Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Kaum zu glauben

5 08 2009

Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist es schon richtig finster und mich fröstelt es. Unten sitzt Dune zwischen Tür und Angel, schaut abwechselnd zu mir hoch und an den Strand und scheint ein wenig überfordert von dem, was sich hier gerade abgespielt hat. Sie wirkt leicht paralysiert und selbst mein Rufen kann sie noch nicht zu mir nach oben locken.

Ich halte mir immer noch den Bauch. Sicher habe ich Morgen Muskelkater vom Lachen. Eine willkommene Abwechslung zu dem Muskelkater von der gestrigen Shopping-Aktion. Von draußen dringt der Klang des Meeres bis zu mir hoch und ich bekomme Lust, noch für einen Moment hinaus zu gehen. Es hat sich zwar merklich abgekühlt, aber die Luft ist dennoch angenehm.

Eine leichte Brise streichelt meine Haut und verschafft mir eine Gänsehaut. Mir läuft ein angenehmer Schauer über den Rücken und je näher ich dem Wasser komme, je mehr habe ich das Gefühl, dass es zu mir spricht. Dieses Mal ist es wirklich das Meer. Das Rauschen der Wellen, das Auflaufen am Strand und das ganz leise Gurgeln, wenn sich das Wasser wieder zurückzieht. Eine Melodie, wie sie kein Musiker spielen kann. Ein Stück, dass sich kein Liedermacher aus der Feder saugen könnte. Ich muss doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein. Ich darf hier sein. Ich darf diesen Strand begehen. Ich darf dieses Meer als mein Meer betrachten. Es gibt keine Nachbarn, die mich mit Musik und Bass terrorisieren. Es gibt keinen Vermieter, der täglich kontrolliert ob ich auch die Wendeltreppe geputzt habe. Mobile Discos, wie sie in der Stadt im Minutenrhythmus an roten Ampeln stehen und die Welt beschallen, entfallen. Hier ist einfach nur Stille. Stille und doch Musik. Stille, die nicht krank macht. Stille nur von Naturgeräuschen unterbrochen, deren Klänge immer wieder neue Symphonien schreiben.

Der Sand ist kühl und feucht und ich ärgere mich ein wenig, dass ich keine Decke mitgenommen habe. Trotzdem setze ich mich ans Ufer – gerade so nah ans Wasser, dass die einlaufenden Wellen meine Füße umspülen können. Die natürlichsten Streicheleinheiten der Welt, wenn ich von der Zärtlichkeit des schwachen Windes absehe.

Von hinten stubbst mich Dune an und zieht mir ihren Esszimmerteppich einmal quer durchs Gesicht. Mmmh, lecker Schatz, deine Küsse sind einfach die Besten! Ich ziehe mir den Pulloverärmel über die Hand und lege mein Gesicht vorsichtig wieder trocken, Peeling inklusive, denn an meinem Ärmel befindet sich erstaunlich viel Sand. Wenn ich mir überlege, dass ich früher beinahe ausgerastet bin, wenn nur ein Körnchen oder Krümel mein Wohlbefinden in der Kleidung oder im Bett versuchte zu beeinträchtigen. Hier ist es, wie so vieles, oder wie alles, das Natürlichste auf der Welt. „Bssssssst“, „Bsssssssssssttttssssst“. Meine Gedankengänge werden von penetrantem Gesumme an meinem Ohr unterbrochen. Okay, wie so vieles. An diese natürlichen Mückentiere werde und will ich mich nicht gewöhnen. So hat das herrliche Oktobersommerwetter doch auch Nachteile. Ich bin ja schon glücklich, dass ich nicht eines der bevorzugten Ziele von den kleinen Untieren bin. Trotzdem sind sie sehr nervig. Gerade oder besonders, wenn sie im Steilflug auf das Ohr zu steuern um dann, kurz vor dem Gehörgang, doch noch abzubremsen und abzubiegen. Dune schüttelt ihren Kopf und die Ohren schlagen wild. Aha, auch Hunde bleiben von dieser Plage nicht verschont. Das ekelhafte Gesumme wird wieder vom Rauschen des Meeres übertönt.

Von weit draußen, inmitten des Schwarz, ist ein leises Platschen zu hören. Ob die Delfine noch spielen? Es heißt, sie kommen nachts, um in der Bucht, ein paar Kilometer von hier entfernt, zu ruhen. Einmal war es uns bislang vergönnt sie aus der Nähe zu sehen. Die lustigen Gesellen sind noch sehr scheu, denn sie sind es nicht gewohnt, dass sie in diesem Gebiet hier friedlich leben können und in Ruhe gelassen werden. Bis vor zwei Jahren schwamm hier nur ein Delfin seine Kreise. Ihm gehörte die ganze Bucht, der komplette Strand, scheinbar das ganze Meer. Niemand weiß genau, wie die anderen Flipper hier her gekommen sind. Viele Sagen, Geschichten und Legenden ranken um diese klugen und freundlichen Tiere. Ich muss sie nicht wirklich sehen. Mich macht es einfach schon unglaublich glücklich zu wissen, dass sie hier sind. Wenn sie mich kennen lernen möchten, werden sie sich schon näher heran trauen. Bis dahin genieße ich ihre Anwesenheit und freue mich über diesen Beweis von Freiheit. Eine Freiheit, wie ich sie in einer gewissen Form nun auch (er)leben darf.

Die Nacht lullt mich ein. Mein Kopf, in dem eben noch tausend Gedanken durch die Gehirnwindungen huschten, beruhigt sich. Die einzelnen Fasern meines Körpers entspannen und ich stelle fest, dass ich schon die ganze Zeit lächele. Es hat geklappt, mit dem Paralleluniversum. Das hier ist es heute und ich fühle mich rundum wohl. Wohl fühle ich mich und müde. Das viele Lachen, die gute Luft, die Sonne, das alles hat mich ordentlich geschafft.

Dune schnarcht und ich überlege immer noch, ob ich nun schon ins Bett gehen soll, oder einfach noch etwas sitzen bleibe. Die vielen Wolken, die sich heute am späten Nachmittag am Himmel andeuteten, scheinen sich verzogen zu haben. Der Himmel ist klar, pechschwarz und von tausend und abertausend funkelnden Sternen übersät. Irgendwo dazwischen hängt eine strahlende Sichel, die nicht viel Licht spendet aber sich sehr gut dort oben macht.

Hinter mir arbeitet mein Heim. An – Aus – An – Aus – in allerregelmäßigsten Abständen wird alles sichtbar und ebenso regelmäßig verschmilzt es wieder mit Dunkelheit.

Eine letzte Zigarette zünde ich mir an. Die Letzte für heute, nur damit das klar ist. Ich muss nachher mal nachsehen, wie mein Vorrat diesbezüglich aussieht. Notfalls muss ich mir noch welche schicken lassen. Andererseits ist das Quatsch, ich bin am nächsten Wochenende sowieso wieder im Rheinland, um meinen Umzug abzuschließen und ein letztes Tschöö mit Ö in die Runde der Daheimgebliebenen zu schmettern. Dann kann ich mich eigentlich auch selbst versorgen. Lust auf diesen Heimatbesuch habe ich ja gar nicht. Es nutzt nur nichts, es muss sein. Wenn ich das nächste Mal mit Mütterchen spreche, muss ich so noch impfen, dass sie bloß keinen großen Bahnhof veranstalten soll. Ich bin ja nicht aus der Welt, wenn auch etwas entrückter, als sie es von mir gewohnt ist.

Der Dunst der Zigarette mischt sich mit dem Nebel, der sich um mich herum bildet. Und die Stille der Nacht wird nur vom Krächzen und Kwarzen der Möwen unterbrochen. Zeit für die Heia. Die Augen fallen mir schon zu und Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ich sammele meine müden und vom Sitzen steifen Knochen zusammen und mach mich auf den Weg. Selbst Dune scheint sich schon festgelegen zu haben. Der Blick der Hündin fragt mich, ob ich sie nicht vielleicht tragen möchte. Und wer trägt mich? Deine Liebe. Die Sehnsucht nach dir. Unsere Träume. Das alles trägt mich.

Ich werfe einen allerletzten Blick in die Nacht, schicke einen dicken Kuss hinterher und trotte mit Dune gemächlich in unseren Turm.

Dort

Wo das Meer seine Arme ausbreitet
Wo sich die Arme in die Welt schlängeln

Dort
Wo das Meer mit seinen Armen die Welt umarmt
Wo die Arme der Welt zeigen, welche Geheimnisse sie tragen

Dort
Wo sich bunte Blätter im Wasser spiegeln
Wo der Spiegel die Welt tief blicken lässt

Dort

Spüre ich den Frieden
Finde ich Glück
Bin ich friedlich glücklich

Mit diesem Gedicht in meinem Herzen und meinem Kopf robbe ich räkelnd durch meine Koje. Der Schlaf war sehr gut aber auch sehr kurz, denn es ist noch immer dunkel. Die Welt steht Kopf. Sonnenschein, über 20 Grad, aber ein Tages-Nachtwechsel wie im Winter. Gut, es ist fast Winter, aber mein Biorhythmus hat ganz schön Probleme. In meinen Füßen krabbelt, piekt und kitzelt es. Sie sind wohl auch eingeschlafen und werden langsamer munter als ich selbst. Der Blick ans Fußende erklärt den Schmerz. Dune hat sich wieder in die Koje geschmuggelt und sich zu meinen Füßen, oder besser gesagt, auf ihnen abgelegt. Unmotiviert hebt sie den Kopf kurz an, wufft mir ein verschlafenes „Guten Morgen“ entgegen und rollt sich zum Weiterschlafen zusammen. Die Mondsichel hängt direkt vor dem Bullauge, und wird von vielen lustigen Sternen umtanzt. Ich muss hier raus! Füße, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Steiß, Lendenwirbel, Wirbelsäule, Brustwirbel, Handgelenke, Ellenbogen, Schultern inklusive Blättern, Halswirbel, Nacken, Kopf – alles ist da und wird ordnungsgemäß sortiert. Mit einem nicht sehr eleganten Hüpfer hieve ich mich von der Matratze und schmeiße zuerst den Kaffee an. Dunes Fressschale ist bis in die letzte Rundung sauber geleckt. Braver Hund. Was darf es denn heute zum Frühstück sein? In Sauce oder Pastete? Mit verzerrten Mundwinkeln öffne ich die Dose und fülle die Fressschale auf. Ich weiß ja nicht, wie man am frühen Morgen so was runter bekommt. Aber ich bin ja auch kein Hund.

Hatte ich gestern Besuch? Sinnierend stehe ich an der kleinen Pantryküche, den ersten Kaffeebecher gefüllt in meiner Hand und frage mich, ob ich das nur geträumt habe, oder ob gestern wirklich der Meerkönig Triton, alias Henry, hinter mir aus dem Meer aufgestiegen ist? Ein Meerkönig für Arme, fehlte ihm doch der Dreispitz und eine schillernde Schwanzflosse. Wenn es ein Traum war, war er heftig und sehr, sehr realistisch. Auf dem Weg zum Bullauge gerate ich ins Stolpern. Der gute Kaffee ergießt sich über den Holzboden und bei näherer Betrachtung identifiziere ich die Stolperfalle als Taucherbrille mit Schnorchel. Aha, also doch kein Traum.

Nachdem ich das Kaffeemalheur auf dem Boden behoben habe, betreibe ich kurze Katzenwäsche und kleide mich zum Ausgehen an. Wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch dem neuen Tag entgegenfiebern. Ich werde mir die Decke schnappen und mich am Strand einmummeln. Das Herumtollen mit dem Tauknoten und der merkwürdige Besuch vom Sams haben Dune scheinbar sehr geschafft. Zusammengerollt wie ein überdimensionaler Igel ohne Stacheln, liegt mein artiges Haustier immer noch am Fußende der Koje und schläft. Weder fürstliches Frühstück, noch meine morgendliche Aktivität tangieren sie in irgendeiner Weise. Es scheint, als ob ich alleine dem Sonnenaufgang entgegen gehen werde.

Mit einem kurzen „Tschüss Faultier!“, und bepackt mit frisch sortiertem Weidenkorb, mache ich mich auf den einsamen Weg zum Strand.

Ich kenne mich selbst nicht mehr. Die Türe steht schon wieder offen. Es ist wirklich eigenartig, wie unheimlich sicher ich mich hier unterbewusst fühlen muss. Sonst würden mir solche Sachen doch gar nicht erst passieren. Schon gar nicht, nachdem Henry gestern hier war. Es liegt am Leuchtturm.

Dieser Turm ist seit je her für uns eine Art Versteck vor der Welt. Das berühmte Paralleluniversum. Möglicherweise ist es das, was mich hier so sicher fühlen lässt? Schon an meinem ersten Tag hier, vermittelte mir der Turm das Gefühl, dass mir nichts geschehen kann. Er wird mich beschützen, so wie er die Fischer auf dem großen Ozean den richtigen Weg weist und ihnen die Gefahren des Meeres aufzeigt. Das klingt gerade alles ziemlich schizzo junge Frau. Ein Turm ist ein Gebäude aus Steinen und kaltem Stahl, ohne jedes Gefühl und vor allem ohne jeden Intellekt. Alles was hier geschieht ist menschgemacht, jedes Aufflackern des Leuchtfeuers ist vom Menschen programmiert. Und doch ist es die Wärme, die Zuverlässig- und Verlässlichkeit, die mir dieses unglaublich sichere und geborgene Gefühl vermittelt. Ich möchte ihn stundenlang dafür umarmen, dass er steht, wo er steht und dass ich in ihm wohnen darf.





Ich horche und lausche.

31 07 2009

Ich horche und lausche. Ich fühle und taste. Ich bin ganz Ohr. Ich spüre mein Herz aufgeregt schlagen. Und in meinem Bauch grummelt es so laut, dass sogar Dune mich mit Ohren auf “Halb Acht” anschaut, als wolle sie eine Erklärung für diesen Lärm. Hunger, es ist wohl einfach nur Hunger. Der Hunger nach der See, nach der Luft hier und nach der direkten Nähe zu diesem Leuchtturm, diesen Hunger werde ich wohl nie stillen können. Was das betrifft bin ich ein kleiner Nimmersatt?! Der Hunger nach fester Nahrung lässt sich ruckzuck abstellen, wenn ich hier nicht den ganzen Tag mit den Füßen im Sand buddel; wenn ich nicht permanent nach Erklärungen für diesen Satz suche; wenn ich mich hätte nur eine Stunde früher von hier trennen können. Jetzt ist alles zu. Ladenschluss. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als wieder zur Tütensuppe zu greifen.

Es ist immer noch recht warm. Es kann nicht Oktober sein. Einzig am Sand spüre ich, dass es bald Nacht wird. Obwohl er für diese Jahreszeit erstaunlich lange die Sonnenwärme speichert, wird der Sand langsam klamm und kühl. Meinem Wohlgefühl tut das keinen Abbruch. Barfuß im Sand ist besser als jede warme Socke, als jeder bequeme Latschen, als jede passende Sandale.

Meine Liste ist nach wie vor leer. Was ich heut hätt könnt besorgen, verschieb ich wiedermal auf Morgen. Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Morgen werde ich die Liste erstellen. Mein erster Winter hier im Turm. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass dieser Traum wahr wurde. Unser Traum.

Wieder lege ich den Kopf in den Nacken. In den Händen halte ich die wärmende Tasse heiße Schokolade. Vom mittlerweile nachtschwarzen Himmel lächeln mir Abermillionen Sterne freundlich zu. Draußen auf dem Meer zanken sich die Möwen lauthals um die besten Nachtplätze.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kakao nicht ausreicht und darum gehe ich ihm jetzt nach und erklimme den Turm. Ich folge dem Ruf der Tütensuppe, auf den du nie gehört hast, denn du hasst diese Instantplempe. Aber du musst sie ja auch nicht essen. Gute Nacht mein Herz.

  • Dein Bild;
  • Dinkelkissen;
  • Wärmflaschen;
  • Wollpullover;
  • Wollsocken;
  • lange Unterhose;
  • meine Kuscheldecke;
  • Dunes Kuscheldecke;
  • Zeichenkoffer;
  • Erste-Hilfe-Koffer;
  • Schreibkladde;
  • Bleistifte;
  • Anspitzer;
  • Kerzen; Teelichter;
  • Handy

.. Handy? Warum schreibe ich das Handy mit auf die Liste?

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz“.

Mein Herz sagt, ich soll das Handy dem Meer übergeben. Ich vertraue mir und bin sicher, dass ich es nicht brauchen werde. Ich will es nicht brauchen. Ich will keine Uhr mitnehmen. Ich werde das Radio im Schrank verstauen. Und dieses Zeichen der immerwährenden Erreichbarkeit will ich auch nicht. Aber kann ich in meine Mitmenschen vertrauen? Was, wenn ich nicht erreichbar bin? Das Mütterchen ist nicht mehr ganz fit. Was, wenn etwas Unvorgesehenes passiert, nicht mit mir, sondern mit anderen? Muss ich dann nicht erreichbar sein? Ich tröste mich damit, dass es vor dreißig, fünfzig oder gar hundert Jahren auch noch keine mobilen Telefone gab. Früher schickte man eine Postkutsche von Ort zu Ort. Man schrieb sich noch Snailmails und musste diesen ekelhaften Geschmack der Briefmarken den ganzen Tag auf der Zunge ertragen.

Dunes Gejammer reißt mich aus meinen Gedanken. “Boah Hund, du warst doch den ganzen Tag draußen!” Was das angeht müssen wir irgendeine Lösung finden, Dune. Wir leben hier nicht mehr im Erdgeschoss mit Direktverbindung in die Rheinauen. Du hast vier Läufe, meine Wenigkeit verfügt nur über zwei unförmige Stelzen, die mich 159 Stufen tragen müssen, und zwar runter und dann auch wieder rauf. Wir sind hier ungefähr 35 Meter von der Erdoberfläche entfernt. Also, nicht, dass ich das nicht alles vorher gewusst hätte. Aber wenn ich mir zweimal überlege, ob ich den Müll gleich oder später hinunter bringe, dann kannst du dir auch bitte vorher überlegen, ob du alle Dünen zu deiner Zufriedenheit markiert hast, oder nicht?

Während ich auf den armen Hund einrede als gäbe es kein Morgen mehr, senkt sie leicht ihr Hinterteil und lässt ihrem Harndrang freien Lauf. Na super. Würde mich schon interessieren, was du den ganzen Tag gemacht hast? Ich pelle mich aus meiner herrlich warmen Koje, streife mir die schweren grünroten Wollsocken über, die mir eine liebe Bekannte zum Einzug hier geschenkt hat, fingere im Spülbecken nach einem Lappen, greife mir die Haushaltsrolle und beginne mit dem Abstieg. Halt! Stopp! Die Mülltüte. Mütterchen sagt immer, dass man Wege sinnvoll nutzen soll. Unten angekommen öffne ich die schwere Eisentür für den Hund. So, ab raus und alle Geschäfte erledigen, die es zu erledigen gilt junge Frau. Ich mag dieses Spiel nämlich nicht wirklich.

Während Dune mit der Nase Bodenkontakt sucht und sich nach draußen in die Nacht trollt, beseitige ich das feuchte Malheur. Die nassen Tücher packe ich noch in den Beutel und verbringe den gesamten Sack in die dafür vorgesehene große Tonne nach draußen.

Es ist so wundervoll mild. Es scheint draußen viel wärmer zu sein als drinnen, vielleicht liegt es an der Höhe, dass es mir dort oben so kühl vorkommt? In regelmäßigen Abständen erleuchtet unser Turmlicht den Nachthimmel. Ich spüre wie sich Gänsehaut Pore für Pore auf mir ausbreitet. Ich friere nicht. Es ist diese wohlige Gänsehaut, Wohlfühlhaut. Ich bin fast dankbar, dass Dune ihre Blase entleert hat. Andernfalls wäre ich wohl irgendwann über meiner Liste eingeschlafen und hätte diesen tollen Moment verpasst.

Nebelgrauer Schleier
Umhüllt das Leben
Schwarzer Himmel
Schwarzes Meer
Gleißendes Licht
Erhellt denn Himmel
Bestrahlt das Meer
Rettet das Leben

Weit draußen auf der See fahren Lichter spazieren. Wahrscheinlich ein Kutter, der zur späten Stunde heimkehrt oder sich auf das Auslaufen in wenigen Stunden vorbereitet? Beinahe verliebt schaue ich an meinem Zuhause hoch. Unser Leuchtfeuer wird ihm helfen, damit er sich nicht verirrt, draußen in der schwarzen Nacht. Ein wirklich tolles Gefühl.

Schwanzwedelnd kommt Dune auf mich zu getrappst und setzt sich artig neben mich. Ihre Rute scheint argen Bewegungsdrang zu haben, klopft sie mir damit doch wunderbar regelmäßig gegen die Fußknöchel. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht, atme richtig herzergreifend tief durch und begebe mich zurück. Was freue ich mich auf den Anstieg. Bevor ich Dune wieder durch die Türe lasse, erkundige ich mich nach dem aktuellen Blasenstand. Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber sie sieht schon sehr erleichtert aus. Es steht also nicht zu befürchten, dass es zu weiteren Unterbrechungen meiner Nachtruhe kommt. Dem Hund scheint das alles zu albern. Er quetscht sich an mir vorbei und stürzt bereits nach oben. Ich wünsche mir auch vier starke Beine, gebe mich aber meinem Schicksal der Zweibeinigkeit geschlagen und klettere ihr nach.

Begrüßt vom leichten Brummen des Turmlichts, schleudere ich den Lappen in Richtung Spüle und verfehle diese nur um Sandkornbreite. Kakao ist eben kein Zielwasser. Dune liegt quer über der Koje und ihr Blick sagt mir, dass sie gerne Betten tauschen möchte.

„Nichts da! Das ist mein Schlafbereich und dort ist dein Schlummerplatz. Du liegst nicht in meinem Bereich und ich breite mich nicht auf deinem Platz aus. Ab jetzt!“

Die Hündin weiß, dass sie keine Chance hat und trollt sich. Natürlich legt sie sich nicht ohne diesen schweren mitleiderregenden Seufzschnaufer ab. Ein Lächeln macht auf meinem Gesicht breit – Dune, du bist wirklich eine oscarverdächtige Schauspielerin!

Auf meine Liste habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr. Die Frage mit dem Handy kläre ich Morgen mit mir und die Punkte, die noch auf der Liste fehlen, kann ich auch später noch ergänzen. Seeluft macht müde. Ich werfe noch einen kurzen Blick durch das große Bullauge nach draußen, zwinkere den Sternen zu und lösche sämtliche Kerzen. Gute Nacht mein Herz, gute Nacht Dune, gute Nacht Welt.
Draußen ist es immer noch finster und hätte ich einen Zeitmesser, wüsste ich wie spät es ist. Mein Blick durchs Bullauge landet in der schwarzen Nacht und fern am Horizont sieht es aus, als ob sich der neue Tag langsam heranschleicht. Vielleicht ist es um sieben Uhr herum? Müde sinkt mein Kopf wieder zurück ins Kissen. Dune schläft bombenfest. Meine Bewegungen registriert sie gar nicht. Der Traum der letzten Stunden gräbt sich aus dem Unterbewusstsein nach oben.

Ich sitze vor einer riesigen leeren Kladde und schreibe eine Art Gedicht. Die Worte machen mich zornig und trotzig zugleich. Tränen laufen mir über das Gesicht platschen in salzigen Tropfen auf das Papier. Als wollten sie meine Worte fixieren, träufeln sie sich durch die einzelnen Zeilen. Du stehst hinter mir, legst mir deine große warme Hand auf die Schulter und lächelst. Ohne Worte verstehen wir uns blind. Du weißt was ich denke. Du weißt was ich fühle. Vor allem aber weißt du, dass du mich interessierst.

Wen interessiert es schon?
Was du denkst?
Was du fühlst?
Wie du dich fühlst?
Wie schwarz deine Welt ist?
Wie grau du sie dir malst?
Deine Gedanken an Tod?
Deine Worte über Tod?
Deine Gedanken ans Leben?
Deine Worte über das Leben?
Wie verkorkst deine Tage sind?
Wie schlaflos deine Nächte sind?
Wie zerrüttet deine Seele ist?
Wie zerstört dein Leben ist?
Wie deine Vergangenheit aussah?
Was Heute mit dir geschieht?
Was dich in der Zukunft erwartet?
Die Welt braucht Fun.
Die Welt braucht Spaß.
Die Welt will lachen.
Die Welt will abschalten.
Die Welt will sich amüsieren.
Die Welt will nicht wissen,
Wie du denkst, fühlst, bist.
Wen interessiert das schon?

MICH!

Der Traum ist zu Ende. Langsam verschwindet er wieder im Unterbewusstsein. Das Gefühl, deine Hand auf meiner Schulter zu spüren, bleibt. Ich brauche mich nicht lange überreden. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, bevor ich diesen neuen Tag beginne. Noch ein paar Minuten, in denen ich dieses Gefühl deiner Hand auf meiner Schulter genieße.

Ich will nicht wissen, wie sich die Welt gerade fühlt, was sie denkt oder wie sie ist. Ich möchte einfach nur genießen, und zwar dich. Wohlfühlschlummer.

Die besten Stunden für den Schlaf sind die vor Mitternacht, pflegt mein Mütterchen immer zu sagen. Der wohligste Schlaf verbarg sich jedoch in den Stunden zwischen dem Vorhin und dem Jetzt. Oder waren es nur ein paar Minuten? Draußen verzieht sich in transparenten Schleiern der Morgennebel. Die Sonne steht in prächtigem OrangeGelbRot am Horizont und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon mächtig in der Nase. Am Strand herrscht reges Treiben. Möwen laufen Patrouille auf der Suche nach Krabben und Krebsen. Am Wassersaum liegt eine kleine Robbenfamilie die sich vom Frühstücksfang erholt und von den ersten Sonnenstrahlen das Fell streicheln lässt. Dune schläft immer noch. Das ist auch gut so. So kann ich mich in aller Ruhe sortieren und die Tiere draußen haben noch ein paar Minuten, um den Tag friedlich zu beginnen. Ist der Hund erst losgelassen, war es das nämlich mit der idyllischen Strandruhe.

Ungesund wie jeden Tag ist mein Frühstück. Kaffee und Kippen, das in ausreichender Menge fördert bei mir die Verdauung und gute Laune. Ist beides nur in unzureichender Menge genießbar, dann brauche ich so einen Aufkleber mit schwarzem dicken Rand „Ansprache kann tödlich sein“. Ich bin ein grausliger Morgenmuffel, und wenn dann noch diese beiden für mich wichtigen Tagesstartutensilien wegfallen, dann möchte ich mir bitte nicht selbst über den Weg laufen. Schon für mein Spiegelbild wäre ein solches Treffen verheerend.

Klappert das Geschirr, wird der Hund wach. Und noch bevor sich Dune komplett von ihrem Schlafplatz erhoben hat, mache ich mich vorsorglich auf den Weg zur Tür. 159 Stufen zum Ersten. Was man nicht alles tut. Ich muss grinsen, denke ich doch gerade an diese Sitcom mit Tom Gerhards als Hausmeister Krause: „Alles für den Dackel, alles für den Club!“ Meine Selbsterheiterung findet ein jähes Ende, als sich Dune an mir vorbeidrückt und unrechtmäßig auf der Wendeltreppe rechts überholt. Verschreckt greife ich nach dem Geländer, das an dieser Stelle schon kein festes Gestell mehr ist, sondern lediglich aus drei parallel verlaufenden Trossen besteht. Wie das mit Seilen so ist, sie geben nach, und ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht in diesem Augenblick abgelichtet werde. Das wäre ein geniales Bewerbungsfoto für den Ugly-Face-Award-2006 geworden. Erstaunlicher Weise gelingt es mir ganz gut, mich festzuhalten und gleichzeitig die letzten Stufen in halbwegs vernünftigen Schritten hinter mich zu bringen. Dramatisch wedelnd wartet vor der Tür schon Dune, die den Eindruck vermittelt, als würde sie schon die Hinterbeine zusammenkneifen um nicht wieder den Leuchtturm zu fluten. In der Tat. Kaum vor der Türe setzt sich Madame Dune und öffnet ihr internes C-Rohr. WoW, was für ein Blasendruck am frühen Morgen.








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