Meine Vorfreude

22 10 2009

Meine Vorfreude auf den restlichen Tag wird schlagartig erhöht, als ich den alten R4 vorröhren höre. Ich breche alle Rekorde und bevor sich Max an der Tür die Hand wund hauen kann, öffne ich ihm bereits. Elfengleich hüpfe ich in seinen Arm und freue mich über die Erwiderung meiner Wiedersehensfreude. „Na ihr 2?“

„Bin ich erdickt, wie viele Tote Tanten hast du schon intus oder anders gefragt: Siehst du jetzt schon Doppelbilder altes Haus?“

Noch bevor mir Max die Frage beantworten kann, schiebt sich Dune an mir vorbei nach draußen. Schwanzwedelnd begrüßt sie jeden Schilfhalm mit Vornamen, beschnuffelt jede Sanderhöhung einmal rundum und strullert mit einem Ausdruck der absoluten Erleichterung im Hundegesicht an einen ausgewählten Platz im Sand. Sie sieht so glücklich aus. Glücklich und frei. Einmal spaziert Dune noch gemütlich um den Turm und humpelt wieder an mir vorbei nach oben. Wahrscheinlich rufen die Mutterpflichten.

Max umarmt mich ausgiebigst zur Begrüßung. Er vermittelt mir dieses bekannte Gefühl, dass nichts, aber auch gar nichts, mich bedrohen könnte, dass ich unabdingbar sicher bin und mich so fühlen darf. Es ist so lange her, dass ich so empfunden habe, so empfinden durfte. Und mit jeder Sekunde, die ich in den Armen des starken Sandbauers liege, sein Herz kräftig schlagen spüre und diese Sicherheit und dieses Urvertrauen fühle, mit jeder Sekunde spüre ich dich mehr und mehr. Dieses Gespür beginnt ganz sachte, wie ein „das kenn ich“, über ein „das mag ich“ bis hin zu diesem unglaublichen Gefühl es zu lieben, zu vermissen und nie wieder loslassen wollen. Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Wohlfühlen, ja und eine gewisse Form von Liebe gehen von Max auf mich über und ich fühle mich einfach nur gut. Als Max spürt, dass ich mich mehr und mehr in seiner Umarmung fallen lasse, beginnt er ganz langsam seine Umarmung zu lockern. Ein kleines Stück hält er mich von sich weg und fragt mich mit seinem unglaublich charmanten Lächeln um die Mundwinkel, ob wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen wollen? Klar, will ich. Ich mag die Luft atmen, das Meer hören, ich mag durch den Sand stapfen und schweigen, oder vielleicht ein bisschen reden, mehr über Max erfahren und das eine oder andere Déjà-Vu der letzten Zeit auflösen.

Ich laufe nach oben, verabschiede mich von Fee und Kleine Düne, frage Dune ob sie vielleicht mitkommen mag und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Max ist bereits ein paar Schritte vorgegangen und hat den Wassersaum schon fast erreicht. Dune hat Lust uns zu begleiten und folgt mir. Ich passe mein Tempo ihrem Humpeln an und mit jedem Schritt schaut sie mich, mit einer unglaublichen Dankbarkeit in den Augen, an. Als wir Max erreichen, springt meine Hündin ihm von hinten ins Kreuz und möchte ihn zu einer kleinen Rauferei ermuntern. Nur zu gerne lässt sich unser Sandburgenbauer darauf ein. Die Zwei kämpfen ein bisschen, während ich einfach nur den Blick über das Wasser genieße, die Möwen, die über uns kreisen beobachte und glücklich vor mich hin lächele.

Nach nur zwei oder drei Minuten bemerkt Dune ihre Grenzen. Sie ist eben immer noch recht schwach. Sie verabschiedet sich von Max, gibt mir noch einen dicken Schleck mit auf den Weg und trollt sich zurück zum Turm. Ich glaube, jetzt ist sie richtig angekommen. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist.

Max nimmt mich bei der Hand und nach einer Millisekunde, in der ich diese Energie spüre, wie sie aus seiner Hand in Meine überspringt, drücken wir beide fest zu und gehen los. Ich drehe mich noch einmal um, und bestaune meinen Leuchtturm, wie er sich in kräftigem Rot-Weiß vom Himmel und der Strandkulisse abhebend nach oben reckt.

Viel Glück

Deine Kollegen ein paar tausend Strände entfernt

kämpfen auch heute wieder gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes,

gegen die Stürme des Lebens.

Und der Himmel über dir mein Freund verheißt,

dass auch du heute einen Kampf ausfichst

gegen die Macht der See,

gegen die Stärke des Windes

und gegen den Sturm des Lebens

Viel Glück

Max greift mir von hinten um die Schulter und legt seinen starken Arm um meinen Hals. Wie ich dieses Gefühl der Rückendeckung liebe. So habe ich mit dir am liebsten irgendwo gestanden und etwas betrachtet – Nach vorne hin der gewünschte Ausblick, nach hinten hin dein starker Körper und die Kraft der Umarmung, die mich einlullte.

Ich lehne meinen Kopf an Max Brust an, schiele nach oben und kann sehen, wie er mit traurigem Blick meinen Blick zum Leuchtturm folgt.

„An was denkst du Großer, wenn du den Leuchtturm anschaust? Warum wirkst du so traurig?“

„Hmm.“

„Hmm – du musst nicht reden, wenn du nicht magst. Aber du schaust so nachdenklich und grüblerisch aus.“

„Ich denke an meinen Jungen, Kleines. Daran, wie er diesen Ausblick gemocht hätte. Wie er diesen Anblick geliebt hätte. Ich überlege, was er wohl denken würde, wäre er hier. Er hat das Meer und das Leben am und um die See so sehr geliebt. All das habe ich leider erst viel zu spät erfahren.“

„Tut ganz schön weh, hmm?! Darum bin ich hier. Damit dieser unendliche Schmerz endlich aufhört. Der Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht. Für mich ist das Leben hier die einzig denkbare Möglichkeit, ihm so nah wie möglich zu sein. Er ist mein Leuchtturm. Der Leuchtturm ist er. Und so lebe ich seine Liebe und diese Liebe, das Band, das uns verbunden hat, irgendwie weiter. Verstehst du, wie ich das meine? Und du tust das doch auch in gewisser Weise. Du hast deinen Lebensweg an den Strand gebaut. Du verfolgst mit jedem Schritt, den du durch den Sand gehst, die Liebe, die dich mit deinem Sohn verbindet. Die Liebe, die du nicht leben, nicht mit ihm erleben durftest. Nur hast du keinen Leuchtturm, in den du deine Gefühle, dein Vermissen, deine Sehnsucht, deine Liebe und deine Trauer steckst, sondern du baust sie immer wieder mit deinen Händen auf, in dem du diese göttlichen Skulpturen schaffst.“

„Das hast du schön gesagt, Kleines.“

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, spazieren wir weiter. Kurz bevor wir zur Bucht kommen und sie einsehen können, richtet Max noch mal das Wort an mich.

„Erinnerst du dich an die Überraschung, Kleines, von der ich gesprochen habe? Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit, um dich zu überraschen. Wobei es eigentlich gar nicht mehr wirklich überraschend für dich ist. Du hast sie ja schon entdeckt.“

„Sprichst du von dem Pfahlbau, Max? Ja, den hab ich schon gesehen, schon inspiziert und dank diesem Ding habe ich auch Trionarden mehr unbeantworteter Fragen in meinem Kopf, als mir lieb ist.“

Max lacht und Max schweigt. Ich mag ihn treten und knuffen. Ich hasse es, wenn jemand meine Neugier so auf die Folter spannt.

Am Pfahlbau angekommen, schubbst mich Max die Stiege nach oben und scheint vollkommen desinteressiert an meinen Lobhudeleien und –hymnen auf dieses Gebäude der besonderen Art. Auch wenn ich immer noch nicht verstehen kann, wie es jemand, ohne mein Wissen und ohne ein Bemerken meinerseits, hier in „meiner“ Bucht erschaffen konnte.

Max folgt mir, was mich einerseits sehr hetzt, da ich auf Treppen oder wie hier, solchen Holzleitern es gar nicht leiden kann, wenn mir jemand so dicht am Hintern klebt. Andererseits bin ich ganz froh, da diese Treppe eklig zu erklimmen ist und ich mich doch um ein Vielfaches sicherer fühle mit Max im Kreuz. Nicht, dass es einen Sturz verhindern würde, aber ich würde doch wesentlich weicher fallen. Oben angekommen, setze ich mich erstmal auf das immer noch einladend wirkende Bänkchen und atme meine Angst weg. „Ist das nicht genial?“, frage ich Max und beobachte, wie er einem der hölzernen Gargoyles über der Eingangstür ins Maul fasst und einen Schlüssel herauszieht. Mit dem Schlüssel öffnet er die Türe, die einen zwar recht leisen aber doch durchdringenden Quietschton von sich gibt. „Herzlich Willkommen beim ollen Sandmann, Kleines. Tritt ein, bring Glück hinein und fühl dich wie zu Hause. Magst du eine Schokolade mittrinken?“

Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Wochen, seit dem ich hier her gekommen bin und mich auf das Abenteuer, unseren Traum zu verwirklichen, eingelassen habe, nicht selten dämlich aus der Wäsche geguckt habe. Doch der Blick, der sich jetzt im Moment auf meinem Gesicht manifestiert, scheint durch nichts zu übertreffen zu sein. Gemessen an den Hunderten Fragen, die sich gleichzeitig durch das Netz meiner Gedankengänge schaufeln, muss ich saudoof aus der Wäsche gucken.

„Ent – Entschuldige Max, ich weiß, du bist kein Mann wirklich großer Worte. Aber hierzu brauche ich doch ein bisschen mehr Text. Wie zu Hause? Wie beim ollen Sandmann? Wieso weißt du, wo der Schlüssel ist?“

Wieder lacht Max – und diesmal bin ich mir sicher, dass er mich nicht an- sondern auslacht. Ich weiß zwar nicht, was daran jetzt so furchtbar komisch ist, aber ich harre des Endes dieser Lachsalve und hoffe auf Erklärungen.

Der Sandburgenbauer braucht ein bisschen, bis er sich wieder beruhigt und dann erklärt er mir, dass das sein Pfahlbau ist, auf dem, bzw. in dem wir gerade über der Bucht thronen. Es hat ihn einige Mühe gekostet, bis er endlich jemanden gefunden hat, der ihm eine Baugenehmigung erteilen konnte, denn die Besitzverhältnisse der Bucht scheinen mehr als ungeregelt zu sein. Das Land hat sich dann dafür verantwortlich gezeigt und so dauerte es, dank guter Kontakte, die Max derweil hier geknüpft hat, ein paar wenige Tage und er konnte loslegen. Ein Freund von ihm hat geholfen. Max lieferte die Ideen und dieser Freund schnitzte. Somit ist dieser Bau ein Werk zweier begnadeter Talente. Er habe seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass sich aus uns etwas eigenartiges und ganz besonderes entwickeln würde. Und nachdem er mitbekommen hat, dass ich in den Turm ziehe, hätte er unbedingt in meiner Nähe bleiben wollen, um diese Entwicklung zu beobachten, zu schüren, weiter zu bringen. Eine Bleibe am Hafen sei für ihn nicht in Frage gekommen. Sein Haus weit draußen hätte er selbstverständlich behalten, denn da fühlt er sich ja nach wie vor zu Hause. Aber so hat er immer die Möglichkeit über Nacht zu bleiben, in meiner, in unserer Nähe, wenn er das Gefühl hat, wir könnten ihn brauchen. Und der Unfall mit Dune habe ihm gezeigt, wie richtig seine Entscheidung war.

Ich bin so was von sprachlos, dass ich nicht mal mehr ein „Hmm“ über die Lippen bringen kann. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starre ich Max an. Ich lese seine Lippen, ich höre seine Worte und ganz, ganz langsam wird mir bewusst, was er mir gerade erzählt und wie unglaublich nah ich diesen Menschen an mich heranlasse, ich ihm nichts entgegensetze. Im Gegenteil. Ich freue mich über diese Entwicklung. Ich freue mich, dass er es ist, dem dieser Pfahlbau gehört du ich bin sehr glücklich darüber, ihn so nah zu wissen.

Du setzt das Saxophon von den Lippen ab, reinigst das Mundstück grob mit deinem Pulloverärmel und starrst mich an.

„Sag mal Kleines, wenn du, wie du immer sagst, keine Freunde hast, wer kennt dich dann?“

„Niemand, außer dir vielleicht.“

„Heißt das, dass du einzig mir die Ehre zu teil werden lässt, in dein Herz zu schauen?“

„Jepp.“

„Ich habe Angst bei dem Gedanken daran.“

„Wieso hast du Angst? Was ist so schlimm daran? Diese Mauer um mich herum, dient mir zum Schutz. Ich bestimme, ob ich durch die Schießschachte hinaus auf die Welt schauen mag. Und es liegt ganz alleine bei mir, ob ich die Zugbrücke hinab lasse, um jemandem Einlass zu gewähren. Das gibt mir Sicherheit. So fühle ich mich geborgen. Und du, du weißt doch wo der Schlüssel liegt.“

„Ich habe Angst, dass es niemand merken könnte, wenn dir mal nicht wohl ist, oder schlimmer, wenn die einmal etwas passiert. Das ist doch eine Form von Einsamkeit – wenn auch eine selbstgewählte Form. Aber wie soll ein Mensch wissen, oder spüren, dass es dir nicht gut geht, wenn du es niemanden wissen lässt, und dieses hinter deiner Mauer vor der Welt versteckst?“

„Du bist da. Du bist in meiner Nähe. Du spürst, wenn es mir nicht gut geht. Und du merkst, wenn etwas im Argen liegt.“

„Und wenn ich mal nicht mehr…“

„Wenn du mal nicht mehr bist? Dann merkt es wohl niemand mehr. Dann ist es aber auch egal. Dann ist es mir egal.“

„Versprichst du mir etwas Kleines?“

„Nein!“

„Du weißt nicht, was ich sagen will.“

„Doch, du willst mir erzählen, wie schlimm alles wird, wenn du gehst, weil du gehen wirst und willst, irgendwann.“

„Ja schon, aber…“

„Nichts aber. Ich verspreche nichts, was mit diesem Umstand zu tun haben könnte.“

„Ich wünsche mir doch nur, dass du darüber nachdenkst und vielleicht, irgendwann einmal, wieder einem Menschen die Chance gibst, dich so kennen zu lernen, wie du wirklich bist. Dich kennen zu lernen, und nicht das Bild, dass du allen von dir aufzeichnest, wie eine schlechte Karikatur.“

„Mal schauen. Ich sag jetzt nichts dazu. Ich möchte nichts dazu sagen. Ich möchte nicht darüber nachdenken und ich möchte jetzt keine Entscheidungen treffen müssen, die ich dir zu liebe treffe und mit denen ich später nicht mehr leben mag.“

„Bitte denke drüber nach. Bitte.“

Du nimmst einen Schluck heißen Kakao, lässt ihn durch den Mund fließen als wolltest du jeden Millimeter deines Mundinnenraumes mit Feuchtigkeit benetzen und setzt das Saxophon wieder an. Du spielst „Poor Man’s Moody Blues“ von Barclay James Harvest.

Hast du damals ahnen können, dass mir jemand wie Max über den Weg läuft? Wusstest du damals schon, dass es Menschen gibt, die dir ähnlich sind? Für mich warst und bist du einzigartig. Ist das dein Weg mir zu zeigen, dass dem nicht so ist? Dass du nicht einzigartig, sondern einer von wenigen Menschen bist mit Gefühlen, die sich auf andere Menschen mit all diesen Gefühlen einlassen können und auch möchten?

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”





Mit vielen Unterbrechungen

19 10 2009

Mit vielen Unterbrechungen berichtet mir Max, dass er, an dem Tag als Dune verschwand, zu mir unterwegs war, weil er tolle Neuigkeiten hatte, eine Überraschung. Es sei stockfinster und so stürmisch gewesen, man hätte die Hand vor Augen kaum gesehen, und die Fahrt war der absolute Horror. Entsprechend der Witterung sei er so langsam gefahren, wie er es seinem trotteligen R4 zumuten konnte und plötzlich habe es furchtbar laut gedonnert, aber nicht vom Himmel, sondern am Auto. Max hat sich so furchtbar erschreckt, dass er erst ganz kurz aufs Gas gestiegen ist, und dann die Kiste abgewürgt habe. Nach ein paar Sekunden, die er brauchte, um sich wieder zurecht zu finden, ist er wohl ausgestiegen, um zu sehen was seinem Auto passiert ist und da lag dann Dune. Wahrscheinlich habe sie das Auto erkannt und wollte ihn begrüßen. Er habe sie wirklich nicht gesehen, beteuert er immer und immer wieder.

Als er endlich verstanden habe, was passiert ist, habe er Dune gleich ins Auto getragen. Dort, im regenfreien und relativ trockenen Raum habe er erst genau registrieren können, dass die Hündin schwer verletzt ist. So konnte und wollte er sie mir nicht bringen. Er hatte die Wahl zwischen ein paar weiteren Kilometern zu mir und der weiten Strecke zu Jacques. Max entschied sich für Zweiteres, er wolle alles tun, damit sie das alles überlebt und außerdem sei sie ja auch trächtig gewesen. Auf der Fahrt zu Jacques hat Dune geworfen.

Mich graust es bei der Vorstellung, dass meine arme Kleine ihr Baby auf einer kalten Ladefläche zur Welt gebracht hat.

Insgesamt seien es sechs kleine Welpen gewesen, die wahrscheinlich aber alle, bis auf den Einen, schon bei der Geburt tot waren. Als Max mitten in der Nacht bei Jacques ankam, stand dort gleich die ganze Familie Kopf. Alle halfen und gaben ihr Bestes, um Dunes Leben zu retten.

„Ich habe deine Nachrichten bekommen und mich so geschämt. Ich wollte dich nicht in größere Panik stürzen, als du, so konnte ich es mir denken, durch das Verschwinden von Dune sowieso schon warst. Ich konnte mich einfach nicht melden. Es ging nicht. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das Telefon in der Hand hatte, um dich zu benachrichtigen. Ich habe es einfach nicht fertig gebracht. Und dann beschloss ich, mein Handy einfach abzuschalten und mich erst wieder zu rühren, wenn ich sie dir heil nach Hause bringen kann.“

Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Atemstocken wechseln sich ab. Irgendwie verstehe ich alles, und irgendwie auch gar nichts. Max hält immer noch meine Hand und ich spüre mit jedem Wort, wie unendlich traurig er ist, und wie schwer es ihm fällt, mir das alles zu erzählen.

„Der eine Vorderlauf ist schwer gestaucht, vielleicht sogar angebrochen, aber Jacques hat doch kein Röntgengerät. Er ist in den Gelenken beweglich und Jacques hat ihn gut und fest bandagiert. Selbst wenn er also angebrochen sein sollte, wird es gut verheilen, weil sie die nächste Zeit nicht wirklich Lust haben wird sich viel zu bewegen. Was meinst du, ob wir ihr hier so eine Art Katzenklo reinstellen können, für ihre Geschäfte? Sonst muss sie immer einer runtertragen und wieder rauf, oder sie müsste unten bleiben, und das möchtest du sicher nicht, was ich auch gut verstehen kann. Die lange Wunde am Kopf und am Hals sieht schlimmer aus als sie ist. Sie hat wirklich Glück gehabt, es wurden keine wichtigen Gefäße verletzt. Wahrscheinlich hat sie sich dort am Kühlergrill oder an der Stoßstange aufgerissen“. Den Verband um den Bauch erklärt Max mir mit einem Kaiserschnitt. Erstens war sich niemand sicher, ob die sechs Welpen auf der Ladefläche wirklich alles war und zweitens habe Jacques beim Ertasten noch etwas gefühlt, so dass er es für sicherer hielt, das genauer zu betrachten. Dune sei in der Zwischenzeit so geschwächt gewesen, dass sie zu einer normalen Geburt nicht mehr in der Lage war. Und wie sich herausstellte, war es gut, denn einen Welpen gab es noch.

Ich küsse Max erneut und halte ihn im Arm. Mit jeder Sekunde spüre ich, dass ich ruhiger werde. Meinem Hund ist fürchterliches passiert, aber sie lebt, und ihr kleines Scheißerchen lebt auch. Und wer weiß was passiert wäre, wenn es nicht Max gewesen wäre, sondern irgendein bestusster Raser, der nicht angehalten hätte. Das sind nach meinem Geschmack schon wieder viel zu viele hätte, würde und könnte. Es ist wie es ist. Dune ist schwer verletzt, aber sie lebt und sie schafft es, da bin ich mir sicher.

Ich werfe den zweitausenddreihunderfünfundzwanzigsten Blick auf meinen Hund in dem viel zu kleinen Korb und fange wieder an zu flennen. Nicht, weil sich der Anblick zum zweitausenddreihundervierundzwanzigsten Blick so sehr verschlechtert hätte. Nein, in der Zwischenzeit hat sich die kleine Fee mutig auf den Weg zu ihrer Ziehmama gemacht und nun liegt sie eng angekuschelt an Dune und den Welpen mit im Korb. Ich frage Max ob wir das Trio nicht vielleicht umlagern sollten? Dunes Korb ist um so ein Vielfaches größer. Ich könnte ihr Dinkelkissen erwärmen und sie mit dazu legen.

Mit aller gebotenen Vorsicht heben wir zu Zweit Dune aus dem geflochtenen Gefängnis und heben sie in ihr großes Bett. Gerade auf der Kuscheldecke angekommen, beginnt der kleine Nachwuchs zu schreien an und presst sich noch näher an Fee. Die scheint ganz genau zu wissen, was in dem Kerlchen vorgeht, betrachtet ihn sicher als Leidensgenossen. Die beiden traurigen Gestalten hebt Max gekonnt mit beiden Händen zu Dune und positioniert sie genauso, wie sie die Kinder verlassen hat, zwischen die Vorderläufe, ganz nah an den Brustkorb. In der Zwischenzeit erwärme ich in der Mikrowelle die Dinkelkissen und lege sie zwischen Bett und Decke, dann hole ich meinen Wollpullover und lege ihn noch über Dune. So hat sie meinen Geruch, falls sie zwischendurch mal aufwacht heute Nacht und es ihr an Orientierung mangelt.

Wie aufgescheuchte Hühner laufen Max und ich umeinander und versuchen es den Patienten so wohlig wie möglich zu machen. Dabei vergesse ich komplett meinen Zeh, der sich auch erst zurückmeldet, als ich Schaf unbedingt noch gegen das Tischbein rennen muss. Und damit ist es vorbei. Ich hocke mich auf die Erde, schlage meine Hände vor das Gesicht und weine bitterlich. Jetzt kommt alles raus, die Wut, die Trauer, die Angst, die Panik, die Erleichterung, die Sorge und die Liebe. Alles. Max hebt mich von der Erde auf, hält mich ganz fest im Arm und ich spüre sein Herz gegen meine Wange schlagen. Es schlägt sehr schnell, sehr, sehr schnell. Ich weiß nicht, wie ich ihn jetzt beruhigen und trösten könnte. Aber ich möchte es so gerne.

Jetzt ist er es, der mir einen Kuss auf die Stirn gibt und er sagt:

“Vertrau dir! Folge deinem Herzen! Horche auf dein Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Mir bleibt fast das Herz stehen. Mit riesigen Kalbsaugen schaue ich ihn an, habe den Mund aufgerissen und ringe nach Luft. In diesem Moment zieht er mich noch einmal ganz nah an sich heran, gibt mir einen Kuss und verabschiedet sich. Gedankenverloren geht er die Treppe runter und ruft noch ein leises „Tschüss Kleines, bis Morgen. Ich komme zum Frühstück, so gegen Zehn! Schlaf gut!“ Immer noch stehe ich an der gleichen Stelle und sehe aus, wie vom Blitz getroffen. „Gute Nacht Max“, flüstere ich, nachdem ich die Türe ins Schloss fallen höre. Ich habe noch so viele Fragen. So verdammt viele Fragen habe ich noch. Morgen. Morgen werde ich fragen.

Denn Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist auch ein neuer Anfang.

Die Nacht war sehr kurz und beinahe schlaflos. Immer wieder musste ich nachsehen, ob es meinen drei Mündeln, allen voran meiner Dune, auch wirklich gut ging. Meine Finger haben Hochleistungen erbracht, was Kraulen, Streicheln und Massieren betrifft. Keines der Pfotentiere kam zu kurz und so schlummern sie immer noch, meine drei Turmherrschaften auf elf Pfoten.

Das Wetter hier am Turm, beziehungsweise hier an diesem Landstrich ist vielfach sehr kurios. Es kann durchaus passieren, dass es über uns wie aus Eimern schüttet, während in der Bucht strahlender Sonnenschein herrscht. Heute beginnt der Tag kurios und wunderbunt. Eigentlich ist es noch fast Nacht. Vereinzelt haben es ein paar Sterne geschafft, sich durch die Wolkendecke plumpsen zu lassen. Der Mond hat eine wunderschöne zunehmende Sichelfigur. Trotz den Wächtern der Finsternis, wagen sich bereits die ersten Boten des Tages heran. Am Horizont geht die Sonne auf und man mag bei den vorherrschenden tristen Farben kaum glauben, dass der neue Tag mit soviel Farbpracht Einzug halten möchte. Weiter und weiter klart der Himmel auf und verwandelt sich in eine weißgraue Decke unter der ein paar dunkelgrauere Wolken frühsportlich Fangen spielen. Zu feinen Perlenschnüren aufgereiht, regnet es in senkrechter Richtung und der Blick aus dem Fenster ähnelt dem durch eine Glasgardine, die sich nur ganz seicht im Wind bewegt. Während der Horizont seine Farbenpracht immer tiefer und weiter verteilt, das Orange explodiert und sich mit Gelb und Rot zu Feuerfarben verbündet, entsteht über unserem Turm, ganz langsam ein gigantischer Regenbogen mit Bahnen klar abgegrenzter und beinahe deckender satter Farben. Lila, Grün, Rot, Gelb erstrecken sich genau über das Turmdach und es sieht aus, als überspanne uns die Welt mit einem wunderbunten Glücksband.

Andererseits lässt der graue Teppich, der schwer zwischen dem Farbenfeuerwerk und dem bunten Glücksband liegt, und der Regen bereits erahnen, dass es kein Tag wird, der zum Sonnenbaden einlädt. Aber wer will auch Sonnenbaden, wenn er mit drei leicht- bis schwerverletzten Fellnasen ein Heim teilt und sich aufopferungsvoll um deren Genesung kümmern kann? Das Spektakel hat ganz ordentliche Glühkraft. Bereits eine Stunde lang entwickelt sich der Tag am Horizont und seit einer knappen halben Stunde steht dieser Regenbogen über mir, ohne nur einen Hauch an Farbe zu verlieren oder Transparenz zu gewinnen. Dafür gewinnt der Regen an Kraft. Das lauter werdende Prasseln am Fenster und auf dem Dach weckt das Krankenlager, ausgenommen Fee, die seligst weiterschlummert. Dunes kleiner Welpe, arbeitet sich tapfer zur Zitze vor und genießt ein ausgiebiges Frühstück, während ihm die Mama schon mal das Fell in die richtige Richtung putzt. Durch die leicht ruckenden Leckbewegungen wird dann auch die kleine Katze vom Traumland in die Realität zurückgeschaukelt und mit großen Augen schaut sie sich erstmal um. Ganz schön viel Fell um sie herum, und sie maunzt richtig glücklich beim Anblick ihrer geliebten Ersatzmama. Als sie den Nachwuchs jedoch erblickt, macht sie einen großen Buckel, geht zwei Schrittchen zurück und geht dann wieder auf ihn zu, um Dune bei ihrer Putzarbeit tatkräftig zu unterstützen. Ich bin von diesem Anblick so verzückt, dass ich nicht einmal daran denke, ein paar Fotos zu schießen.

„MiepMiep – MiepMiep“ das profane Standardgebimmel meines Mobiltelefons reißt mich aus der Verzückung. Oha, der Sandmann hat seine Fähigkeit, Kurzmitteilungen zu verfassen und versenden wieder entdeckt. Er schafft es nicht bis um Zehn und kommt etwas später. Hat mich eh schon gewundert, wie er das alles schaffen wollte, in der Kürze der Zeit. Ich meine, er wohnt ja nicht mal gerade nebenan und bei der elenden Piste… Hauptsache ist, er kommt. Ich hab noch so viele Fragen und ich bin auch so unsagbar dankbar, dass er mir meine Dune wieder gebracht hat. Ach Mäxchen.

In Höhe meines Oberschenkels stubbst mich etwas an und da es nicht mit Krallen verbunden ist, schließe ich daraus, dass es nicht Fee ist, die ihren Schultersitz einnehmen möchte. Gleichzeitig höre ich ein vermissendes Quieken und Schreien aus dem Korb – Dune hat sich zu mir bewegt, schwanzwedelnd. „Du musst bestimmt mal, oder? Schau, kannst du dich mit dem Klo kurzfristig arrangieren, oder magst du lieber in die Duschkabine? Mir ist es egal, nur runter geht noch nicht. Gib dir dafür noch zwei, drei Tage Zeit.“ Als hätte sie mich verstanden wirft sie einen Blick ins vorbereitete Katzenklo und in die Duschwanne und entscheidet sich, zu meiner Freude für die erste Variante. Anschließend an das Bächlein, will sie dies allerdings zu scharren, was dazu führt, dass sie das ganze Streu ums Klo herum verteilt. „Hmm, das nächste Mal vielleicht doch die Duschkabine?“ Ohne Maulen und Knurren, fege ich den Unrat zusammen, lobe sie für das kleine Geschäft und geleite sie zurück zu ihrem Korb, wo der Nachwuchs schon ungeduldig wartet. Doch Dune denkt nicht daran, sich wieder hin zu legen. Sie leckt den Youngstar ein paar Mal ab, gönnt auch Fee ein paar Streicheleinheiten und macht sich dann auf einen kurzen Spaziergang durch die Stube. Ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn man ewig und drei Tage zum Liegen verdonnert ist, und einem eh schon alles weh tut, möchte man wenigstens ein paar Schritte tun. Sie tut mir so leid, wenn ich mein Mädchen da herum humpeln sehe. Drei oder vier Runden tappst sie über die Holzbohlen und dann kommt sie noch mal zu mir, gibt mir einen dicken Schlecker und legt sich zu ihren „Kindern“.

Nachdem Fee ihre Ersatzmama gebührend begrüßt hat, kommt Fee zu mir. Wie immer, krallt sie sich an mir hoch, bis sie einen sicheren Sitz auf meinem Schoß hat, maunzt einmal kräftig und lässt diesen Laut in ein wohliges Schnurren übergehen. Und wieder möchte ich heulen. Es ist so schön zu sehen, dass es allen hier gut geht, beziehungsweise so gut geht, wie gerade möglich. Ich frage Fee, ob sie nicht Hunger hat, und beschließe ohne Antwort auf Nichtgehörtes einfach, dass sie eigentlich Hunger haben müsste. So bereite ich unter ihrer Aufsicht ihr Futter, garniere es mit ein paar Leckerlis und freue mich darüber, wie gierig und zufrieden sie den Napf leer schlappt. Kleine Düne, so nenne ich Dunes Nachwuchs vorläufig, bekämpft schmatzend ebenfalls das Hungergefühl und nachdem auch Dune über den Korbrand hinweg ein paar Schlecker durch ihre Schale getan hat, scheinen alle Patienten wohlig satt und zufrieden.

Nun wird es auch für mich Zeit für ein Frühstückchen. Da der Brötchendienst sich ja entschuldigt hat, bereite ich mir ein Vollkornbrot und brutschele mir ein Spiegelei dazu. Kaum ist alles wieder weitestgehend in Ordnung, ist auch der Appetit wieder da. Nur nach draußen darf man immer noch nicht gucken. Der tolle Tagesanfang hat natürlich nicht gehalten, was er versprach und es hat sich so was von eingeregnet, das ist nicht mehr feierlich. Solange nur das Wetter nicht feierlich ist, ist ja in Ordnung. In meinem Herzen ist es feierlich. Mein Magen feiert ein kleines Fest ob der relativ gesunden Nahrungsaufnahme und das Stilbild mit elf Pfoten lädt nahezu dazu ein, einen neuen Geburtstag zu kreieren, oder einen Zusammenführungstag oder einen Tag der „türmischen“ Vereinigung oder der stürmischen Vereinigung, wenn man sich das Wetter betrachtet. Egal, wie dieser Tag genannt wird, er wird sicher nicht vergessen werden und jedes Jahr aufs Neue bedacht. „Leuchtstürmischer Glückstag“, das gefällt mir und so trage ich es auch gleich in meinen Timer ein. Zwei Worte, die alles sagen. Nicht ganz so gut, aber fast so alles beschreibend wie dein:

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Und jetzt, jetzt ist alles gut.





Mir fällt ein Zwiegespräch ein

22 08 2009

Mir fällt ein Zwiegespräch ein, das ich mal zu Papier brachte:

“Hallo, du. du kleiner Schimmer dort – wer bist du?”

“Hallo Mond. Ich bin ich – ein Licht”

“Ein recht kleines Licht.”

“Verglichen mit dir sicher. Klein aber stark.”

“Stark? Schau mich an. Ich bin stark. Stark gebaut. Nach mir sehnt sich die Menschheit. Mich zu entdecken ist ihr Traum. Mit mir spricht man. Um mich ranken sich Geschichten. Ich rege die Phantasie an. An mir orientieren sich Reisende!”

“Sicher. Ich sehe nicht aus wie du. Bei nacht wirke ich nicht so imposant und emporstrebend wie tags. Aber auch ich bin stark. 400 Watt misst die Leistung meines Lichts. Mich zu erklimmen, danach strebt der Mensch. Mich zu entdecken ist ein erfüllbarer Traum für viele tausend Menschen jeden Tag. Von mir werden Helden- und Liebesgeschichten erzählt. Ich rege die Phantasie an. Auf mich verlassen sich Reisende. Sie setzen ihre Hoffnungen in mich und meine Kraft – in mein Leuchten – meine Hilfe – meine Stärke. Sie setzen auf mich.”

“Du bist aber klein!”

“Im Schein. Nicht im Sein.”

Nun schließt sich das letzte blaue Loch im Himmel auch noch und eine dicke graue Wolke schiebt sich hinein, als wolle sie das Firmament sonnendicht verschließen. Aus einzelnen Tropfen entstehen ganze Sturzbäche, die sich von oben ergießen und ich sitze jetzt nicht nur mehr in Schafhaufen, sondern werde auch noch von einem Haufen Schafe dicht bedrängt und zu gekuschelt. Das passt alles so prima zu meiner Fassungslosigkeit.

Mit drei oder vier eleganten Sprüngen kommt lautbellend Dune auf mich herabgeplumpst. Sie hat die Herde einfach “überrannt” und sitzt mir nun zur Hälfte auf dem Schoß, während das Hinterteil noch versucht sich aus der Schafwolle zu befreien. Ich komme mir vor, wie in einem ganz schlechten Film. Das alles passt nicht mehr zusammen, nicht mehr zu mir und ich frage mich erneut, was wohl jetzt als Nächstes kommen mag. Langsam wird es echt eklig und ich entscheide mich nun doch, wieder am Leben teilzunehmen. Außerdem ist es sicher ratsam, wenn wir bald den Rückweg antreten. Wenn das so weiterschüttet, kommen wir mit dem R4 sicher noch gut in Schlaglöcher hinein, aber nicht mehr so schnell wieder hinaus. Es ist gar nicht so einfach, sich aus einer regentriefenden Herde Schafe zu befreien, wenn diese Schafe nichts schöner finden, als Wollkleid an Wollkleid dicht beisammen zu stehen und den Niederschlag über sich ergehen zu lassen. Ich komme mir vor, als hinge ich inmitten eines rekordverdächtig großen nassen Schwamms und würde einfach das richtige Loch mit der Verbindung nach Außen nicht finden. Dune hat’s da schon leichter – die hüpft, so wie sie gekommen war, einfach über die Meute weg und kläfft mir von der anderen Seite Mut zu. Ich werde sicher kein Sheepdiving betreiben, ich nicht.

Ich bin draußen! Ich hab’s geschafft. Wie genau, kann ich gar nicht sagen. Es war mit viel Schubbsen und Drängeln verbunden. Schaue ich in die tränenüberströmten, lachenden Gesichter von Max und Jacques, überkommt mich genau jetzt eine große Lust, einfach wieder in der Masse zu verschwinden. Da ist es nass, es stinkt und klebt ganz eigenartig, aber dort werde ich wenigstens nicht ausgelacht. In diesem Moment beginnen fünf Mutterschafe gleichzeitig an zu blöken und ich treffe für mich an diesem Tag die Entscheidung, dass die ganze Welt schlecht und gegen mich ist.

Max hat sehr großes Interesse daran heute noch nach Hause zu fahren. Allerdings bedeutet das, dass er nur cirka drei Kilometer fahren muss, im Zweifel sogar zu Fuß gehen könnte. Mir wird ganz schnell klar, dass ich vielleicht mal ein freundlicheres Gesicht auflegen sollte, denn sonst kann ich das zehnfache an Kilometern gehen, oder teils schwimmen teils gehen – auf alle Fälle nicht im unbequemen Maxmobil fahren. Ganz lieb und mit einer fast säuselnden Stimme, die mir so gar nicht steht, frage ich, ob es möglich wäre, dass er seine drei Lieblingsdamen vom Turm denn noch zurückbringt. Er brummelt und überlegt, brummelt erneut, und nimmt sich einen Kurzen, danach brummelt er noch mal was und fragt mich dann, ob ich ihm wirklich solch eine Niedertracht zutraue. Mit ganz großen Augen und aller Überzeugung, die ich nach diesem Tag noch zusammenkratzen kann, antworte ich mit einem klaren: “Ich??? Niemals!” Eine dreiviertel Stunde später sind wir wieder auf der Piste und ich bin heilfroh, dass nicht alle 19 Mäuler von Jacques Familie zum Abschied da waren.

Die Fahrt verläuft im gegenseitigen Einverschweigen. Ich kann mich an der kleinen gesunden Fee nicht satt kraulen, Dune scheint im Schlaf über eine Schafstraße zu laufen und unser aller Fahrer konzentriert sich mit sehr ernster Mine auf den Verkehr und die immer wieder in den Weg springenden Schlag- und Schlammlöcher. Wir hätten keine Stunde später losfahren dürfen, die Strecke ist wirklich die Hölle. Wie gerne würde ich es Dune nachtun und auch ein wenig Augenpflege betreiben. Doch die regelmäßigen Konfrontationen zwischen der Autodecke und meinem Haupt, lassen mich davon Abstand nehmen. Außerdem muss ich Fee gut festhalten, damit sie bei allen Traumata nicht noch das des zwanghaften Trampolinspringens dazu bekommt. Bei diesem Geruckel und Gehoppse kann man noch nicht mal in Ruhe nachdenken. Allerdings bin ich mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das möchte. Ich habe an Stelle des Gehirns sauren Krautsalat, da bin ich fest von überzeugt. Wieder einer der Momente, in denen ich dich so vermisse, dass es weh tut. Du liebtest diesen Krautsalat. Du wusstest ihn richtig anzurichten, dir schmackhaft zuzubereiten und ihn ganz seicht und vorsichtig zu verzehren. Dieses Gefühl in meinem Kopf hielt nie lange an, wenn du dich ihm erst einmal angenommen hattest.

Vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten später – endlich kann ich das Leuchtfeuer sehen und es beschleicht mich eine wohliges Glücksgefühl. Mein Turm ist noch da, er arbeitet fleißig und in wenigen Minuten kann ich mich in meine Koje schmeißen, die Augen schließen und hoffen, dass ich diesen komischen Tag im Schlaf verdauen kann.

Kurz bevor wir am Turm ankommen fragt Max, ob er vielleicht bleiben dürfe. Er würde sich auch ganz klein machen, was mir ja schon wieder ein breites Grinsen entlockt. Aber fast die gleiche Strecke jetzt wieder zurück, das wolle er nicht. Ich möchte das auch nicht. Ich würde umkommen vor Sorge, entgegne ich ihm, und lade ihn selbstverständlich auf die Schlafcouch ein.

Max macht sich wirklich klein. Jeder von uns genießt eine heiße Dusche und gemeinsam schlürfen wir im Anschluss eine heiße Schokolade. Schweigend. Heute weiß ich nicht, ob mir das Schweigen gefällt oder nicht. Ich mag aber auch kein Gespräch suchen, weil der Krautsalat so sauer ist und ich einfach nur unfassbar müde bin. Fee bekommt noch ihren Schlabber, Dune eine kleine Dose Futter mit satten vier Prozent Fleischanteil, und weil sie so artig war, bei Jacques und nicht während meiner Abwesenheit, lege ich ihr den großen Rinderknochen hin, den uns der Onkel Nicht-Wirklich-Doktor mitgegeben hat. So ein Bauer in der Familie, der gleichzeitig über tierärztliche Kenntnisse verfügt, ist wirklich ein Segen. Nach der Raubtierfütterung wende ich mich nun doch an Max, muss aber feststellen, dass er es sich auf der Couch so gemütlich gemacht hat, dass er bereits im Schlummerland weilt.

Der letzte Blick aus dem Fenster für heute. Der letzte Blick in tiefes Schwarz. Ein letzter Blick, in die gerade erst muntergewordene Nacht. Auch ich lege mich schlafen. Fee liegt wie ein winziger Fellball auf meinem Kopfkissen und das aller erste Mal höre ich sie schnurren. Ein ganz leises und zartest „GrrrrrrschrrrrrGrrrrSchrrrrr“ drängt sich aus dem Kissen an mein Ohr. Tränen der Rührung verlassen meine Tränenkanäle. Ist das süß. Und sie hat alle Chancen dieser Welt, eine wunderschöne Katzendame zu werden. Dafür werden wir sorgen! Dune ist so mit dem Knochen beschäftigt, dass sie erst gar nichts von meinen Zubett-Geh-Aktivitäten mitbekommt. Meine Hündin ist sogar so weise, dass sie das riesige Teil ins Erdgeschoss geschleppt hat, um ihn dort ganz alleine, ohne Zuschauer zu zermalmen. Das Knacken des Knochens dringt, geleitet durch die röhrenartige Form der Wendeltreppe zu uns hinauf, aber schon bald habe ich dieses Knacken mit in meine Träume eingebaut.

Ich vertraue jetzt einfach in mich und meine Stärke. Ich höre auf mein Herz und gehe nach meinem Bauchgefühl. Beide sagen: Alles wird gut! Na also!

Für mich beginnt jetzt die grausamste aller Zeiten: Weihnachten. Ich kann diesem Fest der vorgegaukelten Liebe so gar nichts abgewinnen und freue mich umso mehr, dass ich es hier in meinem Turm verbringen darf. Fern ab von jedem Geschenketerror, werde ich es mir einfach gut gehen lassen. Sollen sich die anderen doch in überfüllte Läden stürzen, Geschenke kaufen, die dann sowieso wieder umgetauscht werden, und an Heilig Abend sind alle ganz grün im Gesicht, weil die Vorweihnachtszeit so anstrengend war und die Dominosteine schon seit September so gut schmeckten.

Ich hatte Geschenke genug in den letzten Wochen. Da war das mit dem Traum hier zu wohnen, der sich erfüllt hat. Und da kann kein Geschenk der Welt gegen anstinken.

Seit unserem Tag bei Jacques und der kurzen Nacht danach, habe ich von Max nur noch zwei oder drei kurze SMS bekommen. Er scheint sich zurück zu ziehen und ich sorge mich um meinen alten Sandmann. Ich weiß gar nicht, wie der Kontakt zu seiner Familie ist, und ob er vielleicht mit ihr Weihnachten verbringt? Mir soll’s gleich sein. Ist er hier, ist er auch herzlich Willkommen, solange er nicht auf Gänsebraten oder irgend so einen ekligen Kram besteht. Bestenfalls kann ich ihm BoKaSa anbieten, mehr Stress tu ich mir nicht an. Ist er nicht hier, freue ich mich auf kalte und stürmische Tage im Turm, mit ganz viel von dir und mit Hundis, Katz und Leuchtfeuer.

Dune ist ordentlich rund um den Bauch geworden und sie frisst seit ein paar Tagen wie ein Scheunendrescher. Wenn ich richtig gerechnet habe und Jacques ein bisschen was von seinem Job versteht, müsste es eigentlich beinahe täglich soweit sein. Zudem wird sie immer unruhiger und sucht die paar Quadratmeter des Turms wahrscheinlich nach einer passenden Geburtsstätte ab. Dabei habe ich ihr eigens einen riesigen Korb gekauft, der genau unter das Fenster passt. Es wird mächtig eng hier, wenn der Wurf erstmal da ist – nein, erst später, wenn der Wurf das Laufen lernt. Aber soweit sind wir noch nicht! Wo ich gerade beim Thema bin, begehrt sie auch schon wieder nach Ausgang.

Fee hat sich prächtig entwickelt. Sie hat gut zugenommen, an Stärke gewonnen und traut sich sogar mittlerweile hin und wieder der werdenden Mutter Kontra zu geben. Dank mangelnder Sozialisierung und dadurch fehlendem Selbstbewusstsein, hat mich Fee zur zweiten Ersatzmama ausgerufen. Das hat zur Folge, dass ich keinen Schritt mehr ohne das Fellmonster machen kann. Und wenn ich nicht daran denke, sie früh genug auf meine Schulter zu setzen, dann springt sie mir an die Waden, hakt sich mit den verbliebenen drei Pfoten nicht nur in den Hosenstoff, sondern auch in meinen Stoff aus dem die Wade ist und lässt sich mitziehen. Sie muss und will überall dabei sein, und ich kann es dem armen Tierchen noch nicht einmal übel nehmen.

Dune absolviert einen kleinen Dauerlauf am Strand entlang und das Letzte was ich von ihr sehen kann ist ihre Rute, wie sie hinter einer Düne verschwindet. Mit Fee auf der Schulter und einem behaglichen Schnurren im Ohr, überlege ich mir, wie ich den lieben Daheimgebliebenen schonend beibringe, dass ich Weihnachten nicht in Beuel, bei Beuel oder um Beuel herum sein werde. Die Ausrede Geld ist ganz schlecht – schneller als ich gucken kann, habe ich die Flugkosten als Haben auf meinem Konto verbucht und von einem netten Menschen als Weihnachtsgeschenk deklariert. Zuviel Arbeit kauft mir auch keiner ab. Bleibt nur …, genau, die Tiere. Dune ist immerhin trächtig und die Welpen werden zum Fest gerade mal ein paar wenige Wochen alt sein. Ich kann Max nicht zumuten den Dogsitter zu geben und Fee kann ich eh nicht alleine lassen, so fixiert wie sie auf mich ist. Sie mitnehmen geht aber auch nicht – ich bringe es nicht übers Herz sie wieder in eine Kiste zu stecken, damit sie im riesigen Bauch des Fliegers verschwindet.

Ich kann niemandem begreiflich machen, dass ich das Fest mit dir hier verbringen möchte. Bestens kann ich mir ausmalen, was ich mir dann anhören darf und darauf hab ich salopp gesagt: Null Bock.

Also halten die Tiere als richtig echte Entschuldigung her.

Entschuldigen mag ich mich aber erst Morgen. Heute ist mir nach Gammeln, Dösen, Schlummern, Schmusen. Was heißt hier eigentlich heute? Mach ich die letzten Tage etwas anderes? Es ist aber auch zu einladend hier oben. Draußen kann es stürmen und schneien, hier ist es kuschelig warm, ich habe zwei nette Mitbewohnerinnen, die hin und wieder leicht anstrengend sind, aber nur ganz leicht. Der Kerzenschein hüllt die Turmwohnung in ein faszinierendes Licht und ich kann mich einfach nur wohlfühlen. Das Einzige, was mich immer wieder traurig werden lässt, ist der Gedanke, dass ich das nicht mit dir erleben kann. Ich weiß noch ganz genau, wie du mir von dieser Jahreszeit vorgeschwärmt hast, die nirgendwo besser zu ertragen ist als hier. Du hast es mir ausgemalt in den wundervollsten Farben, das Leben im Turm, und ich bin fast ein bisschen stolz, dass ich es genauso umgesetzt habe. Auf diese Weise bist du mir nah, näher – bestmöglich nah. Noch näher, und du würdest von den Toten auferstehen.

„Du Kleines, darf ich dich was fragen?“

„Du bist der einzige Mensch, der alles fragen darf und auch auf alles Antworten bekommt, so ich sie kenne.“

„Stehst du auf diesen Weihnachtsmist?“

„Nein – schon lange nicht mehr. Warum fragst du?“

„Würdest du mit mir fortgehen?“

„Wohin?“

„Überallhin.“

„Wie, überallhin?“

„Sag mir, wohin würdest du wollen?“

„Hmm, an einen Strand, mit einem Leuchtturm. Toll wäre, wenn es ein Strand in einem warmen Land wäre – ist aber nicht zwingend. Aber der Leuchtturm – der ist absolutes Muss. Und an seinem Fuß, möchte ich dann einfach nur sitzen, Schoggi trinken, deinem Saxophonspiel zuhören und glücklich sein.“

„Das würde dich glücklich machen?“

„Alles, was mit unserem Traum vom Turm und dir zu tun hat macht mich glücklich.“

„Was ist Glück für dich?“

„Das ist schwer zu beschreiben. Wie gesagt, unser Traum ist Glück – du bist mein größtes Glück, aber ein kleines Gänseblümchen, dass sich wacker auf dem Rasen gegen den Rasenmäher stemmt ist auch Glück für mich.“

„Und sonst?“

„Nichts und sonst. Es gibt viele Sachen, mit denen man mich glücklich machen kann – aber eben nicht so Sachen wie viel Geld, ein Haus, ein dickes Auto oder so.“

„Gut, dann verbringen wir Weihnachten im Glück.“

„Verstehe ich dich jetzt?“

„Wir stellen uns vor, unser Traum sei schon wahr geworden. Wir nisten uns hier ein, schließen die Tür ab, legen die Sealife-CD ein, ich spiele Sax zum Meeresrauschen und wir trinken Unmengen an heißer Schokolade. Wir tun einfach so, als wären wir nicht da. Hast du Lust?“

„Aber sicher hab ich Lust. Ich bin dabei. Aber…, aber was wenn?“

„Was wenn was?“

„Na, wenn der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten hier bei uns am Leuchtturm vorbeikommt, um uns herum kreist und hinein will, weil wir doch gar keinen Kamin haben?“

„Dann knippsen wir ihm einfach das Leuchtfeuer aus. Was meinst du, was der doof guckt!“

Ich muss furchtbar anfangen zu lachen und bebe dabei so heftig, dass Fee sich erschreckt, von meiner Schulter rutscht und sich beherzt versucht in meinem Rückenfleisch zu halten. Langsam komme ich mir vor wie ein lebendiger Kratzbaum, und ich sehe auch so aus.

Gemeinsam mit der Mieze kuschele ich mich auf die Couch und starre Löcher in die Wolkendecke draußen. So einmal die Woche ein klitzekleines Stück Blau am Himmel wäre ja schon toll. Ich krame in meinem Portemonnaie und fingere nach deinem Bild. Es ist schon ganz vergilbt und abgegriffen. Mich beschleicht ein wenig die Angst, dass du irgendwann nicht mehr zu erkennen sein wirst und ich dann nur noch mit meiner Erinnerung vorlieb nehmen kann.

Meine Erinnerungen an dich sind bunt, farbig und fröhlich, keine Frage. Aber hin und wieder brauche ich einfach den Blick in dein Gesicht, den schmalen Bart, den ich fast fühlen kann, wenn ich nur lange genug hinschaue, und der mich immer so gepiekt hat, wenn du mich geküsst hast. Deine Augen werde ich nie vergessen, trotzdem ist es was anderes, in diesen bergseeblauen Augen auf dem Bild zu versinken. Als würde sie mich verstehen, legt Fee ihren Stumpf auf das Bild und maunzt mich an. „Gell – der würde dir auch gefallen? Wäre sicher ein super Dosenöffner und ein genialer Ersatzpapa.“

Der Beste!





Ich horche und lausche.

31 07 2009

Ich horche und lausche. Ich fühle und taste. Ich bin ganz Ohr. Ich spüre mein Herz aufgeregt schlagen. Und in meinem Bauch grummelt es so laut, dass sogar Dune mich mit Ohren auf “Halb Acht” anschaut, als wolle sie eine Erklärung für diesen Lärm. Hunger, es ist wohl einfach nur Hunger. Der Hunger nach der See, nach der Luft hier und nach der direkten Nähe zu diesem Leuchtturm, diesen Hunger werde ich wohl nie stillen können. Was das betrifft bin ich ein kleiner Nimmersatt?! Der Hunger nach fester Nahrung lässt sich ruckzuck abstellen, wenn ich hier nicht den ganzen Tag mit den Füßen im Sand buddel; wenn ich nicht permanent nach Erklärungen für diesen Satz suche; wenn ich mich hätte nur eine Stunde früher von hier trennen können. Jetzt ist alles zu. Ladenschluss. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als wieder zur Tütensuppe zu greifen.

Es ist immer noch recht warm. Es kann nicht Oktober sein. Einzig am Sand spüre ich, dass es bald Nacht wird. Obwohl er für diese Jahreszeit erstaunlich lange die Sonnenwärme speichert, wird der Sand langsam klamm und kühl. Meinem Wohlgefühl tut das keinen Abbruch. Barfuß im Sand ist besser als jede warme Socke, als jeder bequeme Latschen, als jede passende Sandale.

Meine Liste ist nach wie vor leer. Was ich heut hätt könnt besorgen, verschieb ich wiedermal auf Morgen. Morgen ist ein neuer Tag und jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Morgen werde ich die Liste erstellen. Mein erster Winter hier im Turm. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass dieser Traum wahr wurde. Unser Traum.

Wieder lege ich den Kopf in den Nacken. In den Händen halte ich die wärmende Tasse heiße Schokolade. Vom mittlerweile nachtschwarzen Himmel lächeln mir Abermillionen Sterne freundlich zu. Draußen auf dem Meer zanken sich die Möwen lauthals um die besten Nachtplätze.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kakao nicht ausreicht und darum gehe ich ihm jetzt nach und erklimme den Turm. Ich folge dem Ruf der Tütensuppe, auf den du nie gehört hast, denn du hasst diese Instantplempe. Aber du musst sie ja auch nicht essen. Gute Nacht mein Herz.

  • Dein Bild;
  • Dinkelkissen;
  • Wärmflaschen;
  • Wollpullover;
  • Wollsocken;
  • lange Unterhose;
  • meine Kuscheldecke;
  • Dunes Kuscheldecke;
  • Zeichenkoffer;
  • Erste-Hilfe-Koffer;
  • Schreibkladde;
  • Bleistifte;
  • Anspitzer;
  • Kerzen; Teelichter;
  • Handy

.. Handy? Warum schreibe ich das Handy mit auf die Liste?

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz“.

Mein Herz sagt, ich soll das Handy dem Meer übergeben. Ich vertraue mir und bin sicher, dass ich es nicht brauchen werde. Ich will es nicht brauchen. Ich will keine Uhr mitnehmen. Ich werde das Radio im Schrank verstauen. Und dieses Zeichen der immerwährenden Erreichbarkeit will ich auch nicht. Aber kann ich in meine Mitmenschen vertrauen? Was, wenn ich nicht erreichbar bin? Das Mütterchen ist nicht mehr ganz fit. Was, wenn etwas Unvorgesehenes passiert, nicht mit mir, sondern mit anderen? Muss ich dann nicht erreichbar sein? Ich tröste mich damit, dass es vor dreißig, fünfzig oder gar hundert Jahren auch noch keine mobilen Telefone gab. Früher schickte man eine Postkutsche von Ort zu Ort. Man schrieb sich noch Snailmails und musste diesen ekelhaften Geschmack der Briefmarken den ganzen Tag auf der Zunge ertragen.

Dunes Gejammer reißt mich aus meinen Gedanken. “Boah Hund, du warst doch den ganzen Tag draußen!” Was das angeht müssen wir irgendeine Lösung finden, Dune. Wir leben hier nicht mehr im Erdgeschoss mit Direktverbindung in die Rheinauen. Du hast vier Läufe, meine Wenigkeit verfügt nur über zwei unförmige Stelzen, die mich 159 Stufen tragen müssen, und zwar runter und dann auch wieder rauf. Wir sind hier ungefähr 35 Meter von der Erdoberfläche entfernt. Also, nicht, dass ich das nicht alles vorher gewusst hätte. Aber wenn ich mir zweimal überlege, ob ich den Müll gleich oder später hinunter bringe, dann kannst du dir auch bitte vorher überlegen, ob du alle Dünen zu deiner Zufriedenheit markiert hast, oder nicht?

Während ich auf den armen Hund einrede als gäbe es kein Morgen mehr, senkt sie leicht ihr Hinterteil und lässt ihrem Harndrang freien Lauf. Na super. Würde mich schon interessieren, was du den ganzen Tag gemacht hast? Ich pelle mich aus meiner herrlich warmen Koje, streife mir die schweren grünroten Wollsocken über, die mir eine liebe Bekannte zum Einzug hier geschenkt hat, fingere im Spülbecken nach einem Lappen, greife mir die Haushaltsrolle und beginne mit dem Abstieg. Halt! Stopp! Die Mülltüte. Mütterchen sagt immer, dass man Wege sinnvoll nutzen soll. Unten angekommen öffne ich die schwere Eisentür für den Hund. So, ab raus und alle Geschäfte erledigen, die es zu erledigen gilt junge Frau. Ich mag dieses Spiel nämlich nicht wirklich.

Während Dune mit der Nase Bodenkontakt sucht und sich nach draußen in die Nacht trollt, beseitige ich das feuchte Malheur. Die nassen Tücher packe ich noch in den Beutel und verbringe den gesamten Sack in die dafür vorgesehene große Tonne nach draußen.

Es ist so wundervoll mild. Es scheint draußen viel wärmer zu sein als drinnen, vielleicht liegt es an der Höhe, dass es mir dort oben so kühl vorkommt? In regelmäßigen Abständen erleuchtet unser Turmlicht den Nachthimmel. Ich spüre wie sich Gänsehaut Pore für Pore auf mir ausbreitet. Ich friere nicht. Es ist diese wohlige Gänsehaut, Wohlfühlhaut. Ich bin fast dankbar, dass Dune ihre Blase entleert hat. Andernfalls wäre ich wohl irgendwann über meiner Liste eingeschlafen und hätte diesen tollen Moment verpasst.

Nebelgrauer Schleier
Umhüllt das Leben
Schwarzer Himmel
Schwarzes Meer
Gleißendes Licht
Erhellt denn Himmel
Bestrahlt das Meer
Rettet das Leben

Weit draußen auf der See fahren Lichter spazieren. Wahrscheinlich ein Kutter, der zur späten Stunde heimkehrt oder sich auf das Auslaufen in wenigen Stunden vorbereitet? Beinahe verliebt schaue ich an meinem Zuhause hoch. Unser Leuchtfeuer wird ihm helfen, damit er sich nicht verirrt, draußen in der schwarzen Nacht. Ein wirklich tolles Gefühl.

Schwanzwedelnd kommt Dune auf mich zu getrappst und setzt sich artig neben mich. Ihre Rute scheint argen Bewegungsdrang zu haben, klopft sie mir damit doch wunderbar regelmäßig gegen die Fußknöchel. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht, atme richtig herzergreifend tief durch und begebe mich zurück. Was freue ich mich auf den Anstieg. Bevor ich Dune wieder durch die Türe lasse, erkundige ich mich nach dem aktuellen Blasenstand. Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber sie sieht schon sehr erleichtert aus. Es steht also nicht zu befürchten, dass es zu weiteren Unterbrechungen meiner Nachtruhe kommt. Dem Hund scheint das alles zu albern. Er quetscht sich an mir vorbei und stürzt bereits nach oben. Ich wünsche mir auch vier starke Beine, gebe mich aber meinem Schicksal der Zweibeinigkeit geschlagen und klettere ihr nach.

Begrüßt vom leichten Brummen des Turmlichts, schleudere ich den Lappen in Richtung Spüle und verfehle diese nur um Sandkornbreite. Kakao ist eben kein Zielwasser. Dune liegt quer über der Koje und ihr Blick sagt mir, dass sie gerne Betten tauschen möchte.

„Nichts da! Das ist mein Schlafbereich und dort ist dein Schlummerplatz. Du liegst nicht in meinem Bereich und ich breite mich nicht auf deinem Platz aus. Ab jetzt!“

Die Hündin weiß, dass sie keine Chance hat und trollt sich. Natürlich legt sie sich nicht ohne diesen schweren mitleiderregenden Seufzschnaufer ab. Ein Lächeln macht auf meinem Gesicht breit – Dune, du bist wirklich eine oscarverdächtige Schauspielerin!

Auf meine Liste habe ich jetzt wirklich keine Lust mehr. Die Frage mit dem Handy kläre ich Morgen mit mir und die Punkte, die noch auf der Liste fehlen, kann ich auch später noch ergänzen. Seeluft macht müde. Ich werfe noch einen kurzen Blick durch das große Bullauge nach draußen, zwinkere den Sternen zu und lösche sämtliche Kerzen. Gute Nacht mein Herz, gute Nacht Dune, gute Nacht Welt.
Draußen ist es immer noch finster und hätte ich einen Zeitmesser, wüsste ich wie spät es ist. Mein Blick durchs Bullauge landet in der schwarzen Nacht und fern am Horizont sieht es aus, als ob sich der neue Tag langsam heranschleicht. Vielleicht ist es um sieben Uhr herum? Müde sinkt mein Kopf wieder zurück ins Kissen. Dune schläft bombenfest. Meine Bewegungen registriert sie gar nicht. Der Traum der letzten Stunden gräbt sich aus dem Unterbewusstsein nach oben.

Ich sitze vor einer riesigen leeren Kladde und schreibe eine Art Gedicht. Die Worte machen mich zornig und trotzig zugleich. Tränen laufen mir über das Gesicht platschen in salzigen Tropfen auf das Papier. Als wollten sie meine Worte fixieren, träufeln sie sich durch die einzelnen Zeilen. Du stehst hinter mir, legst mir deine große warme Hand auf die Schulter und lächelst. Ohne Worte verstehen wir uns blind. Du weißt was ich denke. Du weißt was ich fühle. Vor allem aber weißt du, dass du mich interessierst.

Wen interessiert es schon?
Was du denkst?
Was du fühlst?
Wie du dich fühlst?
Wie schwarz deine Welt ist?
Wie grau du sie dir malst?
Deine Gedanken an Tod?
Deine Worte über Tod?
Deine Gedanken ans Leben?
Deine Worte über das Leben?
Wie verkorkst deine Tage sind?
Wie schlaflos deine Nächte sind?
Wie zerrüttet deine Seele ist?
Wie zerstört dein Leben ist?
Wie deine Vergangenheit aussah?
Was Heute mit dir geschieht?
Was dich in der Zukunft erwartet?
Die Welt braucht Fun.
Die Welt braucht Spaß.
Die Welt will lachen.
Die Welt will abschalten.
Die Welt will sich amüsieren.
Die Welt will nicht wissen,
Wie du denkst, fühlst, bist.
Wen interessiert das schon?

MICH!

Der Traum ist zu Ende. Langsam verschwindet er wieder im Unterbewusstsein. Das Gefühl, deine Hand auf meiner Schulter zu spüren, bleibt. Ich brauche mich nicht lange überreden. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, bevor ich diesen neuen Tag beginne. Noch ein paar Minuten, in denen ich dieses Gefühl deiner Hand auf meiner Schulter genieße.

Ich will nicht wissen, wie sich die Welt gerade fühlt, was sie denkt oder wie sie ist. Ich möchte einfach nur genießen, und zwar dich. Wohlfühlschlummer.

Die besten Stunden für den Schlaf sind die vor Mitternacht, pflegt mein Mütterchen immer zu sagen. Der wohligste Schlaf verbarg sich jedoch in den Stunden zwischen dem Vorhin und dem Jetzt. Oder waren es nur ein paar Minuten? Draußen verzieht sich in transparenten Schleiern der Morgennebel. Die Sonne steht in prächtigem OrangeGelbRot am Horizont und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln schon mächtig in der Nase. Am Strand herrscht reges Treiben. Möwen laufen Patrouille auf der Suche nach Krabben und Krebsen. Am Wassersaum liegt eine kleine Robbenfamilie die sich vom Frühstücksfang erholt und von den ersten Sonnenstrahlen das Fell streicheln lässt. Dune schläft immer noch. Das ist auch gut so. So kann ich mich in aller Ruhe sortieren und die Tiere draußen haben noch ein paar Minuten, um den Tag friedlich zu beginnen. Ist der Hund erst losgelassen, war es das nämlich mit der idyllischen Strandruhe.

Ungesund wie jeden Tag ist mein Frühstück. Kaffee und Kippen, das in ausreichender Menge fördert bei mir die Verdauung und gute Laune. Ist beides nur in unzureichender Menge genießbar, dann brauche ich so einen Aufkleber mit schwarzem dicken Rand „Ansprache kann tödlich sein“. Ich bin ein grausliger Morgenmuffel, und wenn dann noch diese beiden für mich wichtigen Tagesstartutensilien wegfallen, dann möchte ich mir bitte nicht selbst über den Weg laufen. Schon für mein Spiegelbild wäre ein solches Treffen verheerend.

Klappert das Geschirr, wird der Hund wach. Und noch bevor sich Dune komplett von ihrem Schlafplatz erhoben hat, mache ich mich vorsorglich auf den Weg zur Tür. 159 Stufen zum Ersten. Was man nicht alles tut. Ich muss grinsen, denke ich doch gerade an diese Sitcom mit Tom Gerhards als Hausmeister Krause: „Alles für den Dackel, alles für den Club!“ Meine Selbsterheiterung findet ein jähes Ende, als sich Dune an mir vorbeidrückt und unrechtmäßig auf der Wendeltreppe rechts überholt. Verschreckt greife ich nach dem Geländer, das an dieser Stelle schon kein festes Gestell mehr ist, sondern lediglich aus drei parallel verlaufenden Trossen besteht. Wie das mit Seilen so ist, sie geben nach, und ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht in diesem Augenblick abgelichtet werde. Das wäre ein geniales Bewerbungsfoto für den Ugly-Face-Award-2006 geworden. Erstaunlicher Weise gelingt es mir ganz gut, mich festzuhalten und gleichzeitig die letzten Stufen in halbwegs vernünftigen Schritten hinter mich zu bringen. Dramatisch wedelnd wartet vor der Tür schon Dune, die den Eindruck vermittelt, als würde sie schon die Hinterbeine zusammenkneifen um nicht wieder den Leuchtturm zu fluten. In der Tat. Kaum vor der Türe setzt sich Madame Dune und öffnet ihr internes C-Rohr. WoW, was für ein Blasendruck am frühen Morgen.








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