Das laute Aufschreien von Kleine Düne reißt mich aus meinen Gedanken. So schnell ich kann, spurte ich zu ihm hin, komme aber wie meist zu spät, weil Dune schon munter und fürsorglich vor ihm sitzt. Eine hauchdünnes Rinnsal Blut fließt aus seinem Stirnfell, Fee faucht ihn an und sucht sich einen anderen Platz zum Weiterschlafen. Ich schau mir die Wunde des Welpen an, die schon von der Frau Mama saubergeleckt wird. Ist nicht schlimm. War sicher nur der Schreck. Bis er laufen kann, ist das längst vergessen. Mich würde nur interessieren, was Fee so gereizt hat, dass sie ihm eine scheuern musste. Vielleicht hat er ihren Stumpf mit einer überdimensionalen Zitze verwechselt? Oder Fee hatte einen Alptraum. Achselzuckend verlasse ich den Kampfkorb und muss schon ein bisschen schmunzeln über die Tatsache, wie sich Realität und Erinnerung fast decken – nur habe ich eine Nase zertrümmert, während Fee sich im Skalpieren probiert hat.
So entspannt wie in dieser Woche war ich schon lange nicht mehr. Alles hat sich zum Guten gewendet, wenn es nicht schon gut war und bis auf das Wetter, was ich persönlich eher als normal denn als furchtbar einstufen würde zu dieser Jahreszeit, waren die Tage sehr harmonisch und verliefen in aller Ruhe. Noch nicht einmal mehr das Gespräch mit Max macht mir Kopfschmerzen. Im Gegenteil, ich freue mich schon richtig darauf ihm von dir zu erzählen. So er mir nicht zuvor kommt, werde ich ihn die Tage einmal besuchen. Vielleicht kann ich ihm ja auch noch ein bisschen bei den Reparaturarbeiten am Pfahlbau helfen. Ansonsten werden wir heiße Schoggi trinken und einfach alles auf uns zukommen lassen. Drücken werde ich mich sicher nicht mehr, das ist so sicher wie das Signal unseres Leuchtfeuers.
Seeluft macht gesund, das beweist sich hier immer wieder aufs Neue. Nachdem Dunes Hals so toll abgeheilt ist und Jacques tolle Naht sich bereits in einen zarten feinen Strich unter dem nachwachsenden Stoppelfell verwandelt hat, beschließe ich heute den Bauchverband abzunehmen. Bislang habe ich immer nur ganz vorsichtig geschaut, ob alles in Ordnung ist. Bereitwillig legt sich Dune auf der Couch auf den Rücken und lässt sich von Oberschwester Leuchtturmwärterin verarzten. Auch die Bauchwunde sieht einfach toll aus. Der alte Zausel hat echt noch eine Menge auf dem Kasten. Das Einzige was an dem Bauch entzündet scheint, ist eine der beiden Zitzen, an denen sich Kleine Düne stets verlustiert. Das werde ich die nächsten Tage mal beobachten und notfalls muss ich sie eben mit Pflaster abkleben, damit der junge Herr seine Kieferchen davon lässt. Ganz sanft massiere ich der Lady den Bauch, und ich wette, wenn sie könnte, sie würde schnurren. Stattdessen gibt sie eigenartige Grunzgeräusche von sich, räkelt und streckt sich. Ohne viel Druck aber mit Fingernägeln schubbere ich sie entlang der Zitzenleisten. Das muss eine wahre Wohltat sein und ich erinnere mich an meine Operationen und wie selig ich war, als ich diese verdammten Anti-Thrombose-Strümpfe endlich ausziehen durfte. Es ist so schön zu beobachten, wie viel Vertrauen Dune in mich hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ihr nie etwas antun könnte. Kleine Düne liegt an Mamas Kopf und ich frage mich, ob er wirklich nichts sehen kann, trotz geöffneter Augen.
Vergnügt und glücklich schnappe ich mein Handy und smse Max, ob er vielleicht Lust auf einen Besuch hat. Ich würde auch versuchen, Dune zu überreden mit zu kommen. Da ich um die Handyunlust von Max weiß, erwarte ich gar keine rasche Antwort. So räume ich hier und wusele dort ein bisschen herum, vertreibe mir die Zeit mit gemeiner Turmarbeit und erfreue mich an meinen Mitbewohnern. Fee entscheidet sich sogar zwischendurch, mir bei dem schnöden Gewische Gesellschaft zu leisten, krallt sich an mir hoch, bis ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, und sie freiwillig auf meine Schulter setze. In der Duschkabine springt sie ab, hat sie doch eine klitzekleine Spinne entdeckt, die ihr Jagdfieber weckt. Es ist so süß anzuschauen. Wie sie sich heranpirscht, noch kleiner macht, als sie eh schon ist, wie ihr gebrochener Schwanz durch die Gegend peitscht und sie schließlich, nach langem Getue doch im Leeren landet, weil die Spinne sich derweil wieder auf dem Weg nach oben befindet. Natürlich hole ich die Kamera, diese Jagd in der Duschtasse muss einfach festgehalten werden.
Der Staubnebel im Leuchtturm ist beseitigt, der Nebel draußen liegt satt und dick auf dem Strand und dem Meer. Wie sagte Mütterchen früher immer, sie hatte einen bestimmten Ausdruck dafür. Waschküche – genau, das war es. Mütterchen nannte den Zustand immer Waschküche. Denn früher, als noch in den großen Bottichen Wäsche gekocht wurde, war es in den Waschküchen durch den Wasserdunst sehr nebelig. Ich kann mich ja mal aus dem Fenster hängen und nach unten schauen, dann wird mir schwindelig, weil ich nicht wirklich frei von Höhenangst bin. Dann ist der Schleudergang direkt mit dabei. Ich phantasiere schon wieder wild rum. Wird man so, wenn man am schönsten Platz der Welt alleine unter Tieren lebt? Apropos alleine. Max hat sich immer noch nicht gemeldet und ich fürchte, ich muss bis Morgen warten mit meinem Besuch. Vielleicht ist ja dann auch die Sicht wieder etwas besser und ich kann auf meinem Spaziergang zum Pfahlbau auch die Aussicht auf das Meer genießen. Ich starte einen neuen Versuch in Sachen Kurzmitteilung und füge gleich an, dass sich der Besuch wohl auf Morgen verschieben wird.
Nicht richtig ~ Nicht ich
Es wurde nicht Tag
Nicht richtig
Nicht hell
Ich wurde nicht Mensch
Nicht richtig
Nicht ich
So bleib ich hier
Schließe die Augen
Schließe mich
Und trau mich
Zu sein wie ich bin
Nicht Mensch
Nicht richtig
ICH
Ich weiß nicht, warum mir all diese Verse jetzt einfallen. Wohlmöglich weil dieses Wetter zu poetischen Ausflügen einlädt, weil es so traurigschaurig schön ist dort draußen und ich mich nicht entscheiden kann, ob ich gehen oder bleiben mag. All diese Verse habe ich mal dir geschrieben oder ich hätte sie dir noch schreiben wollen, bekam aber leider nie wieder die Chance dazu. Die, die ich dir schrieb, wanderten damals in diese große Schatzkiste – die Schatzkiste, die wohl heute noch irgendwo ungeliebt und unbeachtet auf dem Speicher oder im Keller des Drachens steht, der auch gemeinhin als deine Mutter bekannt ist. Nein, sorge dich nicht, ich steigere mich nicht wieder in diese Wut hinein, die ich in mir trage, wenn ich an sie denke oder von ihr spreche. Mich überkommt nur einmal mehr unendliche Traurigkeit über diese unfassbare Lieblosigkeit. Denke ich an mein Mütterchen, denke ich voller Liebe an sie und ihre Liebe, die sie mir bis heute entgegen bringt. Auf diese Mutterliebe kann ich immer zählen, auf sie bauen. Natürlich ist unsere Beziehung auch schwierig. Welche Mutter-Tochter-Beziehung ist das nicht. Doch bei allen Schwierigkeiten schwingt auch immer Zuneigung mit, ist die Beziehung immer in Liebe gehüllt und stärkt für alles, was ich für mein Leben brauche, seit ich auf eigenen Füßen stehe. Deine Mutter verstehe ich bis heute nicht. Und ich mag sie nicht. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Eigentlich brauche ich dir gar nichts mehr erzählen, denn du weißt ja schon alles von mir, und das was du nicht weißt, das siehst du. Von dort oben, irgendwo hinter dieser Nebelwolkendecke, die so ganz und gar unkuschelig aussieht.
Ist es noch Tag oder wird es schon Nacht? Ich bin so aus dem Rhythmus durch diese wohlige Ruhe hier, es ist nicht zu fassen. Der Blick auf die Uhr an der Mikrowelle entsetzt mich. 0:00 Uhr blinkt es und blinkt es und blinkt es. Stromausfall? Hatten wir hier Stromausfall und ich hab’s nicht gemerkt? Oh Shit, dieser dämliche Staubsauger. In meiner wischenden Putzwut habe ich dieses Monster kurz eingesteckt und die Mikrowelle ausgestöpselt. Und nun? Wo krieg ich jetzt die Uhrzeit her? Grob schätzen ist nicht, da liege ich wahrscheinlich um Tage daneben. Das Handy. Mein Mobiltelefon, das immer noch keinen Mitteilungseingang zu verzeichnen hat, zeigt dafür verlässlich die Uhrzeit an. Halb Fünf – und wenn mich meine Sinne nicht ganz im Stich gelassen haben, haben wir Halb Fünf am Abend. Dann wird’s gleich ganz schnell Nacht. Und während ich so überlege, was ich mit der anbrechenden Nacht anfangen kann, miept der Kommunikationsknochen in meiner Hand. Aha, dem Meister des Sandes ist seine Pin eingefallen und er hat sein Handy aktiviert.
„Kleines bitte nicht, Morgen auch nicht. Mir ist nicht wohl. Sorge dich nicht. Hab dich lieb. Max“
Dass dir nicht wohl ist glaub ich wohl. Bist du doof oder was? Wenn es dir nicht gut geht, dann muss ich doch erst recht vorbeischauen. Ein bisschen betüddeln tut dir sicher gut. Vielleicht kann ich was für dich erledigen. Und wer weiß, was mit dir los ist. Wenn es das Weltenübel ist, dann muss ich dich sehen. Und wenn du krank bist, dann schon mal erst recht. Pfft – Mir ist nicht wohl. Ich zeige Dune die SMS und sie bellt das Handy an, oder bellt sie es aus? Egal, sie bellt und bestätigt mich in meinem Wunsch, den Sandburgenbauer zu sehen. Also koche ich jetzt eine leckere Brühe und dann packe ich meinen Rucki und Morgen, in aller Frühe, mache ich mich auf die Gummistiefel, um Max heim zu suchen. Basta. Dune bellt erneut, als wolle sie damit diesen Plan beglaubigen.
Schnell ist die Brühe zubereitet und zu meinem großen Erstaunen schmeckt sie sogar. Eigentlich kann ich wirklich gut kochen, aber ich muss auch in der Stimmung dazu sein, und die geht mir gerade heftig ab. Ich sorge mich um Max und wenn ich nicht so schissig wäre, würde ich mich gleich auf die Gummistiefel machen. Ich weiß, er will es nicht. Aber ich habe den heftigeren Dickkopf. Und doch werde ich mich bis Tagesanbruch gedulden. Geduld. Ein absolutes Fremdwort. Wer Geduld hat ist zu feige gleich zu handeln. Das hat mal so ein Schnösel in meiner Schulzeit gesagt. Er hat gleich gehandelt und in der Bank, in der er seine Lehre gemacht hat, Gelder veruntreut. Selber Schuld.

Sterbensstille
Nachts
Bei dir
Ein unbeleuchteter Moment
Stille
Nebel
Wellen
Nebelwellen
Stille
Nachts
Bei dir
Zum Sterben schön
Sterbensstille
Das Wettergetöse hat nachgelassen. Es ist bitterkalt und immer noch liegt der Nebel über dem Land. Sobald das Leuchtfeuer den Ozean berührt, kann man die dicken undurchdringbaren Schleier sehen, wie sie schwer über dem Wasser hängen. Keine Möwe kreischt, kein Bootsmotor brummt aus der Ferne. Die Nacht scheint sich dem Nebel ergeben zu haben.
„Kannst du ihn hören?“
„Wen?“
„Den Nebel Kleines, den Nebel!“
„Was für’n Zeug hast du dir denn gerade gespritzt? Seit wann kann man Nebel hören?“
„Was hörst du denn?“
„Nichts Großer, hier ist nichts zu hören.“
„Dann hörst du ihn, den Nebel. Diese unheimliche Stille, die einen herunter zieht und doch wach sein lässt, die dich wachsam sein lässt, bis eine seltsame Müdigkeit dich überkommt, die nichts spricht, aber doch alles sagt – diese Stille, das ist der Nebel.“
Damals hielt ich deine Ausführungen für sehr schräg. Ich habe dir deine Drogen zu Gute gehalten und dass du wahrscheinlich gerade auf einem ganz eigenartigen Tripp bist. Aber seitdem ich hier bin, kann ich dich wirklich verstehen. Und ich kann sie wirklich hören, diese Stille – ich höre ihm zu, dem Nebel. Diese Nacht ist so ruhig, dass ich kaum in den Schlaf finde. Einzig das Gebrumme des Leuchtfeuers, Dunes Schnarchen und das behagliche Schmatzen von Kleine Düne durchdringen die Stille hin und wieder. Das ist doch wirklich krank. Wohne ich an einer Straße, kann ich nicht schlafen, weil mich die vielen Autos und vor allem diese mobilen Discos nerven. Schlafe ich in einem Hotelzimmer nahe eines Wasserfalls, kann ich nicht schlafen, weil ich einen ständigen Blasendrang verspüre. Hier, unter dem Himmelszelt, vierzig Meter oder 159 Stufen von der Erde entfernt, kann ich nicht schlafen, weil es mir zu still ist? Ich kann sie wirklich nicht mehr alle haben, oder?
Nachdem ich mich ein Weilchen selbst fertig gemacht habe und mittels leiser Selbstgespräche versuchte mir bei zu bringen, dass ich schon eine komische Leuchtturmwärterin bin, gestehe ich mir ein, dass es nicht die Stille ist, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist wieder der Kopf. Es ist der Grübel, der sich mitten in meine Stirn gesetzt hat und alles daran setzt, dass ich nicht schlafe. Er will, dass ich mich auseinandersetze. Jetzt und hier. Und wieder schweifen meine Gedanken zu Max ab. Doch diesmal denke ich nicht darüber nach, dass er krank sein könnte. Diese Gewissheit werde ich morgen bekommen. Nein, es ist dieses Gefühl ihn zu mögen, ja ihn fast zu lieben und ihm so nahe zu sein, wie ich es erst einmal einem Menschen war. Nämlich dir. Ich muss herausfinden was das ist. Ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Morgen.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.
Schon bald war das Wasser kaum mehr zu sehen, nur noch zu hören und auch der Blick zurück auf den Leuchtturm wurde durch eine Schleierwand verbaut. Nur das starke Leuchtfeuer verhalf uns zu der Sicherheit, dass alles gut sei. Ganz langsam hast du deine Hand aus meiner gelöst, ich spürte zunächst nur noch deine Fingerspitzen, wie sie sanft streichelnd Meine berührten und dann war dieser Kontakt unterbrochen. Du warst fort. Weg. Im Nichts verschwunden, vom Nebel verschluckt. Erst sehr leise, habe ich nach dir gerufen. Bald war mir klar, dass mein Stimmchen im Rauschen der Wellen ertrunken sein musste und steigerte die Lautstärke. Ich war so aufgeregt und ängstlich, dass meine Stimme wie ein Lämmerschwanz vibrierte. Vielleicht waren es Sekunden, mir kam es vor wie Stunden und ich fürchtete mich fast zu Tode. Irgendwann habe ich mich nur noch in den Sand fallen lassen und nach dir geschrien. Nach einer ewigen Ewigkeit tauchtest du aus dem Nichts auf, wie du in ihm verschwunden warst. Du hast dich neben mich gehockt, dich von mir anschreien und schlagen lassen. Ich habe dich geboxt, immer und immer wieder und dabei geheult wie ein Schlosshund. Ich war am Ende mit meinen Nerven und du hast einfach nichts getan, nur bei mir gesessen, mich gehalten, noch nicht einmal mich abgewehrt oder dich gar selbst gewehrt. Der Nebel hatte uns fest umschlossen, oder war es mein getrübter Blick durch all die Tränen? Wie lange wir dort so saßen weiß ich nicht mehr. Irgendwann hast du meine Hände fest in die Deinen gelegt. Ich zitterte am ganzen Körper und du hieltest mit all deiner Stärke und deiner Liebe dagegen. Dann hast du mein Gesicht in deine Hände genommen und zum ersten Mal diesen Satz gesagt:
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