Pfleger Max gönnt mir

3 11 2009

Pfleger Max gönnt mir noch eine heiße Schokolade vor dem Schlafen gehen. Milch mit Honig sei auch hilfreich zum Einschlafen, dann könnte Kakao nicht schlecht sein. Er kredenzt mir den besten Kakao, den ich seit meinem Einzug ins Krankenhaus getrunken habe, sogar an die Sprühsahne hat er gedacht. Er schüttelt mein Bett ein letztes Mal auf. Deckt mich bis zur Nasenspitze zu und packt mich gut ein, weil er noch einmal kurz lüften möchte. Eiskalte Luft sucht sich ihren Weg durch den Turm. Eiskalte Luft, die begleitet wird vom (be)rauschenden Klang des Meeres. Nach ein paar Minuten sperrt Max den Wind wieder aus und wir hören nur noch das sanfte Brummen der Technik über uns und kaum wahrnehmbar die See. Eine ganze Weile sitzt er bei mir auf der Kojenkante, schweigend, und es ist kein unangenehmes Schweigen. Er nimmt meine Hand und sagt, dass ich mich Morgen nicht erschrecken sollte, falls ich aufwache und er ist nicht da. Zwar sei er der Überzeugung, dass das durchaus noch ein paar Tage Zeit hätte, aber er hätte das Gefühl, dass ich meine Fellnasen sehr vermisse. Drum würde er sich auf den Weg zu Jacques machen und sie holen. So richtig gesund könnte ich doch nur im Kreis meiner Allerliebsten werden. Bei diesem Stichwort drückt er mir gleich noch, dass Verena ja wohl eine ganz Liebe sei. In den Tagen, wo ich dem Tropf gefrönt habe, hätte sie ein paar Mal gesmst. Und da er ja um unsere besondere Form der Fernbeziehung weiß, wollte er sie nicht in Sorge lassen und hat sie kurz angerufen. Dieser Mann denkt wirklich an alles. Und ich bin mal gespannt, was ich demnächst zu hören bekomme. Ich weiß doch wie scheu Verena allem Neuen und allen Veränderungen gegenüber ist. Wie mag sie sich wohl gefühlt haben, als ein wildfremder Mann mit wunderschönem Bariton in der Stimme bei ihr angerufen hat?

Bevor er weitere Beichten loswerden oder wir weitere Planungen besprechen können, schlafe ich unter dem zärtlichen Streicheln meiner Hand ein. Ganz weit weg spüre ich noch einen Kuss auf die Stirn und höre Max guten Wünsche für meine Nacht und wie er Poor Man’s Moody Blues summt. Oder sind es die Nights In White Satin, die mich sanft einhüllen und mich auf meinem Weg ins Traumland begleiten?

Die Stube blitzblank aufgeräumt, eine Tasse Tee, die schon kalt ist und darunter ein Brief. Max scheint wirklich schon weg zu sein, und ich habe es, wie so vieles in den letzten Wochen einfach verpennt. Der Fokus auf die Mikrowelle sagt mir, dass es Mittag ist und Max Brief diktiert mir, dass ich bitte, bitte im Bett bleiben soll. Er ist schon sehr früh aufgebrochen, damit er bald wieder zurück ist, mit den Pfotentieren, die ich wirklich furchtbar vermisse.

Diktat hin, Diktat her. Ich möchte aufstehen. Ich will es versuchen, und da ich nur noch aus dem drittletzten Loch pfeife, wird es wohl schon gehen, wenn ich ganz vorsichtig bin. Also setze ich mich erst einmal auf die Kojenkante und baumele mit den Beinen. Welch eine Wohltat, auch wenn es in meinem Kopf leicht schwindelt. Der Schwindel geht und ich stelle mich auf die Baumelbeine. Ohje, da wo vor einigen Wochen noch Knochen und Muskeln den Gehapparat bildeten, scheint reinster Pudding die Herrschaft übernommen zu haben. Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke. Für eine Insektenjagd bin ich wahrlich noch zu schwach und ich würde sie auch lieber an Fee abtreten. Aber ein Schritt vor den anderen gesetzt ergibt Fortbewegung. So bewege ich mich fort von der Koje, hin zum Bullauge. Endlich etwas anderes sehen als Himmel, Wolken und Regenfäden.

Wie habe ich diesen Aus- und Weitblick vermisst. Der Strand, der Horizont, das Meer. Und auch wenn es grau in grau erscheint, für mich ist es bunt, bunteste und farbenfrohste Lebensfreude. Ich bin unendlich glücklich, dass ich das alles noch erleben darf und einmal mehr unbeschreiblich dankbar, dass ich diese Chance, trotz meiner eigenen Dummheit, erhalten habe. Es zieht mich nach draußen. Wie gern möchte ich jetzt durch den Sand ans Wasser stapfen. Aber das ist wirklich noch zu früh, und ich sollte dieses Vorhaben lieber auf später verschieben, wenn Max wieder da ist. Wenn er überhaupt mit mir los gehen mag, wo ich doch seine nichtärztliche Anordnung mit dem Spaziergang durch die Stube so böse unterwandert habe.

Mein Herz läuft über und im Bauch kribbelt es lustig vor sich hin vor lauter Glück. Perspektiven verschieben sich, Dinge werden unwichtig, dafür rücken andere Kriterien in den Mittelpunkt. Ob ich mich wohl sehr verändert habe, seit ich hier bin? Wer will das beurteilen? Ich kann es nicht. Es ist nicht, wie es scheint. Es ist, wie ich bin. Wieder trifft dieses Motto mitten ins Schwarze. Es ist nicht wie es scheint, grau, diesig, regnerisch. Es ist wie ich bin, glücklich. Und dieses Glück habe ich dir zu verdanken, dir, unserem gemeinsamen Traum und ein bisschen auch meinem Mut, diesen Traum alleine zu leben. So lebe ich ihn alleine, bin aber nicht einsam. Denn da sind Dune, kleine Düne und Fee. Und da ist Max. Allem voran bist du aber hier, weil du überall bist, wo ich bin, weil du in meinem Herzen bist. Auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere, deinen Tod zwar akzeptiert habe, ihn aber nie verstehen werde, möchte ich genau dieses Schicksal auch tausendfach umarmen, alleine für die Tatsache, dass es dich in meinem Leben gab, gibt und immer geben wird. Ein neuer leuchtstürmischer Glückstag.

Und Max? Max geht es mit seinem Schicksal sicher ähnlich. Nur hatte er soviel weniger Zeit und Möglichkeiten. Bevor er vom Vater zum Freund wachsen konnte, bevor er seinen Sohn überhaupt richtig kennen lernen durfte, wurde er aus seinem Leben gerissen. Während es für uns keine menschlichen Hindernisse gab, wurde Max Exfrau für die Vater-Sohn-Beziehung zu einem unüberwindbaren Graben. Es macht wenig Sinn, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche, so lange ich nicht mehr weiß.

Und wieder hängen meine Gedanken bei der Einzigartigkeit und den Unterschieden. Da sind sie wieder, die Parallelen, von denen ich immer noch denke, dass sie sich früher oder später doch treffen werden, und damit doch einfach nur Geraden sind. Ein jeder von euch beiden ist mir unglaublich wichtig, auf seine Art, auf seine ganz spezielle und besondere Art, spielt ihr eine Rolle für mich und in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so denken könnte. Aber gerade die letzten Wochen, haben mir viel gezeigt, von mir, von dir, von ihm.

„Kleines komm mal her, schnell!“

„Was ist? Hast du das Skelett eines Urzeitwals entdeckt?“

„Nein, komm doch mal bitte!“

„WoW ist das schön!“

„Genial, oder?“

„Mehr als genial. Wieso habe ich keinen Fotoapparat?“

„Weil du so einen technischen Schnickschnack nicht magst Sysse? Wieso hast du noch immer keinen Walkmann, dann könntest du mein Saxophon überall mit hin nehmen?“

„Weil ich dich lieber in echt höre, auf dem Küchentisch?“

„Was schätzt du? Wie viele sind das? Hunderte? Tausende?“

„Hmm, schwer zu sagen, guck mal, da sind ganz, ganz winzige dabei.“

„Und zu jeder gibt es irgendwo in dieser Masse ein passendes Gegenstück, einen passenden Deckel.“

„Aber auch dieses Gegenstück ist nie wirklich gleich. Ich werde nachher mal probieren, ob ich das Muschelmeer zeichnen kann.“

„Auja, mach das Kleines. Und das hängen wir uns dann oben in den Leuchtturm. Dann werden wir immer daran erinnert, dass jeder von uns einzigartig ist und anders. Doch irgendwo in der großen weiten Welt, gibt es immer ein passendes Gegenstück. So wie du mein passendes Gegenstück bist.“

Ein Blick ins Muschelmeer:

schönförmig, glattkantig, einmalig,

vielseitig, bruchstückig, wellenrandig,

rundwölbend, edelschimmernd, einbettend,

einschneidend, mehrschichtig, glanzleuchtend,

einzigartig

anders.

Wenn es nicht so furchtbar traurig wäre, könnte ich jetzt glatt schmunzeln darüber. Mir wird gerade bewusst, dass sich Max und ich beide mit einer Lungenentzündung flach gelegt haben. Okay, ich habe noch ein paar Schippen draufgelegt, aber er ist ja auch viel älter. Und beide haben wir es geschafft, weil wir uns beide haben. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird mir glaube ich schwindelig. Ich versuche es ausnahmsweise mal so hin zu nehmen. So, als Glück.

Mein Glücksgefühl wird unterstrichen von einem herzhaften Happs in meine Hand. „AUAAAAA! Hey Dune mein Mädchen. Scheiße bin ich froh dich zu sehen.“

„Erstens was machst du da am offenen Fenster und zweitens, was sind das denn für Töne? Kann man dich nicht mal einen halben Tag alleine lassen?“

So schnell es der puddinggleiche Knochen- und Muskelersatz zulässt, schlurfe ich auf Max zu und falle ihm um den Hals. Ganz fest umarmt er mich, hält mich und er küsst mich auf Wangen, Nase, Stirn, alles was er erwischen kann. „Mensch Kindchen, bin ich froh dich senkrecht zu sehen. Mir war ganz schön mulmig, dich hier so alleine zu lassen!“

„Ich war nicht alleine.“

„Und ich bin nicht so alleine zurückgekommen, wie ich los gefahren bin.“

Gerade als er das ausgesprochen hat, entdecke ich mein zweites Leben als wandelnder Kratzbaum wieder. Fee versucht sich an meinem Bademantel hochzuziehen, scheitert aber an dem lockeren Stoff. Zunächst sucht sie noch Halt in meinem Schienbein und meiner Wade und purzelt dann rückwärts zurück. Es sieht zum Schreien aus! Ich hebe sie gleich auf und setze sie mir auf die Schulter. „Hey Mieze, wir haben aber ordentlich zugelegt. Gab es so viele Mäuse bei Jacques?“

„Dazu sage ich jetzt lieber nichts“, wirft Max ein und grinst über alle Backen. Fee schnurrt.

„Wo ist Kleine Düne“

„Kleine wer?“

„Veräppel mich nicht. Wo ist der Kleine?“

„Ach, du meinst die Wanderdüne. Der kommt gleich.“, sagt er und wirft einen Blick zurück auf die Wendeltreppe. „Er hat schon einen neuen Namen. Cliffhanger. Der Zwerg erklettert alles, was sich erklettern lässt und Jacques hat sich und Dune mehr als einmal gefragt, ob da wirklich nur Hund drin ist, oder nicht irgendwas exotisches.“

Nervös schaue ich die Wendeltreppe hinunter und tatsächlich, ein kleiner Fellklops kämpft sich tapfer Stufe für Stufe zielstrebig nach oben. Ich habe keine Geduld und bitte Max ihn doch zu holen. Natürlich kommt er meiner Bitte nach und nur drei Sekunden später habe ich den kleinen Mann im Arm. Cliff, ich finde das passt besser, weil kürzer, ist richtig ein bisschen rund geworden, und ich fürchte, dass es in den nächsten Tagen ordentliche Kämpfe geben wird, um Fressnäpfe und gegen mich als Dosenöffner. Cliff hat riesige Pfoten. Und mich dünkt, dass aus dem kleinen Mann ein riesiges Vieh werden wird, der wahrscheinlich sogar seine Mutter an Höhe übertreffen wird. Nein, ich möchte nicht wirklich wissen, mit wem oder was sich Dune da eingelassen hat. Mastino? Irischer Wolfshund? Berner Sennen Hund? Ich spinne es nicht weiter.

Den restlichen Nachmittag und noch drei Tage mehr, hält mich Max im Turm gefangen. Zwischendurch habe ich mir wirklich gewünscht ich sei Rapunzel, und könnte mich am eigenen Zopf hinunter lassen. Und doch sehe ich ein, dass es schon richtig war, mich vernünftig auszukurieren. Während ich an keinem Zopf herunter komme, macht Cliffhanger seinem Namen alle Ehre und klettert an allem hoch. Zumindest versucht er es ohne Unterlass und ohne etwas auszulassen. Natürlich gelingt es ihm nicht immer und nicht überall, was ihn furchtbar quieken und bellen lässt. Soweit man bei diesen Lauten schon von Bellen sprechen kann. Die Idee mit dem Gitter vor der Treppe, war die Beste, die ich lange Zeit hatte. Man müsse den Zwerg den ganzen Tag verfolgen und vor sich selbst beschützen. Dune hat ihre Erziehung schon weitestgehend abgeschlossen. Zwar steht sie Cliff noch als Milchbar zur Verfügung, doch im Großen und Ganzen scheint ihr der Nachwuchs eher peinlich zu sein, und wenn nicht er selbst, dann zumindest die eine oder andere seiner Aktionen.

Heute ist einer dieser wundervollen Tage, die man einfach braucht nach Regen, Nebel, Schneegestöber. Zwar hat er träge begonnen und wollte sich nicht so recht aus seinem Nebelbett erheben, doch schon sehr früh, war die Sonne zu sehen, wie sie sich hartnäckig um Aufmerksam- und Sichtbarkeit bemühte. Graue Quellwolken jagen sich kreuz und quer über den blauen Himmel und unter diesem hektischen Dach jagen sich noch viel hektischere Möwen. Ich genieße das Kitzeln der Sonne in der Nase und werde einfach nur quengelig. Wenn ich heute nicht raus darf, dann springe ich. Es kostet mich alle Überredungskraft, weil Max immer noch der Meinung ist, dass ich doch viel zu schwach sei. Alte Männer können so furchtbar stur daher kommen. Ich bin nicht nur ausgeruht, ich kann furchtbar dickköpfig sein, wenn ich es will, oder muss. Und heute muss ich einfach. An diesem schönen Tag kann und werde ich nicht hier im Turm versauern. Den Spruch, nur über meine Leiche, verkneife ich mir angesichts der Schippe, auf der ich gesessen habe. Aber ich lass mich auf keinen Fall heute wieder hier oben einsperren. Das Meer, die Sonne, der Wind, das ist der Rhythmus, bei dem ich mit muss, und das muss und wird Max einsehen. Es kommt mir vor, als referiere ich Stunden und ich habe Angst, dass in dem Moment, wo ich Max weichgeklopft habe, die Sonne schon wieder unter geht.

Natürlich habe ich während all meiner Rederei, Überrederei, Hetzerei und Keiferei nicht für eine Sekunde gemerkt, dass mich der alte Sandburgenbauer wieder auf den Arm nimmt. Nach ganz vielen Minuten und noch mehr Schimpfworten, die meine Lippen einfach so verlassen haben, grinst mich Max auf seine unverwechselbare Weise an und fragt nur?

„Können wir endlich, oder willst du hier bis Sonnenuntergang rumzetern?“

(c) W. Schnee

Manchmal, möchte ich ihn einfach nur hauen.

Endlich wieder frei! Endlich wieder Sand unter den Füßen. Endlich wieder den Wind in meiner Kleidung und im Gesicht. Endlich, endlich, endlich. Nicht nur der Leuchtturm ist nah am Wasser gebaut, ich bin es auch. Und ich freue mich dermaßen über das neu gewonnene Gefühl der Freiheit, dass ich erstmal in beinahe hysterisches Heulen verfalle. Max kommt sofort zu mir und fragt, ob es mir gut geht, ob wir wieder hoch gehen sollen, ob er was tun kann. Beinahe übergangslos verwandelt sich mein Weinen in Lachen. Wieder nach oben gehen? Ich bin frei. Ich bin endlich wieder frei. Ich spüre die Sonne und den Wind, ich höre das Meer und die Möwen, ich stehe auf meinem Strand, an meinem Leuchtturm und da will ich erstmal nicht wieder hoch. Nicht an diesem wohl allerletzten schönen Sonnentag in diesem Jahr.

Unbekanntes Lichtobjekt

Schwarzer Himmel aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen aufs schwarze Meer

Schwarzes Meer aufgerissen

Unbekanntes Lichtobjekt

Strahlen jagen durch das schwarze Meer

Unbekanntes Lichtobjekt

sanftstreichelnd

den Himmel

den Horizont

das Meer

Sonne kämpft sich durch Finsternis

Finsternis ergibt sich der streichelnden Sonne

Als Max merkt, dass es mir eigentlich gut geht und ich nur, im wahrsten Sinne des Wortes, ein bisschen durch den Wind bin, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich hake mich bei ihm unter und wir gehen langsam in Richtung Wasser. Vor uns tobt sich Dune die sonnenlosen Tage von der Seele und hinter uns entdeckt Cliff sein neues Sandzuhause. Fee sitzt wie immer im Taxi, nur dieses Mal nicht bei mir, sondern an Max starker Brust.





All the nights, that I’ve missed you

1 11 2009

All the nights, that I’ve missed you – mit dem Poor Man’s Moody Blues im Kopf und im Herzen wache ich auf. Wieder ein Traum, an den ich mich nicht erinnern kann. Die Melodie in meinem Kopf spricht allerdings dafür, dass du mal wieder vor mir auf dem Küchentisch gesessen hast. Mir ist eiskalt, ich zittere wie Espenlaub und habe fürchterliche Halsschmerzen. Der gestrige Nervenzusammenbruch zieht also weitere Kreise. Ich hasse es krank zu sein. Aber was setze ich mich auch bei strömendem Regen an den Strand und lass mich begießen. Rein wachstumstechnisch hat das doch sowieso keinerlei Auswirkungen mehr. Ich hasse es, wenn der Kopf arbeitet, während sich alle anderen Körperteile schwer und schmerzend anfühlen, ich mich fühle wie unter einem Trecker hervorgezogen und ich mich nicht gescheit rühren kann. Wenn selbst der Gang zum Wasserkocher oder ins Bad zu einer Odyssee ausartet, weil mir jeder Muskel und jeder Knochen schmerzhaft seine Verachtung ausspricht. Gequält schäle ich mich aus der wohligen Umarmung meiner Bettdecke um auf zu stehen. Himmel, Dune kannst du bitte mal das Karussell anhalten. Das ist ja grausig auf nüchternen Magen. Bevor ich mir den Gesundheitstee zubereite, es gibt Zeiten, da verzichte sogar ich auf Kaffee, und im Bad nachsehe, ob an der Frau vor dem Spiegel noch irgendwas zu retten ist, stolpere ich die Wendeltreppe hinunter, um die Türe zu öffnen. Mit letzter Armkraft schiebe ich den Holzpflock zwischen Tür und Rahmen, so kann Dune wenigstens ihre Tagesgeschäfte draußen erledigen und muss sich nicht mit dem Katzenklo herumärgern. Intelligent ist sicher was anderes. Mir ist es absolut frostig und ich lass die Türe für den Hund auf. Aber in meinem Bett mit Wärmflaschen und Dinkelkissen wird’s schon gehen.

Es regnet in Strömen, aber es schneit in …? Wie heißt das bei Schnee? Es schneit in Teppichen? In Vorhängen? In Flocken ist klar. Eigentlich liebe ich diese Ecke der Welt so sehr, weil dieses weiße Übel hier nicht vorkommen sollte – oder höchstens einmal im Jahrhundert. Ich halte diesem Jahrhundert zu Gute, dass es noch nicht so alt ist, und irgendwann muss es ja mal sein. Dann lieber jetzt – und der Rest des Jahrhunderts ist Ruhe. Der Strand ähnelt mehr und mehr einer gigantischen beigebraunen Marmor- oder Granitplatte mit weißer Maserung, die sich stetig mit einander verknüpft, um einen glitzernden Teppich zu bilden. Dann schneit es wahrscheinlich doch in Teppichen. Oder in Verknüpfungen? Naja, ist ja auch egal. Mir ist es viel zu kalt, um mir dieses Naturschauspiel noch länger anzuschauen. Also wanke ich wieder nach oben, koch mir einen frischen Tee, erhitze die Dinkelkissen und ab geht’s in die Falle. Schlafen ist die beste Medizin und ich werde schlicht und ergreifend so lange im Bett bleiben, bis ich wieder gescheit schnaufen kann. Ob es wenigstens Max langsam besser geht?

Schneeflocken tanzen wild vor dem Bullauge umher. Sie erinnern ein wenig an den beknackten Tänzer und Sänger von Boney M. der zu der eigentlich, für damalige Verhältnisse, guten Musik, irre komische Verrenkungen gemacht hat. Fee sitzt auf der Couchlehne und beobachtet das Schneetreiben. Ich würde ja gerne mit ihr ein bisschen raus, damit sie die Kristalle jagen kann. Doch mit fast 40°C Fieber, sollte ich das wohl ganz schnell wieder vergessen. Ich will einfach nur noch schlafen.

Alles tut weh, wirklich alles, und ich möchte mich nicht bewegen müssen. Warum kann Dune keine Dosen öffnen? Seit gestern ist das Fieber noch mal ein bisschen gestiegen. Ich schwitze, ich friere, ich möchte mich in den Schnee legen und anschließend in die Mikrowelle. Kraft- und lieblos fülle ich die Fressnäpfe auf und lege mich zurück in die Koje. Kurz bevor ich im Land der Fieberträume verschwinde, höre ich aus wie aus weiter Ferne mein Handy rappeln. Jacques fragt für Max, ob ich im Pfahlbau mal nach dem Rechten sehen könnte. Zur Antwort bekommt er ein kurzes: “geht nich, krank bin” und schon döse ich wieder ein.

Du warst immer hart gegen dich selbst. Schwächen hast du dir nie erlaubt, bis ich in dein Leben getreten bin. Auf so einen Tüdelkram bei Erkältungen hast du super allergisch reagiert. Nichts konnte man dir recht machen. Alles wolltest du selbst schaffen. Als ich dann krank wurde und mir bald mein rechter Unterschenkel abgefault ist, warst du es allerdings, der mit dem Tüdeln angefangen hat.

“Kleines, deine Temperatur steigt und steigt, das Bein ist super heiß und sieht nicht gut aus. Du musst damit zum Arzt.”

“Nein, ich will nicht. Mach noch mal von der Zugsalbe drauf, das geht dann schon.”

“Das geht nicht. Das versuchen wir seit Tagen. Wenn du jetzt nicht vernünftig wirst, dann lass ich einen Arzt kommen.”

Aus der kleinen Wunde am Schienbein, die ich mir beim Sturz die Kellertreppe hoch eingefangen hatte, war mittlerweile ein ekliger 5-Markstück großer Eiterkrater gewachsen. Natürlich wurde ich nicht vernünftig. Seit der demütigenden Untersuchung damals, habe ich mir Ärzte nur noch von hinten angeguckt, wenn überhaupt. Als ich dann das Phantasieren angefangen habe, hast du es mit der Angst bekommen und einen Notarzt gerufen. Doktor Igel hatte nicht nur keine Lust. Er machte seinem stachligen Namen alle Ehre und ließ uns seine Unlust spüren. Keine Ahnung von welchem Golfrasen wir ihn abgehalten haben. Vor allen Dingen dich hat er auf dem Kieker gehabt.

“Nimmt sie auch Drogen?”

“Nein, keine Drogen!”

“Bist du sicher? Sieht aber schon fertig aus deine Kleine. Und wenn wir ihr nachher das Bein aufschneiden, sollte die Betäubung doch wenigstens ein bisschen wirken oder?”

“Ich wüsste nicht, dass wir schon mal zusammen vor eine Apotheke gekotzt haben. Also duzen sie mich bitte nicht. Sie nimmt keine Drogen! Und wenn sie mir nicht glauben, dann raten sie ihrem messerschwingenden Kollegen doch, dass er vorher ein Screening machen soll. Sie ist absolut sauber. Das Einzige was sie die letzten Tage eingeschmissen hat waren fünf von den Schmerztabletten und diese schwarze Salbe hat sie auf die Wunde aufgetragen.”

“Wollen S i e mir jetzt meinen Job erklären? Wir packen die Kleine jetzt ein und nehmen sie mit in die Notaufnahme. Da wird sie eh gecheckt.”

Du warst so sauer. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass man deinen Pupillen schon aus fünf Kilometer Entfernung angesehen hat, wie dein Grundnahrungsmittel beschaffen ist, hast du dich ganz fürchterlich zusammengerissen, bevor die Situation eskaliert. Im Krankenhaus haben die mich dann gecheckt, die Wunde gesäubert, mir eine Spülung und was gegen das Fieber mitgegeben und ich durfte wieder gehen. Du hast deine letzten Markstücke zusammen sortiert und ein Taxi nach Hause spendiert. Als wir zu Hause ankamen wurdest du ganz still, hast dich erst ins Bad verkrümelt, dann Stundenlang Saxophon gespielt. Erst sehr viel später bist du damit rausgerückt, wie klein du dir vorgekommen bist, weil du mir nicht helfen konntest und die dich gar nicht Ernst genommen haben. Trotzdem war ich sehr glücklich, dass du mit mir gefahren bist, und dass du dabei warst. Du und keiner sonst.

Rotblaue Männer schieben mich in ein großes rotes Maul und versiegeln die Lippen. Eine Stimme sagt mir, dass alles gut und sich um die Tiere gekümmert wird, alles wird gut, alles wird gut, wird gut, wird gut, gut, gu…

Das ist nicht meine Koje. Das ist nicht meine Stube. Das ist nicht mein Leuchtturm. Aber dort am Ende des Bettes sitzt mein Max. “Verdammt wohin hast du mich denn jetzt verschleppt?”

“Reg dich nicht auf Sysse, du liegst im Krankenhaus. Und ich möchte dich prügeln für deinen Leichtsinn. Du hättest echt draufgehen können.”

Da ist er wieder, dieser kurze nette Schlauch, der gerade soviel Platz bietet, dass ich mich draufstellen kann. Ich verstehe nur Bahnhof, komme aber nicht dazu, weiter zu fragen, weil eine kleine, biestig dreinschauende Philippinin, die jetzt, wo ich wieder wach bin, auch keine Zurückhaltung mehr bei der Blutabnahme an den Tag legt, mir eine Kanüle in die Armbeuge rammt. Als ich meinen Arm sehe, könnte ich schreien. So zerstochen, blau, rot, grün und gelb hast selbst du deine Beugen durchs Fixen nie gehabt. Haben die hier Schlachtversuche an mir vorgenommen? Gräfin Dracula verlässt mit mindestens zwölf Litern meines kostbaren Saftes den Raum und ich frage Max, wie es überhaupt sein kann, dass er hier bei mir ist. Max erzählt mir, dass er sich, vor vier Tagen bei meiner Einlieferung, in seiner Not als mein Vater ausgegeben hätte. Daraufhin hat man ihn furchtbar zusammengestaucht, wie es sein könnte, dass ich mit Lungenentzündung und wohl nicht erst seit ein paar Stunden auf der Wendeltreppe liege. Alles in Allem habe ich wohl das Abo “Erkältungskrankheiten in Steigerung” genommen, denn neben der Lungenentzündung, seien auch noch Rippenfell und Nierenbecken betroffen. Ja Hurra. Wenn, dann nehme ich ja gleich alles, ich Gieriges ich. “Wie jetzt, vier Tage? Sag nicht, dass ich schon seit vier Tagen hier vor mich hin penne. Dune, was ist mit Dune und den beiden Kleinen? Und du? Du bist doch auch krank, „Papi“. Wieso bist du nicht bei Jacques?” Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist dass ich Fee dabei beobachtete, wie sie den Schneeflocken hinterher schmachtete. Ich lag in meiner Koje und sie saß auf der Couchlehne. Danach ist alles weg, was mit der Realität zu tun haben könnte. Jetzt liege ich hier in einem Krankenhaus, bekomme lecker Kochsalzlösung und anderen Schweinkram, was meinen Adern wahrscheinlich vorgaukeln soll, dass der Blutverlust gar nicht so hoch war. Eine Krankenschwester mit bösem Blick kommt hinein und fragt mich, ob ich vielleicht etwas Essen wolle. Ihr Anblick erschreckt mich so, dass ich dankend ablehne, was Max beinahe aus der Haut fahren lässt.

Sehr detailreich erzählt mir Max, was in den letzten Tagen passiert ist. Jacques habe nur meine SMS bekommen, dass ich krank sei und mich dann versucht persönlich zu erwischen. Das habe nicht geklappt und als ich am nächsten Tag immer noch nicht ans Handy gegangen bin, hat es Max mit der Angst bekommen und Jacques gezwungen ihn zu mir raus zu fahren. Dune hat die Beiden sehr laut und hektisch begrüßt und als sie in den Turm reinkamen, lag ich wohl auch schon wie tot zu ihren Füßen. Max hat daraufhin sofort den Notdienst alarmiert, die erst nicht glauben wollten, dass sie wirklich zum Leuchtturm kommen sollten. Und bevor weitere dumme Fragen gestellt würden, hat er sich dann als meinen Vater ausgegeben. Hier nimmt man die Patientenrechte sehr ernst und er hätte nicht mal den dicken Zeh in den Rettungswagen setzen dürfen, ohne diese kleine Notlüge, die ich ihm auch gar nicht verüble. Und für einen kleinen ganz kurzen Augenblick wünsche ich mir sogar solch einen coolen Vater. Nachdem man mich im Krankenhaus auf den Kopf gestellt und festgestellt hat, dass so ziemlich alles ein Matsch ist, hat man mich so ruhig gestellt, dass ich garantiert einen vollen Tag und eine volle Nacht schlafe – gut, es sind fast drei daraus geworden – aber so fühle ich mich jetzt auch. Schon fast wieder fit, denke ich, sage ich und schlafe auch prompt wieder ein.

Max sitzt immer noch an meinem Bett. Meine Hand hält er fest in seinen Händen und auf diesem Fingerberg hat er seinen Kopf zur Ruhe gebettet. “Soll ich ein Stück rutschen?”

“Nein, Kleines, danke.” Er lächelt und ich freue mich über das Lächeln. “Schönen Gruß von Oberschwester Rabiata, wenn dein Fieber nicht bald zurückgeht, fährt sie die harten Geschütze auf. Dann gibt es Wadenwickel mein Kind!” Ich rümpfe die Nase und murmel etwas von Gesundschlafen.

Fast zwei Wochen habe ich in dem Krankenhaus jetzt verbracht und endlich darf ich nach Hause. Oder sollte ich besser sagen, dürfen wir nach Hause? Max sitzt seit zwei Wochen an meinem Bett und verlässt das Zimmer nur, um sich im Park ein wenig die Füße zu vertreten. Unseren ersten Spaziergang vor vier Tagen habe ich furchtbar genossen. Hand in Hand bummelten wir durch die Parkanlage und lästerten über andere Patienten und hochnäsige Ärzte. Wenn dieses System der Familienpflege erst einmal in Deutschland übernommen wird, dann sehe ich aber echt schwarz. Wer niemanden hat, der ihn pflegt und wäscht, liegt unter Umständen auch schon mal was länger im eigenen Saft. Die Kliniken hier sind nur auf die rein medizinische Versorgung eingestellt. Der Rest soll oder muss von der Familie geleistet oder ordentlich bezahlt werden. Max sieht so glücklich aus, als er mir in den R4 hilft. Endlich geht’s wieder nach Hause. An der Strandstraße angekommen, die zu unserem Leuchtturm führt, atme ich erst einmal tief durch. Was hab ich diese Luft vermisst. Wie sehr hab ich mich nach diesem Grollen der Wellen gesehnt. Mein Nennpapa warnt mich noch kurz vor, dass ich mich nicht erschrecken solle, weil die Tiere fort sind. Jacques hat sie mit zu sich genommen, bis ich wieder soweit auf dem Damm bin, dass ich mich wieder um sie kümmern kann. Jetzt, hier, wieder zu Hause, sollte ich mindestens noch zwei Tage alleine bleiben und mich akklimatisieren. Vor der Wendeltreppe ist ein Schild gespannt auf dem steht: “Herzlich Willkommen Frau Leuchtturmwärterin.” Ich möchte heulen, so gerührt bin ich. In der Stube ist alles super sauber. Viel sauberer als sonst. Auf dem kleinen Tisch steht eine große Obstschale und das Bett ist schon frisch und einladend bezogen. Ich brauche auch gar nicht erst auf die Idee kommen, mich auf die Couch oder in den Sessel setzen zu wollen. Die Fahrt sei sicher anstrengend gewesen und darum werde ich gleich in die Koje gestopft, mit Wärmflasche und Tee versorgt. Während sich meine Blicke durch meinen Turm hangeln und ich einige kurze Fragen stelle, wer hier was verbrochen hat, rutscht Max auf der Couch mehr und mehr in Liegeposition. Der arme Kerl muss fix und fertig sein.

Endlich wieder zu Hause! Das wohlige Brummen der Leuchtfeuertechnik, das Rauschen des Meeres, das von draußen zu mir hinein schallt, der Wind, der um den Turm heult und Max. Max? Beachtend, dass ich mich vorläufig noch langsamer aufrichten soll, als ich es sonst schon getan habe, setze ich mich in der Koje auf und suche nach meinem alten Freund. „Max? Maaa-haaa-xxxx!! Och bitte nicht schon wieder.“ Ich merke wie mein Herz zu rasen beginnt und ich male mir erstmal bekannte und noch nicht gekannte Horrorszenarien aus, bevor ich mein Hirn einschalte und mich genauer umschaue. Doch schon wieder. Unter meiner Teetasse klemmt ein Blatt Papier. Nervös und mit heftig zittrigen Fingern greife ich nach dem Brief.

„Na, ausgeschlafen? Nicht was du schon wieder denkst! Da du die Nacht so wunderschön ruhig und zufrieden verbracht hast, und auch heute Morgen nicht viel von dir zu bemerken war, habe ich mich in meinen Pfahlbau getraut. Ich schaue nur nach dem Rechten und bin bald zurück. Du bleibst bitte schön liegen. Ich verlass mich drauf. Es umarmt dich, dein Pfleger Max.“

Wieso eigentlich Nacht? Und wieso heute Morgen? Wie lange hab ich denn geschlafen? Mein Blick fixiert die Mikrowelle und nach einem kleinen Weilchen haben sich meine Augen an die Anzeige gewöhnt. Schock schwere Not, ich habe doch tatsächlich schon wieder einen ganzen Tag verpennt. Ich hoffe es war nur einer. An mangelnder Ruhe in der Vergangenheit kann es nicht liegen. Die hatte ich im Krankenhaus ausreichend. Ich denke es liegt am noch immer sehr schlappen Allgemeinzustand und daran, dass ich meine Koje im Augenblick garantiert für mich alleine habe. Keine Fee, keine Dune und keine Kleine Wanderdüne. So wie Max erzählt hat, flitzt das Kerlchen wohl schon ganz munter durch die Gegend und hält bei Jacques Groß und Klein ordentlich auf Trab. Ich muss Max nachher unbedingt bitten, dass er das Gitter an der Treppe befestigt, damit der Welpe mir nicht den Abgang macht. Und dann müssen wir Dune beibringen, wie sie sich das Gitter aufmachen kann.





Vertrau dir! Horch auf dein Herz!

30 10 2009

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“ Der Satz, der schon fast so etwas wie ein Gebet für mich ist. Ich frage Max, ob er sich daran erinnern kann, dass er mir diesen Rat so ähnlich auch schon gegeben hat und umreiße kurz, wann du ihn mir das erste Mal gegeben hast. Ich frage den Sandburgenbauer, ob er sich an unsere Diskussion über das „Nichts“ erinnert und gebe unsere Auseinandersetzung, die fast gleichlautend ablief, wieder. Die Sache mit dem „Rausmüssen“, mal eben um den Block oder mal eben an den Strand. Zwei grundverschiedene Menschen, die, Jahre versetzt, ähnliche Erklärungen abgeben, in gleichen Wortlauten sprechen. Und dann dieses Wohlfühlen. Diese „Elektrizität“ bei Berührungen, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, Max Blicke, wenn er auf das Meer hinausschaut – ich versuche ihm zu erklären, dass ich all das irgendwie schon einmal erlebt hab, in meinem früheren Leben mit dir, in meinem wirklichen Leben. Ich versuche meine Angst in Worte zu kleiden, als ich Max so krank im Bett vorgefunden habe. Es war beinahe die gleiche Angst und Panik, wie ich sie jedes Mal empfand, wenn du auf Entzug warst, wenn du dir ohne fremde Hilfe das Gift aus den Poren geschwitzt hast, randaliertest und beinahe krepiert bist vor Schmerzen und Sucht.

Max vergräbt sein Gesicht in seinen großen Händen und weint. Ich unterbreche meine Ausführungen. Es war doch zu viel. Doch bevor ich mich entschuldigen kann, sagt er immer und immer wieder „Kleines es tut mir so leid, es tut mir so unendlich leid.“ Er kann doch nichts dafür. Er ist weder drogenabhängig, noch trägt er für irgendwas von dem, was ich gerade erzählte, die Verantwortung. Aber er entschuldigt sich ohne Unterlass, bis ich ihm die Hände vor dem Gesicht fast fortreiße und ihn anschreie, er soll damit aufhören.

Es war wirklich zuviel für ihn und ich werde wütend auf mich selbst, dass ich mich so habe gehen lassen. Ich hätte doch spüren müssen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Langsam helfe ich ihm auf und bringe ihn zurück in die Koje. Max legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Er spricht kein weiteres Wort, sagt nur Danke, wenn ich ihm einen Tee bringe, verweigert das Essen und schaut stur vor sich hin. Ich selbst habe das Gefühl, das alles nicht mehr zu ertragen, ich komme nicht mehr an ihn heran, als hätte er sich seinen eigenen Turm und sich herum aufgebaut. Als ich den alten R4 von Max anfahren höre, atme ich auf. Da kommt Jacques. Ich muss hier raus.

Ich bitte Jacques sich ein oder zwei Stunden um Max zu kümmern. Kurz umreiße ich, was passiert ist, und dass sein Freund seitdem beinahe autistisch im Bett liegt. Wenn jetzt noch jemand an ihn herankommt, dann vielleicht der alte Viehdoktor, der ihm so nahe steht. Ich greife mein Ölzeug, rufe Dune und laufe auf den Strand hinaus. Es regnet in Strömen. Es regnet so heftig, dass durch das Prasseln nicht mal mehr das Meeresrauschen heraus zu filtern ist. Egal. Und wenn ich nass bis auf die Knochen werde. Ich muss weg hier. Ich brauche Luft zum Atmen. Dune macht auf halbem Weg wieder kehrt und läuft zurück zum Turm. Soll sie doch. Sollen sie mich doch alle alleine lassen. Ich brauche niemanden. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich will mit mir alleine sein. Auch dich will ich nicht. Ich weiß, dass das nicht möglich ist, denn du bist immer bei mir. Ich weine, ich schreie und das Gute ist, dass niemand meine Schreie hören kann. Sie peitschen hinaus auf die offene See, wo sie sich in selbstmörderischer Absicht in die Wogen stürzen. Diese unglaubliche Wut muss hinaus. Die Wut auf dich. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dem Menschen, der mir zur Zeit am Nächsten steht, unglaubliches Leid zugefügt. Ich weiß nicht wieso – aber ich habe Max gesehen, in seinem Leid. Und es ist meine Schuld.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“

Nichts ist gut. Gar nichts! Hörst du? G a r N i c h t s !!!

Ich muss nur aufstehen, loslaufen, die Zähne zusammenbeißen und ich darf, sobald ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, keine Bewegungen machen, die mich oben halten. Was heißt Boden unter den Füßen, den habe ich mir selbst schon weg gezogen. Einfach ins Meer hinein laufen, immer weiter, immer tiefer hinein in die stürmische Umarmung aus eiskaltem Wasser, sprudelnder Gischt und Algen. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen und ich sitze immer noch regungslos im Sand und hadere mit mir und dieser Welt. Ich verstehe sie nicht, diese Welt und ich verstehe mich erst recht nicht. Die Schreie werden mehr und mehr zu einem grausamen Gekrächze, und es kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Möwenherren vorbei geflogen kommen, in der Annahme hier hocke ein paarungsbereites, hysterisches Möwenweibchen. Wobei das mit dem Hysterisch ja stimmt. Ich muss wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Es wäre das erste Mal, dass die Geister auf mich gehört hätten. Ich hab es ja laut genug zum Ausdruck gebracht, dass mich alle in Ruhe und alleine lassen sollen.

Irgendwie rappele ich mich hoch, trete mir die furchtbaren und eh durchweichten Turnschuhe von den Füßen und laufe barfuß, jedes Sandkorn unter den Sohlen genießend, zum Meer. Die Jeans hat mindestens das Doppelte an Gewicht zugelegt, so nass ist sie mittlerweile und sich mit dem Sand verbündend scheuert sie mächtig an den Fußgelenken. Das Wasser ist eiskalt und in mir und um mich herum zieht sich alles zusammen, was willkürlich und unwillkürlich dazu in der Lage ist. Ich bekomme eine ganzflächige Gänsehaut und bemerke sogar hinter den Ohren, wie sich die kleinsten der kleinen Härchen aufstellen. Einen Fuß setze ich vor den anderen und kämpfe gegen die Kraft der Wellen an. Meine Zehen greifen in den sandigen Meeresboden und ich könnte glaube ich behaupten, dass es trotz der Kälte meinen Füßen gut geht, wenn ich sie denn noch spüren würde. Die Hose wird immer schwerer, zieht vom Bund her mächtig nach unten, da ich aber schon bis zu den Knien im Wasser bin, löst sich dieses Zuggefühl nach unten hin auf. Einen Schritt setze ich vor den anderen, den Blick starr auf den grauschwarzen Horizont gerichtet.

Der Regen ist hier kaum mehr zu spüren. Der Wind bläst so heftig, dass er sich hier im Meer als feiner Nebel verteilt. Und da ich sowieso schon klitschnass bin, ist mir der Regennebel auch egal. Vor mir baut sich eine Welle auf, die aber gleich von zwei weiteren Wogen in die Zange genommen wird und in ihnen verschwindet. Doch direkt dahinter kommt bereits die Nächste. Da ich meinen Blick wieder an den Horizont geheftet habe, bemerke ich sie erst, als es schon zu spät ist. Die Welle greift mich um die Hüfte, sie schnappt sich meine Arme und drückt mir mit aller Gewalt gegen die Brust. Ich taumele und schreie, ich schwanke und fluche, ich falle. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in alle Öffnungen natürlicher und unnatürlicher Art, die es finden kann. Die Augen brennen und ich kann sie nicht öffnen und ich habe noch keinen Boden unter den Füßen. Plötzlich im Trudeln spüre ich, wie mein Hinterteil aufsetzt. Ich stoße mich vom Untergrund kräftig ab und schieße wie ein übergewichtiger Wal in eigentümlichem Gewand aus dem Wasser. Als ich den Meeresboden erneut unter den Füßen spüren kann, balanciere ich mich bestmöglich aus, um nicht gleich wieder einer Welle zum Opfer zu fallen. Bis zur Hüfte stehe ich bereits im Wasser und ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich noch ganz dicht bin. Ich muss dem Wahnsinn anheim gefallen sein. Anders ist dieses Affentheater wohl kaum zu erklären. Das Meer schiebt mich zurück an Land. Die Schritte sind größer und weiter. Dank Rückenwind und -wellen, bin ich bald zurück an Land. Rechts neben dem Leuchtturm sieht ein Wolkengemälde aus wie der Saturn, der sich in eine Wolke zum Ausruhen eingebettet hat. Ein Planet der sein Paralleluniversum gefunden hat? Ich friere. Das Gefühl, das mir bereits in den Füßen fehlt, fehlt mir nun auch in den Armen und Händen und Oberschenkeln. Mein Hintern fühlt sich an wie eine Eisbombe und schmerzt furchtbar an einer Weichteilstelle. Als ich am Leuchtturm ankomme, sitzt Dune mit mitleidigem Blick in der Türe und erwartet mich. Wort- und regungslos drücke ich mich an ihr vorbei. Sie war es, die mich im Stich gelassen hat. Sie ist einfach weggelaufen. Dann werde ich sie jetzt sicher nicht dafür loben, dass sie im Hausflur auf meine Heimkehr gewartet hat.

“Kleines? Was um Himmels Willen ist passiert? Wie siehst du aus? Du bist ja nass bis auf die Knochen!”

“Es ist nichts passiert.”

“Willst du mich veralbern? Du kommst nach Hause, siehst aus wie ein nasser Sack, sagst nichts, gehst an mir vorbei, lässt dir ein heißes Bad ein und sagst, es ist nichts passiert?!”

“Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.”

“Ach, und so nass bist du, weil dort, wo du warst, punktuell ein überdimensionaler Regenschauer runtergekommen ist oder was?”

“Nein, ich war im Rhein.”

“Du warst was? Im Rhein?”

“Im Rhein. In der Sieg war ich ja schon. Im Rhein noch nie!”

“Hallo? Spinnst du? Es ist November und draußen sind es drei Grad. Okay, es sind drei Grad plus, aber es sind drei Grad. Du hättest dir den Tod holen können!”

“Stimmt, hätte ich. Und?”

“Wie und? Was ist denn los mit dir?”

“Stimmt, hätte ich. Ich bin aber hier. Lebe noch. Und jetzt nehm ich ein Bad!”

“Kleines, bitte rede doch mit mir! Was ist denn passiert?”

“Es ist nichts passiert Schatz. Ich war blue, ich war moody und dieses Wasser hatte einfach eine furchtbare Anziehungskraft. Erst war ich mit den Füßen drin, dann kam ein Tanker, dann ne Welle, von der Unterströmung brauch ich dir ja nichts zu erzählen, und dann lag ich halt drin – umarmt von Vater Rhein, besser als von keinem Vater umarmt zu werden, oder?”

“Du bist auf Stress aus, oder?”

“Nicht wirklich. Ich hab nur keinen Bock da jetzt ein Drama draus zu machen. Darf ich jetzt baden?”

“Tschuldigung. Ich dachte nur du wolltest…”

“Was wollte ich? Schluss machen? Die Welt rausschmeißen. Hey du, das ist dein Job, dein Privileg, darauf hast du ein Abo. Ich wollte nur ans Wasser und nicht gleich ins Wasser. Zumindest nicht so. Mach dir keinen Kopf. Deine Kleine rastet nicht gleich aus und verabschiedet sich vom Leben, nur weil der wichtigste Mensch es wieder nicht geschafft hat. Wenn du mit den Rückfällen leben kannst, kann ich es schon lange. Ich liebe dich so wie du bist. So wie ich dich kennen gelernt hab. Und wenn der Dreck dazu gehört, dann ist es eben so.”

“Darf ich mit in die Wanne?”

“Darf ich mir auch nachher Einen drücken? Nee??? Also. Noch Fragen?”

Ich hasste diese Diskussionen, die eigentlich niemand brauchte, die aber doch immer wieder irgendwie Klarheit schafften und nötige Grenzen setzten.

Dass der R4 nicht mehr vor dem Turm steht, ist mir gar nicht aufgefallen. Als ich hochkomme, ist die Koje gemacht, es ist aufgeräumt, Max ist weg und Jacques auch. Kein Wunder, dass mich Dune so dämlich angeglotzt hat, als ich eben kam. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Nein, es ist fast schon ein Briefchen. Da ich Max Handschrift kenne, gehe ich davon aus, dass diese für einen Doktor vollkommen untypische klare Handschrift, die von Jacques sein muss. In dem Alter möchte ich auch noch so eine schöne Handschrift haben, wobei ich die heute schon nicht mehr habe. Dank Rechner und Tastatur, wird einem Menschen das Schönschreiben ja richtiggehend abgewöhnt. Auch habe ich mir abgewöhnt, erst zu denken und dann zu handeln. Das kann man zumindest annehmen, wenn man mich dabei beobachtet, wie ich mich gerade mit triefenden Klamotten auf die Couch setze. Jetzt ist sie eh nass, dann kann ich auch sitzen bleiben.

„Mach dir keine Sorgen“ – Nette Form einen Brief zu beginnen, und so sinnig in dieser Situation

„Max geht es nicht sehr gut“ - Ach was, wie kommt er denn darauf? Wieso bin ich so aggressiv? Vielleicht wegen der nassen Klamotten.

„Ich soll dir ausrichten, dass du dir keinen Kopf machen sollst.“ - Zu spät, würde ich sagen.

„Ich habe Max erstmal mit zu mir genommen. Meine Frau wird ihn schon wieder hochpäppeln.“ - Und das vollenden, wozu ich nicht in der Lage war.

„Lass ihm einfach ein bisschen Zeit. Er wird sich in den nächsten Tagen bestimmt bei dir melden.“ – Bis dahin bin ich erfroren, wenn ich jetzt nicht zum Ende komme.

„Die Tiere habe ich noch schnell gefüttert. Ich weiß ja nicht, wann du wieder zurück bist.“ – Ich bin hier und meine Finger sind so kalt, dass ich die Dosen sowieso nicht aufbekommen hätte.

„Nun lass dich ganz herzlich umarmen.“ – Besser nicht – ich bin nass.

„Auch von Max und er sagt, dass er dich liebt.“ – Ach, darum hat er sich entführen lassen.

„In Freundschaft, Jacques“

Wie lange ich hier schon sitzen mag? Die halbe Sitzfläche der Couch ist durchnässt, demnach also schon ein Weilchen. Die Finger sind blau gefroren und meine Lippen und Zähne klappern aufeinander im Tempo einer Maschinengewehrsalve. Jetzt aber nichts wie ab unter die heiße Dusche, sonst bin ich Morgen wirklich tot. Die Jeans sitzt, wahrscheinlich das aller erste Mal, bombenfest und ich brauche eine Ewigkeit, um sie mir vom Körper zu schälen. Meine Haut ist klamm und eiskalt, darum bin ich lieber vorsichtig bei der Dosierung des heißen Wassers. Es tut so gut, es tut so unglaublich gut, das warme Nass zu spüren. Und auch wenn es kaum mehr möglich scheint, bekomme ich eine weitere Gänsehaut, die sich wohl einfach über die Erste drüberstülpt. Ganz vorsichtig drehe ich das heiße Wasser auf und ich bilde mir ein, dass es auf meiner Haut nur so zischt. Dichter Nebel macht sich in der Kabine breit. Ich hocke mich hin, stütze meinen Kopf in die Hände und weine. Am Liebsten möchte ich jetzt einen Boxkampf austragen. Mich mit einem ebenbürtigen so lange prügeln, bis einer von uns aufgibt. Ich bekomme Angst vor mir selber. So aggressiv kenne ich mich gar nicht. Und wenn so ein Zustand sich mal angenähert hat, war es nach der Urschreitherapie, wie ich sie bereits am Strand durchgeführt habe, hundertprozentig erledigt. Doch heute ist wieder einmal alles anders, scheinbar verzwickter, unverständlicher, trauriger.

Das Verhalten von Max kann ich nicht einordnen. Was hat ihn verstummen und schließlich flüchten lassen? Das entspricht alles so gar nicht diesem verworrenen Bild, das ich bis heute von ihm hatte. Er liefert mir Puzzleteile, die überhaupt nicht zu passen scheinen. Sie sind andersförmig, andersfarbig, andersfühlig. Da machte die Parallele einen Knick und die eine Gerade führt nun in eine ganz andere Richtung. Ich lasse mich auf meine vier Buchstaben hinab und stelle fest, dass es dort immer noch furchtbar schmerzt und brennt. Vorsichtig taste ich die Stelle ab und komme zu der Diagnose “Arsch aufgerissen”. Irgendwo muss ich mich an einem spitzen Stein geschnitten haben. Das kann nur im Wasser passiert sein, als ich wie ein Klops durch unter den Wellen hergetrudelt bin. Mein späterer Blick auf meine Jeans, wird mir diese Theorie bestätigen. Ziemlich mittig auf der rechten Pobacke prangt eine dicke 5 und gewährt mir den Durchblick.

Diese Dusche ist einfach der Hammer. Das Wasser wird warm, es ist warm, es bleibt warm und es spielt gar keine Rolle, wie lange es dauern soll. Meinetwegen ewig. Ich möchte hier vorläufig nicht mehr weg. Ich will es rieseln hören und ich will es spüren. Das Streicheln meiner sich aufwärmenden Haut, es tut so wohl. Sitzen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis sich irgendwer hier her verirrt, der mir das Wasser abdreht, oder bis Dune mich heraus schubbst. Von außen klingt ein klägliches Maunzen an mein Ohr. Fee scheint mich zu vermissen, oder ihr siebter Sinn sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Als ich hinter der Duschabtrennung vorschaue, sehe ich, wie sie sich auf meinen nassen sieben Sachen zusammen rollt. Das kann nicht bequem und kuschelig sein. Wahrscheinlich ist es einfach mein Geruch, der sie zu dieser Haltung treibt. Mein Geruch und der Duft der großen weiten Seewelt da draußen. Mittlerweile ist der Abend angebrochen, es ist dunkel. Es ist dunkel und ich sitze immer noch unter dem Duschstrahl, der mich mit der Wärme verwöhnt, die der Rest der Welt gerade schmählich vermissen lässt.





Zurück im Turm

21 10 2009

Zurück im Turm werden wir von einer schwanzwedelnden Dune und einer maunzenden Fee auf dem oberen Treppenabsatz begrüßt. Lange werde ich die Hündin sicher nicht mehr oben halten können, auch wenn ich gerne sehen würde, dass sie ihren Vorderlauf noch ein wenig schont. Kaum gedacht, humpelt sie uns auch schon die ersten Stufen entgegen und ich gebe richtig Gas, damit ich sie möglichst früh und noch weit oben abfangen kann. Einsam und verlassen, pennt im Korb unter dem Wollpulli Kleine Düne den gerechten Schlaf der sich im Wachstum befindlichen Hundebabies. Ausnahmsweise ist ihm das Entschwinden seiner Mama nicht aufgefallen.

Oben angekommen, mache ich uns eine heiße Schokolade, die wir jetzt auch beide gut gebrauchen können. Ich frage dich, ob du mit Schuss magst und du sagt  “Ja klar!”, was mich darauf schließen lässt, dass du mich gleich nach meiner Couch befragen wirst. Leider muss die Tote Tante auf ihr Häubchen verzichten, da ich keine Sahne mehr im Turm hab. Ich muss dringend wieder einkaufen. Max fragt mich zwischen Kakaoerhitzung und der Suche nach Rum, was von seiner Idee halte, mit ihm Weihnachten zu verbringen?

„Ich habe gerade beschlossen, nicht nach Hause zu fliegen, also ins Rheinland, wegen Dune, Kleine Düne und Fee. Offiziell. Natürlich kommt mir diese Ausrede sehr recht, weil ich keine Lust auf dieses Weihnachtsgesülze habe. Mein Mütterchen wird traurig sein, aber sie wird’s verstehen, so oder so. Die anderen werden wahnsinnig rummuffeln, weil das doch der Fest der Liebe und ein Familiefest und blablabla. Aber da müssen sie eben durch. Auf Einzelschicksale kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, verstehst du Max? Ich möchte hier sein, hier im Turm, bei den 11 Pfoten, am Strand, am Wasser, bei ihm, ja und auch bei dir. Und wenn du, wie du sagst, keine gefüllte Gans mit Rotkohl und Klößen erwartest, sondern wie wir hier mit Bockwurst und Kartoffelsalat glücklich sein kannst, dann fühl dich bitte ganz, ganz herzlich eingeladen.“ Max strahlt über das ganze Gesicht und amüsiert sich köstlich über „rummuffeln“ und meine hektischen Flecken im Gesicht. Die bekomme ich immer, wenn ich aufgeregt bin oder von etwas hektisch erzähle, weil ich das mit dem Spannungsbogen nie so hinbekomme und doch schnell zum Ende kommen mag, aber es auch nicht einfach so auf den Tisch rotzen will.

„Also wenn du mich ollen Schäufelchenschieber und Eimerchenheber wirklich dabei haben magst. Ich komme sehr, sehr gerne!“

„Habe ich dir schon gedankt Max?“

„Lass mich überlegen, Kleines. Für die Sache mit Dune ja. Für meine Unterstützung, ja. Dafür, das ich für dich da bin, ja. Dafür, dass ich auch Kleine Düne gerettet hab, was ich ja gar nicht hab, sondern Jacques, dafür auch. Für den tollen Strandspaziergang, ja. Wofür noch?“

„Menno, du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf. So wie…, egal. Danke, für dein Vertrauen, dafür wollte ich dir danken.

Strahlend – Schön – Stark

Schön Strahlend

Strahlend Stark

Stark Strahlend

Strahlend Schön

Schön Stark

Strahlend Schöne Stärke

Danke, dass du mir das hast heute zuteil werden lassen

„Ach, du findest mich also schön!“, antwortet Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens grinsend und mit einem sehr schnippischen Ausdruck in der Stimme.“

„Ich finde dich stark!“

„Einigen wir uns auf schön stark?“

Wir lachen beide.

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, und sich der Sandmann die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hat, wird er wieder sehr nachdenklich.

„Für wen hast du dir das ausgedacht?“

„Ich zeige nach oben und antworte mit einem kurzen „für ihn“.

Max verfolgt meinen Zeigefinger und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann schaut er mich wieder mit ernster Mine an und hakt nach: „Für ihn oder für ihn?“

„Such’ dir es aus, es passt auf euch alle Drei.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

„Ja klar, du weißt doch, du darfst alles fragen.“

„Hast du ihm vieler solcher Sachen geschrieben, gedichtet oder zugedacht? Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll.“

„Eine ganze Kiste voll. Aber viel wichtiger ist: ein ganzes Herz voll. Und das konnte ihm und kann mir auch niemand nehmen.“

Ich weiß nicht, ob es die Nachwirkungen von meinem „Gedicht“ und meiner Danksagung sind, oder ob ihn unser kurzes Gespräch so grüblerisch macht. Max packt seine sieben Sachen und bläst zum Aufbruch. „Du willst jetzt noch fahren? Du hast getrunken! Du weißt, dass du hier immer eine Schlafstätte hast?“

„Kein Problem, ich hab’s doch nicht weit!“

„Naja, nicht weit ist da wohl Definitionssache oder liegt in diesem Fall im von der Toten Tante getrübten Auge des Betrachters.“

„Sorge dich nicht Kleines. Mir passiert nichts. RazzFazz bin ich im Bett. Und Morgen schau ich wieder vorbei und dann gehen wir noch mal ne Runde, vielleicht ja mit Dune?“

Mein alter Meister der Sandskulpturen macht einen sehr aufgeräumten Eindruck und scheint genau zu wissen, was er will, beziehungsweise was er sich zumuten kann. Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu geschafft, um da jetzt so ganz genau nach zu bohren. Obwohl dieses Gefühl da ist, dass ich es besser tun sollte.

„Du gehst noch raus?“

„Jepp, kurz um den Block.“

„Ist alles okay mit dir?“

„Ja Kleines, mach dir keine Sorgen, ich brauch nur ein bisschen Luft rein und Welt raus.“

„Hmm, bist du sicher? Magst du, dass ich mitkomme?“

„Nee, lass mal. Du weißt, dass ich dich nicht dabei haben möchte und mich meiner bösen Welt alleine stellen muss. Ich bin doch schon groß! Mir passiert nichts und du wirst sehen, ich bin schneller zurück als du einschlafen kannst und dann RazzFazz bei dir im Bett. Und morgen Früh, morgen Früh gehen wir beide fett Brunchen. Einverstanden?“

Dieses Gefühl macht mir eine eigenartige Gänsehaut. Eigentlich könnte ich sie schon meine zweite Haut nennen, so oft, wie sie sich mir überstülpt. Das ist wieder so eine Szene, wo ich versuche Eins und Eins zusammen zu zählen und Drei herausbekomme. Aber wieso kommt bei mir immer Drei heraus, wo jede Logik doch beweist, das Ergebnis ist Zwei? Ich erinnere mich an meine Gedanken der Reinkarnation und in den letzten Tagen häufen sich diese Überlegungen. Es kann nicht sein. Max ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und soviel älter als du. Wer immer dafür verantwortlich ist, schickt nicht einen alten, weisen Mann anstelle eines jungen, weisen Junkies. Mein Bruder würde mir jetzt an Hand des Buddhismus erklären, wie das ist, mit dem Karma und so. Er hat’s mir schon tausendmal erklärt. Ich krieg es trotzdem nicht überein. Ich falle von einem Déjà-Vu ins nächste und erlebe Vergangenes mit dir ein zweites Mal, im Jetzt, im Hier. Vielleicht doch gespaltene Persönlichkeit? Oder schizophren? Oder einfach nicht mehr ganz auf der Höhe? Vielleicht Realitätsverlust durch zu hohes Maß an Strandluft?

Meine Gedanken lassen sich nicht zu Ende denken. Erstens befinden sie sich in einer Endlosschleife und zweitens steht Max derweil fertig angezogen vor mir und wünscht sich zu verabschieden. „MannoMann, du wirfst ganz schöne Schatten Großer!“

„Tja Kleines, das passiert, wenn man schön stark ist!“

Wir müssen wieder beide lachen, was Dune weckt, die sich artig von ihrem Freund verabschieden kommt.

„Ach Süße, ich wäre doch zu dir an den Korb gekommen. Ich muss mich doch auch noch von deinem Zwerg und der hübschen Fee verabschieden.“, flüstert er und tätschelt Dune vorsichtig den Kopf. Dann geht er zum Korb, gibt den ultimativen Abschiedsstreichler an die beiden pennenden Babies und kommt zu mir zurück. Gerade als ich mich auf die erste Stufe der Treppe begeben will, hebt er mich in die Höhe, drückt mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Schön, dass es dich gibt. Ich freu mich auf Morgen, Kleines. Danke für alles! Ich find den Weg schon raus.“

Als Max im unteren Drittel der Treppe ist, rufe ich ihm noch nach, was denn nun mit der Überraschung sei. Er lacht. Er lacht auf seine unverwechselbare laute Art und Weise, beschimpft mich im Scherz als neugierigste Leuchtturmwärterin der Welt und geht. Noch bevor ich irgendetwas sagen kann, ist der Herr zur Tür hinaus, setzt sich in seinen ollen R4 und macht sich vom Acker, oder besser gesagt vom Strand.

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin zu großen Teilen gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Bettdecke hinweg in ein dunkles Braun blickte. Jeder Versuch mich mit einzelnen Körperteilen zu bewegen, sei’s Arme oder Beine, schlägt fehl und selbst die rechte Schulter mag mir einfach nicht mehr gehorchen. Ganz vorsichtig versuche ich meinen Kopf zu heben und bemerke dabei, dass Fee auf meiner Schulter liegt. Kein Schwergewicht, aber sie muss schon eine Ewigkeit hier liegen, sagt mir mein Knochengerüst. Der Länge nach auf mir liegt Dune. Als sie bemerkt, dass ich von den Toten auferstanden bin, geht ihre Rute und klopft freudig die Bettdecke aus. Kleine Düne hat sie mir genau auf die Brust gelegt. So konnte ihr Kind an ihrem Kopf und am Busen der Natur kuscheln und schlummern. Es freut mich ja über alle Maßen, dass Dune mir so sehr vertraut und meine Nähe nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Fellnasen sucht, aber muss das unbedingt zur nachtschlafenden Zeit in meiner Koje sein? Ist denn der Korb nicht groß und kuschelig genug? Wohl nicht. Hallo Schwester!!! Katheter bitte!!! Ich muss mal!

Dune bemerkt meine wachsende Unruhe und schafft als Erstes den Nachwuchs ins sichere Korbgeflecht. Na endlich, ich dachte schon, Max müsse über das Fenster einsteigen, weil ich ihm nicht öffnen darf. Der Zustand der Belagerung hat ein Ende und ich brauche ein paar Minuten länger, um meine einzelnen Knochen, und ich schwöre, heute spüre ich selbst die Klitzekleinsten, zu sortieren. Fee, ebenfalls durch das Geschunkel und Geruckel geweckt, maunzt mir volle Lotte ins Ohr, um sich dann, knapp hinter mir auf dem Kopfkissen wieder zum Schlaf der kleinen Tigerchen zusammen zu rollen. Eigentlich sollte ich das auch tun. Ich bin glücklich. Alle meine Haustiere sind wieder da. Sie fühlen sich wohl. Sie erholen sich prächtig. Und nach dem Stress der letzten Tage, könnte ich ruhig auch mal ausschlafen. Wenn ich nicht schon wach und knochentechnisch sortiert wäre. Also junge Frau, carpe diem, nachdem das mit der Noctem schon nicht geklappt hat. Außerdem magst du Max sicher nicht in Unterhose und Schlabbershirt die Türe öffnen.

Der Tag ist schon da, steht in voller Pracht rund um den Leuchtturm und versucht mich neugierig zu machen auf die Welt. Vorsichtig öffne ich das turmeigene Bullauge und werde fühlbar überrascht. Ganz schön mild, trotz Wind, der behäbig von der See zu uns hinüber weht. So kommt nach dem ganzen Regen mal wieder ein bisschen Frischluft unter das Leuchtfeuer und mit einem undefinierbaren Gesumme, beginne ich den Tag. Raubtierfütterung, Eigenwellness, Kaffee, Kippe, alles was frau so braucht. Hier was gekruscht, dort was geräumt, an jener Stelle ein bisschen gewischt und an allen Ecken immer mal wieder ein vorbeihuschendes Fell gekrault. Dune verfolgt jeden meiner Schritte und schaut sehnsüchtig zur Treppe. Ich versuche sie auf später zu vertrösten, und während ich mir zwischendurch meine Durchhalteparolen abkaufe, sieht sie nicht wirklich überzeugt aus.

„Hallo Verenaschatz. Werde Weihnachten hier im Turm bleiben, mit Max und dem lieben Vieh. Unseren SMS ist es ja egal in welche Teile der Welt sie verschickt werden. Muss nur noch daheim beichten. Hab gedacht fange bei dir an, weil ich weiß du verstehst mich. HDGDL die, die im Leuchtturm wohnt.“

294 Zeichen – wahrscheinlich bimmelt der Kurzmitteilungsquengelton sie gerade bei der Arbeit an – und das nicht nur einmal. Aber sie wird sich freuen. Über die SMS und für mich.

„Nein Mama, mir geht’s wirklich gut. Ja Mütterchen, ich hab auch alles. Und was gibt’s Neu… Nein?! Sag bloß. Das ist ja mal ne gute Nachricht. Hmm, hmm, hmmm, ja. Nee, nich’ wirklich. Was ich dir noch sagen woll… Ja?? Nein, das ist ja süß. Uih, bestell ihr mal ganz liebe Grüße von mir. Du Mama, wegen Weihnachten. Ach, du bist bei Westermanns. Heilig Abend. Hmm, ja das ist doch schön. Ich? Nee, das versuche ich dir ja die ganze Zeit… Ja genau, wegen dem Welpen und wegen Fee. Nein, kann ich nicht. Möchte ich auch nicht. Ja machen wir. Ich meld mich einfach vorher noch mal. Jepp. Ja mach ich. Oki. Du ich dich auch. Ganz doll. Kussi.“

Typisch Mütterchen. Aber sie scheint auch nicht wirklich mit meinem Erscheinen gerechnet zu haben. War ja schon mal einfacher als gedacht.

„Hallo Bruderbär, na alles im Lack? Jepp, jetzt ist alles wieder gut. Dune war weg, hatte nen Unfall. Nee, alles okay. Sie ist noch ein bisschen wackelig auf den Pfoten aber sonst alles im grünen Bereich. Ob ich Weihnachten komme? Weißt du, ich dachte eigentlich… Achso, mit dem Frauchen in die Sonne. Ja dann passt das doch. Quatsch, aus dem Alter sind wir doch wohl beide raus. Nein, ach du bist doch doof. Ich bin eh viel lieber hier. Und wenn ihr sowieso nicht da seid, brauch ich mir auch keinen Kopf machen. Ja hätte doch sein können, dass ihr nach einem weiteren Jahr eurer Zweisamkeit, die Liebe fürs Fest wiederentdeckt. Genau, die ganze Sippe um einen Tisch und nach dem feisten Essen den Messerblock fürs Verwandtschaftsschlachten umgehen lassen. Hööör auf jetzt, ich mach mir gleich in die Hosen vor Lachen. Jepp. Ich hab dich auch lieb. Und deine Süße natürlich auch. Gibst ihr nen dicken Kuss von mir? Aber Karte schreiben ist klar, oder? Jo mach ich. Einen extra dicken Knochen. Und Fee kriegt ne ganze Tüte Maltkisses von euch. Gut. Hmm. Jepp. Du auch Bruderherz. Fühl dich gedrückt. Hab dich lieieie-hieb!“

Na super, stell dir vor, du möchtest zum Fest nicht nach Hause, und jedem ist es Recht. Einfacher kann’s wirklich nicht laufen.

Und der Rest kriegt Weihnachtspost von mir. Ein bisschen früher. Früh genug für mich zum Absagen und zu spät für die Anderen, um was daran ändern zu können. Guter Plan, Frau Leuchtturmwärterin. Guter Plan.

Tagesglück

Neuer Tag, neues Glück?

täglich,

glücklich?

Einfach ein neuer Tag,

einfach neue Hoffnung

auf einfach ein bisschen Glück.

Und bis jetzt, ist das Glück mir hold.





Der Wind geht heftig

15 10 2009

Der Wind geht heftig und ich bin sehr glücklich, dass er mir, nachdem ich die vorgenommene Richtung eingeschlagen habe, in den Rücken bläst. So habe ich eine Art Rückenturbo eingebaut und fliege nahezu über den Strand. Eine fliegende Leberwurst, das muss ein Bild für die Meergötter sein. Während der Rucksack auf meinem Rücken gemächlich hin und her schaukelt, und das Glucksen des frischen Kaffees mich fast überredet eine dafür vorgesehene Pause einzulegen, nutzt Fee ihre verbliebene Pfote fürs Temmeln. In sekündlichen und regelmäßigen Abständen führt sie den sogenannten Milchtritt aus. Kein Wunder, am Busen der Leuchtturmwärterin, das lässt ja auf Leckeres hoffen. Für mich allerdings ist das nicht wirklich der Hit und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich anfühlt wie eine tierische Akupunktur oder die ständigen Fehlversuche eines Tattoomeisters, meine Brust an allen Rundungen gleichzeitig zu piercen.

„If I could turn back time…“ Habe ich Angst? Eigentlich summsinge ich nur, wenn ich Angst habe? Ja verdammt noch mal ich habe Angst. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, so wie Cher es besingt, dann wärst du hier, Dune wäre hier, Max wäre da und wir wären am Turm, säßen draußen in den Dünen auf einer riesigen Decke und würden Picknicken. Aber du bist nicht da, ein Zustand, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe und an den ich mich auch nie gewöhnen möchte. Max ist auch nicht da. Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr. Und Dune, Dune ist irgendwo verschollen, sie ist weg, fort und ich sterbe vor Angst. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das Richtige tue.

Du hast mir mal gesagt, dass es sie nicht gibt, die perfekte Sicherheit. Du hast mir mal gesagt, dass du sie mir nicht bieten kannst, die perfekte Sicherheit. Aber wenn meine ganze Welt über mir zusammenbricht, sich über mir ergießt, wie die riesige Welle einer Sturmflut, wenn ich keinen Weg mehr sehe, um diesem Strudel zu entrinnen, werde ich doch weiter die Wendeltreppe hinaufklettern, mich im Turm einkuscheln, und mich ihr hingeben, meiner Illusion der perfekten Sicherheit in dem Turm und mit dir.

Mir kann nichts passieren. Ich vertraue in mich und meine Stärke. Ich horche auf mein Herz und folge meinem Bauchgefühl. Es wird alles gut. Mir kann nichts passieren und auch Dune ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Sie wird irgendwo die Zeit vergessen haben. Sie wird irgendwo Schutz vor dem Unwetter gesucht und gefunden habe.

Bei all dem Wind und der Lautstärke der Natur, hätte ich es fast überhört, das Knarzen und Quieken, das vom Meer zu mir herüber dringt. Vertraute Geräusche, vertraute Stimmen und das erste Mal seit ewigen Stunden verspüre ich wieder so etwas wie ein Glücksgefühl. Es ist recht klein, in Anbetracht der Sorge, der Angst und der Panik, aber es ist spürbar da, in meinem Herzen und ich lege zu dem schnellen Schritt, den ich durch den Rückenwind schon habe, noch an Tempo zu.

Der Horizont erblüht sehr langsam und es deutet sich an, dass die Helligkeit sich ihren Weg durch die Nacht bahnen wird. Es macht fast den Eindruck, als bekämen wir heute sogar ein paar Minuten Sonne geboten. Aus einem kleinen zarten Loch in der dunklen Wolkendecke sprühen kleine Lichtfunken, welche diese Hoffnung eindrucksvoll unterstreichen. Der Himmel saugt sich um dieses Loch herum mit den Farben dahinter voll. Ich erinnere mich an eine Schularbeit, wo wir mit sehr viel verschieden farbigen Wachsmalstiften das Zeichenblatt anmalten. Darüber kam eine deckende Schicht schwarz und mittels eines kleinen Spachtels haben wir einem Motiv entsprechend, die schwarze Farbe wieder abgetragen. Zum Vorschein kamen bunte Konturen und Flächen, die in der Gesamtheit ein buntes Bild im Schwarz ergaben. Schillerndes Orange und sattes Goldgelb mischt sich mit der Dunkelheit und beschneidet sie Millimeter für Millimeter.

Am Sturm selbst hat sich noch nichts verändert und hier am Meeressaum pfeift mir der Wind so mächtig durch die Ohren, dass ich den Schal etwas höher krempele. Wahrscheinlich verschreckt durch die Geräuschkulisse der grollenden Wellen, drückt sich Fee ganz, ganz nah an mich heran. Ich kann ihr kleines Herz spüren, wie es regelmäßig aber hektisch gegen meine Brust bummert. Ob sie sich wohl mit der Nase herauswagt, wenn sie die Delfine hört?

Mein Blick wandert zwischen erstrahlendem Horizont und peitschender See hin und her. Die Wogen sind so hoch und unruhig, dass aus den Gischtmützen und entstehenden Strudeln zwischen ihnen kaum was zu entdecken ist. Delphi und Finchen waren hier. Ich habe sie gehört und sie haben mir meinen ersten Glücksmoment des Tages beschert. Wahrscheinlich ist das Schwimmen so nah am Strand zu gefährlich bei der Strömung. Da sich Delfine ja mittels Sonar oder war es Echolot orientieren, kann es bei solch einem Unwetter sicher heikel werden für die Tiere. Mitten in meine semifachfraulichen Ausreden, die ich für Delfine bastele, platzen drei Rückenflossen. Drei? Wieso drei? Während die Kleinste ruhig versucht, die Herausforderung sich aufblähender Wellen zu stellen, und möglichst gleichmäßig durchs Wasser zu gleiten, zeigen die größeren Delfine schon wesentlich mehr Routine. Der Zustand des Gleitens wechselt sich mit flachen und weiten Sprüngen über die Wellen ab. Es sieht toll aus, wie sie scheinbar die Kraft des Wassers für sich nutzen um vorwärts zu kommen. Dann wieder macht es den Eindruck, als spielen sie mit den Wogen Fangen.

Delphi hat mich scheinbar am Strand entdeckt und lässt sich ein Stückweit näher herantragen, während der riesige, mir unbekannte dritte Delfin scheu weiter seine Runden dreht und ein wachsames Auge auf Finchen hat. Der Dritte ist wirklich ein Riese. Ob das der Olle Graue ist, von dem Max erzählte? Ob das Finchens Erzeuger ist? Delphi schwimmt aufs Meer hinaus, nimmt Schwung und prescht über die Wasseroberfläche, jede einzelne Welle für sich, die wohl ausgesuchte Richtung und den wahrscheinlichen Landepunkt, ausnutzend. Elegant hebt sie sich aus dem Wasser, springt in formschönen Bögen über Finchen und den Ollen Grauen hinweg, rast auf das Land zu und wie von Geisterhand gestoppt, bremst sie in sicherer Entfernung wieder ab. Dann stellt sie sich auf ihre Fluke und tanzt und schnattert und braust zurück in Richtung Horizont und kwarzt und quiekt. Werde ich jetzt größenwahnsinnig, wenn ich mir einbilde, dass sie mir etwas erzählen möchte? Oder entschuldigt sie sich nur, weil sie mir das Glück des Kraulens nicht bieten kann? Vielleicht möchte sie mir auch einfach nur Mut machen, für meine Suche nach Dune. Ich weine. Und ein ganzer Niagara stürzt sich aus meinen Tränendrüsen als ich merke, wie die kleine Fee neugierig ihr Köpfchen aus ihrem Versteck reckt und, durch den Wind kaum wahrnehmbar, miaunzt. Dabei streckt sie immer wieder ihr kleines Stummelbeinchen nach draußen, und winkt? Vielleicht spricht Delphi gar nicht mit mir sondern mit Fee? Diese Situation überfordert mich wieder vollends. Aber sie lässt mich auch lächeln. Ich lächele und bin einfach nur unaussprechbar glücklich, dass mir die beiden Freunde, Entschuldigung, drei Freunde auf See beistehen.

Der Himmel brennt und erstrahlt in gigantischen Farbformationen, die wie so oft unbeschreiblich sind. Aber selbst, wenn ich über das notwendige Vokabular verfügen würde, ich habe keine Zeit. Ich muss weiter. Der Tag ist da, er ist über das Anbruchsstadium hinaus und ich möchte meinen Hund finden. Ich will, dass es Dune gut geht.

Ich werfe einen letzten Blick auf die spielenden Delfine und stuppse ganz vorsichtig Fee zurück in ihr ihre Sänfte unter meiner Jacke. Das erste Mal höre ich diese winzige Katze einen Fauchversuch starten. Aus meinem Lächeln wird ein Lachen. Das Fauchen klingt so unglaublich albern. Beinahe automatisch muss ich an eine Szene aus dem Film „LionKing“ denken, wo der kleine tapfere Löwensohn fauchen möchte und nur ein krächzendes fast lautloses „Miiiaunz“ zu Stande bringt. „Fee, Fee, ach kleine Fee. Da musst du noch viel Schlabber fressen und viel mit Dune herumtollen, damit du so groß und stark wirst, dass du gegen dieses Unwetter und all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt anfauchen kannst. Bis dahin werden wir hoffentlich die Delfine noch ganz oft besuchen können und nun gib Ruhe.“ Mit einem letzten zärtlichen Schubbser befördere ich die Mieze zurück ins Brusttaxi.

Delphi und der olle Graue umschmusen sich. Zärtlichkeit gegen die Gewalt des Meeres. Ein definitiv letzter Blick und ich gehe weiter in Richtung Bucht. Schritt für Schritt entferne ich mich von diesem wohligen Szenario, das mir das erste Glück des Tages brachte. Ich mag nicht daran denken, ob vielleicht oder hoffentlich noch mehr Glück auf mich wartet. Aber ich werde weiter gehen. Schritt für Schritt, durch die Kälte, den Sand, den Sturm – hinein in einen scheinbar freundlich werden wollenden Tag.

Aus deiner schützenden Umarmung

löse ich mich nun und steige hinab in das,

was sich Leben nennt.

Knirschend wird sich die Kälte des Lebens

meinen vorsichtigen Schritten ergeben.

Hat es eine andere Wahl?

Das Leben?

Wahrscheinlich.

Aber nicht solange ich mich fortbewege.

Hin zum Leben – hin zum Sein.

Du wachst über mich mit deinem großen Herz.

Danke dir dafür, mein Freund, mein Liebster.

Ob Dune auch hier war? Ob sie hier vorbei gekommen ist? Oder suche ich auf komplett falschen Wegen? Nein, ich möchte mich jetzt nicht verunsichern. Ich möchte daran glauben, dass es richtig ist, was ich tue. Ich möchte mir vertrauen, auf mein Herz horchen und dem Bauchgefühl folgen, das mir schon so oft die richtige Richtung gewiesen hat. Das Unwetter lässt tatsächlich nach. Der Wind hat sich abgeschwächt und tost nicht mehr mit soviel Dezibel an meinen vom Schal gewärmten Ohren entlang. Dort, wo die seichten Sonnenstrahlen sich bereits durch das Schwarz gekämpft haben, ist es bestimmt schon herrlich. Ich versuche geduldig zu sein. Geduldig mit dem Wetter, mit dem Tag und, ja, auch mit mir. Hoffentlich hat Dune auch genug Geduld. Hoffentlich geht es meinem Podenco gut.

Je näher ich der Bucht komme, um so mehr zweifele ich an meinem Geisteszustand. Es mangelt mir nicht an guter Nahrungsgrundlage und getrunken habe ich auch genug. Ich gebe zu, es war nur Kaffee, aber ausreichend Flüssigkeit habe ich zu mir genommen. Drogen nehme ich bis auf die handelsüblichen Sorten wie Nikotin und Koffein auch keine – und niemand war in meiner direkten Nähe, so dass er hätte meinen Kaffee panschen können. Es ist nicht mehr so eisig wie heute Nacht, aber auch nicht plötzlich so heiß, dass ich bereits zu dieser Stunde des Tages unter Halluzinationen leiden könnte. Wie aber sonst erkläre ich mir diese Fata Morgana dort hinten? Eine Spiegelung? Ein Hologramm? Kurz vor dem Ding bleibe ich stehen, starre es an und führe eines meiner berühmten Selbstgespräche. Das sieht aus wie ein Pfahlbau. Es steht auf Pfählen. Es scheint rundum aus Holz gebaut. Und ein rundum aus Holz gebautes Haus, das zudem auf Pfählen steht, nennt man gemeinhin einen Pfahlbau. Ich kenne diese Bucht. Ich war öfter in dieser Bucht als in einer Kirche und ich behaupte, übertreibend, wie ich manchmal sein kann, dass ich hier jedes Sandkorn beim Vornamen kenne. Ich sehe dort einen Pfahlbau stehen, der dort noch nie gestanden hat, der vor wenigen Tagen noch nicht da war. Wie um Meergottes Willen, kommt dieses Ding hier her?





Ich ziehe mir die Kuscheldecke über

23 08 2009

Ich ziehe mir die Kuscheldecke über und mache mich lang. Fee rollt sich auf meiner Brust zusammen. In beiderseitigem Einvernehmen wird der wortlose Beschluss gefasst, dass wir, bis Dune irgendwann wieder Einlass begehrt, uns unseren Träumereien hingeben. Ich weiß nicht, wovon meine Katze träumt. Vielleicht von einem stattlichen Kater? Wobei sie eigentlich noch viel zu jung für solche nicht jugendfreien Träume ist. Ich träume mich zu dir, in deine liebevolle zärtliche Umarmung, ganz dicht zu dir.“

Ich ziehe mir die Decke über die Nase, während meine Füße sich am Ende meines Körpers, fest im Stoff einwickeln. Nichtstun macht müde, und wenn ich müde bin, friere ich. Wobei ich sowieso eine Frostnase bin. Zaghaft öffne ich ein Auge, um blinzelnd festzustellen, wo ich bin, ob ich bin wo ich sein will und ob alles gut ist. Die Couch, der Raum, das beruhigende Brummen der Leuchtfeuertechnik über mir, es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Wo ist Fee? Ich lupfe die Decke von meiner Nase und wickele meinen Kopf leicht aus der selbstgedrehten Kuschelhöhle heraus. Hier bei mir ist sie nicht. Ich schrecke auf, habe Angst, dass ich sie zerdrückt haben könnte oder so von mir heruntergekickt, dass sie verstört irgendwo um mich herumliegt. Nie ist nicht zu sehen, nicht in meiner direkten Umgebung und ich setze mich widerwillig aber mit steigendem Puls auf. Als ich endlich meine Knochen in die Sitzposition gequält habe, habe ich freien Blick auf den riesigen Korb, den ich für Dune und ihre Familie angeschafft habe.

Fee, bedingt durch ihre Fellfarbe, fällt in dem großen Geflecht und auf der eierschalfarbenen Kissenmasse gar nicht auf. Sie liegt mittig im Korb, wie immer, wenn sie sich gut fühlt, wie ein kleiner Fennek zusammengerollt und man kann hinter ihrem krummen, buschigen Schwanz gerade so ein Gesichtchen erahnen. Ich fingere nach meiner Kamera, die, seitdem ich sie hier habe und seitdem Fee eingezogen ist, immer zum Abschuss bereit liegt. Selbstverständlich bleibt mein Gekrusche nicht unbemerkt und Fee hebt kurz ihren Kopf, gibt ein knappes „Miaunz“ von sich, als wolle sie mich schimpfen, warum ich so eine Hektik verbreite, und rollt sich noch enger zusammen. Nach dem fünften oder sechsten Aufflackern des Blitzes wird es ihr zu doof und das kleine Fellknäuel erhebt sich. Ich ärgere mich schon ein wenig, weil ich sie so gestört habe und weil nur so wenig Bilder aus diesem Stilleben im Korb entstanden sind. Die kleine Katze kommt mit hocherhobenem Schwanz auf mich zu, was richtig lustig ausschaut, da der Knick, der durch den Bruch entstanden ist, als habe sie einen Wimpel an der Spitze angebunden. Mit forderndem und dramatisch klagendem Maunzen stellt sie sich vor meine Füße und weil ich nicht sofort reagiere, setzt sie zum obligatorischen Beinsprung an und zieht sich an mir, meiner Hose, meinen Schienbeinen zu mir herauf. Die Klippe meiner Knie meisterhaft überwunden und auf dem Schoß angekommen, rollt sie sich wieder ein und schnurrt bis mir die Schenkel beben.

Dune scheint immer noch unterwegs zu sein, sonst hätte sie schon mordsmäßig angeschlagen um Einlass zu begehren. Und ich? Ich bin immer noch überwältigt von dieser furchtbaren Herbst-Winter-Müdigkeit. Darum lass ich mich zur Seite fallen, winkle die Beine weiter an und bereite Fee eine Höhle begrenzt durch meinen Bauch, meinen Unterleib und die Oberschenkel. Das Sortieren der Decke und das Wiederherbeiführen der vorangegangenen Wickelsituation veranlasst die Katze erneut zu einem maunzenden Protest. Dann wird es still. Fee schnurrt ruhig weiter und auch ich gewinne meine Ruhe wieder. Nur noch fünf Minuten.

„Nur noch fünf Minuten“

„Noch mal fünf Minuten?“

„Ohja, bitte!“

„Kleines, wir legen schon seit zwei Stunden immer wieder fünf Minuten ein.“

„Na dann kommt es auf Fünf mehr oder weniger doch gar nicht an.“

„Und unsere Planung für heute?“

„Später, in fünf Minuten oder so?“

„Du bist unverbesserlich. Was soll aus dir mal werden, wenn aus meiner Kleinen was Großes wird?“

„Zeitschinder? Minutenborger? Eine Fünfminutenterrine?“

„Kann es sein, dass du mich nicht ernst nimmst?“

„Doch, schon, aber…“

„Aber was?“

„Aber so bin ich halt, wenn ich noch fünf Minuten brauche. Noch fünf Minuten?“

„Okay, noch fünf Minuten, aber dann ist wirklich Schluss!“

Du konntest mir nie wirklich etwas abschlagen. Ob es um fünf Minuten kuschelnd im Bett, um einen Musikwunsch, den unbedingt jetzt und sofort auf dem Saxophon spielen solltest, oder ob es einfach darum ging, bei dir sein zu dürfen. Ich rief dich an, ich wollte zu dir, und du hast deinen ganzen verkorksten Tagesablauf auf den Kopf gestellt, um es möglich zu machen. Irgendwann musste ich sogar erkennen, welchen Qualen du dich manchmal dafür ausgesetzt hast, wenn ich dir mal wieder auf der Pelle hing und du sogar erste Entzugserscheinungen riskiert hast, nur weil du mich nicht alleine lassen wolltest. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich realisiert habe, was du da für mich auf dich nimmst, was unser ungeplantes Treffen damals, für dich für Konsequenzen hatte. Es waren nur fünf Minuten, die unser beider Leben komplett auf den Kopf gestellt haben. Und diese fünf Minuten entwickelten sich mehr und mehr zu einer uns ganz eigenen Zeiteinheit, die unser Leben bestimmt hat. Wärst du fünf Minuten früher im Hofgarten gewesen, hättest du deinen Plan schon umgesetzt und von mir nichts mehr mitbekommen. Wärst du fünf Minuten später gekommen, wäre ich vielleicht schon wieder fort gewesen, von jemandem anders aufgelesen, oder von der Polizei? Fünf Minuten kamen mir vor wie eine Ewigkeit voller Schmerzen und Gewalt. Vielleicht waren es auch nur Vier oder es waren zehn Minuten und ich habe in der Aufregung und Angst jedes Zeitgefühl verloren? Muss ich heute beschreiben, was damals war, sage ich, es waren fünf Minuten.

„Gib mir fünf Minuten.“ War dein Standardsatz, wenn du dich auf den Weg ins Bad gemacht hast, um die Welt rauszuschmeißen, um dir durch deine Venen zu jagen, was dich die Welt hat besser ertragen lassen. Wäre ich nur fünf Minuten früher bei dir gewesen, hätte ich dich vielleicht noch abknüpfen können, dich halten können. Vielleicht hätte ich verhindern können, dass dieses Seil dir deinen Kehlkopf zerdrückt und vielleicht hättest du nie soviel Schwung genommen, um dir dein eigenes Genick zu brechen? Ich hätte nur fünf Minuten gebraucht, um diese kleine Schatzkiste zu retten, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte. Fünf Minuten, in der ich all deine Briefe, deine liebevollen Zeilen und verrückten Kleinigkeiten und Geschenke bei Seite schaffen können. So sind sie deiner Mutter in die Hände gefallen und wurden für mich auf ewige Zeiten unerreichbar. Fünf Minuten einer verpassten Gelegenheit, für die ich mich auf ewig hassen werde. Fünf Minuten voller hätte, würde, könnte und vielleicht und wohl möglich. Aber es gab auch so viele der schönen fünf Minuten. Der Nur-Noch-Fünf-Kuschel-Minuten, fünf Minuten voller Zärtlichkeit und Musik, fünf Minuten Gänsehaut und Wohlfühlschauer. Fünf Minuten vollgepackt mit Zweisamkeit. Fünf Minuten nur du. Und ich möchte keine einzige all dieser fünf Minuten missen.

Dune? Fee? Wer von euch knurrt und warum? Ach nein, es ist keiner der beiden, es ist mein anderes Bauchgefühl, dessen Protesthaltung auf Grund von mangelnder Nahrungszufuhr ich ernst nehmen sollte. Aber es ist so schön hier. Der Fellzwerg liegt noch genauso in der Höhle, wie eben. Ganz leicht lege ich meine Hand auf ihren Körper, woraufhin die kleinen Öhrchen sich gleich aufstellen und einzelne Partien des Fells sich mir entgegenrecken. Zeitgleich vernehme ich ein Schnurren, das mehr Wohlbehagen kaum ausdrücken könnte. Puh, sie lebt. Ich habe immer noch eine riesige Panik davor, dass dieses kleine Leben irgendwann mal nicht mehr um mich sein könnte, weil sie vielleicht doch zu schwach oder weil es Verletzungen im Inneren gibt, von denen ich nichts ahne. Vom Kopf her habe ich absolut klar, dass das nicht sein kann. Sie ist wohl auf, wird täglich kräftiger und wächst sogar sichtbar zu einer schönen Kätzin heran, einer Kätzin mit Handycap. Das entstellt sie nicht, aber sie weiß es sehr gut für ihre Zwecke einzusetzen.

Bei aller Begeisterung für Fee, frage ich mich, was wohl mit Dune ist, beziehungsweise wo sie ist. Von draußen ist nur das Grollen der stürmenden See zu vernehmen und Regen, der sich an die Fenster schmeißt. Ganz vorsichtig pelle ich mich aus der Deckenrolle, drapiere sie über Fee so, dass sie noch Luft bekommt und schleiche zum Fenster. Es ist so finster, es ist so bedrohlich dunkel. Und ich freue mich hier oben zu sein, denn dort draußen fiele mir sicher gleich der Himmel auf den Kopf. Und wenn er nun Dune auf den Kopf fällt? Eine kleine Drehung um die eigene Achse und ich kann einen Blick auf die Mikrowelle erhaschen. Ohne Brille gar nicht so leicht, aber es sieht wirklich so aus, als hätten wir jetzt weitere drei Stunden des Sturmtages verschlafen. Weitere Unruhe beschleicht mich, fast bis zur Panikattacke. So schnell ich kann laufe ich die Wendeltreppe hinunter und raus. „Dune??? Dune!!!! Djuuuuu-huuuuuuun!“ Mit aller Kraft stellt sich meine Stimme gegen den Wind, versucht kleine Luftlöcher im Sturm auszunutzen und meine Sorge, meine Angst aufs Land hinauszutragen und aufs Meer. Angestrengt versuche ich die Geräusche des Sturms auseinander zu klamüsern, trenne Windgeheul von Meeresrauschen, Leuchtfeuerbrummen von Möwenkreischen. Je nachdem wie ich mich in den Wind stelle, kann ich Kuttergeräusche hören. Wahrscheinlich wieder so ein lebensmüder Fischer, der um seine Existenz zu erhalten, größtes Risiko beim Fischfang eingeht. Ich höre alles, sogar das schnarrende Aneinanderreiben des Schilfes von der Düne, vor der ich mittlerweile stehe – aber ich höre meinen Hund nicht! Sie würde doch reagieren, wenn sie mich hört? Egal wo sie ist, sie würde auf mich zugelaufen kommen, glücklich darüber, dass ich sie nicht vergessen habe und mit mir in den sicheren Leuchtturm zurückwollen. Und was, wenn sie mich gar nicht hören kann? Wenn sie irgendwo verletzt liegt oder wenn die Geburt sie überrascht hat und sie sich ein sturmsicheres Dünental gesucht hat, um ihre Welpen unter den denkbar übelsten Bedingungen auf die Welt zu bringen? Sie weiß doch gar nicht, wie es ist Mutter zu werden. Mein kleines Podencolein muss doch noch soviel lernen? Panik überkommt mich, schleichend, zielsicher, vom Scheitel bis zur Sohle.

Nein, nein, nein. Nicht wieder. Ich werde nicht wieder etwas verlieren, was mir beinahe mehr bedeutet als mein Leben. Ich werde nicht wieder alleine gelassen. Ich werde nicht wieder etwas missen müssen, was den Inbegriff von Freundschaft für mich ausmacht. Es gibt eine Menge Menschen, auch in meinem direkten Umfeld, die eine solche Tierliebe nicht nachvollziehen können, schlimmstenfalls sie sogar verurteilen. Sie verurteilen mich, weil sie im Inneren genau spüren, dass sie es nie wert sein werden, mich zum Freund zu haben und sind eifersüchtig darauf, dass ein dahergelaufener Hund mehr von meiner Liebe und Zuneigung erhält, als mancher Mensch, der mir eigentlich viel näher stehen sollte. Dune, wo bist du?

Und du? Verdammt noch mal, du bist mir so nah, immer noch. Aber wenn ich dich brauche, scheinst du für mich unerreichbar zu sein. Okay, ich habe meine Lektion erhalten, was auch immer sie mir beibringen sollte. Jetzt mach endlich, dass mein Hund mich anspringt und mir freudig erregt das Gesicht abküsst. Bitte! Bitte tu doch was! Jetzt!

Verstört, verängstigt, panisch und vollkommen von der Rolle, kehre ich, unter weiteren verzweifelten Rufen nach Dune, zum Leuchtturm zurück. An der schweren Stahltür befestige ich einen Holzbalken um zu verhindern, dass die Türe ganz schließt. Von der Innenseite stelle ich die kleine Kommode dagegen, damit sie nicht immerfort aufschlägt, wenn der Wind sich gegen sie stellt. So kann Dune problemlos hineinkommen, wenn sie denn kommt. Ich laufe im Eilschritt die Stiege hinauf und suche wie eine Bescheuerte mein Handy. „Max, Max, Max, bitte sei da. Bitte reagiere. Bitte melde dich. Ich brauche dich doch.“ Mit zitternden Händen und rasendem Puls wähle ich Max Nummer und das bedrohliche Tuten nach erfolgreichem Verbindungsaufbau bringt mich fast um den Verstand. „Dies ist die Mailbox von Maximilian… blablabla.“ Ich schreie, ich tobe und ich werfe das Handy in die nächste Ecke, nicht darüber nachdenkend, dass ich es noch brauchen könnte. Meergott sei Dank, landet es sicher im Sessel, verschreckt aber die kleine Fee so sehr, dass sie samt Deckenschleppe von der Couch springt, um sich dann an mir hinauf zu krallen. „Auaaa! Verdammtes Mistvieh!“ brülle ich sie an und schlenkere das Bein, um sie von mir los zu schütteln. Sehr unsanft landet die kleine Katze wieder auf dem Boden und schleicht sich, schreiend und maunzend in Dunes großen Korb. Mir wird ganz übel und ich laufe ihr hinterher, pflücke sie aus dem Kissen, nehme sie mir zu Brust und küsse und streichele sie, vollgepackt schlechten Gewissens. „Es tut mir leid Fee. Fee bitte, nimm es mir nicht übel. Ich weiß du kannst nichts dafür, aber Dune… . Ach Mensch Süße, schau mich nicht so ängstlich an. Ich wollte das nicht. Bitte, bitte nimm es mir nicht übel. Es tut mir leid!“ Ich vergesse fast, dass sie mich gar nicht hören kann.

Ich weiß nicht wer mehr zittert, Fee oder ich. Sie, sichtlich geschockt darüber, dass ihr Dosenöffner so die Fassung verlieren kann und ich, panisch wegen Dune, und ebenfalls ohne jegliches Verständnis dafür, dass ich meiner kleinen Fee so weh tun konnte. Es dauert ein ganzes Weilchen, bis sich das Häufchen Katze auf meinem Arm wieder entspannt und zu schnurren beginnt. Ich verpasse ihr einen dicken Kuss zwischen die Ohren und mache mich an einen erneuten Versuch Max zu erreichen. Ich spreche ihm auf die Mailbox und sende ihm drei SMS zu, aus denen meine Angst einfach herausschreien muss. Jetzt muss er sich melden. Jetzt kann er sich nicht mehr tot stellen. Max – egal wo du bist, bitte melde dich.





Mir fällt ein Zwiegespräch ein

22 08 2009

Mir fällt ein Zwiegespräch ein, das ich mal zu Papier brachte:

“Hallo, du. du kleiner Schimmer dort – wer bist du?”

“Hallo Mond. Ich bin ich – ein Licht”

“Ein recht kleines Licht.”

“Verglichen mit dir sicher. Klein aber stark.”

“Stark? Schau mich an. Ich bin stark. Stark gebaut. Nach mir sehnt sich die Menschheit. Mich zu entdecken ist ihr Traum. Mit mir spricht man. Um mich ranken sich Geschichten. Ich rege die Phantasie an. An mir orientieren sich Reisende!”

“Sicher. Ich sehe nicht aus wie du. Bei nacht wirke ich nicht so imposant und emporstrebend wie tags. Aber auch ich bin stark. 400 Watt misst die Leistung meines Lichts. Mich zu erklimmen, danach strebt der Mensch. Mich zu entdecken ist ein erfüllbarer Traum für viele tausend Menschen jeden Tag. Von mir werden Helden- und Liebesgeschichten erzählt. Ich rege die Phantasie an. Auf mich verlassen sich Reisende. Sie setzen ihre Hoffnungen in mich und meine Kraft – in mein Leuchten – meine Hilfe – meine Stärke. Sie setzen auf mich.”

“Du bist aber klein!”

“Im Schein. Nicht im Sein.”

Nun schließt sich das letzte blaue Loch im Himmel auch noch und eine dicke graue Wolke schiebt sich hinein, als wolle sie das Firmament sonnendicht verschließen. Aus einzelnen Tropfen entstehen ganze Sturzbäche, die sich von oben ergießen und ich sitze jetzt nicht nur mehr in Schafhaufen, sondern werde auch noch von einem Haufen Schafe dicht bedrängt und zu gekuschelt. Das passt alles so prima zu meiner Fassungslosigkeit.

Mit drei oder vier eleganten Sprüngen kommt lautbellend Dune auf mich herabgeplumpst. Sie hat die Herde einfach “überrannt” und sitzt mir nun zur Hälfte auf dem Schoß, während das Hinterteil noch versucht sich aus der Schafwolle zu befreien. Ich komme mir vor, wie in einem ganz schlechten Film. Das alles passt nicht mehr zusammen, nicht mehr zu mir und ich frage mich erneut, was wohl jetzt als Nächstes kommen mag. Langsam wird es echt eklig und ich entscheide mich nun doch, wieder am Leben teilzunehmen. Außerdem ist es sicher ratsam, wenn wir bald den Rückweg antreten. Wenn das so weiterschüttet, kommen wir mit dem R4 sicher noch gut in Schlaglöcher hinein, aber nicht mehr so schnell wieder hinaus. Es ist gar nicht so einfach, sich aus einer regentriefenden Herde Schafe zu befreien, wenn diese Schafe nichts schöner finden, als Wollkleid an Wollkleid dicht beisammen zu stehen und den Niederschlag über sich ergehen zu lassen. Ich komme mir vor, als hinge ich inmitten eines rekordverdächtig großen nassen Schwamms und würde einfach das richtige Loch mit der Verbindung nach Außen nicht finden. Dune hat’s da schon leichter – die hüpft, so wie sie gekommen war, einfach über die Meute weg und kläfft mir von der anderen Seite Mut zu. Ich werde sicher kein Sheepdiving betreiben, ich nicht.

Ich bin draußen! Ich hab’s geschafft. Wie genau, kann ich gar nicht sagen. Es war mit viel Schubbsen und Drängeln verbunden. Schaue ich in die tränenüberströmten, lachenden Gesichter von Max und Jacques, überkommt mich genau jetzt eine große Lust, einfach wieder in der Masse zu verschwinden. Da ist es nass, es stinkt und klebt ganz eigenartig, aber dort werde ich wenigstens nicht ausgelacht. In diesem Moment beginnen fünf Mutterschafe gleichzeitig an zu blöken und ich treffe für mich an diesem Tag die Entscheidung, dass die ganze Welt schlecht und gegen mich ist.

Max hat sehr großes Interesse daran heute noch nach Hause zu fahren. Allerdings bedeutet das, dass er nur cirka drei Kilometer fahren muss, im Zweifel sogar zu Fuß gehen könnte. Mir wird ganz schnell klar, dass ich vielleicht mal ein freundlicheres Gesicht auflegen sollte, denn sonst kann ich das zehnfache an Kilometern gehen, oder teils schwimmen teils gehen – auf alle Fälle nicht im unbequemen Maxmobil fahren. Ganz lieb und mit einer fast säuselnden Stimme, die mir so gar nicht steht, frage ich, ob es möglich wäre, dass er seine drei Lieblingsdamen vom Turm denn noch zurückbringt. Er brummelt und überlegt, brummelt erneut, und nimmt sich einen Kurzen, danach brummelt er noch mal was und fragt mich dann, ob ich ihm wirklich solch eine Niedertracht zutraue. Mit ganz großen Augen und aller Überzeugung, die ich nach diesem Tag noch zusammenkratzen kann, antworte ich mit einem klaren: “Ich??? Niemals!” Eine dreiviertel Stunde später sind wir wieder auf der Piste und ich bin heilfroh, dass nicht alle 19 Mäuler von Jacques Familie zum Abschied da waren.

Die Fahrt verläuft im gegenseitigen Einverschweigen. Ich kann mich an der kleinen gesunden Fee nicht satt kraulen, Dune scheint im Schlaf über eine Schafstraße zu laufen und unser aller Fahrer konzentriert sich mit sehr ernster Mine auf den Verkehr und die immer wieder in den Weg springenden Schlag- und Schlammlöcher. Wir hätten keine Stunde später losfahren dürfen, die Strecke ist wirklich die Hölle. Wie gerne würde ich es Dune nachtun und auch ein wenig Augenpflege betreiben. Doch die regelmäßigen Konfrontationen zwischen der Autodecke und meinem Haupt, lassen mich davon Abstand nehmen. Außerdem muss ich Fee gut festhalten, damit sie bei allen Traumata nicht noch das des zwanghaften Trampolinspringens dazu bekommt. Bei diesem Geruckel und Gehoppse kann man noch nicht mal in Ruhe nachdenken. Allerdings bin ich mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das möchte. Ich habe an Stelle des Gehirns sauren Krautsalat, da bin ich fest von überzeugt. Wieder einer der Momente, in denen ich dich so vermisse, dass es weh tut. Du liebtest diesen Krautsalat. Du wusstest ihn richtig anzurichten, dir schmackhaft zuzubereiten und ihn ganz seicht und vorsichtig zu verzehren. Dieses Gefühl in meinem Kopf hielt nie lange an, wenn du dich ihm erst einmal angenommen hattest.

Vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten später – endlich kann ich das Leuchtfeuer sehen und es beschleicht mich eine wohliges Glücksgefühl. Mein Turm ist noch da, er arbeitet fleißig und in wenigen Minuten kann ich mich in meine Koje schmeißen, die Augen schließen und hoffen, dass ich diesen komischen Tag im Schlaf verdauen kann.

Kurz bevor wir am Turm ankommen fragt Max, ob er vielleicht bleiben dürfe. Er würde sich auch ganz klein machen, was mir ja schon wieder ein breites Grinsen entlockt. Aber fast die gleiche Strecke jetzt wieder zurück, das wolle er nicht. Ich möchte das auch nicht. Ich würde umkommen vor Sorge, entgegne ich ihm, und lade ihn selbstverständlich auf die Schlafcouch ein.

Max macht sich wirklich klein. Jeder von uns genießt eine heiße Dusche und gemeinsam schlürfen wir im Anschluss eine heiße Schokolade. Schweigend. Heute weiß ich nicht, ob mir das Schweigen gefällt oder nicht. Ich mag aber auch kein Gespräch suchen, weil der Krautsalat so sauer ist und ich einfach nur unfassbar müde bin. Fee bekommt noch ihren Schlabber, Dune eine kleine Dose Futter mit satten vier Prozent Fleischanteil, und weil sie so artig war, bei Jacques und nicht während meiner Abwesenheit, lege ich ihr den großen Rinderknochen hin, den uns der Onkel Nicht-Wirklich-Doktor mitgegeben hat. So ein Bauer in der Familie, der gleichzeitig über tierärztliche Kenntnisse verfügt, ist wirklich ein Segen. Nach der Raubtierfütterung wende ich mich nun doch an Max, muss aber feststellen, dass er es sich auf der Couch so gemütlich gemacht hat, dass er bereits im Schlummerland weilt.

Der letzte Blick aus dem Fenster für heute. Der letzte Blick in tiefes Schwarz. Ein letzter Blick, in die gerade erst muntergewordene Nacht. Auch ich lege mich schlafen. Fee liegt wie ein winziger Fellball auf meinem Kopfkissen und das aller erste Mal höre ich sie schnurren. Ein ganz leises und zartest „GrrrrrrschrrrrrGrrrrSchrrrrr“ drängt sich aus dem Kissen an mein Ohr. Tränen der Rührung verlassen meine Tränenkanäle. Ist das süß. Und sie hat alle Chancen dieser Welt, eine wunderschöne Katzendame zu werden. Dafür werden wir sorgen! Dune ist so mit dem Knochen beschäftigt, dass sie erst gar nichts von meinen Zubett-Geh-Aktivitäten mitbekommt. Meine Hündin ist sogar so weise, dass sie das riesige Teil ins Erdgeschoss geschleppt hat, um ihn dort ganz alleine, ohne Zuschauer zu zermalmen. Das Knacken des Knochens dringt, geleitet durch die röhrenartige Form der Wendeltreppe zu uns hinauf, aber schon bald habe ich dieses Knacken mit in meine Träume eingebaut.

Ich vertraue jetzt einfach in mich und meine Stärke. Ich höre auf mein Herz und gehe nach meinem Bauchgefühl. Beide sagen: Alles wird gut! Na also!

Für mich beginnt jetzt die grausamste aller Zeiten: Weihnachten. Ich kann diesem Fest der vorgegaukelten Liebe so gar nichts abgewinnen und freue mich umso mehr, dass ich es hier in meinem Turm verbringen darf. Fern ab von jedem Geschenketerror, werde ich es mir einfach gut gehen lassen. Sollen sich die anderen doch in überfüllte Läden stürzen, Geschenke kaufen, die dann sowieso wieder umgetauscht werden, und an Heilig Abend sind alle ganz grün im Gesicht, weil die Vorweihnachtszeit so anstrengend war und die Dominosteine schon seit September so gut schmeckten.

Ich hatte Geschenke genug in den letzten Wochen. Da war das mit dem Traum hier zu wohnen, der sich erfüllt hat. Und da kann kein Geschenk der Welt gegen anstinken.

Seit unserem Tag bei Jacques und der kurzen Nacht danach, habe ich von Max nur noch zwei oder drei kurze SMS bekommen. Er scheint sich zurück zu ziehen und ich sorge mich um meinen alten Sandmann. Ich weiß gar nicht, wie der Kontakt zu seiner Familie ist, und ob er vielleicht mit ihr Weihnachten verbringt? Mir soll’s gleich sein. Ist er hier, ist er auch herzlich Willkommen, solange er nicht auf Gänsebraten oder irgend so einen ekligen Kram besteht. Bestenfalls kann ich ihm BoKaSa anbieten, mehr Stress tu ich mir nicht an. Ist er nicht hier, freue ich mich auf kalte und stürmische Tage im Turm, mit ganz viel von dir und mit Hundis, Katz und Leuchtfeuer.

Dune ist ordentlich rund um den Bauch geworden und sie frisst seit ein paar Tagen wie ein Scheunendrescher. Wenn ich richtig gerechnet habe und Jacques ein bisschen was von seinem Job versteht, müsste es eigentlich beinahe täglich soweit sein. Zudem wird sie immer unruhiger und sucht die paar Quadratmeter des Turms wahrscheinlich nach einer passenden Geburtsstätte ab. Dabei habe ich ihr eigens einen riesigen Korb gekauft, der genau unter das Fenster passt. Es wird mächtig eng hier, wenn der Wurf erstmal da ist – nein, erst später, wenn der Wurf das Laufen lernt. Aber soweit sind wir noch nicht! Wo ich gerade beim Thema bin, begehrt sie auch schon wieder nach Ausgang.

Fee hat sich prächtig entwickelt. Sie hat gut zugenommen, an Stärke gewonnen und traut sich sogar mittlerweile hin und wieder der werdenden Mutter Kontra zu geben. Dank mangelnder Sozialisierung und dadurch fehlendem Selbstbewusstsein, hat mich Fee zur zweiten Ersatzmama ausgerufen. Das hat zur Folge, dass ich keinen Schritt mehr ohne das Fellmonster machen kann. Und wenn ich nicht daran denke, sie früh genug auf meine Schulter zu setzen, dann springt sie mir an die Waden, hakt sich mit den verbliebenen drei Pfoten nicht nur in den Hosenstoff, sondern auch in meinen Stoff aus dem die Wade ist und lässt sich mitziehen. Sie muss und will überall dabei sein, und ich kann es dem armen Tierchen noch nicht einmal übel nehmen.

Dune absolviert einen kleinen Dauerlauf am Strand entlang und das Letzte was ich von ihr sehen kann ist ihre Rute, wie sie hinter einer Düne verschwindet. Mit Fee auf der Schulter und einem behaglichen Schnurren im Ohr, überlege ich mir, wie ich den lieben Daheimgebliebenen schonend beibringe, dass ich Weihnachten nicht in Beuel, bei Beuel oder um Beuel herum sein werde. Die Ausrede Geld ist ganz schlecht – schneller als ich gucken kann, habe ich die Flugkosten als Haben auf meinem Konto verbucht und von einem netten Menschen als Weihnachtsgeschenk deklariert. Zuviel Arbeit kauft mir auch keiner ab. Bleibt nur …, genau, die Tiere. Dune ist immerhin trächtig und die Welpen werden zum Fest gerade mal ein paar wenige Wochen alt sein. Ich kann Max nicht zumuten den Dogsitter zu geben und Fee kann ich eh nicht alleine lassen, so fixiert wie sie auf mich ist. Sie mitnehmen geht aber auch nicht – ich bringe es nicht übers Herz sie wieder in eine Kiste zu stecken, damit sie im riesigen Bauch des Fliegers verschwindet.

Ich kann niemandem begreiflich machen, dass ich das Fest mit dir hier verbringen möchte. Bestens kann ich mir ausmalen, was ich mir dann anhören darf und darauf hab ich salopp gesagt: Null Bock.

Also halten die Tiere als richtig echte Entschuldigung her.

Entschuldigen mag ich mich aber erst Morgen. Heute ist mir nach Gammeln, Dösen, Schlummern, Schmusen. Was heißt hier eigentlich heute? Mach ich die letzten Tage etwas anderes? Es ist aber auch zu einladend hier oben. Draußen kann es stürmen und schneien, hier ist es kuschelig warm, ich habe zwei nette Mitbewohnerinnen, die hin und wieder leicht anstrengend sind, aber nur ganz leicht. Der Kerzenschein hüllt die Turmwohnung in ein faszinierendes Licht und ich kann mich einfach nur wohlfühlen. Das Einzige, was mich immer wieder traurig werden lässt, ist der Gedanke, dass ich das nicht mit dir erleben kann. Ich weiß noch ganz genau, wie du mir von dieser Jahreszeit vorgeschwärmt hast, die nirgendwo besser zu ertragen ist als hier. Du hast es mir ausgemalt in den wundervollsten Farben, das Leben im Turm, und ich bin fast ein bisschen stolz, dass ich es genauso umgesetzt habe. Auf diese Weise bist du mir nah, näher – bestmöglich nah. Noch näher, und du würdest von den Toten auferstehen.

„Du Kleines, darf ich dich was fragen?“

„Du bist der einzige Mensch, der alles fragen darf und auch auf alles Antworten bekommt, so ich sie kenne.“

„Stehst du auf diesen Weihnachtsmist?“

„Nein – schon lange nicht mehr. Warum fragst du?“

„Würdest du mit mir fortgehen?“

„Wohin?“

„Überallhin.“

„Wie, überallhin?“

„Sag mir, wohin würdest du wollen?“

„Hmm, an einen Strand, mit einem Leuchtturm. Toll wäre, wenn es ein Strand in einem warmen Land wäre – ist aber nicht zwingend. Aber der Leuchtturm – der ist absolutes Muss. Und an seinem Fuß, möchte ich dann einfach nur sitzen, Schoggi trinken, deinem Saxophonspiel zuhören und glücklich sein.“

„Das würde dich glücklich machen?“

„Alles, was mit unserem Traum vom Turm und dir zu tun hat macht mich glücklich.“

„Was ist Glück für dich?“

„Das ist schwer zu beschreiben. Wie gesagt, unser Traum ist Glück – du bist mein größtes Glück, aber ein kleines Gänseblümchen, dass sich wacker auf dem Rasen gegen den Rasenmäher stemmt ist auch Glück für mich.“

„Und sonst?“

„Nichts und sonst. Es gibt viele Sachen, mit denen man mich glücklich machen kann – aber eben nicht so Sachen wie viel Geld, ein Haus, ein dickes Auto oder so.“

„Gut, dann verbringen wir Weihnachten im Glück.“

„Verstehe ich dich jetzt?“

„Wir stellen uns vor, unser Traum sei schon wahr geworden. Wir nisten uns hier ein, schließen die Tür ab, legen die Sealife-CD ein, ich spiele Sax zum Meeresrauschen und wir trinken Unmengen an heißer Schokolade. Wir tun einfach so, als wären wir nicht da. Hast du Lust?“

„Aber sicher hab ich Lust. Ich bin dabei. Aber…, aber was wenn?“

„Was wenn was?“

„Na, wenn der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten hier bei uns am Leuchtturm vorbeikommt, um uns herum kreist und hinein will, weil wir doch gar keinen Kamin haben?“

„Dann knippsen wir ihm einfach das Leuchtfeuer aus. Was meinst du, was der doof guckt!“

Ich muss furchtbar anfangen zu lachen und bebe dabei so heftig, dass Fee sich erschreckt, von meiner Schulter rutscht und sich beherzt versucht in meinem Rückenfleisch zu halten. Langsam komme ich mir vor wie ein lebendiger Kratzbaum, und ich sehe auch so aus.

Gemeinsam mit der Mieze kuschele ich mich auf die Couch und starre Löcher in die Wolkendecke draußen. So einmal die Woche ein klitzekleines Stück Blau am Himmel wäre ja schon toll. Ich krame in meinem Portemonnaie und fingere nach deinem Bild. Es ist schon ganz vergilbt und abgegriffen. Mich beschleicht ein wenig die Angst, dass du irgendwann nicht mehr zu erkennen sein wirst und ich dann nur noch mit meiner Erinnerung vorlieb nehmen kann.

Meine Erinnerungen an dich sind bunt, farbig und fröhlich, keine Frage. Aber hin und wieder brauche ich einfach den Blick in dein Gesicht, den schmalen Bart, den ich fast fühlen kann, wenn ich nur lange genug hinschaue, und der mich immer so gepiekt hat, wenn du mich geküsst hast. Deine Augen werde ich nie vergessen, trotzdem ist es was anderes, in diesen bergseeblauen Augen auf dem Bild zu versinken. Als würde sie mich verstehen, legt Fee ihren Stumpf auf das Bild und maunzt mich an. „Gell – der würde dir auch gefallen? Wäre sicher ein super Dosenöffner und ein genialer Ersatzpapa.“

Der Beste!





„Wo kommt „das“ denn her?“

20 08 2009

„Wo kommt „das“ denn her?“

„Das ist Fee und sie kommt aus dem Meer! Sag mal Großer, kannst du nicht mal Piep machen, bevor du hier aufschlägst? Um ein Haar hätte ich dich erschlagen. Hast einfach nur Glück, dass du so ein Riese bist!“

„Aus dem Meer, soso. Schlecht geträumt? Und überhaupt ich hab dir ne Nachricht geschrieben. Wer lesen kann ist klar im Vorteil!“

Schnaubend stapfe ich auf mein Handy zu und, ähm, ja – und entdecke dort einen Anruf in Abwesenheit und zwei Kurzmitteilungen, wie sie sich den engen Platz im Display teilen.

Reumütig nehme ich Kurs auf meinen Sandbauer, gebe ihm einen dicken Schmatzet auf die Stirn und entschuldige mich artig. Max grinst bis zu den Ohren, was mich fast schon wieder auf die Palme bringt. Aber nur fast, denn eigentlich bin ich für solche Auseinandersetzungen noch viel zu unmunter.

„Jetzt erzähl mal, wieso kommt Fee aus dem Meer. Wieso überhaupt Fee und warum meldest du dich nicht, wenn es doch solche Neuigkeiten, beziehungsweise neuen Mitbewohner gibt?“

„Ich muss erst ne Fluppe haben.“

Beim dritten oder vierten Zug an der Zigarette beginne ich von der Aktion „Rettet Fee“ zu erzählen, und nun, nach der dritten Kippe, frage ich Max, ob er einen Tierarzt hier kennt. Was Dunes Kopfverletzung durch die Möwen anging, war ich ja noch sehr mutig und habe mich auf meine Eigendiagnose verlassen und darauf vertraut, das Richtige zu tun. Aber das mit Fee ist doch ein anderes Kaliber. Und selbst wenn mir der Veterinär nur sagt, dass ich alles richtig gemacht habe, aber diese Bestätigung brauche ich. Max überlegt ziemlich lange, um mir dann mitzuteilen, dass die nächste Praxis sicher fünfzig Kilometer entfernt sei. Aber sein Nachbar könnte sicher helfen. Der sei zwar schon in die Achtzig, war aber wohl früher hier so was wie der Wald- und Wiesendoktor, der immer zur Stelle war, wenn es um Tollwut oder widerspenstige Kälber ging, die nicht auf die Welt wollten. Es wäre zumindest einen Versuch wert und raus fahren könnte er uns dann ja immer noch, wenn ich nicht glücklich wäre mit seiner Meinung.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Dune unser Gespräch bis zum letzten I-Punkt haargenau verstanden hat. Tierarzt ist scheinbar genauso wenig ihr Thema, wie mutierte Kampfmöwen und so hat sie sich klammheimlich davon gemacht. Da Max beim Hereinkommen die Tür nicht richtig verschlossen hat, ist sie ab durch die Mitte. Typisch Hund.

Wir packen schnell das Nötigste zusammen und machen uns dann auf den Weg. Ich habe noch schnell eine CD gebrannt mit den besten Bildern vom Vortag. Vielleicht kommen wir ja auf dem Weg nach…, da fällt mir ein, dass wir gar nicht in eine Stadt fahren. Aber wir fahren bestimmt durch einen größeren Ort und der hat hoffentlich ein modernes Fotolabor.

Im Rückspiegel sehe ich eine panische Dune, wie sie, von Verlassensängsten getrieben, hinter dem R4 herjagt. Auch Max hat sie schon gesichtet, zeigt aber nicht das geringste Interesse daran, das Bremspedal zu betätigen. „Die soll sich ruhig noch ein bisschen auspowern, dann ist sie beim Onkel Doc gleich pflegeleichter“, spricht er und drosselt zeitgleich auch das Tempo. Als wir Halten, steige ich aus, öffne ich die Tür und lass die völlig fertige Hündin auf der Ladefläche Platz nehmen. Eigentlich schon komisch, so lang war die Strecke jetzt auch nicht. Die neue rundliche Figur macht der ehemals drahtigen Sportlerin doch richtig zu schaffen.

Keine Stadt, kein Ort, kein Dorf und ab einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht einmal mehr richtige Straße. Max entführt die drei Damen vom Turm in die absolute Einöde und ich bin nur froh, dass es Max auf dem Fahrersitz ist, dem ich noch ein gewisses Maß an Verantwortung zuspreche. Meine Lendenwirbel, die mir im Übrigen immer noch die Schlafcouch krumm nehmen, ereifern sich darin, mir mittels Schmerzpegel die unterschiedlichen Schlaglochtiefen zu signalisieren. Währenddessen bin ich damit beschäftigt Fee im Brusttuch sicher zu halten, damit sie sich nicht zu sehr durchgeschüttelt fühlt.

Fast zwei Stunden benötigen wir für die Strecke, vor allem weil Max sich genötigt sah, gegen Ende jedes Schlagloch mit ganz besonderer Vorsicht zu durchfahren. Die Achsen des R4 quietschen und knirschen mittlerweile genau wie meine Hüften und die Wirbelsäule, und ich habe Angst, dass ich nach dieser Fahrt an Stellen Kugelgelenke habe, wo anatomisch gar keine vorgesehen sind. Wir halten an einem wunderschönen uralten Gemäuer. Jetzt noch Nebel und jedem Schreiberling würde ein wunderschönes Märchen von alleine aus dem Füllfederhalter springen. Max rangiert den Wagen gekonnt durch eine sehr schmale Toreinfahrt und beim Blick zurück fühle ich mich in die Dornenvögel versetzt. Von hier bis zum Strand stehen bestimmt fünf oder sechs gusseiserne Tore. Ich sollte aber nicht zurückschauen, sondern nach vorn, denn da kommt aus dem Nichts plötzlich ein Esel und stellt sich mittig vor die Kühlerhaube. „Darf ich vorstellen“, sagt mein Chauffeur, „Das ist Ernest. Er heißt so, weil er als Fohlen mal in ein Ruderboot geklettert ist und schneller als er gucken konnte aufs offene Meer raustrieb.“ Ich weiß nicht ob ich lachen oder einfach nur staunen soll und dann ist da ja auch noch der gemeine Knochenschmerz. Vielleicht sollte ich mich bei Onkel Doktor gleich mit auf die Pritsche legen?

Wir lassen den Wagen stehen, wohl vermutend, dass sich hierher eh kein Zweiter, beziehungsweise Dritter hinverirren wird. Aus dem Haus höre ich eine sehr alte aber unglaublich sympathische Stimme: „Max? Max bist du das Junge?“ Bei dem Wort Junge beginne ich das Prusten. Wie alt ist der Doc? Am Haus öffnet sich die uralte und sehr verschnörkelte Haustüre, die mich ein bisschen an unsere Antiquitäten erinnert, die wir in glücklichen Zeiten, in der Familie gesammelt haben. Dieses Gehöft muss mehrere hundert Jahre alt sein, und obwohl es in der Zwischenzeit Erneuerungen, wie zum Beispiel an den Fenstern, erfahren hat, hat es von seinem ureigensten Charme nichts verloren. Ein sehr, sehr alter Mann kommt uns entgegen geschlurft und meine Begleitung geht schnelleren Schrittes auf ihn zu. Die zwei Herrschaften begrüßen sich wie alte Freunde und nachdem ihr Ritual, bei dem ich mich tunlichst zurückhalte, beendet scheint, stellt mich Max mit sehr viel Wärme und Liebe in seiner Stimme als Freundin vor. Er erzählt von Fee und der Sorge um das Tier und ich bitte ihn gleich noch, sich doch auch mal Dunes Kopf mit anzuschauen, wenn wir schon mal da wären.

Jacques, so heißt der liebenswerte Opi, bittet uns ins Haus. War ich bislang nur begeistert von dem Wohnambiente, bleibt mir jetzt der Mund offen stehen. In dem großzügig geschnittenen Bauernhofhaus, stehen antike Möbel in einem Wert von sicher mehreren Millionen Euro. Die Sachen sind alt, sehr alt und sehr gepflegt. Ich frage mich, wie ein alter Mann das alles schafft, wo ich doch mit meinen wenigen Quadratmetern schon oftmals überfordert bin. Die Antworten auf meine im Geiste gestellten Fragen folgen auf den Fuß. Aus dem ersten Stock trabt die Familie an – eine Großfamilie, wie ich sie persönlich noch nicht kennen gelernt habe. Max wird von allen aufs Herzlichste begrüßt und auch mich heißt man, weniger überschwänglich aber auch sehr herzlich Willkommen. Ich stuppse Max vorsichtig in die Seite und raune „Wie viel sind das? Bei Zwölf hab ich aufgehört zu zählen!“ „Ja Junge Frau“, antwortet mir Jacques, der nicht nur alt ist sondern über ein außerordentlich junges Gehör zu verfügen scheint. „Das kennt ihr jungen Dinger heute gar nicht mehr. Hier leben noch vier Generationen Familie unter einem Dach. Insgesamt müssen hier neunzehn Mäuler gestopft werden, die Tiere nicht mitgerechnet. Aber es funktioniert sehr, sehr gut.“

Dune spielt draußen mit dem Hofhund und hat einen Mordsspaß. Sie fühlt sich bestimmt sicher und glaubt, dass wenn sie außer Sichtweise bleibt, brauche sie sich keiner lästigen Untersuchung stellen. Zuerst war aber sowieso Fee an der Reihe. Nicht nur das Gehör von Jacques ist außergewöhnlich. Auch seine Fingerfertigkeit beeindruckt mich zu tiefst. Gott, der ist mehr als doppelt so alt wie ich, und ich gräme mich über Schlaglöcher und das Leiden auf der Schlafcouch. Geschickt und sehr feinfühlig untersucht Herr Doktor meine neue Turmgenossin und bestätigt mir, dass ich alles richtig gemacht habe. Er gibt mir noch ein paar Tipps, wie ich weiter vorgehen soll oder könnte, aber im Großen und Ganzen hätte Fee alle Chancen dieser Welt zu einer wunderschönen und riesigen Katze heran zu wachsen. Er verweist auf die verbliebenen drei Pfoten, die im Vergleich zum restlichen Körper schon richtige kleine Pranken sind. So weit habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht geguckt, geschweige denn gedacht. Wobei es mir auch egal ist, ob sie zur Hauskatze, zum Luchs oder zum sibirischen Tiger mutiert, Hauptsache ist, dass sonst alles okay ist und sie keine bleibenden Schäden von der Seereise zu befürchten hat. Nein, von der Reise hätte sie sicher keine weiteren Schäden, bis auf ein Trauma vielleicht. Was ihm allerdings ein wenig Sorgen bereiten würde, wäre das Gehör. Immer wieder schnippt er die Finger und beobachtet dabei ganz genau die kleinen Öhrchen. Er sei sich nicht ganz sicher und leider sei er für genauere Untersuchungen auch nicht eingerichtet, aber er fürchte, dass Fee taub sei. Das aber sei bei weißen Katzen mit blauen Augen auch fast schon normal. Die Brutalität der heutigen Zuchtformen kennen eben keine Grenzen.

Natürlich wirft die Taubheit ein paar Probleme auf, Fee wird draußen nie wirklich sicher sein. Aber Dune ist ja auch noch da, und die Beiden sind ja schon jetzt ein unzertrennliches Team. Apropos Dune, da fällt mir doch noch was ein.

Dune versteckt sich – Dune läuft fort – Dune spielt toter Mann, beziehungsweise toter Hund. Während sich Jacques einen Selbstgebrannten auf die erste nichtfamiliäre Patientin seit Jahrzehnten genehmigt, sammele ich irgendwie meine Hündin draußen ein, die sich unter Protest ins Haus zerren lässt. Auch hier beweist der Doc ein unheimliches Einfühlungsvermögen. Innerhalb von wenigen Sekunden sitzt Dune ihm vor den Füßen und ich behaupte, sie lächelt ihn an. Meine Hündin gestattet ihm sogar, dass er sie auf den Untersuchungstisch hebt. Sie macht Platz und lässt sich artig den Kopf abtasten und die Wunde inspizieren. Danach steht sie auf und lässt sich auch überall sonst befühlen und abtasten. Das sollte ich mir mal erlauben.

Über Jacques Gesicht huscht ein wahnsinnig sympathisches Lächeln. „Also eins kann ich ihnen sagen, junge Frau – ihr Hund ist putzmunter und gesund und das Loch ist sehr, sehr gut verheilt. Sie sind eine talentierte Tierkrankenschwester. Das andere, kann ich ihnen erst in wenigen Wochen sagen, ich schätze mal so in einem Monat. Aber das merken sie dann auch schon selber.“ Meine Gesichtszüge verändern sich von erleichtert und glücklich in verwirrt und nichts verstehend. Mit ungläubigen Augen schaue ich Max an, der nur kurz zum Besten gibt, dass er nichts dafür könne. Ich hab immer noch keinen blassen Schimmer worum es geht und stehe scheinbar, zum Amüsement der anwesenden Herren, total auf dem Schlauch.

„Ihre Hündin ist nicht zu dick. Und ihre Hündin hat auch kein Übergewicht, zumindest keines, das sich im nächsten Monat nicht ganz natürlich wieder zurückbilden würde. Wenn sie jetzt alles etwas langsamer angehen lässt, ist das ihr gutes Recht, das Recht, das jede werdende Mutter hat.“

Mir bleibt fast das Herz stehen. Während ich immer noch mit meiner Fassung kämpfe und wortlos ein Gläschen Selbstgebrannten entgegennehme, scherzt Max, dass sich Dune ja dann während meines Heimaturlaubs doch amüsiert habe. Und er hätte schon gedacht, er sei der schlechteste Dogsitter der Welt, weil sie ständig abgehauen ist. Ich muss raus hier. Mit einer kurzen Entschuldigung verlasse ich die herrschaftliche Runde, gefolgt von meiner Hündin, die wahrscheinlich glaubt, sie müsse mir da mal was erklären. Draußen angekommen setze ich mich auf die Schafweide, wo ich gleich von ganz vielen Wollviechern umringt und neugierig beschnuffelt werde. Ich schaue in den grauen Himmel und suche mir die wohl einzige blaue Stelle heraus, die ich entdecken kann.

„Da hast du doch deine Finger im Spiel. Der Traum. Der Turm. Die Delfine. Max. Fee und jetzt auch noch das. Bist du wirklich sicher, dass ich das alles verkraften kann. Was kommt denn bitte schön noch?“

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”





Wenn die Sonne

16 08 2009

Wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

die Wolkendecke vorsichtig durchbricht,

um dir Licht und Wärme zu spenden,

um dir Zärtlichkeit und Zuversicht zu geben,

wenn die Sonne sich mit aller Kraft

einen Weg durch die dunkele Wolkendecke bahnt,

dann spürst du.

dass du nicht alleine bist.

Seit über drei Wochen bin ich nun schon zu Hause, hier im Turm, hier bei dir, und lebe unseren Traum. Sie sind vergangen wie im Fluge, auch ohne dass es bahnbrechende Neuigkeiten gegeben hätte oder dramatische Dinge stattgefunden hätten. Nicht nur ich bin im Umbruch, die Jahreszeit ist es auch und ich finde es jeden Tag aufs Neue spannend, wie der Planet Sonne sich versucht dem zu widersetzen. Sie kämpft mit ihrem ganzen Charme und ihrer ganzen Gewalt gegen Wolken und Regen. Somit kommen wir hier in den Genuss, im Land der tausend Regenbogen leben zu dürfen.

Ich habe in den letzten Tagen natürlich nicht gelernt mit Pinsel und Farbe umzugehen. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als bei jedem dieser faszinierenden Farbbalken die Kamera in Anschlag zu nehmen, und das Schauspiel digital für meine Nachwelt fest zu halten. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass das ein anhaltender Willkommensgruß für mich ist.

Und er wirkt. Mit jedem weiteren Tag und mit jeder weiteren Nacht, aber gerade mit jedem weiteren Regenbogen, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich hier sein darf. Dankbar bin ich. Dankbar und unendlich traurig, das alles nicht mit dir zweisam erleben zu können. Du bist in meinen Gedanken, meinem Kopf, meinem Herzen, also bist du auch hier. Aber anders. Es ist alles anders, seitdem du nicht mehr da bist, auch wenn du für mich immer hier sein wirst. Da ist sie wieder, meine höchsteigene Schizophrenie und multiple Persönlichkeit. Du bist du und nicht hier aber doch anwesend. Wer außer mir kann das schon verstehen? Verena. Mir fällt ein, dass ich mein regelmäßiges Piep absetzen muss, was ich natürlich gerne tue. Freundschaften muss man pflegen hast du immer gesagt, was ich ziemlich erstaunlich fand, weil du nicht wirklich richtige Freunde hattest. Bekannte hattest du eine Menge, und die meisten waren eher flüchtiger Natur.

Dune kläfft den ganzen Strand zusammen und mir fällt auf, dass sich doch etwas Entscheidendes verändert hat die letzten Wochen. Meine Hündin hat ihren Mut wieder gefunden. Ich weiß nicht, ob sie in Therapie war, und wenn bei wem – auf alle Fälle jagt sie wieder Möwen. Mir kommt das ganz gelegen, denn die Gute hat ganz schön an Gewicht zugelegt, was wohl für meine guten Eigenschaften als Dosenöffner spricht. Fast den ganzen Tag streunt sie draußen herum, macht Möwen und anderem Federvieh das Leben schwer oder dreht den Strand auf Links, um schließlich mit irgendwelchen abgegammelten Turnschuhen oder halb verwesten alten Lappen als Geschenk bei mir aufzukreuzen. Sie liebt mich eben und hat nicht wirklich andere Möglichkeiten, mir das zu zeigen. Das Jagen und Sammeln hat sie sicher von mir. Zumindest stehe ich ihr da in Nichts nach, wenn ich mir meine stattliche Muschelsammlung anschaue, die ich hier zusammen getragen habe.

Heute nimmt das Kläffen so gar kein Ende und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Dune eine Möwe gestellt hat, die nun auf einem Bein und mit herausgestreckter Zunge um sie herumtanzt. Das würde eine solche Aufregung erklären. Also pelle ich mich aus meiner Kuschelposition und schaue nach dem Rechten. Ahhhh, höre ich mich selbst staunend und erfreut ausrufen. Bei genauer Betrachtung, und wenn das kämpfende Knäuel ca. 40 Meter unter mir sich mal kurzfristig entwirrt, kann ich Max erkennen, der Dune zur Begrüßung zu einem kleinen Kämpfchen herausgefordert haben muss. Oder Dune hat ihn am Wagen abgepasst und dem armen Kerl gar keine andere Chance gelassen, als sich erst mit ihr zu beschäftigen, frei nach dem Motto: „Du kommst hier nicht rein!“

Schnell schlüpfe ich in die Turnschuhe und schmeiße mir meine Wind- und Wetterjacke über. Zwar komme ich mit meinem Einsiedlerleben sehr gut zurecht, aber Max muss standesgemäß begrüßt und geknuddelt werden. Außerdem zeigt mir der erneute Blick aus dem Fenster, dass ihm ein bisschen Hilfe gegen das Dünenmonster sicher sehr gelegen kommt. Eilig nehme ich die Stufen der Wendeltreppe und lege mich auch prompt fast auf die Nase. War diese Biegung schon immer da? Nicht weiter fragend, warum mir meine eigene Treppe plötzlich ein Bein stellt, flitze ich hinab und falle Max, der sich von Dune losgerissen hat, aber immer noch penetrant besprungen wird, direkt in die Arme. Bevor meine Nase und mein Mund vom dicken Bundeswehrparker meines Besuches luftdicht verschlossen werden, bringe ich noch ein „Aus!!! Dune! Los! Hopp, geh Möwen ärgern!“ zu Stande und schon nimmt das ausführliche Begrüßungsknuddeln seinen Lauf. Mein Herz rast wie bescheuert und ich glaube ich benehme mich, als sehe ich das erste Mal nach Jahrzehnten wieder einen Menschen.

Mit all seiner Stärke und Kraft und doch fast zärtlich umarmt mich Max, hält mich fest gegen sich gedrückt, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und fragt mich nach dem werten Befinden. „Gngt ofach rchtg got“, nuschel ich in die Jacke und den sich darunter befindlichen Brustkorb. Nachdem ich mich wieder befreit habe, nehme ich einen erneuten Anlauf: „Gut, einfach richtig gut. Und selbst? Was macht die Kunst? Gibt’s was Neues aus dem Bushland?“

„Absage!“, sagt er breit grinsend, „War doch klar, aber…“ Geschickt greift er mich um die Hüften und schleudert mich einmal um sich herum und dann über seine Schulter. Dort angekommen kämpfe ich mit meiner Luft, während er mir auf den Allerwertesten trommelt und mit tiefster Bassstimme trällert „aber ich habe einen Job für nächsten Sommer!“

„Schön!“, grunze ich und verspreche ausdrückliche Freude und Gratulation, wenn ich wieder festen Sand unter den Füßen haben darf.

„Es ist unser, wirklich unser!“ Ich tanze um den Leuchtturm, laufe und renne und immer wenn ich an dir vorbeikomme bekommst du einen Kuss, egal wohin. „Danke, Danke, Danke, Danke!“ Die ganze Arbeit und Schufterei hatte sich gelohnt. Nachdem wir bewiesen hatten, dass wir in Eigenleistung alle möglichen Reparaturen und Verschönerungen selbst vornehmen können, ließ man sich dazu herab uns den Leuchtturm zu verkaufen oder heißt das noch verpachten? Immerhin werden die technischen Einrichtungen ja nicht von uns gewartet und in Stand gehalten. Man will Leute, welche die turmeigene Atmosphäre unterstreichen und sie nicht verändern wollen, hieß es damals. Jetzt, wo alle Unterschriften getätigt waren und wir nochmals über die Rechte und Pflichten informiert wurden, durften wir endlich einziehen. Wohnrecht in einem Leuchtturm. Ein Traum, ein wahr gewordener Traum, unser Traum. Du warfst mich über deine Schulter, klopftest und trommeltest auf meinem Allerwertesten im Takt und sangst: „Leuchtturmwärterin, Leuchtturmwärterin, du bist jetzt eine Leuchtturmwärterin!“ Dabei hast du über das ganze Gesicht gestrahlt, wie ein kleines Kind, und dich mit mir, als schwerer Ladung, immer weiter im Kreis gedreht, bis dir so schwindelig wurde, dass wir in den Sand fielen. Ganz plötzlich änderte sich dein Gesichtsausdruck von himmelhochjauchzend in zu Tode besorgt und du fragtest mich, ob alles okay sei oder mir was weh tut. Eigentlich wollte ich eine Jammermine auflegen, aber bei dem Blick in dein Gesicht musste ich erst lächeln und unter Prusten brachte ich nur ein „Alles Okay“, raus. Wir rollten uns im Sand und lachten und lachten und lachten.

„Hallo? Wenn du als Leuchtturmwärterin nicht höhen- und schwanktauglich bist, solltest du dir vielleicht eine Sandburg bauen!“

„Was? Wie? Achso!“ Ich starre Max an, als ob er von einem anderen Planeten kommt und verstehe sehr, sehr langsam, dass ich bereits wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehe. Ein paar weitere unendliche Momente nach diesem Verständnis, finde ich auch meine Sprache wieder. „Ähm, ja Glückwunsch Brummbär. Erzähl, was ist das für ein Job, wo, wann nächstes Jahr im Sommer, wie lange und überhaupt!“ Das Tempo meiner Fragen spricht dafür, dass ich die fassungslosen Minuten während und nach meiner Landung, aufzuholen versuche.

Max berichtet mit für ihn absolut untypischer Hektik in der Stimme, dass das mit Amerika ja klar gewesen wäre. Die Bushmänner haben mit der Begründung abgesagt, dass sich so viele nationale Künstler beworben haben, dass man diesen Event nicht auf einen internationalen Wettbewerb ausweiten wolle. In dieser Bewertungsjury der Amis sitzt aber wohl ein Deutscher aus Sankt Peter, der dort im kommenden Jahr einen Workshop veranstalten will und diesen soll Max leiten. Sankt Peter Ording sei nicht gerade der Strand, an dem Max tot über der Buhne hängen wolle, aber der Sand sei okay und wenn er ein bisschen Geld mit seinen Skulpturen verdienen könne und anderen seine Leidenschaft auch noch beibringen darf, dann wäre das doch toll. Außerdem sei er für seine Verhältnisse schon viel zu lange an einem Ort und da kommt so ein Strandwechsel gerade mal recht. Der Workshop soll über ein halbes Jahr gehen und interessierten Touristen das Skulpturenbauen näher bringen.

Natürlich freue ich mich für Max. Aber es bedeutet für mich auch wieder einen Abschied, einen kleinen Tod. Gut, ein halbes Jahr ist keine Ewigkeit, vielleicht eine kleine Ewigkeit. Ich weiß, ich werde ihn furchtbar vermissen. Auch wenn wir nicht jeden Tag auf einander hängen, uns unter Umständen Monate nicht sehen. Doch wenn ich das Bedürfnis hätte ihn zu sehen, dann wüsste ich was zu tun ist. Wenn ich ihn sehen will, fahre ich vorbei oder er kommt her. An das Gefühl, dass das nicht mehr so sein wird, muss ich mich gewöhnen. Ich bete nur, dass er wieder kommt und nicht wieder Geschmack findet an seinen Strandreisen. Ich ärgere mich über meine egoistischen Gedanken. Nichts, absolut gar nichts rechtfertigt dieses „Ich-Arme-Verlassene“-Denken und so falle ich Max noch mal richtig um den Hals und gebe ihm einen dicken Kuss in den Wallebart. „Womit habe ich das denn verdient?“ Ich lächele ihn ganz breit an und antworte mit einem neckischen „Ach, nur so!“

Bis nächsten Sommer kann noch viel passieren, merkt Max beim folgenden Spaziergang an. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, ihn nicht zu intensiv in meine Gehirnwindungen schauen zu lassen, scheinbar vergessend, dass ich hier mit Max am Strand bin, und nicht mit irgendeinem netten Bekannten, der sich für mich ehrlicher Weise soviel interessiert, wie für die Börsenkurse jeden Tag. Auch hier ziehe ich wieder eine Parallele zu dir. Wenn du mich gefragt hast, ob es mir gut geht, dann hast du das gefragt, weil es dich wirklich interessierte ob es mir gut geht. Und wenn du wissen wolltest, ob alles in Ordnung mit mir ist, dann weil du sehr wohl, wahrscheinlich schon Stunden zuvor gespürt hast, dass wohl irgendwas im Argen liegt bei mir. Der olle Zausel Max ist da ganz ähnlich gestrickt. Er ist schweigsamer und scheint sehr reflektierend durchs Leben zu gehen. Wenn er aber eine Ahnung hat, dann hat diese Ahnung auch Hand und Fuß.

„Hat deine Angst mit ihm zu tun?“

Ich falle aus allen Wolken. Es wird mir ein immer währendes Mysterium bleiben, wie dieser Mensch durch mich hindurch und wieder zurück schauen kann. Als ich bejahe, fragt er mich, ob ich ihm eine kleine Analyse zugestehen würde, eine kleine Skizze dessen, was er sich so zusammenreimt.

Da ich mich für einen Menschen halte, der nicht wie ein offenes Buch ohne sieben Siegeln durchs Leben schreitet, gehe ich auf seinen Vorschlag ein und bitte Dr. Hobbypsychologen und Sandburgenbauer Max um ein Persönlichkeitsprofil meinerselbst.

„Ich kann jetzt nur das interpretieren, was ich von dir kenne, von dir glaube zu kennen oder mir auf Grund deiner Erzählungen, deiner Selbstdarstellung zusammenreime. Kennen gelernt habe ich dich als sehr gefühlsbetonten Mensch, der sehr nah am Wasser gebaut hat, allem was ihm fremd ist sehr skeptisch gegenüber steht und der mit aller Gewalt versucht, um Himmels Willen niemanden zu nah an sich heran zu lassen. Du erzählst, wenn du erzählen willst, und das willst du nur selten. Ich denke du bist ein Mensch, den man hin und wieder zu seinem Glück zwingen muss. Irgendwann in deinem Leben gab es einen Punkt, an dem du nicht mehr ohne weiteres an das Gute im Menschen geglaubt hast, an dem du nicht mehr versucht hast, unter großem Aufwand aus allem nur das Gute zu ziehen, an dem du für dich erkannt hast, dass das, was Leben ist, eine Herausforderung darstellt, der du dich jeden Tag aufs Neue und mit all deiner Kraft und Energie stellen musst. Es gibt oder gab, das habe ich noch nicht ganz aufdröseln können, für dich einen Menschen in deinem Leben, dem du bedingungslos vertraust. Ich lasse jetzt absichtlich die Vergangenheitsform fort, denn ich bin der Überzeugung, dass dieser Mensch, wenn er denn mal war und nicht mehr ist, auch heute noch deine ganze Liebe besitzt, dem du noch immer so sehr vertraust, das kaum ein anderer Mensch eine Chance hat, sich dir auch nur ansatzweise so zu nähern.

Mit diesem Menschen teilst du, neben vielen menschlichen Eigenschaften, eine langes Stück deines Lebenswegs, vielleicht den bislang wichtigsten und schwierigsten Teil. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, so dass ihr gemeinsam Unmengen von Steinen aus diesem eurem Weg räumen konntet. Wie schon gesagt, liebst du diesen Menschen bedingungslos. Und das beziehe ich nicht einzig auf diese Beziehungsschiene. Es soll ja durchaus auch Freundschaften zwischen Mann und Frau geben, die rein auf Freundschaft im ureigensten Sinne und weniger auf das Rumgehoppse auf Matratzen basieren. Definierst du Freundschaft, definierst du sie auf Basis dieser Beziehung zwischen ihm und dir. Das hat zur Folge, dass nie wieder ein Mensch, dich als echten wahren Mensch kennen lernen kann, da du dich nur ihm offenbart hast, nur er jede kleine Winzigkeit aus deinem Leben kennt und auch nur er in der Lage ist, dich zu nehmen wie du wirklich bist .Dieser Mensch ist für dich eine Form von Übermensch, das Non Plus Ultra eines Freundes und das macht es allen anderen um dich herum sehr schwer, Zugang zu dir bekommen. Ich gehe von einem Mann aus, denn eine wahre Freundschaft zwischen zwei Frauen ist nach meinem Empfinden, tut mir leid wenn ich das so feststellen muss, niemals so möglich. Frauen erzählen sich sicher alles, aber schon alleine aus Gründen der berühmten Stutenbissigkeit und dem angeborenen Rivalinnenverhalten, erfährt selbst eine beste Freundin nie alles. Manchmal seid ihr Frauen da wirklich komisch.

Lange Rede kurzer Sinn. Mit diesem Typen, der sich echt glücklich schätzen darf, dass er dich von so vielen Seiten kennt, verbindet dich alles, was dich ausmacht und vieles darüber hinaus. Auch wenn ihr nicht zusammen sein könnt, wie zum Beispiel hier und jetzt, seid ihr so eng miteinander verbunden, dass sich dein Leben in vielen Facetten um ihn dreht. Du denkst an ihn. Du fühlst (für) ihn. Du lebst mit ihm. Dein Leben ist auf eure Beziehung, auf diese ganz besondere Art der Freundschaft, auf diese ganz besondere Form der Liebe ausgerichtet. Für diese Liebe bist du bereit alles an den Nagel zu hängen und hier komplett neu anzufangen.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, warum er nicht hier ist oder nicht hier sein kann, aber du lebst ein Leben in eurem Sinn.

Du bist auf ganz wundervolle Art in der Lage, in dich ein unsagbares Vertrauen zu setzen, auf dein Herz zu hören und aus dem Bauch heraus zu agieren. Natürlich hast du einen gesunden Ratio, der dir aber oft genug ein Bein stellt oder im Wege steht. Dein Leben baut auf Liebe auf, und das finde ich die schönste Lebensform, die jemand für sich wählen kann. Und jetzt bist du dran.“

„Darf ich das verdauen, oder muss ich gleich was dazu sagen?“

„Eigentlich müsstest du wissen Kleines, dass du mir alles immer sagen kannst, aber nie was sagen musst.“

„Darf ich was fragen?“

„Sicher!“

„Wieso nennst du mich Kleines?“

„Na“, antwortet er mit seinem berühmt berüchtigten und mich überwältigendem Lächeln, „Na schau dich doch mal an, soll ich Große sagen? Ich bin geringfügige Meter länger als du und nehme mir darum das Recht, dich Kleines zu nennen. Was doch okay ist, hoffe ich.“

„Jaja, ist schon okay, ist nur weil…“

„Weil du sein Kleines bist.“

„Hmmm, ja.“

„Darf ich jetzt auch was fragen?“

„Klar, im Zweifel gibt es keine Antwort“, entgegne ich schnippisch.

„Lebt er noch?“

„Nein, er hat mich…, nein, er ist tot.“

Die Sinnlosigkeit meines Versuches klar vor Augen, versuche ich vor Max zu verbergen, dass mich ein wenig Angst beschleicht, nach seinem erstellten Persönlichkeitsprofil. Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Trage ich meine Liebe zu dir so sehr vor mir her? Nein, das kann nicht sein, denn sonst hätte mich schon vorher jemand darauf angesprochen. Selbst wenn ich von dir in der Vergangenheit erzählte, was nie sehr ausführlich war, ist nie jemand auf die Idee gekommen mich nach Einzelheiten zu fragen, oder hat mir auf den Kopf zugesagt, in welcher Beziehung wir zueinander stehen. Im Gegenteil, manch Einer, dem ich von dir erzählte, konnte sich schon ein paar Tage später nicht mehr daran, oder an den Zusammenhang erinnern. Der für mich schlimmste Fall war, dass das bisschen, von mir vorsichtig Offenbarte in einer bösen Schlammschlacht gegen mich verwendet wurde. Das sind die Vertrauensbrüche in meinem Leben, die ich nicht verzeihen kann und die ich sehr nachtragend mit mir herumschleppe, die mich ängstigen und sehr, sehr vorsichtig gemacht haben. Max habe ich nie wirklich von dir erzählt. Max habe ich nie aus meinem Leben erzählt. Und doch war es ihm gerade möglich, das große schwarze Buch der Leuchtturmwärterin aufzuschlagen und mir aus ihm vorzulesen.

Bitte erkläre mich jetzt nicht für verrückt oder halte mich für bescheuert, das tu ich selbst schon, aber Max scheint mir eine Reinkarnation von dir zu sein, nur um Jahre gealtert. Das würde auch diese Zuversicht, Hoffnung und das Wohlfühlen erklären, das ich empfinde, wenn wir uns sehen. Aus den von ihm so treffend erklärten Motiven heraus, habe ich ihn betreffend die Beschreibung Freund noch nie in den Mund genommen. aber daran gedacht habe ich schon oft. Er ist für mich wie ein alter Freund. Und bevor er im Sommer geht, werde ich ihm das auch sagen, spätestens.





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.








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