Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.
And the winner is…
Leuchtturmwärterin!
Zweieinhalb Stunden habe ich in der Dusche gehockt. Mein neuer persönlicher Rekord, und ich kenne niemanden, der es zu ähnlichem Sitzfleisch gebracht hätte. Zweieinhalb Stunden Streicheleinheiten per Wasserzufuhr, na wenn das mal kein Erlebnis ist. Soviel Bodylotion habe ich gar nicht mehr da, um den Feuchtigkeitshaushalt meiner Haut wieder in Balance zu bringen. So schrumpele ich lustig vor mich hin und entwickele mich zur Schrumpelwärterin. Die nimmt die Wärme auch gleich mit ins Bett. Ich kuschele mich in die Koje und wünsche mir, dass der Sandsack mich mitten auf die Zwölf trifft, damit ich gleich einschlafe. Das Leben ist kein Wunschkonzert, und meinem Kopf ist nach allem, nur nicht nach schlafen. Fee schlummert ganz dicht an meinem Bauch, oder sie schlummert nicht und ruht nur, denn sie schnurrt noch so heftig. Ein wohltuendes Gefühl, dieses leise Brummeln, das sich über der Haut verteilt.
Es passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein riesiges großes Rätsel hat sich aufgetan, und ich bin nicht einmal in der Lage es im Ansatz der Lösung näher zu bringen. Was stört mich an der ganzen Geschichte, das muss ich raus finden. Je länger ich Max kenne, je intensiver ich ihn kenne, desto näher ist er mir. Das ist nichts Außergewöhnliches, so man denn, ein offener und vertrauensseliger Mensch ist. Zu dieser Gattung Mensch zähle ich aber nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die mich umgeben, die ich kenne, die mich kennen, die mich aber nur soweit kennen, wie ich sie in mich hinein schaue lasse. Und das ist nicht weit. Bei Max ist das anders. Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er ein besonderer Mann ist, ein besonderer Mensch, der meinen Lebensweg gekreuzt hat. Diese Nähe, diese Vertrautheit – das war nicht neu für mich, aber es war nach langer Zeit wieder das erste Mal. Hinzu kommen die vielen kleinen und großen Begebenheiten, die mich ständig erinnerten. Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, kam so oft in mir hoch und verwirrte mich. Es ließ mich aber auch weiter Vertrauen fassen. Heute kröne ich für mich dieses Vertrauen, in dem ich Max von meinem persönlichen Allerheiligsten erzähle. So war der Deal. Ich erzähle von dir und er mir von seinem Sohn. Nicht gezwungener Maßen, sondern in dem Moment, wo ein jeder von uns dazu bereit wäre. Ich war heute bereit. Und seit dem ist alles anders.
Wo ist der Haken. Wo habe ich den Knick in der Optik, oder besser im Verstand? Was ist der Auslöser dafür, dass sich Max dermaßen heftig zurückzieht, ohne selbst das Wort an mich zu richten, sondern über Dritte? Ich weiß, es muss was geben, das ich nicht richtig zu deuten weiß. Es gibt ein Zeichen, das ich nicht sehe. Da ist was, was ich übersehen haben muss, oder überhört. Aber was?
Denken, grübeln, weltenübeln, sinnieren, fragen, schätzen, interpretieren, nachhaken, zusammensetzen, verzweifeln, erinnern, schlussfolgern, …
Ich drehe mich im Kreis. So muss sich ein Hamster in diesem furchtbaren Rad fühlen. Er flitzt und flitzt und rennt, immer weiter, ohne Pause, ohne Abzweigungen oder Kurven, immer weiter in einer Spur aus Drahtgeflecht oder Plastikstreben. Im Zweifelsfall quietscht das Rad und untermalt sein Tun mit furchtbaren Geräuschen, die ihn zusätzlich antreiben, vor denen er zu flüchten versucht und keinen Ausweg findet. Eigentlich braucht er nur aufhören zu laufen. Eigentlich. Aber er weiß es nicht. Er kann es nicht wissen, weil es ihm sein Instinkt nicht sagen kann. In der freien Natur gibt es keine runden Drahtgeflechtautobahnen, keine zum Kreis geformten Plastikstreben, keine Hamsterräder. Wenn er Glück hat, dann findet er den richtigen Zeitpunkt um abzuspringen. Wenn er Glück hat, Glück.

Lebenslauf
Ich renne im Kreis des Lebens
Ich stolpere durch das Leben
Ich bewege mich im Leben
Ich erklimme das Leben
Ich haste nach dem Leben
Ich wanke im Leben
Ich laufe um mein Leben
Lebenslauf
Es holt mich ein das Leben
Mit meiner Vergangenheit
Mit meiner Krankheit
Mit meiner Verzweiflung
Mit meiner Traurigkeit
Mit dem unendlichen Vermissen
Mit dieser unerträglichen Sehnsucht
Ich laufe
Weiter
Immer weiter
Lebenslauf
Und wenn es so weiter geht, laufe ich noch gegen eine Wand. Verdammt, so schwer kann es doch nicht sein. Wieder und wieder gehe ich den Tag im Kopf durch. Meine Erzählung rufe ich Wort für Wort aus meiner Erinnerung ab. Der Hamster rennt im Rad und ich dreh gleich dran.
Aus dem Hundekorb dringt ein lautes Quieken, fast ein Schreien heraus. Kleine Düne brüllt sich die Seele aus dem Leib und mir fällt jetzt erst auf, dass Dune noch immer nicht wieder hochgekommen ist. Ob sie darauf hofft, dass Max zurück kommt? Vielleicht sollte ich ihr stecken, dass er sich in die Obhut des Viehdoktors geflüchtet hat und bis auf Weiteres nicht mit ihm zu rechnen ist? Auf den Stufen der Wendeltreppen ist Pfotentrappeln zu vernehmen. Das Hungergeschrei des Nachwuchses trägt Früchte und meine Hündin nimmt ihre Mutterpflichten in Angriff. Mich würdigt sie keines Blickes. Na super, jetzt begehrt auch noch der Hund gegen den Dosenöffner auf. Vielleicht ist sie auch nur schlecht drauf, denn wieso sollte sie Max Auszug mit mir in direkten Zusammenhang bringen? Und wieso gehe ich davon aus, dass dieser Hund irgendwas mit irgendwas in Zusammenhang bringt? Ich sag ja, ich dreh am Rad und verwirre. Kann bitte jemand mit einem Hammer kommen, und mir das Licht für heute Nacht auspusten. Bitte.
Natürlich kommt keiner mit einem Hammer. Wäre ja auch zu gruselig. Aber der Mond kommt hervor. Ganz langsam schiebt er sich in den Rahmen des Bullauges und er scheint zu lächeln. So hat doch wenigstens einer gute Laune heute. Kein Wunder, hat er von dem Tag und all seinen Katastrophen doch nichts mitbekommen. Ihn kann ich also auch nicht fragen, was ich falsch gemacht habe. Er kann mir auch nicht sagen, auf welchem Punkt des berühmten Schlauches ich gerade stehe. Ich müsste nur dort runterhüpfen und käme vielleicht zu ein paar Antworten meiner vielen Fragen. Aber nein. Ich stehe auf dem Schlauch, starre in das freundliche Planetengesicht am Himmel und wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt in diesem Augenblick einfach an dich herankuscheln.
Kalter Mond
komm nur her,
mach dich breit,
mach dich dick.
Komm nur her
und zeig mir,
wer der Herr am Nachthimmel ist.
Nur eines
das kannst du
mir nie geben,
kalter Mond
-
Wärme

Kaum zu glauben aber wahr, Dune kommt zu mir. Und sie schleppt Kleine Düne im Maul, was sicher bedeuten soll, dass ich wieder als Kuschelwärmer herhalten soll. Sie braucht mich also doch. Direkt neben mir auf dem Kopfkissen legt sie ihn ab. Ihn? Bah, das ist aber kalt. Kleine Düne? Ich schrecke hoch und schaue mir genau an, was mir meine Hündin aufs Kissen gelegt hat. Das ist gar nicht der Welpe. Das ist eine Geldbörse. Eigenartig. Meine ist es nicht, die ist nicht so prall. Vielleicht hat Jacques sie verloren, als er im Namen von Max hier rumgewirbelt ist, um die Stube in Ordnung zu bringen. Ich bin sehr froh, mir endlich einmal Fragen zu stellen, die ich mir auch selbst beantworten kann. Ein kurzer Ruck am Druckknopfverschluss und das Portemonnaie öffnet sich. Die Börse lässt sich dreifach ausklappen, wie ein Leporello, Rechts-Außen klappt nach Mitte, und Links-Außen klappt über Rechts-Außen über Mitte. In dem großen mittleren Klarsichtfenster ist nichts zu sehen, außer einem alten Kassenbon, der schon so vergilbt ist, dass man keine konkreten Auskünfte über geleistete Einkäufe erhalten kann. Kein Bild, keine Bilder. Also kann es eigentlich nicht Jacques Geldbehältnis sein, denn der trägt doch sicher seine ganze Großfamilie, zumindest aber Frau und Enkel mit sich herum.
Meine Neugier ist geweckt. Solche Aktionen kann ich eigentlich nicht gut heißen. Schnüffeleien sind nicht mein Stil. Etwas, was du auch sehr an mir geschätzt hast. Es war aber auch nicht schwer bei dir. Ich habe dir vertraut. Du hast mir nie einen Anlass gegeben zu zweifeln oder dir etwas nicht zu glauben. Die Karten hast du immer auf den Tisch gelegt, und deinen Stoff auch. Die wirklich einzige Regel lautete, wenn du im Bad bist, hab ich dort nichts verloren. Und es gab nie einen Grund diese Auflage zu unterwandern, weil ich wusste, was du dort treibst, außer den normalen Tagesgeschäften. Die Aktion mit dem Handy im Pfahlbau hat mich mutig gemacht. In einem der Fächer werde ich etwas finden, was auf den Besitzer schließen lässt. Dann mach ich das Lederetui wieder zu und gut ist. Ein paar kleine Scheine, ein paar Euro, ein paar Dollar. Kein Ausweis, nur eine Adresse, in der Nähe des Hafens. Das abgerissene Deckblatt eines Streichholzheftchens mit dem Namen und der Telefonnummer einer Bar in New York bringt mich auch nicht weiter. Ein Bild eines kleinen Jungens, schätzungsweise neun oder zehn Jahre alt, blondbraune Haare und solche strahlenden blauen Augen, dass selbst das Bildalter sie nicht ermatten lassen konnten. Der Kleine hat süße Grübchen. Weiter ist nichts im Portemonnaie. Ich schätze, es ist Max Börse. Der Junge könnte sein Sohn sein, das würde sich mit seinen Erzählungen decken, soweit man die Anhäufung von Andeutungen Erzählung nennen kann. Am Besten wird sein, ich smse Jacques, dass Dune hier ein Portemonnaie gefunden hat. Er wird mir schon mitteilen, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Direkt auf meine Kurzmitteilung erhalte ich Antwort. Ganz schön fix für so alte Finger.
„es gehört max. er sagt er sei dran. da er nicht erzählen kann, mach es auf u. schau dir das bild an. mehr später. liebe grüße j+m“
Max kann also nicht sauer sein. Wäre er wütend auf mich, wäre der Inhalt seiner Börse für mich tabu. Gut, es wäre zu spät für Tabus, aber das kann er ja nicht wissen. Warum wollte er dann fort von hier? Hatte er Sorge, dass er gleichziehen muss? Kennt er mich nach all der Zeit und vor allen Dingen, nach all meinen Offenbarungen immer noch nicht gut genug um zu wissen, dass er das nicht braucht? Dass er wie ich auch, alle Zeit der Welt hat? Ich soll, nein, ich darf mir das Bild anschauen. Meint er das mit dem kleinen Jungen? Den habe ich schon bestaunt. Immer noch vorsichtig öffne ich die Geldbörse erneut und suche nach weiteren Bildern. Es gibt nicht mehr Innenleben, als ich bereits herausgefischt hatte, also kann er nur das Bild meinen. Dann ist das also sein Sohn. Es muss für ihn die Hölle sein, nur diese verblichene Papiererinnerung an sein Kind zu haben. Vielleicht hat er noch mehr zu Hause oder im Pfahlbau, aber sehr viel jüngeren Datums sind diese sicher nicht.
Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre dich zu kennen, dich zu lieben, um deine bedingungslose Freundschaft zu wissen und ich hätte dich nicht so sehen und erleben dürfen, wie ich es durfte. Habe ich mit meinen Ausführungen über dich und dein Leben den Schmerz von meinem Sandburgenbauer vielleicht vergrößert? Wurde ihm dadurch bewusst, was er im Leben verpasste, nachdem er die Familie verlassen hat, nachdem er sein Kind verlassen hat? Habe ich Erinnerungen geweckt, die er über Jahre tief in sich vergraben hatte?
Herrje, es ist mitten in der Nacht und ich kommuniziere noch via Handy mit zwei älteren Herrschaften. In mir steigt ein bisschen Neid auf. Die zwei Zausel sitzen jetzt bestimmt bei einer verbotenen Flasche Rotwein zusammen und tauschen sich über den heutigen Tag aus. Max wird sich seinem Freund anvertrauen und seinen Rat suchen. Und ich? Ich liege in meiner Koje, habe ein lebendiges Katzenfell am Bauch, einen Hundekopf mit fragenden Augen auf der Matratze und führe Selbstgespräche. Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten. Und du da oben, du bist mir heute auch keine große Hilfe. Ist die Wolkendecke so stark, dass deine gut gemeinten Ratschläge sie nicht durchdringen können?
Der Mann mit dem Hammer kommt heute sicher nicht mehr. Und das mit dem Sandsack mitten auf die Zwölf wird mich auch als unerfüllter Wunsch in den Schlaf begleiten. Schlafen, das ist eine gute Idee. Es ist jetzt auch wirklich an der Zeit. Wer weiß, was mich Morgen alles erwartet.

Hier
Gerade in den Momenten,
in denen ich mich einsam fühle,
alleine,
verlassen,
unverstanden,
gerade in diesen Momenten fällt mir auf,
wie einsam sich der Turm fühlen muss,
wie allein
und verlassen
in der kalten Nacht,
hier
am Strand.


Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.



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