Das laute Aufschreien

26 10 2009

Das laute Aufschreien von Kleine Düne reißt mich aus meinen Gedanken. So schnell ich kann, spurte ich zu ihm hin, komme aber wie meist zu spät, weil Dune schon munter und fürsorglich vor ihm sitzt. Eine hauchdünnes Rinnsal Blut fließt aus seinem Stirnfell, Fee faucht ihn an und sucht sich einen anderen Platz zum Weiterschlafen. Ich schau mir die Wunde des Welpen an, die schon von der Frau Mama saubergeleckt wird. Ist nicht schlimm. War sicher nur der Schreck. Bis er laufen kann, ist das längst vergessen. Mich würde nur interessieren, was Fee so gereizt hat, dass sie ihm eine scheuern musste. Vielleicht hat er ihren Stumpf mit einer überdimensionalen Zitze verwechselt? Oder Fee hatte einen Alptraum. Achselzuckend verlasse ich den Kampfkorb und muss schon ein bisschen schmunzeln über die Tatsache, wie sich Realität und Erinnerung fast decken – nur habe ich eine Nase zertrümmert, während Fee sich im Skalpieren probiert hat.

So entspannt wie in dieser Woche war ich schon lange nicht mehr. Alles hat sich zum Guten gewendet, wenn es nicht schon gut war und bis auf das Wetter, was ich persönlich eher als normal denn als furchtbar einstufen würde zu dieser Jahreszeit, waren die Tage sehr harmonisch und verliefen in aller Ruhe. Noch nicht einmal mehr das Gespräch mit Max macht mir Kopfschmerzen. Im Gegenteil, ich freue mich schon richtig darauf ihm von dir zu erzählen. So er mir nicht zuvor kommt, werde ich ihn die Tage einmal besuchen. Vielleicht kann ich ihm ja auch noch ein bisschen bei den Reparaturarbeiten am Pfahlbau helfen. Ansonsten werden wir heiße Schoggi trinken und einfach alles auf uns zukommen lassen. Drücken werde ich mich sicher nicht mehr, das ist so sicher wie das Signal unseres Leuchtfeuers.

Seeluft macht gesund, das beweist sich hier immer wieder aufs Neue. Nachdem Dunes Hals so toll abgeheilt ist und Jacques tolle Naht sich bereits in einen zarten feinen Strich unter dem nachwachsenden Stoppelfell verwandelt hat, beschließe ich heute den Bauchverband abzunehmen. Bislang habe ich immer nur ganz vorsichtig geschaut, ob alles in Ordnung ist. Bereitwillig legt sich Dune auf der Couch auf den Rücken und lässt sich von Oberschwester Leuchtturmwärterin verarzten. Auch die Bauchwunde sieht einfach toll aus. Der alte Zausel hat echt noch eine Menge auf dem Kasten. Das Einzige was an dem Bauch entzündet scheint, ist eine der beiden Zitzen, an denen sich Kleine Düne stets verlustiert. Das werde ich die nächsten Tage mal beobachten und notfalls muss ich sie eben mit Pflaster abkleben, damit der junge Herr seine Kieferchen davon lässt. Ganz sanft massiere ich der Lady den Bauch, und ich wette, wenn sie könnte, sie würde schnurren. Stattdessen gibt sie eigenartige Grunzgeräusche von sich, räkelt und streckt sich. Ohne viel Druck aber mit Fingernägeln schubbere ich sie entlang der Zitzenleisten. Das muss eine wahre Wohltat sein und ich erinnere mich an meine Operationen und wie selig ich war, als ich diese verdammten Anti-Thrombose-Strümpfe endlich ausziehen durfte. Es ist so schön zu beobachten, wie viel Vertrauen Dune in mich hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ihr nie etwas antun könnte. Kleine Düne liegt an Mamas Kopf und ich frage mich, ob er wirklich nichts sehen kann, trotz geöffneter Augen.

Vergnügt und glücklich schnappe ich mein Handy und smse Max, ob er vielleicht Lust auf einen Besuch hat. Ich würde auch versuchen, Dune zu überreden mit zu kommen. Da ich um die Handyunlust von Max weiß, erwarte ich gar keine rasche Antwort. So räume ich hier und wusele dort ein bisschen herum, vertreibe mir die Zeit mit gemeiner Turmarbeit und erfreue mich an meinen Mitbewohnern. Fee entscheidet sich sogar zwischendurch, mir bei dem schnöden Gewische Gesellschaft zu leisten, krallt sich an mir hoch, bis ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, und sie freiwillig auf meine Schulter setze. In der Duschkabine springt sie ab, hat sie doch eine klitzekleine Spinne entdeckt, die ihr Jagdfieber weckt. Es ist so süß anzuschauen. Wie sie sich heranpirscht, noch kleiner macht, als sie eh schon ist, wie ihr gebrochener Schwanz durch die Gegend peitscht und sie schließlich, nach langem Getue doch im Leeren landet, weil die Spinne sich derweil wieder auf dem Weg nach oben befindet. Natürlich hole ich die Kamera, diese Jagd in der Duschtasse muss einfach festgehalten werden.

Der Staubnebel im Leuchtturm ist beseitigt, der Nebel draußen liegt satt und dick auf dem Strand und dem Meer. Wie sagte Mütterchen früher immer, sie hatte einen bestimmten Ausdruck dafür. Waschküche – genau, das war es. Mütterchen nannte den Zustand immer Waschküche. Denn früher, als noch in den großen Bottichen Wäsche gekocht wurde, war es in den Waschküchen durch den Wasserdunst sehr nebelig. Ich kann mich ja mal aus dem Fenster hängen und nach unten schauen, dann wird mir schwindelig, weil ich nicht wirklich frei von Höhenangst bin. Dann ist der Schleudergang direkt mit dabei. Ich phantasiere schon wieder wild rum. Wird man so, wenn man am schönsten Platz der Welt alleine unter Tieren lebt? Apropos alleine. Max hat sich immer noch nicht gemeldet und ich fürchte, ich muss bis Morgen warten mit meinem Besuch. Vielleicht ist ja dann auch die Sicht wieder etwas besser und ich kann auf meinem Spaziergang zum Pfahlbau auch die Aussicht auf das Meer genießen. Ich starte einen neuen Versuch in Sachen Kurzmitteilung und füge gleich an, dass sich der Besuch wohl auf Morgen verschieben wird.

Nicht richtig ~ Nicht ich

Es wurde nicht Tag

Nicht richtig

Nicht hell

Ich wurde nicht Mensch

Nicht richtig

Nicht ich

So bleib ich hier

Schließe die Augen

Schließe mich

Und trau mich

Zu sein wie ich bin

Nicht Mensch

Nicht richtig

ICH

Ich weiß nicht, warum mir all diese Verse jetzt einfallen. Wohlmöglich weil dieses Wetter zu poetischen Ausflügen einlädt, weil es so traurigschaurig schön ist dort draußen und ich mich nicht entscheiden kann, ob ich gehen oder bleiben mag. All diese Verse habe ich mal dir geschrieben oder ich hätte sie dir noch schreiben wollen, bekam aber leider nie wieder die Chance dazu. Die, die ich dir schrieb, wanderten damals in diese große Schatzkiste – die Schatzkiste, die wohl heute noch irgendwo ungeliebt und unbeachtet auf dem Speicher oder im Keller des Drachens steht, der auch gemeinhin als deine Mutter bekannt ist. Nein, sorge dich nicht, ich steigere mich nicht wieder in diese Wut hinein, die ich in mir trage, wenn ich an sie denke oder von ihr spreche. Mich überkommt nur einmal mehr unendliche Traurigkeit über diese unfassbare Lieblosigkeit. Denke ich an mein Mütterchen, denke ich voller Liebe an sie und ihre Liebe, die sie mir bis heute entgegen bringt. Auf diese Mutterliebe kann ich immer zählen, auf sie bauen. Natürlich ist unsere Beziehung auch schwierig. Welche Mutter-Tochter-Beziehung ist das nicht. Doch bei allen Schwierigkeiten schwingt auch immer Zuneigung mit, ist die Beziehung immer in Liebe gehüllt und stärkt für alles, was ich für mein Leben brauche, seit ich auf eigenen Füßen stehe. Deine Mutter verstehe ich bis heute nicht. Und ich mag sie nicht. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Eigentlich brauche ich dir gar nichts mehr erzählen, denn du weißt ja schon alles von mir, und das was du nicht weißt, das siehst du. Von dort oben, irgendwo hinter dieser Nebelwolkendecke, die so ganz und gar unkuschelig aussieht.

Ist es noch Tag oder wird es schon Nacht? Ich bin so aus dem Rhythmus durch diese wohlige Ruhe hier, es ist nicht zu fassen. Der Blick auf die Uhr an der Mikrowelle entsetzt mich. 0:00 Uhr blinkt es und blinkt es und blinkt es. Stromausfall? Hatten wir hier Stromausfall und ich hab’s nicht gemerkt? Oh Shit, dieser dämliche Staubsauger. In meiner wischenden Putzwut habe ich dieses Monster kurz eingesteckt und die Mikrowelle ausgestöpselt. Und nun? Wo krieg ich jetzt die Uhrzeit her? Grob schätzen ist nicht, da liege ich wahrscheinlich um Tage daneben. Das Handy. Mein Mobiltelefon, das immer noch keinen Mitteilungseingang zu verzeichnen hat, zeigt dafür verlässlich die Uhrzeit an. Halb Fünf – und wenn mich meine Sinne nicht ganz im Stich gelassen haben, haben wir Halb Fünf am Abend. Dann wird’s gleich ganz schnell Nacht. Und während ich so überlege, was ich mit der anbrechenden Nacht anfangen kann, miept der Kommunikationsknochen in meiner Hand. Aha, dem Meister des Sandes ist seine Pin eingefallen und er hat sein Handy aktiviert.

„Kleines bitte nicht, Morgen auch nicht. Mir ist nicht wohl. Sorge dich nicht. Hab dich lieb. Max“

Dass dir nicht wohl ist glaub ich wohl. Bist du doof oder was? Wenn es dir nicht gut geht, dann muss ich doch erst recht vorbeischauen. Ein bisschen betüddeln tut dir sicher gut. Vielleicht kann ich was für dich erledigen. Und wer weiß, was mit dir los ist. Wenn es das Weltenübel ist, dann muss ich dich sehen. Und wenn du krank bist, dann schon mal erst recht. Pfft – Mir ist nicht wohl. Ich zeige Dune die SMS und sie bellt das Handy an, oder bellt sie es aus? Egal, sie bellt und bestätigt mich in meinem Wunsch, den Sandburgenbauer zu sehen. Also koche ich jetzt eine leckere Brühe und dann packe ich meinen Rucki und Morgen, in aller Frühe, mache ich mich auf die Gummistiefel, um Max heim zu suchen. Basta. Dune bellt erneut, als wolle sie damit diesen Plan beglaubigen.

Schnell ist die Brühe zubereitet und zu meinem großen Erstaunen schmeckt sie sogar. Eigentlich kann ich wirklich gut kochen, aber ich muss auch in der Stimmung dazu sein, und die geht mir gerade heftig ab. Ich sorge mich um Max und wenn ich nicht so schissig wäre, würde ich mich gleich auf die Gummistiefel machen. Ich weiß, er will es nicht. Aber ich habe den heftigeren Dickkopf. Und doch werde ich mich bis Tagesanbruch gedulden. Geduld. Ein absolutes Fremdwort. Wer Geduld hat ist zu feige gleich zu handeln. Das hat mal so ein Schnösel in meiner Schulzeit gesagt. Er hat gleich gehandelt und in der Bank, in der er seine Lehre gemacht hat, Gelder veruntreut. Selber Schuld.

Sterbensstille

Nachts

Bei dir

Ein unbeleuchteter Moment

Stille

Nebel

Wellen

Nebelwellen

Stille

Nachts

Bei dir

Zum Sterben schön

Sterbensstille

Das Wettergetöse hat nachgelassen. Es ist bitterkalt und immer noch liegt der Nebel über dem Land. Sobald das Leuchtfeuer den Ozean berührt, kann man die dicken undurchdringbaren Schleier sehen, wie sie schwer über dem Wasser hängen. Keine Möwe kreischt, kein Bootsmotor brummt aus der Ferne. Die Nacht scheint sich dem Nebel ergeben zu haben.

„Kannst du ihn hören?“

„Wen?“

„Den Nebel Kleines, den Nebel!“

„Was für’n Zeug hast du dir denn gerade gespritzt? Seit wann kann man Nebel hören?“

„Was hörst du denn?“

„Nichts Großer, hier ist nichts zu hören.“

„Dann hörst du ihn, den Nebel. Diese unheimliche Stille, die einen herunter zieht und doch wach sein lässt, die dich wachsam sein lässt, bis eine seltsame Müdigkeit dich überkommt, die nichts spricht, aber doch alles sagt – diese Stille, das ist der Nebel.“

Damals hielt ich deine Ausführungen für sehr schräg. Ich habe dir deine Drogen zu Gute gehalten und dass du wahrscheinlich gerade auf einem ganz eigenartigen Tripp bist. Aber seitdem ich hier bin, kann ich dich wirklich verstehen. Und ich kann sie wirklich hören, diese Stille – ich höre ihm zu, dem Nebel. Diese Nacht ist so ruhig, dass ich kaum in den Schlaf finde. Einzig das Gebrumme des Leuchtfeuers, Dunes Schnarchen und das behagliche Schmatzen von Kleine Düne durchdringen die Stille hin und wieder. Das ist doch wirklich krank. Wohne ich an einer Straße, kann ich nicht schlafen, weil mich die vielen Autos und vor allem diese mobilen Discos nerven. Schlafe ich in einem Hotelzimmer nahe eines Wasserfalls, kann ich nicht schlafen, weil ich einen ständigen Blasendrang verspüre. Hier, unter dem Himmelszelt, vierzig Meter oder 159 Stufen von der Erde entfernt, kann ich nicht schlafen, weil es mir zu still ist? Ich kann sie wirklich nicht mehr alle haben, oder?

Nachdem ich mich ein Weilchen selbst fertig gemacht habe und mittels leiser Selbstgespräche versuchte mir bei zu bringen, dass ich schon eine komische Leuchtturmwärterin bin, gestehe ich mir ein, dass es nicht die Stille ist, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist wieder der Kopf. Es ist der Grübel, der sich mitten in meine Stirn gesetzt hat und alles daran setzt, dass ich nicht schlafe. Er will, dass ich mich auseinandersetze. Jetzt und hier. Und wieder schweifen meine Gedanken zu Max ab. Doch diesmal denke ich nicht darüber nach, dass er krank sein könnte. Diese Gewissheit werde ich morgen bekommen. Nein, es ist dieses Gefühl ihn zu mögen, ja ihn fast zu lieben und ihm so nahe zu sein, wie ich es erst einmal einem Menschen war. Nämlich dir. Ich muss herausfinden was das ist. Ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Morgen.





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Apropos Dune.

8 08 2009

Apropos Dune. Wo ist sie eigentlich? Dune??? Djuuuuuuu—huuuuuu—-nnnnnnn!!!

Keine Reaktion. Das Spiel kenne ich ja nun. Oft geht sie auf Erkundungstouren und vergisst dabei nicht selten ihren Heimatkorb. Bislang ist sie immer wieder gekommen. Trotzdem sorge ich mich immer. Wenn ich mir überlege, wie ich seinerzeit überhaupt auf den Hund gekommen bin, was wir erlebt haben in der Zwischenzeit und wie sehr wir zusammen gewachsen sind, habe ich schon Furcht, dass sie eines Tages fort bleibt. Dass sie sich andere Unterschenkel sucht, auf denen sie sich zum Schlaf ablegt und dass sie einen anderen Dosenöffner findet, den sie erziehen möchte. Konnte ich mir früher ein Leben mit einem Hund für mich nie vorstellen, kann ich es mir heute ohne nicht mehr denken.

Abschied ist immer ein kleiner Tod und nun ist es wieder an der Zeit ein wenig zu sterben. Schwarz liegt die Nacht über dem Land und ich sende meinen obligatorischen Gute-Nacht-Kuss hinaus aufs Meer. Nebel zieht auf und wird nur dort sichtbar, wo sich das Licht des Leuchtfeuers mit seiner ganzen Kraft durch die Nacht kämpft. Schwaden ziehen am Meeressaum und dicke Wolken gleiten am fast schwarzen Himmel entlang. Müde und unentschlossen setze ich mich in den Sand zum Fuß des Leuchtturms. Weißt du noch? Wir sind einmal nachts spazieren gegangen, als Nebel aufzog. Es war eine herrliche Spätsommernacht und wir gingen über eine Stunde schweigend, Hand in Hand über den Strand. Während wir uns wortlos und nur durch den Druck unserer Hände miteinander kommunizierend am Meer entlang bewegten, wurde der Nebel um uns herum dichter und dichter. Schon bald war das Wasser kaum mehr zu sehen, nur noch zu hören und auch der Blick zurück auf den Leuchtturm wurde durch eine Schleierwand verbaut. Nur das starke Leuchtfeuer verhalf uns zu der Sicherheit, dass alles gut sei. Ganz langsam hast du deine Hand aus meiner gelöst, ich spürte zunächst nur noch deine Fingerspitzen, wie sie sanft streichelnd Meine berührten und dann war dieser Kontakt unterbrochen. Du warst fort. Weg. Im Nichts verschwunden, vom Nebel verschluckt. Erst sehr leise, habe ich nach dir gerufen. Bald war mir klar, dass mein Stimmchen im Rauschen der Wellen ertrunken sein musste und steigerte die Lautstärke. Ich war so aufgeregt und ängstlich, dass meine Stimme wie ein Lämmerschwanz vibrierte. Vielleicht waren es Sekunden, mir kam es vor wie Stunden und ich fürchtete mich fast zu Tode. Irgendwann habe ich mich nur noch in den Sand fallen lassen und nach dir geschrien. Nach einer ewigen Ewigkeit tauchtest du aus dem Nichts auf, wie du in ihm verschwunden warst. Du hast dich neben mich gehockt, dich von mir anschreien und schlagen lassen. Ich habe dich geboxt, immer und immer wieder und dabei geheult wie ein Schlosshund. Ich war am Ende mit meinen Nerven und du hast einfach nichts getan, nur bei mir gesessen, mich gehalten, noch nicht einmal mich abgewehrt oder dich gar selbst gewehrt. Der Nebel hatte uns fest umschlossen, oder war es mein getrübter Blick durch all die Tränen? Wie lange wir dort so saßen weiß ich nicht mehr. Irgendwann hast du meine Hände fest in die Deinen gelegt. Ich zitterte am ganzen Körper und du hieltest mit all deiner Stärke und deiner Liebe dagegen. Dann hast du mein Gesicht in deine Hände genommen und zum ersten Mal diesen Satz gesagt:

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut. Es konnte dir nichts passieren. Es wäre dir nichts passiert. Du hast links die Stärke des Meeres, über dir wacht das Leuchtfeuer unseres Turms mit all seiner Kraft und in dir selbst hast du eine Energie, die dir nichts und niemand je nehmen kann. Vertrau dir doch einfach. Es lohnt sich!“

Ich war so wütend, so traurig, so geschockt und so gefesselt von deinen Worten. Seit dieser Zeit begleitet mich dieser Satz. Auch wenn ich ihn nicht immer zu deuten weiß. Auch wenn ich ihn in bestimmten Situationen nicht immer mit dieser überein bringen kann. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue in den Himmel. Vereinzelt gelingt es einem Stern sein Funkeln durch die Wolken zu pressen. Vor mir liegt das Meer und über mir strahlt das Leuchtfeuer. In mir drin gibt es eine Liebe, die mir nichts und niemand nehmen kann. Jetzt wird es aber wirklich Zeit fürs Bett. Ich hoffe, dass Dune ein sicheres Plätzchen gefunden hat. Ich bin so zwiegespalten. Um hier weiter sitzen zu bleiben ist es zu frisch. Einen Schnüpp oder schlimmeres darf ich mir jetzt nicht erlauben. Also, raff dich auf und hoch mit dir!

Gerade oben angekommen, höre ich ein mir vertrautes Scharren und Junkern aus dem Erdgeschoss. Okay, das hätte sich Dune wirklich auch zwei Minuten vorher überlegen können, aber ich bin überglücklich sie bei mir zu wissen. Mit der letzten Energie des Tages schwinge ich mich die Wendeltreppe hinunter und öffne die große Stahltür, die ich heute Abend verschlossen hatte. Vor mir steht ein gerupftes Huhn im Hundefell. Ohje, wie siehst du denn aus? Meine Hündin ist pitschnass und komplett verdreckt. Auf ihrem Kopf klafft eine tiefe Wunde so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers.

Besorgt und mit Herzrasen schnappe ich mir den Hund und schleppe ihn 159 Stufen nach oben. So leid wie es mir tut, aber erstmal ist jetzt ein Bad angesagt. Ohne sich zu wehren, lässt sie sich von mir in der Duschwanne absetzen und es scheint, dass sie das lauwarme Wasser auf dem Fell richtig gehend genießt. Ich traue mich eigentlich nur vom Hals an, alles abwärts und nach hinten hin, bis zur Rute zu waschen. Dune ist fürchterlich verdreckt und die Wunde am Kopf macht mir Sorgen.

Unter dem breiten Halsband kommen ein paar weißgraue blutverschmierte Federn hervor. Du hast dich nicht mit einer Möwe gezofft oder? Was war das für ein Vieh? Eine weiße, aggressive, mutierte und genmanipulierte Riesenmöwe? Mensch, Mensch – ach nee, Hund, Hund, du machst Sachen!

Mit einem nassen Waschlappen tupfe ich Dune das Gesicht und die Lefzen ab und bin sichtlich bemüht nicht zu nah an die Stirn heran zu kommen. Die Süße zittert wie Espenlaub und ich erlöse sie alsbald von der Wäsche. „Bleib und rühr dich nicht vom Fleck. Ich muss noch was vorbereiten.“ Ich düse in die Stube, und bedecke meine Koje mit allem was ich an Decken und Handtüchern finden kann. Vorsichtig trage ich mein Haustier ins Bett, umwickele sie fest mit ihrer Kuscheldecke und rubbele ihr, so vorsichtig wie es irgendwie geht, das Fell. Erschöpft lässt sie ihren Kopf zwischen ihre Vorderpfoten sinken und schaut mich dabei mit einem Blick an, der mir fast das Herz zerreißt. Mir ist ganz schlecht, wenn ich mir ausmale, was sich dort unten irgendwo am Ufer abgespielt haben muss. Ich drehe meinen Rucksack auf links. Irgendwo in diesem unübersichtlichen FrauenChaos müsste ein Fläschchen von dem Jodzeugs sein. Seit ich hier am Strand bin, habe ich so was immer dabei. Gerade Barfüßler werden gerne mal von einer Muschel gekratzt oder einem Stein böse gepiekt. Als ich sie gefunden habe, reinige ich vorsichtig und nicht ganz ohne Knurren der Verletzten die Wunde. Das sieht wirklich übel aus und wenn du mir Morgen irgendwie komisch kommst, dann müssen wir zum Doc. Aber jetzt ruh dich erst einmal aus. Vorsichtig küss ich Dune auf die Nase und sie bedankt sich mit einem zaghaften Nasenschleck bei mir. Lange brauche ich nicht bei ihr sitzen. Kaum war die Zunge zurück gefahren, hatte sie auch schon die Augen zu.

Was für ein Tag!

Wie lange ich hier wohl schon so sitzen mag? Dick eingemummelt in deinem Wollpullover, Jogginghose und Stranddecke, sitze ich auf zwei Sesselkissen vor der Koje, streichele und kraule ohne Unterlass meine arme gedemütigte Lebensgefährtin auf vier Pfoten. Die Arme ist völlig geschafft und k.o. Immerhin konnte ich sie ein paar Mal dazu überreden, ein wenig Wasser zu schlabbern. Fieber hat Dune nicht und die Wunde sieht nach der Säuberung und intensiver Betrachtung auch nicht mehr so dramatisch aus, wie zu erst befürchtet. Ich gehe davon aus, dass sie einen fürchterlichen Brummschädel hat. Wenn eine Möwe mit ihrem Schnabel ein solches Loch in einen Schädel rammen kann, dann muss ein ordentlicher Kampf statt gefunden haben. Immer öfter fallen mir die Augen zu. Und bereits zweimal bin ich hochgeschreckt, weil mein schweres Haupt auf meinen Arm abgesunken ist. Wie spät es wohl sein mag? Ich verrenke meinen steifen Hals und versuche einen Blick auf die Mikrowelle zu erhaschen. Brille. Ich muss meine Brille mitbringen. Die Brille muss noch auf die Liste. Ist das eine 8 eine 9 oder eine 6 vor dem Doppelpunkt? Der Blick nach draußen lässt mein Zeitgefühl eher zu sechs Uhr tendieren. Es ist noch stockdunkel.

Dune hebt den Kopf und drückt im Zeitlupentempo ihren Oberkörper nach oben. Vorsichtig kratzt sie sich mit der rechten Vorderpfote hinterm Ohr und ihr Hinterteil erhebt sich nun auch. Mit großen Augen schaue ich meine Hündin erwartungsvoll an. Was nun? Über meinen Schoß hinweg klettert Dune aus dem Bett und zieht dabei eine Schleppe aus Handtüchern und Decken hinter sich her. Sie legt sich vor mir auf dem Holzboden ab, legt mir Pfote und Kopf in den Schoß und schaut mich an, als wenn sie sagen wollte: „Nu, ab ins Bett mit dir. Du brauchst auch noch ein bisschen bequemen Schlaf.“ Zu meiner großen Freude wedelt sie mit dem Schwanz und ich glaube ich kann fast sicher gehen, dass meine Süße auf dem Weg der Besserung ist.

Bevor ich mich in die angewärmte Koje lege, um nach ein oder zwei Stündchen in unruhigen aber bequemen Schlummer zu fallen, stelle ich Dune eine kleine Portion Tartar mit Eidotter hin. Eigentlich war das Rinderhack für mich zum Frühstück gedacht, aber was tut man nicht alles, um den Genesungsprozess des Haustieres positiv zu beeinflussen?

Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es weder 6 noch 8 und auch nicht 9 ist. Es ist jetzt halb Sechs und für zwei Stunden kann ich mich wirklich noch hinlegen. Die Sonne schafft es sicher auch ohne mich aufzugehen. Also sortiere ich mir das Deckengewirr im Bett und mache es mir dort gemütlich. Dune liegt immer noch vor der Koje und schaut mich mit ihren großen Bernsteinaugen an. „Na, dann komm“, sag ich und klopfe dabei aufmunternd mit der Hand auf die Matratze. Diese Einladung brauche ich nicht zweimal zu tätigen. Ebenso vorsichtig und in Zeitlupe, wie sie sich aus dem Bett geschält hat, steigt sie nun umständlich zu mir hinein. Ich lege mich auf die Seite und mach mich ganz dünn.

Das Bild, das gerade entsteht hat schwer Ähnlichkeit mit unserer Löffelchenstellung, die ich immer so sehr geliebt habe. Du an mir, ich an dir, ganz eng, aber nie verfänglich. Die Wärme deines Körpers und dein ruhiger Atem ließen mich immer sorgenfrei und beruhigt ins Land der Träume auswandern. Ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit ist entstanden, das ich nie zuvor so erlebte, wenn man die Monate in Mütterchens Bauch außer Acht lässt.

Die Hündin schmiegt sich an mich und ich lege vorsichtig meinen rechten Arm über sie drüber. Das Gesicht Dunes zeigt in meine Richtung. Ihre Augen sind so müde. Ich flüstere ihr noch ein „Ich hab dich lieb“ entgegen, drücke ihr einen Bussi auf die feuchte und kalte Nase und wir schlafen ein.

Ich werde beobachtet. Durchdringend werde ich angestarrt. Jemand durchbohrt mich mit seinen Blicken. Ich bin nicht da. Ich bin in Afrika. Ich lass’ die Augen zu. Nein, nein, ich habe so schön geschlafen. Ich will nicht wach werden. Ich boykottiere diesen Tag und das Leben. Noch fünf Minuten. Bitte nicht. Ich will nicht aufstehen müssen. „Schlaaappppppps“

Zaghaft öffne ich mein rechtes Auge und blinzele in ein gigantisch großes Hundegesicht mit Loch in der Stirnplatte. Durch meinen Kopf rasen Fragenstürme: „Wo bin ich?, Wer bin ich?, Warum bin ich?, Wie spät ist es?, Welcher Tag ist heute?, Was will dieses Tier von mir?“

„Guten Morgen, Süße! Hast du noch ein bisschen schlafen können?“ Ich räkele mich auf den Rücken und erhebe mich nach obligatorischer Knochensortierung in sitzende Position. Dune junkert und läuft zwischen Wendeltreppe und Koje aufgeregt hinterher. Noch recht unmotiviert hieve ich mich von der Matratze und gehe meiner Hündin nach, die, dieses Aufstehen richtig interpretierend, jetzt nicht nur bis zur Wendeltreppe läuft, sondern sie nun auch hinunter stürzt. Für mich als Morgenmuffel und EwigWachwerdBraucher erstaunlich, kombiniere ich messerscharf, dass mein Hund ein dringendes Bedürfnis hat, welches von ihr, durch eine kleine Lache im Eingangsbereich, urinierend bestätigt wird. Oh Shit!, Nein, Piss, ich bin zu lahm für diese Welt. Aber wer weiß, wie spät es schon ist. Und irgendwo müssen die Unmengen Wasser ja hin, die Dune in der letzten Nacht zu sich genommen hat. Auf Grund der Ereignisse der letzten Nacht kann und will ich ihr dieses Malheur nicht übel nehmen. Es begeistert mich nicht, aber es war wohl auch kaum zu vermeiden.

Den Pinkelbach umschreitend, sprinte ich zur Leuchtturmtür und öffne sie hektisch, um weiteren Hinterlassenschaften in Fest- oder Flüssigform vorzubeugen. Liegt es an der ersten Erleichterung oder an dem Schock der gestrigen Nacht? Dune streckt sehr vorsichtig ihren Kopf durch die Türe und bleibt in direkter Nähe des sicheren Turms. Sie bemüht sich sichtlich, ihren Haufen nicht direkt im Eingangsbereich abzulegen, sie nutzt aber auch nicht die Weite des Strandes, wie sie es sonst tut. Ganz dicht bleibt sie am Gemäuer.

In mir steigt Frost empor. Die braungrauen Steinfliesen sind arschkalt und ich temmele von einem Fuß auf den Anderen. Der durch den Türrahmen eingefasste Blick nach draußen verspricht einen schönen Tag. Die Sonne scheint kräftig, ein leichter Wind nimmt hin und wieder Kurs in den Turm und scheint mich in den endgültigen Wachzustand bringen zu wollen, Schilf und Gräser wehen synchron auf der Düne und das helle Blau des Himmels wird durch riesige hartweiße Wolkentürme unterbrochen. Der Herbst scheint nun doch Einzug halten zu wollen. Ich glaube nicht, dass es heute Regen geben wird, dafür sind die Wattebäusche dort oben zu freundlich. Aber das schöne Wetter der letzten Tage verabschiedet sich und lange kann es nicht mehr dauern, bis das depressive Halbjahr beginnt.

Dune zwängt sich an mir vorbei und steigt die Wendeltreppe wieder hinauf. Ich öffne die Eingangstür vollends, um ein wenig Luft ins Gemäuer zu lassen und folge ihr. Als ich ungefähr die Hälfte der 159 Stufen hinter mir gelassen habe, macht Dune, die bereits oben ist, wieder kehrt, tappst an mir vorbei, stellt sich hinter die Eingangstür auf die Hinterpfoten und drückt die Tür Stück für Stück wieder zu. Ob sie Angst hat vor Eindringlingen? Mit einem letzten kräftigen Sprung schubbst Dune die Türe ins Schloss, schnuffelt noch einmal am Abschluss entlang und geht, mich überholend, wieder nach oben. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder mich sorgen soll. Dieses Tier ist wirklich manchmal merkwürdig.

Mein Morgensport besteht darin, mich, oben angekommen, mit Lappen und Haushaltsrolle bewaffnet, wieder nach unten zu begeben, den kleinen Urinsee zu beseitigen und wieder nach oben zu steigen. Jetzt muss ich aber Frühstücken, und zwar richtig. Das Ritual fällt magerer aus als am Vortag, aber es gibt eine vernünftige erste Mahlzeit mit köstlichem Brot, delikater Wurst, einem Spiegelei, Kaffee und drei Zigaretten. Erstaunt stelle ich fest, dass das Päckchen Kippen, das ich vorgestern geöffnet habe, immer noch über Zigaretten verfügt. Ich rauche tatsächlich massiv weniger als sonst. Mich überkommt ein kleines bisschen Stolz. Auch wenn diese Reduzierung des Lasters nicht bewusst statt gefunden hat, findet sie statt. Das liegt bestimmt an der guten Luft hier draußen. Mir fällt auf, dass ich zum Beispiel während des Buchtspazierganges gestern, gar nicht geraucht habe.

„Willst du damit nicht aufhören?“

„Das fragst du mich?“

„Ja, das frage ich dich. Bei mir ist das was anderes. Du weißt, warum ich immer noch rauche. Die Zigarette als Ersatzdroge. Aber wenn du dich entschließen könntest aufzuhören, dann versuche ich es auch. Is’ doch klar!“

Du umarmtest mich und nanntest X gute Gründe, warum wir es lassen sollten.

„Schau, jetzt haben wir den Turm mit soviel Liebe renoviert. Reicht es nicht, wenn Wind, Sand, Sonne und Wasser unsere liebevoll gestalteten roten und weißen Kringel draußen täglich angreifen? Müssen wir hier drin mit der Nikotinwaffe das Gleiche tun?“

Du hattest ja Recht. Aber ich bilde mir halt immer noch ein, dass ich den Glimmstängel für meine Psyche brauche und, was noch viel wichtiger ist, für meine erste Verdauung am Tag. Wir beschlossen fürs Erste, nur draußen zu qualmen. Die 159 Stufen der Wendeltreppe runter und wieder rauf, würden uns das Laster schon abgewöhnen. Wir haben es ganze zwei Wochen so gehandhabt, dann schlich sich das erste Teerstäbchen ein, es folgte das Zweite und schon saßen wir beide hier oben, diskutierten und rauchten.








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