Wenn ich mich hier so umschaue

2 11 2009

Wenn ich mich hier so umschaue, in meinem Zuhause, in unserem Traum, den ich leben darf, dann muss ich zugeben, dass ich ganz gehöriges Glück gehabt habe. Das hätte alles ganz schön ins Auge gehen können. Wenn Max nicht so schnell geschaltet und Jacques bedrängt hätte, wenn er meine Nichtzeichen nicht sofort richtig interpretiert hätte. Hätte, würde, könnte – Fakt ist Frau Leuchtturmwärterin, sie hatten echt Schwein!

Dem Tod

Von der Klippe gesprungen

Noch einmal die richtige Welle gekriegt

Den Kurs rechtzeitig geändert

Unser Wiedersehen aufgeschoben

In die Ferne gerückt

Es ist zu früh

Für mich

Für ein Wiedersehen

„Dune! Lass das! AUS!“

„Ähm, Kleines. Ich bin schön, ich bin stark, aber ich bin nicht fellig.“ Zaghaft blinzele ich mit einem Auge und schaue in zwei strahlend blaue Augen und einen mittlerweile ordentlich stattlichen Rauschebart in grau-weiß-meliert.

„Och Max, du bist es!“

Dieses sonnengegerbte Bartgesicht ist so schön, wenn es strahlt. Nicht, dass ich irgendwie scharf auf Männer noch älteren Semesters wäre, aber dieses Gesicht hat einfach was. Vor allen Dingen, wenn er so lacht oder lächelt, wie er es gerade macht. Demnächst, wenn ich wieder halbwegs fit aus der Wäsche gucken kann, möchte ich von Max unbedingt ein paar schöne Schwarz-Weiß-Portraits machen.

Auf meine Frage hin, ob am Pfahlbau alles in Ordnung ist, verdunkelt sich das Gesicht ein wenig. Während unserer Abwesenheit muss es wohl heftigst gestürmt haben und der Bau hat ein bisschen gelitten. Der Bau sei aber noch dicht und die paar Schönheitsreparaturen erledigt er, wenn das Wetter wieder ein wenig freundlicher daher kommt. „Wenn du Lust hast zu bauen, musst du nicht warten, bis der Sommer kommt. Wärst du so lieb und würdest das Gitter an der Treppe befestigen. Wenn Kleine Düne kommt, ist mir das sicherer.“ Max willigt ein und schwingt sich sofort die 159 Stufen hinunter, um sein Werkzeug aus dem Auto zu holen.

Max kocht mir einen Tee, er erwärmt bei 600 Watt meine Dinkelkissen ein paar Minuten in der Mikrowelle, er geleitet mich zum Wasserlassen und er bringt mich zurück ins Bett. Der perfekte Pfleger, obwohl man eigentlich vermuten sollte, so rein vom Alter her betrachtet, dass es umgekehrt richtiger wäre. Ich bekomme die Kissen auf- und das Plymo ausgeschlagen, er macht das Bullauge auf, damit ich Frischluft bekomme und sobald ich einen frierenden Eindruck mache auch gleich wieder zu. Sobald ich gucke, wie ich gucke, fragt mich Max ob ich was brauche oder möchte und wenn ich ihn einfach nur angucken möchte, bekomme ich sie von ihm geschimpft. Ich solle lieber ein Buch lesen, das bildet wenigstens. Als mein selbsternannter Vater mit den Arbeiten an der Treppe beginnt, summt er. Es klingt traurig, schwermütig aber durch seine sonore Stimme sehr, sehr schön. Irgendwie kommt mir das Lied bekannt vor. Die Melodie kenne ich doch?

„Ist das Barclay?“

„Nein, das ist Alu. Schön leicht für Dune und zu kompakt für Kleine Düne.“

Ich muss furchtbar lachen.

„Quatsch, ich meine doch das Lied, das du da summst. Ist das Barclay James Harvest?“

„Kindchen, das war vor deiner Zeit glaube ich. Das ist Moody Blues.“

„Sag ich doch. Das ist Poor Man’s Moody Blues von Barclay James Harvest.“

“Nein Kleines, das ist Nights In White Satin von der Gruppe Moody Blues.”

Entweder reden wir beide immer noch ganz böse aneinander vorbei, oder wir verstehen uns einfach nicht. Am Liebsten würde ich aufstehen und den Song auflegen. Doch als ich mich aufraffen möchte wird mir gehörig schwarz vor Augen.

„Hey, hey, immer langsam mit den lädierten Leuchtturmwärterinnen. Wo soll es denn hingehen?“

BJH„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

„Moody Blues?“

„Poor Man’s Moody Blues.“

Auf einen Karton zeigend, lotse ich Max zum Regal und bitte ihn, doch nach der Scheibe zu suchen. Es dauert gar nicht lange, bis er sie gefunden hat. Nur ans Auflegen denkt er nicht, weil er sich von dem Cover ablenken lässt.

„Wenn du mir versprichst, nicht gleich wieder die Decke anzustarren, mich anzuschweigen und zu Jacques zu flüchten, dann spiel doch bitte mal Stück Vier an.“

Max erkennt die Melodie als die Seine und beginnt sofort mitzusingen. Doch schon nach den ersten vier Worten merkt er, dass der Text, den er von sich gibt, zwar auf die Melodie, doch nicht zu dem Lied passt. Er setzt sich auf die Erde, lauscht dem Song und summt mit. Ich habe meine Augen verschlossen und denke mich zu dir an den Küchentisch.

„Ist das euer gemeinsames Lied?“

„Ja, so ungefähr. Das ist der Song für alle Gelegenheiten. Trauer, Wut, Liebe, Zärtlichkeit, Unverständnis, Ausspannen, Diskutieren, Tripps, Freude und eben auch Sehnsucht. Das ist das Lied, was er meistens auf dem Küchentisch mit dem Saxophon spielte. Ich hab dir davon erzählt, oder?“

„Hast du, ich hatte es nur nicht mehr so parat. Sag mal Kleines, hast du einen einfachen alten Kassettenrekorder oder so was hier?“

„In der Anlage ist ein Tapedeck mit drin. Warum?“

„Tschuldige kurz, ich bin gleich wieder da!“, sagt er und verschwindet im Schlund der Wendeltreppe.

„Nur damit du nicht annimmst, dein alter Herr selbsternannter Maßen, sei dem Irrsinn anheim gefallen. Darf ich?“

Nach Überwindung der Techniktücken spult er ein bisschen vor und wieder zurück, noch einmal vor und bittet mich genau hin zu hören. Tatsächlich klingt es sehr, sehr ähnlich. Um zuzugeben, dass es identisch ist, bin ich gerade etwas zu verblüfft und auch irgendwie zu stolz. Das hab ich in dieser Version wirklich noch nie gehört. Nun bin ich es, die vor sich hinstarrt und in Schweigen verfällt. Nur das mit der Flucht, das kommt für mich nicht in Frage. Kanntest du diesen Song auch? Wusstest du, dass es diese Moody Blues gibt? Ich stelle mir gerade vor, dass du beide Versionen kanntest und ganz für dich alleine immer die gespielt hast, die deiner Stimmung entsprochen hat. Ich bekomme eine riesige Gänsehaut. Und das erste Mal seit zwei Wochen nicht, weil ich friere.

„An was denkst du Kleines?“

„Ich frage mich, ob er beide Songs kannte.“

„Du kanntest sie nicht beide, ich kannte sie auch nicht beide – und ich bin weiß Gott ein alter Zausel, der schon viel Musik gehört hat, in seinem Leben.“

„Stell dir vor Max, mal so rein theoretisch.“

„Vorstellungen sind immer theoretisch.“

„Ach Mann, du weißt doch, wie ich das meine. Manchmal bist du echt ein Rosinenausscheider.“

Wir verfallen beide in ein furchtbares Gegacker, das uns spürbar gut tut. Ich setze zum zweiten Mal an und versuche ihm meine Theorie nahe zu bringen.

„Was meinst du. Das ist doch irre, oder?“

„Wie alles, was mit euch beiden zu tun hatte und hat. Das ist ein verdammt schöner Gedanke. Halt ihn fest.“

Max dreht sich um und werkelt summend an dem Gitter weiter. Nach den ersten paar Takten, hake ich mich ein und summe mit. Von heute an, hat dieses Lied eine weitere Bedeutung. Von diesem Moment an, stellt es eine weitere Verknüpfung dar und verbindet mich wieder mit einem Menschen. Anders, aber verbunden.

Wieder geht ein Tag zu Ende. Ein Tag, den ich zum größten Teil verschlafen habe. Aber auch ein Tag, den ich, trotz meines Zustandes, unendlich genossen habe. Summend lasse ich mich ins Kissen zurückfallen und genieße diese Zweisamkeit mit Max. Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich mich noch einmal freundschaftlich so wohl und geborgen fühlen könnte, ich hätte ihn ausgelacht. Und auch wenn es noch ein weiter Weg ist, zu einer Freundschaft, wie ich sie verstehe, nähern sich Max und ich jeden Augenblick, den wir uns kennen, diesem Ideal ein Stückchen weiter an. Ob du wohl ein bisschen stolz bist auf deine Kleine? Das ist es, was du dir immer gewünscht hast. Zu wissen, dass du nicht einzigartig bist, hat dir nicht gereicht. Du hast dir für mich und für dich gewünscht, dass ich den Glauben an Freundschaft wieder finde. Diesem Glauben bin ich nun näher als je zuvor. Wir scherzen über die kleine Vaterlüge im Krankenhaus. Und ich habe ihm klar gemacht, dass er nie eine Vaterrolle übernehmen könnte, dafür war mein Verhältnis zu meinem Vater viel zu „speziell“, aber ein guter Freund, ein Freund, so wie du ihn auch gemocht hättest, das könnte er sicher werden, glaube ich.

Letzte Eindrücke – ausdrucksstark

Nach Regen kommt Sonne

Hinter der Sonne jagen Wolken

Aus den Wolken fällt Regen

Wenn Drei sich streiten freut sich ein Vierter

Wenn Sonne und Wolken sich nicht einigen können

der Regen dem strahlenden Schein nichts entgegenzusetzen hat

sich scheinbar in endlose Diskussionen verstricken

eine Rangfolge nicht erkennbar scheint

kommt aus dem Nichts

die Schlichtung

die Verknüpfung

der Zusammenhang

keine Sonne ohne Wolken

keine Wolken ohne Regen

keine RegenWolken ohne Sonne

letzte Eindrücke eines ausdruckstarken Tages

„Für meinen Jungen habe ich früher auch solche Gitter an den Treppen im Haus angebracht. Nur waren die aus Holz, so wie alles Möbel. Und der Rest war aus Stein, wie auch meine Frau. Entschuldige, wieder nur so eine dusselige Erinnerung. Tut mir leid.“

„Soll ich das so stehen lassen, oder magst du reden?“ Ich bin selbst erstaunt, dass diese Frage über meine Lippen kommt.

„Heute noch nicht. Vielleicht Morgen.“

Obwohl es mich furchtbar juckt ihn jetzt mit Fragen zu bombardieren, respektiere ich seinen Wunsch und als er das merkt, sieht er so furchtbar dankbar aus. Ihm scheint das Reden noch viel mehr Schwierigkeiten zu machen, als mir damals.

„Danke!“

„Wofür bedankst du dich? Nach den letzten Wochen, bin ich wohl an der Reihe – und das kann dauern.“

„Danke, dass ich darf, aber nicht muss.“

„Reden?“

„Ja, reden.“

Ein kurzer Dialog, der mir fast die Matratze unter dem Hintern wegzieht. Boden habe ich ja keinen unter den Füßen. Das ist doch alles nicht mehr mit dem Verstand zu erfassen. Diese Ähnlichkeiten, diese Gleichheiten, diese Parallelen. Ich merke spätestens jetzt, dass ich wieder zu Hause bin. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Ich kann das Rattern richtig hören und verspüre diese Sehnsucht nach Gelebtem. Du und ich waren eingespielt in dieser Form der lichten Kommunikation. Es hat nie viel gebraucht, um das nötige Verständnis aufzubringen. Ich spüre, dass mir das bei Max immer noch ein wenig fehlt. Aber es wächst. Das Verständnis wächst. Die Geduld mit ihm wächst. Aber auch die Neugier und die Freude, auf alles das, was wir noch reden werden.

Lichte® Kommunikation

Letzte Ratschläge

erteilt dir die untergehende Sonne mein Freund

Letzte Ratschläge

die wie du Wärme spenden

Sicherheit bieten

Stärke demonstrieren

Liebe geben kannst

Leuchtender Planet rät leuchtendem Turm

Licht empfiehlt dem Licht

Lichte® Kommunikation






Meine Gedanken eiern

24 10 2009

Meine Gedanken eiern in Ellipsen, so wie auch mein Kreislauf eher einem Eierlauf ähnelt. War wohl alles ein bisschen viel heute und so schleppe ich mich müde, aber nicht wirklich unglücklich die Treppe hinauf. Dune freut sich und auch Fee steht schon Spalier, um mich zu begrüßen. Die Näpfe von beiden sind so was von leer und noch bevor ich mich meiner Garderobe entledige, füttere ich erstmal die Raubtiere ab. Die Luft, das Meerrauschen, der Sand unter den Gummistiefeln, die Gespräche mit Max, die Überraschung – das alles hat soviel mit mir gemacht, dass ich mich von meiner Garderobe auch noch gar nicht trennen mag. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch für ein paar Minuten hinaus gehe, und wie Max, alleine meinen Gedanken nachhängen möchte. Ein Blick aus dem Bullauge zeigt mir, dass es schon dämmert. Waren wir wirklich so lange fort? Kaum zu glauben. Das Leuchtfeuer arbeitet bereits und am Strand sehe ich Max, wie er im Sand sitzt und auf das Meer hinaus starrt. Ich werde seinen Wunsch alleine zu sein respektieren, aber kann er sich nicht woanders hin setzen? Oder ist er auch schon angefixt von diesem wohligen Gefühl im Schatten des Leuchtturms zu sitzen? Ob er über unseren Deal nachdenkt? Oder ob er an seinen Sohn denkt, so wie ich an dieser Stelle immer hinaus starre aufs Meer und meine Gedanken bei dir ankern lasse? Mich verbindet mittlerweile soviel mit diesem Brummbären. Und in den letzten Tagen sind wir uns so unglaublich nahe gekommen, dass es mir fast den Verstand raubt. Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal zulassen oder erleben könnte. Und wieder frage ich mich, ob du deine Finger im Spiel hast. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem was passiert und all den Erinnerungen, deren Schnittmengen manchmal so deckungsgleich sind. Max scheint zu spüren, dass er beobachtet wird. Ungelenk steht er auf, winkt noch einmal in meine Richtung und trabt von dannen mit Kurs auf die Bucht.

Ein paar Minuten noch raus. „Dune altes Mädchen, möchtest du mitkommen? Nicht weit. Nur auf den Strand und vielleicht ans Wasser.“ Als hätte sie jedes Wort verstanden, humpelt sie voraus und macht sich an den Abstieg. Ich kraule Fee noch zum Abschied, schaue nach, ob mit Kleine Düne alles okay ist. Der Welpe liegt träumend und mit den Pfötchen strampelnd in dem großen Korb. Mit dem Zeigefinger streichele ich dem Fellklöppschen zwischen den kleinen Öhrchen, worauf hin er ein leises Quieken von sich gibt und selig weiter schläft. Dune bellt aus dem Erdgeschoss und drängelt. Na dann mal los. Noch ein paar Minuten Frische, Vertrauen und Geborgenheit tanken. Den Kopf durchpusten lassen. Einfach nur sein.

Je dunkeler es wird, desto kälter wird es auch. Und ich bin froh darüber, dass ich den Schal noch gegriffen hab, bevor ich raus bin. Dune bleibt ganz dicht bei mir und schnuffelt sich an den Gerüchen des Strandes satt. Das Schnuffeln eines Hundes ist wie Zeitung lesen. Wenn ich mein Haustier dabei beobachte, kann ich diese These glatt wieder unterschreiben. Wobei in unserer hiesigen Zeitung auch im Herbst und erst recht im Winter ein großes Sommerloch vorherrschen dürfte. Es kommt hier kein Hund vorbei, der verbotener Weise an Dunes Schilfhalmen markieren würde. Und es gibt auch sonst niemanden, der ihr das Revier wirklich streitig machen wollte. Wer hier rauskommt, der weiß, dass er zu mir will, oder er hat sich verlaufen, oder besser noch verschwommen. Ich muss laut auflachen bei dem Gedanken an Henry, das Sams, den das Meer hier ausspuckte. Dune scheint ob meines Lachens leicht irritiert. Obwohl sie diese Anwandlungen ja eigentlich von mir kennen müsste.

Als zwei Möwen bedrohlich tief über uns ihre Flugakrobatiken zum Besten geben, scheint es Dune etwas mulmig zu werden und sie presst sich dicht an mich. Kein Wunder, mit ihren Verletzungen würde ich auch nicht die böse Bestie geben wollen und die Erinnerung an die mutierte und genmanipulierte Monstermöwe, die ihr vor einiger Zeit die Schädeldecke punktierte, dürfte auch noch sehr wach sein. So spazieren wir, Hundekörper an Knie und Schenkel zum Wassersaum. Ich freue mich über das Vertrauen, das meine Hündin in mich hat und meine Gedanken werden zu Erinnerungen. Erinnerungen an damals, als sie sich mir anschloss und mich einfach als neue Dosenöffnerin für sich bestimmte. Sie hat mich nie gefragt, ob ich es wirklich wollte. Sie hat es einfach bestimmt – und mich damit zur glücklichsten Hundebesitzerin zwischen Süd- und Nordpol gemacht.

Du sagtest immer:

“Alles hat seine Zeit – alles braucht seine Zeit

jetzt ist es an der Zeit – es ist Zeit”

In Zeiten wie diesen denke ich daran

Alles hat seine Zeit –

Wut, Trauer, Verlangen, Vermissen und Liebe.

Alles braucht seine Zeit –

die Wut, die Trauer, das Verlangen,

das Vermissen und die Liebe.

Jetzt ist es an der Zeit –

zu wüten, zu trauern, zu verlangen,

zu vermissen und zu lieben.

Es ist Zeit.

Meine Zeit.

Meine Zeit mit dir.

Wütend, traurig, verlangend,

vermissend und liebend.

Ich bin dankbar für diese Zeit,

für jede Zeit,

für die Zeit mit dir.

Aber ist die Zeit auch wirklich schon reif dafür, um darüber zu reden, über dieses kostbare Gut „Meine Zeit mit dir?“ Also wenn ich sie jemandem haarklein erzählen möchte, dann Max. Klingt das jetzt doof? Ich meine, so gut kenne ich ihn nicht und so lange schon mal gar nicht, dass er sich diese Form des Vertrauens schon irgendwie „verdient“ hätte. Aber trotz der Kürze dieser Zeit, ist er mir unglaublich, unfassbar, nicht erklärbar nah. Vielleicht ist unsere Geschichte der Schlüssel zu diesem Gefühl der Verbundenheit, die mich mit ihm verbindet? Bekomme ich Antworten auf eine Vielzahl meiner Fragen, die sich mir in Zusammenhang mit Max immer mehr und mehr stelle?

Dune und ich nehmen am Wasser Platz. Es ist ganz schön kalt, und ich bin schon froh, dass ich mir den Wollpullover und die Jacke über den Hintern ziehen kann. Nur für Dune gibt es nichts zum Draufsetzen. Das Problem löst sie, in dem sie sich bei mir auf den Schoß setzt. Boah Hund, bist du schwer. Ich dachte mit Ende des Dickbauchdaseins wäre neben Masse auch ein bisschen Gewicht geschrumpft. Dune starrt stur aufs Meer hinaus und wedelt irgendwie auch mit dem Schwanz. Also so richtig wedeln kann sie nicht, denn sie sitzt mit ihrem Hintern drauf, aber ich sehe wie die Schwanzspitze den Sand aufpeitscht. Als sie anfängt leise vor sich hin zu junkern, erhellt sich mein Gesicht. „Sind Delphi und Finchen in der Nähe?“ Die Hündin erhebt sich, nicht ohne mir ihre Vorderpfoten so richtig ordentlich in die Oberschenkel zu rammen, was höllisch weh tut, läuft entlang des Wassers aufgeregt auf und ab. Derweil ist es dermaßen dunkel, dass ich draußen auf dem Meer nichts erkennen kann und das Aufflackern des Leuchtfeuers ist auch keine große Hilfe. Plötzlich höre ich Delphi wie sie ihre knarzenden Gesänge in Richtung Strand singt. Und ehe ich mich über diese Nähe recht freuen kann, prescht sie auch schon an den Wassersaum. Die Welle, die sie vor sich herschiebt ist riesig und ich bekomme ordentlich nasse Beine – aber wen stört das schon, wenn er dafür mit einer Delfinin schmusen kann? Dune ist komplett außer Rand und Band und begrüßt ihre Freundin mit liebevollen Schleckereien und hektischem Rumgehoppse. Als ich so nah an Delphi heran gekommen bin, dass ich sie sehen kann, sehe ich, dass sie nicht alleine gekommen ist, was dann auch die Wucht der Welle erklärt. Gemeinsam mit dem ollen Grauen und Finchen hat sie sich zu uns gesurft und ich weine vor Glück und Aufregung. Delphi reckt ihre Schnauze so hoch wie sie nur kann und nickt immer mal wieder auf und ab. Meine ganz persönliche Einladung zum Streicheln, der ich so gerne nachkomme. Ich hocke mich ins Wasser das eisig kalt ist und kraule der schönen Delfinfrau das Kinn. Ich lerne, dass Kinder von ihren Müttern lernen, denn auch Finchen wackelt aufgeregt mit dem Kopf auf und ab und möchte gestreichelt werden. Jetzt bitte nicht auch noch der Vater der Kompanie, denn ich habe nur zwei Hände. Doch der Olle Graue nimmt Reißaus vor Dunes Annäherungsversuchen und robbt sich zurück ins Meer. Dort können wir ihn nicht mehr wirklich sehen, aber hören. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hören wir ihn im Wasser eintauchen und ich kann mir nur vorstellen, welch eleganten Sprünge er dort draußen zum Besten gibt.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange die beiden Delfine sich haben verwöhnen lassen oder anders gesagt, wie lange ich schon hier im Wasser hocke und die Beiden streicheln darf. Als beide keine Lust mehr haben, oder ist es, weil der Olle Graue im Hintergrund ruft, brechen die beiden Delfine ihren Aufenthalt ab und begeben sich zurück ins Wasser. Ich lache, ich weine, ich zittere am ganzen Körper und hocke auf den Knien und starre ihnen hinter her. Dune kommt zu mir und leckt mir durch das ganze Gesicht als wolle sie mich trösten und meine Tränen weg wischen. Tausche Salztränen gegen Spucke. Hund ich liebe dich!

Mit dem Abgang der Delfine ist auch unser Abgang eingeläutet. Es ist einfach viel zu kalt, um in nassen Klamotten weiter umher zu spazieren. Also folgen Dune und ich dem Licht unseres Leuchtturms, lassen uns nach Hause lenken und kehren um.

Lautbrausende Wogen ~ Tosende Wellen

Beißender Wind ~ Eiskalte Nacht

Diese Stimmung in mir

Brausender als die Wogen

Tosender als die Wellen

Beißender als der Wind

Kälter als die eisige Nacht

Manchmal möchte ich springen

In die Wogenbrause

Das Wellengetöse

Die Windbisse

Das Nachteis

Einfach nur springen

in deine Arme

Dir endlich wieder nah sein dürfen.

Ich bekomme mich einfach nicht sortiert. Jetzt sitze ich schon seit Stunden, eingekuschelt in die Decke und mit allem Viehzeug um mich herum auf der Couch, trinke Grog und bin einer Entscheidung immer noch nicht näher. Aber was will ich überhaupt entscheiden? Wir haben doch schon entschieden, einen Deal gemacht und gegenseitige Geständnisse ausgehandelt. Es quält mich einzig noch die Frage, wie viel ich wirklich erzählen möchte. Was Max wissen darf.

„Kleines, du darfst nie vergessen, dass du mir alles erzählen darfst, aber nie etwas erzählen musst.“ Deine Worte hallen in meinem Kopf und ich wünsche mir mehr denn je du wärst hier, damit ich das alles mit dir besprechen könnte. Aber du bist nicht hier, wenn du mir auch sehr nah bist und diese Entscheidung muss ich alleine treffen.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Du hast gut reden! Ich starre aus dem Bullauge und beobachte, wie sich die Nacht gewohnt regelmäßig erhellt.

Zwiegespräch mit meinem Leuchtturm

Wenn der Horizont schwarz das Meer berührt,

wenn der Himmel sich nicht mehr von der See trennen lässt,

wenn nur das Licht des Mondes, der Sterne und von dir eine Orientierung möglich machen.

Wenn es still wird am Strand,

wenn sich die sonst so lauten Möwen zurückziehen,

wenn die Wogen zu leisen Wellen werden,

wenn man nichts mehr hört. außer vielleicht einem Boot in weiter Ferne

Dann ist es Nacht,

Zeit für Zweisamkeit

und Zwiegespräch.

Ohne Worte,

nur durch Zeichen,

mit meinen Mitteln,

und deinen Möglichkeiten

lotsen wir uns beide

durch die Dunkelheit.

So langsam zeigen Tote Tanten, Aufregungen und Grogs ihre Wirkung. Ich werde bei aller Gedankenachterbahn furchtbar müde und entscheide mich, die Entscheidung, die ja eigentlich gar keine mehr ist, auf den sich langsam nähernden Morgen zu vertagen, so ich ihn nicht verschlafe. Vorsichtig schäle ich meinen Astralkörper aus den Umklammerungen von Decke und Pfoten und lass mich in meine Koje fallen. Gute Nacht alle zusammen. Schlaft schön weiter, träumt was Schönes, ich hab euch lieb. Noch bevor ich die guten Wünsche gänzlich an Hund, Katze, Turm überbracht habe, bin ich auch schon im Traumland.

Immer wieder wache ich auf und schlafe gleich wieder ein. Der Rest der Nacht ist so klein und die Unruhe groß. Irgendwann merke ich wie Dune zu mir kommt, sich neben mich vor die Koje setzt und ihren Kopf auf der Matratze ablegt. Müde tätschele ich ihr zwischen den Ohren, drehe mich um und versuche gleich weiter zu schlafen. Und dann überfällt er mich wohl doch, der kleine Mann mit dem dicken Sandsack. Er streut mir alles in die Augen, was ich für einen tiefen Schlaf brauche und ich lasse mich fallen in die schwarze Umarmung der Nacht.





Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Elendig klein fühle ich mich.

17 10 2009

Elendig klein fühle ich mich. Unterstrichen wird dieses Gefühl, als ich am Fuße meines Leuchtturmes stehe und an ihm, Backsteinreihe für Backsteinreihe, nach oben schaue. Nach oben ins Dunkele, durch das sich ein kräftiges Licht seinen Weg bahnt, das Lebensretterlicht, das Wegweiserfeuer. Auch Fee bahnt sich ihren Weg. Mit viel Gekrabbel und Gekratze dreht sie sich in die für sie richtige Richtung, steckt ihr Köpfchen vorne durch die Jacken und bestaunt mit ebensolchem Blick, wie ich ihn in meinem Gesicht vermute, den Turm entlang nach oben. Es muss ein Bild für die Götter sein, und wäre ich nur halb so verängstig, könnte mir diese Szene sicher ein Lächeln entlocken.

Entmutigt, aber mit voller Stimme, rufe ich nach Dune, in der immer noch bestehenden aber schon reichlich geschwundenen Hoffnung, sie könne bereits zu Hause sein. Ich brauche gar nicht auf eine Reaktion warten – es wird keine kommen – das wäre ja auch zu schön gewesen. Entkräftet, müde, am Boden zerstört, betrete ich den Turm. Eingehüllt in diese unglaubliche Sehnsucht nach einer Begrüßung von Dune, beginne ich den Aufstieg, komme irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit oben an, befreie Fee aus ihrem Brusttaxi und lasse mich auf die Couch fallen. Und nun? Beim Setzen sticht mir etwas böse in den Allerwertesten und es gibt ein furchtbar krachendes Geräusch. Wie gut, dass ich weiß, dass ich im Hintern keine Knochen habe, die sich durch mein Plumpsen einen Ermüdungsbruch zugezogen haben. Aber was zum Teufel war das? Ich pelle mich aus dem Ostfriesennerz, aus dessen Tasche mir kleine bis mittlere Plastiksplitter entgegen fallen. Nee, oder?

Ich durchforste das Innenleben der Öljacke und mich trifft fast der Schlag. Die CD, die CD war die ganze Zeit am Körper und ich kann meine Wut nicht mehr zügeln. Zornig auf mich selbst, auf Dune, auf Max, auf diese sinnfreie Suche und dieses ganze komische Leben, pfeffere ich die CD durch die Stube. Unsanft mit großem Gekratze und Klatschen, schlägt sie an der Wand an, trennt sich von weiteren feinen Splittern und fällt dann, in vielen Hunderten kleinen Einzelteilen zu Boden.

Flut

~ ich lasse mich treiben

~ in einem Meer der Gefühle.

~ ich schwimme durch Liebe,

~ ich kraule durch Glück,

~ ich paddele durch die Zärtlichkeit,

~ ich gleite durch Hoffnung

Ich drehe mich um,

Sturmflut,

ich drohe zu ertrinken

begraben von einer Welle

aus Kälte, Angst

und Traurigkeit

Wieder wird es Nacht, immer noch ist Dune nicht da und meine Angst und meine Sorge, die hier scheinbar eingeschlossen ist in der Sicherheit des Turms, sind einfach grenzenlos. Wenn ich doch nur wüsste, was ich noch tun kann. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich Max erreichen kann. Wenn ich doch nur wüsste, ob es meiner Süßen gut geht.

Warten auf eine Bahn oder einen Bus macht mich aggressiv. Auf gepackten Taschen sitzen und einen Bekannten warten, der sich zwischen Halb und Voll angesagt hat, macht mich irre. Um fünf nach Drei auf die Uhr zu schauen, und der Besuch, der sich für Drei angekündigt hatte ist immer noch nicht da, macht mich gereizt. Auf eine klar umrissene Frage, keine klar definierte Antwort erhalten, lässt mich aus der Haut fahren. Geduld ist alles, nur nicht meine Stärke und der Geduldsfaden mit der nun schon seit zwei Tagen anhaltenden Situation scheint gerissen. Ich weiß keinen Weg, wie ich ihn flicken könnte. Schotstek, einfach oder doppelt, Achtknoten, Webleinstek, Rundtörn, Palstek, Trossenstek, Kreuzknoten, das alles sind Tauknoten, die man hier einfach kennen sollte. Ich als nicht zur See fahrende Leuchtturmwärterin, brauche dieses Grundwissen nicht wirklich. Andererseits ist es sehr schön, wenn jemand wie Max zum Beispiel davon spricht, und man sich halbwegs vorstellen kann, wovon er redet. Aber welcher dieser Knoten ist geeignet, um meinen Geduldsfaden wieder herzustellen?

Bevor ich komplett am Rad drehe, beginne ich die Spuren der Sinnlosreise zu vernichten und beseitige die Plastiksplitter. Es tut ja wirklich nicht Not, dass sich Fee eine weitere Pfote verletzt und selbst bin ich auch nicht erpicht darauf, mit einem Stück Jewel-Case im Fußballen herumzulaufen. Bei jedem Geräusch, das von außen an mich herantritt, halte ich in meinem Tun inne und hoffe. Ich hoffe so sehr, dass es mir schon regelrechte körperliche Schmerzen bereitet. Die Melodie des Meeres, der Rhythmus des Windes, das alles nervt. Es geht mir auf den Senkel und ich wünsche mir absolute Stille. Am Liebsten würde ich den Leuchtturm abschalten, damit mir nichts entgeht, was vielleicht irgendwie auf die Heimkehr meines Hundes hindeuten kann.

Schnell noch verpasse ich Fee ihren Schlabber. Natürlich versuche ich, meine Unruhe wenigstens bei der Fütterung vor ihr zu verbergen, damit sie nicht gleich wieder alles von sich gibt. Ich weiß nicht, was sie plötzlich dazu bewegt, mir ständig den Finger mit dem köstlichen Futter fort zu drücken. Dann geht sie auf die leere Futterschüssel von Dune zu und maunzt. Als wolle sie mir sagen: „Nu mach dir doch wegen mir nicht auch noch so einen Stress! Pack das Zeug hier rein und gut ist!“ Ich nehme die eine der bereits für sie angeschafften Futterschalen, fülle sie einwenig und stelle sie Fee hin. Wie eine Große hockt sie sich davor und putzt alles weg, was nach Nahrung schmeckt. Sauber ausgeleckt lässt sie das Schüsselchen zurück, legt sich in Dunes Korb, was immer noch zum Schießen aussieht und legt sich schlafen.

Ich bin schon ziemlich neidisch auf das Gemüt meiner kleinen Katze. Ob ich es einfach auch probiere? Es würde ja vielleicht schon reichen, wenn ich mich einfach einen Moment hinlege und versuche zu entspannen. Okay, ich versuche zu ruhen, denn an Entspannung ist weiß Meergott nicht zu denken.

Morgen ist ein neuer Tag? Und jeder neuer Tag ist ein neuer Anfang? Ich bin mir nicht sicher, ob ich neu anfangen möchte. Ich weiß, dass ich keinen neuen Tag möchte, wenn meine Hündin nicht bei mir ist. Wenn mir der neue Tag allerdings Dune zurückbringt, dann wünsche ich mir, dass es ganz schnell Morgen wird. Der Krautsalat in meinem Kopf verklebt zunehmend und ich fühle mich nicht mehr in der Lage auch nur noch einen klaren Gedanken zu fassen. Alles tut weh, alles macht Angst, das alles lässt mich so furchtbar einsam dastehen, alleine und überfordert mit den Schmerzen und der Angst. Einmal mehr frage ich mich, warum du dich so früh davon stehlen musstest. Wie du davon ausgehen konntest, dass ich alleine klar komme. Sicher bin ich ohne dich überlebensfähig. Aber ist das gleichbedeutend mit fähig zum Leben? Ich bezweifele das.

Das ständige Knarren der Holzumrandung und des Lattenrostes von meiner Koje nervt. Ich döse vor mich hin, drehe mich von einer Seite auf die Andere und finde einfach keine Ruhe. Ich erinnere mich an einen Comedian, der in einer seiner Shows zum Besten gab, dass der Mensch sich nachts nicht von alleine dreht. Eine Heerschar Milben zeige sich für diesen Akt der nächtlichen Bewegungen verantwortlich. Sollte dem wirklich so sein, dann haben die Milben in meiner Koje ganz schön viel Stress und wahrscheinlich werden Morgen eine Menge von ihnen mit einem gelben Schein beim obersten Matratzenwender antanzen und ihre Arbeitsunfähigkeit nachweisen.

Fee liegt immer noch an gleicher Stelle in gleicher Stellung und ich stehe zwischendurch auf, um mit einer sanften Streicheleinheit eine Vitalkontrolle zu unternehmen. Sie atmet ruhig und maunzt kurz auf. Ob sie von Dune träumt? Ob sie ihre große Ersatzmama vermisst? Dune, Dune und noch mal Dune. Meine Gedanken kreisen um nichts anderes mehr und ich habe Angst irre zu werden. Wann hört das auf? Ich möchte nicht daran denken, dass es irgendwie aufhört. Ich wünsche mir, dass es mit einem lauten Gekläffe aus der unteren Etage ein für alle Mal beendet wird.

Der Blick nach draußen will nicht recht gelingen. Schwarz ist es, tiefstes dunkelstes schwarz. In den Fensterscheiben spiegeln sich das Kerzenlicht, denn selbstverständlich habe ich der Hündin, wieder Kerzen ins Fenster gestellt. Kurz zeigt sich der braune Sand und das angrenzende Meer. Eine Welle schlägt am Strand auf und schon liegt wieder alles in das schwarze Tuch der Nacht getaucht.

Das schwarze Tuch der Nacht schaffte es tatsächlich, auch mich in den Würgegriff zu nehmen. Als ich meine Augen öffne, ist es helllichter Tag. Die Sonne scheint in vereinzelten aber sehr starken Strahlen auf die Welt herab, als wolle sie trösten, nach den letzten Tagen des Regens und Sturms. Blaue Himmelsfetzen beißen sich mehr und mehr durch die Wolkendecke und es entstehen skurrile Bilder, die schnell am Fenster vorbeihuschen, gefolgt vom Nächsten. Ich rufe nach Dune, was darauf schließen lässt, dass sie mein letzter Gedanke der Nacht war und mein Erster des neuen Tages ist. Auf mein Rufen antwortet Fee, die auf dem Boden kauert und versucht sich gegen das Holz zu stellen, damit sie einen Blick auf mich erhaschen kann. Vorsichtig nehme ich sie auf und lege sie mir auf die Brust. „Dune ist nicht zurück gekehrt, oder?“ Die kleine Katze sieht traurig aus. Die Schnurrbarthaare hängen schlaff links und rechts von ihrem Gesichtchen herab und die kleinen blauen Augen strahlen auch nicht so, wie ich es gewohnt bin. „Du hast Hunger, hmm?“ „Gib mir noch fünf Minuten zum Knochensortieren, dann gebe ich dir was.“ Zärtlich kraule ich sie hinter dem rechten Ohr und sie legt vertrauend ihren kleinen Kopf in meine vergleichbar große Hand.

Mein Handy blitzt auf, brummt und vibriert auf dem Tisch vor sich hin. Eine Kurzmitteilung. Max!!! Ich setze Fee so behutsam, wie es die aufkeimende Hektik ermöglicht, auf dem Kopfkissen ab, vergesse mein Knochenritual und springe aus dem Bett. „Autsch, verdammt“, die Hüfte war noch nicht soweit. Humpelnd schlurfe ich zum Tisch und grabsche nach dem Mobiltelefon. „Alle Mitteilungen aus allen Ordnern löschen?“ „Nein Mann, ich möchte lesen. Zeig mir Max Nachricht. Los jetzt“. Endlich gelingt es mir den Kurzmitteilungseingang zu erstürmen und es lächelt mich friedlich eine neue Nachricht von Verena an: „Alles ok bei dir? Du bist so still! Mach mal bitte Piep wenn du kannst. HDL“ Mist, Verena hab ich bei der Aufregung total vergessen. Ich schicke ihr ein kurzes Piep und deute die Umstände mit der mir zur Verfügung stehenden Zeichenmenge an. „Mailde mich später ausführlich. Hab dich auch lieb, Bussi.“ Zu mehr Dialog und Konversation bin ich nicht in der Lage. Zu tief sitzt die Enttäuschung, von menschlichen und tierischen Vermissten immer noch kein Zeichen erhalten zu haben.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

Ich bringe es nicht zusammen. Ich bekomme die Kurve zwischen deinen Worten und all dem hier nicht. Es geht nicht. Mein Handy erzählt mir, dass wir es zwanzig nach Drei haben. Ich kann das nicht glauben, würde es doch bedeuten, dass ich satte zwölf Stunden geschlafen habe. Der obligatorische Blick auf die Mikrowelle bestätigt die Zeit und ich weiß nicht ob ich staunen, oder ob des verpennten halben Tages in tiefere Panik fallen soll. Halber Tag ist gut , dreiviertel Tag klingt da realitätsnaher. Die arme Fee muss kurz vor dem Verhungern sein. Ich suche ihren Napf und muss feststellen, dass sie ihn schon durch die halbe Stube, bis kurz vor die Koje geschoben hat. So gesellt sich zu Angst, Panik und Traurigkeit noch das schlechte Gewissen gegenüber meiner Katze. Scheint fast so, wie in einer kleinen Geschichte, die ich mal geschrieben habe.

Das kleine Gefühl

Es war einmal ein kleines Gefühl. Dieses Gefühl war ganz neu auf dieser großen Welt und wusste noch gar nicht so recht wer es war, was es war, geschweige denn wo es hingehörte. Man muss nämlich wissen, dass Gefühle einfach geboren werden. Ganz ohne Bestimmung. Erst ganz langsam wachsen sie, gewinnen an Kraft, Stärke und Macht mit der Zeit. Das kleine Gefühl war ziemlich orientierungslos. Es stolperte durch das, was man Leben nennt und beobachtete die vielen anderen Gefühle. Als Erstes traf es die Angst. Angst war sehr unruhig. Immer wieder blickte es hektisch von rechts nach links. „Ich habe keine Zeit für dich kleines Gefühl“, sagte es, „ich bin auf der Suche nach einem Wesen, bei dem ich mich einnisten kann. Ich muss mir dieses Wesen ganz genau aussuchen, denn ich brauche viel Platz zum Bestehen. Wenn ich das Wesen ganz eingenommen habe, ist meine Arbeit getan und ich muss mich sofort auf die Suche nach einem neuen Opfer machen.” Das kleine Gefühl erschrak. Nein; das wollte es nicht. So wollte es nicht sein. So zog es weiter und versuchte die Angst zu vergessen. Plötzlich kreuzte der Mut den Weg. „Komm mit kleines Gefühl. Ich mache dich groß und stark. Viel größer und kräftiger, als es die Angst je sein wird. du wirst alle Wesen dieser Welt inspirieren und ihnen zeigen was die Welt kostet. In dir wird soviel Energie wachsen, dass du alles im Leben erreichen kannst. Schau mich an. Ist das ein Bild? Ich bin wer!” Das kleine Gefühl schüttelte nur verständnislos den Kopf und ließ den Mut einfach stehen. Schön, es wäre schon gut mutig zu sein, aber immer und überall, alles auf eine Karte setzen? Ohne Rücksicht? Das gefiel dem kleinen Gefühl nicht. Eine Mischung aus Angst und Mut das wäre für den Anfang nicht schlecht. Während es darüber nachdachte, fiel ihm, wie aus heiterem Himmel, die Eifersucht vor die Füße. „Hallo, hallo ich bin die Eifersucht, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!“ Das kleine Gefühl lief so schnell es konnte fort. Es nahm die kleinen Beinchen in die Hand und rannte. „Eifersucht – Eifer sucht; Leiden schafft, Eifersucht, Leiden schafft…“

Nein, nein, Leiden ist nicht schön. Leiden tut weh. Das kleine Gefühl wollte keine Leiden schaffen. Als es ganz aus der Puste war, setzte es sich auf eine Brücke. Es starrte in einen großen Fluss und war ganz verwirrt. Es wusste noch nicht, was es einmal sein sollte. Es wuchs bereits, das spürte es wohl. Aber was aus ihm werden würde, das konnte es nicht einmal ahnen. Inmitten dieser Gedanken bemerkte das kleine Gefühl, dass es nicht mehr alleine war auf der Brücke. Neben ihm hatte sich ein weiteres Gefühl niedergelassen. „Na, bist du auch traurig? Mein Name ist Traurigkeit. Ich bin eines der tiefen Gefühle.“ Das kleine Gefühl spürte, wie es immer dunkler, kälter und sehr, sehr still um es herum wurde. „Das mache ich“, sagte Traurigkeit, „und wenn du es nicht aushalten kannst, dann spring doch einfach von der Brücke!“ Das kleine Gefühl erschrak abermals. Es schaute von der Brücke herunter, stand auf und ging ganz dicht an den Rand heran. Es holte ganz tief Luft, sah der Traurigkeit tief in die schwarzen Augen und sprach: „Tut mir leid, ich bin nicht mutig genug. Ich habe genug Angst in mir, um diesen Schritt nicht zu gehen. Ich bin anders. Mach es gut Traurigkeit.“ Die Traurigkeit zuckte mit den Achseln und sah dem kleinen Gefühl nach, das mit festen Schritten die Brücke verließ und seines Weges ging.

„Wer bist du?“, hörte das kleine Gefühl auf einmal ganz leise eine sehr harte Stimme. „Ich? Ich bin, ich weiß es nicht.“ „Aha!” „Und du? Wer bist du?“ „Ich bin der Hass. Man kann mich sehen, hören, spüren, fühlen. Ich beherrsche die Welt! Ich werde geboren, um zu vernichten. Alles – auch dich, wenn ich will.“ „Und? Willst du?“ „Hast du keine Angst?“ „Doch, ein wenig!“ „Du bist sehr mutig kleines Gefühl!“ „Warum? Weil ich mich nicht arg vor dir fürchte? Weil ich nicht eifersüchtig auf deine Macht bin?“ „Na du sprichst mit mir. Du lachst mir ins Gesicht. Das beeindruckt mich eben!“ „Du Hass? Ich muss weiter, mich finden. Adieu!“ Das kleine Gefühl zog abermals weiter. Auf seinem Weg durch das Leben traf es auch noch viele andere und unterschiedliche Gefühle. Es begegnete der Gier, der Lust, dem Neid, der Begierde, dem Mitleid, der großen Panik, der Euphorie und ne Menger mehr. Alle für sich sehr interessant, aber das kleine Gefühl fand sich nirgendwo wieder. Eines Tages dann, das Gefühl war schon sehr müde von der langen Reise, beobachtete es zwei Wesen, die eng umschlungen inmitten einer großen Düne lagen. Die Wesen waren so zärtlich zueinander. Liebevoll ertasteten sie ihre Körper, küssten sich lang und sehr leidenschaftlich, und die Welt um sie herum schien nicht mehr zu existieren. Sie führten intensive Gespräche und bei einem hörte das kleine Gefühl ganz besonders gut zu:

„Nein Zaubermaus, ich kann es dir nicht beschreiben. Ich kann es nicht in Worte fassen, keine Worte finden. Es ist einfach da. Es ist in mir und wächst jeden Tag, mit jedem deiner Worte, mit jeder deiner Berührungen. Es ist unglaublich schön. Es macht Angst und nimmt sie gleichzeitig. Es gibt Vertrauen.

Ich bin eifersüchtig und neidisch auf jeden Menschen, der in deiner Nähe sein darf, wenn ich einmal nicht bei dir sein kann. Es macht mich glücklich und manchmal auch traurig. Es ist alles auf einmal. Ich fühle mich dadurch riesenstark und schneckenklein. Ich habe so viele Schmetterlinge in meinem Bauch. Es ist alles, was mit dir zu tun hat. Es ist sooooooo schön, aber eben einfach nicht zu beschreiben.“

„Liebe, schoss es dem kleinen Gefühl durch den Kopf. Ich bin die Liebe!!! Ich bin nicht greifbar, nicht wirklich sichtbar aber spür- und lebbar. Ich bin da und mache Wesen glücklich. So wie die beiden dort. Ich bin die Liebe!!!

Die Liebe verweilte noch lange Zeit bei den beiden Wesen. Sie wuchs stetig an, und in ihr fanden sich fast alle Gefühle wieder, die das kleine Gefühl auf seiner Reise angetroffen hatte.

Liebe, ich liebe dich, ich liebe Dune, ich liebe Fee, ich liebe diesen Turm und diesen Ort und, ja, auch Max habe ich mächtig lieb gewonnen. Aber was nutzt all diese Liebe in einem, wenn man sich doch verloren und einsam vorkommt, hilflos und ängstlich? Kann das denn wirklich Liebe sein?





Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

3 08 2009

Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

Wie ein farbiger Spiegel erstreckt sich die See bis zu den Dünen und es wird langsam aber sicher auch frisch. Dein bunter Wollpullover wird es möglich machen, dass ich noch ein bisschen hier bleiben kann. Ein letzter Blick auf die Liste zeigt mir, dass erstmal alles Wichtige notiert ist. Ich kann sie ja ergänzen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt genieße ich den Augenblick. Ich lass mich fallen, in deinen Pullover, in diesen Moment, in diesen wundervollen Ausblick auf das Meer, das Leben dort, den Strand. Erstaunlicher Weise ist es menschenleer hier. Wahrscheinlich traut die Menschheit dem Sommerherbst nicht und das kann mir nur Recht sein. Ich habe keine Lust, auf neugierige Fragen rund um den Leuchtturm zu antworten. Ich mag nicht erklären, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier tue. Ich kann nicht erklären, was ich selber noch nicht richtig begreifen kann. Wie soll ich die richtigen Worte dafür finden? Außer dir versteht es sicher niemand. Verena vielleicht noch, aber dann hört es auch schon auf. Selbst meine Familie hält mich für spleenig und durchgeknallt. Dabei habe ich immer davon gesprochen. Ich habe immer gesagt, dass man einfach nur mutig genug sein müsste. Jetzt habe ich allen Mut zusammen genommen und bin hier. Ich habe meinen Mut, mein Vertrauen und unseren Traum in einen großen Koffer gepackt. Und jetzt bin ich hier.

Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.

Zaghaft packe ich meine Sachen in den großen Weidenkorb. „Der muss auch wieder nach oben“, denke ich und seufze dabei so tief, dass ich beinahe Mitleid mit mir selber bekomme. Dune jagt immer noch den, durch ihre Flugkünste im Vorteil seienden Möwen hinterher. Sie muss sich eigentlich vorkommen, wie eine Katze die dem Licht eines Laserpointers nachjagt. Sie kommt auch nie zum Sieg. Nach stundenlanger Jagd kann keine Beute gemacht werden. Wie frustrierend muss das sein. Ich pfeife und rufe und versuche mich bei meinem Hund irgendwie bemerkbar zu machen. Nichts geht mehr. Sie wird schon merken, wenn ich fort bin. Ich werfe einen letzten verliebten Blick auf das Meer und die untergehende Sonne und mache mich vollkommen lustlos auf den Weg zurück zum Leuchtturm.

Vor der großen Stahltür verharre ich einen Augenblick. Ich stelle den Korb ab und blicke an unserem Leuchtturm hinauf. Stein für Stein, Ring für Ring tastet sich mein Blick zum Leuchtfeuer hinauf.

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so grau erscheinen,
es zeigt sich in schillernden Farben

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so kalt erscheinen,
es vermittelt dennoch farbige Wärme.

Unser Turm in schillerndem Rot und Weiß – seine Steine durch die Sonne aufgewärmt.
Ich liebe diesen Turm, ich liebe unseren Turm, ich liebe dich und in Momenten wie diesen, in Zeiten wie diesen, fehlen mir die Worte, um all das auszudrücken, was ich so gerne ausdrücken möchte. Bevor ich weiter nach Worten suche, öffne ich mir lieber die Pforte ins Glück. Beim Anblick der Einkaufstüten stelle ich allerdings fest, dass Glück wohl doch ein weiträumig interpretierbarer Ausdruck ist.

1113 Stufen. Sieben mal bin ich gewendelt. Ich bin fertig. Ich bin well done. Ich bin alle. Das nächste Mal suche ich mir doch einen Praktikanten im Discounter. Dann installiere ich einen Flaschenzug und dann kann der Kunde König oben im Turm die Ware entgegennehmen, die das aufstrebende Einzelhandelverkäufertalent unten in den Korb gepackt hat. Klingt nach einem guten Plan, den ich irgendwann mal zu Ende planen und denken sollte. Für die nächste Zeit bin ich mit allem überlebenswichtigen Nahrungs- und Genussmitteln eingedeckt. Zum Glück ist mir noch eingefallen, dass ich den Pansen gleich wieder aus dem Fenster kicken sollte. Bullauge auf, Pansen raus – und diese Innerei scheint einen dermaßen leckeren Gestank zu verströmen, dass es Dune nicht mehr bei den Möwen hält. Nun sitzt sie in den Dünen und genießt ihr Leckerchen. In gebührendem Abstand scharen sich die feindlichen Flugtiere zusammen und hoffen auf ein Resteessen. Wenn das mal gut geht.

Mittlerweile ist es dunkel. Je nachdem wie Dune schaut, sehe ich ihre Augen aufblitzen. Ich mache es mir indes gemütlich. In der Thermoskanne ist noch Kaffee. Ich zünde ein paar meiner neuen Kerzen an und beinahe zeitgleich nimmt meine Behausung auch schon ihre Arbeit auf. Das Licht des Lebens beginnt wieder zu blinken. Wie unter dem Schein einer alterschwachen Discokugel erhellt sich für einen Augenblick das Meer und nur ein paar Sekunden später schaue ich auf eine leicht wellige schwarze Scheibe. Hier und da blitzen kleine Gischtmützen auf und das leichte Rauschen des Meeres vereint sich mit dem wohligen Brummen des Leuchtturmfeuers. Ich hatte wirklich Angst, dass es hier, direkt unter der größten Taschenlampe der Welt etwas lauter zu gehen würde. Aber schon nach kürzester Zeit habe ich die Geräusche der hausinternen Technik gar nicht mehr wahrgenommen. Da war mein früheres Leben zwischen Telekomexpressstrecke und der Bahntrasse schon wesentlich geräuschvoller.

Herr Mond lächelt als schmale Sichel zum Bullauge hinein. Ich bin hundemüde, nur der Hund ist nicht müde. Entweder kaut sie sich immer noch den Pansen, oder Dune traut sich nicht durch die Möwenmauer. Was war das für ein Tag? Gehörte er zu den guten oder zu den schlechten Zeiten? Abgesehen von dem Shoppingstress mit anschließendem Krafttraining auf der Treppe war es ein wundervoller Tag. Emotional war er. Gedankenreich war er. Ein Tag voller Bestätigungen liegt hinter mir und doch hat auch dieser Tag wieder viele Fragen offen gelassen.

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Welt hinter dem Bullauge freundlich lächelt, dass das mit Sternenfunkeln versehene Himmelszelt wieder herrlich blau erstrahlt und die dicke fette Osram ihre Sonnenstrahlen in der Scheibe bündelt und mich furchtbar in der Nase kitzelt. Ungläubig schaue ich mich um. So ganz kann ich es ja immer noch nicht fassen, dass diese eckenlose Behausung für die kommenden Monate meine Herberge sein soll.
Ich bin sicher eingeschlafen, denn hier sieht noch alles so chaotisch aus wie gestern Abend. Die Kerzen sind vollends heruntergebrannt, die Thermoskanne hat noch Kaffee im Bauch und ich höre draußen hektisches Gekläffe. Ob Dune die ganze Nacht draußen war? Ich richte mich ein wenig auf, um über die hausinterne Reling schauen zu können. Die Tür steht immer noch auf. Tolle Scholle Frau Leuchtturmwärterin. Ich würde sagen, da haben wir doch einfach Glück gehabt, dass diese Einladung niemand sonst außer Dune wahr genommen hat.
Ich habe keine Lust aufzustehen. Andererseits verspüre ich fast körperliches Geknuffe von der Sonne. Es ist schon wahr, an solch einem herrlichen Herbsttag kann man nicht in den Federn verweilen. Da ich heute auch nichts Weiteres vor habe, kann ich ihn in vollen Zügen genießen, am Strand, hier am Leuchtturm, mit dir und Dune unter der Sonne. Yes, das klingt gut. Und zwischendurch mach ich mir ein paar Gedanken über den weiteren Verlauf des Umzugs, beziehungsweise Einzugs.

Die letzten Sonnenstrahlen genießen
Die letzte Wärme des Sands spüren
Die letzten Berührungen leichten Windes fühlen
Vorfreude

Auf den Genuss der ersten Sonnenstrahlen
Die ersten Schritte im warmen Sand
Das erste Streicheln des warmen Windes auf dem Gesicht
Nächstes Jahr

Schnell wird der Kaffee umgefüllt, der Weidenkorb frisch gepackt, die Zähne geputzt, das Longshirt übergeschmissen und ab geht’s in die Sonne. Auf der Stiege bemerke ich erst meinen Muskelkater, den ich mir wohl bei der Einkaufstütenorgie gestern eingehandelt habe. Dune kann sich vor lauter Begeisterung über mein Erscheinen kaum halten und springt wie ein Flummi immer wieder an mir hoch. Heute geht es direkt ans Wasser. Es geht kaum Wind und die Luft ist herrlich mild.

Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.

Das Meer ist ganz ruhig und plätschert gemütlich mit kaum hörbarem Rauschen am Strand auf und ab. Es glitzert herrlich in der Sonne. Je nach Blickwinkel bekommt man das Gefühl, einen Kristallteppich zu betrachten. Vorbei ist die Gemütlichkeit, als sich Dune laut kläffend in die Fluten stürzt. Brrrr, um diese Zeit ist es doch sicher noch eiskalt?! Die Flipflop abgestreift greifen meine Füße als erstes in den herrlichen Sandboden. Schon alleine für meine Füße dürfte es nie Winter werden. Nachdem ich mir die Decke zurechtgelegt habe, lasse ich meinen Blick den Strand entlang schweifen. Eine Gänsehaut des Wohlfühlens und der Begeisterung baut sich hinter meinen Ohren auf und verteilt sich von dort in alle Richtungen. Shiver! Es gibt keine Worte dafür, auch wenn ich sie noch so sehr doch noch zu finden hoffe. Ich kämpfe wieder mit Tränen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen, wie nah ich am Wasser gebaut habe, wenn ich hier so nah am Wasser stehe. Vielleicht liegt es an der Unteilbarkeit dieser Gefühle. Ich kann sie nicht fassen, nicht erklären und somit auch nicht vermitteln. Davon mal abgesehen, dass ich gerade nicht wüsste an wen. Dune peitscht besessen durchs Wasser und die Möwen über mir, die in Perfektion ihren Synchronflug absolvieren, erscheinen mir auch nicht wirklich als gute Zuhörer und Menschenversteher.

Perfektion
den ganzen Morgen schon kreisen sie über mir her
leiser Flügelschlag im Synchronflug
nebeneinander beinahe Flugfeder an Flugfeder
übereinander nur ein Windhauch zwischen ihnen
leicht versetzt zur Kehrtwende ansetzend
zweisam entdecken sie den Himmel
gemeinsam beobachten sie den Strand
beisammen erobern sie das Meer
das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Team

ganze Morgende kreisten wir um uns herum
barfüßig im Gleichschritt
nebeneinander Hand in Hand
übereinander kein Windhauch passte zwischen uns
leicht versetzt die gleichen Dinge im Blick
zweisam entdeckten wir die Geheimnisse des Himmels
gemeinsam durchschritten wir jedes Sandkorn
zusammen – wir liebten das Meer

das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Paar
das perfekt eingespielte Team

so schaue ich neidisch in den Himmel
trauriges Vermissen entlasse ich ins Meer
schmerzende Sehnsucht begleitet den Flug
des perfekten Paares
des perfekt eingespielten Teams
über mir

Warum bist du jetzt nicht hier? Warum lachst du mich jetzt nicht aus, weil ich schon wieder vor mich hin flenne, ohne wirklich einen Grund zum Heulen zu haben? Warum teilst du nicht mit mir zusammen diese Begeisterung, jetzt, hier, sofort? Manchmal hasse ich dich dafür, dass du nicht da bist. Mit dir könnte ich jetzt so schön hier stehen. Du würdest mich verstehen. Du würdest dich amüsieren, aber in erster Linie wüsstest du genau, was mit mir los ist, wie es in mir aussieht. Du bist mehr als ein Menschenversteher. Du bist ein MichVersteher!





Vor- und VorVorWorte

30 07 2009

Bevor es nun losgeht und ich dem WWW mein zweites Baby zur Kenntnis gebe, noch ein paar warme VorVorWorte:

Die Geschichte ist 2004/2005 von mir erdacht, erfühlt, skizziert, notiert, aufgeschrieben worden.  CopyRight bigi Schulz, Bonn – und nichts und niemand anderes. Das betone ich deshalb, weil bereits einmal eine “Dame”, der ich das Werk zum Vorablesen gab der Meinung war, sie könne nicht nur TextPassagen kopieren und veröffentlichen – sie versuchte es auch unter ihrem Namen – Das ist böse, das ist schlecht und das wird von mir, sobald ich Kenntnis davon erhalte an den Pranger gestellt und geahndet – gerne auch juristisch! Die genutzten Fotos entspringen meinem Chip oder ich habe eine schriftliche Erlaubnis zu deren Nutzung – in diesem Fall findet sich ein entsprechender CopyRightVermerk darunter. Zeichnungen und Bilder wurden von meinem Brüderchen (Kuss dafür) oder mir angefertigt.

Strandgeflüster im LeuchtSturm ist keine wirkliche Weiterführung meines Erstlingwerks “StrandGeflüster, die SpurenSuche” – auch wenn Dune und der alte Max wieder ihr Unwesen an der See treiben ;-)

So, und nun wünsche ich viel Spaß an :m:einem Strand des Lebens.

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