt mich. 0:00 Uhr blinkt es und blinkt es und blinkt es. Stromausfall? Hatten wir hier Stromausfall und ich hab’s nicht gemerkt? Oh Shit, dieser dämliche Staubsauger. In meiner wischenden Putzwut habe ich dieses Monster kurz eingesteckt und die Mikrowelle ausgestöpselt. Und nun? Wo krieg ich jetzt die Uhrzeit her? Grob schätzen ist nicht, da liege ich wahrscheinlich um Tage daneben. Das Handy. Mein Mobiltelefon, das immer noch keinen Mitteilungseingang zu verzeichnen hat, zeigt dafür verlässlich die Uhrzeit an. Halb Fünf – und wenn mich meine Sinne nicht ganz im Stich gelassen haben, haben wir Halb Fünf am Abend. Dann wird’s gleich ganz schnell Nacht. Und während ich so überlege, was ich mit der anbrechenden Nacht anfangen kann, miept der Kommunikationsknochen in meiner Hand. Aha, dem Meister des Sandes ist seine Pin eingefallen und er hat sein Handy aktiviert.

„Kleines bitte nicht, Morgen auch nicht. Mir ist nicht wohl. Sorge dich nicht. Hab dich lieb. Max“

Dass dir nicht wohl ist glaub ich wohl. Bist du doof oder was? Wenn es dir nicht gut geht, dann muss ich doch erst recht vorbeischauen. Ein bisschen betüddeln tut dir sicher gut. Vielleicht kann ich was für dich erledigen. Und wer weiß, was mit dir los ist. Wenn es das Weltenübel ist, dann muss ich dich sehen. Und wenn du krank bist, dann schon mal erst recht. Pfft – Mir ist nicht wohl. Ich zeige Dune die SMS und sie bellt das Handy an, oder bellt sie es aus? Egal, sie bellt und bestätigt mich in meinem Wunsch, den Sandburgenbauer zu sehen. Also koche ich jetzt eine leckere Brühe und dann packe ich meinen Rucki und Morgen, in aller Frühe, mache ich mich auf die Gummistiefel, um Max heim zu suchen. Basta. Dune bellt erneut, als wolle sie damit diesen Plan beglaubigen.

Schnell ist die Brühe zubereitet und zu meinem großen Erstaunen schmeckt sie sogar. Eigentlich kann ich wirklich gut kochen, aber ich muss auch in der Stimmung dazu sein, und die geht mir gerade heftig ab. Ich sorge mich um Max und wenn ich nicht so schissig wäre, würde ich mich gleich auf die Gummistiefel machen. Ich weiß, er will es nicht. Aber ich habe den heftigeren Dickkopf. Und doch werde ich mich bis Tagesanbruch gedulden. Geduld. Ein absolutes Fremdwort. Wer Geduld hat ist zu feige gleich zu handeln. Das hat mal so ein Schnösel in meiner Schulzeit gesagt. Er hat gleich gehandelt und in der Bank, in der er seine Lehre gemacht hat, Gelder veruntreut. Selber Schuld.

Sterbensstille

Nachts

Bei dir

Ein unbeleuchteter Moment

Stille

Nebel

Wellen

Nebelwellen

Stille

Nachts

Bei dir

Zum Sterben schön

Sterbensstille

Das Wettergetöse hat nachgelassen. Es ist bitterkalt und immer noch liegt der Nebel über dem Land. Sobald das Leuchtfeuer den Ozean berührt, kann man die dicken undurchdringbaren Schleier sehen, wie sie schwer über dem Wasser hängen. Keine Möwe kreischt, kein Bootsmotor brummt aus der Ferne. Die Nacht scheint sich dem Nebel ergeben zu haben.

„Kannst du ihn hören?“

„Wen?“

„Den Nebel Kleines, den Nebel!“

„Was für’n Zeug hast du dir denn gerade gespritzt? Seit wann kann man Nebel hören?“

„Was hörst du denn?“

„Nichts Großer, hier ist nichts zu hören.“

„Dann hörst du ihn, den Nebel. Diese unheimliche Stille, die einen herunter zieht und doch wach sein lässt, die dich wachsam sein lässt, bis eine seltsame Müdigkeit dich überkommt, die nichts spricht, aber doch alles sagt – diese Stille, das ist der Nebel.“

Damals hielt ich deine Ausführungen für sehr schräg. Ich habe dir deine Drogen zu Gute gehalten und dass du wahrscheinlich gerade auf einem ganz eigenartigen Tripp bist. Aber seitdem ich hier bin, kann ich dich wirklich verstehen. Und ich kann sie wirklich hören, diese Stille – ich höre ihm zu, dem Nebel. Diese Nacht ist so ruhig, dass ich kaum in den Schlaf finde. Einzig das Gebrumme des Leuchtfeuers, Dunes Schnarchen und das behagliche Schmatzen von Kleine Düne durchdringen die Stille hin und wieder. Das ist doch wirklich krank. Wohne ich an einer Straße, kann ich nicht schlafen, weil mich die vielen Autos und vor allem diese mobilen Discos nerven. Schlafe ich in einem Hotelzimmer nahe eines Wasserfalls, kann ich nicht schlafen, weil ich einen ständigen Blasendrang verspüre. Hier, unter dem Himmelszelt, vierzig Meter oder 159 Stufen von der Erde entfernt, kann ich nicht schlafen, weil es mir zu still ist? Ich kann sie wirklich nicht mehr alle haben, oder?

Nachdem ich mich ein Weilchen selbst fertig gemacht habe und mittels leiser Selbstgespräche versuchte mir bei zu bringen, dass ich schon eine komische Leuchtturmwärterin bin, gestehe ich mir ein, dass es nicht die Stille ist, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist wieder der Kopf. Es ist der Grübel, der sich mitten in meine Stirn gesetzt hat und alles daran setzt, dass ich nicht schlafe. Er will, dass ich mich auseinandersetze. Jetzt und hier. Und wieder schweifen meine Gedanken zu Max ab. Doch diesmal denke ich nicht darüber nach, dass er krank sein könnte. Diese Gewissheit werde ich morgen bekommen. Nein, es ist dieses Gefühl ihn zu mögen, ja ihn fast zu lieben und ihm so nahe zu sein, wie ich es erst einmal einem Menschen war. Nämlich dir. Ich muss herausfinden was das ist. Ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Morgen.





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Was Max betrifft

23 10 2009

Was Max betrifft, vertraue ich mir schon lange. Ich verstehe ihn nicht immer. Dich habe ich auch nicht immer verstehen können. Aber ihn versuche ich zu verstehen und gebe nicht auf, so wie ich auch bei dir nie aufgegeben habe. Ich horche auf mein Herz und es sagt mir immer wieder, dass Max einer der wirklich guten Menschen in meinem Leben ist. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, und folge ihm noch immer. Das zeigt sich darin, dass ich in Max vertraue. Dass ich mich auf ihn einlassen kann. Sicher nicht in so weit, wie ich es mich auf dich habe können. Aber ich lasse mich schon auf sehr viel ein und stelle immer wieder fest, wie nah er mir ist und wie sehr dieses Vertrauen belohnt wird. Ob alles wirklich gut wird, weiß ich nicht. Das kann ich noch nicht ermessen. Ich wünsche es mir. Ich wünsche es dir. Ich wünsche es Max und ich wünsche, dass das alles, was gut wird, hier gut wird. Hier am Strand, hier am Fuße des Leuchtturms, der mein neues Zuhause ist und vielleicht schon viel mehr Zuhause ist, als es je ein anderer Ort war.

Seit sicher mehr als einer Stunde sitzen wir nun schon im Pfahlbau, um diesen prächtig geschnitzten kleinen Tisch, mit Kerze und mit heißer Schokolade vor uns. Ich nuckele nervös an meiner vierten Zigarette seit Ankunft und Max sitzt in einem wunderschönen riesigen Ohrensessel und raucht seine Pfeife. Ein seltener Anblick, und eigentlich hatte ich schon vermutet, er hätte das Rauchen aufgehört. Max erzählt mir vom Entstehen des Pfahlbaus. Und mit jedem seiner Worte wird mir bewusster und klarer, wie viel Liebe hier verbaut ist. Wie viele Gefühle er in diese Unterkunft hat einschnitzen lassen. Trotz aller Schlichtheit, strahlt jede kleinste Holzlatte im Detail soviel Stärke, Trotz, Sehnsucht und Liebe aus. Während Max erzählt, lasse ich meinen Blick ganz genau durch jede Ecke des Raumes gleiten und ich bin mir sicher, er hat dieses Haus auch gebaut, um seinen Sohn ein Stück näher zu sein. Um das zu leben, was er nie leben durfte, diese Liebe zu seinem Kind, die Liebe, die er von einem Tag auf den anderen hat nicht mehr zeigen können und dürfen. Und ich wünsche meinem Max von ganzem Herzen, dass er seinem Jungen hier so nah sein kann, wie ich es im Turm dir bin.

„Und? Überraschung gelungen?“ Mit dieser an mich gerichteten Frage beendet Max seine Erzählung und ich erschrecke fast ein bisschen, bei der persönlichen Ansprache. Ich fühle mich ein bisschen ertappt und stottere etwas von „mehr als das“ vor mich hin. Max kommt auf mich zu, geht vor mir in die Hocke, nimmt meine Hände in seine großen Sandburgenbauerhände und fragt mich, ob ich an dich denke.

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es nicht, sonst würde ich nicht fragen. Ich kann es mir nur denken. Deine Augen. Dein Blick. Dieser sehnsüchtige Ausdruck in deinem Gesicht. So schaust du immer aus, wenn du an ihn denkst.“

Meine Hände kuscheln sich ganz eng in Max Hände ein und ich antworte ihm, dass ich gar nicht so genau sagen kann, woran ich gerade alles denke. Sicher auch an dich. Aber eben auch an viele andere Sachen. Dass ich versuche mir ein paar Fragen zu beantworten. Und dass ich mich unglaublich wohl fühle in seinem neuen Domizil. Max lächelt, zieht mich zu sich heran und sagt: „Tja kleine Freundin, so hat jetzt jeder von uns seinen Zufluchtsort am wohl schönsten Platz der Erde. Am Meer.“

Das Bett, das in dem scheinbar einzigen Raum des Pfahlbau steht, ist ein gusseisernes Monster mit nicht weniger detailreichen Verzierungen, wie der ganze Bau als solcher. Es ist nicht breiter als ein normales Bett, dafür länger, was mich nicht verwundert bei Max Größe. Höher ist es auch, wahrscheinlich damit der „alte Mann“ sich nicht so weit hinunter bücken muss zum Einsteigen. Am Kopfende der Schlafstätte steht ein kleiner Tisch mit wundervoll gedrechseltem Tischbein. Ähnlich einem Bistrotisch, nur nicht so hoch und oben auf liegt eine Holzplatte mit Intarsien verziert. Da ich von hier aus nicht erkennen kann, was für ein Motiv die Tischplatte ziert, löse ich mich aus der wohligen Händeumklammerung, gebe Max einen Kuss auf die Nase, die gerade so praktisch vor meinem Mund ist, und drücke mich an ihm vorbei um aufzustehen. Ich gehe zum Bett und setz mich auf dessen Kante und betrachte den Tisch. Ich kann es echt nicht fassen, wie schön diese Arbeit ist. Ein Leuchtturm, der auf einem Felsen aus dem peitschenden Meer hinausragt. „Hat den Tisch auch dein Freund gemacht?“, frage ich Max. „Nein, das ist so was wie ein Erbstück. Als mein Sohn noch recht klein war, war ich mit ihm zusammen auf einem Flohmarkt. Wir liebten Floh- und Trödelmärkte und der Kleine war immer super stolz, wenn sein großer starker Vater tolle Spielsachen für ihn erhandelt und erfeilscht hat. Wenn Sohnemann nicht mehr laufen mochte, trug ich ihn auf meinen Schultern umher, und diesem Umstand verdanke ich diesen Tisch. Eigentlich war ich gerade dabei ein olles Teeservice zu begutachten, als mein Sohn von oben schrie „Papsi, Papsi, Leuchtsturm, Tisch mit Leuchtsturm, Papsi!“ Als erstes wollte ich mich schlapp lachen über den Ausdruck Leuchtsturm und als ich mir dann dieses Tischchen ansah, habe ich mich so in ihn verliebt, dass ich fast vergessen hätte, um ihn zu feilschen. Ich glaube, ich hätte jeden Preis für ihn bezahlt, was der Verkäufer aber Gott sei Dank nicht bemerkte. Der Tisch kostete mich immer noch ein kleines Vermögen, aber er war jeden einzelnen des guten alten Pfennigs wert.

Beim Wort LeuchtSturm überkommt mich zum x-ten Mal an diesem Tag dieser wohliger Gänsehautschauer. Leuchtsturm. Leuchtstürmischer Glückstag. Und da ist es wieder. Dieses Gefühl der Nähe, die ich noch immer nicht ganz verstehen, aber dafür umso deutlicher spüren kann. Dieses Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, wie ich es eigentlich nur von dir und dem Turm kenne.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und noch etwas fällt mir an diesem Tisch auf. Oder besser gesagt, es fällt mir jetzt erst richtig auf diesem Tisch auf. Neben einem Uralt-Wecker der Marke, „Steh auf oder ich bimmel dich zum Hörsturz“, steht ein ganz abgegrabbelter grauer Elefant mit Knopf im Ohr. Die Flusen um den Knopf deuten darauf hin, dass er mal recht plüschig gewesen sein muss und bei genauer Betrachtung fällt mir weiter auf, dass der kleine Kuscheldickhäuter aus der gleichen Reihe sein muss, wie ich den Fanti von dir habe. Ich frage Max, ob ich ihn mal genauer anschauen darf und nachdem er mit einem kurzen „Ja klar“ antwortete, schiebt er noch ein „Der ist von meinem Jungen übriggeblieben“ hinterher. Meine anhaltende Gänsehaut erhebt sich um ein oder zwei weitere Millimillimillimillimeter, kaum wahrnehm- aber spürbar.

„Ich glaube“, flüstere ich Max zu, indem ich den Elefanten wieder an seinen Platz auf den Tisch zurückstelle, „ich glaube, ich hätte deinen Sohn verdammt gern gehabt.“

„Ja“ entgegnet Max, „ich bin mir schon seit einiger Zeit sicher, dass ihr euch richtig gut verstanden hättet.“ Und ich kann sehen, wie sich mein Sandburgenbauer ein paar Tränen hilflos aus dem Gesicht wischt.

Zwei heiße Schokoladen und drei Tote Tanten später packt uns das schlechte Gewissen, weil wir die Tiere jetzt schon so lange alleine gelassen haben. Gemeinsam räumen wir schnell auf und zusammen, und machen uns auf den Weg zurück in den Leuchtturm, wo sicher schon zwei hungrige Mäuler auf uns warten. Mäulchen Nummer Drei sitzt, beziehungsweise liegt ja direkt an der Quelle und Dunes Milchbar macht nicht den Eindruck, als würde sie von jetzt auf gleich versiegen. Beim Abschließen des Pfahlbaus zeigt mir Max, wo er den Schlüssel versteckt, und lädt mich ein, immer sein Gast zu sein, wenn mir danach sei. Auch wenn er nicht da wäre, könnte ich jeder Zeit in seinem Heim Unterschlupf finden. Da ist es wieder. Flashback. Rückblick. Das kenne ich doch. Kenne ich das? Nein, nicht so, und doch irgendwie.

Hand in Hand spazieren wir schweigsam, und dank der Toten Tanten nicht mehr in ganz gerader Linie zurück nach Hause. Ich bin komplett überwältigt und beeindruckt von den Ereignissen, Geschehnissen und all dem, was ich erfahren habe, an diesem Tag. Was mich aber auch über diesen letzten Spaziergang für heute noch weiterführend beschäftigen wird, sind diese vielen kleinen und großen Parallelen zwischen Max und dir oder besser gesagt, zwischen Max, seinem Jungen und dir. Ich bringe es alles noch nicht zusammen und mir stellen sich beinahe minütlich immer mehr Fragen, auf die ich Antworten finden möchte. Aber eines ist für mich klar. Es gibt Zufälle, die sind zu zufällig, um Zufälle zu sein. Und ich habe davon abgesehen auch noch nie wirklich an Zufälle geglaubt – so wie du auch, bin ich der Meinung, dass alles, was einem im Leben passiert, irgendwie vorbestimmt ist. Über das von wem es vorbestimmt ist, darüber scheiden sich Geister, aber es geschieht nichts einfach nur so – und solche Parallelen müssen einen Ursprung haben, und ich bin mir fast sicher, dass es durchaus Parallelen gibt, die sich irgendwann doch berühren oder berührt haben in ihrer Entwicklung. Mit einem Mathematiker würde ich mich auf solch eine Diskussion nie einlassen, aber vielleicht bekomme ich ja eines Tages mal Max dazu, das mit mir auszudiskutieren.

„Du, Kleines?“ Max unterbricht die Stille des Spaziergangs. „Darf ich dich was fragen?“

„Sicher, weißt du doch Großer!“

„Eigentlich ist es eher eine Bitte, oder ein Wunsch. Ach, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Meinst du, du könntest mir irgendwann mal mehr über ihn erzählen? Wie ihr euch genau kennen gelernt habt. Was ihn so für dich ausgezeichnet hat und ja auch heute noch auszeichnet? Bitte halte mich jetzt nicht für super neugierig oder so. Mich interessiert es wirklich, wie er war, wie der Mensch beschaffen ist, der deiner bedingungslosen Liebe und Zuneigung, über seinen Tod hinaus, so würdig ist.“

Einen Moment lang, muss ich nachdenken, bevor ich darauf antworten kann. Ich überlege, ob ich jemals zuvor von dir so gesprochen habe, so ausführlich, wie es sich Max wünscht. Ich frage mich, ob ich das eigentlich will, und wenn nicht, warum nicht.

„Machen wir einen Deal?“ entgegne ich Max, der mich unaufhörlich anschaut und sichtlich auf eine hoffentlich positive Antwort wartet. „Ich erzähle dir von ihm, und du mir von deinem Sohn.“

Im Schatten meines Leuchtturms findet Max seine Stimme wieder. „Okay, einverstanden – aber du fängst an. Nicht heute. Vielleicht Morgen. Kann ich dich jetzt alleine lassen? Ich mag noch ein bisschen spazieren und nachdenken.“

„Ja sicher großer Sandmeister. Dann wünsche ich dir einen schönen Abend und eine noch schönere Nacht. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Wir lassen die Geschichten einfach auf uns zu kommen. Ich hab dich lieb Max.“

Als ich die letzten Worte über meine Lippen kommen höre, gebe ich ihm noch rasch einen Kuss und verschwinde in den sicheren Mauern meines Zuhauses. „Ich dich auch, Kleines!“ Höre ich noch gerade so, bevor ich die Türe schließe und das Sein meines Max, dem Resttag vertrauensvoll in die Hände lege.

Je weniger, desto mehr,

je kleiner, desto größer,

je offener,desto verdeckter.

Je weniger von ihm sichtbar ist, desto mehr bekomme ich Angst.

Je kleiner er wird, desto größer wird die Furcht.

Je verdeckter er sich zeigt,desto offener zeigt sich die Angst in mir.

Lange ist es her. Undenkbar lange?

Nein, nicht undenkbar, denke ich doch jeden Tag daran,

was damals geschah, als du mich fandest.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Nein, sie ist in der Lage viele Wunden zu heilen, aber diese nicht.

Diese Wunde ist nicht zum Vernarben gemacht.

Diese Erinnerung ist nicht zum Verblassen gemacht.

Dieser Schmerz ist nicht zum Vergehen gemacht.

Dieses Theater ist nicht für einen letzten Vorhang gemacht.

Wenn Wunden nicht vernarben,

Erinnerungen nicht verblassen,

Schmerzen nicht vergehen und

der letzte Vorhang dieses Theaters nicht fallen mag,

wie wenig bleibt denn dann?

Die Liebe.

Je weniger – Desto mehr?

Also doch!






Meine Vorfreude

22 10 2009

Meine Vorfreude auf den restlichen Tag wird schlagartig erhöht, als ich den alten R4 vorröhren höre. Ich breche alle Rekorde und bevor sich Max an der Tür die Hand wund hauen kann, öffne ich ihm bereits. Elfengleich hüpfe ich in seinen Arm und freue mich über die Erwiderung meiner Wiedersehensfreude. „Na ihr 2?“

„Bin ich erdickt, wie viele Tote Tanten hast du schon intus oder anders gefragt: Siehst du jetzt schon Doppelbilder altes Haus?“

Noch bevor mir Max die Frage beantworten kann, schiebt sich Dune an mir vorbei nach draußen. Schwanzwedelnd begrüßt sie jeden Schilfhalm mit Vornamen, beschnuffelt jede Sanderhöhung einmal rundum und strullert mit einem Ausdruck der absoluten Erleichterung im Hundegesicht an einen ausgewählten Platz im Sand. Sie sieht so glücklich aus. Glücklich und frei. Einmal spaziert Dune noch gemütlich um den Turm und humpelt wieder an mir vorbei nach oben. Wahrscheinlich rufen die Mutterpflichten.

Max umarmt mich ausgiebigst zur Begrüßung. Er vermittelt mir dieses bekannte Gefühl, dass nichts, aber auch gar nichts, mich bedrohen könnte, dass ich unabdingbar sicher bin und mich so fühlen darf. Es ist so lange her, dass ich so empfunden habe, so empfinden durfte. Und mit jeder Sekunde, die ich in den Armen des starken Sandbauers liege, sein Herz kräftig schlagen spüre und diese Sicherheit und dieses Urvertrauen fühle, mit jeder Sekunde spüre ich dich mehr und mehr. Dieses Gespür beginnt ganz sachte, wie ein „das kenn ich“, über ein „das mag ich“ bis hin zu diesem unglaublichen Gefühl es zu lieben, zu vermissen und nie wieder loslassen wollen. Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Wohlfühlen, ja und eine gewisse Form von Liebe gehen von Max auf mich über und ich fühle mich einfach nur gut. Als Max spürt, dass ich mich mehr und mehr in seiner Umarmung fallen lasse, beginnt er ganz langsam seine Umarmung zu lockern. Ein kleines Stück hält er mich von sich weg und fragt mich mit seinem unglaublich charmanten Lächeln um die Mundwinkel, ob wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen wollen? Klar, will ich. Ich mag die Luft atmen, das Meer hören, ich mag durch den Sand stapfen und schweigen, oder vielleicht ein bisschen reden, mehr über Max erfahren und das eine oder andere Déjà-Vu der letzten Zeit auflösen.

Ich laufe nach oben, verabschiede mich von Fee und Kleine Düne, frage Dune ob sie vielleicht mitkommen mag und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Max ist bereits ein paar Schritte vorgegangen und hat den Wassersaum schon fast erreicht. Dune hat Lust uns zu begleiten und folgt mir. Ich passe mein Tempo ihrem Humpeln an und mit jedem Schritt schaut sie mich, mit einer unglaublichen Dankbarkeit in den Augen, an. Als wir Max erreichen, springt meine Hündin ihm von hinten ins Kreuz und möchte ihn zu einer kleinen Rauferei ermuntern. Nur zu gerne lässt sich unser Sandburgenbauer darauf ein. Die Zwei kämpfen ein bisschen, während ich einfach nur den Blick über das Wasser genieße, die Möwen, die über uns kreisen beobachte und glücklich vor mich hin lächele.

Nach nur zwei oder drei Minuten bemerkt Dune ihre Grenzen. Sie ist eben immer noch recht schwach. Sie verabschiedet sich von Max, gibt mir noch einen dicken Schleck mit auf den Weg und trollt sich zurück zum Turm. Ich glaube, jetzt ist sie richtig angekommen. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist.

Max nimmt mich bei der Hand und nach einer Millisekunde, in der ich diese Energie spüre, wie sie aus seiner Hand in Meine überspringt, drücken wir beide fest zu und gehen los. Ich drehe mich noch einmal um, und bestaune meinen Leuchtturm, wie er sich in kräftigem Rot-Weiß vom Himmel und der Strandkulisse abhebend nach oben reckt.

Viel Glück

Deine Kollegen ein paar tausend Strände entfernt

kämpfen auch heute wieder gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes,

gegen die Stürme des Lebens.

Und der Himmel über dir mein Freund verheißt,

dass auch du heute einen Kampf ausfichst

gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes

und gegen den Sturm des Lebens

Viel Glück

Max greift mir von hinten um die Schulter und legt seinen starken Arm um meinen Hals. Wie ich dieses Gefühl der Rückendeckung liebe. So habe ich mit dir am liebsten irgendwo gestanden und etwas betrachtet – Nach vorne hin der gewünschte Ausblick, nach hinten hin dein starker Körper und die Kraft der Umarmung, die mich einlullte.

Ich lehne meinen Kopf an Max Brust an, schiele nach oben und kann sehen, wie er mit traurigem Blick meinen Blick zum Leuchtturm folgt.

„An was denkst du Großer, wenn du den Leuchtturm anschaust? Warum wirkst du so traurig?“

„Hmm.“

„Hmm – du musst nicht reden, wenn du nicht magst. Aber du schaust so nachdenklich und grüblerisch aus.“

„Ich denke an meinen Jungen, Kleines. Daran, wie er diesen Ausblick gemocht hätte. Wie er diesen Anblick geliebt hätte. Ich überlege, was er wohl denken würde, wäre er hier. Er hat das Meer und das Leben am und um die See so sehr geliebt. All das habe ich leider erst viel zu spät erfahren.“

„Tut ganz schön weh, hmm?! Darum bin ich hier. Damit dieser unendliche Schmerz endlich aufhört. Der Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht. Für mich ist das Leben hier die einzig denkbare Möglichkeit, ihm so nah wie möglich zu sein. Er ist mein Leuchtturm. Der Leuchtturm ist er. Und so lebe ich seine Liebe und diese Liebe, das Band, das uns verbunden hat, irgendwie weiter. Verstehst du, wie ich das meine? Und du tust das doch auch in gewisser Weise. Du hast deinen Lebensweg an den Strand gebaut. Du verfolgst mit jedem Schritt, den du durch den Sand gehst, die Liebe, die dich mit deinem Sohn verbindet. Die Liebe, die du nicht leben, nicht mit ihm erleben durftest. Nur hast du keinen Leuchtturm, in den du deine Gefühle, dein Vermissen, deine Sehnsucht, deine Liebe und deine Trauer steckst, sondern du baust sie immer wieder mit deinen Händen auf, in dem du diese göttlichen Skulpturen schaffst.“

„Das hast du schön gesagt, Kleines.“

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, spazieren wir weiter. Kurz bevor wir zur Bucht kommen und sie einsehen können, richtet Max noch mal das Wort an mich.

„Erinnerst du dich an die Überraschung, Kleines, von der ich gesprochen habe? Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit, um dich zu überraschen. Wobei es eigentlich gar nicht mehr wirklich überraschend für dich ist. Du hast sie ja schon entdeckt.“

„Sprichst du von dem Pfahlbau, Max? Ja, den hab ich schon gesehen, schon inspiziert und dank diesem Ding habe ich auch Trionarden mehr unbeantworteter Fragen in meinem Kopf, als mir lieb ist.“

Max lacht und Max schweigt. Ich mag ihn treten und knuffen. Ich hasse es, wenn jemand meine Neugier so auf die Folter spannt.

Am Pfahlbau angekommen, schubbst mich Max die Stiege nach oben und scheint vollkommen desinteressiert an meinen Lobhudeleien und –hymnen auf dieses Gebäude der besonderen Art. Auch wenn ich immer noch nicht verstehen kann, wie es jemand, ohne mein Wissen und ohne ein Bemerken meinerseits, hier in „meiner“ Bucht erschaffen konnte.

Max folgt mir, was mich einerseits sehr hetzt, da ich auf Treppen oder wie hier, solchen Holzleitern es gar nicht leiden kann, wenn mir jemand so dicht am Hintern klebt. Andererseits bin ich ganz froh, da diese Treppe eklig zu erklimmen ist und ich mich doch um ein Vielfaches sicherer fühle mit Max im Kreuz. Nicht, dass es einen Sturz verhindern würde, aber ich würde doch wesentlich weicher fallen. Oben angekommen, setze ich mich erstmal auf das immer noch einladend wirkende Bänkchen und atme meine Angst weg. „Ist das nicht genial?“, frage ich Max und beobachte, wie er einem der hölzernen Gargoyles über der Eingangstür ins Maul fasst und einen Schlüssel herauszieht. Mit dem Schlüssel öffnet er die Türe, die einen zwar recht leisen aber doch durchdringenden Quietschton von sich gibt. „Herzlich Willkommen beim ollen Sandmann, Kleines. Tritt ein, bring Glück hinein und fühl dich wie zu Hause. Magst du eine Schokolade mittrinken?“

Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Wochen, seit dem ich hier her gekommen bin und mich auf das Abenteuer, unseren Traum zu verwirklichen, eingelassen habe, nicht selten dämlich aus der Wäsche geguckt habe. Doch der Blick, der sich jetzt im Moment auf meinem Gesicht manifestiert, scheint durch nichts zu übertreffen zu sein. Gemessen an den Hunderten Fragen, die sich gleichzeitig durch das Netz meiner Gedankengänge schaufeln, muss ich saudoof aus der Wäsche gucken.

„Ent – Entschuldige Max, ich weiß, du bist kein Mann wirklich großer Worte. Aber hierzu brauche ich doch ein bisschen mehr Text. Wie zu Hause? Wie beim ollen Sandmann? Wieso weißt du, wo der Schlüssel ist?“

Wieder lacht Max – und diesmal bin ich mir sicher, dass er mich nicht an- sondern auslacht. Ich weiß zwar nicht, was daran jetzt so furchtbar komisch ist, aber ich harre des Endes dieser Lachsalve und hoffe auf Erklärungen.

Der Sandburgenbauer braucht ein bisschen, bis er sich wieder beruhigt und dann erklärt er mir, dass das sein Pfahlbau ist, auf dem, bzw. in dem wir gerade über der Bucht thronen. Es hat ihn einige Mühe gekostet, bis er endlich jemanden gefunden hat, der ihm eine Baugenehmigung erteilen konnte, denn die Besitzverhältnisse der Bucht scheinen mehr als ungeregelt zu sein. Das Land hat sich dann dafür verantwortlich gezeigt und so dauerte es, dank guter Kontakte, die Max derweil hier geknüpft hat, ein paar wenige Tage und er konnte loslegen. Ein Freund von ihm hat geholfen. Max lieferte die Ideen und dieser Freund schnitzte. Somit ist dieser Bau ein Werk zweier begnadeter Talente. Er habe seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass sich aus uns etwas eigenartiges und ganz besonderes entwickeln würde. Und nachdem er mitbekommen hat, dass ich in den Turm ziehe, hätte er unbedingt in meiner Nähe bleiben wollen, um diese Entwicklung zu beobachten, zu schüren, weiter zu bringen. Eine Bleibe am Hafen sei für ihn nicht in Frage gekommen. Sein Haus weit draußen hätte er selbstverständlich behalten, denn da fühlt er sich ja nach wie vor zu Hause. Aber so hat er immer die Möglichkeit über Nacht zu bleiben, in meiner, in unserer Nähe, wenn er das Gefühl hat, wir könnten ihn brauchen. Und der Unfall mit Dune habe ihm gezeigt, wie richtig seine Entscheidung war.

Ich bin so was von sprachlos, dass ich nicht mal mehr ein „Hmm“ über die Lippen bringen kann. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starre ich Max an. Ich lese seine Lippen, ich höre seine Worte und ganz, ganz langsam wird mir bewusst, was er mir gerade erzählt und wie unglaublich nah ich diesen Menschen an mich heranlasse, ich ihm nichts entgegensetze. Im Gegenteil. Ich freue mich über diese Entwicklung. Ich freue mich, dass er es ist, dem dieser Pfahlbau gehört du ich bin sehr glücklich darüber, ihn so nah zu wissen.

Du setzt das Saxophon von den Lippen ab, reinigst das Mundstück grob mit deinem Pulloverärmel und starrst mich an.

„Sag mal Kleines, wenn du, wie du immer sagst, keine Freunde hast, wer kennt dich dann?“

„Niemand, außer dir vielleicht.“

„Heißt das, dass du einzig mir die Ehre zu teil werden lässt, in dein Herz zu schauen?“

„Jepp.“

„Ich habe Angst bei dem Gedanken daran.“

„Wieso hast du Angst? Was ist so schlimm daran? Diese Mauer um mich herum, dient mir zum Schutz. Ich bestimme, ob ich durch die Schießschachte hinaus auf die Welt schauen mag. Und es liegt ganz alleine bei mir, ob ich die Zugbrücke hinab lasse, um jemandem Einlass zu gewähren. Das gibt mir Sicherheit. So fühle ich mich geborgen. Und du, du weißt doch wo der Schlüssel liegt.“

„Ich habe Angst, dass es niemand merken könnte, wenn dir mal nicht wohl ist, oder schlimmer, wenn die einmal etwas passiert. Das ist doch eine Form von Einsamkeit – wenn auch eine selbstgewählte Form. Aber wie soll ein Mensch wissen, oder spüren, dass es dir nicht gut geht, wenn du es niemanden wissen lässt, und dieses hinter deiner Mauer vor der Welt versteckst?“

„Du bist da. Du bist in meiner Nähe. Du spürst, wenn es mir nicht gut geht. Und du merkst, wenn etwas im Argen liegt.“

„Und wenn ich mal nicht mehr…“

„Wenn du mal nicht mehr bist? Dann merkt es wohl niemand mehr. Dann ist es aber auch egal. Dann ist es mir egal.“

„Versprichst du mir etwas Kleines?“

„Nein!“

„Du weißt nicht, was ich sagen will.“

„Doch, du willst mir erzählen, wie schlimm alles wird, wenn du gehst, weil du gehen wirst und willst, irgendwann.“

„Ja schon, aber…“

„Nichts aber. Ich verspreche nichts, was mit diesem Umstand zu tun haben könnte.“

„Ich wünsche mir doch nur, dass du darüber nachdenkst und vielleicht, irgendwann einmal, wieder einem Menschen die Chance gibst, dich so kennen zu lernen, wie du wirklich bist. Dich kennen zu lernen, und nicht das Bild, dass du allen von dir aufzeichnest, wie eine schlechte Karikatur.“

„Mal schauen. Ich sag jetzt nichts dazu. Ich möchte nichts dazu sagen. Ich möchte nicht darüber nachdenken und ich möchte jetzt keine Entscheidungen treffen müssen, die ich dir zu liebe treffe und mit denen ich später nicht mehr leben mag.“

„Bitte denke drüber nach. Bitte.“

Du nimmst einen Schluck heißen Kakao, lässt ihn durch den Mund fließen als wolltest du jeden Millimeter deines Mundinnenraumes mit Feuchtigkeit benetzen und setzt das Saxophon wieder an. Du spielst „Poor Man’s Moody Blues“ von Barclay James Harvest.

Hast du damals ahnen können, dass mir jemand wie Max über den Weg läuft? Wusstest du damals schon, dass es Menschen gibt, die dir ähnlich sind? Für mich warst und bist du einzigartig. Ist das dein Weg mir zu zeigen, dass dem nicht so ist? Dass du nicht einzigartig, sondern einer von wenigen Menschen bist mit Gefühlen, die sich auf andere Menschen mit all diesen Gefühlen einlassen können und auch möchten?

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”





Max lässt es sich nicht nehmen

20 10 2009

Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.

„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“

Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.

Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.

gestrandet

nach durchwachter Nacht

nach durchdachter Nacht

nach durchfühlter Nacht

nach durchfrorener Nacht

nach durchliebter Nacht

nach durchlebter Nacht

auf dem Strand in der Nacht

gewacht, gedacht, gefühlt,

gefroren, geliebt, gelebt

gestrandet

Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.

„Nichts.“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.

„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.

Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.

Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:

„Die Überraschung, Kleines…“

Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…

„Klein!-nes! Die Überraschung!“

„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“

Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“

Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.

Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.

„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“

Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?

“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.

Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”

Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.

Muschelgespräche

<< Möchtest du dich wirklich öffnen?

>> Ja, möchte ich.

<< Wo ist für dich der Reiz?

>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.

<< Die Welt da draußen ist kalt.

>> Aber die Sonne scheint.

<< Die Welt ist kalt, glaube mir.

>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.

<< Es ist brutal.

>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?

<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.

>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.

<< Das wird dir nicht bekommen.

>> Wie meinst du das?

<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch  nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.

>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?

<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt

Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.





Nachteilig an den Selbstgesprächen ist,

16 10 2009

Nachteilig an den Selbstgesprächen ist, dass ich mir auf die Fragen, die ich mir stelle, nur in den seltensten Fällen auch befriedigende Antworten erhalte. Selbst Fee, die sich mal wieder aus meinem Brusttaxi mit dem Köpfchen herauswagt, schnurrt nicht, maunzt nicht, sagt nix, staunt nur.

(c) Kurt Detlev Schulz

Mit ganz vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Stelzenhaus zu, wahrscheinlich mit der Angst im Nacken, dass es gleich einen riesigen Knall tut, und sich das Ding vor meinen Augen wieder in Wohlgefallen auflöst. Aber es knallt nicht, auch löst es sich nicht auf, sondern wird, je näher ich komme, immer imposanter und schöner. Das hat kein stinknormaler Architekt hier her gebaut, das war ein Künstler. Wundervolle Ornamente im Holz lassen auf ein hohes Maß an Kreativität schließen. Und auch die Figuren am Dach, ähnlich den steinernen Gargoyles an Schlössern und Burgen beeindrucken mich zu tiefst. Bei aller Begeisterung und Bewunderung, habe ich aber immer noch keine Antwort auf meine Fragen – außer vielleicht auf die, ob ich spinne, denn dieses Haus steht tatsächlich hier rum, und ich davor.

Mit Abstand gehöre ich zu den unmutigsten Menschen dieser Welt. Andernfalls wäre ich dir sicher schon gefolgt. Aber ich bin auch einer der Menschen, die ständig Opfer ihrer nicht selten maßlosen Neugierde werden. Und auch wenn ich sehr unbeteiligt tun kann, so kocht in mir doch immer der große Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Gut, hier steht das Ding auf Pfählen und nicht wirklich plan auf Grund. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, was sich hinter dieser ausgeklügelten Schnellbauweise verbirgt und ganz sicher will ich wissen, wer es wagt, hier in „meiner“ Bucht, solch einen Kawenzmann von Holzbau hinzusetzen. Ich schubbse Fee zurück an meine Brust und schließe vorsichtshalber die Knöpfe der Fleecejacke. Mit bedachten Schritten erklimme ich die Holzstiege, die, durch Regen und Wetter schon sehr glitschig ist.

Gedankenpfahlbau

Gefühlsstreben

kreuz und quer

stark wirkend

aus dem Sand ragend

vom Gedankenmeer umspült

Auf der Terrasse des Pfahlbaus steht eine kleine, schmucke, blaue Holzbank, auf die ich mich setze. Den Rucksack nehme ich ab und auch Fee bekommt ihre Freiheit wieder. Ich pflücke sie aus dem Brusttuch und setze sie mir auf die Schulter. Auf den Schrecken brauche ich erstmal einen Kaffee und eine Zigarette. Ich muss nachdenken.

Einmal stehe ich noch auf und versuche in die kleinen Hexenhausfensterchen zu schauen, die aber, durch kleine Gardinen verhängt, keinen weiteren Einblick in den Bau möglich machen.

Gedankenverloren starre ich in die Bucht, beobachte das immer noch sehr unruhige Wasserspiel des Meeres und stelle mir weitere tausend Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Ohne Uhr, ist eine Zeitmessung schon ziemlich schwierig. Paart man diesen faktischen Zustand mit meiner Angst um Dune, dem Erstaunen über diesen Pfahlbau, die Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, dem Glück die Delfine gesehen zu haben und der Tatsache, die niedlichste Katze der Welt auf den Schultern sitzen zu haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie lange ich hier schon sitze. Du würdest jetzt die Prüfung mittels Sonnenstand vorschlagen. Wobei ich leider nicht weiß, wo die Sonne stand, als wir her kamen, geschweige denn, ob sie überhaupt schon stand oder sich noch durch die Wolkendecke boxte, die zwar zwischenzeitlich dünner und löchriger wurde, aber eben immer noch den Großteil in dunkles Grauschwarz taucht. Nicht eine Fußspur ist, von meiner abgesehen, im dunkelweißen Sand auszumachen. Wie kann jemand ein solches Haus hier hinbauen, ohne Spuren zu hinterlassen? Gut, es war die letzten Nächte mehr als stürmisch, aber das so gar nichts zu sehen ist? Trauriger Weise kommt hinzu, dass ich nicht nur keine Fuß- oder Bauspuren sehen kann. Es gibt nicht einen Pfotenabdruck. Ich hatte so gehofft, hier in der Bucht eine Spur von meiner Dune zu finden. Eine Fährte und sei sie auch noch so klein. Doch bis auf meinen Trampelpfad hier her, gibt es keine Anhaltspunkte auf intelligentes Leben in der Bucht.

Bevor mein Krautsalat im Kopf übersäuert und ich in Weltenübel verfalle, gehe ich weiter. Zum Hafen ist es jetzt nicht mehr weit und dort werde ich irgendwo, irgendwie, mit irgendwem meine Datei auf der CD in gedruckte Plakate umwandeln. Die CD? Habe ich die CD eingesteckt? Hektisch drehe ich den Rucksack auf Links und verschütte dabei fast meinen Kaffee. Kaum zu fassen, dass ich noch über soviel Reaktionsvermögen verfüge und das verhindern konnte. Ich glaub es nicht. So dämlich kann selbst ich nicht sein. Ich hab sie nicht eingesteckt. Im Rucksack ist alles, Binden, Tampons, ein paar herumfliegende Cents, ein Döschen Schlabber für Fee, meine Geldbörse, eine asbachuralte Mahnung aus meinem asbachuralten Leben und das Buch „Strandgeflüster, die Spurensuche“, das ich immer noch nicht gelesen habe, aber schon so viele Eselsohren hat, als sei es mein absoluter Lieblingsschmöker. Nur keine CD, nicht mal ein leeres Jewel Case. Nix, nothing, nada. Es ist zum Heulen, was ich auch gleich tue.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

„Du siehst doch, was passiert, wenn ich mir vertraue“, brülle ich auf den Strand hinaus, und versetze damit Fee solch einen Schrecken, dass sie neben mich auf die Bank in meinen Rucksackinhalt springt.

„Dune ist fort, hier stehen komische Häuser in meinem StrandStaub und ich bin zu blöd an eine CD zu denken, die ich brauche, wenn ich Dune wiederfinden will. Verdammt noch mal! Tu was! Hilf mir doch bitte!!!“

Am Liebsten möchte ich jetzt mit einer Axt in diesen Pfahlbau hineinschlagen und ihn zu Milliarden kleinen Streichhölzern und Zahnstochern verarbeiten. Ich habe so eine unendliche Wut in mir. Jetzt muss ich nur den Dreh finden, diese Wut und Aggression in positive Energie umzuwandeln. Ich pfeffere mein Hab und Gut zurück in den Rucksack, reduziere mein Tempo und meine Kraft und verfrachte Fee zurück in das Brusttuch, schließe die Fleecejacke, packe noch den Ostfriesennerz in den Rucki und weiter geht’s. Dann muss ich halt jeden Menschen einzeln ansprechen, Dune beschreiben und fragen, ob sie gesehen wurde. Wie gut, dass ich auch ihr Bild in meinem Portemonnaie mitführe.

Immer noch wutschnaubend „laufe“ ich im Hafen auf. Am Kai noch quatsche ich die ersten Fischer und Matrosen an, die nur achselzuckend an mir vorbei gehen. In den Geschäften kennt niemand einen Hund, der so aussieht wie meiner und ein Streuner ist auch niemandem aufgefallen. Drei Stunden spreche ich mit allem was zu Dialogen fähig scheint, frage ich mir wildfremde Menschen Löcher in den Bauch und werde von einem Nein zum Nächsten ständig desillusionierter. Diese Suche kann schlicht und ergreifend als sinnfrei gewertet werden. So ein Quatsch aber auch, als würde sich Dune freiwillig in solche Menschenmassen begeben. Sie, die Strandhündin, die ewig brauchte, bis sie mit mir mal ein kleines Dörfchen zum Einkauf besucht hat und die lieber an der Promenade fünf Stunden auf mich wartet, als auch nur eine Pfote auf befahrenen Asphalt zu setzen. Meine Verzweiflung ist grenzenlos und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor es wieder Nacht ist. Dann habe ich einen ganzen Tag verloren. Nein, einen ganzen Tag minus einem Morgengrauen, denn das Stündchen mit Delphi und Finchen darf und kann ich nicht als Verloren betrachten. Soviel zum Glück des Tages. Es war das Glück einer Stunde und ihm folgte kein Weiteres. Ich stürze mich in die Hoffnung, dass Dune vielleicht am Turm ist, besser noch im Turm, denn den Balken habe ich dort liegen lassen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie auf der Couch oder auch in meiner Koje liegt und auf mich wartet.

Die Laune der Rückkehr wird noch untermauert, durch wieder wechselndes Wetter. Es beginnt zu regnen. Aber was kann mir das schon noch. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder doch?

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Glasklare Tropfen

aus grauen Wolken,

vom schwarzen Himmel.

Glasklare Tränen

aus blauen Augen,

ins schwarzblaue Meer

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Entsprechend der Geschwindigkeit des peitschenden Niederschlags, erhöhe ich die Schlagzahl meiner Schritte, was mir meine Knochen sehr verübeln. Im nassen schweren Regensand zu laufen, mit Gummistiefeln an den Füßen, ist für sie eine arge Strafe. Im Augenblick ist mir eigentlich so alles pummel. Ich bin am Ende. Am Ende meiner Kräfte. Am Ende meines Vertrauens. Ich höre mein Herz nicht mehr und mein Bauch fühlt sich nur leer und kalt an. Wenn es irgendwie so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann, dann…, oh bitte, bitte, bitte, lass Dune im Turm auf mich warten und mich vollkommen unverständig zusammen bellen, weil ich so lange fort war, ohne sie mit zu nehmen. Bitte, Bitte, Bitte.

Die letzten Meter bis zum Leuchtturm schaffe ich kaum noch. Soll ich rennen oder soll ich meiner Angst freien Lauf lassen? Nehme ich Anlauf oder gehe ich Schritt für Schritt auf die Enttäuschung zu? Taumele ich ins Glück oder wanke ich in einen intensiveren Zustand tiefster Traurigkeit?

Stürmisches Ich

Windstärke 7

Gefühlssturm Stärke 8

Gedankentornado Stärke 9

Sehnsucht Hoch 10








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