Pfleger Max gönnt mir

3 11 2009

Pfleger Max gönnt mir noch eine heiße Schokolade vor dem Schlafen gehen. Milch mit Honig sei auch hilfreich zum Einschlafen, dann könnte Kakao nicht schlecht sein. Er kredenzt mir den besten Kakao, den ich seit meinem Einzug ins Krankenhaus getrunken habe, sogar an die Sprühsahne hat er gedacht. Er schüttelt mein Bett ein letztes Mal auf. Deckt mich bis zur Nasenspitze zu und packt mich gut ein, weil er noch einmal kurz lüften möchte. Eiskalte Luft sucht sich ihren Weg durch den Turm. Eiskalte Luft, die begleitet wird vom (be)rauschenden Klang des Meeres. Nach ein paar Minuten sperrt Max den Wind wieder aus und wir hören nur noch das sanfte Brummen der Technik über uns und kaum wahrnehmbar die See. Eine ganze Weile sitzt er bei mir auf der Kojenkante, schweigend, und es ist kein unangenehmes Schweigen. Er nimmt meine Hand und sagt, dass ich mich Morgen nicht erschrecken sollte, falls ich aufwache und er ist nicht da. Zwar sei er der Überzeugung, dass das durchaus noch ein paar Tage Zeit hätte, aber er hätte das Gefühl, dass ich meine Fellnasen sehr vermisse. Drum würde er sich auf den Weg zu Jacques machen und sie holen. So richtig gesund könnte ich doch nur im Kreis meiner Allerliebsten werden. Bei diesem Stichwort drückt er mir gleich noch, dass Verena ja wohl eine ganz Liebe sei. In den Tagen, wo ich dem Tropf gefrönt habe, hätte sie ein paar Mal gesmst. Und da er ja um unsere besondere Form der Fernbeziehung weiß, wollte er sie nicht in Sorge lassen und hat sie kurz angerufen. Dieser Mann denkt wirklich an alles. Und ich bin mal gespannt, was ich demnächst zu hören bekomme. Ich weiß doch wie scheu Verena allem Neuen und allen Veränderungen gegenüber ist. Wie mag sie sich wohl gefühlt haben, als ein wildfremder Mann mit wunderschönem Bariton in der Stimme bei ihr angerufen hat?

Bevor er weitere Beichten loswerden oder wir weitere Planungen besprechen können, schlafe ich unter dem zärtlichen Streicheln meiner Hand ein. Ganz weit weg spüre ich noch einen Kuss auf die Stirn und höre Max guten Wünsche für meine Nacht und wie er Poor Man’s Moody Blues summt. Oder sind es die Nights In White Satin, die mich sanft einhüllen und mich auf meinem Weg ins Traumland begleiten?

Die Stube blitzblank aufgeräumt, eine Tasse Tee, die schon kalt ist und darunter ein Brief. Max scheint wirklich schon weg zu sein, und ich habe es, wie so vieles in den letzten Wochen einfach verpennt. Der Fokus auf die Mikrowelle sagt mir, dass es Mittag ist und Max Brief diktiert mir, dass ich bitte, bitte im Bett bleiben soll. Er ist schon sehr früh aufgebrochen, damit er bald wieder zurück ist, mit den Pfotentieren, die ich wirklich furchtbar vermisse.

Diktat hin, Diktat her. Ich möchte aufstehen. Ich will es versuchen, und da ich nur noch aus dem drittletzten Loch pfeife, wird es wohl schon gehen, wenn ich ganz vorsichtig bin. Also setze ich mich erst einmal auf die Kojenkante und baumele mit den Beinen. Welch eine Wohltat, auch wenn es in meinem Kopf leicht schwindelt. Der Schwindel geht und ich stelle mich auf die Baumelbeine. Ohje, da wo vor einigen Wochen noch Knochen und Muskeln den Gehapparat bildeten, scheint reinster Pudding die Herrschaft übernommen zu haben. Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke. Für eine Insektenjagd bin ich wahrlich noch zu schwach und ich würde sie auch lieber an Fee abtreten. Aber ein Schritt vor den anderen gesetzt ergibt Fortbewegung. So bewege ich mich fort von der Koje, hin zum Bullauge. Endlich etwas anderes sehen als Himmel, Wolken und Regenfäden.

Wie habe ich diesen Aus- und Weitblick vermisst. Der Strand, der Horizont, das Meer. Und auch wenn es grau in grau erscheint, für mich ist es bunt, bunteste und farbenfrohste Lebensfreude. Ich bin unendlich glücklich, dass ich das alles noch erleben darf und einmal mehr unbeschreiblich dankbar, dass ich diese Chance, trotz meiner eigenen Dummheit, erhalten habe. Es zieht mich nach draußen. Wie gern möchte ich jetzt durch den Sand ans Wasser stapfen. Aber das ist wirklich noch zu früh, und ich sollte dieses Vorhaben lieber auf später verschieben, wenn Max wieder da ist. Wenn er überhaupt mit mir los gehen mag, wo ich doch seine nichtärztliche Anordnung mit dem Spaziergang durch die Stube so böse unterwandert habe.

Mein Herz läuft über und im Bauch kribbelt es lustig vor sich hin vor lauter Glück. Perspektiven verschieben sich, Dinge werden unwichtig, dafür rücken andere Kriterien in den Mittelpunkt. Ob ich mich wohl sehr verändert habe, seit ich hier bin? Wer will das beurteilen? Ich kann es nicht. Es ist nicht, wie es scheint. Es ist, wie ich bin. Wieder trifft dieses Motto mitten ins Schwarze. Es ist nicht wie es scheint, grau, diesig, regnerisch. Es ist wie ich bin, glücklich. Und dieses Glück habe ich dir zu verdanken, dir, unserem gemeinsamen Traum und ein bisschen auch meinem Mut, diesen Traum alleine zu leben. So lebe ich ihn alleine, bin aber nicht einsam. Denn da sind Dune, kleine Düne und Fee. Und da ist Max. Allem voran bist du aber hier, weil du überall bist, wo ich bin, weil du in meinem Herzen bist. Auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere, deinen Tod zwar akzeptiert habe, ihn aber nie verstehen werde, möchte ich genau dieses Schicksal auch tausendfach umarmen, alleine für die Tatsache, dass es dich in meinem Leben gab, gibt und immer geben wird. Ein neuer leuchtstürmischer Glückstag.

Und Max? Max geht es mit seinem Schicksal sicher ähnlich. Nur hatte er soviel weniger Zeit und Möglichkeiten. Bevor er vom Vater zum Freund wachsen konnte, bevor er seinen Sohn überhaupt richtig kennen lernen durfte, wurde er aus seinem Leben gerissen. Während es für uns keine menschlichen Hindernisse gab, wurde Max Exfrau für die Vater-Sohn-Beziehung zu einem unüberwindbaren Graben. Es macht wenig Sinn, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche, so lange ich nicht mehr weiß.

Und wieder hängen meine Gedanken bei der Einzigartigkeit und den Unterschieden. Da sind sie wieder, die Parallelen, von denen ich immer noch denke, dass sie sich früher oder später doch treffen werden, und damit doch einfach nur Geraden sind. Ein jeder von euch beiden ist mir unglaublich wichtig, auf seine Art, auf seine ganz spezielle und besondere Art, spielt ihr eine Rolle für mich und in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so denken könnte. Aber gerade die letzten Wochen, haben mir viel gezeigt, von mir, von dir, von ihm.

„Kleines komm mal her, schnell!“

„Was ist? Hast du das Skelett eines Urzeitwals entdeckt?“

„Nein, komm doch mal bitte!“

„WoW ist das schön!“

„Genial, oder?“

„Mehr als genial. Wieso habe ich keinen Fotoapparat?“

„Weil du so einen technischen Schnickschnack nicht magst Sysse? Wieso hast du noch immer keinen Walkmann, dann könntest du mein Saxophon überall mit hin nehmen?“

„Weil ich dich lieber in echt höre, auf dem Küchentisch?“

„Was schätzt du? Wie viele sind das? Hunderte? Tausende?“

„Hmm, schwer zu sagen, guck mal, da sind ganz, ganz winzige dabei.“

„Und zu jeder gibt es irgendwo in dieser Masse ein passendes Gegenstück, einen passenden Deckel.“

„Aber auch dieses Gegenstück ist nie wirklich gleich. Ich werde nachher mal probieren, ob ich das Muschelmeer zeichnen kann.“

„Auja, mach das Kleines. Und das hängen wir uns dann oben in den Leuchtturm. Dann werden wir immer daran erinnert, dass jeder von uns einzigartig ist und anders. Doch irgendwo in der großen weiten Welt, gibt es immer ein passendes Gegenstück. So wie du mein passendes Gegenstück bist.“

Ein Blick ins Muschelmeer:

schönförmig, glattkantig, einmalig,

vielseitig, bruchstückig, wellenrandig,

rundwölbend, edelschimmernd, einbettend,

einschneidend, mehrschichtig, glanzleuchtend,

einzigartig

anders.

Wenn es nicht so furchtbar traurig wäre, könnte ich jetzt glatt schmunzeln darüber. Mir wird gerade bewusst, dass sich Max und ich beide mit einer Lungenentzündung flach gelegt haben. Okay, ich habe noch ein paar Schippen draufgelegt, aber er ist ja auch viel älter. Und beide haben wir es geschafft, weil wir uns beide haben. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird mir glaube ich schwindelig. Ich versuche es ausnahmsweise mal so hin zu nehmen. So, als Glück.

Mein Glücksgefühl wird unterstrichen von einem herzhaften Happs in meine Hand. „AUAAAAA! Hey Dune mein Mädchen. Scheiße bin ich froh dich zu sehen.“

„Erstens was machst du da am offenen Fenster und zweitens, was sind das denn für Töne? Kann man dich nicht mal einen halben Tag alleine lassen?“

So schnell es der puddinggleiche Knochen- und Muskelersatz zulässt, schlurfe ich auf Max zu und falle ihm um den Hals. Ganz fest umarmt er mich, hält mich und er küsst mich auf Wangen, Nase, Stirn, alles was er erwischen kann. „Mensch Kindchen, bin ich froh dich senkrecht zu sehen. Mir war ganz schön mulmig, dich hier so alleine zu lassen!“

„Ich war nicht alleine.“

„Und ich bin nicht so alleine zurückgekommen, wie ich los gefahren bin.“

Gerade als er das ausgesprochen hat, entdecke ich mein zweites Leben als wandelnder Kratzbaum wieder. Fee versucht sich an meinem Bademantel hochzuziehen, scheitert aber an dem lockeren Stoff. Zunächst sucht sie noch Halt in meinem Schienbein und meiner Wade und purzelt dann rückwärts zurück. Es sieht zum Schreien aus! Ich hebe sie gleich auf und setze sie mir auf die Schulter. „Hey Mieze, wir haben aber ordentlich zugelegt. Gab es so viele Mäuse bei Jacques?“

„Dazu sage ich jetzt lieber nichts“, wirft Max ein und grinst über alle Backen. Fee schnurrt.

„Wo ist Kleine Düne“

„Kleine wer?“

„Veräppel mich nicht. Wo ist der Kleine?“

„Ach, du meinst die Wanderdüne. Der kommt gleich.“, sagt er und wirft einen Blick zurück auf die Wendeltreppe. „Er hat schon einen neuen Namen. Cliffhanger. Der Zwerg erklettert alles, was sich erklettern lässt und Jacques hat sich und Dune mehr als einmal gefragt, ob da wirklich nur Hund drin ist, oder nicht irgendwas exotisches.“

Nervös schaue ich die Wendeltreppe hinunter und tatsächlich, ein kleiner Fellklops kämpft sich tapfer Stufe für Stufe zielstrebig nach oben. Ich habe keine Geduld und bitte Max ihn doch zu holen. Natürlich kommt er meiner Bitte nach und nur drei Sekunden später habe ich den kleinen Mann im Arm. Cliff, ich finde das passt besser, weil kürzer, ist richtig ein bisschen rund geworden, und ich fürchte, dass es in den nächsten Tagen ordentliche Kämpfe geben wird, um Fressnäpfe und gegen mich als Dosenöffner. Cliff hat riesige Pfoten. Und mich dünkt, dass aus dem kleinen Mann ein riesiges Vieh werden wird, der wahrscheinlich sogar seine Mutter an Höhe übertreffen wird. Nein, ich möchte nicht wirklich wissen, mit wem oder was sich Dune da eingelassen hat. Mastino? Irischer Wolfshund? Berner Sennen Hund? Ich spinne es nicht weiter.

Den restlichen Nachmittag und noch drei Tage mehr, hält mich Max im Turm gefangen. Zwischendurch habe ich mir wirklich gewünscht ich sei Rapunzel, und könnte mich am eigenen Zopf hinunter lassen. Und doch sehe ich ein, dass es schon richtig war, mich vernünftig auszukurieren. Während ich an keinem Zopf herunter komme, macht Cliffhanger seinem Namen alle Ehre und klettert an allem hoch. Zumindest versucht er es ohne Unterlass und ohne etwas auszulassen. Natürlich gelingt es ihm nicht immer und nicht überall, was ihn furchtbar quieken und bellen lässt. Soweit man bei diesen Lauten schon von Bellen sprechen kann. Die Idee mit dem Gitter vor der Treppe, war die Beste, die ich lange Zeit hatte. Man müsse den Zwerg den ganzen Tag verfolgen und vor sich selbst beschützen. Dune hat ihre Erziehung schon weitestgehend abgeschlossen. Zwar steht sie Cliff noch als Milchbar zur Verfügung, doch im Großen und Ganzen scheint ihr der Nachwuchs eher peinlich zu sein, und wenn nicht er selbst, dann zumindest die eine oder andere seiner Aktionen.

Heute ist einer dieser wundervollen Tage, die man einfach braucht nach Regen, Nebel, Schneegestöber. Zwar hat er träge begonnen und wollte sich nicht so recht aus seinem Nebelbett erheben, doch schon sehr früh, war die Sonne zu sehen, wie sie sich hartnäckig um Aufmerksam- und Sichtbarkeit bemühte. Graue Quellwolken jagen sich kreuz und quer über den blauen Himmel und unter diesem hektischen Dach jagen sich noch viel hektischere Möwen. Ich genieße das Kitzeln der Sonne in der Nase und werde einfach nur quengelig. Wenn ich heute nicht raus darf, dann springe ich. Es kostet mich alle Überredungskraft, weil Max immer noch der Meinung ist, dass ich doch viel zu schwach sei. Alte Männer können so furchtbar stur daher kommen. Ich bin nicht nur ausgeruht, ich kann furchtbar dickköpfig sein, wenn ich es will, oder muss. Und heute muss ich einfach. An diesem schönen Tag kann und werde ich nicht hier im Turm versauern. Den Spruch, nur über meine Leiche, verkneife ich mir angesichts der Schippe, auf der ich gesessen habe. Aber ich lass mich auf keinen Fall heute wieder hier oben einsperren. Das Meer, die Sonne, der Wind, das ist der Rhythmus, bei dem ich mit muss, und das muss und wird Max einsehen. Es kommt mir vor, als referiere ich Stunden und ich habe Angst, dass in dem Moment, wo ich Max weichgeklopft habe, die Sonne schon wieder unter geht.

Natürlich habe ich während all meiner Rederei, Überrederei, Hetzerei und Keiferei nicht für eine Sekunde gemerkt, dass mich der alte Sandburgenbauer wieder auf den Arm nimmt. Nach ganz vielen Minuten und noch mehr Schimpfworten, die meine Lippen einfach so verlassen haben, grinst mich Max auf seine unverwechselbare Weise an und fragt nur?

„Können wir endlich, oder willst du hier bis Sonnenuntergang rumzetern?“

(c) W. Schnee

Manchmal, möchte ich ihn einfach nur hauen.

Endlich wieder frei! Endlich wieder Sand unter den Füßen. Endlich wieder den Wind in meiner Kleidung und im Gesicht. Endlich, endlich, endlich. Nicht nur der Leuchtturm ist nah am Wasser gebaut, ich bin es auch. Und ich freue mich dermaßen über das neu gewonnene Gefühl der Freiheit, dass ich erstmal in beinahe hysterisches Heulen verfalle. Max kommt sofort zu mir und fragt, ob es mir gut geht, ob wir wieder hoch gehen sollen, ob er was tun kann. Beinahe übergangslos verwandelt sich mein Weinen in Lachen. Wieder nach oben gehen? Ich bin frei. Ich bin endlich wieder frei. Ich spüre die Sonne und den Wind, ich höre das Meer und die Möwen, ich stehe auf meinem Strand, an meinem Leuchtturm und da will ich erstmal nicht wieder hoch. Nicht an diesem wohl allerletzten schönen Sonnentag in diesem Jahr.

Unbekanntes Lichtobjekt

Schwarzer Himmel aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen aufs schwarze Meer

Schwarzes Meer aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen durch das schwarze Meer

Unbekanntes Lichtobjekt

sanftstreichelnd

den Himmel

den Horizont

das Meer

Sonne kämpft sich durch Finsternis

Finsternis ergibt sich der streichelnden Sonne

Als Max merkt, dass es mir eigentlich gut geht und ich nur, im wahrsten Sinne des Wortes, ein bisschen durch den Wind bin, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich hake mich bei ihm unter und wir gehen langsam in Richtung Wasser. Vor uns tobt sich Dune die sonnenlosen Tage von der Seele und hinter uns entdeckt Cliff sein neues Sandzuhause. Fee sitzt wie immer im Taxi, nur dieses Mal nicht bei mir, sondern an Max starker Brust.





Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

Lichte® Kommunikation

Letzte Ratschläge

erteilt dir die untergehende Sonne mein Freund

Letzte Ratschläge

die wie du Wärme spenden

Sicherheit bieten

Stärke demonstrieren

Liebe geben kannst

Leuchtender Planet rät leuchtendem Turm

Licht empfiehlt dem Licht

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All the nights, that I’ve missed you

1 11 2009

All the nights, that I’ve missed you – mit dem Poor Man’s Moody Blues im Kopf und im Herzen wache ich auf. Wieder ein Traum, an den ich mich nicht erinnern kann. Die Melodie in meinem Kopf spricht allerdings dafür, dass du mal wieder vor mir auf dem Küchentisch gesessen hast. Mir ist eiskalt, ich zittere wie Espenlaub und habe fürchterliche Halsschmerzen. Der gestrige Nervenzusammenbruch zieht also weitere Kreise. Ich hasse es krank zu sein. Aber was setze ich mich auch bei strömendem Regen an den Strand und lass mich begießen. Rein wachstumstechnisch hat das doch sowieso keinerlei Auswirkungen mehr. Ich hasse es, wenn der Kopf arbeitet, während sich alle anderen Körperteile schwer und schmerzend anfühlen, ich mich fühle wie unter einem Trecker hervorgezogen und ich mich nicht gescheit rühren kann. Wenn selbst der Gang zum Wasserkocher oder ins Bad zu einer Odyssee ausartet, weil mir jeder Muskel und jeder Knochen schmerzhaft seine Verachtung ausspricht. Gequält schäle ich mich aus der wohligen Umarmung meiner Bettdecke um auf zu stehen. Himmel, Dune kannst du bitte mal das Karussell anhalten. Das ist ja grausig auf nüchternen Magen. Bevor ich mir den Gesundheitstee zubereite, es gibt Zeiten, da verzichte sogar ich auf Kaffee, und im Bad nachsehe, ob an der Frau vor dem Spiegel noch irgendwas zu retten ist, stolpere ich die Wendeltreppe hinunter, um die Türe zu öffnen. Mit letzter Armkraft schiebe ich den Holzpflock zwischen Tür und Rahmen, so kann Dune wenigstens ihre Tagesgeschäfte draußen erledigen und muss sich nicht mit dem Katzenklo herumärgern. Intelligent ist sicher was anderes. Mir ist es absolut frostig und ich lass die Türe für den Hund auf. Aber in meinem Bett mit Wärmflaschen und Dinkelkissen wird’s schon gehen.

Es regnet in Strömen, aber es schneit in …? Wie heißt das bei Schnee? Es schneit in Teppichen? In Vorhängen? In Flocken ist klar. Eigentlich liebe ich diese Ecke der Welt so sehr, weil dieses weiße Übel hier nicht vorkommen sollte – oder höchstens einmal im Jahrhundert. Ich halte diesem Jahrhundert zu Gute, dass es noch nicht so alt ist, und irgendwann muss es ja mal sein. Dann lieber jetzt – und der Rest des Jahrhunderts ist Ruhe. Der Strand ähnelt mehr und mehr einer gigantischen beigebraunen Marmor- oder Granitplatte mit weißer Maserung, die sich stetig mit einander verknüpft, um einen glitzernden Teppich zu bilden. Dann schneit es wahrscheinlich doch in Teppichen. Oder in Verknüpfungen? Naja, ist ja auch egal. Mir ist es viel zu kalt, um mir dieses Naturschauspiel noch länger anzuschauen. Also wanke ich wieder nach oben, koch mir einen frischen Tee, erhitze die Dinkelkissen und ab geht’s in die Falle. Schlafen ist die beste Medizin und ich werde schlicht und ergreifend so lange im Bett bleiben, bis ich wieder gescheit schnaufen kann. Ob es wenigstens Max langsam besser geht?

Schneeflocken tanzen wild vor dem Bullauge umher. Sie erinnern ein wenig an den beknackten Tänzer und Sänger von Boney M. der zu der eigentlich, für damalige Verhältnisse, guten Musik, irre komische Verrenkungen gemacht hat. Fee sitzt auf der Couchlehne und beobachtet das Schneetreiben. Ich würde ja gerne mit ihr ein bisschen raus, damit sie die Kristalle jagen kann. Doch mit fast 40°C Fieber, sollte ich das wohl ganz schnell wieder vergessen. Ich will einfach nur noch schlafen.

Alles tut weh, wirklich alles, und ich möchte mich nicht bewegen müssen. Warum kann Dune keine Dosen öffnen? Seit gestern ist das Fieber noch mal ein bisschen gestiegen. Ich schwitze, ich friere, ich möchte mich in den Schnee legen und anschließend in die Mikrowelle. Kraft- und lieblos fülle ich die Fressnäpfe auf und lege mich zurück in die Koje. Kurz bevor ich im Land der Fieberträume verschwinde, höre ich aus wie aus weiter Ferne mein Handy rappeln. Jacques fragt für Max, ob ich im Pfahlbau mal nach dem Rechten sehen könnte. Zur Antwort bekommt er ein kurzes: “geht nich, krank bin” und schon döse ich wieder ein.

Du warst immer hart gegen dich selbst. Schwächen hast du dir nie erlaubt, bis ich in dein Leben getreten bin. Auf so einen Tüdelkram bei Erkältungen hast du super allergisch reagiert. Nichts konnte man dir recht machen. Alles wolltest du selbst schaffen. Als ich dann krank wurde und mir bald mein rechter Unterschenkel abgefault ist, warst du es allerdings, der mit dem Tüdeln angefangen hat.

“Kleines, deine Temperatur steigt und steigt, das Bein ist super heiß und sieht nicht gut aus. Du musst damit zum Arzt.”

“Nein, ich will nicht. Mach noch mal von der Zugsalbe drauf, das geht dann schon.”

“Das geht nicht. Das versuchen wir seit Tagen. Wenn du jetzt nicht vernünftig wirst, dann lass ich einen Arzt kommen.”

Aus der kleinen Wunde am Schienbein, die ich mir beim Sturz die Kellertreppe hoch eingefangen hatte, war mittlerweile ein ekliger 5-Markstück großer Eiterkrater gewachsen. Natürlich wurde ich nicht vernünftig. Seit der demütigenden Untersuchung damals, habe ich mir Ärzte nur noch von hinten angeguckt, wenn überhaupt. Als ich dann das Phantasieren angefangen habe, hast du es mit der Angst bekommen und einen Notarzt gerufen. Doktor Igel hatte nicht nur keine Lust. Er machte seinem stachligen Namen alle Ehre und ließ uns seine Unlust spüren. Keine Ahnung von welchem Golfrasen wir ihn abgehalten haben. Vor allen Dingen dich hat er auf dem Kieker gehabt.

“Nimmt sie auch Drogen?”

“Nein, keine Drogen!”

“Bist du sicher? Sieht aber schon fertig aus deine Kleine. Und wenn wir ihr nachher das Bein aufschneiden, sollte die Betäubung doch wenigstens ein bisschen wirken oder?”

“Ich wüsste nicht, dass wir schon mal zusammen vor eine Apotheke gekotzt haben. Also duzen sie mich bitte nicht. Sie nimmt keine Drogen! Und wenn sie mir nicht glauben, dann raten sie ihrem messerschwingenden Kollegen doch, dass er vorher ein Screening machen soll. Sie ist absolut sauber. Das Einzige was sie die letzten Tage eingeschmissen hat waren fünf von den Schmerztabletten und diese schwarze Salbe hat sie auf die Wunde aufgetragen.”

“Wollen S i e mir jetzt meinen Job erklären? Wir packen die Kleine jetzt ein und nehmen sie mit in die Notaufnahme. Da wird sie eh gecheckt.”

Du warst so sauer. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass man deinen Pupillen schon aus fünf Kilometer Entfernung angesehen hat, wie dein Grundnahrungsmittel beschaffen ist, hast du dich ganz fürchterlich zusammengerissen, bevor die Situation eskaliert. Im Krankenhaus haben die mich dann gecheckt, die Wunde gesäubert, mir eine Spülung und was gegen das Fieber mitgegeben und ich durfte wieder gehen. Du hast deine letzten Markstücke zusammen sortiert und ein Taxi nach Hause spendiert. Als wir zu Hause ankamen wurdest du ganz still, hast dich erst ins Bad verkrümelt, dann Stundenlang Saxophon gespielt. Erst sehr viel später bist du damit rausgerückt, wie klein du dir vorgekommen bist, weil du mir nicht helfen konntest und die dich gar nicht Ernst genommen haben. Trotzdem war ich sehr glücklich, dass du mit mir gefahren bist, und dass du dabei warst. Du und keiner sonst.

Rotblaue Männer schieben mich in ein großes rotes Maul und versiegeln die Lippen. Eine Stimme sagt mir, dass alles gut und sich um die Tiere gekümmert wird, alles wird gut, alles wird gut, wird gut, wird gut, gut, gu…

Das ist nicht meine Koje. Das ist nicht meine Stube. Das ist nicht mein Leuchtturm. Aber dort am Ende des Bettes sitzt mein Max. “Verdammt wohin hast du mich denn jetzt verschleppt?”

“Reg dich nicht auf Sysse, du liegst im Krankenhaus. Und ich möchte dich prügeln für deinen Leichtsinn. Du hättest echt draufgehen können.”

Da ist er wieder, dieser kurze nette Schlauch, der gerade soviel Platz bietet, dass ich mich draufstellen kann. Ich verstehe nur Bahnhof, komme aber nicht dazu, weiter zu fragen, weil eine kleine, biestig dreinschauende Philippinin, die jetzt, wo ich wieder wach bin, auch keine Zurückhaltung mehr bei der Blutabnahme an den Tag legt, mir eine Kanüle in die Armbeuge rammt. Als ich meinen Arm sehe, könnte ich schreien. So zerstochen, blau, rot, grün und gelb hast selbst du deine Beugen durchs Fixen nie gehabt. Haben die hier Schlachtversuche an mir vorgenommen? Gräfin Dracula verlässt mit mindestens zwölf Litern meines kostbaren Saftes den Raum und ich frage Max, wie es überhaupt sein kann, dass er hier bei mir ist. Max erzählt mir, dass er sich, vor vier Tagen bei meiner Einlieferung, in seiner Not als mein Vater ausgegeben hätte. Daraufhin hat man ihn furchtbar zusammengestaucht, wie es sein könnte, dass ich mit Lungenentzündung und wohl nicht erst seit ein paar Stunden auf der Wendeltreppe liege. Alles in Allem habe ich wohl das Abo “Erkältungskrankheiten in Steigerung” genommen, denn neben der Lungenentzündung, seien auch noch Rippenfell und Nierenbecken betroffen. Ja Hurra. Wenn, dann nehme ich ja gleich alles, ich Gieriges ich. “Wie jetzt, vier Tage? Sag nicht, dass ich schon seit vier Tagen hier vor mich hin penne. Dune, was ist mit Dune und den beiden Kleinen? Und du? Du bist doch auch krank, „Papi“. Wieso bist du nicht bei Jacques?” Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist dass ich Fee dabei beobachtete, wie sie den Schneeflocken hinterher schmachtete. Ich lag in meiner Koje und sie saß auf der Couchlehne. Danach ist alles weg, was mit der Realität zu tun haben könnte. Jetzt liege ich hier in einem Krankenhaus, bekomme lecker Kochsalzlösung und anderen Schweinkram, was meinen Adern wahrscheinlich vorgaukeln soll, dass der Blutverlust gar nicht so hoch war. Eine Krankenschwester mit bösem Blick kommt hinein und fragt mich, ob ich vielleicht etwas Essen wolle. Ihr Anblick erschreckt mich so, dass ich dankend ablehne, was Max beinahe aus der Haut fahren lässt.

Sehr detailreich erzählt mir Max, was in den letzten Tagen passiert ist. Jacques habe nur meine SMS bekommen, dass ich krank sei und mich dann versucht persönlich zu erwischen. Das habe nicht geklappt und als ich am nächsten Tag immer noch nicht ans Handy gegangen bin, hat es Max mit der Angst bekommen und Jacques gezwungen ihn zu mir raus zu fahren. Dune hat die Beiden sehr laut und hektisch begrüßt und als sie in den Turm reinkamen, lag ich wohl auch schon wie tot zu ihren Füßen. Max hat daraufhin sofort den Notdienst alarmiert, die erst nicht glauben wollten, dass sie wirklich zum Leuchtturm kommen sollten. Und bevor weitere dumme Fragen gestellt würden, hat er sich dann als meinen Vater ausgegeben. Hier nimmt man die Patientenrechte sehr ernst und er hätte nicht mal den dicken Zeh in den Rettungswagen setzen dürfen, ohne diese kleine Notlüge, die ich ihm auch gar nicht verüble. Und für einen kleinen ganz kurzen Augenblick wünsche ich mir sogar solch einen coolen Vater. Nachdem man mich im Krankenhaus auf den Kopf gestellt und festgestellt hat, dass so ziemlich alles ein Matsch ist, hat man mich so ruhig gestellt, dass ich garantiert einen vollen Tag und eine volle Nacht schlafe – gut, es sind fast drei daraus geworden – aber so fühle ich mich jetzt auch. Schon fast wieder fit, denke ich, sage ich und schlafe auch prompt wieder ein.

Max sitzt immer noch an meinem Bett. Meine Hand hält er fest in seinen Händen und auf diesem Fingerberg hat er seinen Kopf zur Ruhe gebettet. “Soll ich ein Stück rutschen?”

“Nein, Kleines, danke.” Er lächelt und ich freue mich über das Lächeln. “Schönen Gruß von Oberschwester Rabiata, wenn dein Fieber nicht bald zurückgeht, fährt sie die harten Geschütze auf. Dann gibt es Wadenwickel mein Kind!” Ich rümpfe die Nase und murmel etwas von Gesundschlafen.

Fast zwei Wochen habe ich in dem Krankenhaus jetzt verbracht und endlich darf ich nach Hause. Oder sollte ich besser sagen, dürfen wir nach Hause? Max sitzt seit zwei Wochen an meinem Bett und verlässt das Zimmer nur, um sich im Park ein wenig die Füße zu vertreten. Unseren ersten Spaziergang vor vier Tagen habe ich furchtbar genossen. Hand in Hand bummelten wir durch die Parkanlage und lästerten über andere Patienten und hochnäsige Ärzte. Wenn dieses System der Familienpflege erst einmal in Deutschland übernommen wird, dann sehe ich aber echt schwarz. Wer niemanden hat, der ihn pflegt und wäscht, liegt unter Umständen auch schon mal was länger im eigenen Saft. Die Kliniken hier sind nur auf die rein medizinische Versorgung eingestellt. Der Rest soll oder muss von der Familie geleistet oder ordentlich bezahlt werden. Max sieht so glücklich aus, als er mir in den R4 hilft. Endlich geht’s wieder nach Hause. An der Strandstraße angekommen, die zu unserem Leuchtturm führt, atme ich erst einmal tief durch. Was hab ich diese Luft vermisst. Wie sehr hab ich mich nach diesem Grollen der Wellen gesehnt. Mein Nennpapa warnt mich noch kurz vor, dass ich mich nicht erschrecken solle, weil die Tiere fort sind. Jacques hat sie mit zu sich genommen, bis ich wieder soweit auf dem Damm bin, dass ich mich wieder um sie kümmern kann. Jetzt, hier, wieder zu Hause, sollte ich mindestens noch zwei Tage alleine bleiben und mich akklimatisieren. Vor der Wendeltreppe ist ein Schild gespannt auf dem steht: “Herzlich Willkommen Frau Leuchtturmwärterin.” Ich möchte heulen, so gerührt bin ich. In der Stube ist alles super sauber. Viel sauberer als sonst. Auf dem kleinen Tisch steht eine große Obstschale und das Bett ist schon frisch und einladend bezogen. Ich brauche auch gar nicht erst auf die Idee kommen, mich auf die Couch oder in den Sessel setzen zu wollen. Die Fahrt sei sicher anstrengend gewesen und darum werde ich gleich in die Koje gestopft, mit Wärmflasche und Tee versorgt. Während sich meine Blicke durch meinen Turm hangeln und ich einige kurze Fragen stelle, wer hier was verbrochen hat, rutscht Max auf der Couch mehr und mehr in Liegeposition. Der arme Kerl muss fix und fertig sein.

Endlich wieder zu Hause! Das wohlige Brummen der Leuchtfeuertechnik, das Rauschen des Meeres, das von draußen zu mir hinein schallt, der Wind, der um den Turm heult und Max. Max? Beachtend, dass ich mich vorläufig noch langsamer aufrichten soll, als ich es sonst schon getan habe, setze ich mich in der Koje auf und suche nach meinem alten Freund. „Max? Maaa-haaa-xxxx!! Och bitte nicht schon wieder.“ Ich merke wie mein Herz zu rasen beginnt und ich male mir erstmal bekannte und noch nicht gekannte Horrorszenarien aus, bevor ich mein Hirn einschalte und mich genauer umschaue. Doch schon wieder. Unter meiner Teetasse klemmt ein Blatt Papier. Nervös und mit heftig zittrigen Fingern greife ich nach dem Brief.

„Na, ausgeschlafen? Nicht was du schon wieder denkst! Da du die Nacht so wunderschön ruhig und zufrieden verbracht hast, und auch heute Morgen nicht viel von dir zu bemerken war, habe ich mich in meinen Pfahlbau getraut. Ich schaue nur nach dem Rechten und bin bald zurück. Du bleibst bitte schön liegen. Ich verlass mich drauf. Es umarmt dich, dein Pfleger Max.“

Wieso eigentlich Nacht? Und wieso heute Morgen? Wie lange hab ich denn geschlafen? Mein Blick fixiert die Mikrowelle und nach einem kleinen Weilchen haben sich meine Augen an die Anzeige gewöhnt. Schock schwere Not, ich habe doch tatsächlich schon wieder einen ganzen Tag verpennt. Ich hoffe es war nur einer. An mangelnder Ruhe in der Vergangenheit kann es nicht liegen. Die hatte ich im Krankenhaus ausreichend. Ich denke es liegt am noch immer sehr schlappen Allgemeinzustand und daran, dass ich meine Koje im Augenblick garantiert für mich alleine habe. Keine Fee, keine Dune und keine Kleine Wanderdüne. So wie Max erzählt hat, flitzt das Kerlchen wohl schon ganz munter durch die Gegend und hält bei Jacques Groß und Klein ordentlich auf Trab. Ich muss Max nachher unbedingt bitten, dass er das Gitter an der Treppe befestigt, damit der Welpe mir nicht den Abgang macht. Und dann müssen wir Dune beibringen, wie sie sich das Gitter aufmachen kann.





Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

31 10 2009

Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.

And the winner is…

Leuchtturmwärterin!

Zweieinhalb Stunden habe ich in der Dusche gehockt. Mein neuer persönlicher Rekord, und ich kenne niemanden, der es zu ähnlichem Sitzfleisch gebracht hätte. Zweieinhalb Stunden Streicheleinheiten per Wasserzufuhr, na wenn das mal kein Erlebnis ist. Soviel Bodylotion habe ich gar nicht mehr da, um den Feuchtigkeitshaushalt meiner Haut wieder in Balance zu bringen. So schrumpele ich lustig vor mich hin und entwickele mich zur Schrumpelwärterin. Die nimmt die Wärme auch gleich mit ins Bett. Ich kuschele mich in die Koje und wünsche mir, dass der Sandsack mich mitten auf die Zwölf trifft, damit ich gleich einschlafe. Das Leben ist kein Wunschkonzert, und meinem Kopf ist nach allem, nur nicht nach schlafen. Fee schlummert ganz dicht an meinem Bauch, oder sie schlummert nicht und ruht nur, denn sie schnurrt noch so heftig. Ein wohltuendes Gefühl, dieses leise Brummeln, das sich über der Haut verteilt.

Es passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein riesiges großes Rätsel hat sich aufgetan, und ich bin nicht einmal in der Lage es im Ansatz der Lösung näher zu bringen. Was stört mich an der ganzen Geschichte, das muss ich raus finden. Je länger ich Max kenne, je intensiver ich ihn kenne, desto näher ist er mir. Das ist nichts Außergewöhnliches, so man denn, ein offener und vertrauensseliger Mensch ist. Zu dieser Gattung Mensch zähle ich aber nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die mich umgeben, die ich kenne, die mich kennen, die mich aber nur soweit kennen, wie ich sie in mich hinein schaue lasse. Und das ist nicht weit. Bei Max ist das anders. Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er ein besonderer Mann ist, ein besonderer Mensch, der meinen Lebensweg gekreuzt hat. Diese Nähe, diese Vertrautheit – das war nicht neu für mich, aber es war nach langer Zeit wieder das erste Mal. Hinzu kommen die vielen kleinen und großen Begebenheiten, die mich ständig erinnerten. Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, kam so oft in mir hoch und verwirrte mich. Es ließ mich aber auch weiter Vertrauen fassen. Heute kröne ich für mich dieses Vertrauen, in dem ich Max von meinem persönlichen Allerheiligsten erzähle. So war der Deal. Ich erzähle von dir und er mir von seinem Sohn. Nicht gezwungener Maßen, sondern in dem Moment, wo ein jeder von uns dazu bereit wäre. Ich war heute bereit. Und seit dem ist alles anders.

Wo ist der Haken. Wo habe ich den Knick in der Optik, oder besser im Verstand? Was ist der Auslöser dafür, dass sich Max dermaßen heftig zurückzieht, ohne selbst das Wort an mich zu richten, sondern über Dritte? Ich weiß, es muss was geben, das ich nicht richtig zu deuten weiß. Es gibt ein Zeichen, das ich nicht sehe. Da ist was, was ich übersehen haben muss, oder überhört. Aber was?

Denken, grübeln, weltenübeln, sinnieren, fragen, schätzen, interpretieren, nachhaken, zusammensetzen, verzweifeln, erinnern, schlussfolgern, …

Ich drehe mich im Kreis. So muss sich ein Hamster in diesem furchtbaren Rad fühlen. Er flitzt und flitzt und rennt, immer weiter, ohne Pause, ohne Abzweigungen oder Kurven, immer weiter in einer Spur aus Drahtgeflecht oder Plastikstreben. Im Zweifelsfall quietscht das Rad und untermalt sein Tun mit furchtbaren Geräuschen, die ihn zusätzlich antreiben, vor denen er zu flüchten versucht und keinen Ausweg findet. Eigentlich braucht er nur aufhören zu laufen. Eigentlich. Aber er weiß es nicht. Er kann es nicht wissen, weil es ihm sein Instinkt nicht sagen kann. In der freien Natur gibt es keine runden Drahtgeflechtautobahnen, keine zum Kreis geformten Plastikstreben, keine Hamsterräder. Wenn er Glück hat, dann findet er den richtigen Zeitpunkt um abzuspringen. Wenn er Glück hat, Glück.

Lebenslauf

Ich renne im Kreis des Lebens

Ich stolpere durch das Leben

Ich bewege mich im Leben

Ich erklimme das Leben

Ich haste nach dem Leben

Ich wanke im Leben

Ich laufe um mein Leben

Lebenslauf

Es holt mich ein das Leben

Mit meiner Vergangenheit

Mit meiner Krankheit

Mit meiner Verzweiflung

Mit meiner Traurigkeit

Mit dem unendlichen Vermissen

Mit dieser unerträglichen Sehnsucht

Ich laufe

Weiter

Immer weiter

Lebenslauf

Und wenn es so weiter geht, laufe ich noch gegen eine Wand. Verdammt, so schwer kann es doch nicht sein. Wieder und wieder gehe ich den Tag im Kopf durch. Meine Erzählung rufe ich Wort für Wort aus meiner Erinnerung ab. Der Hamster rennt im Rad und ich dreh gleich dran.

Aus dem Hundekorb dringt ein lautes Quieken, fast ein Schreien heraus. Kleine Düne brüllt sich die Seele aus dem Leib und mir fällt jetzt erst auf, dass Dune noch immer nicht wieder hochgekommen ist. Ob sie darauf hofft, dass Max zurück kommt? Vielleicht sollte ich ihr stecken, dass er sich in die Obhut des Viehdoktors geflüchtet hat und bis auf Weiteres nicht mit ihm zu rechnen ist? Auf den Stufen der Wendeltreppen ist Pfotentrappeln zu vernehmen. Das Hungergeschrei des Nachwuchses trägt Früchte und meine Hündin nimmt ihre Mutterpflichten in Angriff. Mich würdigt sie keines Blickes. Na super, jetzt begehrt auch noch der Hund gegen den Dosenöffner auf. Vielleicht ist sie auch nur schlecht drauf, denn wieso sollte sie Max Auszug mit mir in direkten Zusammenhang bringen? Und wieso gehe ich davon aus, dass dieser Hund irgendwas mit irgendwas in Zusammenhang bringt? Ich sag ja, ich dreh am Rad und verwirre. Kann bitte jemand mit einem Hammer kommen, und mir das Licht für heute Nacht auspusten. Bitte.

Natürlich kommt keiner mit einem Hammer. Wäre ja auch zu gruselig. Aber der Mond kommt hervor. Ganz langsam schiebt er sich in den Rahmen des Bullauges und er scheint zu lächeln. So hat doch wenigstens einer gute Laune heute. Kein Wunder, hat er von dem Tag und all seinen Katastrophen doch nichts mitbekommen. Ihn kann ich also auch nicht fragen, was ich falsch gemacht habe. Er kann mir auch nicht sagen, auf welchem Punkt des berühmten Schlauches ich gerade stehe. Ich müsste nur dort runterhüpfen und käme vielleicht zu ein paar Antworten meiner vielen Fragen. Aber nein. Ich stehe auf dem Schlauch, starre in das freundliche Planetengesicht am Himmel und wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt in diesem Augenblick einfach an dich herankuscheln.

Kalter Mond

komm nur her,

mach dich breit,

mach dich dick.

Komm nur her

und zeig mir,

wer der Herr am Nachthimmel ist.

Nur eines

das kannst du

mir nie geben,

kalter Mond

-

Wärme

Kaum zu glauben aber wahr, Dune kommt zu mir. Und sie schleppt Kleine Düne im Maul, was sicher bedeuten soll, dass ich wieder als Kuschelwärmer herhalten soll. Sie braucht mich also doch. Direkt neben mir auf dem Kopfkissen legt sie ihn ab. Ihn? Bah, das ist aber kalt. Kleine Düne? Ich schrecke hoch und schaue mir genau an, was mir meine Hündin aufs Kissen gelegt hat. Das ist gar nicht der Welpe. Das ist eine Geldbörse. Eigenartig. Meine ist es nicht, die ist nicht so prall. Vielleicht hat Jacques sie verloren, als er im Namen von Max hier rumgewirbelt ist, um die Stube in Ordnung zu bringen. Ich bin sehr froh, mir endlich einmal Fragen zu stellen, die ich mir auch selbst beantworten kann. Ein kurzer Ruck am Druckknopfverschluss und das Portemonnaie öffnet sich. Die Börse lässt sich dreifach ausklappen, wie ein Leporello, Rechts-Außen klappt nach Mitte, und Links-Außen klappt über Rechts-Außen über Mitte. In dem großen mittleren Klarsichtfenster ist nichts zu sehen, außer einem alten Kassenbon, der schon so vergilbt ist, dass man keine konkreten Auskünfte über geleistete Einkäufe erhalten kann. Kein Bild, keine Bilder. Also kann es eigentlich nicht Jacques Geldbehältnis sein, denn der trägt doch sicher seine ganze Großfamilie, zumindest aber Frau und Enkel mit sich herum.

Meine Neugier ist geweckt. Solche Aktionen kann ich eigentlich nicht gut heißen. Schnüffeleien sind nicht mein Stil. Etwas, was du auch sehr an mir geschätzt hast. Es war aber auch nicht schwer bei dir. Ich habe dir vertraut. Du hast mir nie einen Anlass gegeben zu zweifeln oder dir etwas nicht zu glauben. Die Karten hast du immer auf den Tisch gelegt, und deinen Stoff auch. Die wirklich einzige Regel lautete, wenn du im Bad bist, hab ich dort nichts verloren. Und es gab nie einen Grund diese Auflage zu unterwandern, weil ich wusste, was du dort treibst, außer den normalen Tagesgeschäften. Die Aktion mit dem Handy im Pfahlbau hat mich mutig gemacht. In einem der Fächer werde ich etwas finden, was auf den Besitzer schließen lässt. Dann mach ich das Lederetui wieder zu und gut ist. Ein paar kleine Scheine, ein paar Euro, ein paar Dollar. Kein Ausweis, nur eine Adresse, in der Nähe des Hafens. Das abgerissene Deckblatt eines Streichholzheftchens mit dem Namen und der Telefonnummer einer Bar in New York bringt mich auch nicht weiter. Ein Bild eines kleinen Jungens, schätzungsweise neun oder zehn Jahre alt, blondbraune Haare und solche strahlenden blauen Augen, dass selbst das Bildalter sie nicht ermatten lassen konnten. Der Kleine hat süße Grübchen. Weiter ist nichts im Portemonnaie. Ich schätze, es ist Max Börse. Der Junge könnte sein Sohn sein, das würde sich mit seinen Erzählungen decken, soweit man die Anhäufung von Andeutungen Erzählung nennen kann. Am Besten wird sein, ich smse Jacques, dass Dune hier ein Portemonnaie gefunden hat. Er wird mir schon mitteilen, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Direkt auf meine Kurzmitteilung erhalte ich Antwort. Ganz schön fix für so alte Finger.

„es gehört max. er sagt er sei dran. da er nicht erzählen kann, mach es auf u. schau dir das bild an. mehr später. liebe grüße j+m“

Max kann also nicht sauer sein. Wäre er wütend auf mich, wäre der Inhalt seiner Börse für mich tabu. Gut, es wäre zu spät für Tabus, aber das kann er ja nicht wissen. Warum wollte er dann fort von hier? Hatte er Sorge, dass er gleichziehen muss? Kennt er mich nach all der Zeit und vor allen Dingen, nach all meinen Offenbarungen immer noch nicht gut genug um zu wissen, dass er das nicht braucht? Dass er wie ich auch, alle Zeit der Welt hat? Ich soll, nein, ich darf mir das Bild anschauen. Meint er das mit dem kleinen Jungen? Den habe ich schon bestaunt. Immer noch vorsichtig öffne ich die Geldbörse erneut und suche nach weiteren Bildern. Es gibt nicht mehr Innenleben, als ich bereits herausgefischt hatte, also kann er nur das Bild meinen. Dann ist das also sein Sohn. Es muss für ihn die Hölle sein, nur diese verblichene Papiererinnerung an sein Kind zu haben. Vielleicht hat er noch mehr zu Hause oder im Pfahlbau, aber sehr viel jüngeren Datums sind diese sicher nicht.

Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre dich zu kennen, dich zu lieben, um deine bedingungslose Freundschaft zu wissen und ich hätte dich nicht so sehen und erleben dürfen, wie ich es durfte. Habe ich mit meinen Ausführungen über dich und dein Leben den Schmerz von meinem Sandburgenbauer vielleicht vergrößert? Wurde ihm dadurch bewusst, was er im Leben verpasste, nachdem er die Familie verlassen hat, nachdem er sein Kind verlassen hat? Habe ich Erinnerungen geweckt, die er über Jahre tief in sich vergraben hatte?

Herrje, es ist mitten in der Nacht und ich kommuniziere noch via Handy mit zwei älteren Herrschaften. In mir steigt ein bisschen Neid auf. Die zwei Zausel sitzen jetzt bestimmt bei einer verbotenen Flasche Rotwein zusammen und tauschen sich über den heutigen Tag aus. Max wird sich seinem Freund anvertrauen und seinen Rat suchen. Und ich? Ich liege in meiner Koje, habe ein lebendiges Katzenfell am Bauch, einen Hundekopf mit fragenden Augen auf der Matratze und führe Selbstgespräche. Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten. Und du da oben, du bist mir heute auch keine große Hilfe. Ist die Wolkendecke so stark, dass deine gut gemeinten Ratschläge sie nicht durchdringen können?

Der Mann mit dem Hammer kommt heute sicher nicht mehr. Und das mit dem Sandsack mitten auf die Zwölf wird mich auch als unerfüllter Wunsch in den Schlaf begleiten. Schlafen, das ist eine gute Idee. Es ist jetzt auch wirklich an der Zeit. Wer weiß, was mich Morgen alles erwartet.

(c) Kurt Detlev Schulz

Hier

Gerade in den Momenten,

in denen ich mich einsam fühle,

alleine,

verlassen,

unverstanden,

gerade in diesen Momenten fällt mir auf,

wie einsam sich der Turm fühlen muss,

wie allein

und verlassen

in der kalten Nacht,

hier

am Strand.





Vertrau dir! Horch auf dein Herz!

30 10 2009

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“ Der Satz, der schon fast so etwas wie ein Gebet für mich ist. Ich frage Max, ob er sich daran erinnern kann, dass er mir diesen Rat so ähnlich auch schon gegeben hat und umreiße kurz, wann du ihn mir das erste Mal gegeben hast. Ich frage den Sandburgenbauer, ob er sich an unsere Diskussion über das „Nichts“ erinnert und gebe unsere Auseinandersetzung, die fast gleichlautend ablief, wieder. Die Sache mit dem „Rausmüssen“, mal eben um den Block oder mal eben an den Strand. Zwei grundverschiedene Menschen, die, Jahre versetzt, ähnliche Erklärungen abgeben, in gleichen Wortlauten sprechen. Und dann dieses Wohlfühlen. Diese „Elektrizität“ bei Berührungen, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, Max Blicke, wenn er auf das Meer hinausschaut – ich versuche ihm zu erklären, dass ich all das irgendwie schon einmal erlebt hab, in meinem früheren Leben mit dir, in meinem wirklichen Leben. Ich versuche meine Angst in Worte zu kleiden, als ich Max so krank im Bett vorgefunden habe. Es war beinahe die gleiche Angst und Panik, wie ich sie jedes Mal empfand, wenn du auf Entzug warst, wenn du dir ohne fremde Hilfe das Gift aus den Poren geschwitzt hast, randaliertest und beinahe krepiert bist vor Schmerzen und Sucht.

Max vergräbt sein Gesicht in seinen großen Händen und weint. Ich unterbreche meine Ausführungen. Es war doch zu viel. Doch bevor ich mich entschuldigen kann, sagt er immer und immer wieder „Kleines es tut mir so leid, es tut mir so unendlich leid.“ Er kann doch nichts dafür. Er ist weder drogenabhängig, noch trägt er für irgendwas von dem, was ich gerade erzählte, die Verantwortung. Aber er entschuldigt sich ohne Unterlass, bis ich ihm die Hände vor dem Gesicht fast fortreiße und ihn anschreie, er soll damit aufhören.

Es war wirklich zuviel für ihn und ich werde wütend auf mich selbst, dass ich mich so habe gehen lassen. Ich hätte doch spüren müssen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Langsam helfe ich ihm auf und bringe ihn zurück in die Koje. Max legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Er spricht kein weiteres Wort, sagt nur Danke, wenn ich ihm einen Tee bringe, verweigert das Essen und schaut stur vor sich hin. Ich selbst habe das Gefühl, das alles nicht mehr zu ertragen, ich komme nicht mehr an ihn heran, als hätte er sich seinen eigenen Turm und sich herum aufgebaut. Als ich den alten R4 von Max anfahren höre, atme ich auf. Da kommt Jacques. Ich muss hier raus.

Ich bitte Jacques sich ein oder zwei Stunden um Max zu kümmern. Kurz umreiße ich, was passiert ist, und dass sein Freund seitdem beinahe autistisch im Bett liegt. Wenn jetzt noch jemand an ihn herankommt, dann vielleicht der alte Viehdoktor, der ihm so nahe steht. Ich greife mein Ölzeug, rufe Dune und laufe auf den Strand hinaus. Es regnet in Strömen. Es regnet so heftig, dass durch das Prasseln nicht mal mehr das Meeresrauschen heraus zu filtern ist. Egal. Und wenn ich nass bis auf die Knochen werde. Ich muss weg hier. Ich brauche Luft zum Atmen. Dune macht auf halbem Weg wieder kehrt und läuft zurück zum Turm. Soll sie doch. Sollen sie mich doch alle alleine lassen. Ich brauche niemanden. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich will mit mir alleine sein. Auch dich will ich nicht. Ich weiß, dass das nicht möglich ist, denn du bist immer bei mir. Ich weine, ich schreie und das Gute ist, dass niemand meine Schreie hören kann. Sie peitschen hinaus auf die offene See, wo sie sich in selbstmörderischer Absicht in die Wogen stürzen. Diese unglaubliche Wut muss hinaus. Die Wut auf dich. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dem Menschen, der mir zur Zeit am Nächsten steht, unglaubliches Leid zugefügt. Ich weiß nicht wieso – aber ich habe Max gesehen, in seinem Leid. Und es ist meine Schuld.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“

Nichts ist gut. Gar nichts! Hörst du? G a r N i c h t s !!!

Ich muss nur aufstehen, loslaufen, die Zähne zusammenbeißen und ich darf, sobald ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, keine Bewegungen machen, die mich oben halten. Was heißt Boden unter den Füßen, den habe ich mir selbst schon weg gezogen. Einfach ins Meer hinein laufen, immer weiter, immer tiefer hinein in die stürmische Umarmung aus eiskaltem Wasser, sprudelnder Gischt und Algen. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen und ich sitze immer noch regungslos im Sand und hadere mit mir und dieser Welt. Ich verstehe sie nicht, diese Welt und ich verstehe mich erst recht nicht. Die Schreie werden mehr und mehr zu einem grausamen Gekrächze, und es kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Möwenherren vorbei geflogen kommen, in der Annahme hier hocke ein paarungsbereites, hysterisches Möwenweibchen. Wobei das mit dem Hysterisch ja stimmt. Ich muss wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Es wäre das erste Mal, dass die Geister auf mich gehört hätten. Ich hab es ja laut genug zum Ausdruck gebracht, dass mich alle in Ruhe und alleine lassen sollen.

Irgendwie rappele ich mich hoch, trete mir die furchtbaren und eh durchweichten Turnschuhe von den Füßen und laufe barfuß, jedes Sandkorn unter den Sohlen genießend, zum Meer. Die Jeans hat mindestens das Doppelte an Gewicht zugelegt, so nass ist sie mittlerweile und sich mit dem Sand verbündend scheuert sie mächtig an den Fußgelenken. Das Wasser ist eiskalt und in mir und um mich herum zieht sich alles zusammen, was willkürlich und unwillkürlich dazu in der Lage ist. Ich bekomme eine ganzflächige Gänsehaut und bemerke sogar hinter den Ohren, wie sich die kleinsten der kleinen Härchen aufstellen. Einen Fuß setze ich vor den anderen und kämpfe gegen die Kraft der Wellen an. Meine Zehen greifen in den sandigen Meeresboden und ich könnte glaube ich behaupten, dass es trotz der Kälte meinen Füßen gut geht, wenn ich sie denn noch spüren würde. Die Hose wird immer schwerer, zieht vom Bund her mächtig nach unten, da ich aber schon bis zu den Knien im Wasser bin, löst sich dieses Zuggefühl nach unten hin auf. Einen Schritt setze ich vor den anderen, den Blick starr auf den grauschwarzen Horizont gerichtet.

Der Regen ist hier kaum mehr zu spüren. Der Wind bläst so heftig, dass er sich hier im Meer als feiner Nebel verteilt. Und da ich sowieso schon klitschnass bin, ist mir der Regennebel auch egal. Vor mir baut sich eine Welle auf, die aber gleich von zwei weiteren Wogen in die Zange genommen wird und in ihnen verschwindet. Doch direkt dahinter kommt bereits die Nächste. Da ich meinen Blick wieder an den Horizont geheftet habe, bemerke ich sie erst, als es schon zu spät ist. Die Welle greift mich um die Hüfte, sie schnappt sich meine Arme und drückt mir mit aller Gewalt gegen die Brust. Ich taumele und schreie, ich schwanke und fluche, ich falle. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in alle Öffnungen natürlicher und unnatürlicher Art, die es finden kann. Die Augen brennen und ich kann sie nicht öffnen und ich habe noch keinen Boden unter den Füßen. Plötzlich im Trudeln spüre ich, wie mein Hinterteil aufsetzt. Ich stoße mich vom Untergrund kräftig ab und schieße wie ein übergewichtiger Wal in eigentümlichem Gewand aus dem Wasser. Als ich den Meeresboden erneut unter den Füßen spüren kann, balanciere ich mich bestmöglich aus, um nicht gleich wieder einer Welle zum Opfer zu fallen. Bis zur Hüfte stehe ich bereits im Wasser und ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich noch ganz dicht bin. Ich muss dem Wahnsinn anheim gefallen sein. Anders ist dieses Affentheater wohl kaum zu erklären. Das Meer schiebt mich zurück an Land. Die Schritte sind größer und weiter. Dank Rückenwind und -wellen, bin ich bald zurück an Land. Rechts neben dem Leuchtturm sieht ein Wolkengemälde aus wie der Saturn, der sich in eine Wolke zum Ausruhen eingebettet hat. Ein Planet der sein Paralleluniversum gefunden hat? Ich friere. Das Gefühl, das mir bereits in den Füßen fehlt, fehlt mir nun auch in den Armen und Händen und Oberschenkeln. Mein Hintern fühlt sich an wie eine Eisbombe und schmerzt furchtbar an einer Weichteilstelle. Als ich am Leuchtturm ankomme, sitzt Dune mit mitleidigem Blick in der Türe und erwartet mich. Wort- und regungslos drücke ich mich an ihr vorbei. Sie war es, die mich im Stich gelassen hat. Sie ist einfach weggelaufen. Dann werde ich sie jetzt sicher nicht dafür loben, dass sie im Hausflur auf meine Heimkehr gewartet hat.

“Kleines? Was um Himmels Willen ist passiert? Wie siehst du aus? Du bist ja nass bis auf die Knochen!”

“Es ist nichts passiert.”

“Willst du mich veralbern? Du kommst nach Hause, siehst aus wie ein nasser Sack, sagst nichts, gehst an mir vorbei, lässt dir ein heißes Bad ein und sagst, es ist nichts passiert?!”

“Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.”

“Ach, und so nass bist du, weil dort, wo du warst, punktuell ein überdimensionaler Regenschauer runtergekommen ist oder was?”

“Nein, ich war im Rhein.”

“Du warst was? Im Rhein?”

“Im Rhein. In der Sieg war ich ja schon. Im Rhein noch nie!”

“Hallo? Spinnst du? Es ist November und draußen sind es drei Grad. Okay, es sind drei Grad plus, aber es sind drei Grad. Du hättest dir den Tod holen können!”

“Stimmt, hätte ich. Und?”

“Wie und? Was ist denn los mit dir?”

“Stimmt, hätte ich. Ich bin aber hier. Lebe noch. Und jetzt nehm ich ein Bad!”

“Kleines, bitte rede doch mit mir! Was ist denn passiert?”

“Es ist nichts passiert Schatz. Ich war blue, ich war moody und dieses Wasser hatte einfach eine furchtbare Anziehungskraft. Erst war ich mit den Füßen drin, dann kam ein Tanker, dann ne Welle, von der Unterströmung brauch ich dir ja nichts zu erzählen, und dann lag ich halt drin – umarmt von Vater Rhein, besser als von keinem Vater umarmt zu werden, oder?”

“Du bist auf Stress aus, oder?”

“Nicht wirklich. Ich hab nur keinen Bock da jetzt ein Drama draus zu machen. Darf ich jetzt baden?”

“Tschuldigung. Ich dachte nur du wolltest…”

“Was wollte ich? Schluss machen? Die Welt rausschmeißen. Hey du, das ist dein Job, dein Privileg, darauf hast du ein Abo. Ich wollte nur ans Wasser und nicht gleich ins Wasser. Zumindest nicht so. Mach dir keinen Kopf. Deine Kleine rastet nicht gleich aus und verabschiedet sich vom Leben, nur weil der wichtigste Mensch es wieder nicht geschafft hat. Wenn du mit den Rückfällen leben kannst, kann ich es schon lange. Ich liebe dich so wie du bist. So wie ich dich kennen gelernt hab. Und wenn der Dreck dazu gehört, dann ist es eben so.”

“Darf ich mit in die Wanne?”

“Darf ich mir auch nachher Einen drücken? Nee??? Also. Noch Fragen?”

Ich hasste diese Diskussionen, die eigentlich niemand brauchte, die aber doch immer wieder irgendwie Klarheit schafften und nötige Grenzen setzten.

Dass der R4 nicht mehr vor dem Turm steht, ist mir gar nicht aufgefallen. Als ich hochkomme, ist die Koje gemacht, es ist aufgeräumt, Max ist weg und Jacques auch. Kein Wunder, dass mich Dune so dämlich angeglotzt hat, als ich eben kam. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Nein, es ist fast schon ein Briefchen. Da ich Max Handschrift kenne, gehe ich davon aus, dass diese für einen Doktor vollkommen untypische klare Handschrift, die von Jacques sein muss. In dem Alter möchte ich auch noch so eine schöne Handschrift haben, wobei ich die heute schon nicht mehr habe. Dank Rechner und Tastatur, wird einem Menschen das Schönschreiben ja richtiggehend abgewöhnt. Auch habe ich mir abgewöhnt, erst zu denken und dann zu handeln. Das kann man zumindest annehmen, wenn man mich dabei beobachtet, wie ich mich gerade mit triefenden Klamotten auf die Couch setze. Jetzt ist sie eh nass, dann kann ich auch sitzen bleiben.

„Mach dir keine Sorgen“ – Nette Form einen Brief zu beginnen, und so sinnig in dieser Situation

„Max geht es nicht sehr gut“ - Ach was, wie kommt er denn darauf? Wieso bin ich so aggressiv? Vielleicht wegen der nassen Klamotten.

„Ich soll dir ausrichten, dass du dir keinen Kopf machen sollst.“ - Zu spät, würde ich sagen.

„Ich habe Max erstmal mit zu mir genommen. Meine Frau wird ihn schon wieder hochpäppeln.“ - Und das vollenden, wozu ich nicht in der Lage war.

„Lass ihm einfach ein bisschen Zeit. Er wird sich in den nächsten Tagen bestimmt bei dir melden.“ – Bis dahin bin ich erfroren, wenn ich jetzt nicht zum Ende komme.

„Die Tiere habe ich noch schnell gefüttert. Ich weiß ja nicht, wann du wieder zurück bist.“ – Ich bin hier und meine Finger sind so kalt, dass ich die Dosen sowieso nicht aufbekommen hätte.

„Nun lass dich ganz herzlich umarmen.“ – Besser nicht – ich bin nass.

„Auch von Max und er sagt, dass er dich liebt.“ – Ach, darum hat er sich entführen lassen.

„In Freundschaft, Jacques“

Wie lange ich hier schon sitzen mag? Die halbe Sitzfläche der Couch ist durchnässt, demnach also schon ein Weilchen. Die Finger sind blau gefroren und meine Lippen und Zähne klappern aufeinander im Tempo einer Maschinengewehrsalve. Jetzt aber nichts wie ab unter die heiße Dusche, sonst bin ich Morgen wirklich tot. Die Jeans sitzt, wahrscheinlich das aller erste Mal, bombenfest und ich brauche eine Ewigkeit, um sie mir vom Körper zu schälen. Meine Haut ist klamm und eiskalt, darum bin ich lieber vorsichtig bei der Dosierung des heißen Wassers. Es tut so gut, es tut so unglaublich gut, das warme Nass zu spüren. Und auch wenn es kaum mehr möglich scheint, bekomme ich eine weitere Gänsehaut, die sich wohl einfach über die Erste drüberstülpt. Ganz vorsichtig drehe ich das heiße Wasser auf und ich bilde mir ein, dass es auf meiner Haut nur so zischt. Dichter Nebel macht sich in der Kabine breit. Ich hocke mich hin, stütze meinen Kopf in die Hände und weine. Am Liebsten möchte ich jetzt einen Boxkampf austragen. Mich mit einem ebenbürtigen so lange prügeln, bis einer von uns aufgibt. Ich bekomme Angst vor mir selber. So aggressiv kenne ich mich gar nicht. Und wenn so ein Zustand sich mal angenähert hat, war es nach der Urschreitherapie, wie ich sie bereits am Strand durchgeführt habe, hundertprozentig erledigt. Doch heute ist wieder einmal alles anders, scheinbar verzwickter, unverständlicher, trauriger.

Das Verhalten von Max kann ich nicht einordnen. Was hat ihn verstummen und schließlich flüchten lassen? Das entspricht alles so gar nicht diesem verworrenen Bild, das ich bis heute von ihm hatte. Er liefert mir Puzzleteile, die überhaupt nicht zu passen scheinen. Sie sind andersförmig, andersfarbig, andersfühlig. Da machte die Parallele einen Knick und die eine Gerade führt nun in eine ganz andere Richtung. Ich lasse mich auf meine vier Buchstaben hinab und stelle fest, dass es dort immer noch furchtbar schmerzt und brennt. Vorsichtig taste ich die Stelle ab und komme zu der Diagnose “Arsch aufgerissen”. Irgendwo muss ich mich an einem spitzen Stein geschnitten haben. Das kann nur im Wasser passiert sein, als ich wie ein Klops durch unter den Wellen hergetrudelt bin. Mein späterer Blick auf meine Jeans, wird mir diese Theorie bestätigen. Ziemlich mittig auf der rechten Pobacke prangt eine dicke 5 und gewährt mir den Durchblick.

Diese Dusche ist einfach der Hammer. Das Wasser wird warm, es ist warm, es bleibt warm und es spielt gar keine Rolle, wie lange es dauern soll. Meinetwegen ewig. Ich möchte hier vorläufig nicht mehr weg. Ich will es rieseln hören und ich will es spüren. Das Streicheln meiner sich aufwärmenden Haut, es tut so wohl. Sitzen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis sich irgendwer hier her verirrt, der mir das Wasser abdreht, oder bis Dune mich heraus schubbst. Von außen klingt ein klägliches Maunzen an mein Ohr. Fee scheint mich zu vermissen, oder ihr siebter Sinn sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Als ich hinter der Duschabtrennung vorschaue, sehe ich, wie sie sich auf meinen nassen sieben Sachen zusammen rollt. Das kann nicht bequem und kuschelig sein. Wahrscheinlich ist es einfach mein Geruch, der sie zu dieser Haltung treibt. Mein Geruch und der Duft der großen weiten Seewelt da draußen. Mittlerweile ist der Abend angebrochen, es ist dunkel. Es ist dunkel und ich sitze immer noch unter dem Duschstrahl, der mich mit der Wärme verwöhnt, die der Rest der Welt gerade schmählich vermissen lässt.





Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Ohne ihn

28 10 2009

„Ohne ihn und seinen Sohn hätte ich es nicht geschafft. Du hast einen prima Freund an deiner Seite, das ist dir hoffentlich klar, oder?“

Fast eine Woche ist es jetzt her, dass wir Max zu mir in den Turm brachten. Eigentlich wollte Jacques ihn mitnehmen, aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass er den langen Transport nicht verkraften würde. Und so verbrachten wir hier in meinem Leuchtturm Tage voller Sorge, Hoffnung und immer wieder aufflackernder Angst. Max lächelt mich an, mit diesem unverschämt charmanten Lächeln, das mir die Knie weich werden lässt. Er könnte mir in der Sahara einen Heizofen verkaufen mit diesem Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Augen sind noch müde und er ist auch noch nicht fit, aber er lebt und seine Atmung klingt halbwegs normal. Max lächelt, was für mich das wohl größte Geschenk ist. Nachdem ich ihm detailreich von seiner Rettung erzählt habe, inklusive Handyspionage, verdonnere ich ihn dazu noch mindestens drei Tage im Bett zu bleiben und sich meiner Pflege unter zu ordnen. „Du gehst hier erst wieder die Treppe runter, wenn ich dich gesund schreibe – nur damit das klar ist.“ Es erschreckt mich schon, dass er sich so gar nicht wehrt. Andererseits zeigt es mir, wie schwach er sich noch fühlen muss, wenn er mir nicht mal ein kleines Widerwort entgegen zu setzen hat.

„Du bleibst liegen. Verdammt, dieses Gift ist gerade mal auf dem Weg nach draußen, was willst du tun?“

„Kleines, ich kann nicht mehr liegen, ich möchte einfach nur ein paar Schritte an die frische Luft!“

„Ja sicher, und dann gleich ins Bonner Loch marschieren und dir den ersten Schuss danach organisieren oder was? Nichts da. Ich kann dir gerne das Fenster aufmachen. Wir können hier ums Bett bummeln, bis dir schwindelig wird, aber ich lasse dich nicht raus. Ich bin froh, dass die erste Runde vorbei ist, dass ich nicht mehr im Stundentakt deine Wäsche wechseln muss, weil du nichts bei dir behältst, weder oben noch unten.“

„Du kannst mich nicht einsperren!“

„Nein, das kann ich nicht. Das konnte ich die letzten dreimal nicht und mir wird es auch dieses Mal nicht gelingen. Aber ich kann mein Bestes tun. Ich kann alles daran setzen, dass du diesen Entzug jetzt endlich packst. Wir sind gerade erst am Anfang.“

„Das ist mein Ende! Willst du das? Du weißt was passiert, wenn ich nicht mehr kann. Du weißt was ich mache, wenn du stark genug bist?“

„Da siehst du’s. So lange du mich erpresst, mir weh tust, mich verletzt, nur um an einen beschissenen Schuss, an ein paar Gramm von diesem Kack zu kommen, bist du noch lange nicht fertig. Ich kann dich nicht anbinden. Du bist ein freier Mensch. Dann geh doch, da ist die Tür. Raus mit dir – Geh und setz dir deinen Schuss – Bronze, Silber, Golden mir doch egal.“

„Sag nicht so was Kleines, sag bitte nicht so was! Du weißt, dass ich dich liebe. Du weißt, dass ich dich brauche. Du weißt aber auch, dass ich den Stoff brauche.“

„Ich gebe erst auf, wenn du mir nichts mehr entgegnen kannst. Solange du mit mir kämpfst, solange du dich gegen mich auflehnst, solange weiß ich, dass du es tief in dir auch möchtest. Dass du an unsere Träume für danach glaubst. Natürlich kannst du gehen. Kein Prob. Aber dann hättest du mich damals auch einfach liegen lassen können und deine Plan gleich erledigen.“

„Das ist nicht fair.“

„Dieses beschissene Leben ist nicht fair mein Großer. Es ist nicht fair. Nein, das ist es nicht!“

Du hattest bis zum Schluss Widerworte. Und als du sie nicht mehr hattest, da ist es mir nicht aufgefallen. Ich habe es nicht gemerkt, dass da nichts mehr kam, um gegen mich zu kämpfen. Und als ich es merkte, war es zu spät. Es war zu spät – und du warst tot.

„Wie lange bin ich denn jetzt genau hier?“

„Eine Woche. Eine lange Woche großer Sandburgenbauer. Und ich hatte eine scheiß Angst um dich!“

„Der Pfahlbau!“

„Wenn du sonst keine Sorgen hast, um den hat sich Jacques gekümmert. Er ist dicht, er steht noch und es wurden auch keine Streben für ein Feuerchen missbraucht.“

Max muss lachen, und sein Lachen geht reibungsvoll über in einen fürchterlichen Husten, der schon beim Anhören in der Brust schmerzt. Den kriegen wir aber auch noch weg. Dank der vielen guten Hausmittelchen, die wir uns aus den verschiedensten Haushalten zusammen klamüsert haben. Und da Max bisher an keiner unserer Giftmischungen verschieden ist, besteht große Hoffnung, dass wir auch das noch schaffen.

„Ob ich wohl draußen ein paar Schritte an der frischen Luft tun darf, Oberschwester?“

„Nö, erstens ist es kalt und zweitens wüsste ich nicht, wie du die Treppe hinunter kommen willst.“

„Na auf meinen Füßen“, trotzt er und macht Anstalten sich zu erheben.

Als Max aufsteht merkt er sofort, dass sein Kreislauf nicht rund und in korrekten Bahnen verläuft. Er schwankt ein wenig hin und her, wie eine alte Trauerweide im Sturm, und setzt sich wieder auf die Koje.

„Das ist doch nicht fair!“, grummelt er in seinen Bart.

„Nein Max, das ist nicht fair. Das ganze Leben ist nicht fair.“

Dune versucht für das Leben in die Bresche zu springen und nimmt sich dem traurigen, kranken Mann an, den sie so sehr in ihr Hundeherz geschlossen hat. Und nach einer kurzen Zeit des gegenseitigen Beschmusens, gibt Max nach. Wortlos lässt er sich zurück ins Kissen fallen und schläft ein.

Ich nutze die allgemeine Ruhe aus, um ein wenig über die diversen Déjà-Vu der letzten Wochen nach zu denken. Kann es sein, dass sich jemand in Erinnerungen einschleicht, telepathisch oder so, und diese Erinnerungen dann für seine eigene Kommunikation nutzt? Es ist ja nicht nur, dass Max dir im Reden so ähnlich ist. Es sind auch so viele Situationen in den letzten Wochen gewesen, die mich haben stutzen lassen.

Eismeer

Aus ineinander verschachtelten Eisschollen

Eismeer

Unter auseinanderlaufenden Sonnenstrahlen

Eismeer

zärtlich auftauend

Es ist so wie damals. Nein, es ist anders, aber ähnlich. Aus einer eiskalten Situation heraus entsteht etwas, das wärmt und zärtlich ist. Aus einem Missbrauch und einem verschobenen Suizid entstand eine Freundschaft, wie ich sie nie wieder erfahren oder erlebt habe. Aus einem unterkühlten Kennenlernen am Strand, irgendwo zwischen hier und dem Nirgendwo entsteht etwas, das wärmt und zärtlich ist.

Ich sehe Parallelen. Aber wenn Parallelen aufeinander zulaufen, auf einen gemeinsamen Punkt zustreben, sind es keine Parallelen mehr. Sitze ich an diesem Punkt und warte darauf, dass die beiden Geraden sich treffen oder bin ich selbst einer dieser Geraden und warte auf den Augenblick, wo ich ausbrechen kann, um mich diesem Punkt zu nähern? Gibt es diesen Punkt überhaupt? Oder bilde ich mir dieses Konstrukt nur ein, weil ich es so sehen will? Ist meine Sehnsucht nach dir so groß, dass ich aus ihr heraus die Dinge so betrachte? Oder betrachte ich die Dinge und es entsteht dabei die Sehnsucht nach dem was entstehen könnte, wie es mal war?

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Seewege der Vergangenheit

Auf den Seewegen der Vergangenheit,

betrachte ich unser Sein aus weiter Ferne,

aus unglaublicher Distanz,

Jahre im Rückblick

Auf den Seewegen der Vergangenheit

bist mir so nah, als wärst du hier,

höre ich deine Stimme in meinem Kopf,

fühlt es sich an, als sei es gestern gewesen.

Die Seewege der Vergangenheit,

unergründlich

nicht immer zu verstehen,

aber sicher,

durch unser Leuchtfeuer.

Fee hat sich auf meinem Schoß eingerollt und quittiert meine Streicheleinheiten mit wohligem Schnurren. Eine andere Form des Schnurrens legt Max an den Tag, der immens laut schnarcht. Hoffentlich befindet er sich auf seiner Traumreise weit genug entfernt von seinem Pfahlbau. Sonst wird’s übel.

Warum kann nicht jemand vorbeikommen, der mir zeigt, wie ich 1 und 1 zusammenzähle, ohne dass immer und immer wieder 3 bei mir herauskommt? Aus dem Bullauge in das Nichts weitere große Löcher starrend, zermartere ich mir mein Gehirn, was wie ist, wohin gehört und wie genau zusammen passt. Ich surfe zwischen dem Hier und Jetzt hinüber zum Gestern und dem was war, ich vergleiche und ich begehre auf gegen diese Hilflosigkeit im Denken und Fühlen. Was ist es, was mich so verzweifeln lässt. Wenn dem doch wirklich so ist, dass mir Max so nah kommen kann, wieso ist es so schwer das einfach zu akzeptieren? Nein, auch dieser Gedankenansatz ist falsch. Ich akzeptiere schon, dass er mir so nah ist, ich verstehe nur nicht, wie es sein kann. Schon wieder drehe ich mich im Kreis. Ich kreise um mich selbst und um dich – oder bist es nicht du, sondern ist es Max? Seid ihr nun Eins oder was ist anders an ihm, trotz aller Verbindungen und Ähnlichkeiten? Du bist so etwas Besonderes für mich, ein solch intensiver Begleiter in meinem Leben, dass es keine Therapie der Welt geschafft hat, mich auf andere Bahnen zu setzen. Solch eine Form von Freundschaft, Liebe, oder wie man es auch immer nennen will ist so selten, das sagt sogar meine Therapeutin. Sie ist so selten, dass noch nicht einmal jeder Mensch behaupten könnte, einmal in seinem Leben eine solche Freundschaft, oder Liebe erfahren zu haben. Auf meine entsetzte Frage hin, ob ich nun dankbar sein sollte dafür, dass ich vergewaltigt wurde, antwortete sie damals: “Auf eine ganz spezielle Weise, vielleicht.” Heute weiß ich, dass sie Recht hatte. Denn aus diesem Unglück heraus, aus dieser Qual und den Schmerzen ist durch dein späteres Auftauchen etwas entstanden, was es sonst nur noch ganz selten auf der Welt gibt – und dieses Glück wurde mir zuteil.

“Denkst du an ihn?”

Ich drehe meinen Kopf und sehe, dass Mäxchen ganz gemütlich auf der Seite liegt, die Decke unter dem Kopf zusammengeknuffelt, und mich beobachtet.

“Hey, wie lang beobachtest du mich schon du Schlawiner? Und um deine Frage zu beantworten: Auch – ich denke auch an ihn. Und ich denke an dich. Und an uns. Und an hier.”

“Er muss ein einmaliger Mensch gewesen sein, wenn du ihm heute noch so viele Gedanken und Liebe schenkst, ihm so viel deiner Zeit widmest. Beneidenswert, wirklich beneidenswert.”

“Bis vor einiger Zeit hätte ich dir die Einmaligkeit sofort unterschrieben. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr ganz sicher.”

“Ist was passiert? Hast du was von ihm erfahren, was sein Licht flackern lässt?”

“Nein, beim Poseidon, nein, das nicht. Ich weiß nicht, wie ich dir das jetzt beschreiben soll. Und außerdem hab ich Angst, dass es dir zu viel wird, wenn ich jetzt zu erzählen beginne.”

“Wir können ja ein Frage-Antwort-Spiel daraus machen. Wenn du magst. Und mach dir um mich mal keine Sorgen, Kleines, ich melde mich schon, wenn ich nicht mehr kann, oder schlafe einfach wieder ein.”

Aufmunternd zwinkert mir mein Patient zu und mein Kopf ist schon wieder ganz wo anders, aber gar nicht so weit weg:

“Es ist doch kein Problem, wenn du nicht darüber reden willst. Du musst ja auch nicht. Ich hab doch nur gefragt, Kleines, weil du so nachdenklich und so traurig ausschaust.”

“Kannst du mich nicht fragen?”

“Wie jetzt, fragen?”

“Na, kannst du mir nicht Fragen stellen über das, was du wissen möchtest. Ich will ja reden, aber…”

“Ah, jetzt versteh ich dich Sysse. Du meinst wie ein Frage-und-Antwort-Spiel. Der heiße Stuhl – nenn mich Ulrich Meyer.”

“Alles besser als frei erzählen, Herr Wal… ähm Meyer.”

“Meine erste Frage wäre: Hast du mittlerweile mal mit deinen Eltern darüber gesprochen?”

“Nein, hab ich nicht. Es hat sich noch nicht ergeben.”

“Was muss sich denn da ergeben? Mensch, findest du nicht, dass sie ein Recht darauf haben, davon zu erfahren?”

“Vielleicht. Aber sie haben so viele andere Sorgen – mein Bruder, die Scheidung, ich bin die Letzte, die da jetzt noch einen oben drauf setzen möchte.”

“Willst du mir weiß machen Kleines, dass du das jetzt schon seit Wochen mit dir rumträgst und zu Hause die heile Welt spielst, während du hier regelmäßig die Wände hochgehst?”

“Ach, ist es dir zu viel? Ich kann’s auch lassen.”

“Jetzt ist gut. Du weißt genau wie ich das meine. Mal abgesehen von deinen Ellis, tust du dir am meisten damit weh. Wie soll dich denn jemand verstehen, wenn du nicht redest?”

“Was gibt es denn da zu verstehen? Zwei Typen hatten Bock – ich nicht. Die Schmerzen und die Erinnerungen kann mir eh keiner nehmen, auch meine Eltern nicht, selbst wenn sie es wüssten. Das kann man noch nicht einmal teilen. Mir fällt nämlich absolut niemand auf der Welt ein, dem ich von dieser Erfahrung gerne ein Stück abgeben würde. Und ich weiß, dass es jetzt einfach zuviel wäre für sie. Ich komm damit schon klar. Irgendwie – irgendwann. Erzählst du deiner Mutter, wenn du anschaffen gehst für den nächsten Schuss? Erzählst du deinem Dad, wie sehr du darunter leidest bei der alten Schrapnell aufgewachsen zu sein und wie es um dich steht, weil diese Frau dein Leben so verkorkst hat und er einfach in der Versenkung verschwand?”

“Ulrike Meyer – du drehst den Spieß um.”

“Und du nimmst mich nicht Ernst.”

“Doch das tue ich – und du ahnst gar nicht wie sehr. Ich wünsche mir für dich eben nur mehr Leben.”

“Ich lebe – ich bin nicht tot – und ich bin auch nicht auf dem Weg dahin, wie wer anders hier im Raum. So what? Ich komme schon klar. Ich höre auf mein Herz. Ich folge meinem Bauchgefühl und dann wird alles gut werden. Das hat mir zumindest mal ein sehr, sehr lieber Mensch in Aussicht gestellt.”

“Es tut mir leid Kleines, ich hätte davon nicht anfangen sollen.”

“Nein, Großer, es war richtig so. Aber es gibt eben Dinge, da hab selbst ich nichts zu sagen. Nicht mehr. Nicht mehr, als du schon weißt und jeden Tag aufs Neue mitbekommst.”





Es ist noch nicht Tag,

27 10 2009

Es ist noch nicht Tag, und wenn dieser Nochnichttag in seiner Folge so fad schmeckt wie mein erster Kaffee, dann erfinde ich den achten Tag der Woche – den Nochnichttag. Wäre Dune nicht so furchtbar unruhig, hätte ich sicher noch das eine oder andere Stündchen schlafen können, zumindest so lange, bis es einigermaßen hell ist draußen. Doch der Nebel, der vor dem Bullauge seine Wellen schlägt, verspricht einen ähnlichen Tag wie gestern. Dune ist einfach nicht zu beruhigen. Unruhig läuft sie durch die Stube, steht immer wieder an der Treppe und junkert und ab und an läuft sie auch hinunter und kratzt an der Tür. Die habe ich ihr schon mindestens dreimal geöffnet, aber sie will nicht raus, weil sie muss, da muss was anderes hinter stecken. Sie muss jetzt erst einmal damit zurecht kommen, dass ich noch nicht so weit bin. Ich brauche etwas länger um in die Puschen zu kommen. Zwar beeile ich mich, doch bin ich für meine Hündin nicht schnell genug. Sie wird nicht nur immer hektischer, sondern auch immer lauter in ihren Äußerungen und ich bekomme fast Aggressionen ob dieser Hetze. Sie weiß doch, dass ich nicht zu den Stehauffrauchen gehöre, die von der Matratze in den Tag hüpfen und mit diesem Speed durch das Leben sausen. „Boah Dune. Es ist gut jetzt!!! AUS!!! Ich mach doch schon. Schneller geht’s halt nicht!“ Wie vom Donner gerührt verharrt mein Haustier für einen Augenblick in ihrer Haltung, schaut mich irritiert mit ihren bildhübschen Augen an und beginnt von Vorne.

Genau achtundzwanzig Minuten des Terrors habe ich nun hinter mich gebracht und ich bin heilfroh, als wir endlich den Turm verlassen können. Im Brusttaxi trage ich Fee und Kleine Düne spazieren, während Dune voraus prescht, laut bellend, fast aggressiv und nach ein paar Sprüngen immer wieder zu mir zurückkehrt, um mich mit gleichem Wortlaut anzutreiben. Vielleicht sind die Delfine wieder da und sie versucht mir das irgendwie mitzuteilen. Aber das geht doch auch weniger panisch und ruhiger?! Ohne es selbst gleich zu bemerken, stapfe ich einen Schritt schneller durch den schweren Sand. Und das erste Mal höre ich mich, wie ich über die Wetterumstände wirklich nöle. Zum Barfußlaufen ist es viel zu kalt, das gäbe Frostbeulen an den Füßen. Und für ein lockeres Walking in Gummistiefeln bin weder ich geschaffen, noch ist der Sand dazu wirklich geeignet. Doch die Unruhe meiner Hündin überträgt sich auf mich und leise schleicht in mir der Verdacht auf, dass irgendwas mit Max vielleicht nicht stimmen könnte. Hunde haben doch so einen siebten Sinn. Ich rufe mir seine eigenartige SMS in den Kopf und in meinem Herzen zieht sich alles zusammen. Ja sicher! Natürlich! Das ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Wenn Dune Max schon hören kann, bevor ich ihn höre, dann fühlt sie vielleicht auch, dass es ihm schlecht geht. Darum ist sie so nervös und so zickig.

Neben den schweren Schritten macht mir die mangelnde Sicht arg zu schaffen. Ich kann kaum einen Meter weit nach vorne schauen, und wenn Dune losläuft, ist sie bald aus meiner sehenden Wahrnehmung verschwunden und ich höre nur noch kläffenden Nebel. Doch das alles darf mich jetzt nicht aufhalten oder verlangsamen. Ich hoffe, dass von der Brühe nachher noch etwas in dem Topf ist und sich nicht alles in meinen Rucksack ergossen hat. Viel mehr hoffe ich aber, dass Max sie überhaupt noch genießen kann. Horrorszenarien spielen sich vor meinem geistigen Auge ab. Vielleicht ist er beim Dachflicken gestürzt und hat sich was gebrochen? Ganz langsam und schleichend macht sich in mir dieses Gefühl breit, das ich das letzte Mal vor gar nicht all zu langer Zeit hatte – als Dune verschwunden war. Diese Sorge, gepaart mit Angst. Diese Hilflosigkeit im Kontrast zu dieser Panik. Klare Gedanken sind nicht mehr möglich und mit jedem Schritt werden meine Selbstgespräche lauter. Alles wird gut. Es ist nichts Schlimmes. Vielleicht hat er nur seine Tage. Alles wird gut. Gleich bist du da und du kannst ihn umarmen. Er hat dir gesmst also lebt er. Nur Lebende können ein Handy bedienen. Und wenn er mit seinen großen Händen noch die kleinen Tasten drücken kann, dann kann es so schlimm nicht sein. Aber das war gestern. Vielleicht geht es ihm heute schon viel schlechter. Warum sonst sollte Dune so ausflippen? Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.

Autsch! Verdammt was ist das jetzt? Ich war so mit meiner Gebetsmühle zu Max Zustand beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich schon längst angekommen bin. Also bin ich direkt in die Stiege gelaufen und habe mich fast der Länge nach drauf gelegt. Gott sei Dank konnte ich mich noch abfangen, sonst hätte es Kieferbruch bei mir und mindestens böse Quetschungen im Brusttaxi gegeben. Zwar kann ich mich über eine mangelnde Oberweite nicht beschweren, im Gegenteil, aber ob die Milchtüten als Airbags wirklich was taugen, möchte ich bezweifeln.

Dune läuft um den Pfahlbau herum und bellt sich schlapp. Ich rufe sie herbei und versuche sie irgendwie zu beruhigen. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihr klar machen soll, dass ich sie nicht die Holzsprossen hinauf gewuchtet bekomme und darum erstmal alleine vorgehe. Natürlich versteht sie mich nicht und so steigert sich ihr Gekläffe auch noch einmal mächtig, als ich die ersten Stufen nach oben klettere. Doch dann, als hätte jemand bei ihr den Ausknopf gefunden, den ich mir dann unbedingt noch zeigen lassen muss, setzt sie sich vor die Leiter und schweigt. Naja, sie schweigt nicht wirklich. Das Gejunker ist aber schon um ein Vielfaches angenehmer als ihr Gebrüll.

Erst ganz leise und dann etwas heftiger klopfe ich an der schweren Holztür, an der eigens für diesen Zweck ein Schlagring im Maul eines Gargoyles befestigt ist. Diese Tür erinnert mich immer an den Film „Das Labyrinth“ mit David Bowie – wo dieses Mädchen die Frage nach Wahrheit und Lüge beantworten muss. Aus dem Inneren des Turms ist nichts zu vernehmen und ich drehe vorsichtig den dicken Türknauf, natürlich erstmal nach links, woraufhin sich so gar nichts öffnen lässt. Eine neuerliche Drehung in die richtige Richtung lässt die Türe aufspringen und ich öffne sie einen Spalt, gerade so weit, dass ich mein Haupt hindurch strecken kann. Es ist ziemlich dunkel, da Max rundum die Gardinchen zu gezogen hat. Nachdem sich meine Augen an die halbe Dunkelheit gewöhnt haben, entdecke ich das Bett und Max darin. Keine Bewegung, kein Anzeichen dafür, dass er mein Kommen registriert hat.

„Max? Max? Bist du wach?“

Eine der wohl dämlichsten Fragen, die man jemandem stellen kann, der gerade im Bett liegt. Hat er nämlich geschlafen, dann hat er geschlafen und ist oder wird spätestens jetzt wach. Ich kann über mich selbst mal wieder nur den Kopf schütteln und traue ich mich in die Stube hinein. In kleinen Schritten gehe ich auf das Bett zu und je näher ich komme, um so lauter wird dieses röchelnde und rasselnde Geräusch, das ich nur zu gut kenne. Scheiße. Verdammte Scheiße noch mal. Du dämlicher Idiot. Warum machst du einen auf cool mit deiner SMS, anstatt zu schreiben was los ist? Als ich bei Max ankomme, spüre ich, ohne ihn anzufassen, die Hitze, die von ihm aufsteigt. Die Atemgeräusche dazu genommen, gehe ich von einer deftigen Lungenentzündung aus. Der Ofen ist aus und es ist nicht wirklich wärmer hier drin als draußen. Als erstes muss das Fieber runter, von dem ich gar nicht wirklich wissen will, wie hoch es ist. Und wenn es dann temperaturtechnisch in den Keller geht, muss ich ihn zu mir in den Turm schaffen. Notfalls mit Gewalt. Er wird mich hassen, weil ich seinen R4 entweihe, in dem ich führerscheinloses Wesen ihn damit zum Leuchtturm bringe. Aber damit kann ich besser umgehen, als ihn für alle Zeit an die Meergötter zu verlieren.

Als hätte ich nie etwas anderes getan, schmeiße ich den Ofen an und setze Wasser auf. Wenigstens gut eingekauft hat er vorher. Ich versuche nicht daran zu denken, was eine Lungenentzündung mit einem alten Mann alles anstellen kann. Ich funktioniere. Stube heizen, Wasser kochen, Wadenwickel machen, ihm einen frischen Pyjama anziehen und die Zudecke austauschen. Weiß der Geier warum er alles in mehrfacher Ausführung hier hat, wo das doch nur sein Zweitwohnsitz hat, aber es ist gut so wie es ist, so habe ich eigentlich perfekte Voraussetzungen, ihm zu helfen. Die durchgeschwitzten Sachen koche ich kurz aus und hänge sie dann zum Trocknen über den Ofen. Ebenso verfahre ich mit der Decke – allerdings ohne sie vorher zu waschen. Dafür hätte ich dann doch gerne meine gute Bosch, nebst Herrn Trockner.

Dass ich Fee und Kleine Düne noch immer an der Brust mit mir herumschleppe merke ich erst, als mich Fee mit ihren Krallen bearbeitet. Oh Mann, denen muss ja vollends übel geworden sein. Aus Küchenhandtüchern und trockenen Aufnehmern, die ich in diesem gut sortierten Pfahlbau finde, baue ich den beiden ein kuscheliges Nest nahe dem Ofen in einem Einkaufskorb. So können sie, beziehungsweise so kann Fee auch nicht heraus, ohne dass ich es hören würde. Die wohlige Wärme des Ofens scheint sie auch gleich einzulullen und beide schlafen sofort ein.

Viele erste Handgriffe sind getan und ich muss mir eingestehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Hier in dem Pfahlbau klappt das alles nicht. Entweder brauche ich Hilfe, noch zwei bis fünf weitere Hände oder Max muss in den Turm, wo ich, als knochenkrankes und leicht hypochondrisches Wesen auf alle Eventualitäten eingerichtet bin. Wer braucht schon Ärzte und Krankenhäuser. Davon hatte ich in der Vergangenheit wahrlich genug. Notsituationen erfordern besondere Maßnahmen. Das hier ist eine Notsituation und ich hoffe Max wird mir das irgendwie verzeihen können. Ich durchsuche seine Klamotten nach dem Handy. Weit kann es nicht sein, hat er mir doch gestern noch diese Kurzmitteilung geschickt.

Ohne Probleme könnte ich dem Sandburgenbauer jetzt einen Zugang legen, aber bei der Suche nach seinem Telefon werde ich super nervös. Normal ist das nicht. Aber ich hasse so etwas. Meine ausgeprägte Neugier hin oder her, ich mag nicht in fremden Sachen herumwühlen. Das konnte ich noch nie und nur weil dies eine Notsituation ist, wird das Gefühl einen Vertrauensbruch zu begehen nicht schwächer. Doch es muss sein. Ah unterm Bett. Ich sehe wie etwas unter dem Bett aufblinkt und greife mir das Gerät. Max hat acht Anrufe in Abwesenheit. Na, der ist ja noch ignoranter als ich. Eine neue SMS ist auch gerade gekommen. Aber das alles interessiert mich jetzt nicht. Im digitalen Telefonbuch suche ich nach irgendwas, das wie Jacques klingt und werde fündig. Jacques muss mir irgendwie zur Hilfe eilen. Ich weiß noch nicht, wie diese Hilfe aussehen kann, aber sie muss her. Jacques muss her. Der beste Freund, der weise, greise Mann, der Dune gerettet hat. Ein alter Viehdoktor, der alles dafür geben wird, seinem Freund zu helfen.

Hektisch wähle ich den Eintrag aus und versuche die Verbindung herzustellen. Gott sei Dank, es klingelt. Eigentlich ist es Schwachsinn. Jacques kann vor heute Abend nicht hier sein. Aber vielleicht hat er ja eine gute Idee. Nach dem fünften Klingeln hebt ein Mädchen auf der anderen Seite ab und meldet sich ordentlich und mit vollständigem Namen, den ich gar nicht verstehe. Ich weine, ich brülle, ich rede wirr daher und es dauert eine ganze Weile, bis mich eine der Enkelinnen, die ich wohl an der Strippe habe, darüber aufklären kann, dass ihr Papa und ihr Opa schon seit ganz früh unterwegs sind um Max zu besuchen. Danach kommt noch Jacques Frau ans Telefon, die mich dann wirklich wieder runter holt von meiner Sorgenpalme. Es könne nicht mehr lange dauern, sie seien schon vor Stunden los gefahren und müssten bald eintreffen. Jacques hat seit vorgestern versucht seinen Freund zu erreichen und gar keine Reaktion erfahren, woraufhin er sich voller Sorge seinen Sohn schnappte und auf den Weg machte. Ganz kurz fährt mir die Frage durch den Kopf, wieso sich Max bei mir antwortend meldet aber nicht bei seinem Uraltfreund reagiert. Doch ich denke diesen Gedanken nicht zu Ende.

In dem Moment, wo ich mich von Jacques Frau verabschiede, betreten zwei Männer den Raum. Einer der beiden trägt meinen Hund im Arm, der ungeduldig rumzappelt und endlich wieder festen Boden unter den Pfoten wünscht. Im Gegenlicht erkenne ich Jacques und ich falle dem alten Mann in die Arme und beginne einfach nur hemmungslos zu weinen. Danke. Danke wem auch immer. Danke, danke, danke.

Jetzt wird alles wieder gut.

Mit der tränenreichen Umarmung trete ich alles an Jacques ab. Ich übergebe ihm meine Angst, meine Sorgen, meine Hilflosigkeit, meine Liebe zu Max, meine Erinnerungen. Mit seiner festen und starken Umarmung nimmt mir Jacques alles ab. Er nimmt mir die Last, die Sorge, die Hilflosigkeit, die Angst und meine Erinnerungen, nur die Liebe zu Max, die teilt er mit mir.





Das laute Aufschreien

26 10 2009

Das laute Aufschreien von Kleine Düne reißt mich aus meinen Gedanken. So schnell ich kann, spurte ich zu ihm hin, komme aber wie meist zu spät, weil Dune schon munter und fürsorglich vor ihm sitzt. Eine hauchdünnes Rinnsal Blut fließt aus seinem Stirnfell, Fee faucht ihn an und sucht sich einen anderen Platz zum Weiterschlafen. Ich schau mir die Wunde des Welpen an, die schon von der Frau Mama saubergeleckt wird. Ist nicht schlimm. War sicher nur der Schreck. Bis er laufen kann, ist das längst vergessen. Mich würde nur interessieren, was Fee so gereizt hat, dass sie ihm eine scheuern musste. Vielleicht hat er ihren Stumpf mit einer überdimensionalen Zitze verwechselt? Oder Fee hatte einen Alptraum. Achselzuckend verlasse ich den Kampfkorb und muss schon ein bisschen schmunzeln über die Tatsache, wie sich Realität und Erinnerung fast decken – nur habe ich eine Nase zertrümmert, während Fee sich im Skalpieren probiert hat.

So entspannt wie in dieser Woche war ich schon lange nicht mehr. Alles hat sich zum Guten gewendet, wenn es nicht schon gut war und bis auf das Wetter, was ich persönlich eher als normal denn als furchtbar einstufen würde zu dieser Jahreszeit, waren die Tage sehr harmonisch und verliefen in aller Ruhe. Noch nicht einmal mehr das Gespräch mit Max macht mir Kopfschmerzen. Im Gegenteil, ich freue mich schon richtig darauf ihm von dir zu erzählen. So er mir nicht zuvor kommt, werde ich ihn die Tage einmal besuchen. Vielleicht kann ich ihm ja auch noch ein bisschen bei den Reparaturarbeiten am Pfahlbau helfen. Ansonsten werden wir heiße Schoggi trinken und einfach alles auf uns zukommen lassen. Drücken werde ich mich sicher nicht mehr, das ist so sicher wie das Signal unseres Leuchtfeuers.

Seeluft macht gesund, das beweist sich hier immer wieder aufs Neue. Nachdem Dunes Hals so toll abgeheilt ist und Jacques tolle Naht sich bereits in einen zarten feinen Strich unter dem nachwachsenden Stoppelfell verwandelt hat, beschließe ich heute den Bauchverband abzunehmen. Bislang habe ich immer nur ganz vorsichtig geschaut, ob alles in Ordnung ist. Bereitwillig legt sich Dune auf der Couch auf den Rücken und lässt sich von Oberschwester Leuchtturmwärterin verarzten. Auch die Bauchwunde sieht einfach toll aus. Der alte Zausel hat echt noch eine Menge auf dem Kasten. Das Einzige was an dem Bauch entzündet scheint, ist eine der beiden Zitzen, an denen sich Kleine Düne stets verlustiert. Das werde ich die nächsten Tage mal beobachten und notfalls muss ich sie eben mit Pflaster abkleben, damit der junge Herr seine Kieferchen davon lässt. Ganz sanft massiere ich der Lady den Bauch, und ich wette, wenn sie könnte, sie würde schnurren. Stattdessen gibt sie eigenartige Grunzgeräusche von sich, räkelt und streckt sich. Ohne viel Druck aber mit Fingernägeln schubbere ich sie entlang der Zitzenleisten. Das muss eine wahre Wohltat sein und ich erinnere mich an meine Operationen und wie selig ich war, als ich diese verdammten Anti-Thrombose-Strümpfe endlich ausziehen durfte. Es ist so schön zu beobachten, wie viel Vertrauen Dune in mich hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ihr nie etwas antun könnte. Kleine Düne liegt an Mamas Kopf und ich frage mich, ob er wirklich nichts sehen kann, trotz geöffneter Augen.

Vergnügt und glücklich schnappe ich mein Handy und smse Max, ob er vielleicht Lust auf einen Besuch hat. Ich würde auch versuchen, Dune zu überreden mit zu kommen. Da ich um die Handyunlust von Max weiß, erwarte ich gar keine rasche Antwort. So räume ich hier und wusele dort ein bisschen herum, vertreibe mir die Zeit mit gemeiner Turmarbeit und erfreue mich an meinen Mitbewohnern. Fee entscheidet sich sogar zwischendurch, mir bei dem schnöden Gewische Gesellschaft zu leisten, krallt sich an mir hoch, bis ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, und sie freiwillig auf meine Schulter setze. In der Duschkabine springt sie ab, hat sie doch eine klitzekleine Spinne entdeckt, die ihr Jagdfieber weckt. Es ist so süß anzuschauen. Wie sie sich heranpirscht, noch kleiner macht, als sie eh schon ist, wie ihr gebrochener Schwanz durch die Gegend peitscht und sie schließlich, nach langem Getue doch im Leeren landet, weil die Spinne sich derweil wieder auf dem Weg nach oben befindet. Natürlich hole ich die Kamera, diese Jagd in der Duschtasse muss einfach festgehalten werden.

Der Staubnebel im Leuchtturm ist beseitigt, der Nebel draußen liegt satt und dick auf dem Strand und dem Meer. Wie sagte Mütterchen früher immer, sie hatte einen bestimmten Ausdruck dafür. Waschküche – genau, das war es. Mütterchen nannte den Zustand immer Waschküche. Denn früher, als noch in den großen Bottichen Wäsche gekocht wurde, war es in den Waschküchen durch den Wasserdunst sehr nebelig. Ich kann mich ja mal aus dem Fenster hängen und nach unten schauen, dann wird mir schwindelig, weil ich nicht wirklich frei von Höhenangst bin. Dann ist der Schleudergang direkt mit dabei. Ich phantasiere schon wieder wild rum. Wird man so, wenn man am schönsten Platz der Welt alleine unter Tieren lebt? Apropos alleine. Max hat sich immer noch nicht gemeldet und ich fürchte, ich muss bis Morgen warten mit meinem Besuch. Vielleicht ist ja dann auch die Sicht wieder etwas besser und ich kann auf meinem Spaziergang zum Pfahlbau auch die Aussicht auf das Meer genießen. Ich starte einen neuen Versuch in Sachen Kurzmitteilung und füge gleich an, dass sich der Besuch wohl auf Morgen verschieben wird.

Nicht richtig ~ Nicht ich

Es wurde nicht Tag

Nicht richtig

Nicht hell

Ich wurde nicht Mensch

Nicht richtig

Nicht ich

So bleib ich hier

Schließe die Augen

Schließe mich

Und trau mich

Zu sein wie ich bin

Nicht Mensch

Nicht richtig

ICH

Ich weiß nicht, warum mir all diese Verse jetzt einfallen. Wohlmöglich weil dieses Wetter zu poetischen Ausflügen einlädt, weil es so traurigschaurig schön ist dort draußen und ich mich nicht entscheiden kann, ob ich gehen oder bleiben mag. All diese Verse habe ich mal dir geschrieben oder ich hätte sie dir noch schreiben wollen, bekam aber leider nie wieder die Chance dazu. Die, die ich dir schrieb, wanderten damals in diese große Schatzkiste – die Schatzkiste, die wohl heute noch irgendwo ungeliebt und unbeachtet auf dem Speicher oder im Keller des Drachens steht, der auch gemeinhin als deine Mutter bekannt ist. Nein, sorge dich nicht, ich steigere mich nicht wieder in diese Wut hinein, die ich in mir trage, wenn ich an sie denke oder von ihr spreche. Mich überkommt nur einmal mehr unendliche Traurigkeit über diese unfassbare Lieblosigkeit. Denke ich an mein Mütterchen, denke ich voller Liebe an sie und ihre Liebe, die sie mir bis heute entgegen bringt. Auf diese Mutterliebe kann ich immer zählen, auf sie bauen. Natürlich ist unsere Beziehung auch schwierig. Welche Mutter-Tochter-Beziehung ist das nicht. Doch bei allen Schwierigkeiten schwingt auch immer Zuneigung mit, ist die Beziehung immer in Liebe gehüllt und stärkt für alles, was ich für mein Leben brauche, seit ich auf eigenen Füßen stehe. Deine Mutter verstehe ich bis heute nicht. Und ich mag sie nicht. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Eigentlich brauche ich dir gar nichts mehr erzählen, denn du weißt ja schon alles von mir, und das was du nicht weißt, das siehst du. Von dort oben, irgendwo hinter dieser Nebelwolkendecke, die so ganz und gar unkuschelig aussieht.

Ist es noch Tag oder wird es schon Nacht? Ich bin so aus dem Rhythmus durch diese wohlige Ruhe hier, es ist nicht zu fassen. Der Blick auf die Uhr an der Mikrowelle entsetzt mich. 0:00 Uhr blinkt es und blinkt es und blinkt es. Stromausfall? Hatten wir hier Stromausfall und ich hab’s nicht gemerkt? Oh Shit, dieser dämliche Staubsauger. In meiner wischenden Putzwut habe ich dieses Monster kurz eingesteckt und die Mikrowelle ausgestöpselt. Und nun? Wo krieg ich jetzt die Uhrzeit her? Grob schätzen ist nicht, da liege ich wahrscheinlich um Tage daneben. Das Handy. Mein Mobiltelefon, das immer noch keinen Mitteilungseingang zu verzeichnen hat, zeigt dafür verlässlich die Uhrzeit an. Halb Fünf – und wenn mich meine Sinne nicht ganz im Stich gelassen haben, haben wir Halb Fünf am Abend. Dann wird’s gleich ganz schnell Nacht. Und während ich so überlege, was ich mit der anbrechenden Nacht anfangen kann, miept der Kommunikationsknochen in meiner Hand. Aha, dem Meister des Sandes ist seine Pin eingefallen und er hat sein Handy aktiviert.

„Kleines bitte nicht, Morgen auch nicht. Mir ist nicht wohl. Sorge dich nicht. Hab dich lieb. Max“

Dass dir nicht wohl ist glaub ich wohl. Bist du doof oder was? Wenn es dir nicht gut geht, dann muss ich doch erst recht vorbeischauen. Ein bisschen betüddeln tut dir sicher gut. Vielleicht kann ich was für dich erledigen. Und wer weiß, was mit dir los ist. Wenn es das Weltenübel ist, dann muss ich dich sehen. Und wenn du krank bist, dann schon mal erst recht. Pfft – Mir ist nicht wohl. Ich zeige Dune die SMS und sie bellt das Handy an, oder bellt sie es aus? Egal, sie bellt und bestätigt mich in meinem Wunsch, den Sandburgenbauer zu sehen. Also koche ich jetzt eine leckere Brühe und dann packe ich meinen Rucki und Morgen, in aller Frühe, mache ich mich auf die Gummistiefel, um Max heim zu suchen. Basta. Dune bellt erneut, als wolle sie damit diesen Plan beglaubigen.

Schnell ist die Brühe zubereitet und zu meinem großen Erstaunen schmeckt sie sogar. Eigentlich kann ich wirklich gut kochen, aber ich muss auch in der Stimmung dazu sein, und die geht mir gerade heftig ab. Ich sorge mich um Max und wenn ich nicht so schissig wäre, würde ich mich gleich auf die Gummistiefel machen. Ich weiß, er will es nicht. Aber ich habe den heftigeren Dickkopf. Und doch werde ich mich bis Tagesanbruch gedulden. Geduld. Ein absolutes Fremdwort. Wer Geduld hat ist zu feige gleich zu handeln. Das hat mal so ein Schnösel in meiner Schulzeit gesagt. Er hat gleich gehandelt und in der Bank, in der er seine Lehre gemacht hat, Gelder veruntreut. Selber Schuld.

Sterbensstille

Nachts

Bei dir

Ein unbeleuchteter Moment

Stille

Nebel

Wellen

Nebelwellen

Stille

Nachts

Bei dir

Zum Sterben schön

Sterbensstille

Das Wettergetöse hat nachgelassen. Es ist bitterkalt und immer noch liegt der Nebel über dem Land. Sobald das Leuchtfeuer den Ozean berührt, kann man die dicken undurchdringbaren Schleier sehen, wie sie schwer über dem Wasser hängen. Keine Möwe kreischt, kein Bootsmotor brummt aus der Ferne. Die Nacht scheint sich dem Nebel ergeben zu haben.

„Kannst du ihn hören?“

„Wen?“

„Den Nebel Kleines, den Nebel!“

„Was für’n Zeug hast du dir denn gerade gespritzt? Seit wann kann man Nebel hören?“

„Was hörst du denn?“

„Nichts Großer, hier ist nichts zu hören.“

„Dann hörst du ihn, den Nebel. Diese unheimliche Stille, die einen herunter zieht und doch wach sein lässt, die dich wachsam sein lässt, bis eine seltsame Müdigkeit dich überkommt, die nichts spricht, aber doch alles sagt – diese Stille, das ist der Nebel.“

Damals hielt ich deine Ausführungen für sehr schräg. Ich habe dir deine Drogen zu Gute gehalten und dass du wahrscheinlich gerade auf einem ganz eigenartigen Tripp bist. Aber seitdem ich hier bin, kann ich dich wirklich verstehen. Und ich kann sie wirklich hören, diese Stille – ich höre ihm zu, dem Nebel. Diese Nacht ist so ruhig, dass ich kaum in den Schlaf finde. Einzig das Gebrumme des Leuchtfeuers, Dunes Schnarchen und das behagliche Schmatzen von Kleine Düne durchdringen die Stille hin und wieder. Das ist doch wirklich krank. Wohne ich an einer Straße, kann ich nicht schlafen, weil mich die vielen Autos und vor allem diese mobilen Discos nerven. Schlafe ich in einem Hotelzimmer nahe eines Wasserfalls, kann ich nicht schlafen, weil ich einen ständigen Blasendrang verspüre. Hier, unter dem Himmelszelt, vierzig Meter oder 159 Stufen von der Erde entfernt, kann ich nicht schlafen, weil es mir zu still ist? Ich kann sie wirklich nicht mehr alle haben, oder?

Nachdem ich mich ein Weilchen selbst fertig gemacht habe und mittels leiser Selbstgespräche versuchte mir bei zu bringen, dass ich schon eine komische Leuchtturmwärterin bin, gestehe ich mir ein, dass es nicht die Stille ist, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Es ist wieder der Kopf. Es ist der Grübel, der sich mitten in meine Stirn gesetzt hat und alles daran setzt, dass ich nicht schlafe. Er will, dass ich mich auseinandersetze. Jetzt und hier. Und wieder schweifen meine Gedanken zu Max ab. Doch diesmal denke ich nicht darüber nach, dass er krank sein könnte. Diese Gewissheit werde ich morgen bekommen. Nein, es ist dieses Gefühl ihn zu mögen, ja ihn fast zu lieben und ihm so nahe zu sein, wie ich es erst einmal einem Menschen war. Nämlich dir. Ich muss herausfinden was das ist. Ich will es herausfinden. Ich werde es herausfinden. Morgen.





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.








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