Meine Vorfreude auf den restlichen Tag wird schlagartig erhöht, als ich den alten R4 vorröhren höre. Ich breche alle Rekorde und bevor sich Max an der Tür die Hand wund hauen kann, öffne ich ihm bereits. Elfengleich hüpfe ich in seinen Arm und freue mich über die Erwiderung meiner Wiedersehensfreude. „Na ihr 2?“
„Bin ich erdickt, wie viele Tote Tanten hast du schon intus oder anders gefragt: Siehst du jetzt schon Doppelbilder altes Haus?“
Noch bevor mir Max die Frage beantworten kann, schiebt sich Dune an mir vorbei nach draußen. Schwanzwedelnd begrüßt sie jeden Schilfhalm mit Vornamen, beschnuffelt jede Sanderhöhung einmal rundum und strullert mit einem Ausdruck der absoluten Erleichterung im Hundegesicht an einen ausgewählten Platz im Sand. Sie sieht so glücklich aus. Glücklich und frei. Einmal spaziert Dune noch gemütlich um den Turm und humpelt wieder an mir vorbei nach oben. Wahrscheinlich rufen die Mutterpflichten.
Max umarmt mich ausgiebigst zur Begrüßung. Er vermittelt mir dieses bekannte Gefühl, dass nichts, aber auch gar nichts, mich bedrohen könnte, dass ich unabdingbar sicher bin und mich so fühlen darf. Es ist so lange her, dass ich so empfunden habe, so empfinden durfte. Und mit jeder Sekunde, die ich in den Armen des starken Sandbauers liege, sein Herz kräftig schlagen spüre und diese Sicherheit und dieses Urvertrauen fühle, mit jeder Sekunde spüre ich dich mehr und mehr. Dieses Gespür beginnt ganz sachte, wie ein „das kenn ich“, über ein „das mag ich“ bis hin zu diesem unglaublichen Gefühl es zu lieben, zu vermissen und nie wieder loslassen wollen. Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Wohlfühlen, ja und eine gewisse Form von Liebe gehen von Max auf mich über und ich fühle mich einfach nur gut. Als Max spürt, dass ich mich mehr und mehr in seiner Umarmung fallen lasse, beginnt er ganz langsam seine Umarmung zu lockern. Ein kleines Stück hält er mich von sich weg und fragt mich mit seinem unglaublich charmanten Lächeln um die Mundwinkel, ob wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen wollen? Klar, will ich. Ich mag die Luft atmen, das Meer hören, ich mag durch den Sand stapfen und schweigen, oder vielleicht ein bisschen reden, mehr über Max erfahren und das eine oder andere Déjà-Vu der letzten Zeit auflösen.
Ich laufe nach oben, verabschiede mich von Fee und Kleine Düne, frage Dune ob sie vielleicht mitkommen mag und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Max ist bereits ein paar Schritte vorgegangen und hat den Wassersaum schon fast erreicht. Dune hat Lust uns zu begleiten und folgt mir. Ich passe mein Tempo ihrem Humpeln an und mit jedem Schritt schaut sie mich, mit einer unglaublichen Dankbarkeit in den Augen, an. Als wir Max erreichen, springt meine Hündin ihm von hinten ins Kreuz und möchte ihn zu einer kleinen Rauferei ermuntern. Nur zu gerne lässt sich unser Sandburgenbauer darauf ein. Die Zwei kämpfen ein bisschen, während ich einfach nur den Blick über das Wasser genieße, die Möwen, die über uns kreisen beobachte und glücklich vor mich hin lächele.

Nach nur zwei oder drei Minuten bemerkt Dune ihre Grenzen. Sie ist eben immer noch recht schwach. Sie verabschiedet sich von Max, gibt mir noch einen dicken Schleck mit auf den Weg und trollt sich zurück zum Turm. Ich glaube, jetzt ist sie richtig angekommen. Jetzt weiß sie ganz sicher, dass alles in Ordnung ist.
Max nimmt mich bei der Hand und nach einer Millisekunde, in der ich diese Energie spüre, wie sie aus seiner Hand in Meine überspringt, drücken wir beide fest zu und gehen los. Ich drehe mich noch einmal um, und bestaune meinen Leuchtturm, wie er sich in kräftigem Rot-Weiß vom Himmel und der Strandkulisse abhebend nach oben reckt.

Viel Glück
Deine Kollegen ein paar tausend Strände entfernt
kämpfen auch heute wieder gegen die Macht der See,
gegen die Stärke des Windes,
gegen die Stürme des Lebens.
Und der Himmel über dir mein Freund verheißt,
dass auch du heute einen Kampf ausfichst
gegen die Macht der See,
gegen die Stärke des Windes
und gegen den Sturm des Lebens
Viel Glück
Max greift mir von hinten um die Schulter und legt seinen starken Arm um meinen Hals. Wie ich dieses Gefühl der Rückendeckung liebe. So habe ich mit dir am liebsten irgendwo gestanden und etwas betrachtet – Nach vorne hin der gewünschte Ausblick, nach hinten hin dein starker Körper und die Kraft der Umarmung, die mich einlullte.
Ich lehne meinen Kopf an Max Brust an, schiele nach oben und kann sehen, wie er mit traurigem Blick meinen Blick zum Leuchtturm folgt.
„An was denkst du Großer, wenn du den Leuchtturm anschaust? Warum wirkst du so traurig?“
„Hmm.“
„Hmm – du musst nicht reden, wenn du nicht magst. Aber du schaust so nachdenklich und grüblerisch aus.“
„Ich denke an meinen Jungen, Kleines. Daran, wie er diesen Ausblick gemocht hätte. Wie er diesen Anblick geliebt hätte. Ich überlege, was er wohl denken würde, wäre er hier. Er hat das Meer und das Leben am und um die See so sehr geliebt. All das habe ich leider erst viel zu spät erfahren.“
„Tut ganz schön weh, hmm?! Darum bin ich hier. Damit dieser unendliche Schmerz endlich aufhört. Der Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht. Für mich ist das Leben hier die einzig denkbare Möglichkeit, ihm so nah wie möglich zu sein. Er ist mein Leuchtturm. Der Leuchtturm ist er. Und so lebe ich seine Liebe und diese Liebe, das Band, das uns verbunden hat, irgendwie weiter. Verstehst du, wie ich das meine? Und du tust das doch auch in gewisser Weise. Du hast deinen Lebensweg an den Strand gebaut. Du verfolgst mit jedem Schritt, den du durch den Sand gehst, die Liebe, die dich mit deinem Sohn verbindet. Die Liebe, die du nicht leben, nicht mit ihm erleben durftest. Nur hast du keinen Leuchtturm, in den du deine Gefühle, dein Vermissen, deine Sehnsucht, deine Liebe und deine Trauer steckst, sondern du baust sie immer wieder mit deinen Händen auf, in dem du diese göttlichen Skulpturen schaffst.“
„Das hast du schön gesagt, Kleines.“
Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, spazieren wir weiter. Kurz bevor wir zur Bucht kommen und sie einsehen können, richtet Max noch mal das Wort an mich.
„Erinnerst du dich an die Überraschung, Kleines, von der ich gesprochen habe? Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit, um dich zu überraschen. Wobei es eigentlich gar nicht mehr wirklich überraschend für dich ist. Du hast sie ja schon entdeckt.“
„Sprichst du von dem Pfahlbau, Max? Ja, den hab ich schon gesehen, schon inspiziert und dank diesem Ding habe ich auch Trionarden mehr unbeantworteter Fragen in meinem Kopf, als mir lieb ist.“
Max lacht und Max schweigt. Ich mag ihn treten und knuffen. Ich hasse es, wenn jemand meine Neugier so auf die Folter spannt.
Am Pfahlbau angekommen, schubbst mich Max die Stiege nach oben und scheint vollkommen desinteressiert an meinen Lobhudeleien und –hymnen auf dieses Gebäude der besonderen Art. Auch wenn ich immer noch nicht verstehen kann, wie es jemand, ohne mein Wissen und ohne ein Bemerken meinerseits, hier in „meiner“ Bucht erschaffen konnte.
Max folgt mir, was mich einerseits sehr hetzt, da ich auf Treppen oder wie hier, solchen Holzleitern es gar nicht leiden kann, wenn mir jemand so dicht am Hintern klebt. Andererseits bin ich ganz froh, da diese Treppe eklig zu erklimmen ist und ich mich doch um ein Vielfaches sicherer fühle mit Max im Kreuz. Nicht, dass es einen Sturz verhindern würde, aber ich würde doch wesentlich weicher fallen. Oben angekommen, setze ich mich erstmal auf das immer noch einladend wirkende Bänkchen und atme meine Angst weg. „Ist das nicht genial?“, frage ich Max und beobachte, wie er einem der hölzernen Gargoyles über der Eingangstür ins Maul fasst und einen Schlüssel herauszieht. Mit dem Schlüssel öffnet er die Türe, die einen zwar recht leisen aber doch durchdringenden Quietschton von sich gibt. „Herzlich Willkommen beim ollen Sandmann, Kleines. Tritt ein, bring Glück hinein und fühl dich wie zu Hause. Magst du eine Schokolade mittrinken?“
Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten Wochen, seit dem ich hier her gekommen bin und mich auf das Abenteuer, unseren Traum zu verwirklichen, eingelassen habe, nicht selten dämlich aus der Wäsche geguckt habe. Doch der Blick, der sich jetzt im Moment auf meinem Gesicht manifestiert, scheint durch nichts zu übertreffen zu sein. Gemessen an den Hunderten Fragen, die sich gleichzeitig durch das Netz meiner Gedankengänge schaufeln, muss ich saudoof aus der Wäsche gucken.
„Ent – Entschuldige Max, ich weiß, du bist kein Mann wirklich großer Worte. Aber hierzu brauche ich doch ein bisschen mehr Text. Wie zu Hause? Wie beim ollen Sandmann? Wieso weißt du, wo der Schlüssel ist?“
Wieder lacht Max – und diesmal bin ich mir sicher, dass er mich nicht an- sondern auslacht. Ich weiß zwar nicht, was daran jetzt so furchtbar komisch ist, aber ich harre des Endes dieser Lachsalve und hoffe auf Erklärungen.
Der Sandburgenbauer braucht ein bisschen, bis er sich wieder beruhigt und dann erklärt er mir, dass das sein Pfahlbau ist, auf dem, bzw. in dem wir gerade über der Bucht thronen. Es hat ihn einige Mühe gekostet, bis er endlich jemanden gefunden hat, der ihm eine Baugenehmigung erteilen konnte, denn die Besitzverhältnisse der Bucht scheinen mehr als ungeregelt zu sein. Das Land hat sich dann dafür verantwortlich gezeigt und so dauerte es, dank guter Kontakte, die Max derweil hier geknüpft hat, ein paar wenige Tage und er konnte loslegen. Ein Freund von ihm hat geholfen. Max lieferte die Ideen und dieser Freund schnitzte. Somit ist dieser Bau ein Werk zweier begnadeter Talente. Er habe seit unserer ersten Begegnung gespürt, dass sich aus uns etwas eigenartiges und ganz besonderes entwickeln würde. Und nachdem er mitbekommen hat, dass ich in den Turm ziehe, hätte er unbedingt in meiner Nähe bleiben wollen, um diese Entwicklung zu beobachten, zu schüren, weiter zu bringen. Eine Bleibe am Hafen sei für ihn nicht in Frage gekommen. Sein Haus weit draußen hätte er selbstverständlich behalten, denn da fühlt er sich ja nach wie vor zu Hause. Aber so hat er immer die Möglichkeit über Nacht zu bleiben, in meiner, in unserer Nähe, wenn er das Gefühl hat, wir könnten ihn brauchen. Und der Unfall mit Dune habe ihm gezeigt, wie richtig seine Entscheidung war.
Ich bin so was von sprachlos, dass ich nicht mal mehr ein „Hmm“ über die Lippen bringen kann. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starre ich Max an. Ich lese seine Lippen, ich höre seine Worte und ganz, ganz langsam wird mir bewusst, was er mir gerade erzählt und wie unglaublich nah ich diesen Menschen an mich heranlasse, ich ihm nichts entgegensetze. Im Gegenteil. Ich freue mich über diese Entwicklung. Ich freue mich, dass er es ist, dem dieser Pfahlbau gehört du ich bin sehr glücklich darüber, ihn so nah zu wissen.
Du setzt das Saxophon von den Lippen ab, reinigst das Mundstück grob mit deinem Pulloverärmel und starrst mich an.
„Sag mal Kleines, wenn du, wie du immer sagst, keine Freunde hast, wer kennt dich dann?“
„Niemand, außer dir vielleicht.“
„Heißt das, dass du einzig mir die Ehre zu teil werden lässt, in dein Herz zu schauen?“
„Jepp.“
„Ich habe Angst bei dem Gedanken daran.“
„Wieso hast du Angst? Was ist so schlimm daran? Diese Mauer um mich herum, dient mir zum Schutz. Ich bestimme, ob ich durch die Schießschachte hinaus auf die Welt schauen mag. Und es liegt ganz alleine bei mir, ob ich die Zugbrücke hinab lasse, um jemandem Einlass zu gewähren. Das gibt mir Sicherheit. So fühle ich mich geborgen. Und du, du weißt doch wo der Schlüssel liegt.“
„Ich habe Angst, dass es niemand merken könnte, wenn dir mal nicht wohl ist, oder schlimmer, wenn die einmal etwas passiert. Das ist doch eine Form von Einsamkeit – wenn auch eine selbstgewählte Form. Aber wie soll ein Mensch wissen, oder spüren, dass es dir nicht gut geht, wenn du es niemanden wissen lässt, und dieses hinter deiner Mauer vor der Welt versteckst?“
„Du bist da. Du bist in meiner Nähe. Du spürst, wenn es mir nicht gut geht. Und du merkst, wenn etwas im Argen liegt.“
„Und wenn ich mal nicht mehr…“
„Wenn du mal nicht mehr bist? Dann merkt es wohl niemand mehr. Dann ist es aber auch egal. Dann ist es mir egal.“
„Versprichst du mir etwas Kleines?“
„Nein!“
„Du weißt nicht, was ich sagen will.“
„Doch, du willst mir erzählen, wie schlimm alles wird, wenn du gehst, weil du gehen wirst und willst, irgendwann.“
„Ja schon, aber…“
„Nichts aber. Ich verspreche nichts, was mit diesem Umstand zu tun haben könnte.“
„Ich wünsche mir doch nur, dass du darüber nachdenkst und vielleicht, irgendwann einmal, wieder einem Menschen die Chance gibst, dich so kennen zu lernen, wie du wirklich bist. Dich kennen zu lernen, und nicht das Bild, dass du allen von dir aufzeichnest, wie eine schlechte Karikatur.“
„Mal schauen. Ich sag jetzt nichts dazu. Ich möchte nichts dazu sagen. Ich möchte nicht darüber nachdenken und ich möchte jetzt keine Entscheidungen treffen müssen, die ich dir zu liebe treffe und mit denen ich später nicht mehr leben mag.“
„Bitte denke drüber nach. Bitte.“
Du nimmst einen Schluck heißen Kakao, lässt ihn durch den Mund fließen als wolltest du jeden Millimeter deines Mundinnenraumes mit Feuchtigkeit benetzen und setzt das Saxophon wieder an. Du spielst „Poor Man’s Moody Blues“ von Barclay James Harvest.
Hast du damals ahnen können, dass mir jemand wie Max über den Weg läuft? Wusstest du damals schon, dass es Menschen gibt, die dir ähnlich sind? Für mich warst und bist du einzigartig. Ist das dein Weg mir zu zeigen, dass dem nicht so ist? Dass du nicht einzigartig, sondern einer von wenigen Menschen bist mit Gefühlen, die sich auf andere Menschen mit all diesen Gefühlen einlassen können und auch möchten?
“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”
“Hallo, du. du kleiner Schimmer dort – wer bist du?”
Nun schließt sich das letzte blaue Loch im Himmel auch noch und eine dicke graue Wolke schiebt sich hinein, als wolle sie das Firmament sonnendicht verschließen. Aus einzelnen Tropfen entstehen ganze Sturzbäche, die sich von oben ergießen und ich sitze jetzt nicht nur mehr in Schafhaufen, sondern werde auch noch von einem Haufen Schafe dicht bedrängt und zu gekuschelt. Das passt alles so prima zu meiner Fassungslosigkeit.
Nebelgrauer Schleier
BlogGeflüster