Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

Wie ein farbiger Spiegel erstreckt sich die See bis zu den Dünen und es wird langsam aber sicher auch frisch. Dein bunter Wollpullover wird es möglich machen, dass ich noch ein bisschen hier bleiben kann. Ein letzter Blick auf die Liste zeigt mir, dass erstmal alles Wichtige notiert ist. Ich kann sie ja ergänzen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt genieße ich den Augenblick. Ich lass mich fallen, in deinen Pullover, in diesen Moment, in diesen wundervollen Ausblick auf das Meer, das Leben dort, den Strand. Erstaunlicher Weise ist es menschenleer hier. Wahrscheinlich traut die Menschheit dem Sommerherbst nicht und das kann mir nur Recht sein. Ich habe keine Lust, auf neugierige Fragen rund um den Leuchtturm zu antworten. Ich mag nicht erklären, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier tue. Ich kann nicht erklären, was ich selber noch nicht richtig begreifen kann. Wie soll ich die richtigen Worte dafür finden? Außer dir versteht es sicher niemand. Verena vielleicht noch, aber dann hört es auch schon auf. Selbst meine Familie hält mich für spleenig und durchgeknallt. Dabei habe ich immer davon gesprochen. Ich habe immer gesagt, dass man einfach nur mutig genug sein müsste. Jetzt habe ich allen Mut zusammen genommen und bin hier. Ich habe meinen Mut, mein Vertrauen und unseren Traum in einen großen Koffer gepackt. Und jetzt bin ich hier.
Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.
Zaghaft packe ich meine Sachen in den großen Weidenkorb. „Der muss auch wieder nach oben“, denke ich und seufze dabei so tief, dass ich beinahe Mitleid mit mir selber bekomme. Dune jagt immer noch den, durch ihre Flugkünste im Vorteil seienden Möwen hinterher. Sie muss sich eigentlich vorkommen, wie eine Katze die dem Licht eines Laserpointers nachjagt. Sie kommt auch nie zum Sieg. Nach stundenlanger Jagd kann keine Beute gemacht werden. Wie frustrierend muss das sein. Ich pfeife und rufe und versuche mich bei meinem Hund irgendwie bemerkbar zu machen. Nichts geht mehr. Sie wird schon merken, wenn ich fort bin. Ich werfe einen letzten verliebten Blick auf das Meer und die untergehende Sonne und mache mich vollkommen lustlos auf den Weg zurück zum Leuchtturm.
Vor der großen Stahltür verharre ich einen Augenblick. Ich stelle den Korb ab und blicke an unserem Leuchtturm hinauf. Stein für Stein, Ring für Ring tastet sich mein Blick zum Leuchtfeuer hinauf.
Es gibt Zeiten,
da kann einem das Leben noch so grau erscheinen,
es zeigt sich in schillernden Farben
Es gibt Zeiten,
da kann einem das Leben noch so kalt erscheinen,
es vermittelt dennoch farbige Wärme.
Unser Turm in schillerndem Rot und Weiß – seine Steine durch die Sonne aufgewärmt.
Ich liebe diesen Turm, ich liebe unseren Turm, ich liebe dich und in Momenten wie diesen, in Zeiten wie diesen, fehlen mir die Worte, um all das auszudrücken, was ich so gerne ausdrücken möchte. Bevor ich weiter nach Worten suche, öffne ich mir lieber die Pforte ins Glück. Beim Anblick der Einkaufstüten stelle ich allerdings fest, dass Glück wohl doch ein weiträumig interpretierbarer Ausdruck ist.
1113 Stufen. Sieben mal bin ich gewendelt. Ich bin fertig. Ich bin well done. Ich bin alle. Das nächste Mal suche ich mir doch einen Praktikanten im Discounter. Dann installiere ich einen Flaschenzug und dann kann der Kunde König oben im Turm die Ware entgegennehmen, die das aufstrebende Einzelhandelverkäufertalent unten in den Korb gepackt hat. Klingt nach einem guten Plan, den ich irgendwann mal zu Ende planen und denken sollte. Für die nächste Zeit bin ich mit allem überlebenswichtigen Nahrungs- und Genussmitteln eingedeckt. Zum Glück ist mir noch eingefallen, dass ich den Pansen gleich wieder aus dem Fenster kicken sollte. Bullauge auf, Pansen raus – und diese Innerei scheint einen dermaßen leckeren Gestank zu verströmen, dass es Dune nicht mehr bei den Möwen hält. Nun sitzt sie in den Dünen und genießt ihr Leckerchen. In gebührendem Abstand scharen sich die feindlichen Flugtiere zusammen und hoffen auf ein Resteessen. Wenn das mal gut geht.
Mittlerweile ist es dunkel. Je nachdem wie Dune schaut, sehe ich ihre Augen aufblitzen. Ich mache es mir indes gemütlich. In der Thermoskanne ist noch Kaffee. Ich zünde ein paar meiner neuen Kerzen an und beinahe zeitgleich nimmt meine Behausung auch schon ihre Arbeit auf. Das Licht des Lebens beginnt wieder zu blinken. Wie unter dem Schein einer alterschwachen Discokugel erhellt sich für einen Augenblick das Meer und nur ein paar Sekunden später schaue ich auf eine leicht wellige schwarze Scheibe. Hier und da blitzen kleine Gischtmützen auf und das leichte Rauschen des Meeres vereint sich mit dem wohligen Brummen des Leuchtturmfeuers. Ich hatte wirklich Angst, dass es hier, direkt unter der größten Taschenlampe der Welt etwas lauter zu gehen würde. Aber schon nach kürzester Zeit habe ich die Geräusche der hausinternen Technik gar nicht mehr wahrgenommen. Da war mein früheres Leben zwischen Telekomexpressstrecke und der Bahntrasse schon wesentlich geräuschvoller.
Herr Mond lächelt als schmale Sichel zum Bullauge hinein. Ich bin hundemüde, nur der Hund ist nicht müde. Entweder kaut sie sich immer noch den Pansen, oder Dune traut sich nicht durch die Möwenmauer. Was war das für ein Tag? Gehörte er zu den guten oder zu den schlechten Zeiten? Abgesehen von dem Shoppingstress mit anschließendem Krafttraining auf der Treppe war es ein wundervoller Tag. Emotional war er. Gedankenreich war er. Ein Tag voller Bestätigungen liegt hinter mir und doch hat auch dieser Tag wieder viele Fragen offen gelassen.
Ich muss wohl eingeschlafen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Welt hinter dem Bullauge freundlich lächelt, dass das mit Sternenfunkeln versehene Himmelszelt wieder herrlich blau erstrahlt und die dicke fette Osram ihre Sonnenstrahlen in der Scheibe bündelt und mich furchtbar in der Nase kitzelt. Ungläubig schaue ich mich um. So ganz kann ich es ja immer noch nicht fassen, dass diese eckenlose Behausung für die kommenden Monate meine Herberge sein soll.
Ich bin sicher eingeschlafen, denn hier sieht noch alles so chaotisch aus wie gestern Abend. Die Kerzen sind vollends heruntergebrannt, die Thermoskanne hat noch Kaffee im Bauch und ich höre draußen hektisches Gekläffe. Ob Dune die ganze Nacht draußen war? Ich richte mich ein wenig auf, um über die hausinterne Reling schauen zu können. Die Tür steht immer noch auf. Tolle Scholle Frau Leuchtturmwärterin. Ich würde sagen, da haben wir doch einfach Glück gehabt, dass diese Einladung niemand sonst außer Dune wahr genommen hat.
Ich habe keine Lust aufzustehen. Andererseits verspüre ich fast körperliches Geknuffe von der Sonne. Es ist schon wahr, an solch einem herrlichen Herbsttag kann man nicht in den Federn verweilen. Da ich heute auch nichts Weiteres vor habe, kann ich ihn in vollen Zügen genießen, am Strand, hier am Leuchtturm, mit dir und Dune unter der Sonne. Yes, das klingt gut. Und zwischendurch mach ich mir ein paar Gedanken über den weiteren Verlauf des Umzugs, beziehungsweise Einzugs.
Die letzten Sonnenstrahlen genießen
Die letzte Wärme des Sands spüren
Die letzten Berührungen leichten Windes fühlen
Vorfreude
Auf den Genuss der ersten Sonnenstrahlen
Die ersten Schritte im warmen Sand
Das erste Streicheln des warmen Windes auf dem Gesicht
Nächstes Jahr
Schnell wird der Kaffee umgefüllt, der Weidenkorb frisch gepackt, die Zähne geputzt, das Longshirt übergeschmissen und ab geht’s in die Sonne. Auf der Stiege bemerke ich erst meinen Muskelkater, den ich mir wohl bei der Einkaufstütenorgie gestern eingehandelt habe. Dune kann sich vor lauter Begeisterung über mein Erscheinen kaum halten und springt wie ein Flummi immer wieder an mir hoch. Heute geht es direkt ans Wasser. Es geht kaum Wind und die Luft ist herrlich mild.
Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.
Das Meer ist ganz ruhig und plätschert gemütlich mit kaum hörbarem Rauschen am Strand auf und ab. Es glitzert herrlich in der Sonne. Je nach Blickwinkel bekommt man das Gefühl, einen Kristallteppich zu betrachten. Vorbei ist die Gemütlichkeit, als sich Dune laut kläffend in die Fluten stürzt. Brrrr, um diese Zeit ist es doch sicher noch eiskalt?! Die Flipflop abgestreift greifen meine Füße als erstes in den herrlichen Sandboden. Schon alleine für meine Füße dürfte es nie Winter werden. Nachdem ich mir die Decke zurechtgelegt habe, lasse ich meinen Blick den Strand entlang schweifen. Eine Gänsehaut des Wohlfühlens und der Begeisterung baut sich hinter meinen Ohren auf und verteilt sich von dort in alle Richtungen. Shiver! Es gibt keine Worte dafür, auch wenn ich sie noch so sehr doch noch zu finden hoffe. Ich kämpfe wieder mit Tränen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen, wie nah ich am Wasser gebaut habe, wenn ich hier so nah am Wasser stehe. Vielleicht liegt es an der Unteilbarkeit dieser Gefühle. Ich kann sie nicht fassen, nicht erklären und somit auch nicht vermitteln. Davon mal abgesehen, dass ich gerade nicht wüsste an wen. Dune peitscht besessen durchs Wasser und die Möwen über mir, die in Perfektion ihren Synchronflug absolvieren, erscheinen mir auch nicht wirklich als gute Zuhörer und Menschenversteher.
Perfektion
den ganzen Morgen schon kreisen sie über mir her
leiser Flügelschlag im Synchronflug
nebeneinander beinahe Flugfeder an Flugfeder
übereinander nur ein Windhauch zwischen ihnen
leicht versetzt zur Kehrtwende ansetzend
zweisam entdecken sie den Himmel
gemeinsam beobachten sie den Strand
beisammen erobern sie das Meer
das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Team
ganze Morgende kreisten wir um uns herum
barfüßig im Gleichschritt
nebeneinander Hand in Hand
übereinander kein Windhauch passte zwischen uns
leicht versetzt die gleichen Dinge im Blick
zweisam entdeckten wir die Geheimnisse des Himmels
gemeinsam durchschritten wir jedes Sandkorn
zusammen – wir liebten das Meer

das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Paar
das perfekt eingespielte Team
so schaue ich neidisch in den Himmel
trauriges Vermissen entlasse ich ins Meer
schmerzende Sehnsucht begleitet den Flug
des perfekten Paares
des perfekt eingespielten Teams
über mir
Warum bist du jetzt nicht hier? Warum lachst du mich jetzt nicht aus, weil ich schon wieder vor mich hin flenne, ohne wirklich einen Grund zum Heulen zu haben? Warum teilst du nicht mit mir zusammen diese Begeisterung, jetzt, hier, sofort? Manchmal hasse ich dich dafür, dass du nicht da bist. Mit dir könnte ich jetzt so schön hier stehen. Du würdest mich verstehen. Du würdest dich amüsieren, aber in erster Linie wüsstest du genau, was mit mir los ist, wie es in mir aussieht. Du bist mehr als ein Menschenversteher. Du bist ein MichVersteher!

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