All the nights, that I’ve missed you

1 11 2009

All the nights, that I’ve missed you – mit dem Poor Man’s Moody Blues im Kopf und im Herzen wache ich auf. Wieder ein Traum, an den ich mich nicht erinnern kann. Die Melodie in meinem Kopf spricht allerdings dafür, dass du mal wieder vor mir auf dem Küchentisch gesessen hast. Mir ist eiskalt, ich zittere wie Espenlaub und habe fürchterliche Halsschmerzen. Der gestrige Nervenzusammenbruch zieht also weitere Kreise. Ich hasse es krank zu sein. Aber was setze ich mich auch bei strömendem Regen an den Strand und lass mich begießen. Rein wachstumstechnisch hat das doch sowieso keinerlei Auswirkungen mehr. Ich hasse es, wenn der Kopf arbeitet, während sich alle anderen Körperteile schwer und schmerzend anfühlen, ich mich fühle wie unter einem Trecker hervorgezogen und ich mich nicht gescheit rühren kann. Wenn selbst der Gang zum Wasserkocher oder ins Bad zu einer Odyssee ausartet, weil mir jeder Muskel und jeder Knochen schmerzhaft seine Verachtung ausspricht. Gequält schäle ich mich aus der wohligen Umarmung meiner Bettdecke um auf zu stehen. Himmel, Dune kannst du bitte mal das Karussell anhalten. Das ist ja grausig auf nüchternen Magen. Bevor ich mir den Gesundheitstee zubereite, es gibt Zeiten, da verzichte sogar ich auf Kaffee, und im Bad nachsehe, ob an der Frau vor dem Spiegel noch irgendwas zu retten ist, stolpere ich die Wendeltreppe hinunter, um die Türe zu öffnen. Mit letzter Armkraft schiebe ich den Holzpflock zwischen Tür und Rahmen, so kann Dune wenigstens ihre Tagesgeschäfte draußen erledigen und muss sich nicht mit dem Katzenklo herumärgern. Intelligent ist sicher was anderes. Mir ist es absolut frostig und ich lass die Türe für den Hund auf. Aber in meinem Bett mit Wärmflaschen und Dinkelkissen wird’s schon gehen.

Es regnet in Strömen, aber es schneit in …? Wie heißt das bei Schnee? Es schneit in Teppichen? In Vorhängen? In Flocken ist klar. Eigentlich liebe ich diese Ecke der Welt so sehr, weil dieses weiße Übel hier nicht vorkommen sollte – oder höchstens einmal im Jahrhundert. Ich halte diesem Jahrhundert zu Gute, dass es noch nicht so alt ist, und irgendwann muss es ja mal sein. Dann lieber jetzt – und der Rest des Jahrhunderts ist Ruhe. Der Strand ähnelt mehr und mehr einer gigantischen beigebraunen Marmor- oder Granitplatte mit weißer Maserung, die sich stetig mit einander verknüpft, um einen glitzernden Teppich zu bilden. Dann schneit es wahrscheinlich doch in Teppichen. Oder in Verknüpfungen? Naja, ist ja auch egal. Mir ist es viel zu kalt, um mir dieses Naturschauspiel noch länger anzuschauen. Also wanke ich wieder nach oben, koch mir einen frischen Tee, erhitze die Dinkelkissen und ab geht’s in die Falle. Schlafen ist die beste Medizin und ich werde schlicht und ergreifend so lange im Bett bleiben, bis ich wieder gescheit schnaufen kann. Ob es wenigstens Max langsam besser geht?

Schneeflocken tanzen wild vor dem Bullauge umher. Sie erinnern ein wenig an den beknackten Tänzer und Sänger von Boney M. der zu der eigentlich, für damalige Verhältnisse, guten Musik, irre komische Verrenkungen gemacht hat. Fee sitzt auf der Couchlehne und beobachtet das Schneetreiben. Ich würde ja gerne mit ihr ein bisschen raus, damit sie die Kristalle jagen kann. Doch mit fast 40°C Fieber, sollte ich das wohl ganz schnell wieder vergessen. Ich will einfach nur noch schlafen.

Alles tut weh, wirklich alles, und ich möchte mich nicht bewegen müssen. Warum kann Dune keine Dosen öffnen? Seit gestern ist das Fieber noch mal ein bisschen gestiegen. Ich schwitze, ich friere, ich möchte mich in den Schnee legen und anschließend in die Mikrowelle. Kraft- und lieblos fülle ich die Fressnäpfe auf und lege mich zurück in die Koje. Kurz bevor ich im Land der Fieberträume verschwinde, höre ich aus wie aus weiter Ferne mein Handy rappeln. Jacques fragt für Max, ob ich im Pfahlbau mal nach dem Rechten sehen könnte. Zur Antwort bekommt er ein kurzes: “geht nich, krank bin” und schon döse ich wieder ein.

Du warst immer hart gegen dich selbst. Schwächen hast du dir nie erlaubt, bis ich in dein Leben getreten bin. Auf so einen Tüdelkram bei Erkältungen hast du super allergisch reagiert. Nichts konnte man dir recht machen. Alles wolltest du selbst schaffen. Als ich dann krank wurde und mir bald mein rechter Unterschenkel abgefault ist, warst du es allerdings, der mit dem Tüdeln angefangen hat.

“Kleines, deine Temperatur steigt und steigt, das Bein ist super heiß und sieht nicht gut aus. Du musst damit zum Arzt.”

“Nein, ich will nicht. Mach noch mal von der Zugsalbe drauf, das geht dann schon.”

“Das geht nicht. Das versuchen wir seit Tagen. Wenn du jetzt nicht vernünftig wirst, dann lass ich einen Arzt kommen.”

Aus der kleinen Wunde am Schienbein, die ich mir beim Sturz die Kellertreppe hoch eingefangen hatte, war mittlerweile ein ekliger 5-Markstück großer Eiterkrater gewachsen. Natürlich wurde ich nicht vernünftig. Seit der demütigenden Untersuchung damals, habe ich mir Ärzte nur noch von hinten angeguckt, wenn überhaupt. Als ich dann das Phantasieren angefangen habe, hast du es mit der Angst bekommen und einen Notarzt gerufen. Doktor Igel hatte nicht nur keine Lust. Er machte seinem stachligen Namen alle Ehre und ließ uns seine Unlust spüren. Keine Ahnung von welchem Golfrasen wir ihn abgehalten haben. Vor allen Dingen dich hat er auf dem Kieker gehabt.

“Nimmt sie auch Drogen?”

“Nein, keine Drogen!”

“Bist du sicher? Sieht aber schon fertig aus deine Kleine. Und wenn wir ihr nachher das Bein aufschneiden, sollte die Betäubung doch wenigstens ein bisschen wirken oder?”

“Ich wüsste nicht, dass wir schon mal zusammen vor eine Apotheke gekotzt haben. Also duzen sie mich bitte nicht. Sie nimmt keine Drogen! Und wenn sie mir nicht glauben, dann raten sie ihrem messerschwingenden Kollegen doch, dass er vorher ein Screening machen soll. Sie ist absolut sauber. Das Einzige was sie die letzten Tage eingeschmissen hat waren fünf von den Schmerztabletten und diese schwarze Salbe hat sie auf die Wunde aufgetragen.”

“Wollen S i e mir jetzt meinen Job erklären? Wir packen die Kleine jetzt ein und nehmen sie mit in die Notaufnahme. Da wird sie eh gecheckt.”

Du warst so sauer. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass man deinen Pupillen schon aus fünf Kilometer Entfernung angesehen hat, wie dein Grundnahrungsmittel beschaffen ist, hast du dich ganz fürchterlich zusammengerissen, bevor die Situation eskaliert. Im Krankenhaus haben die mich dann gecheckt, die Wunde gesäubert, mir eine Spülung und was gegen das Fieber mitgegeben und ich durfte wieder gehen. Du hast deine letzten Markstücke zusammen sortiert und ein Taxi nach Hause spendiert. Als wir zu Hause ankamen wurdest du ganz still, hast dich erst ins Bad verkrümelt, dann Stundenlang Saxophon gespielt. Erst sehr viel später bist du damit rausgerückt, wie klein du dir vorgekommen bist, weil du mir nicht helfen konntest und die dich gar nicht Ernst genommen haben. Trotzdem war ich sehr glücklich, dass du mit mir gefahren bist, und dass du dabei warst. Du und keiner sonst.

Rotblaue Männer schieben mich in ein großes rotes Maul und versiegeln die Lippen. Eine Stimme sagt mir, dass alles gut und sich um die Tiere gekümmert wird, alles wird gut, alles wird gut, wird gut, wird gut, gut, gu…

Das ist nicht meine Koje. Das ist nicht meine Stube. Das ist nicht mein Leuchtturm. Aber dort am Ende des Bettes sitzt mein Max. “Verdammt wohin hast du mich denn jetzt verschleppt?”

“Reg dich nicht auf Sysse, du liegst im Krankenhaus. Und ich möchte dich prügeln für deinen Leichtsinn. Du hättest echt draufgehen können.”

Da ist er wieder, dieser kurze nette Schlauch, der gerade soviel Platz bietet, dass ich mich draufstellen kann. Ich verstehe nur Bahnhof, komme aber nicht dazu, weiter zu fragen, weil eine kleine, biestig dreinschauende Philippinin, die jetzt, wo ich wieder wach bin, auch keine Zurückhaltung mehr bei der Blutabnahme an den Tag legt, mir eine Kanüle in die Armbeuge rammt. Als ich meinen Arm sehe, könnte ich schreien. So zerstochen, blau, rot, grün und gelb hast selbst du deine Beugen durchs Fixen nie gehabt. Haben die hier Schlachtversuche an mir vorgenommen? Gräfin Dracula verlässt mit mindestens zwölf Litern meines kostbaren Saftes den Raum und ich frage Max, wie es überhaupt sein kann, dass er hier bei mir ist. Max erzählt mir, dass er sich, vor vier Tagen bei meiner Einlieferung, in seiner Not als mein Vater ausgegeben hätte. Daraufhin hat man ihn furchtbar zusammengestaucht, wie es sein könnte, dass ich mit Lungenentzündung und wohl nicht erst seit ein paar Stunden auf der Wendeltreppe liege. Alles in Allem habe ich wohl das Abo “Erkältungskrankheiten in Steigerung” genommen, denn neben der Lungenentzündung, seien auch noch Rippenfell und Nierenbecken betroffen. Ja Hurra. Wenn, dann nehme ich ja gleich alles, ich Gieriges ich. “Wie jetzt, vier Tage? Sag nicht, dass ich schon seit vier Tagen hier vor mich hin penne. Dune, was ist mit Dune und den beiden Kleinen? Und du? Du bist doch auch krank, „Papi“. Wieso bist du nicht bei Jacques?” Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist dass ich Fee dabei beobachtete, wie sie den Schneeflocken hinterher schmachtete. Ich lag in meiner Koje und sie saß auf der Couchlehne. Danach ist alles weg, was mit der Realität zu tun haben könnte. Jetzt liege ich hier in einem Krankenhaus, bekomme lecker Kochsalzlösung und anderen Schweinkram, was meinen Adern wahrscheinlich vorgaukeln soll, dass der Blutverlust gar nicht so hoch war. Eine Krankenschwester mit bösem Blick kommt hinein und fragt mich, ob ich vielleicht etwas Essen wolle. Ihr Anblick erschreckt mich so, dass ich dankend ablehne, was Max beinahe aus der Haut fahren lässt.

Sehr detailreich erzählt mir Max, was in den letzten Tagen passiert ist. Jacques habe nur meine SMS bekommen, dass ich krank sei und mich dann versucht persönlich zu erwischen. Das habe nicht geklappt und als ich am nächsten Tag immer noch nicht ans Handy gegangen bin, hat es Max mit der Angst bekommen und Jacques gezwungen ihn zu mir raus zu fahren. Dune hat die Beiden sehr laut und hektisch begrüßt und als sie in den Turm reinkamen, lag ich wohl auch schon wie tot zu ihren Füßen. Max hat daraufhin sofort den Notdienst alarmiert, die erst nicht glauben wollten, dass sie wirklich zum Leuchtturm kommen sollten. Und bevor weitere dumme Fragen gestellt würden, hat er sich dann als meinen Vater ausgegeben. Hier nimmt man die Patientenrechte sehr ernst und er hätte nicht mal den dicken Zeh in den Rettungswagen setzen dürfen, ohne diese kleine Notlüge, die ich ihm auch gar nicht verüble. Und für einen kleinen ganz kurzen Augenblick wünsche ich mir sogar solch einen coolen Vater. Nachdem man mich im Krankenhaus auf den Kopf gestellt und festgestellt hat, dass so ziemlich alles ein Matsch ist, hat man mich so ruhig gestellt, dass ich garantiert einen vollen Tag und eine volle Nacht schlafe – gut, es sind fast drei daraus geworden – aber so fühle ich mich jetzt auch. Schon fast wieder fit, denke ich, sage ich und schlafe auch prompt wieder ein.

Max sitzt immer noch an meinem Bett. Meine Hand hält er fest in seinen Händen und auf diesem Fingerberg hat er seinen Kopf zur Ruhe gebettet. “Soll ich ein Stück rutschen?”

“Nein, Kleines, danke.” Er lächelt und ich freue mich über das Lächeln. “Schönen Gruß von Oberschwester Rabiata, wenn dein Fieber nicht bald zurückgeht, fährt sie die harten Geschütze auf. Dann gibt es Wadenwickel mein Kind!” Ich rümpfe die Nase und murmel etwas von Gesundschlafen.

Fast zwei Wochen habe ich in dem Krankenhaus jetzt verbracht und endlich darf ich nach Hause. Oder sollte ich besser sagen, dürfen wir nach Hause? Max sitzt seit zwei Wochen an meinem Bett und verlässt das Zimmer nur, um sich im Park ein wenig die Füße zu vertreten. Unseren ersten Spaziergang vor vier Tagen habe ich furchtbar genossen. Hand in Hand bummelten wir durch die Parkanlage und lästerten über andere Patienten und hochnäsige Ärzte. Wenn dieses System der Familienpflege erst einmal in Deutschland übernommen wird, dann sehe ich aber echt schwarz. Wer niemanden hat, der ihn pflegt und wäscht, liegt unter Umständen auch schon mal was länger im eigenen Saft. Die Kliniken hier sind nur auf die rein medizinische Versorgung eingestellt. Der Rest soll oder muss von der Familie geleistet oder ordentlich bezahlt werden. Max sieht so glücklich aus, als er mir in den R4 hilft. Endlich geht’s wieder nach Hause. An der Strandstraße angekommen, die zu unserem Leuchtturm führt, atme ich erst einmal tief durch. Was hab ich diese Luft vermisst. Wie sehr hab ich mich nach diesem Grollen der Wellen gesehnt. Mein Nennpapa warnt mich noch kurz vor, dass ich mich nicht erschrecken solle, weil die Tiere fort sind. Jacques hat sie mit zu sich genommen, bis ich wieder soweit auf dem Damm bin, dass ich mich wieder um sie kümmern kann. Jetzt, hier, wieder zu Hause, sollte ich mindestens noch zwei Tage alleine bleiben und mich akklimatisieren. Vor der Wendeltreppe ist ein Schild gespannt auf dem steht: “Herzlich Willkommen Frau Leuchtturmwärterin.” Ich möchte heulen, so gerührt bin ich. In der Stube ist alles super sauber. Viel sauberer als sonst. Auf dem kleinen Tisch steht eine große Obstschale und das Bett ist schon frisch und einladend bezogen. Ich brauche auch gar nicht erst auf die Idee kommen, mich auf die Couch oder in den Sessel setzen zu wollen. Die Fahrt sei sicher anstrengend gewesen und darum werde ich gleich in die Koje gestopft, mit Wärmflasche und Tee versorgt. Während sich meine Blicke durch meinen Turm hangeln und ich einige kurze Fragen stelle, wer hier was verbrochen hat, rutscht Max auf der Couch mehr und mehr in Liegeposition. Der arme Kerl muss fix und fertig sein.

Endlich wieder zu Hause! Das wohlige Brummen der Leuchtfeuertechnik, das Rauschen des Meeres, das von draußen zu mir hinein schallt, der Wind, der um den Turm heult und Max. Max? Beachtend, dass ich mich vorläufig noch langsamer aufrichten soll, als ich es sonst schon getan habe, setze ich mich in der Koje auf und suche nach meinem alten Freund. „Max? Maaa-haaa-xxxx!! Och bitte nicht schon wieder.“ Ich merke wie mein Herz zu rasen beginnt und ich male mir erstmal bekannte und noch nicht gekannte Horrorszenarien aus, bevor ich mein Hirn einschalte und mich genauer umschaue. Doch schon wieder. Unter meiner Teetasse klemmt ein Blatt Papier. Nervös und mit heftig zittrigen Fingern greife ich nach dem Brief.

„Na, ausgeschlafen? Nicht was du schon wieder denkst! Da du die Nacht so wunderschön ruhig und zufrieden verbracht hast, und auch heute Morgen nicht viel von dir zu bemerken war, habe ich mich in meinen Pfahlbau getraut. Ich schaue nur nach dem Rechten und bin bald zurück. Du bleibst bitte schön liegen. Ich verlass mich drauf. Es umarmt dich, dein Pfleger Max.“

Wieso eigentlich Nacht? Und wieso heute Morgen? Wie lange hab ich denn geschlafen? Mein Blick fixiert die Mikrowelle und nach einem kleinen Weilchen haben sich meine Augen an die Anzeige gewöhnt. Schock schwere Not, ich habe doch tatsächlich schon wieder einen ganzen Tag verpennt. Ich hoffe es war nur einer. An mangelnder Ruhe in der Vergangenheit kann es nicht liegen. Die hatte ich im Krankenhaus ausreichend. Ich denke es liegt am noch immer sehr schlappen Allgemeinzustand und daran, dass ich meine Koje im Augenblick garantiert für mich alleine habe. Keine Fee, keine Dune und keine Kleine Wanderdüne. So wie Max erzählt hat, flitzt das Kerlchen wohl schon ganz munter durch die Gegend und hält bei Jacques Groß und Klein ordentlich auf Trab. Ich muss Max nachher unbedingt bitten, dass er das Gitter an der Treppe befestigt, damit der Welpe mir nicht den Abgang macht. Und dann müssen wir Dune beibringen, wie sie sich das Gitter aufmachen kann.





Wieviele Stunden

25 10 2009

Wieviele Stunden mag ich wohl geschlafen haben? Draußen scheint es schon Tag zu sein. Auch wenn nichts, was irgendwie nach Sonne aussieht wirklich scheint. Der Himmel ist grauschwarz und der Wind heult fürchterlich. Es regnet wie aus C-Rohren. Wie schön, dann wird das ja vielleicht ein Kojentag? Dune, Fee und Kleine Düne schlafen scheinbar noch, oder wieder? Vielleicht waren sie zwischendurch bei mir und haben eine Vitalkontrolle durchgeführt. Vielleicht habe ich aber auch so geschnarcht, dass sie sicher sein konnten, dass ich schlafe und haben für sich beschlossen, diesen Regentag ebenfalls einfach zu verpennen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht – ein bisschen viele Vielleichts für einen Tagesbeginn und ich bin mir sicher, dass ich jetzt erstmal einen Kaffee mache, ein Kippchen rauche, die Raubtierfütterung einläute und mich dann wieder, mit Käffchen ins Bett lege.

Wieder so ein guter Plan à la Leuchtturmwärterin. Komm doch du doofer Tag, du kannst mir nix!

Das Tosen draußen vor den Bullaugen ist so heftig, dass ich das Kurznachrichtenbimmeln meines Handys kaum wahrnehme. Würde es nicht so aufdringlich vor sich hin leuchten, hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Max schickt mir einen dicken Kuss und vertröstet mich mit seinem Besuch. Irgendwas ist am Dach des Pfahlbaus nicht ganz dicht und die Prachtvilla in der Bucht droht von innen heraus zu ertrinken. Wenn ich ehrlich bin, kommt mir die Mitteilung nicht ganz ungelegen. Erstens möchte ich meinen Betttag genießen und zweitens bekomme ich so noch ein wenig Aufschub. Okay, ich kann mich noch mindestens einen Tag länger drücken vor unserem Geständnisgespräch. Das Handy klingelt ein weiteres Mal. „Mach dir keinen Kopf wegen unseres Deals. Du kannst mir alles erzählen, du musst aber nicht!“

Im hohen Bogen fliegt mein Handy auf die Couch und ich treffe fast die arme Fee, die von diesem Spitzenwurf aber gar nichts mitbekommt. Wieso weiß dieser Mensch scheinbar immer, was ich gerade denke, auch wenn er Kilometer entfernt auf seinem regennassen Dach herumturnt und versucht seine hölzerne Villa abzudichten?

Vor dem Sturm

ist immer auch

nach dem Sturm.

So sagtest du immer.

So sitze ich hier,

starre aus dem Fenster,

wärme meine Hände an der Kaffeetasse,

denke mal wieder im Kreis

und warte.

Und überhaupt, kann es ihm ja nur recht sein, wenn ich nicht erzählen will, dann muss er ja auch nicht. Dieser Schlawiner! Ganz schön schlau Herr Sandburgenbauer, aber nicht schlau genug für Frau Leuchtturmwärterin. Ich will ja erzählen.

Bevor mir ganz schwindelig wird von den sich im Kreis drehenden Gedanken, beschließe ich eine wärmende Dusche zu nehmen und dann wieder zurück in die Koje zu krabbeln. Dune wird wach und begehrt Auslass. Wie ignorant bei dem Wetter. Aber sie muss es ja wissen, und wenn sie Bewegungsdrang hat, möchte ich sie nicht davon abhalten. Also kommt vor der Dusche erstmal der Abstieg. Ich öffne die Türe und Dune hält vorsichtig ihre Nase hinaus. Es sieht lustig aus, denn ihre kleinen Nasenflügel beben richtig, so hält sie den felligen Zinken in die Luft. Danach schenkt sie mir einen Blick, als wolle sie mich fragen, ob ich sie noch alle habe, wie ich es mich erdreisten könnte, sie bei dem Wetter vor die Türe jagen zu wollen. Klaro, jetzt bin ich wieder an allem Schuld. Also schließe ich die Tür und gehe wieder hinauf. Dune folgt mir und nimmt direkten Kurs auf das Katzenklo. Braver Hund. Wenigstens den Gefallen tut sie mir. Ich schleiche mich ins Bad, gönne mir eine ausgiebige heiße Dusche und verlasse die Kabine erst, als ich vor lauter Heißwasserdampf gar nichts mehr sehen kann aber wohl spüre, dass meine seeluftverwöhnte Haut schon wieder Schwimmhäute und –falten schmeißt. Schnell rubbele ich mich ab und flüchte zurück in die Koje. So, und nun werter Herr Tag, nein Frau Tag, so zickig, wie der Tag sich präsentiert, sind gemeinhin nur Frauen, jetzt werde ich dich einfach verschlafen. Und wenn du dich nicht bald wieder einkriegst, dann nenne ich dich nur noch die Tag, Frau Tag. Schlaf gut!

Eine Woche ist seitdem vergangen. Frau Tag wurde noch von vielen Frauen und Fräuleins ähnlichen Kalibers begleitet, was heißt, dass ich meine erste richtige Sturmwoche hier erlebt habe. Man kann es kaum glauben aber zwischendurch hatte ich wirklich Manschetten, dass es uns die Glashaube zerberstet oder gar von dannen trägt, so windig und eklig war es. Noch nicht einmal Max hat es hier her geschafft. Für den R4 war der Strand einfach viel zu nass und mit viel zu vielen Wasserlöchern durchzogen und um zu Fuß zu gehen, braucht selbst der Sandburgenbauer noch mindestens vierzig Kilo mehr. Es hätte ihn weggeweht. Zweimal haben wir kurz miteinander telefoniert, weil er sich doch Sorgen gemacht hat, ob ich mit allem so zurecht komme. Klar war mir hin und wieder ziemlich mulmig, aber im Großen und Ganzen war diese Woche eine Erfahrung, die ich niemals mehr missen möchte. Einzig und alleine Dune fand diese Woche ganz grausam. Zwar hat sie sich tatsächlich zweimal aus dem Turm getraut, aber wirklich nur bis ganz knapp vor die Tür und dann hat sie rüdengleich am Gemäuer das Bein gehoben. Das hab ich noch nie bei ihr gesehen und darum gehe ich davon aus, dass die Not wohl besonders groß gewesen sein. Ich singe indes weiter mein Loblied auf unser Zuhause.

Sturm

Lautschreiender Wind tost über das Meer.

Wogen türmen sich am Turm empor.

Himmel bedrohlich wolkenverhangen.

Und dennoch:

ist es den Wolken auch möglich

die Sonnenstrahlen zu verdecken,

ihnen wird es nie gelingen,

das Licht zu löschen.

Diese Technik, die unter unserem Dach zu Hause ist, fasziniert mich mehr denn je. Nicht einen Ausfall gab es in dieser Woche und wenn nichts mehr ging, das Leuchtfeuer strahlte immer weiter. Trotz aller Lautstärke, allem Wind und Getöse, ich habe mich unglaublich sicher gefühlt. Natürlich ist das eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. Aber es ist auch eine Erfahrung, die hier sicher nicht ausbleibt, und von daher bin ich mehr als glücklich, dass alles so gut geklappt hat. So halte ich es hier sicher eine ganz lange Zeit aus.

Dune reißt mich aus meinen retroperspektiven Gedankengängen und bringt mir Kleine Düne. Ganz vorsichtig legt sie den Welpen auf meinen Schoß und junkert und wedelt mit dem Schwanz. So recht weiß ich gar nicht, was sie mir sagen will. Aber es muss was Besonderes sein, denn normalerweise bekomme ich den Nachwuchs nicht mehr einfach so ausgehändigt. Sachte nehme ich das kleine Fellknäuel in meine beiden Hände und betrachte es von allen Seiten. Ahhh, Kleine Düne ist ein kleiner Dünerich. Soweit, so gut – das Geschlecht wäre nun schon mal festgestellt. Warum ich da vorher noch nicht nachgeschaut hab, weiß ich jetzt allerdings nicht so genau. Der Kleine quiekt mich an, als hätte er Angst seine junge Männlichkeit alleine durch meine Blicke zu verlieren. Er strampelt wie wild und nach ewigem Hin- und Hergucken, fällt mir auch irgendwann einmal auf, was Dune gemeint haben könnte. Das Kerlchen hat ja die Augen auf. Ich bin total geplättet und versinke fast in diesem dunklen Blaugrau. Mein Gott sieht das süß aus. Noch kneift er die Lidspalten ziemlich zusammen. Und wenn ich richtig gelesen habe, kann er auch soviel noch gar nicht sehen, das kommt erst in vier bis fünf Tagen, dass er dann auch was erkennen kann. Und dann funktioniert auch erst das kleine schwarze Näschen richtig. Tja, und dann, dann wird’s hier richtig lustig. Wenn er erstmal alle Sinne beisammen hat, dann geht er richtig auf Entdeckungstouren und vielleicht sollte ich mir schon einmal überlegen, welche Ecken und Nischen unter und neben Schränken ich vorsichtshalber zudecke und -stelle, damit uns die Kleine Düne nicht zur Wanderdüne wird, die wir ständig suchen müssen.

Und wie mache ich das mit dem Namen? Ich hab mich schon richtig an den Titel Kleine Düne gewöhnt, aber ist das nicht sehr diskriminierend für so einen kleinen tapferen Kerl mit solch einer beeindruckenden Lebensgeschichte? Herr Sandberg. Nee, das ist zu lang. Im Augenblick würde sicher am Besten Quiek passen. Klingt doch zu sehr nach einem kleinen Ferkel. Ich bleibe vorläufig bei Kleine Düne und vielleicht fällt Max ja was Passendes ein, wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Ob Delphi, Finchen und der Olle Graue die stürmischen Tage gut überstanden haben? Ich nehme nicht an, dass die Delfine an diesem Strand hier geblieben sind. Sie haben sicher in der Bucht Schutz gesucht. Können Delfine eigentlich seekrank werden? Das muss doch mächtig geschaukelt haben unter Wasser. Wahrscheinlich ist mir die eine Woche hier im Turm nicht bekommen. Ich sabbele einen Dummfug zusammen. Seekranke Delfine – Tss.

Ich muss auf alle Fälle daran denken, mit Max noch mal über unser Trio zu sprechen. Ich hatte die letzten Tage ja eine Menge Zeit zum Nachdenken. Ich muss Max unbedingt fragen, ob er die Drei denn jetzt schon hat aus der Nähe sehen können. Vielleicht ja in der Bucht während des Unwetters? Zu gerne wüsste ich, warum sich die Delfine mir und Dune gegenüber so offen und zutraulich geben. Wieso kommen sie zu uns an Land und lassen sich streicheln. Und das passiert auch immer dann, wenn in meiner Lebenssituation gerade etwas im Argen liegt oder unklar scheint. Delfine sind verdammt schlaue Tiere, das ist klar. Aber kann ihre Sensibilität so weit gehen, dass sie Schwingungen aufnehmen, die weit entfernt stattfinden? Sie sind immer schon da, wenn ich komme. Sie scheinen bereit zu sein und auf mich gewartet zu haben. Und wenn unsere Schmusestunde dann vorüber ist, hat sich auch oftmals an der Situation von mir etwas geändert oder verändert.

Draußen ist es ruhig aber unheimlich. Ein zäher grauer Nebelteppich hat sich über das Land gelegt und ich kann die Hand vor Augen sehen. Klar kann ich die Hand vor Augen sehen, ich bin ja in der guten Stube. Ich kann das Meer nicht sehen, das wollte ich eigentlich bemerken. Durch die Suppe dringt aber auch nichts durch, keine Silhouette, kein Lichtlein, kein Schatten. Wie eine laugenfarbige Wand türmt sich der Nebel empor und hüllt uns ein. Ich kann das genauso wenig leiden wie absolute Finsternis. Sicher hat Nebel, im Vergleich zur Dunkelheit noch etwas Mystisches. Gerade hier am Leuchtturm empfinde ich das so. Wenn man unten steht und nach oben ins Leuchtfeuer schaut, das zwar wie durch Milchglas scheint, aber dennoch solch eine Kraft hat, dass es meilenweit entfernt Leben retten kann. Trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Orientierungslegasthenie, ich habe meine Probleme mit dieser Form von Nichtwetter.

Die Einzigen, welche die letzten Tage mit absoluter Gelassenheit hingenommen haben, sind die Tiere. Ich will auch Katze sein und den ganzen Tag pennen. Auch wenn meine harten Schlafprobleme sich hier eigentlich in Nichts aufgelöst haben, ist zuviel der Ruhe auch nicht der wahre Jakob.

“Wach auf Kleines – komm schon, mach die Augen auf und sprich mit mir, du hast schlecht geträumt.”

“Hmm, nein, ich will nicht.”

“Kleines!!! Bitte!!!”

“Was? Wo bin ich? Was ist los???”

“Du hattest wieder einen Alptraum. Bist du jetzt wach?”

“Ja, ich, ich bin okay. Aber du siehst komisch aus. Was ist mit deiner Nase passiert? Die ist voll schief.”

“Na super, dann hast du sie mir gebrochen. Ich wurde wach, weil ich meinen ersten KO im Liegen eingefangen habe. Man hast du eine Wucht im Gelenk. So viele Sterne gibt’s im ganzen Universum nicht!”

“Wie gebrochen? Wer hat dir die Nase gebrochen? Ich etwa? Nein, quatsch, ich hab geschlafen, du hast mich doch gerade geweckt!”

“Sysse, du hattest wieder einen deiner heftigeren Alps. Und ehe ich wach wurde, um dich zu wecken, hast du mir auch schon eins übergezogen!”

“Du musst zum Arzt, das sieht furchtbar aus!”

“Ich geh jetzt erstmal ins Bad und schau mir das an. Ich bin so zu, das tut nicht mal mehr weh. Kann ich dich denn alleine lassen?”

“Spinnst du? Ich komme mit. Das machst du mir nicht alleine.”

“Kleines, du weißt genau, dass du nichts im Bad verloren hast, wenn ich drin bin. Weder beim Pinkeln, noch beim Welt rausschmeißen und auch nicht zum Nase richten. Ich krieg das schon wieder hin. Jetzt mach dich nicht jeck.”

Als du aus dem Bad gekommen bist, sah die Nase zwar dick aus, aber wieder einigermaßen in der Spur. Du hast dich auf den Küchentisch gesetzt und Saxophon gespielt – bis ich wieder eingeschlafen war. Am nächsten Tag haben wir lange über den Traum geredet. Du hast dir erzählen lassen, was genau ich geträumt habe. Wir haben den Alp analysiert, ein bisschen ins Lächerliche gezogen und damit haben wir ihm ins Gesicht gelacht. Über deine gebrochene Nase, hast du, im Gegensatz zu mir,  nie wieder ein Wort verloren.

Träume sind Schäume.

Das Meer schäumt.

Gischt liegt wie ein Sahneteppich auf der Oberfläche.

Ob das Meer wohl auch Alpträume hat?

Träume sind Schäume.





Meine Gedanken eiern

24 10 2009

Meine Gedanken eiern in Ellipsen, so wie auch mein Kreislauf eher einem Eierlauf ähnelt. War wohl alles ein bisschen viel heute und so schleppe ich mich müde, aber nicht wirklich unglücklich die Treppe hinauf. Dune freut sich und auch Fee steht schon Spalier, um mich zu begrüßen. Die Näpfe von beiden sind so was von leer und noch bevor ich mich meiner Garderobe entledige, füttere ich erstmal die Raubtiere ab. Die Luft, das Meerrauschen, der Sand unter den Gummistiefeln, die Gespräche mit Max, die Überraschung – das alles hat soviel mit mir gemacht, dass ich mich von meiner Garderobe auch noch gar nicht trennen mag. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch für ein paar Minuten hinaus gehe, und wie Max, alleine meinen Gedanken nachhängen möchte. Ein Blick aus dem Bullauge zeigt mir, dass es schon dämmert. Waren wir wirklich so lange fort? Kaum zu glauben. Das Leuchtfeuer arbeitet bereits und am Strand sehe ich Max, wie er im Sand sitzt und auf das Meer hinaus starrt. Ich werde seinen Wunsch alleine zu sein respektieren, aber kann er sich nicht woanders hin setzen? Oder ist er auch schon angefixt von diesem wohligen Gefühl im Schatten des Leuchtturms zu sitzen? Ob er über unseren Deal nachdenkt? Oder ob er an seinen Sohn denkt, so wie ich an dieser Stelle immer hinaus starre aufs Meer und meine Gedanken bei dir ankern lasse? Mich verbindet mittlerweile soviel mit diesem Brummbären. Und in den letzten Tagen sind wir uns so unglaublich nahe gekommen, dass es mir fast den Verstand raubt. Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal zulassen oder erleben könnte. Und wieder frage ich mich, ob du deine Finger im Spiel hast. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem was passiert und all den Erinnerungen, deren Schnittmengen manchmal so deckungsgleich sind. Max scheint zu spüren, dass er beobachtet wird. Ungelenk steht er auf, winkt noch einmal in meine Richtung und trabt von dannen mit Kurs auf die Bucht.

Ein paar Minuten noch raus. „Dune altes Mädchen, möchtest du mitkommen? Nicht weit. Nur auf den Strand und vielleicht ans Wasser.“ Als hätte sie jedes Wort verstanden, humpelt sie voraus und macht sich an den Abstieg. Ich kraule Fee noch zum Abschied, schaue nach, ob mit Kleine Düne alles okay ist. Der Welpe liegt träumend und mit den Pfötchen strampelnd in dem großen Korb. Mit dem Zeigefinger streichele ich dem Fellklöppschen zwischen den kleinen Öhrchen, worauf hin er ein leises Quieken von sich gibt und selig weiter schläft. Dune bellt aus dem Erdgeschoss und drängelt. Na dann mal los. Noch ein paar Minuten Frische, Vertrauen und Geborgenheit tanken. Den Kopf durchpusten lassen. Einfach nur sein.

Je dunkeler es wird, desto kälter wird es auch. Und ich bin froh darüber, dass ich den Schal noch gegriffen hab, bevor ich raus bin. Dune bleibt ganz dicht bei mir und schnuffelt sich an den Gerüchen des Strandes satt. Das Schnuffeln eines Hundes ist wie Zeitung lesen. Wenn ich mein Haustier dabei beobachte, kann ich diese These glatt wieder unterschreiben. Wobei in unserer hiesigen Zeitung auch im Herbst und erst recht im Winter ein großes Sommerloch vorherrschen dürfte. Es kommt hier kein Hund vorbei, der verbotener Weise an Dunes Schilfhalmen markieren würde. Und es gibt auch sonst niemanden, der ihr das Revier wirklich streitig machen wollte. Wer hier rauskommt, der weiß, dass er zu mir will, oder er hat sich verlaufen, oder besser noch verschwommen. Ich muss laut auflachen bei dem Gedanken an Henry, das Sams, den das Meer hier ausspuckte. Dune scheint ob meines Lachens leicht irritiert. Obwohl sie diese Anwandlungen ja eigentlich von mir kennen müsste.

Als zwei Möwen bedrohlich tief über uns ihre Flugakrobatiken zum Besten geben, scheint es Dune etwas mulmig zu werden und sie presst sich dicht an mich. Kein Wunder, mit ihren Verletzungen würde ich auch nicht die böse Bestie geben wollen und die Erinnerung an die mutierte und genmanipulierte Monstermöwe, die ihr vor einiger Zeit die Schädeldecke punktierte, dürfte auch noch sehr wach sein. So spazieren wir, Hundekörper an Knie und Schenkel zum Wassersaum. Ich freue mich über das Vertrauen, das meine Hündin in mich hat und meine Gedanken werden zu Erinnerungen. Erinnerungen an damals, als sie sich mir anschloss und mich einfach als neue Dosenöffnerin für sich bestimmte. Sie hat mich nie gefragt, ob ich es wirklich wollte. Sie hat es einfach bestimmt – und mich damit zur glücklichsten Hundebesitzerin zwischen Süd- und Nordpol gemacht.

Du sagtest immer:

“Alles hat seine Zeit – alles braucht seine Zeit

jetzt ist es an der Zeit – es ist Zeit”

In Zeiten wie diesen denke ich daran

Alles hat seine Zeit –

Wut, Trauer, Verlangen, Vermissen und Liebe.

Alles braucht seine Zeit –

die Wut, die Trauer, das Verlangen,

das Vermissen und die Liebe.

Jetzt ist es an der Zeit –

zu wüten, zu trauern, zu verlangen,

zu vermissen und zu lieben.

Es ist Zeit.

Meine Zeit.

Meine Zeit mit dir.

Wütend, traurig, verlangend,

vermissend und liebend.

Ich bin dankbar für diese Zeit,

für jede Zeit,

für die Zeit mit dir.

Aber ist die Zeit auch wirklich schon reif dafür, um darüber zu reden, über dieses kostbare Gut „Meine Zeit mit dir?“ Also wenn ich sie jemandem haarklein erzählen möchte, dann Max. Klingt das jetzt doof? Ich meine, so gut kenne ich ihn nicht und so lange schon mal gar nicht, dass er sich diese Form des Vertrauens schon irgendwie „verdient“ hätte. Aber trotz der Kürze dieser Zeit, ist er mir unglaublich, unfassbar, nicht erklärbar nah. Vielleicht ist unsere Geschichte der Schlüssel zu diesem Gefühl der Verbundenheit, die mich mit ihm verbindet? Bekomme ich Antworten auf eine Vielzahl meiner Fragen, die sich mir in Zusammenhang mit Max immer mehr und mehr stelle?

Dune und ich nehmen am Wasser Platz. Es ist ganz schön kalt, und ich bin schon froh, dass ich mir den Wollpullover und die Jacke über den Hintern ziehen kann. Nur für Dune gibt es nichts zum Draufsetzen. Das Problem löst sie, in dem sie sich bei mir auf den Schoß setzt. Boah Hund, bist du schwer. Ich dachte mit Ende des Dickbauchdaseins wäre neben Masse auch ein bisschen Gewicht geschrumpft. Dune starrt stur aufs Meer hinaus und wedelt irgendwie auch mit dem Schwanz. Also so richtig wedeln kann sie nicht, denn sie sitzt mit ihrem Hintern drauf, aber ich sehe wie die Schwanzspitze den Sand aufpeitscht. Als sie anfängt leise vor sich hin zu junkern, erhellt sich mein Gesicht. „Sind Delphi und Finchen in der Nähe?“ Die Hündin erhebt sich, nicht ohne mir ihre Vorderpfoten so richtig ordentlich in die Oberschenkel zu rammen, was höllisch weh tut, läuft entlang des Wassers aufgeregt auf und ab. Derweil ist es dermaßen dunkel, dass ich draußen auf dem Meer nichts erkennen kann und das Aufflackern des Leuchtfeuers ist auch keine große Hilfe. Plötzlich höre ich Delphi wie sie ihre knarzenden Gesänge in Richtung Strand singt. Und ehe ich mich über diese Nähe recht freuen kann, prescht sie auch schon an den Wassersaum. Die Welle, die sie vor sich herschiebt ist riesig und ich bekomme ordentlich nasse Beine – aber wen stört das schon, wenn er dafür mit einer Delfinin schmusen kann? Dune ist komplett außer Rand und Band und begrüßt ihre Freundin mit liebevollen Schleckereien und hektischem Rumgehoppse. Als ich so nah an Delphi heran gekommen bin, dass ich sie sehen kann, sehe ich, dass sie nicht alleine gekommen ist, was dann auch die Wucht der Welle erklärt. Gemeinsam mit dem ollen Grauen und Finchen hat sie sich zu uns gesurft und ich weine vor Glück und Aufregung. Delphi reckt ihre Schnauze so hoch wie sie nur kann und nickt immer mal wieder auf und ab. Meine ganz persönliche Einladung zum Streicheln, der ich so gerne nachkomme. Ich hocke mich ins Wasser das eisig kalt ist und kraule der schönen Delfinfrau das Kinn. Ich lerne, dass Kinder von ihren Müttern lernen, denn auch Finchen wackelt aufgeregt mit dem Kopf auf und ab und möchte gestreichelt werden. Jetzt bitte nicht auch noch der Vater der Kompanie, denn ich habe nur zwei Hände. Doch der Olle Graue nimmt Reißaus vor Dunes Annäherungsversuchen und robbt sich zurück ins Meer. Dort können wir ihn nicht mehr wirklich sehen, aber hören. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hören wir ihn im Wasser eintauchen und ich kann mir nur vorstellen, welch eleganten Sprünge er dort draußen zum Besten gibt.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange die beiden Delfine sich haben verwöhnen lassen oder anders gesagt, wie lange ich schon hier im Wasser hocke und die Beiden streicheln darf. Als beide keine Lust mehr haben, oder ist es, weil der Olle Graue im Hintergrund ruft, brechen die beiden Delfine ihren Aufenthalt ab und begeben sich zurück ins Wasser. Ich lache, ich weine, ich zittere am ganzen Körper und hocke auf den Knien und starre ihnen hinter her. Dune kommt zu mir und leckt mir durch das ganze Gesicht als wolle sie mich trösten und meine Tränen weg wischen. Tausche Salztränen gegen Spucke. Hund ich liebe dich!

Mit dem Abgang der Delfine ist auch unser Abgang eingeläutet. Es ist einfach viel zu kalt, um in nassen Klamotten weiter umher zu spazieren. Also folgen Dune und ich dem Licht unseres Leuchtturms, lassen uns nach Hause lenken und kehren um.

Lautbrausende Wogen ~ Tosende Wellen

Beißender Wind ~ Eiskalte Nacht

Diese Stimmung in mir

Brausender als die Wogen

Tosender als die Wellen

Beißender als der Wind

Kälter als die eisige Nacht

Manchmal möchte ich springen

In die Wogenbrause

Das Wellengetöse

Die Windbisse

Das Nachteis

Einfach nur springen

in deine Arme

Dir endlich wieder nah sein dürfen.

Ich bekomme mich einfach nicht sortiert. Jetzt sitze ich schon seit Stunden, eingekuschelt in die Decke und mit allem Viehzeug um mich herum auf der Couch, trinke Grog und bin einer Entscheidung immer noch nicht näher. Aber was will ich überhaupt entscheiden? Wir haben doch schon entschieden, einen Deal gemacht und gegenseitige Geständnisse ausgehandelt. Es quält mich einzig noch die Frage, wie viel ich wirklich erzählen möchte. Was Max wissen darf.

„Kleines, du darfst nie vergessen, dass du mir alles erzählen darfst, aber nie etwas erzählen musst.“ Deine Worte hallen in meinem Kopf und ich wünsche mir mehr denn je du wärst hier, damit ich das alles mit dir besprechen könnte. Aber du bist nicht hier, wenn du mir auch sehr nah bist und diese Entscheidung muss ich alleine treffen.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Du hast gut reden! Ich starre aus dem Bullauge und beobachte, wie sich die Nacht gewohnt regelmäßig erhellt.

Zwiegespräch mit meinem Leuchtturm

Wenn der Horizont schwarz das Meer berührt,

wenn der Himmel sich nicht mehr von der See trennen lässt,

wenn nur das Licht des Mondes, der Sterne und von dir eine Orientierung möglich machen.

Wenn es still wird am Strand,

wenn sich die sonst so lauten Möwen zurückziehen,

wenn die Wogen zu leisen Wellen werden,

wenn man nichts mehr hört. außer vielleicht einem Boot in weiter Ferne

Dann ist es Nacht,

Zeit für Zweisamkeit

und Zwiegespräch.

Ohne Worte,

nur durch Zeichen,

mit meinen Mitteln,

und deinen Möglichkeiten

lotsen wir uns beide

durch die Dunkelheit.

So langsam zeigen Tote Tanten, Aufregungen und Grogs ihre Wirkung. Ich werde bei aller Gedankenachterbahn furchtbar müde und entscheide mich, die Entscheidung, die ja eigentlich gar keine mehr ist, auf den sich langsam nähernden Morgen zu vertagen, so ich ihn nicht verschlafe. Vorsichtig schäle ich meinen Astralkörper aus den Umklammerungen von Decke und Pfoten und lass mich in meine Koje fallen. Gute Nacht alle zusammen. Schlaft schön weiter, träumt was Schönes, ich hab euch lieb. Noch bevor ich die guten Wünsche gänzlich an Hund, Katze, Turm überbracht habe, bin ich auch schon im Traumland.

Immer wieder wache ich auf und schlafe gleich wieder ein. Der Rest der Nacht ist so klein und die Unruhe groß. Irgendwann merke ich wie Dune zu mir kommt, sich neben mich vor die Koje setzt und ihren Kopf auf der Matratze ablegt. Müde tätschele ich ihr zwischen den Ohren, drehe mich um und versuche gleich weiter zu schlafen. Und dann überfällt er mich wohl doch, der kleine Mann mit dem dicken Sandsack. Er streut mir alles in die Augen, was ich für einen tiefen Schlaf brauche und ich lasse mich fallen in die schwarze Umarmung der Nacht.





Was Max betrifft

23 10 2009

Was Max betrifft, vertraue ich mir schon lange. Ich verstehe ihn nicht immer. Dich habe ich auch nicht immer verstehen können. Aber ihn versuche ich zu verstehen und gebe nicht auf, so wie ich auch bei dir nie aufgegeben habe. Ich horche auf mein Herz und es sagt mir immer wieder, dass Max einer der wirklich guten Menschen in meinem Leben ist. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, und folge ihm noch immer. Das zeigt sich darin, dass ich in Max vertraue. Dass ich mich auf ihn einlassen kann. Sicher nicht in so weit, wie ich es mich auf dich habe können. Aber ich lasse mich schon auf sehr viel ein und stelle immer wieder fest, wie nah er mir ist und wie sehr dieses Vertrauen belohnt wird. Ob alles wirklich gut wird, weiß ich nicht. Das kann ich noch nicht ermessen. Ich wünsche es mir. Ich wünsche es dir. Ich wünsche es Max und ich wünsche, dass das alles, was gut wird, hier gut wird. Hier am Strand, hier am Fuße des Leuchtturms, der mein neues Zuhause ist und vielleicht schon viel mehr Zuhause ist, als es je ein anderer Ort war.

Seit sicher mehr als einer Stunde sitzen wir nun schon im Pfahlbau, um diesen prächtig geschnitzten kleinen Tisch, mit Kerze und mit heißer Schokolade vor uns. Ich nuckele nervös an meiner vierten Zigarette seit Ankunft und Max sitzt in einem wunderschönen riesigen Ohrensessel und raucht seine Pfeife. Ein seltener Anblick, und eigentlich hatte ich schon vermutet, er hätte das Rauchen aufgehört. Max erzählt mir vom Entstehen des Pfahlbaus. Und mit jedem seiner Worte wird mir bewusster und klarer, wie viel Liebe hier verbaut ist. Wie viele Gefühle er in diese Unterkunft hat einschnitzen lassen. Trotz aller Schlichtheit, strahlt jede kleinste Holzlatte im Detail soviel Stärke, Trotz, Sehnsucht und Liebe aus. Während Max erzählt, lasse ich meinen Blick ganz genau durch jede Ecke des Raumes gleiten und ich bin mir sicher, er hat dieses Haus auch gebaut, um seinen Sohn ein Stück näher zu sein. Um das zu leben, was er nie leben durfte, diese Liebe zu seinem Kind, die Liebe, die er von einem Tag auf den anderen hat nicht mehr zeigen können und dürfen. Und ich wünsche meinem Max von ganzem Herzen, dass er seinem Jungen hier so nah sein kann, wie ich es im Turm dir bin.

„Und? Überraschung gelungen?“ Mit dieser an mich gerichteten Frage beendet Max seine Erzählung und ich erschrecke fast ein bisschen, bei der persönlichen Ansprache. Ich fühle mich ein bisschen ertappt und stottere etwas von „mehr als das“ vor mich hin. Max kommt auf mich zu, geht vor mir in die Hocke, nimmt meine Hände in seine großen Sandburgenbauerhände und fragt mich, ob ich an dich denke.

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es nicht, sonst würde ich nicht fragen. Ich kann es mir nur denken. Deine Augen. Dein Blick. Dieser sehnsüchtige Ausdruck in deinem Gesicht. So schaust du immer aus, wenn du an ihn denkst.“

Meine Hände kuscheln sich ganz eng in Max Hände ein und ich antworte ihm, dass ich gar nicht so genau sagen kann, woran ich gerade alles denke. Sicher auch an dich. Aber eben auch an viele andere Sachen. Dass ich versuche mir ein paar Fragen zu beantworten. Und dass ich mich unglaublich wohl fühle in seinem neuen Domizil. Max lächelt, zieht mich zu sich heran und sagt: „Tja kleine Freundin, so hat jetzt jeder von uns seinen Zufluchtsort am wohl schönsten Platz der Erde. Am Meer.“

Das Bett, das in dem scheinbar einzigen Raum des Pfahlbau steht, ist ein gusseisernes Monster mit nicht weniger detailreichen Verzierungen, wie der ganze Bau als solcher. Es ist nicht breiter als ein normales Bett, dafür länger, was mich nicht verwundert bei Max Größe. Höher ist es auch, wahrscheinlich damit der „alte Mann“ sich nicht so weit hinunter bücken muss zum Einsteigen. Am Kopfende der Schlafstätte steht ein kleiner Tisch mit wundervoll gedrechseltem Tischbein. Ähnlich einem Bistrotisch, nur nicht so hoch und oben auf liegt eine Holzplatte mit Intarsien verziert. Da ich von hier aus nicht erkennen kann, was für ein Motiv die Tischplatte ziert, löse ich mich aus der wohligen Händeumklammerung, gebe Max einen Kuss auf die Nase, die gerade so praktisch vor meinem Mund ist, und drücke mich an ihm vorbei um aufzustehen. Ich gehe zum Bett und setz mich auf dessen Kante und betrachte den Tisch. Ich kann es echt nicht fassen, wie schön diese Arbeit ist. Ein Leuchtturm, der auf einem Felsen aus dem peitschenden Meer hinausragt. „Hat den Tisch auch dein Freund gemacht?“, frage ich Max. „Nein, das ist so was wie ein Erbstück. Als mein Sohn noch recht klein war, war ich mit ihm zusammen auf einem Flohmarkt. Wir liebten Floh- und Trödelmärkte und der Kleine war immer super stolz, wenn sein großer starker Vater tolle Spielsachen für ihn erhandelt und erfeilscht hat. Wenn Sohnemann nicht mehr laufen mochte, trug ich ihn auf meinen Schultern umher, und diesem Umstand verdanke ich diesen Tisch. Eigentlich war ich gerade dabei ein olles Teeservice zu begutachten, als mein Sohn von oben schrie „Papsi, Papsi, Leuchtsturm, Tisch mit Leuchtsturm, Papsi!“ Als erstes wollte ich mich schlapp lachen über den Ausdruck Leuchtsturm und als ich mir dann dieses Tischchen ansah, habe ich mich so in ihn verliebt, dass ich fast vergessen hätte, um ihn zu feilschen. Ich glaube, ich hätte jeden Preis für ihn bezahlt, was der Verkäufer aber Gott sei Dank nicht bemerkte. Der Tisch kostete mich immer noch ein kleines Vermögen, aber er war jeden einzelnen des guten alten Pfennigs wert.

Beim Wort LeuchtSturm überkommt mich zum x-ten Mal an diesem Tag dieser wohliger Gänsehautschauer. Leuchtsturm. Leuchtstürmischer Glückstag. Und da ist es wieder. Dieses Gefühl der Nähe, die ich noch immer nicht ganz verstehen, aber dafür umso deutlicher spüren kann. Dieses Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, wie ich es eigentlich nur von dir und dem Turm kenne.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und noch etwas fällt mir an diesem Tisch auf. Oder besser gesagt, es fällt mir jetzt erst richtig auf diesem Tisch auf. Neben einem Uralt-Wecker der Marke, „Steh auf oder ich bimmel dich zum Hörsturz“, steht ein ganz abgegrabbelter grauer Elefant mit Knopf im Ohr. Die Flusen um den Knopf deuten darauf hin, dass er mal recht plüschig gewesen sein muss und bei genauer Betrachtung fällt mir weiter auf, dass der kleine Kuscheldickhäuter aus der gleichen Reihe sein muss, wie ich den Fanti von dir habe. Ich frage Max, ob ich ihn mal genauer anschauen darf und nachdem er mit einem kurzen „Ja klar“ antwortete, schiebt er noch ein „Der ist von meinem Jungen übriggeblieben“ hinterher. Meine anhaltende Gänsehaut erhebt sich um ein oder zwei weitere Millimillimillimillimeter, kaum wahrnehm- aber spürbar.

„Ich glaube“, flüstere ich Max zu, indem ich den Elefanten wieder an seinen Platz auf den Tisch zurückstelle, „ich glaube, ich hätte deinen Sohn verdammt gern gehabt.“

„Ja“ entgegnet Max, „ich bin mir schon seit einiger Zeit sicher, dass ihr euch richtig gut verstanden hättet.“ Und ich kann sehen, wie sich mein Sandburgenbauer ein paar Tränen hilflos aus dem Gesicht wischt.

Zwei heiße Schokoladen und drei Tote Tanten später packt uns das schlechte Gewissen, weil wir die Tiere jetzt schon so lange alleine gelassen haben. Gemeinsam räumen wir schnell auf und zusammen, und machen uns auf den Weg zurück in den Leuchtturm, wo sicher schon zwei hungrige Mäuler auf uns warten. Mäulchen Nummer Drei sitzt, beziehungsweise liegt ja direkt an der Quelle und Dunes Milchbar macht nicht den Eindruck, als würde sie von jetzt auf gleich versiegen. Beim Abschließen des Pfahlbaus zeigt mir Max, wo er den Schlüssel versteckt, und lädt mich ein, immer sein Gast zu sein, wenn mir danach sei. Auch wenn er nicht da wäre, könnte ich jeder Zeit in seinem Heim Unterschlupf finden. Da ist es wieder. Flashback. Rückblick. Das kenne ich doch. Kenne ich das? Nein, nicht so, und doch irgendwie.

Hand in Hand spazieren wir schweigsam, und dank der Toten Tanten nicht mehr in ganz gerader Linie zurück nach Hause. Ich bin komplett überwältigt und beeindruckt von den Ereignissen, Geschehnissen und all dem, was ich erfahren habe, an diesem Tag. Was mich aber auch über diesen letzten Spaziergang für heute noch weiterführend beschäftigen wird, sind diese vielen kleinen und großen Parallelen zwischen Max und dir oder besser gesagt, zwischen Max, seinem Jungen und dir. Ich bringe es alles noch nicht zusammen und mir stellen sich beinahe minütlich immer mehr Fragen, auf die ich Antworten finden möchte. Aber eines ist für mich klar. Es gibt Zufälle, die sind zu zufällig, um Zufälle zu sein. Und ich habe davon abgesehen auch noch nie wirklich an Zufälle geglaubt – so wie du auch, bin ich der Meinung, dass alles, was einem im Leben passiert, irgendwie vorbestimmt ist. Über das von wem es vorbestimmt ist, darüber scheiden sich Geister, aber es geschieht nichts einfach nur so – und solche Parallelen müssen einen Ursprung haben, und ich bin mir fast sicher, dass es durchaus Parallelen gibt, die sich irgendwann doch berühren oder berührt haben in ihrer Entwicklung. Mit einem Mathematiker würde ich mich auf solch eine Diskussion nie einlassen, aber vielleicht bekomme ich ja eines Tages mal Max dazu, das mit mir auszudiskutieren.

„Du, Kleines?“ Max unterbricht die Stille des Spaziergangs. „Darf ich dich was fragen?“

„Sicher, weißt du doch Großer!“

„Eigentlich ist es eher eine Bitte, oder ein Wunsch. Ach, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Meinst du, du könntest mir irgendwann mal mehr über ihn erzählen? Wie ihr euch genau kennen gelernt habt. Was ihn so für dich ausgezeichnet hat und ja auch heute noch auszeichnet? Bitte halte mich jetzt nicht für super neugierig oder so. Mich interessiert es wirklich, wie er war, wie der Mensch beschaffen ist, der deiner bedingungslosen Liebe und Zuneigung, über seinen Tod hinaus, so würdig ist.“

Einen Moment lang, muss ich nachdenken, bevor ich darauf antworten kann. Ich überlege, ob ich jemals zuvor von dir so gesprochen habe, so ausführlich, wie es sich Max wünscht. Ich frage mich, ob ich das eigentlich will, und wenn nicht, warum nicht.

„Machen wir einen Deal?“ entgegne ich Max, der mich unaufhörlich anschaut und sichtlich auf eine hoffentlich positive Antwort wartet. „Ich erzähle dir von ihm, und du mir von deinem Sohn.“

Im Schatten meines Leuchtturms findet Max seine Stimme wieder. „Okay, einverstanden – aber du fängst an. Nicht heute. Vielleicht Morgen. Kann ich dich jetzt alleine lassen? Ich mag noch ein bisschen spazieren und nachdenken.“

„Ja sicher großer Sandmeister. Dann wünsche ich dir einen schönen Abend und eine noch schönere Nacht. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Wir lassen die Geschichten einfach auf uns zu kommen. Ich hab dich lieb Max.“

Als ich die letzten Worte über meine Lippen kommen höre, gebe ich ihm noch rasch einen Kuss und verschwinde in den sicheren Mauern meines Zuhauses. „Ich dich auch, Kleines!“ Höre ich noch gerade so, bevor ich die Türe schließe und das Sein meines Max, dem Resttag vertrauensvoll in die Hände lege.

Je weniger, desto mehr,

je kleiner, desto größer,

je offener,desto verdeckter.

Je weniger von ihm sichtbar ist, desto mehr bekomme ich Angst.

Je kleiner er wird, desto größer wird die Furcht.

Je verdeckter er sich zeigt,desto offener zeigt sich die Angst in mir.

Lange ist es her. Undenkbar lange?

Nein, nicht undenkbar, denke ich doch jeden Tag daran,

was damals geschah, als du mich fandest.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Nein, sie ist in der Lage viele Wunden zu heilen, aber diese nicht.

Diese Wunde ist nicht zum Vernarben gemacht.

Diese Erinnerung ist nicht zum Verblassen gemacht.

Dieser Schmerz ist nicht zum Vergehen gemacht.

Dieses Theater ist nicht für einen letzten Vorhang gemacht.

Wenn Wunden nicht vernarben,

Erinnerungen nicht verblassen,

Schmerzen nicht vergehen und

der letzte Vorhang dieses Theaters nicht fallen mag,

wie wenig bleibt denn dann?

Die Liebe.

Je weniger – Desto mehr?

Also doch!






Zurück im Turm

21 10 2009

Zurück im Turm werden wir von einer schwanzwedelnden Dune und einer maunzenden Fee auf dem oberen Treppenabsatz begrüßt. Lange werde ich die Hündin sicher nicht mehr oben halten können, auch wenn ich gerne sehen würde, dass sie ihren Vorderlauf noch ein wenig schont. Kaum gedacht, humpelt sie uns auch schon die ersten Stufen entgegen und ich gebe richtig Gas, damit ich sie möglichst früh und noch weit oben abfangen kann. Einsam und verlassen, pennt im Korb unter dem Wollpulli Kleine Düne den gerechten Schlaf der sich im Wachstum befindlichen Hundebabies. Ausnahmsweise ist ihm das Entschwinden seiner Mama nicht aufgefallen.

Oben angekommen, mache ich uns eine heiße Schokolade, die wir jetzt auch beide gut gebrauchen können. Ich frage dich, ob du mit Schuss magst und du sagt  “Ja klar!”, was mich darauf schließen lässt, dass du mich gleich nach meiner Couch befragen wirst. Leider muss die Tote Tante auf ihr Häubchen verzichten, da ich keine Sahne mehr im Turm hab. Ich muss dringend wieder einkaufen. Max fragt mich zwischen Kakaoerhitzung und der Suche nach Rum, was von seiner Idee halte, mit ihm Weihnachten zu verbringen?

„Ich habe gerade beschlossen, nicht nach Hause zu fliegen, also ins Rheinland, wegen Dune, Kleine Düne und Fee. Offiziell. Natürlich kommt mir diese Ausrede sehr recht, weil ich keine Lust auf dieses Weihnachtsgesülze habe. Mein Mütterchen wird traurig sein, aber sie wird’s verstehen, so oder so. Die anderen werden wahnsinnig rummuffeln, weil das doch der Fest der Liebe und ein Familiefest und blablabla. Aber da müssen sie eben durch. Auf Einzelschicksale kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, verstehst du Max? Ich möchte hier sein, hier im Turm, bei den 11 Pfoten, am Strand, am Wasser, bei ihm, ja und auch bei dir. Und wenn du, wie du sagst, keine gefüllte Gans mit Rotkohl und Klößen erwartest, sondern wie wir hier mit Bockwurst und Kartoffelsalat glücklich sein kannst, dann fühl dich bitte ganz, ganz herzlich eingeladen.“ Max strahlt über das ganze Gesicht und amüsiert sich köstlich über „rummuffeln“ und meine hektischen Flecken im Gesicht. Die bekomme ich immer, wenn ich aufgeregt bin oder von etwas hektisch erzähle, weil ich das mit dem Spannungsbogen nie so hinbekomme und doch schnell zum Ende kommen mag, aber es auch nicht einfach so auf den Tisch rotzen will.

„Also wenn du mich ollen Schäufelchenschieber und Eimerchenheber wirklich dabei haben magst. Ich komme sehr, sehr gerne!“

„Habe ich dir schon gedankt Max?“

„Lass mich überlegen, Kleines. Für die Sache mit Dune ja. Für meine Unterstützung, ja. Dafür, das ich für dich da bin, ja. Dafür, dass ich auch Kleine Düne gerettet hab, was ich ja gar nicht hab, sondern Jacques, dafür auch. Für den tollen Strandspaziergang, ja. Wofür noch?“

„Menno, du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf. So wie…, egal. Danke, für dein Vertrauen, dafür wollte ich dir danken.

Strahlend – Schön – Stark

Schön Strahlend

Strahlend Stark

Stark Strahlend

Strahlend Schön

Schön Stark

Strahlend Schöne Stärke

Danke, dass du mir das hast heute zuteil werden lassen

„Ach, du findest mich also schön!“, antwortet Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens grinsend und mit einem sehr schnippischen Ausdruck in der Stimme.“

„Ich finde dich stark!“

„Einigen wir uns auf schön stark?“

Wir lachen beide.

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, und sich der Sandmann die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hat, wird er wieder sehr nachdenklich.

„Für wen hast du dir das ausgedacht?“

„Ich zeige nach oben und antworte mit einem kurzen „für ihn“.

Max verfolgt meinen Zeigefinger und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann schaut er mich wieder mit ernster Mine an und hakt nach: „Für ihn oder für ihn?“

„Such’ dir es aus, es passt auf euch alle Drei.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

„Ja klar, du weißt doch, du darfst alles fragen.“

„Hast du ihm vieler solcher Sachen geschrieben, gedichtet oder zugedacht? Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll.“

„Eine ganze Kiste voll. Aber viel wichtiger ist: ein ganzes Herz voll. Und das konnte ihm und kann mir auch niemand nehmen.“

Ich weiß nicht, ob es die Nachwirkungen von meinem „Gedicht“ und meiner Danksagung sind, oder ob ihn unser kurzes Gespräch so grüblerisch macht. Max packt seine sieben Sachen und bläst zum Aufbruch. „Du willst jetzt noch fahren? Du hast getrunken! Du weißt, dass du hier immer eine Schlafstätte hast?“

„Kein Problem, ich hab’s doch nicht weit!“

„Naja, nicht weit ist da wohl Definitionssache oder liegt in diesem Fall im von der Toten Tante getrübten Auge des Betrachters.“

„Sorge dich nicht Kleines. Mir passiert nichts. RazzFazz bin ich im Bett. Und Morgen schau ich wieder vorbei und dann gehen wir noch mal ne Runde, vielleicht ja mit Dune?“

Mein alter Meister der Sandskulpturen macht einen sehr aufgeräumten Eindruck und scheint genau zu wissen, was er will, beziehungsweise was er sich zumuten kann. Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu geschafft, um da jetzt so ganz genau nach zu bohren. Obwohl dieses Gefühl da ist, dass ich es besser tun sollte.

„Du gehst noch raus?“

„Jepp, kurz um den Block.“

„Ist alles okay mit dir?“

„Ja Kleines, mach dir keine Sorgen, ich brauch nur ein bisschen Luft rein und Welt raus.“

„Hmm, bist du sicher? Magst du, dass ich mitkomme?“

„Nee, lass mal. Du weißt, dass ich dich nicht dabei haben möchte und mich meiner bösen Welt alleine stellen muss. Ich bin doch schon groß! Mir passiert nichts und du wirst sehen, ich bin schneller zurück als du einschlafen kannst und dann RazzFazz bei dir im Bett. Und morgen Früh, morgen Früh gehen wir beide fett Brunchen. Einverstanden?“

Dieses Gefühl macht mir eine eigenartige Gänsehaut. Eigentlich könnte ich sie schon meine zweite Haut nennen, so oft, wie sie sich mir überstülpt. Das ist wieder so eine Szene, wo ich versuche Eins und Eins zusammen zu zählen und Drei herausbekomme. Aber wieso kommt bei mir immer Drei heraus, wo jede Logik doch beweist, das Ergebnis ist Zwei? Ich erinnere mich an meine Gedanken der Reinkarnation und in den letzten Tagen häufen sich diese Überlegungen. Es kann nicht sein. Max ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und soviel älter als du. Wer immer dafür verantwortlich ist, schickt nicht einen alten, weisen Mann anstelle eines jungen, weisen Junkies. Mein Bruder würde mir jetzt an Hand des Buddhismus erklären, wie das ist, mit dem Karma und so. Er hat’s mir schon tausendmal erklärt. Ich krieg es trotzdem nicht überein. Ich falle von einem Déjà-Vu ins nächste und erlebe Vergangenes mit dir ein zweites Mal, im Jetzt, im Hier. Vielleicht doch gespaltene Persönlichkeit? Oder schizophren? Oder einfach nicht mehr ganz auf der Höhe? Vielleicht Realitätsverlust durch zu hohes Maß an Strandluft?

Meine Gedanken lassen sich nicht zu Ende denken. Erstens befinden sie sich in einer Endlosschleife und zweitens steht Max derweil fertig angezogen vor mir und wünscht sich zu verabschieden. „MannoMann, du wirfst ganz schöne Schatten Großer!“

„Tja Kleines, das passiert, wenn man schön stark ist!“

Wir müssen wieder beide lachen, was Dune weckt, die sich artig von ihrem Freund verabschieden kommt.

„Ach Süße, ich wäre doch zu dir an den Korb gekommen. Ich muss mich doch auch noch von deinem Zwerg und der hübschen Fee verabschieden.“, flüstert er und tätschelt Dune vorsichtig den Kopf. Dann geht er zum Korb, gibt den ultimativen Abschiedsstreichler an die beiden pennenden Babies und kommt zu mir zurück. Gerade als ich mich auf die erste Stufe der Treppe begeben will, hebt er mich in die Höhe, drückt mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Schön, dass es dich gibt. Ich freu mich auf Morgen, Kleines. Danke für alles! Ich find den Weg schon raus.“

Als Max im unteren Drittel der Treppe ist, rufe ich ihm noch nach, was denn nun mit der Überraschung sei. Er lacht. Er lacht auf seine unverwechselbare laute Art und Weise, beschimpft mich im Scherz als neugierigste Leuchtturmwärterin der Welt und geht. Noch bevor ich irgendetwas sagen kann, ist der Herr zur Tür hinaus, setzt sich in seinen ollen R4 und macht sich vom Acker, oder besser gesagt vom Strand.

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin zu großen Teilen gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Bettdecke hinweg in ein dunkles Braun blickte. Jeder Versuch mich mit einzelnen Körperteilen zu bewegen, sei’s Arme oder Beine, schlägt fehl und selbst die rechte Schulter mag mir einfach nicht mehr gehorchen. Ganz vorsichtig versuche ich meinen Kopf zu heben und bemerke dabei, dass Fee auf meiner Schulter liegt. Kein Schwergewicht, aber sie muss schon eine Ewigkeit hier liegen, sagt mir mein Knochengerüst. Der Länge nach auf mir liegt Dune. Als sie bemerkt, dass ich von den Toten auferstanden bin, geht ihre Rute und klopft freudig die Bettdecke aus. Kleine Düne hat sie mir genau auf die Brust gelegt. So konnte ihr Kind an ihrem Kopf und am Busen der Natur kuscheln und schlummern. Es freut mich ja über alle Maßen, dass Dune mir so sehr vertraut und meine Nähe nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Fellnasen sucht, aber muss das unbedingt zur nachtschlafenden Zeit in meiner Koje sein? Ist denn der Korb nicht groß und kuschelig genug? Wohl nicht. Hallo Schwester!!! Katheter bitte!!! Ich muss mal!

Dune bemerkt meine wachsende Unruhe und schafft als Erstes den Nachwuchs ins sichere Korbgeflecht. Na endlich, ich dachte schon, Max müsse über das Fenster einsteigen, weil ich ihm nicht öffnen darf. Der Zustand der Belagerung hat ein Ende und ich brauche ein paar Minuten länger, um meine einzelnen Knochen, und ich schwöre, heute spüre ich selbst die Klitzekleinsten, zu sortieren. Fee, ebenfalls durch das Geschunkel und Geruckel geweckt, maunzt mir volle Lotte ins Ohr, um sich dann, knapp hinter mir auf dem Kopfkissen wieder zum Schlaf der kleinen Tigerchen zusammen zu rollen. Eigentlich sollte ich das auch tun. Ich bin glücklich. Alle meine Haustiere sind wieder da. Sie fühlen sich wohl. Sie erholen sich prächtig. Und nach dem Stress der letzten Tage, könnte ich ruhig auch mal ausschlafen. Wenn ich nicht schon wach und knochentechnisch sortiert wäre. Also junge Frau, carpe diem, nachdem das mit der Noctem schon nicht geklappt hat. Außerdem magst du Max sicher nicht in Unterhose und Schlabbershirt die Türe öffnen.

Der Tag ist schon da, steht in voller Pracht rund um den Leuchtturm und versucht mich neugierig zu machen auf die Welt. Vorsichtig öffne ich das turmeigene Bullauge und werde fühlbar überrascht. Ganz schön mild, trotz Wind, der behäbig von der See zu uns hinüber weht. So kommt nach dem ganzen Regen mal wieder ein bisschen Frischluft unter das Leuchtfeuer und mit einem undefinierbaren Gesumme, beginne ich den Tag. Raubtierfütterung, Eigenwellness, Kaffee, Kippe, alles was frau so braucht. Hier was gekruscht, dort was geräumt, an jener Stelle ein bisschen gewischt und an allen Ecken immer mal wieder ein vorbeihuschendes Fell gekrault. Dune verfolgt jeden meiner Schritte und schaut sehnsüchtig zur Treppe. Ich versuche sie auf später zu vertrösten, und während ich mir zwischendurch meine Durchhalteparolen abkaufe, sieht sie nicht wirklich überzeugt aus.

„Hallo Verenaschatz. Werde Weihnachten hier im Turm bleiben, mit Max und dem lieben Vieh. Unseren SMS ist es ja egal in welche Teile der Welt sie verschickt werden. Muss nur noch daheim beichten. Hab gedacht fange bei dir an, weil ich weiß du verstehst mich. HDGDL die, die im Leuchtturm wohnt.“

294 Zeichen – wahrscheinlich bimmelt der Kurzmitteilungsquengelton sie gerade bei der Arbeit an – und das nicht nur einmal. Aber sie wird sich freuen. Über die SMS und für mich.

„Nein Mama, mir geht’s wirklich gut. Ja Mütterchen, ich hab auch alles. Und was gibt’s Neu… Nein?! Sag bloß. Das ist ja mal ne gute Nachricht. Hmm, hmm, hmmm, ja. Nee, nich’ wirklich. Was ich dir noch sagen woll… Ja?? Nein, das ist ja süß. Uih, bestell ihr mal ganz liebe Grüße von mir. Du Mama, wegen Weihnachten. Ach, du bist bei Westermanns. Heilig Abend. Hmm, ja das ist doch schön. Ich? Nee, das versuche ich dir ja die ganze Zeit… Ja genau, wegen dem Welpen und wegen Fee. Nein, kann ich nicht. Möchte ich auch nicht. Ja machen wir. Ich meld mich einfach vorher noch mal. Jepp. Ja mach ich. Oki. Du ich dich auch. Ganz doll. Kussi.“

Typisch Mütterchen. Aber sie scheint auch nicht wirklich mit meinem Erscheinen gerechnet zu haben. War ja schon mal einfacher als gedacht.

„Hallo Bruderbär, na alles im Lack? Jepp, jetzt ist alles wieder gut. Dune war weg, hatte nen Unfall. Nee, alles okay. Sie ist noch ein bisschen wackelig auf den Pfoten aber sonst alles im grünen Bereich. Ob ich Weihnachten komme? Weißt du, ich dachte eigentlich… Achso, mit dem Frauchen in die Sonne. Ja dann passt das doch. Quatsch, aus dem Alter sind wir doch wohl beide raus. Nein, ach du bist doch doof. Ich bin eh viel lieber hier. Und wenn ihr sowieso nicht da seid, brauch ich mir auch keinen Kopf machen. Ja hätte doch sein können, dass ihr nach einem weiteren Jahr eurer Zweisamkeit, die Liebe fürs Fest wiederentdeckt. Genau, die ganze Sippe um einen Tisch und nach dem feisten Essen den Messerblock fürs Verwandtschaftsschlachten umgehen lassen. Hööör auf jetzt, ich mach mir gleich in die Hosen vor Lachen. Jepp. Ich hab dich auch lieb. Und deine Süße natürlich auch. Gibst ihr nen dicken Kuss von mir? Aber Karte schreiben ist klar, oder? Jo mach ich. Einen extra dicken Knochen. Und Fee kriegt ne ganze Tüte Maltkisses von euch. Gut. Hmm. Jepp. Du auch Bruderherz. Fühl dich gedrückt. Hab dich lieieie-hieb!“

Na super, stell dir vor, du möchtest zum Fest nicht nach Hause, und jedem ist es Recht. Einfacher kann’s wirklich nicht laufen.

Und der Rest kriegt Weihnachtspost von mir. Ein bisschen früher. Früh genug für mich zum Absagen und zu spät für die Anderen, um was daran ändern zu können. Guter Plan, Frau Leuchtturmwärterin. Guter Plan.

Tagesglück

Neuer Tag, neues Glück?

täglich,

glücklich?

Einfach ein neuer Tag,

einfach neue Hoffnung

auf einfach ein bisschen Glück.

Und bis jetzt, ist das Glück mir hold.





Nachteilig an den Selbstgesprächen ist,

16 10 2009

Nachteilig an den Selbstgesprächen ist, dass ich mir auf die Fragen, die ich mir stelle, nur in den seltensten Fällen auch befriedigende Antworten erhalte. Selbst Fee, die sich mal wieder aus meinem Brusttaxi mit dem Köpfchen herauswagt, schnurrt nicht, maunzt nicht, sagt nix, staunt nur.

(c) Kurt Detlev Schulz

Mit ganz vorsichtigen Schritten gehe ich auf das Stelzenhaus zu, wahrscheinlich mit der Angst im Nacken, dass es gleich einen riesigen Knall tut, und sich das Ding vor meinen Augen wieder in Wohlgefallen auflöst. Aber es knallt nicht, auch löst es sich nicht auf, sondern wird, je näher ich komme, immer imposanter und schöner. Das hat kein stinknormaler Architekt hier her gebaut, das war ein Künstler. Wundervolle Ornamente im Holz lassen auf ein hohes Maß an Kreativität schließen. Und auch die Figuren am Dach, ähnlich den steinernen Gargoyles an Schlössern und Burgen beeindrucken mich zu tiefst. Bei aller Begeisterung und Bewunderung, habe ich aber immer noch keine Antwort auf meine Fragen – außer vielleicht auf die, ob ich spinne, denn dieses Haus steht tatsächlich hier rum, und ich davor.

Mit Abstand gehöre ich zu den unmutigsten Menschen dieser Welt. Andernfalls wäre ich dir sicher schon gefolgt. Aber ich bin auch einer der Menschen, die ständig Opfer ihrer nicht selten maßlosen Neugierde werden. Und auch wenn ich sehr unbeteiligt tun kann, so kocht in mir doch immer der große Drang, Dingen auf den Grund zu gehen. Gut, hier steht das Ding auf Pfählen und nicht wirklich plan auf Grund. Ich will mehr wissen. Ich will wissen, was sich hinter dieser ausgeklügelten Schnellbauweise verbirgt und ganz sicher will ich wissen, wer es wagt, hier in „meiner“ Bucht, solch einen Kawenzmann von Holzbau hinzusetzen. Ich schubbse Fee zurück an meine Brust und schließe vorsichtshalber die Knöpfe der Fleecejacke. Mit bedachten Schritten erklimme ich die Holzstiege, die, durch Regen und Wetter schon sehr glitschig ist.

Gedankenpfahlbau

Gefühlsstreben

kreuz und quer

stark wirkend

aus dem Sand ragend

vom Gedankenmeer umspült

Auf der Terrasse des Pfahlbaus steht eine kleine, schmucke, blaue Holzbank, auf die ich mich setze. Den Rucksack nehme ich ab und auch Fee bekommt ihre Freiheit wieder. Ich pflücke sie aus dem Brusttuch und setze sie mir auf die Schulter. Auf den Schrecken brauche ich erstmal einen Kaffee und eine Zigarette. Ich muss nachdenken.

Einmal stehe ich noch auf und versuche in die kleinen Hexenhausfensterchen zu schauen, die aber, durch kleine Gardinen verhängt, keinen weiteren Einblick in den Bau möglich machen.

Gedankenverloren starre ich in die Bucht, beobachte das immer noch sehr unruhige Wasserspiel des Meeres und stelle mir weitere tausend Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Ohne Uhr, ist eine Zeitmessung schon ziemlich schwierig. Paart man diesen faktischen Zustand mit meiner Angst um Dune, dem Erstaunen über diesen Pfahlbau, die Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, dem Glück die Delfine gesehen zu haben und der Tatsache, die niedlichste Katze der Welt auf den Schultern sitzen zu haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie lange ich hier schon sitze. Du würdest jetzt die Prüfung mittels Sonnenstand vorschlagen. Wobei ich leider nicht weiß, wo die Sonne stand, als wir her kamen, geschweige denn, ob sie überhaupt schon stand oder sich noch durch die Wolkendecke boxte, die zwar zwischenzeitlich dünner und löchriger wurde, aber eben immer noch den Großteil in dunkles Grauschwarz taucht. Nicht eine Fußspur ist, von meiner abgesehen, im dunkelweißen Sand auszumachen. Wie kann jemand ein solches Haus hier hinbauen, ohne Spuren zu hinterlassen? Gut, es war die letzten Nächte mehr als stürmisch, aber das so gar nichts zu sehen ist? Trauriger Weise kommt hinzu, dass ich nicht nur keine Fuß- oder Bauspuren sehen kann. Es gibt nicht einen Pfotenabdruck. Ich hatte so gehofft, hier in der Bucht eine Spur von meiner Dune zu finden. Eine Fährte und sei sie auch noch so klein. Doch bis auf meinen Trampelpfad hier her, gibt es keine Anhaltspunkte auf intelligentes Leben in der Bucht.

Bevor mein Krautsalat im Kopf übersäuert und ich in Weltenübel verfalle, gehe ich weiter. Zum Hafen ist es jetzt nicht mehr weit und dort werde ich irgendwo, irgendwie, mit irgendwem meine Datei auf der CD in gedruckte Plakate umwandeln. Die CD? Habe ich die CD eingesteckt? Hektisch drehe ich den Rucksack auf Links und verschütte dabei fast meinen Kaffee. Kaum zu fassen, dass ich noch über soviel Reaktionsvermögen verfüge und das verhindern konnte. Ich glaub es nicht. So dämlich kann selbst ich nicht sein. Ich hab sie nicht eingesteckt. Im Rucksack ist alles, Binden, Tampons, ein paar herumfliegende Cents, ein Döschen Schlabber für Fee, meine Geldbörse, eine asbachuralte Mahnung aus meinem asbachuralten Leben und das Buch „Strandgeflüster, die Spurensuche“, das ich immer noch nicht gelesen habe, aber schon so viele Eselsohren hat, als sei es mein absoluter Lieblingsschmöker. Nur keine CD, nicht mal ein leeres Jewel Case. Nix, nothing, nada. Es ist zum Heulen, was ich auch gleich tue.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

„Du siehst doch, was passiert, wenn ich mir vertraue“, brülle ich auf den Strand hinaus, und versetze damit Fee solch einen Schrecken, dass sie neben mich auf die Bank in meinen Rucksackinhalt springt.

„Dune ist fort, hier stehen komische Häuser in meinem StrandStaub und ich bin zu blöd an eine CD zu denken, die ich brauche, wenn ich Dune wiederfinden will. Verdammt noch mal! Tu was! Hilf mir doch bitte!!!“

Am Liebsten möchte ich jetzt mit einer Axt in diesen Pfahlbau hineinschlagen und ihn zu Milliarden kleinen Streichhölzern und Zahnstochern verarbeiten. Ich habe so eine unendliche Wut in mir. Jetzt muss ich nur den Dreh finden, diese Wut und Aggression in positive Energie umzuwandeln. Ich pfeffere mein Hab und Gut zurück in den Rucksack, reduziere mein Tempo und meine Kraft und verfrachte Fee zurück in das Brusttuch, schließe die Fleecejacke, packe noch den Ostfriesennerz in den Rucki und weiter geht’s. Dann muss ich halt jeden Menschen einzeln ansprechen, Dune beschreiben und fragen, ob sie gesehen wurde. Wie gut, dass ich auch ihr Bild in meinem Portemonnaie mitführe.

Immer noch wutschnaubend „laufe“ ich im Hafen auf. Am Kai noch quatsche ich die ersten Fischer und Matrosen an, die nur achselzuckend an mir vorbei gehen. In den Geschäften kennt niemand einen Hund, der so aussieht wie meiner und ein Streuner ist auch niemandem aufgefallen. Drei Stunden spreche ich mit allem was zu Dialogen fähig scheint, frage ich mir wildfremde Menschen Löcher in den Bauch und werde von einem Nein zum Nächsten ständig desillusionierter. Diese Suche kann schlicht und ergreifend als sinnfrei gewertet werden. So ein Quatsch aber auch, als würde sich Dune freiwillig in solche Menschenmassen begeben. Sie, die Strandhündin, die ewig brauchte, bis sie mit mir mal ein kleines Dörfchen zum Einkauf besucht hat und die lieber an der Promenade fünf Stunden auf mich wartet, als auch nur eine Pfote auf befahrenen Asphalt zu setzen. Meine Verzweiflung ist grenzenlos und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor es wieder Nacht ist. Dann habe ich einen ganzen Tag verloren. Nein, einen ganzen Tag minus einem Morgengrauen, denn das Stündchen mit Delphi und Finchen darf und kann ich nicht als Verloren betrachten. Soviel zum Glück des Tages. Es war das Glück einer Stunde und ihm folgte kein Weiteres. Ich stürze mich in die Hoffnung, dass Dune vielleicht am Turm ist, besser noch im Turm, denn den Balken habe ich dort liegen lassen. Ich wünsche mir so sehr, dass sie auf der Couch oder auch in meiner Koje liegt und auf mich wartet.

Die Laune der Rückkehr wird noch untermauert, durch wieder wechselndes Wetter. Es beginnt zu regnen. Aber was kann mir das schon noch. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden, oder doch?

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Glasklare Tropfen

aus grauen Wolken,

vom schwarzen Himmel.

Glasklare Tränen

aus blauen Augen,

ins schwarzblaue Meer

Regen

aus allen Richtungen,

in alle Richtungen.

Entsprechend der Geschwindigkeit des peitschenden Niederschlags, erhöhe ich die Schlagzahl meiner Schritte, was mir meine Knochen sehr verübeln. Im nassen schweren Regensand zu laufen, mit Gummistiefeln an den Füßen, ist für sie eine arge Strafe. Im Augenblick ist mir eigentlich so alles pummel. Ich bin am Ende. Am Ende meiner Kräfte. Am Ende meines Vertrauens. Ich höre mein Herz nicht mehr und mein Bauch fühlt sich nur leer und kalt an. Wenn es irgendwie so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann, dann…, oh bitte, bitte, bitte, lass Dune im Turm auf mich warten und mich vollkommen unverständig zusammen bellen, weil ich so lange fort war, ohne sie mit zu nehmen. Bitte, Bitte, Bitte.

Die letzten Meter bis zum Leuchtturm schaffe ich kaum noch. Soll ich rennen oder soll ich meiner Angst freien Lauf lassen? Nehme ich Anlauf oder gehe ich Schritt für Schritt auf die Enttäuschung zu? Taumele ich ins Glück oder wanke ich in einen intensiveren Zustand tiefster Traurigkeit?

Stürmisches Ich

Windstärke 7

Gefühlssturm Stärke 8

Gedankentornado Stärke 9

Sehnsucht Hoch 10





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.





Hier ist alles so anders und so schön.

11 08 2009

Hier ist alles so anders und so schön. Hier ist alles so wunderbunt, lustig und traurig gleicher Maßen. Hier ist alles so aufbauend, erhebend, beeindruckend. Hier erinnert alles so sehr und ich darf so vieles neu entdecken. Hier passiert so viel, auch wenn eigentlich nichts passiert. Hier vermittelt alles so viel Sicherheit und Geborgenheit. Dieser Ort war, ist und bleibt einzigartig und ich habe die Chance hier sein zu dürfen. Ich darf hier sein, diesen Ort entdecken, noch lieber gewinnen, mich fallen lassen. Hier bin ich – Hier darf ich sein. Vor allem aber bist du hier. Hier ist so unendlich viel du, so unglaublich viel von dir. Hier ist deine Seele, deine Seele ist das alles hier. Und wenn ich jemals etwas richtig machen kann, dann jetzt und hier, indem ich diese Möglichkeit beim Dünengras packe und bleibe.

Ich werde fliegen. Ich werde mir das Nötigste einpacken, Dune schnappen und losfliegen. Vorher mache ich noch bei Max Halt und vertraue ihm diesmal meine Hündin an. Ich bringe es nicht übers Herz sie schon wieder ständig in komische Transportkisten packen zu müssen. Tage danach ist sie dann wuschig und ungenießbar. Das brauche ich nicht und sie schon gar nicht. Wieder ein Abschied. Wieder ein kleiner Tod, aber ich verspreche, dass ich wieder kommen werde. Bald, gleich, sofort. Und dann flieg ich ins Rheinland, werde alles Notwendige veranlassen, ein kurzes Tschüss den Rhein entlang schmettern, dem allgemeinen „Hallo“ auf mein Erscheinen, ein Unverzügliches „Und wech!“ hinterher flüstern.

Es ist an der Zeit zu vertrauen, es ist für mich an der Zeit, auf mein Herz zu hören und meinem Bauchgefühl nach zu gehen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass es keinen Aufschub mehr duldet, dass ich es tun muss, weil ich es tun will, weil es getan werden soll, weil ich einfach hier her gehöre. Vielleicht nicht für immer. Vielleicht nicht für die Ewigkeit. Aber für eine Zeit lang. Eine Zeit voller Liebe, Erinnerungen, Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Abenteuer und Neuem.

Ich greife mir meinen Rattanköfferchen, der, so hoffe ich, diese eine Reise sicher noch überleben wird, und packe: Zahnbürste, Schminkzeugs, Kohle, Reisepass, Perso, Handy, zwei bis drei Unterhosen, T-Shirts, ein T-Shirt von dir, eine Hose zum Wechseln, Socken, ein Hemd und zwei Pullover. Basta, das muss reichen. Länger bleibe ich nicht. Den ganzen Verwaltungskram habe ich schon erledigt und ich hoffe, dass bei Mütterchen nicht irgendwelche üblen Überraschungen auf mich warten. Ich will einfach nur hin und wieder weg. Mütterchen wird weinen, Bekannte werden toben, Verena wird’s verstehen und einfach nur glücklich sein, wenn ich an das Ladekabel denke.

Nun ist Dunes Reisetasche dran: Tauknoten, Lieblingsleckerlis, mein T-Shirt, Plüschknochen, Tennisball, ein paar Dosen Futter. Dann werde ich Max ein paar Euro in die Hand drücken, damit er ihr einmal Tartar kaufen kann. Und schwupps bin ich schon wieder zurück. Max ist ein super Dogsitter, er kennt Dune fast so lange wie ich selbst und er hat sich mit seinen Tobe- und Raufspielchen kräftig in ihr Herz gespielt. Ich hoffe, dass sie mich vermissen wird, aber ich weiß auch, dass sie es unter diesen Umständen nirgends besser haben kann, als bei ihm. Das Packen ihrer Sachen macht Dune neugierig, und wie das bei Haustieren so ist, sie haben den siebten Sinn, ahnt sie wohl, dass irgendwas im Busch ist.

Die Aktion gestaltet sich mehr und mehr zum Hürdenlauf. Wo ich bin, ist auch Dune und alles, was in die Tasche kommt, muss ausgiebig beschnuffelt, für korrekt befunden und abgenickt, abgewufft werden. Sie wird mir den Abschied ganz schön schwer machen. Mir brennt jetzt schon das Herz, wenn ich überlege, dass ich die nächsten Tage ohne sie sein soll. Nur so macht es aber Sinn. Da muss der höchsteigene Egoismus, den durchaus auch schon mal an den Tag, beziehungsweise an den Abend legen kann, zurückstehen.

„Du, Kleines, können wir noch mal über heute früh reden? Du weißt schon, die Pinselaktion!“

„Du hast doch alles gesagt. Ich soll mich nicht sorgen, ich soll mich nicht aufregen, irgendwann wirst du halt gehen. Wenn du es für richtig hältst. Wenn du willst. Du, du, du. Ob ich das will, ob mir das passt, ob ich da ein Problem mit hab, juckt dich doch gar nicht. Also, was noch reden?“

„Das ist nicht fair und das weißt du. Hab ich nicht das Recht auf Egoismus? Du weißt von Anfang an, dass das, was wir haben, nicht für die Ewigkeit ist. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und dir gesagt, dass ich ohne großen Abschied gehen werde, wenn ich glaube, dass du alleine zurecht kommst. Das war gestern noch nicht der Fall. Das sehe ich heute auch noch nicht. Und Morgen denke ich, wird es auch noch nicht so weit sein. Aber wenn es soweit ist Kleines, dann bin ich fort. Ich werde dich immer mitnehmen. Ich werde dich überall hin mitnehmen. Wie heißt das in diesem kitschigen Film, den du so gerne siehst, „Ghost, Nachricht von Sowieso“? Die Liebe in sich, die nimmt man mit.“

„Du sagst du liebst mich und im gleichen Moment faselst du von deinem Abschied. Wo ist da der Sinn? Was ist das für eine Liebe, die so verletzt? Ich will das nicht hören. Ich will das nicht fühlen. Ich will das nicht!“

„Ich dachte, du hättest verstanden, dass es nicht darum geht, was du willst. Ich dachte immer du würdest mich verstehen.“

„Das tu ich.!

„Scheinbar nicht.“

„Doch, aber nur weil ich dich verstehe, heißt das nicht, dass ich mit dem konform gehen muss. Ich sehe es nicht ein. Ich sehe es einfach nicht ein. Ich will dich nicht verlieren. Jetzt nicht, Morgen nicht, nicht nächstes Jahr! Nie, Niemals! Verstehst du mich?“

„Du wirst mich nicht verlieren. Niemals! Du wirst mich loslassen müssen. Aber du wirst mich nie verlieren!“

„Das kann ich nicht, das werde ich nie können. Ich kann dich nicht loslassen. Ich werde dich nicht loslassen. Ich will dich nicht loslassen“

Ich habe dich verstanden. Ich habe dir geglaubt. Aber ich war zu blind um den Augenblick kommen zu sehen. Wahrscheinlich wollte ich ihn gar nicht sehen. Ich war so überzeugt davon, dass du alles unserer Freundschaft und dieser besonderen Form der Liebe unterordnest, dass ich das nicht auf dem Zettel hatte. Du hast diesen Leuchtturm entdeckt. Du hast ihn für uns gekauft. Du hast ihn mit mir und für mich hergerichtet. Wie konnte ich davon ausgehen, dass der Abschied so nah, dein Egoismus so groß ist?

Dune stuppst mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat ihre Stoffmaus im Maul und scheint darauf zu bestehen, dass sie auch in die Tasche gehört. Als hätte ich die vergessen, aber wir bleiben ja noch eine Nacht. Beim Stichwort Nacht fällt mir die Letzte wieder ein. Was macht eigentlich die Wunde? Heute ist soviel passiert und nicht passiert, dass ich ihr noch gar keinen weiteren Blick geschenkt habe. Ich beuge mich zu meiner Hündin hinab und hocke mich vor sie hin. Und wieder scheint sie genau zu wissen, was passiert. Artig legt sie ihren Kopf auf meine Knie, um mir den best möglichen Blick auf ihren Schmiss zu ermöglichen. Die Wunde sieht gut aus, so man das von einer Wunde sagen kann. Es scheint sich nichts entzündet zu haben und über den Tag konnte ich auch keine wesentlichen Ausfälle an ihr feststellen. Während ich sie umarme und wir ein paar Kuschelminuten einlegen, fahren meine Gedanken und Gefühle wieder Karussell.

Losgelassen

Mit betroffenen Mienen, hoben sie deinen Körper aus meinem Schoß.
Mit sanftem Griff, lösten sie meine Umarmung.
Beinahe zärtlich klangen ihre Worte: “Sie müssen ihn jetzt loslassen.”.

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Immer wieder sagten sie mir: “Du musst endlich loslassen”
Immer wieder hörte ich: “Lass los oder du wirst draufgehen”
Immer wieder therapieren sie mich: “die Kunst des Loslassens”

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Loslassen heißt nicht losgelassen
und darum

hält mein Herz fest
an dir
unserer Freundschaft
unserer Liebe.

Wie das Gras im Sand der Dünen.
Wie dein Leuchtturmlicht den Himmel.
Wie das Meer den Strand.

Ich löste die Umarmung.
Ich ließ deine Hand los.
Sie nahmen dich mit.
Ich habe dich losgelassen

Aber ich werde nie los lassen.

Abschied ist immer ein kleiner Tod. Ich packe unsere Sachen für einen sehr kurzen Abschied und ich fühle mich absolut zerrissen und innerlich zerfetzt. Keine Gefühlsbahn führt mehr in eine klare Richtung und in meinem Herzen und in meinem Kopf geht alles drunter und drüber. Das verstehe wer will. Bin ich so wenig überzeugt, von dem was ich vorhabe? Oder habe ich unterschwellig böse Ahnungen, die mir sagen wollen, dass es ganz anders kommt, als ich es mir vorstellen möchte? Natürlich habe ich Angst davor, dass in Deutschland alles ganz anders wird, nichts funktioniert und alle Vorbereitungen, die schon längst getroffen, für die Katz sind. Andererseits, wenn ich jetzt nicht loslasse und mein Leben lebe, sei es auch nur für das angedachte Jahr, dann werde ich es nie tun. Dann wird sich unser Traum nie erfüllen und ich fühle mich einfach schuldig. Ich bin es diesem Traum schuldig, dass ich das jetzt durchziehe. Ich bin es dir schuldig. Und, zu guter Letzt, bin ich es auch mir schuldig.

Deine Seele, deine Liebe, deine Träume und Wünsche sind hier. Sie sind der Mörtel für jeden einzelnen Backstein, sie spiegeln sich in jedem einzelnen Pinselstrich wieder. Sie vereinen sich in jeder Stufe der Wendeltreppe. Ich bade in ihnen, wenn ich in die Kabine gehe und ich genieße sie, wenn ich mir etwas zu Essen mache oder Wasser für einen Cappuccino koche.

Wieder ist es der Hund, der mich aus meinen chaotischen Gedanken reißt. Sie läuft hektisch die Treppe herunter und ich eile ihr nicht minder hektisch hinter her. Nein, nein, nein, kein Bach im Haus, keinen Fluss in den Flur und keinen Haufen vor die Tür. Ab mit ihr nach draußen. Als ich die Tür öffne, fegt sie hinaus, als ob die Möwe von letzter Nacht hinter ihr her wäre. Wobei, vielleicht war ja auch Dune hinter der Möwe her und das arme Federvieh hat sich nur gewehrt. Letztere Theorie passt so gut zur Geschichte von Delphi und Finchen, an der ich, bis das Gegenteil bewiesen ist gerne festhalten möchte. Nennen wir es romantische Vorstellung. Wenn es wirklich so war, das meine Dune Mutter und Kind beschützen wollte, dann…

Ja was dann?

Na dann bin ich doch noch viel stolzere Hundebesitzerin, als ich seit je her war. Und dann werde ich sie Morgen dem Max als super zuverlässigen Hütehund übergeben. Max braucht sich dann keine Sorgen um seine Sandskulpturen machen, weil Dune sie bis aufs Blut verteidigen wird. Ich glaube, ich schweife gerade schwer ins Alberne ab.

Alleine rumalbern ist ziemlich albern. Und wieder fehlst du.

Ich lasse die Türe angelehnt und klettere die Wendeltreppe wieder hinauf. Mir ist kalt und ein Blick auf die Füße sagt mir warum. Barfuß auf Kacheln, das hatten wir doch heute schon mal.

Der Himmel ist stockfinster. Kein Stern in Sicht und auch der Mond zeigt kein Gesicht. Ich sitze am Fenster und beobachte, beschienen durch unser Leuchtfeuer, wie Dune ihren eigenen Schatten jagt. Hin und wieder legt sie eine kurze Geschäftspause ein und dann, ganz geschickt, fällt sie wieder irgendwas an, auf dem sich zuvor ihr Schatten noch mutig gezeigt hat. Dieses Vieh ist einfach dufte. Gleich ist es Zehn und es wird Zeit. Morgen wird ein harter Tag.

Geschafft.

Ich bin auf dem Rückweg und kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich darüber bin.

Zuhause ist dort, wo das Herz wohnt?

Was aber, wenn das Herz urplötzlich umgezogen ist – klammheimlich – und man es selbst gar nicht richtig wahr genommen hat?

Zuhause ist es immer noch am Schönsten?

Das ist sicher richtig, wenn man für Zuhause eine ortsgebundene Definition hat.





Dune will loslaufen

10 08 2009

Dune will loslaufen, traut sich aber nicht so recht alleine und kommt zu mir zurück und bellt mich aus. Ich schmeiß den Weidenkorb schnell in den Turm und laufe mit meiner Hündin zum Wasser. Tatsächlich, ich fasse es nicht. Aus dem Meer ragen zwei Rückenflossen, Eine groß, die Andere klein, und sie bewegen sich auf einer Länge von ca. zehn bis zwanzig Meter parallel zum Ufer.

Die letzten Meter zum Wassersaum gehen wir fast im Gleichschritt, so man das bei der ungerechten Pfotenverteilung behaupten kann, und ganz langsam. Dune wedelt wie aufgezogen mit der Rute und junkert, während ich mich leise in den Sand setze. Zwei Delfine ziehen vor meiner Nase ihre Bahnen. Ich glaub es nicht. So wie ich es erkennen kann, handelt es sich bei den Beiden um Mutter und Kind. Der große Delfin ist richtig massig und viel schwimmgewaltiger als der Kleine nebendran. Plötzlich erhebt sich der Säuger aus dem Wasser und tanzt auf der Fluke, das Gesicht zu uns gerichtet, rückwärts über das Wasser. Dabei gibt er die delfintypischen Geräusche von sich und ich bekomme eine Gänsehaut gepaart mit ganz viel Wasser in den Augen. Ist das schön. Es ist einfach nur schön. Nein, es ist genial schön. Es ist ein Traum. Es ist unfassbar. Es ist. Während sich die vermeintliche Mama ein weiteres Mal tanzend über die Meeresoberfläche bewegt, zieht der Kleine weiter eine Bahn nach der anderen durch, und als gäbe es eine Längenbegrenzung, dreht er stets an der gleichen Stelle. Dune erscheint mir wie ausgewechselt. Als hätte sie alle ihre schlechten Erinnerungen und Ängste vergessen, geht sie vorsichtig bis ins Wasser, wo sie immer wieder mit den Vorderpfoten aufspringt und junkert. Das erinnert mich sehr an ihre Begrüßungen und ich interpretiere ihr Verhalten als eine Art Wiedersehensfreude. Aber wie kann das sein? Kennt sie die Beiden schon? Wirkte sie bislang darum so desinteressiert, wenn es draußen nachts auf dem Meer platschte oder ich glaubte Delfine gehört zu haben? Sie kennt die Delfine bereits und für sie ist es ganz normal, sie in der Nähe zu wissen?

Sehr viel Ahnung von Delfinen habe ich nicht. Ich weiß das, was ich in Büchern gelesen, in Dokus gesehen oder im Delfinarium erfahren habe. Doch bei näherer Betrachtung des Delfinbabys fällt mir auf, dass es wirklich noch nicht sehr alt sein kann. Ein paar Tage höchstens, denn es wird immer noch von der Mutter an die Wasseroberfläche gestubbst, damit es das Atmen nicht vergisst. Ich weiß ja nicht, ob jetzt vielleicht meine Phantasie mit mir durchgeht. Aber ist dieses Baby wohlmöglich gestern auf die Welt gekommen und Dune war dabei? Geburten sind sehr blutig und für Mutter und Kind im offenen Meer auch sehr gefährlich. Vielleicht wurden die Möwen ob des leckeren Blutgeruchs zu aufdringlich und meine Hündin hat versucht Mutter und Kind zu beschützen? Hat sie sich deshalb mit den Möwen angelegt und böse eingesteckt?

Aufgeregt kommt Dune auf mich zu gestürzt. Sie küsst mich heftig durchs Gesicht und läuft wieder ins Wasser, kommt zurück, bellt mich an und läuft ins Nass. Sie scheint mich dabei haben zu wollen. Vielleicht möchte sie uns vorstellen? Gerade kann ich die Grenze zwischen Traum, Wunschdenken, Phantasie und Realität nicht glatt ziehen. Ich bin absolut überwältigt und habe einen Pudding in den Beinen vor lauter Aufregung, der seinesgleichen sucht. Niemals hätte ich mir träumen lassen, freien Delfinen so nahe kommen zu dürfen. Und scheinbar darf ich, denn sonst wären die Zwei doch schon längst wieder raus in das für sicherere Meer geschwommen oder hätten Kurs auf die Bucht genommen.

Vorsichtig nähere ich mich dem Mutter-Kind-Schauspiel und hocke mich, ungeachtet meiner Bekleidung neben Dune ins Wasser. Wieder dreht sich das Muttertier von ihrem Kind weg, weiter draußen dreht sie bei, nimmt Anlauf und rast auf uns und den Strand zu. Elegant fliegt sie durch das Wasser, hebt sich dann ein klein wenig ab und gleitet mit einem Affenzahn über die Wasseroberfläche, um in höchstens 20 Zentimeter Entfernung zu meinen Knien liegen zu bleiben. Sie prustet lauthals aus dem Blasloch, hebt und senkt immer wieder nickend den Kopf. Dune sprintet auf sie zu, springt über sie rüber, kehrt um und gibt ihr einen dicken Schlecker über die längliche, lächelnde Schnauze. Ich bin so baff, das mir der Atem stockt. Ganz vorsichtig strecke ich meine Hand in die Richtung der Delfinin. Ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich weiß, ich darf das nicht tun. Aber ist dieses Szenario nicht nahezu eine Einladung? Meine Hündin legt sich direkt neben mir im Wasser ab. „PitschpatschplatschPitsch“, Dunes Schwanz kommt vor lauter Begeisterung gar nicht zur Ruhe. Sie wedelt ohne Unterlass. Immer noch nickt der Fisch, der kein Fisch ist, sondern ein Säugetier, mit dem Kopf und meine Finger berühren zaghaft ihren Unterkiefer.

Sie streckt den Kopf weit nach oben und erlaubt mir, ihr das Kinn und den Hals zu streicheln. Sie ist ganz weich. Es fühlt sich nass, kalt, und ganz weich an, vielleicht ein bisschen noppig.

Mit einem kräftigen Nicken, drückt sie meine Hand fort, was ich als Zeichen des Aufhören-Sollens deute. Mit geschickten Robbbewegungen, bugsiert sie sich zurück ins tiefere Wasser, springt einen eleganten Bogen über ihren Nachwuchs hinweg und prescht durch die Wellen. Einmal kommt sie noch zurück, ebenso temporeich und mit vielen tollen akrobatischen Sprüngen. Dann taucht sie ab mit ihrem Kind und verschwindet in Richtung Horizont.

Fünf- oder sechsmal sahen wir sie noch springen. Ein ganzes Weilchen konnten wir noch die Rückenflossen beobachten, dann wurden sie vom Meer und seinen Wellen verschluckt. Dein Wollpullover hat in der Zwischenzeit stattlich an Gewicht zugelegt. Ich liege fast bäuchlings im Wasser, gar nicht bemerkend, wie kalt es ist, und nass, und der Pulli hat sich prächtig vollgesogen. Fragend schaue ich meinen Hund an. Dune liegt ebenfalls, mit am Horizont getackertem Blick, im Wasser.

Wenn sie doch nur reden könnte. Ich bin so neugierig. Ich habe soviel Fragen. Und die einzige Zeitzeugin ist mein Hund. Bei dem Gedanken daran, wie ich versuche mit einer starkstrahlenden Lampe, im Rahmen eines Verhörs, aus ihr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit herauszubekommen, muss ich lachen. Manchmal spinne ich mir ganz ordentlich was zurecht. Aber das gerade war nicht gesponnen. Das war echt. Das war real. Das war ein Traum. Und schon wieder heule ich. Ich bin solch ein Gefühlsdusel! Ein anderer Traum verspricht auch das zu werden, was sich dort hinten am Horizont auftürmt. Das Bauchgefühl ist vergessen und beim Anblick des Sonnenuntergangs gelingt es mir sogar, die nassen Klamotten zu vergessen.

Ich setze mich zurück auf den Strand und bedecke sinnfrei meine Beine mit einer dicken Sandschicht. Feuerrot, Blutorange, Karminrot, Backsteinrot, Zitronengelb, Zinnoberrot, Goldgelb; Siena, Lilarot mischen sich zu einer gigantischen Farbpalette, die sich nur durch Wolken unterbrochen um die knallorange Sonnenscheibe wirbelt. Wieder brennt der Himmel das Meer spiegelt die Farben des Sonnenuntergangs in all seiner faszinierenden Schönheit wieder. Wunderbunt. Das ist das, was ich immer mit wunderbunt meine. Beinahe eilig taucht der strahlende Planet in das unruhige aber spiegelnde Meer ein. Aus einem Ball wird ein Dreiviertelkreis. Aus einem Dreiviertelkreis entsteht ein Halbkreis, der wiederum taucht ab bis nur noch eine nach oben gebogene Sichel von ihm sichtbar ist. Die wärmende Energie der Sonnenstrahlen dringt nicht mehr bis zu mir durch. Der Wind weht heftig und das spüre ich jetzt doch sehr. Ich befreie mich von meiner Sandhose und werfe einen letzten Blick zum Horizont, an dem sich die Sonne feuerrot und nur noch als welliger Strich wahrnehmbar, von mir verabschiedet.

Nur ein paar klare Striche

Vermitteln das Gefühl von

Wärme, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit

Nur ein paar kurze Worte

Geben das Gefühl von

Wärme, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit

Es muss nicht immer viel sein

Es muss nicht immer groß sein

Es muss nicht immer bunt sein

Manchmal reichen auch schon

Ein paar klare Striche

Ein paar kurze Worte

Das Tageslicht neigt sich mit der Sonne langsam dem Ende. Jetzt ist mir auch richtig kalt und so versuche ich ein letztes Mal, überschüssigen Sand abzuschütteln. Ich mach mich auf den Heimweg, gefolgt von meiner treuen Hündin, die seit der Begegnung mit den Delfinen wieder richtig gesund aussieht. Ob ich mir Namen ausdenken sollte? Waren es denn Mutter und Kind? Und wenn, welches Geschlecht hatte der Youngstar? Ich frage Dune, die natürlich, bis auf ein lautes Wrwwwwufff, keine schlüssige Antwort für mich parat hat. Ich taufe sie auf die Namen Delphi und Finchen, dann drehe ich mich noch mal um zum Meer und rufe: „Gute Nacht Delphi, gute Nacht Finchen!“. Dune stimmt mit lautem Gebell ein.

Der Weg zurück zum Leuchtturm gestaltet sich kurz und kalt. Es sind nur ein paar Minuten bis nach Hause, aber der schwere kalte Wollpullover macht den kurzen Spaziergang schon ein bisschen zur Tortur. Endlich angekommen, reiße ich mir schon im Eingangsbereich die Plüdden vom Leib, schüttele das ganze Kleidungsgewurschtel ungeschickt draußen aus und sprinte elefantengleich die Wendeltreppe hoch. Ein kurzer Blick in den Wasserkocher sagt mir: „Genug“. Ich schmeiße ihn an und flüchte in die Badezimmerkabine, wo ich unter brühendheißem Duschstrahl versuche meine reguläre Körpertemperatur wieder zu erlangen. Brrrr, tut das gut. Pore für Pore verschwindet die Gänsehaut und macht Platz für die Schrumpelfalten, die sich durch warmes Wasser sehr schnell auf der Haut bilden. Das tut so gut. Ich schließe meine Augen und genieße das Wasser, die Wärme, die Erinnerungen an diesen Tag.

Wenn ich nicht gleich aus der Dusche hüpfe, dann schlafe ich im Stehen ein. Schon wieder schlafen, ich kann sie echt nicht mehr alle haben. Also raus aus der Kabine, gut abgerubbelt und rein in den Wohlfühlfleeceschlafi.

Wer hat an der Uhr gedreht? Es ist Abend und ich hab eine Stunde unter der Brause gestanden. Unfassbar. Das Wasser im Wasserkocher ist derweil wieder kalt, also schalte ich die Brodelmaschine doch gleich noch mal an. Und dann werde ich packen. Nachdem nun alles an mir komplett aufgeweicht ist, wahrscheinlich inklusive meiner Gehirnmasse, habe ich einen Plan gefasst.

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.“





Dune nutzt ihre derzeitige Schwäche

9 08 2009

Dune nutzt ihre derzeitige Schwäche und meine Sorge in vollen Zügen aus. Sie legt sich wie selbstverständlich wieder in die Koje und betrachtet diese scheinbar als Krankenlager. Sie dort wieder raus zu jagen, das bringe ich nicht übers Herz. Ich muss feststellen, ich war schon ganz schön fleißig. Der Frühstückskrempel ist schon wieder gespült und entsorgt und Platz für die kommenden Sachen aus der Heimat habe ich auch schon geschaffen. Ich war mir gar nicht sicher, dass ich mich so reduzieren kann. Aus einer fast siebzig Quadratmeter großen 3-Zimmer-Wohnung in ein Einzimmerappartement in luftiger Höhe zu ziehen, stellt mich da schon vor eine große Aufgabe. Ich betrachte sie als gelöst. Ich denke, ich habe nichts vergessen und wenn die Sachen erstmal alle hier sind, kann ja immer noch umdisponiert werden.

Wind heult um den Leuchtturm und das gibt einen jaulenden Sound, der mir einen schaurigschönen Schauer über den Körper jagt. Möwen und Mauersegler nutzen die Aufwinde für kapriziöse Luftakrobatiken, die toll anzuschauen sind. Im einen Moment sieht es aus, als ob ein Vogel im Sturzflug, ohne jegliche Eigenbewegung zu Boden stürzt. Im nächsten Moment fängt ein Luftkissen den Vogel ab und, als wäre er auf einem Trampolin gelandet, startet er durch und steigt mit all seiner Eleganz und Kraft wieder hoch in den Himmel hinauf.

Ob Dune auch noch Kopfschmerzen hat? In meinen Stirnlappen pocht und dröhnt es unaufhörlich. Ausgehend von der Nackenmuskulatur, die in der letzten Nacht extrem gelitten haben muss, kriecht der Schmerz über das Hinterhaupt und verteilt sich gleichmäßig zur Linken und zur Rechten meiner Stirn. Eine Massage wäre jetzt toll, oder ein heißes Bad. Weder das Eine noch das Andere ist machbar und so entschließe ich mich, mir das Hirn ordentlich durchpusten zu lassen. Ich werde mich einfach schön warm einpacken und mich zwischen die Dünen hauen. Vielleicht kann ich ja auch noch ein bisschen schlafen? Und die Sonne wird mir den Nacken wärmen und für Linderung sorgen. Dune träumt. Vielleicht träumt sie von ihrem Kampf mit der Möwe? Sie rudert wild mit den Pfoten, jault ganz leise, gepaart mit bösen Wuffs und ihre Lefzen ziehen sich mehrmals bedrohlich nach oben. Wenn ich mir die Reißzähne der Hündin so anschaue, wundert es mich sehr, dass eine Möwe soviel Mut aufbrachte und sich mit ihr einen Fight lieferte. Über das, was gestern geschah kann ich nur spekulieren und natürlich tut es mir um die Möwe leid, die sicher schlechter abgeschnitten hat.

Obwohl ich mir alle Mühe gebe, meine sieben Sachen möglichst still in den Weidenkorb zu packen, wird die Kojenbelagerin wach. Müde hebt sie den Kopf, legt ihn gleich wieder auf ihren Pfoten ab und schaut mir bei meinem Treiben zu. Viel Lust, mich zu begleiten, scheint sie nicht zu haben. Ich werde die Türe ein Stück geöffnet lassen, dann kann sie ja nachkommen, wenn sie mag. Zum Abschied streichele ich sie und lege ihr ein Leckerli vor die Nase. Dann mache ich mich auf den Weg.

Das Jaulen des Windes, das ich in luftiger Höhe wahrnehmen konnte, trügt nicht. Es ist mächtig windig und mein Kopf seufzt beinahe vor Begeisterung über die, in Intervallen auftretenden, stürmischen Umarmungen. Durch meine Nase ziehe ich soviel Luft, wie nur irgend geht. Das zieht rein. Das befreit. Ich habe das Gefühl, dass sich mit jedem Luftzug meine Kopfadern weiten, damit auch möglichst viel des kostbaren Sauerstoffs zu meinen Gehirnwindungen durchdringen kann. In nur wenigen Metern vom Turm entfernt, befindet sich ein kleines Dünental, das ich mir für mein Erholungsunterfangen ausgesucht habe. Drei mittelgroße Dünen bilden eine Art Sandgebirgskette, die wie ein abgeschlossener Ring den Sandboden umschließt. Ich schätze mal vom Boden bis zum höchsten Punkt der höchsten Düne ist es mehr als einen Meter Höhenunterschied und diese Stelle ist herrlich windgeschützt. Ich breite meine Decke aus, entledige mich der lästigen Schuhe und stelle fest, dass die Sonne doch noch soviel Kraft hat, dass sie den Sand wunderbar erwärmen konnte. Um Erkältungen und anderen Malesten vorzubeugen, behalte ich den dicken Wollpullover aber an. Um meine Beine wickele ich die eine Decke, die Dritte knuffele ich mir als Kopfunterlage zusammen. Auf dem Bauch liegend, lupfe ich den Wollpullover ein wenig aus dem Nacken, damit die Sonne ihr Werk tun kann. Ist das herrlich. Ist das schön! Über mir tanzt der Wind. Aus der Ferne höre ich zankende Möwen und die Brandung des Meeres berauscht mich.

Meine Fußspitzen graben sich in den warmen Sand und stoppen erst ihre Arbeit, als der Sand kühler wird. Das Gefühl erinnert an Frostfüße auf gewärmten Dinkelkissen, herrlich. Irgendwas nimmt mir die Sonne und ich blinzele mit einem Auge nach oben, fest entschlossen mich mit der Wolke anzulegen, die sich vor den Planeten geschoben hat. Keine Wolke, sondern Dune ist es, die sich über mich beugt und mir mit Öffnen des einen Auges einen dicken Schlecker darauf verpasst. „Na dir scheint’s ja wieder besser zu gehen! Komm leg dich zu mir.“ Die Hündin scheint sehr angespannt und schaut ständig sehr hektisch nach links und rechts, als würde sie einen Überfall aus dem Hinterhalt erwarten. Dann gräbt sie ihre Nase zwischen Decke und Jogginghose und versucht sich dort Platz zu verschaffen. „Möchtest du unter die Decke? Na dann komm!“ Ich lockere meinen Überzug aus weichem Mikrofasergemisch und Dune steigt unter ihr ein, dreht sich einmal komplett bis ihr Kopf neben meinem Beckenknochen liegt. Unter meiner Achselhöhle hindurch werfe ich einen prüfenden Blick auf meine „Beilage“ und wünsche wohl zu geruhen. Die Sonne pöhlt, so sagt man bei uns in Beuel. Sie sticht und wärmt, was meinem Nacken spürbar gut tut. Hält man die Nase in den Wind, kann man gar nicht glauben, dass der strahlende Planet noch soviel Kraft hat. Hier aber ist es windgeschützt und ich spüre, wie sich der lästige Schmerz ganz langsam verabschiedet. Auf dem gleichen Weg, den er einschlug, um mir das Leben schwer zu machen, zieht er sich zurück. Die Schmerzfreiheit entwickelt sich von den Stirnlappen zurück in den Hinterkopf um dann, so hoffe ich, baldigst in der Nackenmuskulatur zu verdampfen.

„Wenn ich sterbe dann hier!“ Während du auf der kilometerlangen Aluleiter von außen am Turm die runden Fensterrahmen gestrichen hast, bekam ich unter dir, am letzten roten Ring, den ich versuchte akkurat mit karminroter Fassadenfarbe zu streichen, fast einen Herzinfarkt. Du hast nicht oft davon gesprochen, aber wenn du davon faseltest, dann in den wohl unmöglichsten Augenblicken.

„Du stirbst nicht!“, entgegnete ich mit aller mir möglichen Wut in der Stimme.

„Doch, irgendwann schon. Du weißt, dass ich es will. Du kennst meinen Plan. An ihm hat sich nichts geändert. Und nur, weil wir nicht mehr davon reden, weil du nicht darüber sprechen magst, heißt das noch lange nicht, dass das Thema gegessen ist!“

Ich wurde unglaublich wütend, schmiss die Malerrolle in den Eimer, was dazu führte, dass durch den Schwung tausende, dicke bis zarte, rote Farbenspritzer um das Gefäß herum im Sand landeten. Der Sand blutet. Hahaha, welch lustige Assoziation. Ich ließ dich auf deiner Aluleiter stehen und verschwand am Strand. Das musste ich mir nicht geben. Das wollte ich mir nicht geben. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Nicht jetzt, wo sich unser Traum erfüllte und alles so perfekt erschien.

Zornig lief ich ans Wasser. Es war recht stürmisch und vor mir bauten sich die Wellen auf, die durch ihre Gewalt und das Grauweiß der Gischtmützen nicht minder wütend wirkten. Ich schrie. Ich schrie mir die Seele, die Angst, die Verzweiflung so laut aus der Kehle, bis die Stimmbänder die Arbeit nicht mehr geschafft bekamen und sich meine Stimme überschlug. Ich brüllte, ich krächzte und ich tobte bis zur völligen Erschöpfung und Heiserkeit. Danach kniete ich mich in den Sand und bombardierte das Meer mit Steinen, die ich fand, und Sandklumpen, die ich aufhob.

„Lass deine Wut doch an mir aus. Das Meer kann nichts dafür.“

Wie aus dem Nichts standest du plötzlich hinter mir. Du kamst zu mir auf Augenhöhe und ich fiel dir einfach um den Hals.

„Jetzt hör schon auf zu heulen. Du löst ja noch eine Sturmflut aus, bei der Masse. Ich weiß, dass du dieses Thema nicht magst. Ich weiß, dass du dich damit nicht beschäftigen möchtest. Du weißt aber auch, dass es so ist, wie es ist. Als ich dich damals aufgelesen habe, wollte ich gehen. Ich bin nicht gegangen, weil du plötzlich in meinem Leben warst und ich habe immer gesagt, dass ich es vollende, wenn ich das Gefühl habe, dass du stark genug bist. Meine Meinung hat sich nicht geändert. Mein Ziel hat sich nicht verrückt. Irgendwann werde ich vollenden, wozu ich damals in den Hofgarten gegangen bin. Du wirst es ertragen. Du wirst trauern, vermissen und sicher auch furchtbar wütend auf mich sein. Aber du wirst es ertragen und ich weiß auch, dass du mich verstehen wirst, wenn du das nicht eh schon tust. Du bist stark. Viel stärker als du glaubst. Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.“

Ich weinte, ich weinte und ich weinte. Unter Tränen und Geschluchze versuchte ich ihm eine Antwort zu geben, was mir einfach nicht gelingen wollte. Dann stand er auf. „Vertrau dir! Und jetzt beruhige dich bitte. Ich geh mal weiter machen!“

Du löstest meine Umarmung, gabst mir einen Kuss auf die Stirn und gingst zum Leuchtturm zurück.

Da hockte ich nun, in meinem Elend, mit meiner Angst und mit meiner Wut und du gingst einfach zur Tagesordnung über. Dies war wieder einer der Momente, in denen ich feststellen musste, dass du mir trotz aller Nähe manchmal auch furchtbar fern sein konntest. Das tat weh. Aber auch diesen Schmerz würde ich früher oder später überstehen. Da war ich sicher. Was das anging, vertraute ich mir.

Sorgenvolles Junkern dringt in mein Ohr und mein Gesicht fühlt sich an, als würde es durch eine automatische Waschanlage geführt. Mit einer vorsichtigen Handbewegung versuche ich Dune auf ein bisschen Abstand zu halten. Als ich schließlich dazu komme, endlich meine Augen zu öffnen, steht sie wild wedelnd vor mir, legt mir immer wieder abwechselnd ihre Pfoten auf die Brust und ich komme mir vor wie ein Stepper für Hunde. „Is doch gut mein Mädchen – is doch alles gut!“

Ich reibe mir die Augen und versuche mich erst einmal zu orientieren. Meine Augen stehen unter Wasser und mein Gesicht ist nass. Letzteres hab ich Dune zu verdanken und den Tränenfluss? Der Traum – ich hab geträumt. Ich hab von dir geträumt. Der Traum muss relativ heftig gewesen sein, denn meine Liegestätte ist ziemlich zerwühlt und auch die wärmende Decke um die Beine herum liegt abseits. Der Sand zu meinen Füßen ist wild durcheinander gewirbelt und langsam dämmert es mir, warum Dune so ein Theater vollzogen hat und sich noch immer wie blöde freut, dass ich scheinbar wohlauf bin. Ich muss mit Händen und Füßen geträumt haben, und wenn ich die wenigen Fetzen meiner Erinnerung zu einem unvollständigen Traumpuzzle zusammensetze, dann wundert mich gar nichts mehr.

Auf die Verwirrung brauche ich eine Zigarette. Tief ziehe ich das Gift mit dem ersten Zug in meine Lunge ein und mein Körper belohnt diese Geste sogleich mit einem mächtigen Hustenreiz und einem noch mächtigeren Hustenanfall. Ich sollte es wirklich sein lassen.

Weit oben am Himmel kreist ein Bussard. Oder ist es ein Falke? Vielleicht ist es auch ein Adler? Ich habe keine Ahnung von Greifvögeln und habe nie begriffen, dass man sie alleine am Flugbild identifizieren kann. In mir steigt nur stets unglaublicher Neid auf. Ich bin neidisch auf die majestätische Inbesitznahme des Firmaments, auf die Eleganz und Kraft, die diese Tiere selbst aus dieser Entfernung ausstrahlen, auf die Freiheit, die sie scheinbar schwerelos demonstrieren.

„Was machen wir nun mit dem angebrochenen Tag, Hund?“ Was die Zeit angeht bin ich komplett verpeilt. Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Die Sonne steht noch sehr hoch, also nehme ich an, dass es irgendwie Mittag ist. Vormittag ist es nicht mehr. Wie nah wir uns am Nachmittag befinden, entzieht sich meiner Kenntnis und meinem Zeitgefühl. Im Hinterkopf versuche ich immer noch die Traumfragmente sinnvoll zusammen zu setzen. Erfreut stelle ich dabei fest, dass sich der fiese Kopfschmerz tatsächlich getummelt hat. Wundermittel Sonnenenergie. Indes kitzelt mich diese Energie dermaßen heftig in der Nase, dass ich einen furchtbaren Niesanfall bekomme. So schreie ich dreimal kräftig den gesamten Strand zusammen.

„Gesundheit!“

„Danke!“, antworte ich automatisch und frage mich erst dann, gleichermaßen erschrocken und neugierig, wo die Stimme herkommt, die ich irgendwo schon mal gehört habe. Plötzlich wird es über mir dunkel und im Gegenlicht erkenne ich die Silhouette vom Sams. Mit verkniepten Augen rappele ich mich hoch und hocke nun in meiner Sandmulde.

„Hallo, Sam…, hallo Henry. Was treibt Sie denn hierher?“ Da ist es wieder, dieses Gefühl, schallend lachen zu wollen. Ich beiße mir vorsichtshalber auf die Unterlippe, dummerweise auf die gleiche Stelle, die ich mir schon bei Henrys erstem Besuch kaputt gebissen habe. So weicht der Lachdrang dem Schmerz in der Lippe.

„Ich wollte nicht wieder abreisen, ohne mich bei Ihnen bedankt zu haben. Außerdem habe ich glaube ich meine Taucherbrille und meinen Schnorchel hier vergessen.“

Nachdem er höflich fragte ob er dürfe, gesellt sich Henry zu mir in die Grube und wir plaudern, rauchen und lachen. Ich traue mich sogar ihm meine Assoziation und Verbindungstheorien zur Augsburger Puppenkiste zu erzählen, was mir natürlich nicht ohne Glucksen und Lachen gelingt. Obwohl Henry einen sehr schüchternen und introvertierten Eindruck auf mich macht, hat er scheinbar eine Menge Humor, denn am Ende meiner Geschichte schüttelt er sich und klopft sich ungelenk und wild lachend auf die Schenkel.

„So jetzt muss ich aber los. Um halb Sechs bin ich mit meinem Freund verabredet und dann geht der Törn weiter. Wenn wir wieder hier vorbei kommen, besuch ich dich noch mal.“

In der Zwischenzeit waren wir beim Du angekommen. Ich krabbele aus der Sandkuhle hinaus, laufe zum Leuchtturm, 100 Stufen rauf – mutig nehme ich auch Zwei auf einmal – und 159 Stufen eiligst wieder runter. Mit Schnorchel und Brille im Gepäck komme ich an den Dünen an, wo Henry schon auf mich wartet.

„Das ist lieb, dank dir. Ich wünsche dir, dass alle deine Träume hier am Turm in Erfüllung gehen und dass du glücklich wirst. Machs gut – und du auch!“ Vorsichtig tätschelt er Dune, die bis jetzt ständig leise vor sich hin knurrte und lauter wurde, wenn ihr Henry zu sehr auf die Pelle rückte. Scheinbar begreift sie aber, dass es sich jetzt in diesem Augenblick um ein Abschiedsritual handelt, und darum zeigt sie sich von ihrer freundlichsten Seite.

„Und lass die Pfoten von den Möwen. Hast ja gesehen was dabei rauskommt.“, ruft er noch im Fortgehen, was Dune mit einem zähnefletschenden Bellen quittiert. Schlechtes Thema.

Bis zum Hafen sind es zu Fuß, am Strand entlang, anderthalb Stunden. Wenn mich Adam Riese jetzt nicht im Stich lässt, müssten wir so gegen Vier Uhr haben. Krass. Ich hab den ganzen Tag verschlafen und verdöst. Andererseits habe ich mir das nach dieser Nacht voller Aufregung aber auch verdient. Und ein bisschen fleißig war ich ja schon, entschuldige ich mich vor mir selbst. Dune schaut zum Himmel und beobachtet argwöhnisch die Möwenschar, die dort ihre Kreise zieht. Ihren Kopf versucht sie zwischen ihren Schulterblättern zu verstecken und sie robbt näher an mich heran. Ich packe indes meine sieben Sachen. Es ist Zeit mal wieder im Turm vorbei zu schauen. Außerdem plagt mich dieses unsägliche Bauchgefühl namens Hunger. Das Frühstück ist auch schon eine ganze Weile vorbei.

Dune folgt mir in unmittelbarer Nähe. Zwar schnuppert sie links und rechts, bewegt sich aber keine fünf Pfotenbreiten von mir weg. Der Kampf letzte Nacht scheint eine nachhaltige Lektion gewesen zu sein. Obwohl mir mein Podenco schon sehr leid tut. Sie hat sich heute noch nicht einmal richtig ausgepowert. Nach dem Snack werde ich mit ihr eine etwas größere Runde drehen und sie zum Spiel animieren. Gerade als wir den Leuchtturm betreten wollen, hören wir, Dune bleibt ebenfalls stehen, mit aufgerichteten Lauschern, ein knarzendes Quieken und Pfeifen vom Meer her. Mein erster Gedanke ist: „Delfin“, habe ich diese „Stimmen“ doch schon in einer Fernsehdoku gehört und im Delfinarium wurde die Stimmgewalt der Meeressäuger auch schon demonstriert. Von nun an geht alles wie in Zeitlupe und doch schnell.








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