Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

31 10 2009

Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

And the winner is…

Leuchtturmwärterin!

Zweieinhalb Stunden habe ich in der Dusche gehockt. Mein neuer persönlicher Rekord, und ich kenne niemanden, der es zu ähnlichem Sitzfleisch gebracht hätte. Zweieinhalb Stunden Streicheleinheiten per Wasserzufuhr, na wenn das mal kein Erlebnis ist. Soviel Bodylotion habe ich gar nicht mehr da, um den Feuchtigkeitshaushalt meiner Haut wieder in Balance zu bringen. So schrumpele ich lustig vor mich hin und entwickele mich zur Schrumpelwärterin. Die nimmt die Wärme auch gleich mit ins Bett. Ich kuschele mich in die Koje und wünsche mir, dass der Sandsack mich mitten auf die Zwölf trifft, damit ich gleich einschlafe. Das Leben ist kein Wunschkonzert, und meinem Kopf ist nach allem, nur nicht nach schlafen. Fee schlummert ganz dicht an meinem Bauch, oder sie schlummert nicht und ruht nur, denn sie schnurrt noch so heftig. Ein wohltuendes Gefühl, dieses leise Brummeln, das sich über der Haut verteilt.

Es passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein riesiges großes Rätsel hat sich aufgetan, und ich bin nicht einmal in der Lage es im Ansatz der Lösung näher zu bringen. Was stört mich an der ganzen Geschichte, das muss ich raus finden. Je länger ich Max kenne, je intensiver ich ihn kenne, desto näher ist er mir. Das ist nichts Außergewöhnliches, so man denn, ein offener und vertrauensseliger Mensch ist. Zu dieser Gattung Mensch zähle ich aber nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die mich umgeben, die ich kenne, die mich kennen, die mich aber nur soweit kennen, wie ich sie in mich hinein schaue lasse. Und das ist nicht weit. Bei Max ist das anders. Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er ein besonderer Mann ist, ein besonderer Mensch, der meinen Lebensweg gekreuzt hat. Diese Nähe, diese Vertrautheit – das war nicht neu für mich, aber es war nach langer Zeit wieder das erste Mal. Hinzu kommen die vielen kleinen und großen Begebenheiten, die mich ständig erinnerten. Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, kam so oft in mir hoch und verwirrte mich. Es ließ mich aber auch weiter Vertrauen fassen. Heute kröne ich für mich dieses Vertrauen, in dem ich Max von meinem persönlichen Allerheiligsten erzähle. So war der Deal. Ich erzähle von dir und er mir von seinem Sohn. Nicht gezwungener Maßen, sondern in dem Moment, wo ein jeder von uns dazu bereit wäre. Ich war heute bereit. Und seit dem ist alles anders.

Wo ist der Haken. Wo habe ich den Knick in der Optik, oder besser im Verstand? Was ist der Auslöser dafür, dass sich Max dermaßen heftig zurückzieht, ohne selbst das Wort an mich zu richten, sondern über Dritte? Ich weiß, es muss was geben, das ich nicht richtig zu deuten weiß. Es gibt ein Zeichen, das ich nicht sehe. Da ist was, was ich übersehen haben muss, oder überhört. Aber was?

Denken, grübeln, weltenübeln, sinnieren, fragen, schätzen, interpretieren, nachhaken, zusammensetzen, verzweifeln, erinnern, schlussfolgern, …

Ich drehe mich im Kreis. So muss sich ein Hamster in diesem furchtbaren Rad fühlen. Er flitzt und flitzt und rennt, immer weiter, ohne Pause, ohne Abzweigungen oder Kurven, immer weiter in einer Spur aus Drahtgeflecht oder Plastikstreben. Im Zweifelsfall quietscht das Rad und untermalt sein Tun mit furchtbaren Geräuschen, die ihn zusätzlich antreiben, vor denen er zu flüchten versucht und keinen Ausweg findet. Eigentlich braucht er nur aufhören zu laufen. Eigentlich. Aber er weiß es nicht. Er kann es nicht wissen, weil es ihm sein Instinkt nicht sagen kann. In der freien Natur gibt es keine runden Drahtgeflechtautobahnen, keine zum Kreis geformten Plastikstreben, keine Hamsterräder. Wenn er Glück hat, dann findet er den richtigen Zeitpunkt um abzuspringen. Wenn er Glück hat, Glück.

Lebenslauf

Ich renne im Kreis des Lebens

Ich stolpere durch das Leben

Ich bewege mich im Leben

Ich erklimme das Leben

Ich haste nach dem Leben

Ich wanke im Leben

Ich laufe um mein Leben

Lebenslauf

Es holt mich ein das Leben

Mit meiner Vergangenheit

Mit meiner Krankheit

Mit meiner Verzweiflung

Mit meiner Traurigkeit

Mit dem unendlichen Vermissen

Mit dieser unerträglichen Sehnsucht

Ich laufe

Weiter

Immer weiter

Lebenslauf

Und wenn es so weiter geht, laufe ich noch gegen eine Wand. Verdammt, so schwer kann es doch nicht sein. Wieder und wieder gehe ich den Tag im Kopf durch. Meine Erzählung rufe ich Wort für Wort aus meiner Erinnerung ab. Der Hamster rennt im Rad und ich dreh gleich dran.

Aus dem Hundekorb dringt ein lautes Quieken, fast ein Schreien heraus. Kleine Düne brüllt sich die Seele aus dem Leib und mir fällt jetzt erst auf, dass Dune noch immer nicht wieder hochgekommen ist. Ob sie darauf hofft, dass Max zurück kommt? Vielleicht sollte ich ihr stecken, dass er sich in die Obhut des Viehdoktors geflüchtet hat und bis auf Weiteres nicht mit ihm zu rechnen ist? Auf den Stufen der Wendeltreppen ist Pfotentrappeln zu vernehmen. Das Hungergeschrei des Nachwuchses trägt Früchte und meine Hündin nimmt ihre Mutterpflichten in Angriff. Mich würdigt sie keines Blickes. Na super, jetzt begehrt auch noch der Hund gegen den Dosenöffner auf. Vielleicht ist sie auch nur schlecht drauf, denn wieso sollte sie Max Auszug mit mir in direkten Zusammenhang bringen? Und wieso gehe ich davon aus, dass dieser Hund irgendwas mit irgendwas in Zusammenhang bringt? Ich sag ja, ich dreh am Rad und verwirre. Kann bitte jemand mit einem Hammer kommen, und mir das Licht für heute Nacht auspusten. Bitte.

Natürlich kommt keiner mit einem Hammer. Wäre ja auch zu gruselig. Aber der Mond kommt hervor. Ganz langsam schiebt er sich in den Rahmen des Bullauges und er scheint zu lächeln. So hat doch wenigstens einer gute Laune heute. Kein Wunder, hat er von dem Tag und all seinen Katastrophen doch nichts mitbekommen. Ihn kann ich also auch nicht fragen, was ich falsch gemacht habe. Er kann mir auch nicht sagen, auf welchem Punkt des berühmten Schlauches ich gerade stehe. Ich müsste nur dort runterhüpfen und käme vielleicht zu ein paar Antworten meiner vielen Fragen. Aber nein. Ich stehe auf dem Schlauch, starre in das freundliche Planetengesicht am Himmel und wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt in diesem Augenblick einfach an dich herankuscheln.

Kalter Mond

komm nur her,

mach dich breit,

mach dich dick.

Komm nur her

und zeig mir,

wer der Herr am Nachthimmel ist.

Nur eines

das kannst du

mir nie geben,

kalter Mond

-

Wärme

Kaum zu glauben aber wahr, Dune kommt zu mir. Und sie schleppt Kleine Düne im Maul, was sicher bedeuten soll, dass ich wieder als Kuschelwärmer herhalten soll. Sie braucht mich also doch. Direkt neben mir auf dem Kopfkissen legt sie ihn ab. Ihn? Bah, das ist aber kalt. Kleine Düne? Ich schrecke hoch und schaue mir genau an, was mir meine Hündin aufs Kissen gelegt hat. Das ist gar nicht der Welpe. Das ist eine Geldbörse. Eigenartig. Meine ist es nicht, die ist nicht so prall. Vielleicht hat Jacques sie verloren, als er im Namen von Max hier rumgewirbelt ist, um die Stube in Ordnung zu bringen. Ich bin sehr froh, mir endlich einmal Fragen zu stellen, die ich mir auch selbst beantworten kann. Ein kurzer Ruck am Druckknopfverschluss und das Portemonnaie öffnet sich. Die Börse lässt sich dreifach ausklappen, wie ein Leporello, Rechts-Außen klappt nach Mitte, und Links-Außen klappt über Rechts-Außen über Mitte. In dem großen mittleren Klarsichtfenster ist nichts zu sehen, außer einem alten Kassenbon, der schon so vergilbt ist, dass man keine konkreten Auskünfte über geleistete Einkäufe erhalten kann. Kein Bild, keine Bilder. Also kann es eigentlich nicht Jacques Geldbehältnis sein, denn der trägt doch sicher seine ganze Großfamilie, zumindest aber Frau und Enkel mit sich herum.

Meine Neugier ist geweckt. Solche Aktionen kann ich eigentlich nicht gut heißen. Schnüffeleien sind nicht mein Stil. Etwas, was du auch sehr an mir geschätzt hast. Es war aber auch nicht schwer bei dir. Ich habe dir vertraut. Du hast mir nie einen Anlass gegeben zu zweifeln oder dir etwas nicht zu glauben. Die Karten hast du immer auf den Tisch gelegt, und deinen Stoff auch. Die wirklich einzige Regel lautete, wenn du im Bad bist, hab ich dort nichts verloren. Und es gab nie einen Grund diese Auflage zu unterwandern, weil ich wusste, was du dort treibst, außer den normalen Tagesgeschäften. Die Aktion mit dem Handy im Pfahlbau hat mich mutig gemacht. In einem der Fächer werde ich etwas finden, was auf den Besitzer schließen lässt. Dann mach ich das Lederetui wieder zu und gut ist. Ein paar kleine Scheine, ein paar Euro, ein paar Dollar. Kein Ausweis, nur eine Adresse, in der Nähe des Hafens. Das abgerissene Deckblatt eines Streichholzheftchens mit dem Namen und der Telefonnummer einer Bar in New York bringt mich auch nicht weiter. Ein Bild eines kleinen Jungens, schätzungsweise neun oder zehn Jahre alt, blondbraune Haare und solche strahlenden blauen Augen, dass selbst das Bildalter sie nicht ermatten lassen konnten. Der Kleine hat süße Grübchen. Weiter ist nichts im Portemonnaie. Ich schätze, es ist Max Börse. Der Junge könnte sein Sohn sein, das würde sich mit seinen Erzählungen decken, soweit man die Anhäufung von Andeutungen Erzählung nennen kann. Am Besten wird sein, ich smse Jacques, dass Dune hier ein Portemonnaie gefunden hat. Er wird mir schon mitteilen, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Direkt auf meine Kurzmitteilung erhalte ich Antwort. Ganz schön fix für so alte Finger.

„es gehört max. er sagt er sei dran. da er nicht erzählen kann, mach es auf u. schau dir das bild an. mehr später. liebe grüße j+m“

Max kann also nicht sauer sein. Wäre er wütend auf mich, wäre der Inhalt seiner Börse für mich tabu. Gut, es wäre zu spät für Tabus, aber das kann er ja nicht wissen. Warum wollte er dann fort von hier? Hatte er Sorge, dass er gleichziehen muss? Kennt er mich nach all der Zeit und vor allen Dingen, nach all meinen Offenbarungen immer noch nicht gut genug um zu wissen, dass er das nicht braucht? Dass er wie ich auch, alle Zeit der Welt hat? Ich soll, nein, ich darf mir das Bild anschauen. Meint er das mit dem kleinen Jungen? Den habe ich schon bestaunt. Immer noch vorsichtig öffne ich die Geldbörse erneut und suche nach weiteren Bildern. Es gibt nicht mehr Innenleben, als ich bereits herausgefischt hatte, also kann er nur das Bild meinen. Dann ist das also sein Sohn. Es muss für ihn die Hölle sein, nur diese verblichene Papiererinnerung an sein Kind zu haben. Vielleicht hat er noch mehr zu Hause oder im Pfahlbau, aber sehr viel jüngeren Datums sind diese sicher nicht.

Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre dich zu kennen, dich zu lieben, um deine bedingungslose Freundschaft zu wissen und ich hätte dich nicht so sehen und erleben dürfen, wie ich es durfte. Habe ich mit meinen Ausführungen über dich und dein Leben den Schmerz von meinem Sandburgenbauer vielleicht vergrößert? Wurde ihm dadurch bewusst, was er im Leben verpasste, nachdem er die Familie verlassen hat, nachdem er sein Kind verlassen hat? Habe ich Erinnerungen geweckt, die er über Jahre tief in sich vergraben hatte?

Herrje, es ist mitten in der Nacht und ich kommuniziere noch via Handy mit zwei älteren Herrschaften. In mir steigt ein bisschen Neid auf. Die zwei Zausel sitzen jetzt bestimmt bei einer verbotenen Flasche Rotwein zusammen und tauschen sich über den heutigen Tag aus. Max wird sich seinem Freund anvertrauen und seinen Rat suchen. Und ich? Ich liege in meiner Koje, habe ein lebendiges Katzenfell am Bauch, einen Hundekopf mit fragenden Augen auf der Matratze und führe Selbstgespräche. Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten. Und du da oben, du bist mir heute auch keine große Hilfe. Ist die Wolkendecke so stark, dass deine gut gemeinten Ratschläge sie nicht durchdringen können?

Der Mann mit dem Hammer kommt heute sicher nicht mehr. Und das mit dem Sandsack mitten auf die Zwölf wird mich auch als unerfüllter Wunsch in den Schlaf begleiten. Schlafen, das ist eine gute Idee. Es ist jetzt auch wirklich an der Zeit. Wer weiß, was mich Morgen alles erwartet.

(c) Kurt Detlev Schulz

Hier

Gerade in den Momenten,

in denen ich mich einsam fühle,

alleine,

verlassen,

unverstanden,

gerade in diesen Momenten fällt mir auf,

wie einsam sich der Turm fühlen muss,

wie allein

und verlassen

in der kalten Nacht,

hier

am Strand.





Meine Gedanken eiern

24 10 2009

Meine Gedanken eiern in Ellipsen, so wie auch mein Kreislauf eher einem Eierlauf ähnelt. War wohl alles ein bisschen viel heute und so schleppe ich mich müde, aber nicht wirklich unglücklich die Treppe hinauf. Dune freut sich und auch Fee steht schon Spalier, um mich zu begrüßen. Die Näpfe von beiden sind so was von leer und noch bevor ich mich meiner Garderobe entledige, füttere ich erstmal die Raubtiere ab. Die Luft, das Meerrauschen, der Sand unter den Gummistiefeln, die Gespräche mit Max, die Überraschung – das alles hat soviel mit mir gemacht, dass ich mich von meiner Garderobe auch noch gar nicht trennen mag. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch für ein paar Minuten hinaus gehe, und wie Max, alleine meinen Gedanken nachhängen möchte. Ein Blick aus dem Bullauge zeigt mir, dass es schon dämmert. Waren wir wirklich so lange fort? Kaum zu glauben. Das Leuchtfeuer arbeitet bereits und am Strand sehe ich Max, wie er im Sand sitzt und auf das Meer hinaus starrt. Ich werde seinen Wunsch alleine zu sein respektieren, aber kann er sich nicht woanders hin setzen? Oder ist er auch schon angefixt von diesem wohligen Gefühl im Schatten des Leuchtturms zu sitzen? Ob er über unseren Deal nachdenkt? Oder ob er an seinen Sohn denkt, so wie ich an dieser Stelle immer hinaus starre aufs Meer und meine Gedanken bei dir ankern lasse? Mich verbindet mittlerweile soviel mit diesem Brummbären. Und in den letzten Tagen sind wir uns so unglaublich nahe gekommen, dass es mir fast den Verstand raubt. Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal zulassen oder erleben könnte. Und wieder frage ich mich, ob du deine Finger im Spiel hast. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem was passiert und all den Erinnerungen, deren Schnittmengen manchmal so deckungsgleich sind. Max scheint zu spüren, dass er beobachtet wird. Ungelenk steht er auf, winkt noch einmal in meine Richtung und trabt von dannen mit Kurs auf die Bucht.

Ein paar Minuten noch raus. „Dune altes Mädchen, möchtest du mitkommen? Nicht weit. Nur auf den Strand und vielleicht ans Wasser.“ Als hätte sie jedes Wort verstanden, humpelt sie voraus und macht sich an den Abstieg. Ich kraule Fee noch zum Abschied, schaue nach, ob mit Kleine Düne alles okay ist. Der Welpe liegt träumend und mit den Pfötchen strampelnd in dem großen Korb. Mit dem Zeigefinger streichele ich dem Fellklöppschen zwischen den kleinen Öhrchen, worauf hin er ein leises Quieken von sich gibt und selig weiter schläft. Dune bellt aus dem Erdgeschoss und drängelt. Na dann mal los. Noch ein paar Minuten Frische, Vertrauen und Geborgenheit tanken. Den Kopf durchpusten lassen. Einfach nur sein.

Je dunkeler es wird, desto kälter wird es auch. Und ich bin froh darüber, dass ich den Schal noch gegriffen hab, bevor ich raus bin. Dune bleibt ganz dicht bei mir und schnuffelt sich an den Gerüchen des Strandes satt. Das Schnuffeln eines Hundes ist wie Zeitung lesen. Wenn ich mein Haustier dabei beobachte, kann ich diese These glatt wieder unterschreiben. Wobei in unserer hiesigen Zeitung auch im Herbst und erst recht im Winter ein großes Sommerloch vorherrschen dürfte. Es kommt hier kein Hund vorbei, der verbotener Weise an Dunes Schilfhalmen markieren würde. Und es gibt auch sonst niemanden, der ihr das Revier wirklich streitig machen wollte. Wer hier rauskommt, der weiß, dass er zu mir will, oder er hat sich verlaufen, oder besser noch verschwommen. Ich muss laut auflachen bei dem Gedanken an Henry, das Sams, den das Meer hier ausspuckte. Dune scheint ob meines Lachens leicht irritiert. Obwohl sie diese Anwandlungen ja eigentlich von mir kennen müsste.

Als zwei Möwen bedrohlich tief über uns ihre Flugakrobatiken zum Besten geben, scheint es Dune etwas mulmig zu werden und sie presst sich dicht an mich. Kein Wunder, mit ihren Verletzungen würde ich auch nicht die böse Bestie geben wollen und die Erinnerung an die mutierte und genmanipulierte Monstermöwe, die ihr vor einiger Zeit die Schädeldecke punktierte, dürfte auch noch sehr wach sein. So spazieren wir, Hundekörper an Knie und Schenkel zum Wassersaum. Ich freue mich über das Vertrauen, das meine Hündin in mich hat und meine Gedanken werden zu Erinnerungen. Erinnerungen an damals, als sie sich mir anschloss und mich einfach als neue Dosenöffnerin für sich bestimmte. Sie hat mich nie gefragt, ob ich es wirklich wollte. Sie hat es einfach bestimmt – und mich damit zur glücklichsten Hundebesitzerin zwischen Süd- und Nordpol gemacht.

Du sagtest immer:

“Alles hat seine Zeit – alles braucht seine Zeit

jetzt ist es an der Zeit – es ist Zeit”

In Zeiten wie diesen denke ich daran

Alles hat seine Zeit –

Wut, Trauer, Verlangen, Vermissen und Liebe.

Alles braucht seine Zeit –

die Wut, die Trauer, das Verlangen,

das Vermissen und die Liebe.

Jetzt ist es an der Zeit –

zu wüten, zu trauern, zu verlangen,

zu vermissen und zu lieben.

Es ist Zeit.

Meine Zeit.

Meine Zeit mit dir.

Wütend, traurig, verlangend,

vermissend und liebend.

Ich bin dankbar für diese Zeit,

für jede Zeit,

für die Zeit mit dir.

Aber ist die Zeit auch wirklich schon reif dafür, um darüber zu reden, über dieses kostbare Gut „Meine Zeit mit dir?“ Also wenn ich sie jemandem haarklein erzählen möchte, dann Max. Klingt das jetzt doof? Ich meine, so gut kenne ich ihn nicht und so lange schon mal gar nicht, dass er sich diese Form des Vertrauens schon irgendwie „verdient“ hätte. Aber trotz der Kürze dieser Zeit, ist er mir unglaublich, unfassbar, nicht erklärbar nah. Vielleicht ist unsere Geschichte der Schlüssel zu diesem Gefühl der Verbundenheit, die mich mit ihm verbindet? Bekomme ich Antworten auf eine Vielzahl meiner Fragen, die sich mir in Zusammenhang mit Max immer mehr und mehr stelle?

Dune und ich nehmen am Wasser Platz. Es ist ganz schön kalt, und ich bin schon froh, dass ich mir den Wollpullover und die Jacke über den Hintern ziehen kann. Nur für Dune gibt es nichts zum Draufsetzen. Das Problem löst sie, in dem sie sich bei mir auf den Schoß setzt. Boah Hund, bist du schwer. Ich dachte mit Ende des Dickbauchdaseins wäre neben Masse auch ein bisschen Gewicht geschrumpft. Dune starrt stur aufs Meer hinaus und wedelt irgendwie auch mit dem Schwanz. Also so richtig wedeln kann sie nicht, denn sie sitzt mit ihrem Hintern drauf, aber ich sehe wie die Schwanzspitze den Sand aufpeitscht. Als sie anfängt leise vor sich hin zu junkern, erhellt sich mein Gesicht. „Sind Delphi und Finchen in der Nähe?“ Die Hündin erhebt sich, nicht ohne mir ihre Vorderpfoten so richtig ordentlich in die Oberschenkel zu rammen, was höllisch weh tut, läuft entlang des Wassers aufgeregt auf und ab. Derweil ist es dermaßen dunkel, dass ich draußen auf dem Meer nichts erkennen kann und das Aufflackern des Leuchtfeuers ist auch keine große Hilfe. Plötzlich höre ich Delphi wie sie ihre knarzenden Gesänge in Richtung Strand singt. Und ehe ich mich über diese Nähe recht freuen kann, prescht sie auch schon an den Wassersaum. Die Welle, die sie vor sich herschiebt ist riesig und ich bekomme ordentlich nasse Beine – aber wen stört das schon, wenn er dafür mit einer Delfinin schmusen kann? Dune ist komplett außer Rand und Band und begrüßt ihre Freundin mit liebevollen Schleckereien und hektischem Rumgehoppse. Als ich so nah an Delphi heran gekommen bin, dass ich sie sehen kann, sehe ich, dass sie nicht alleine gekommen ist, was dann auch die Wucht der Welle erklärt. Gemeinsam mit dem ollen Grauen und Finchen hat sie sich zu uns gesurft und ich weine vor Glück und Aufregung. Delphi reckt ihre Schnauze so hoch wie sie nur kann und nickt immer mal wieder auf und ab. Meine ganz persönliche Einladung zum Streicheln, der ich so gerne nachkomme. Ich hocke mich ins Wasser das eisig kalt ist und kraule der schönen Delfinfrau das Kinn. Ich lerne, dass Kinder von ihren Müttern lernen, denn auch Finchen wackelt aufgeregt mit dem Kopf auf und ab und möchte gestreichelt werden. Jetzt bitte nicht auch noch der Vater der Kompanie, denn ich habe nur zwei Hände. Doch der Olle Graue nimmt Reißaus vor Dunes Annäherungsversuchen und robbt sich zurück ins Meer. Dort können wir ihn nicht mehr wirklich sehen, aber hören. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hören wir ihn im Wasser eintauchen und ich kann mir nur vorstellen, welch eleganten Sprünge er dort draußen zum Besten gibt.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange die beiden Delfine sich haben verwöhnen lassen oder anders gesagt, wie lange ich schon hier im Wasser hocke und die Beiden streicheln darf. Als beide keine Lust mehr haben, oder ist es, weil der Olle Graue im Hintergrund ruft, brechen die beiden Delfine ihren Aufenthalt ab und begeben sich zurück ins Wasser. Ich lache, ich weine, ich zittere am ganzen Körper und hocke auf den Knien und starre ihnen hinter her. Dune kommt zu mir und leckt mir durch das ganze Gesicht als wolle sie mich trösten und meine Tränen weg wischen. Tausche Salztränen gegen Spucke. Hund ich liebe dich!

Mit dem Abgang der Delfine ist auch unser Abgang eingeläutet. Es ist einfach viel zu kalt, um in nassen Klamotten weiter umher zu spazieren. Also folgen Dune und ich dem Licht unseres Leuchtturms, lassen uns nach Hause lenken und kehren um.

Lautbrausende Wogen ~ Tosende Wellen

Beißender Wind ~ Eiskalte Nacht

Diese Stimmung in mir

Brausender als die Wogen

Tosender als die Wellen

Beißender als der Wind

Kälter als die eisige Nacht

Manchmal möchte ich springen

In die Wogenbrause

Das Wellengetöse

Die Windbisse

Das Nachteis

Einfach nur springen

in deine Arme

Dir endlich wieder nah sein dürfen.

Ich bekomme mich einfach nicht sortiert. Jetzt sitze ich schon seit Stunden, eingekuschelt in die Decke und mit allem Viehzeug um mich herum auf der Couch, trinke Grog und bin einer Entscheidung immer noch nicht näher. Aber was will ich überhaupt entscheiden? Wir haben doch schon entschieden, einen Deal gemacht und gegenseitige Geständnisse ausgehandelt. Es quält mich einzig noch die Frage, wie viel ich wirklich erzählen möchte. Was Max wissen darf.

„Kleines, du darfst nie vergessen, dass du mir alles erzählen darfst, aber nie etwas erzählen musst.“ Deine Worte hallen in meinem Kopf und ich wünsche mir mehr denn je du wärst hier, damit ich das alles mit dir besprechen könnte. Aber du bist nicht hier, wenn du mir auch sehr nah bist und diese Entscheidung muss ich alleine treffen.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Du hast gut reden! Ich starre aus dem Bullauge und beobachte, wie sich die Nacht gewohnt regelmäßig erhellt.

Zwiegespräch mit meinem Leuchtturm

Wenn der Horizont schwarz das Meer berührt,

wenn der Himmel sich nicht mehr von der See trennen lässt,

wenn nur das Licht des Mondes, der Sterne und von dir eine Orientierung möglich machen.

Wenn es still wird am Strand,

wenn sich die sonst so lauten Möwen zurückziehen,

wenn die Wogen zu leisen Wellen werden,

wenn man nichts mehr hört. außer vielleicht einem Boot in weiter Ferne

Dann ist es Nacht,

Zeit für Zweisamkeit

und Zwiegespräch.

Ohne Worte,

nur durch Zeichen,

mit meinen Mitteln,

und deinen Möglichkeiten

lotsen wir uns beide

durch die Dunkelheit.

So langsam zeigen Tote Tanten, Aufregungen und Grogs ihre Wirkung. Ich werde bei aller Gedankenachterbahn furchtbar müde und entscheide mich, die Entscheidung, die ja eigentlich gar keine mehr ist, auf den sich langsam nähernden Morgen zu vertagen, so ich ihn nicht verschlafe. Vorsichtig schäle ich meinen Astralkörper aus den Umklammerungen von Decke und Pfoten und lass mich in meine Koje fallen. Gute Nacht alle zusammen. Schlaft schön weiter, träumt was Schönes, ich hab euch lieb. Noch bevor ich die guten Wünsche gänzlich an Hund, Katze, Turm überbracht habe, bin ich auch schon im Traumland.

Immer wieder wache ich auf und schlafe gleich wieder ein. Der Rest der Nacht ist so klein und die Unruhe groß. Irgendwann merke ich wie Dune zu mir kommt, sich neben mich vor die Koje setzt und ihren Kopf auf der Matratze ablegt. Müde tätschele ich ihr zwischen den Ohren, drehe mich um und versuche gleich weiter zu schlafen. Und dann überfällt er mich wohl doch, der kleine Mann mit dem dicken Sandsack. Er streut mir alles in die Augen, was ich für einen tiefen Schlaf brauche und ich lasse mich fallen in die schwarze Umarmung der Nacht.





Mir fällt ein Zwiegespräch ein

22 08 2009

Mir fällt ein Zwiegespräch ein, das ich mal zu Papier brachte:

“Hallo, du. du kleiner Schimmer dort – wer bist du?”

“Hallo Mond. Ich bin ich – ein Licht”

“Ein recht kleines Licht.”

“Verglichen mit dir sicher. Klein aber stark.”

“Stark? Schau mich an. Ich bin stark. Stark gebaut. Nach mir sehnt sich die Menschheit. Mich zu entdecken ist ihr Traum. Mit mir spricht man. Um mich ranken sich Geschichten. Ich rege die Phantasie an. An mir orientieren sich Reisende!”

“Sicher. Ich sehe nicht aus wie du. Bei nacht wirke ich nicht so imposant und emporstrebend wie tags. Aber auch ich bin stark. 400 Watt misst die Leistung meines Lichts. Mich zu erklimmen, danach strebt der Mensch. Mich zu entdecken ist ein erfüllbarer Traum für viele tausend Menschen jeden Tag. Von mir werden Helden- und Liebesgeschichten erzählt. Ich rege die Phantasie an. Auf mich verlassen sich Reisende. Sie setzen ihre Hoffnungen in mich und meine Kraft – in mein Leuchten – meine Hilfe – meine Stärke. Sie setzen auf mich.”

“Du bist aber klein!”

“Im Schein. Nicht im Sein.”

Nun schließt sich das letzte blaue Loch im Himmel auch noch und eine dicke graue Wolke schiebt sich hinein, als wolle sie das Firmament sonnendicht verschließen. Aus einzelnen Tropfen entstehen ganze Sturzbäche, die sich von oben ergießen und ich sitze jetzt nicht nur mehr in Schafhaufen, sondern werde auch noch von einem Haufen Schafe dicht bedrängt und zu gekuschelt. Das passt alles so prima zu meiner Fassungslosigkeit.

Mit drei oder vier eleganten Sprüngen kommt lautbellend Dune auf mich herabgeplumpst. Sie hat die Herde einfach “überrannt” und sitzt mir nun zur Hälfte auf dem Schoß, während das Hinterteil noch versucht sich aus der Schafwolle zu befreien. Ich komme mir vor, wie in einem ganz schlechten Film. Das alles passt nicht mehr zusammen, nicht mehr zu mir und ich frage mich erneut, was wohl jetzt als Nächstes kommen mag. Langsam wird es echt eklig und ich entscheide mich nun doch, wieder am Leben teilzunehmen. Außerdem ist es sicher ratsam, wenn wir bald den Rückweg antreten. Wenn das so weiterschüttet, kommen wir mit dem R4 sicher noch gut in Schlaglöcher hinein, aber nicht mehr so schnell wieder hinaus. Es ist gar nicht so einfach, sich aus einer regentriefenden Herde Schafe zu befreien, wenn diese Schafe nichts schöner finden, als Wollkleid an Wollkleid dicht beisammen zu stehen und den Niederschlag über sich ergehen zu lassen. Ich komme mir vor, als hinge ich inmitten eines rekordverdächtig großen nassen Schwamms und würde einfach das richtige Loch mit der Verbindung nach Außen nicht finden. Dune hat’s da schon leichter – die hüpft, so wie sie gekommen war, einfach über die Meute weg und kläfft mir von der anderen Seite Mut zu. Ich werde sicher kein Sheepdiving betreiben, ich nicht.

Ich bin draußen! Ich hab’s geschafft. Wie genau, kann ich gar nicht sagen. Es war mit viel Schubbsen und Drängeln verbunden. Schaue ich in die tränenüberströmten, lachenden Gesichter von Max und Jacques, überkommt mich genau jetzt eine große Lust, einfach wieder in der Masse zu verschwinden. Da ist es nass, es stinkt und klebt ganz eigenartig, aber dort werde ich wenigstens nicht ausgelacht. In diesem Moment beginnen fünf Mutterschafe gleichzeitig an zu blöken und ich treffe für mich an diesem Tag die Entscheidung, dass die ganze Welt schlecht und gegen mich ist.

Max hat sehr großes Interesse daran heute noch nach Hause zu fahren. Allerdings bedeutet das, dass er nur cirka drei Kilometer fahren muss, im Zweifel sogar zu Fuß gehen könnte. Mir wird ganz schnell klar, dass ich vielleicht mal ein freundlicheres Gesicht auflegen sollte, denn sonst kann ich das zehnfache an Kilometern gehen, oder teils schwimmen teils gehen – auf alle Fälle nicht im unbequemen Maxmobil fahren. Ganz lieb und mit einer fast säuselnden Stimme, die mir so gar nicht steht, frage ich, ob es möglich wäre, dass er seine drei Lieblingsdamen vom Turm denn noch zurückbringt. Er brummelt und überlegt, brummelt erneut, und nimmt sich einen Kurzen, danach brummelt er noch mal was und fragt mich dann, ob ich ihm wirklich solch eine Niedertracht zutraue. Mit ganz großen Augen und aller Überzeugung, die ich nach diesem Tag noch zusammenkratzen kann, antworte ich mit einem klaren: “Ich??? Niemals!” Eine dreiviertel Stunde später sind wir wieder auf der Piste und ich bin heilfroh, dass nicht alle 19 Mäuler von Jacques Familie zum Abschied da waren.

Die Fahrt verläuft im gegenseitigen Einverschweigen. Ich kann mich an der kleinen gesunden Fee nicht satt kraulen, Dune scheint im Schlaf über eine Schafstraße zu laufen und unser aller Fahrer konzentriert sich mit sehr ernster Mine auf den Verkehr und die immer wieder in den Weg springenden Schlag- und Schlammlöcher. Wir hätten keine Stunde später losfahren dürfen, die Strecke ist wirklich die Hölle. Wie gerne würde ich es Dune nachtun und auch ein wenig Augenpflege betreiben. Doch die regelmäßigen Konfrontationen zwischen der Autodecke und meinem Haupt, lassen mich davon Abstand nehmen. Außerdem muss ich Fee gut festhalten, damit sie bei allen Traumata nicht noch das des zwanghaften Trampolinspringens dazu bekommt. Bei diesem Geruckel und Gehoppse kann man noch nicht mal in Ruhe nachdenken. Allerdings bin ich mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das möchte. Ich habe an Stelle des Gehirns sauren Krautsalat, da bin ich fest von überzeugt. Wieder einer der Momente, in denen ich dich so vermisse, dass es weh tut. Du liebtest diesen Krautsalat. Du wusstest ihn richtig anzurichten, dir schmackhaft zuzubereiten und ihn ganz seicht und vorsichtig zu verzehren. Dieses Gefühl in meinem Kopf hielt nie lange an, wenn du dich ihm erst einmal angenommen hattest.

Vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten später – endlich kann ich das Leuchtfeuer sehen und es beschleicht mich eine wohliges Glücksgefühl. Mein Turm ist noch da, er arbeitet fleißig und in wenigen Minuten kann ich mich in meine Koje schmeißen, die Augen schließen und hoffen, dass ich diesen komischen Tag im Schlaf verdauen kann.

Kurz bevor wir am Turm ankommen fragt Max, ob er vielleicht bleiben dürfe. Er würde sich auch ganz klein machen, was mir ja schon wieder ein breites Grinsen entlockt. Aber fast die gleiche Strecke jetzt wieder zurück, das wolle er nicht. Ich möchte das auch nicht. Ich würde umkommen vor Sorge, entgegne ich ihm, und lade ihn selbstverständlich auf die Schlafcouch ein.

Max macht sich wirklich klein. Jeder von uns genießt eine heiße Dusche und gemeinsam schlürfen wir im Anschluss eine heiße Schokolade. Schweigend. Heute weiß ich nicht, ob mir das Schweigen gefällt oder nicht. Ich mag aber auch kein Gespräch suchen, weil der Krautsalat so sauer ist und ich einfach nur unfassbar müde bin. Fee bekommt noch ihren Schlabber, Dune eine kleine Dose Futter mit satten vier Prozent Fleischanteil, und weil sie so artig war, bei Jacques und nicht während meiner Abwesenheit, lege ich ihr den großen Rinderknochen hin, den uns der Onkel Nicht-Wirklich-Doktor mitgegeben hat. So ein Bauer in der Familie, der gleichzeitig über tierärztliche Kenntnisse verfügt, ist wirklich ein Segen. Nach der Raubtierfütterung wende ich mich nun doch an Max, muss aber feststellen, dass er es sich auf der Couch so gemütlich gemacht hat, dass er bereits im Schlummerland weilt.

Der letzte Blick aus dem Fenster für heute. Der letzte Blick in tiefes Schwarz. Ein letzter Blick, in die gerade erst muntergewordene Nacht. Auch ich lege mich schlafen. Fee liegt wie ein winziger Fellball auf meinem Kopfkissen und das aller erste Mal höre ich sie schnurren. Ein ganz leises und zartest „GrrrrrrschrrrrrGrrrrSchrrrrr“ drängt sich aus dem Kissen an mein Ohr. Tränen der Rührung verlassen meine Tränenkanäle. Ist das süß. Und sie hat alle Chancen dieser Welt, eine wunderschöne Katzendame zu werden. Dafür werden wir sorgen! Dune ist so mit dem Knochen beschäftigt, dass sie erst gar nichts von meinen Zubett-Geh-Aktivitäten mitbekommt. Meine Hündin ist sogar so weise, dass sie das riesige Teil ins Erdgeschoss geschleppt hat, um ihn dort ganz alleine, ohne Zuschauer zu zermalmen. Das Knacken des Knochens dringt, geleitet durch die röhrenartige Form der Wendeltreppe zu uns hinauf, aber schon bald habe ich dieses Knacken mit in meine Träume eingebaut.

Ich vertraue jetzt einfach in mich und meine Stärke. Ich höre auf mein Herz und gehe nach meinem Bauchgefühl. Beide sagen: Alles wird gut! Na also!

Für mich beginnt jetzt die grausamste aller Zeiten: Weihnachten. Ich kann diesem Fest der vorgegaukelten Liebe so gar nichts abgewinnen und freue mich umso mehr, dass ich es hier in meinem Turm verbringen darf. Fern ab von jedem Geschenketerror, werde ich es mir einfach gut gehen lassen. Sollen sich die anderen doch in überfüllte Läden stürzen, Geschenke kaufen, die dann sowieso wieder umgetauscht werden, und an Heilig Abend sind alle ganz grün im Gesicht, weil die Vorweihnachtszeit so anstrengend war und die Dominosteine schon seit September so gut schmeckten.

Ich hatte Geschenke genug in den letzten Wochen. Da war das mit dem Traum hier zu wohnen, der sich erfüllt hat. Und da kann kein Geschenk der Welt gegen anstinken.

Seit unserem Tag bei Jacques und der kurzen Nacht danach, habe ich von Max nur noch zwei oder drei kurze SMS bekommen. Er scheint sich zurück zu ziehen und ich sorge mich um meinen alten Sandmann. Ich weiß gar nicht, wie der Kontakt zu seiner Familie ist, und ob er vielleicht mit ihr Weihnachten verbringt? Mir soll’s gleich sein. Ist er hier, ist er auch herzlich Willkommen, solange er nicht auf Gänsebraten oder irgend so einen ekligen Kram besteht. Bestenfalls kann ich ihm BoKaSa anbieten, mehr Stress tu ich mir nicht an. Ist er nicht hier, freue ich mich auf kalte und stürmische Tage im Turm, mit ganz viel von dir und mit Hundis, Katz und Leuchtfeuer.

Dune ist ordentlich rund um den Bauch geworden und sie frisst seit ein paar Tagen wie ein Scheunendrescher. Wenn ich richtig gerechnet habe und Jacques ein bisschen was von seinem Job versteht, müsste es eigentlich beinahe täglich soweit sein. Zudem wird sie immer unruhiger und sucht die paar Quadratmeter des Turms wahrscheinlich nach einer passenden Geburtsstätte ab. Dabei habe ich ihr eigens einen riesigen Korb gekauft, der genau unter das Fenster passt. Es wird mächtig eng hier, wenn der Wurf erstmal da ist – nein, erst später, wenn der Wurf das Laufen lernt. Aber soweit sind wir noch nicht! Wo ich gerade beim Thema bin, begehrt sie auch schon wieder nach Ausgang.

Fee hat sich prächtig entwickelt. Sie hat gut zugenommen, an Stärke gewonnen und traut sich sogar mittlerweile hin und wieder der werdenden Mutter Kontra zu geben. Dank mangelnder Sozialisierung und dadurch fehlendem Selbstbewusstsein, hat mich Fee zur zweiten Ersatzmama ausgerufen. Das hat zur Folge, dass ich keinen Schritt mehr ohne das Fellmonster machen kann. Und wenn ich nicht daran denke, sie früh genug auf meine Schulter zu setzen, dann springt sie mir an die Waden, hakt sich mit den verbliebenen drei Pfoten nicht nur in den Hosenstoff, sondern auch in meinen Stoff aus dem die Wade ist und lässt sich mitziehen. Sie muss und will überall dabei sein, und ich kann es dem armen Tierchen noch nicht einmal übel nehmen.

Dune absolviert einen kleinen Dauerlauf am Strand entlang und das Letzte was ich von ihr sehen kann ist ihre Rute, wie sie hinter einer Düne verschwindet. Mit Fee auf der Schulter und einem behaglichen Schnurren im Ohr, überlege ich mir, wie ich den lieben Daheimgebliebenen schonend beibringe, dass ich Weihnachten nicht in Beuel, bei Beuel oder um Beuel herum sein werde. Die Ausrede Geld ist ganz schlecht – schneller als ich gucken kann, habe ich die Flugkosten als Haben auf meinem Konto verbucht und von einem netten Menschen als Weihnachtsgeschenk deklariert. Zuviel Arbeit kauft mir auch keiner ab. Bleibt nur …, genau, die Tiere. Dune ist immerhin trächtig und die Welpen werden zum Fest gerade mal ein paar wenige Wochen alt sein. Ich kann Max nicht zumuten den Dogsitter zu geben und Fee kann ich eh nicht alleine lassen, so fixiert wie sie auf mich ist. Sie mitnehmen geht aber auch nicht – ich bringe es nicht übers Herz sie wieder in eine Kiste zu stecken, damit sie im riesigen Bauch des Fliegers verschwindet.

Ich kann niemandem begreiflich machen, dass ich das Fest mit dir hier verbringen möchte. Bestens kann ich mir ausmalen, was ich mir dann anhören darf und darauf hab ich salopp gesagt: Null Bock.

Also halten die Tiere als richtig echte Entschuldigung her.

Entschuldigen mag ich mich aber erst Morgen. Heute ist mir nach Gammeln, Dösen, Schlummern, Schmusen. Was heißt hier eigentlich heute? Mach ich die letzten Tage etwas anderes? Es ist aber auch zu einladend hier oben. Draußen kann es stürmen und schneien, hier ist es kuschelig warm, ich habe zwei nette Mitbewohnerinnen, die hin und wieder leicht anstrengend sind, aber nur ganz leicht. Der Kerzenschein hüllt die Turmwohnung in ein faszinierendes Licht und ich kann mich einfach nur wohlfühlen. Das Einzige, was mich immer wieder traurig werden lässt, ist der Gedanke, dass ich das nicht mit dir erleben kann. Ich weiß noch ganz genau, wie du mir von dieser Jahreszeit vorgeschwärmt hast, die nirgendwo besser zu ertragen ist als hier. Du hast es mir ausgemalt in den wundervollsten Farben, das Leben im Turm, und ich bin fast ein bisschen stolz, dass ich es genauso umgesetzt habe. Auf diese Weise bist du mir nah, näher – bestmöglich nah. Noch näher, und du würdest von den Toten auferstehen.

„Du Kleines, darf ich dich was fragen?“

„Du bist der einzige Mensch, der alles fragen darf und auch auf alles Antworten bekommt, so ich sie kenne.“

„Stehst du auf diesen Weihnachtsmist?“

„Nein – schon lange nicht mehr. Warum fragst du?“

„Würdest du mit mir fortgehen?“

„Wohin?“

„Überallhin.“

„Wie, überallhin?“

„Sag mir, wohin würdest du wollen?“

„Hmm, an einen Strand, mit einem Leuchtturm. Toll wäre, wenn es ein Strand in einem warmen Land wäre – ist aber nicht zwingend. Aber der Leuchtturm – der ist absolutes Muss. Und an seinem Fuß, möchte ich dann einfach nur sitzen, Schoggi trinken, deinem Saxophonspiel zuhören und glücklich sein.“

„Das würde dich glücklich machen?“

„Alles, was mit unserem Traum vom Turm und dir zu tun hat macht mich glücklich.“

„Was ist Glück für dich?“

„Das ist schwer zu beschreiben. Wie gesagt, unser Traum ist Glück – du bist mein größtes Glück, aber ein kleines Gänseblümchen, dass sich wacker auf dem Rasen gegen den Rasenmäher stemmt ist auch Glück für mich.“

„Und sonst?“

„Nichts und sonst. Es gibt viele Sachen, mit denen man mich glücklich machen kann – aber eben nicht so Sachen wie viel Geld, ein Haus, ein dickes Auto oder so.“

„Gut, dann verbringen wir Weihnachten im Glück.“

„Verstehe ich dich jetzt?“

„Wir stellen uns vor, unser Traum sei schon wahr geworden. Wir nisten uns hier ein, schließen die Tür ab, legen die Sealife-CD ein, ich spiele Sax zum Meeresrauschen und wir trinken Unmengen an heißer Schokolade. Wir tun einfach so, als wären wir nicht da. Hast du Lust?“

„Aber sicher hab ich Lust. Ich bin dabei. Aber…, aber was wenn?“

„Was wenn was?“

„Na, wenn der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten hier bei uns am Leuchtturm vorbeikommt, um uns herum kreist und hinein will, weil wir doch gar keinen Kamin haben?“

„Dann knippsen wir ihm einfach das Leuchtfeuer aus. Was meinst du, was der doof guckt!“

Ich muss furchtbar anfangen zu lachen und bebe dabei so heftig, dass Fee sich erschreckt, von meiner Schulter rutscht und sich beherzt versucht in meinem Rückenfleisch zu halten. Langsam komme ich mir vor wie ein lebendiger Kratzbaum, und ich sehe auch so aus.

Gemeinsam mit der Mieze kuschele ich mich auf die Couch und starre Löcher in die Wolkendecke draußen. So einmal die Woche ein klitzekleines Stück Blau am Himmel wäre ja schon toll. Ich krame in meinem Portemonnaie und fingere nach deinem Bild. Es ist schon ganz vergilbt und abgegriffen. Mich beschleicht ein wenig die Angst, dass du irgendwann nicht mehr zu erkennen sein wirst und ich dann nur noch mit meiner Erinnerung vorlieb nehmen kann.

Meine Erinnerungen an dich sind bunt, farbig und fröhlich, keine Frage. Aber hin und wieder brauche ich einfach den Blick in dein Gesicht, den schmalen Bart, den ich fast fühlen kann, wenn ich nur lange genug hinschaue, und der mich immer so gepiekt hat, wenn du mich geküsst hast. Deine Augen werde ich nie vergessen, trotzdem ist es was anderes, in diesen bergseeblauen Augen auf dem Bild zu versinken. Als würde sie mich verstehen, legt Fee ihren Stumpf auf das Bild und maunzt mich an. „Gell – der würde dir auch gefallen? Wäre sicher ein super Dosenöffner und ein genialer Ersatzpapa.“

Der Beste!








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