Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“





Der Wind geht heftig

15 10 2009

Der Wind geht heftig und ich bin sehr glücklich, dass er mir, nachdem ich die vorgenommene Richtung eingeschlagen habe, in den Rücken bläst. So habe ich eine Art Rückenturbo eingebaut und fliege nahezu über den Strand. Eine fliegende Leberwurst, das muss ein Bild für die Meergötter sein. Während der Rucksack auf meinem Rücken gemächlich hin und her schaukelt, und das Glucksen des frischen Kaffees mich fast überredet eine dafür vorgesehene Pause einzulegen, nutzt Fee ihre verbliebene Pfote fürs Temmeln. In sekündlichen und regelmäßigen Abständen führt sie den sogenannten Milchtritt aus. Kein Wunder, am Busen der Leuchtturmwärterin, das lässt ja auf Leckeres hoffen. Für mich allerdings ist das nicht wirklich der Hit und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich anfühlt wie eine tierische Akupunktur oder die ständigen Fehlversuche eines Tattoomeisters, meine Brust an allen Rundungen gleichzeitig zu piercen.

„If I could turn back time…“ Habe ich Angst? Eigentlich summsinge ich nur, wenn ich Angst habe? Ja verdammt noch mal ich habe Angst. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, so wie Cher es besingt, dann wärst du hier, Dune wäre hier, Max wäre da und wir wären am Turm, säßen draußen in den Dünen auf einer riesigen Decke und würden Picknicken. Aber du bist nicht da, ein Zustand, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe und an den ich mich auch nie gewöhnen möchte. Max ist auch nicht da. Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr. Und Dune, Dune ist irgendwo verschollen, sie ist weg, fort und ich sterbe vor Angst. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das Richtige tue.

Du hast mir mal gesagt, dass es sie nicht gibt, die perfekte Sicherheit. Du hast mir mal gesagt, dass du sie mir nicht bieten kannst, die perfekte Sicherheit. Aber wenn meine ganze Welt über mir zusammenbricht, sich über mir ergießt, wie die riesige Welle einer Sturmflut, wenn ich keinen Weg mehr sehe, um diesem Strudel zu entrinnen, werde ich doch weiter die Wendeltreppe hinaufklettern, mich im Turm einkuscheln, und mich ihr hingeben, meiner Illusion der perfekten Sicherheit in dem Turm und mit dir.

Mir kann nichts passieren. Ich vertraue in mich und meine Stärke. Ich horche auf mein Herz und folge meinem Bauchgefühl. Es wird alles gut. Mir kann nichts passieren und auch Dune ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Sie wird irgendwo die Zeit vergessen haben. Sie wird irgendwo Schutz vor dem Unwetter gesucht und gefunden habe.

Bei all dem Wind und der Lautstärke der Natur, hätte ich es fast überhört, das Knarzen und Quieken, das vom Meer zu mir herüber dringt. Vertraute Geräusche, vertraute Stimmen und das erste Mal seit ewigen Stunden verspüre ich wieder so etwas wie ein Glücksgefühl. Es ist recht klein, in Anbetracht der Sorge, der Angst und der Panik, aber es ist spürbar da, in meinem Herzen und ich lege zu dem schnellen Schritt, den ich durch den Rückenwind schon habe, noch an Tempo zu.

Der Horizont erblüht sehr langsam und es deutet sich an, dass die Helligkeit sich ihren Weg durch die Nacht bahnen wird. Es macht fast den Eindruck, als bekämen wir heute sogar ein paar Minuten Sonne geboten. Aus einem kleinen zarten Loch in der dunklen Wolkendecke sprühen kleine Lichtfunken, welche diese Hoffnung eindrucksvoll unterstreichen. Der Himmel saugt sich um dieses Loch herum mit den Farben dahinter voll. Ich erinnere mich an eine Schularbeit, wo wir mit sehr viel verschieden farbigen Wachsmalstiften das Zeichenblatt anmalten. Darüber kam eine deckende Schicht schwarz und mittels eines kleinen Spachtels haben wir einem Motiv entsprechend, die schwarze Farbe wieder abgetragen. Zum Vorschein kamen bunte Konturen und Flächen, die in der Gesamtheit ein buntes Bild im Schwarz ergaben. Schillerndes Orange und sattes Goldgelb mischt sich mit der Dunkelheit und beschneidet sie Millimeter für Millimeter.

Am Sturm selbst hat sich noch nichts verändert und hier am Meeressaum pfeift mir der Wind so mächtig durch die Ohren, dass ich den Schal etwas höher krempele. Wahrscheinlich verschreckt durch die Geräuschkulisse der grollenden Wellen, drückt sich Fee ganz, ganz nah an mich heran. Ich kann ihr kleines Herz spüren, wie es regelmäßig aber hektisch gegen meine Brust bummert. Ob sie sich wohl mit der Nase herauswagt, wenn sie die Delfine hört?

Mein Blick wandert zwischen erstrahlendem Horizont und peitschender See hin und her. Die Wogen sind so hoch und unruhig, dass aus den Gischtmützen und entstehenden Strudeln zwischen ihnen kaum was zu entdecken ist. Delphi und Finchen waren hier. Ich habe sie gehört und sie haben mir meinen ersten Glücksmoment des Tages beschert. Wahrscheinlich ist das Schwimmen so nah am Strand zu gefährlich bei der Strömung. Da sich Delfine ja mittels Sonar oder war es Echolot orientieren, kann es bei solch einem Unwetter sicher heikel werden für die Tiere. Mitten in meine semifachfraulichen Ausreden, die ich für Delfine bastele, platzen drei Rückenflossen. Drei? Wieso drei? Während die Kleinste ruhig versucht, die Herausforderung sich aufblähender Wellen zu stellen, und möglichst gleichmäßig durchs Wasser zu gleiten, zeigen die größeren Delfine schon wesentlich mehr Routine. Der Zustand des Gleitens wechselt sich mit flachen und weiten Sprüngen über die Wellen ab. Es sieht toll aus, wie sie scheinbar die Kraft des Wassers für sich nutzen um vorwärts zu kommen. Dann wieder macht es den Eindruck, als spielen sie mit den Wogen Fangen.

Delphi hat mich scheinbar am Strand entdeckt und lässt sich ein Stückweit näher herantragen, während der riesige, mir unbekannte dritte Delfin scheu weiter seine Runden dreht und ein wachsames Auge auf Finchen hat. Der Dritte ist wirklich ein Riese. Ob das der Olle Graue ist, von dem Max erzählte? Ob das Finchens Erzeuger ist? Delphi schwimmt aufs Meer hinaus, nimmt Schwung und prescht über die Wasseroberfläche, jede einzelne Welle für sich, die wohl ausgesuchte Richtung und den wahrscheinlichen Landepunkt, ausnutzend. Elegant hebt sie sich aus dem Wasser, springt in formschönen Bögen über Finchen und den Ollen Grauen hinweg, rast auf das Land zu und wie von Geisterhand gestoppt, bremst sie in sicherer Entfernung wieder ab. Dann stellt sie sich auf ihre Fluke und tanzt und schnattert und braust zurück in Richtung Horizont und kwarzt und quiekt. Werde ich jetzt größenwahnsinnig, wenn ich mir einbilde, dass sie mir etwas erzählen möchte? Oder entschuldigt sie sich nur, weil sie mir das Glück des Kraulens nicht bieten kann? Vielleicht möchte sie mir auch einfach nur Mut machen, für meine Suche nach Dune. Ich weine. Und ein ganzer Niagara stürzt sich aus meinen Tränendrüsen als ich merke, wie die kleine Fee neugierig ihr Köpfchen aus ihrem Versteck reckt und, durch den Wind kaum wahrnehmbar, miaunzt. Dabei streckt sie immer wieder ihr kleines Stummelbeinchen nach draußen, und winkt? Vielleicht spricht Delphi gar nicht mit mir sondern mit Fee? Diese Situation überfordert mich wieder vollends. Aber sie lässt mich auch lächeln. Ich lächele und bin einfach nur unaussprechbar glücklich, dass mir die beiden Freunde, Entschuldigung, drei Freunde auf See beistehen.

Der Himmel brennt und erstrahlt in gigantischen Farbformationen, die wie so oft unbeschreiblich sind. Aber selbst, wenn ich über das notwendige Vokabular verfügen würde, ich habe keine Zeit. Ich muss weiter. Der Tag ist da, er ist über das Anbruchsstadium hinaus und ich möchte meinen Hund finden. Ich will, dass es Dune gut geht.

Ich werfe einen letzten Blick auf die spielenden Delfine und stuppse ganz vorsichtig Fee zurück in ihr ihre Sänfte unter meiner Jacke. Das erste Mal höre ich diese winzige Katze einen Fauchversuch starten. Aus meinem Lächeln wird ein Lachen. Das Fauchen klingt so unglaublich albern. Beinahe automatisch muss ich an eine Szene aus dem Film „LionKing“ denken, wo der kleine tapfere Löwensohn fauchen möchte und nur ein krächzendes fast lautloses „Miiiaunz“ zu Stande bringt. „Fee, Fee, ach kleine Fee. Da musst du noch viel Schlabber fressen und viel mit Dune herumtollen, damit du so groß und stark wirst, dass du gegen dieses Unwetter und all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt anfauchen kannst. Bis dahin werden wir hoffentlich die Delfine noch ganz oft besuchen können und nun gib Ruhe.“ Mit einem letzten zärtlichen Schubbser befördere ich die Mieze zurück ins Brusttaxi.

Delphi und der olle Graue umschmusen sich. Zärtlichkeit gegen die Gewalt des Meeres. Ein definitiv letzter Blick und ich gehe weiter in Richtung Bucht. Schritt für Schritt entferne ich mich von diesem wohligen Szenario, das mir das erste Glück des Tages brachte. Ich mag nicht daran denken, ob vielleicht oder hoffentlich noch mehr Glück auf mich wartet. Aber ich werde weiter gehen. Schritt für Schritt, durch die Kälte, den Sand, den Sturm – hinein in einen scheinbar freundlich werden wollenden Tag.

Aus deiner schützenden Umarmung

löse ich mich nun und steige hinab in das,

was sich Leben nennt.

Knirschend wird sich die Kälte des Lebens

meinen vorsichtigen Schritten ergeben.

Hat es eine andere Wahl?

Das Leben?

Wahrscheinlich.

Aber nicht solange ich mich fortbewege.

Hin zum Leben – hin zum Sein.

Du wachst über mich mit deinem großen Herz.

Danke dir dafür, mein Freund, mein Liebster.

Ob Dune auch hier war? Ob sie hier vorbei gekommen ist? Oder suche ich auf komplett falschen Wegen? Nein, ich möchte mich jetzt nicht verunsichern. Ich möchte daran glauben, dass es richtig ist, was ich tue. Ich möchte mir vertrauen, auf mein Herz horchen und dem Bauchgefühl folgen, das mir schon so oft die richtige Richtung gewiesen hat. Das Unwetter lässt tatsächlich nach. Der Wind hat sich abgeschwächt und tost nicht mehr mit soviel Dezibel an meinen vom Schal gewärmten Ohren entlang. Dort, wo die seichten Sonnenstrahlen sich bereits durch das Schwarz gekämpft haben, ist es bestimmt schon herrlich. Ich versuche geduldig zu sein. Geduldig mit dem Wetter, mit dem Tag und, ja, auch mit mir. Hoffentlich hat Dune auch genug Geduld. Hoffentlich geht es meinem Podenco gut.

Je näher ich der Bucht komme, um so mehr zweifele ich an meinem Geisteszustand. Es mangelt mir nicht an guter Nahrungsgrundlage und getrunken habe ich auch genug. Ich gebe zu, es war nur Kaffee, aber ausreichend Flüssigkeit habe ich zu mir genommen. Drogen nehme ich bis auf die handelsüblichen Sorten wie Nikotin und Koffein auch keine – und niemand war in meiner direkten Nähe, so dass er hätte meinen Kaffee panschen können. Es ist nicht mehr so eisig wie heute Nacht, aber auch nicht plötzlich so heiß, dass ich bereits zu dieser Stunde des Tages unter Halluzinationen leiden könnte. Wie aber sonst erkläre ich mir diese Fata Morgana dort hinten? Eine Spiegelung? Ein Hologramm? Kurz vor dem Ding bleibe ich stehen, starre es an und führe eines meiner berühmten Selbstgespräche. Das sieht aus wie ein Pfahlbau. Es steht auf Pfählen. Es scheint rundum aus Holz gebaut. Und ein rundum aus Holz gebautes Haus, das zudem auf Pfählen steht, nennt man gemeinhin einen Pfahlbau. Ich kenne diese Bucht. Ich war öfter in dieser Bucht als in einer Kirche und ich behaupte, übertreibend, wie ich manchmal sein kann, dass ich hier jedes Sandkorn beim Vornamen kenne. Ich sehe dort einen Pfahlbau stehen, der dort noch nie gestanden hat, der vor wenigen Tagen noch nicht da war. Wie um Meergottes Willen, kommt dieses Ding hier her?





„An was denkst du?“

18 08 2009

„An was denkst du?“

„Nichts!“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Geräusche, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du nach Worten suchst, was du tust, wenn du behauptest, dass du keine findest, dann denkst du ja doch!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt Gedanken voraus. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das nicht vergessen und ich werde dich daran erinnern und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Am Ende solcher Gespräche bist du immer gegangen. Wortlos, kusslos, umarmungslos. Du hast deine Sachen gepackt und gingst. Ich wusste wohin, ich wusste auch warum, aber ich dachte im Traum nicht daran, dich daran hindern zu wollen, denn auf diese Art, hast du die Welt rausgeschmissen.

Ich denke es ist an der Zeit mich rauszuschmeißen. Bevor ich jetzt in tiefes Trübsal ver- oder dem Weltenübel anheim falle, ziehe ich mir lieber mein Ölzeugs über und zeige dem Wetter was der Trotz einer Leuchtturmwärterin ist. Für die 159 Stufen brauche ich eine Ewigkeit. Jeder Tritt ein Gedanke. Für die Türe brauche ich heute ganz schön viel Kraft. Kein Wunder, wie ich feststellen kann, nachdem ich sie endlich geöffnet habe, es stürmt. Der erste richtige Herbststurm nimmt Kurs auf das Land, unseren Leuchtturm und auf mich. Nicht minder stürmisch flitzt Dune auf mich zu und springt mich an. Ich wanke zurück und lande sehr unsanft mit Rücken, Schulterblättern und Hinterkopf an der Türe. Kleine Schläge auf den Hinterkopf… Wie ich diese weisen Sprüche hasse. Irgendwie bedaure ich, dass Dune den ollen Max nicht begleitet hat. Ich sorge mich etwas um meinen Sandmann, aber vielleicht war das seine Art, die Welt raus zu schmeißen?

Die Nacht weicht dem Tag

Bedrohliches Schwarz

Färbt sich in schwarzes Grau

Die Nacht weicht dem Tag

Auf bedrohlichem Schwarz

Tanzt grauweiß die Gischt

Die Nacht weicht dem Tag

Deine Stärke

Deine wundervoll runde Form

Deine Kraft leuchtet durch das Schwarz

Danke für den Schutz

Vor mir selbst

Vor der Welt

Vor der Nacht

Die Nacht weicht dem Tag

Der Tag sieht nicht wirklich aus, als hätte er die Nacht schon rausgeschmissen und unser Leuchtturm legt heute sogar eine Tagschicht ein. Wenn der Nieselregen nicht wäre, der je nach Windrichtung fast ein bisschen weh tut im Gesicht, wäre es gar nicht so übel hier draußen. Die Luft ist verhältnismäßig warm. Zumindest ist es nicht so kalt, wie das ganze Drumherum des Wetters, es den Menschen glauben machen will. Meine Füße treten mit mir in einen kurzen Dialog, der mich schließlich dazu bewegt, mich der lästigen Gummistiefel zu entledigen. Solange es nicht schneit, wollen meine Stampfer barfuß sein. Der Sand ist kühl und schwer durch den Regen. Während ich Schritt für Schritt, gegen den Wind kämpfend, auf das Meer zu stapfe, wird das Rauschen und Grollen der Wellen lauter. Es klingt unheimlich und bedrohlich, es macht aber auch neugierig und hat eine magische Anziehungskraft. Ich liebe es, das Meer zu beobachten, wenn es so ist, wie es jetzt ist. Wenn sich die Wogen gegeneinander aufbäumen, sich gegenseitig abklatschen, neu aufrichten, um dann weit aufs Land hinaus zu preschen. Der Wassersaum ist sicher zehn bis zwanzig Meter näher am Turm als bei ruhigem Wetter und das unter den anlandenden Wellen immer wieder erscheinende Strandgut erzählt wortlos die Geschichte der letzten Nacht. Dune rast plötzlich auf das Wasser zu und bellt, gegen die Lautstärke der Wellen anbrüllend, eine Kiste an, die in Richtung Strand treibt. Bei näherem Betrachten stelle ich fest, dass es eine Styroporkiste ist, wie sie von Pizzaservices benutzt wird, um Speisen während dem Transport heiß zu halten. Meine Hündin verliert mit jedem Zentimeter, den die Kiste näher auf sie zutreibt, zunehmend die Fassung. Eine Mischung aus Gebell, Gewuffe und Geknurre paart sich mit wilden Sprüngen weiter ins Wasser und wieder hinaus. Normalerweise macht sie nicht so ein Spiel. Gut, normalerweise wird uns die Pizza auch nicht frei Meer geliefert, denn der nächste Pizzamann hat seinen Laden viele Kilometer entfernt und bevor der hier ist, hab ich mir meine Pizza Funghi schon selbst in den Ofen geschoben. Da sich Dune so gar nicht beruhigen und mittlerweile auch nicht mehr ansprechen lassen will, halte ich es für eine gute Sache, dem Ding mit Deckel doch mal auf die Spur zu gehen.

Dieses Ölzeug ist das aller Letzte, wenn man auf Bequemlich- und Bewegungsfreiheit Wert legt. Mich gegen dieses starre und unbeugsame Material durchsetzend, krempele ich meine Jeans ein paar Etagen höher und betrete todesmutig das tosende Nass zur ultimativen Kistenrettung. Als ich das Ding, das sich ständig wieder auf den Weg ins offene Meer macht, endlich zu packen bekomme, gleitet es mir auch gleich wieder aus den Händen. Durch das Wasser ist das Verpackungsmaterial sehr glitschig, aber nicht nur das. Es war auch recht schwer, und es kann sich um keine leere Kiste handeln. Na super, wenn da mal ein Pizzabote keine Lust hatte und seine Ladung einfach im Meer entklappt hat, um dann mit der Tageskasse durchzubrennen. Wieder kommt die Kiste auf mich zu und endlich gelingt es mir, sie festzuhalten. Beinahe lege ich mich noch der Länge nach auf die Nase, werde ich doch von einer ganz hinterhältigen Woge von hinten angegriffen. Sie unterspült meine Füße und bevor ich recht merke, dass der Sand unter ihnen immer weniger wird, wanke ich auch schon wie ein besoffener Matrose bei Landgang. Aber nicht mit mir. Die Zeiten, sind längst vorbei, in denen mich etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Das schafft heute nur noch Dune, oder ein Persönlichkeitsprofil von Max. Aber keine Welle dieser Welt wird mich jetzt daran hindern den Styroporbehälter zu bergen. Vielleicht ist es auch eine Flaschenpost, die in Ermangelung einer Flasche in diese Box gesteckt wurde? Dann muss der Absender aber mindestens Steinmetz gewesen sein, der seine Liebesbotschaft noch mit Hammer und Meißel in eine Steinplatte gerammt hat. Das Gewicht spricht für mehrere Pizzen, die sicher nicht mehr genießbar sind, ein Buch oder mehrere Bücher, oder sonst irgendwas, was das Gewicht des Behältnisses so fühlbar ansteigen lässt. Gerade so vor den hinterhältigsten Wellen meiner See gerettet, stolpere ich aus dem Wasser, wo schon die nächste Gefahr auf mich wartet. Dune. Sie hoppst und hüpft an mir hoch und vor mir her und ist furchtbar aufgeregt. „Dune!!! AUS!!!“ Ich schreie gegen das Gebell und das Meer an. So langsam kriege ich die Krise. Ich wollte doch nur gemütlich spazieren gehen, und jetzt dieser Stress wegen einer dämlichen Kiste. Wenn da jetzt irgendein Müll drin ist, dann,…, dann, ach dann weiß ich auch nicht!

In sicherem Abstand zum Meer, knie ich mich an eine Düne und finde etwas Ruhe. Der Wind verhallt irgendwo drumherum und die einzige die jetzt noch rumwirbelt ist Dune, die ich mit einem erneuten scharfen „AUS! Mach jetzt PLATZ“ halbwegs zur Raison bringen kann. MenschMenno, manchmal kostet mich dieser Hund echt Nerven und ich erinnere mich an Max Ausführungen, als er mich am Flughafen abholte. Der arme Kerl muss streckenweise komplett überfordert gewesen sein, mit diesem störrischen Podenco.

Unter furchtbarem Gequietsche, das sogar nasses Styropor mit sich bringt, versuche ich den Deckel zu lupfen. Dummerweise hat der sich so vollgesogen, dass mir nur einzige Perlen des Dämmstoffs entgegenfliegen. Muss ich da jetzt noch mit der Axt ran oder was? Kurz bevor ich den Behälter rein gedanklich mit einer Black & Decker schon in seine kleinsten Einzelteile zertrümmert habe, höre ich ein Geräusch. Ich schaue meinen Hund an, sie schaut mich an und ich quengele ihr entgegen, dass sie jetzt gar nicht anfangen braucht zu junkern. Wer Styroporboxen birgt ist auch der Besitzer und egal was sich darin befindet, es ist meins. Dune schaut mich einfach nur an und ich stelle fest, dass sie es gar nicht ist, die komische Geräusche von sich gibt. Das Geräusch wird immer mehr zu einem Wimmern, einem Maunzen??

Jetzt werde ich doch richtig hektisch. Da hat doch wohl nicht jemand… Ich mag diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Mit meinen kümmerlichen Resten von Fingernägeln, ich gehöre ja leider immer noch zu der Gattung Knabberer und Eigenhornkannibale, kratze ich an der Schachtel herum, pule immer größer werdende Stücke heraus, bis ich irgendwann das richtige „PackAn“ habe, um den Deckel herunter zu reißen. Und tatsächlich. Am Boden gekauert schlottert ein undefinierbares, kleines Häufchen Elend mit Fell, Schwanz, vier Pfoten und unendlich langen Schnurrhaaren. „Verdammte Scheiße!“ Ich vergesse alle Erziehung und schimpfe und tobe und heule. Das darf wirklich nicht wahr sein, wer macht denn so was?

Vorsichtig hebe ich das Knäuel aus seinem Knast heraus. Es ist gar nicht so schwer, wie die Kiste vermuten ließ, im Gegenteil. Es zittert am ganzen Körper und auf den ersten Blick schätze ich es für nicht älter als fünf oder sechs Wochen alt. Das Fell ist hellgrau, vielleicht eigentlich auch weiß, es hat strahlend blaue Augen, einen scheinbar gebrochenen Schwanz und ein verkrüppeltes Beinchen. Der Stumpf sieht aus, als hätte jemand gezielt die Pfote abgehackt, darüber kann ich aber nur mutmaßen, denn die Wunde ist ganz nass und eitrig. Ich möchte töten. Ich möchte wirklich töten. Dieser Mensch, der sich eigentlich gar nicht Mensch nennen darf, gehört in eine Fünfzig-Quadratzentimeter-Schaumstoff-Kiste eingesperrt und im Indischen Ozean den Haien zum Fraß vorgeworfen. Mindestens.

Ganz, ganz vorsichtig robbt Dune auf mich zu und beginnt mit all ihrer Vorsicht das kleine nasse etwas abzulecken. In einem etwas freundlicheren Ton bitte ich sie Aus zu lassen, dann stecke ich das Fellbündel erstmal unter den Wollpullover und eilig, aber ohne all zu viel zu ruckeln, laufe ich heim. Dune folgt mir, immer den Kopf zu mir gehoben, als wolle sie aufpassen, dass das arme Tier nicht unter meinem Pulloversaum durchrutscht.

Der kleine Körper unter dem Pullover ist ganz kalt. Und ich habe eine Heidenangst, dass der Zwerg es nicht schafft. Aber egal wie, er soll zumindest in seinen letzten Minuten oder Stunden das Gefühl bekommen, geliebt worden zu sein.

Das alles erscheint mir wie ein Déjà-Vu. Nur ging es damals nicht um eine Katze, sondern um mich und ich steckte nicht unter deinem Pullover, sondern du legtest deinen Trench um mich. Vorsichtig bringe ich das Häufchen Elend unter meinem Pullover in den Turm, strengstens bewacht von Dune, die entgegen ihrem Podenco-Naturell, so gar keinen Jagdtrieb, sondern eher Beschützerinstinkt an den Tag legt.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Alles wird gut.”

Wie ein Gebet begleiten mich deine Worte jede einzelne Stufe der Wendeltreppe hinauf. Trotz aller in mir aufkommenden Hektik und Panik aus Sorge um das Bündel, versuche ich einen halbwegs klaren Kopf zu behalten und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Turm zu düsen. In eine Kiste stecke ich das Würmchen sicher nicht mehr. Ich möchte nicht diejenige sein, die das Trauma noch verstärkt. Vorsichtig lege ich das Kätzchen auf der Couch ab, ziehe meinen Pullover aus, drapiere ihn drumherum und suche nach einem halbwegs gescheiten Liegeplatz. Die Spülschüssel. Mütterchen hat mir eine alte Plastikschüssel vererbt. Ich glaube, das ist die erste Schüssel aus Plastik, die es in unserem Haushalt gab. Ich wühle im Schrank und werde tatsächlich fündig. Mit der Schüssel gehe ich auf die Couch zu, wo Dune sich derweil schon in embryonaler Haltung um das Katzenbaby gedreht hat, um es zusätzlich zu wärmen. Ganz sanft leckt meine Hündin dem Bündel das Meer aus dem Fell und mit jedem Schlecker Zuwendung, zittert das Kleine weniger.

“Du warst einfach da, aus dem Nichts, standest du vor mir, hast mich betrachtet von oben bis unten, verprügelt und missbraucht wie ich war, hast mich in deinem mausgrauen Trenchcoat eingewickelt und fortgebracht. Was hier so kurz und wie die Beschreibung auf einer Keksdose klingt, hat in der Realität Stunden verschlungen, Stunden voller Schmerzen und Angst, der Panik, dass sie zurückkommen könnten und diesem undefinierbaren Vertrauen, dass ich dir, ohne dich je zuvor gesehen zu haben, entgegenbrachte. Du nahmst mich mit und richtetest mich mit aller Vorsicht wieder zu einem nach einem Menschen aussehenden Wesen her. Du hast dich um meine Wunden gekümmert, die äußeren Blessuren, die Hämatome und die Schnittverletzungen, und um die Inneren, die du nicht ermessen, aber wohl mit deinem Feingefühl erahnen konntest. Du hast mich nach Strich und Faden verwöhnt, und dich immer gerade so nah an mich herangewagt, dass ich keine Panikattacken bekam. Was es zu organisieren galt, hast du organisiert. Was es von mir abzuwenden galt, hast du abgewendet. Du hast die Welt rausgeschmissen und damit etwas in Bewegung gesetzt und entstehen lassen, das es nie wieder so gab, das ich nie wieder erleben durfte, das ich bei keinem Menschen auf der Welt je wieder gefunden habe, Freundschaft und eine ganz besondere und von uns gelebte Form der Liebe. In dem Moment, wo du mich aufgelesen hast, hast du begonnen dieses Band zu knüpfen, jene Verbindung, die nicht sichtbar aber spürbar stärker ist als Freundschaft oder Liebe. In den folgenden Jahren haben wir alles geteilt, alles zusammen gemacht und uns bedingungslos vertrauen können. Du hast mich genauso akzeptiert, wie ich war und auch heute noch bin. Ich nahm dich an, als Menschen den ich liebe und den ich um nichts auf der Welt hätte verändern wollen. Natürlich gab es, gerade die Drogen betreffend, immer wieder Momente, in denen ich mir, wie du dir ja auch, gewünscht hätte, es wäre anders – du wärst da anders. Blicke ich heute zurück, weiß ich noch mehr als damals, dass das deine Art war, die Welt hinaus zu schmeißen, deine Möglichkeit war, dem allen zu entfliehen, was Leben so unerträglich macht. Sicher kann ich Drogen verabscheuen, was ich auch tue, aber ich kann dir nicht vorwerfen, ein schlechterer Mensch zu sein, nur weil du warst wie du warst. Im Gegenteil, du bist mit Abstand der beste Mensch, dem ich je über den Weg gelaufen bin.”

Da die Spülschüssel nicht als Katzenkorb entfremdet wird, fülle ich sie mit lauwarmem Wasser, dem ich ein wenig Kamilleextrakt hinzufüge. Mit Wattestäbchen, Pellets, Wasch- und Handtuch bestückt, nähere ich mich dem tierischen Dreamteam, um eine Erstversorgung an dem Findling durch zu führen. Vielleicht hätte ich das mit meiner Hündin vorher bei einer Tasse grünem Tee besprechen sollen. Da sie selbst weggedöst war, erschreckt sie sich und knurrt mich an, gleich merkend, dass ich es bin, ihr Dosenöffner, und in Schwanztrommeln verfällt. Mit der Nase stupst sie die kleine Katze wach, oder versucht sie festzustellen, ob die Kleine überhaupt noch lebt? Sie lebt, denn kaum hat sie die Augen auf, beginnt sie herzerweichend zu maunzen und zu schreien. Da müssen wir jetzt durch Dune und es wird mit Sicherheit nicht besser in den nächsten paar Minuten. Mit aller mir gebotenen Vorsicht hebe ich mir das schon trockenere Bündel Fell auf den Schoß, den ich mir vorsichtshalber abgedeckt habe. Das arme Tier ist viel zu verängstigt und viel zu schwach, um sich auch nur irgendwie zur Wehr zu setzen, sieht man von der Lautgebung einmal ab. Ganz sanft wasche ich das Tierchen mit dem Waschtuch ab, reinige die kleinen kristallklaren und blauen Augen vom Schnodder des Weinens und riskiere einen Kennerblick in die winzigen Öhrchen. Zumindest scheint das Kerlchen keine blinden Passagiere wie Milben oder Flöhe mit eingeführt zu haben. Das Fell wird unter meiner Waschmassage schnell als beigefarbig mit weißen Stromung definierbar und dem Gesamtaussehen gehe ich davon aus, hier was mit ordentlich viel Rasse drin zu haben. Vielleicht eine Zusammensetzung aus Siam und Kartäuser oder Birma und einem unfassbar stattlichen Wald- und Wiesenkater? Da fällt mir doch ein, dass ich eigentlich mal das Geschlecht bestimmen könnte. Zwar weiß ich immer noch nicht, ob dieses kleine Schnuckelchen es wirklich schaffen kann, aber ich möchte ihm oder ihr schon einen Namen geben. Ich betrachte mir das Fundstück von allen Seiten und stelle ohne notarielle Aufsicht fest: Keine Nüsse, keine Nüsschen, nicht mal kleine potent werden wollende i-Pünktchen – also ein Mädchen. Passt ja prima – die drei Damen vom Turm.





Dieses Gefühl

4 08 2009

Dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, nennen wir Weltenübel. Weltenübel ist, wenn alles passt, aber nichts richtig ist. Weltenübel bekommt man, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das ganze Universum gegen einen ist. Aus dem Weltenübel entfliehen wir, in dem wir uns ein Paralleluniversum suchen. Und bevor mich dieses Gefühl, das gerade wieder in mir hinauf schleicht, vollends einlullt; bevor das Weltenübel mich nicht nur überfällt, sondern auch gefangen nimmt, bevor es meinen Tag bestimmt, mache ich mir schnell Gedanken über mein Paralleluniversum. Viele Gedanken brauche ich mir nicht machen, ich muss mich nur mit beiden Füßen fest in die Brandung stellen, mich unterspülen lassen und die Wellen spülen alle Sorgen fort. Wo sonst wenn nicht hier kann ich den Ballast über Bord werfen? Also fort damit, ab in die Fluten. Sollen Hai, Seeigel, Krabbe & Co sich doch daran den Magen verderben.

Du fehlst mir. Ich vermisse dich. Und diese Emotionen bringen mich, öfter als mir lieb ist, fast um den Verstand. Aber das hier ist unsere kleine Welt. Ich lebe hier, in diesem Augenblick, unseren Traum und somit ist das alles hier um mich herum, mit den Schäfchenwolken, dem Sonnenschein, dem warmen feuchten Sand, der Gischt, den Dünen und Möwen, dem Leuchtturm, dem Fels in der Brandung, ein Paralleluniversum. Mein Paralleluniversum.

Gerade als ich mich umdrehe, um mich auf dem ultimativen Plätzchen zum vielleicht letzten Sonnenbad des Jahres niederzulassen, höre ich hinter mir aus dem Meer ein schnorchelndes Geräusch. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und überlege, was das wohl sein könnte. Dune ist es nicht, die tollt in ein paar Metern Entfernung mit ihrem Tauknoten herum. Ein Kutter, der zu nah an den Strand aufläuft kann es auch nicht sein. Ein Kuttermotor klingt ganz anders. Immer noch zur Salzsäule erstarrt höre ich eine prustende Stimme: „Hallo?“; „Hallo! Entschuldigen Sie bitte!“

Schock, schwere Not, das Meer spricht. Aber mit wem spricht es? Eigentlich sind wir beide doch per Du?

„Sorry, Miss, do you speak english?“ Miss, Mist, das Etwas aus dem Meer spricht mit mir. Also gut, keine Panik auf der Titanic, ich drehe mich ganz langsam um. Nur mit dem Kopf, nicht ganz, und wenn es was grusliges ist, nehme ich meine Schrottknochen in die Hand und laufe.

Millimeter für Millimeter schraube ich mein Haupt in Richtung Ozean, bis ich im Blickwinkel ein schwarzes Ding auf zwei Beinen sehen kann. Zwei Arme hat es auch und auf den fünften bis achten Blick möchte ich wirklich einen Mensch dort vermuten, denn Affen, die urplötzlich aus dem Meer auftauchen, sind eher selten. Für Arielle hat dieses Ding eine zu stattliche Figur und die Schwanzflosse fehlt.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Okay, ich habe einen sagenhaften Hund, der mich sicher beschützt, rede ich mir ein und beobachte Dune, wie sie sich im Spiel immer weiter von mir entfernt. Ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche und bin von daher im Vorteil, rede ich mir ein und verdränge den Gedanken an meine Orientierungslegasthenie. Ich habe einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hau ihm einfach eins auf die Zwölf, wenn er mir doof kommt, rede ich mir ein und rechne erst gar nicht nach, wie lange dieser besagte Kurs schon her ist.

Göttin, was soll den passieren? Das Ding kommt frisch aus dem Wasser, ist pitschnass und jappst immer noch nach Luft. Es hat meine Größe und keine sichtbare Waffentaschen. Also jetzt dreh dich schon um du alter Angsthase und steh deine Frau.

Ich drehe mich um und verfalle über ein zunächst zaghaftes Prusten in schallendes Gelächter. Die Augsburger Puppenkiste scheint ein Gastspiel hier am Meer zu geben und vor mir steht, das Mensch gewordene Sams. Das heißt ich gehe im Moment einfach davon aus, dass unter diesem, wie Wurstpelle knapp sitzendem Neoporenanzug ein Mensch steckt. Das Ding ist damit beschäftigt sich die Taucherbrille vom Gesicht zu nehmen und unter den feuchten Scheiben in Gummi-Umrandung kommt ein knallrotes Gesicht zum Vorschein, das zu meiner endgültigen Erheiterung auch noch mit Unmengen von Sommersprossen übersät ist. „Frau Rosenkohl, Frau Rosenkohl!“ geht es mir durch den Kopf und ich werfe mich auf die Knie in den Sand, weil ich vor Lachen nicht mehr stehen kann. In der Zwischenzeit hat auch Dune bemerkt, dass hier irgendwas passiert und hat sich zu uns gesellt. Ich weiß nicht, ob sie auch lacht, auf alle Fälle bellt sie den armen Tropf vor uns ganz schön zusammen. Da ich versuche den Hund in deutscher Sprache zu beruhigen, was unter meinem Gegacker wahrscheinlich nicht sehr überzeugend rüber kommt, nimmt die traurige Gestalt, die aus dem Wasser kam, einen erneuten Anlauf mich anzusprechen. „Entschuldigen Sie bitte junge Frau. Können Sie mir vielleicht helfen? Ich glaube ich habe mich verschwommen.“

Nun ist es um meine Beherrschung komplett geschehen. Ich greife mir Dune zum ultimativen Lachknuddeln, kralle mich in ihrem Fell fest und schreie mehr als ich lache. Dieser Typ muss einfach von einem anderen Stern sein. „Verschwommen“ pruste ich, „Verschwommen“.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie lange wir hier jetzt schon hocken. Mir tut der Bauch weh, meine Stimme klingt wie nach 20 Whiskey und einer Stange Zigarette auf Ex, so sehr hab ich lachen müssen. Das menschliche Strandgut in Gummi hat sich in der Zwischenzeit auch gehockt und schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nicht mehr alle ist gut. Ich habe gerade gar keine mehr im Schrank, weil der komplette Schrank, nebst Inhalt, beim Lachen zu Bruch gegangen ist.

„Ich fange einfach noch einmal von vorne an!“, unterbricht der Kautschukmann diese eigenartige Situation. “Mein Namen ist Henry, Henry Schuster und ich bin mit einem Freund auf dessen Jacht als Inselhopper unterwegs. Irgendwo auf See sind wir zum Schnorcheln ausgestiegen und ich habe komplett die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin. Viel schlimmer aber noch ist, dass ich nicht weiß, wie ich wieder zu der Jacht komme.“ Während Henry, Gott sei Dank heißt er nicht Sam, mir seine Geschichte in aller Dramatik und mit todernster Stimme wie Mimik zum Besten gibt, beiße ich mir immer wieder auf die Unterlippe und auf die Zunge. Ich meine, er tut mir ja wirklich leid und ich kann vermutlich gar nicht ermessen, wie es ihm geht und in ihm aussieht, aber diese Situation ist einfach zu krass für mein sonniges Gemüt.

Auch wenn ich gerade aussehe, als hätte ich von Geburt an einen furchtbaren Kieferschiefstand, versuche ich Henry zu antworten. „Ähm Henry“, ich hole tief Luft und sammele mich für einen zusammenhängenden Satz ohne Gegluckse. „Henry, wo Sie hier sind kann ich Ihnen gerne erklären. Nur wie Sie wieder zurückfinden, da bin ich überfragt. Ich liebe das Meer wegen seiner unendlichen Weite (warum trällert mir jetzt das Thema von Enterprise melodiös durch die Gehirnwindungen?) und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Inseln, keine Jacht und im Augenblick noch nicht mal einen Kutter. Ich kann Ihnen nur anbieten, in meinen Leuchtturm mitzukommen. Dort trinken wir in aller Ruhe eine Tasse Kaffee und vielleicht lässt sich von oben ja ein Anhaltspunkt finden. Andererseits finde ich, dass Sie nicht mehr ins Wasser zurück sollten. Es geht auf Nachmittag zu. Es wird schon sehr früh dunkel und die See wird um diese Zeit auch recht unruhig. Mir wäre nicht wohl dabei, wenn Sie sich wieder in die Fluten stürzen, um einer Jacht nachzujagen.“

Noch viel unwohler ist mir bei dem Gedanken, den armen Henry in die Stadt zu schicken, von wo er sicher einen Weg in sein Hotel, zu seinem Freund oder zum Hafen suchen könnte, wo sein Freund mit der Jacht vielleicht schon auf ihn wartet. Mein inneres Auge zeigt mir den kompletten ersten Teil des Sams im Schnelldurchlauf. Ich sehe Henry wie er an Lattenzäunen nagt, wie er dicke Frauen veralbert und Herrn Taschenbier von einer peinlichen Situation in die Nächste bugsiert. Vielleicht sind die kleinen Spots in Henrys Gesicht ja gar keine Sommersprossen. Möglicherweise sind es Wunschpunkte und ich muss ihm nur irgendwie den Satz in den Mund legen: „Ich wünsche mich zurück an Bord!“ Nein, nein, zu gefährlich. Nachher landet er in einem U-Boot oder im Hamburger Hafen auf einer kleinen Jolle. In mir steigt schon wieder dieser Lachreiz hoch. Nein, nein, nein – du kannst und darfst diesen armen Mann nicht weiter auslachen. Nein, nein, nein – bitte nicht – nicht wieder einen Lachflash. Zu spät. Erst schnaufe ich, dann lache ich und dem armen Henry stehen die Tränen in den Augen. Ich kann ihm aber nicht sagen, was ich denke. Das kann ich nicht machen.

Mit derweil blutender Unterlippe krabbele ich zur Sonnendecke und krame meinen Krempel zurück in den Weidenkorb. Ich kann nicht abschätzen, wie lange der Gastauftritt der Augsburger Puppenkiste dauert und das strahlende Blau des Himmels weicht bereits dem Grau der Dämmerung. Es ist merklich frischer als gestern Abend und wer weiß, vielleicht war das wirklich der letzte Sonnentag. Henry hat die Einladung zum Kaffee angenommen und beobachtet mein Wuseln mit herunterhängenden Schultern und einer herzzerreißenden Trauermine. Wir schweigen. Ich schweige nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, vor allem habe ich tausend Fragen. Ich sage lieber nichts, da es nicht bei der Aneinanderreihung von Worten bleiben würde. Solch einen Lachdrang habe ich tatsächlich noch nie gehabt und ich glaube ich kann mit Recht behaupten, dass wir beide schon einer Menge schräger Vögel über den Weg gelaufen sind. Aber solch eine Begegnung der tropfenden Art? Das ist neu.

Sichtlich beeindruckt von meinem bescheidenen sozialen Wohnungsbau in Turmform, folgt mir Henry auf Schritt und Tritt. Auf der Wendeltreppe muss ich abermals, oder soll ich besser sagen, wieder heftigst, an mich halten. Der Neoporenanzug von Henry quietscht und quitschert mit jedem Schritt in einer anderen Tonlage. Was bin ich froh, dass er die Schwimmflossen ausgezogen hat. Ein, in regelmäßigen Abständen auftönendes, Platsch, Patsch, Platsch würde mir mein Zwerchfell endgültig auseinander reißen. Oben angekommen schaut sich Sams, ähm Henry nur kurz um und geht dann auf das Bullauge zu. „Ob ich wohl mal telefonieren dürfte?“ „Klar“, antworte ich, drehe mich um die eigene Achse und dann fällt mir ein, dass ich hier ja gar kein Telefon habe. Ohne lange zu überlegen kippe ich den Inhalt des Weidenkorbes in die Koje und suche unter Thermoskanne, Kuscheldecke, Dunes Spielzeug und Liste nach meinem Handy. Als ich es endlich in der Hand halte stelle ich fest, dass es nicht in Betrieb ist. Mit meiner narrensicheren 0815-Pin probiere ich, meinen mobilen Telefonknochen ans Laufen zu bringen, muss mir aber sagen lassen, dass das Akku aufgeladen werden muss.

„Klar“, erweitere ich meine zunächst sehr knappe Antwort, „könnten Sie, dürften Sie, wenn’s denn gehen würde. Einen Festnetzanschluss habe ich hier nicht und mein Mobiltelefon hat keinen Saft mehr.“ Dabei fällt mir ein, dass ich meine Liste um das Ladekabel erweitern muss. Henry, mittlerweile steht er im trockenen Gummianzug vor mir und gibt eine lustige Figur ab, starrt aus dem Fenster hinaus aufs Meer. „Da ist nichts!“, seufzt er. „Ich kann nichts sehen!“ Bleibt nur noch der Fußweg. Ich gieße uns beiden Kaffee ein und beschreibe Henry, wie er auf dem direktesten Weg zum Hafen und in die Stadt kommt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gibt es auch eine Telefonzelle, aber Henry sieht nicht so aus, als hätte er unter seinem Anzug auch noch einen Kubikmillimeter Platz für eine Telefonkarte. Also verschweige ich die Telefonzelle fürs Erste. Während ich stammelnd, auf die Unterlippe beißend und ziemlich wuschig versuche meine Orientierungslegasthenie zu verbergen und einen perfekten Weg zu beschreiben, geht mir das Bild von Sams im Taucheranzug nicht aus dem Kopf. „Am Besten ich suche Ihnen erstmal was zum Anziehen.“, stottere ich und vergrabe mich alsbald im Kleiderschrank. Ich krame eine alte Jogginghose von mir hervor und eines deiner vielen T-Shirts, die ich immer noch wie einen Schatz hüte. „nur mit Schuhen kann ich Ihnen nicht dienen.“ Mit unverändert todtrauriger und gequälter Mine nimmt der Verschwommene die Sachen entgegen und folgt meinem Kopfnicken, mit dem ich ihm den Weg zur Duschkabine weise. Der Nachteil am Leben im Leuchtturm ist das fehlende Luxusbadezimmer mit Badewanne, Dusche, Waschbecken und goldenen Handtuchhaltern. Hier ist das alles etwas schlichter. In der Kabine rumpelt es gewaltig und ich mag mir nicht wirklich vorstellen, wie sich der kleine, dicke fremde Mann dort aus seinem Ganzkörperkondom pellt und in meine Sachen steigt.

Langsam wird mir doch etwas mulmig. Es dämmert bereits und wenn ich Henry jetzt losschicke, dann muss er durch die Nacht spazieren. Andernfalls müsste ich ihm ein Nachtlager anbieten, was mir, ehrlich gesagt, nicht geheuer ist. Ich weiß, du hättest da gar kein Problem mit. Je mehr Mensch um dich herum, umso besser. Aber du bist ja auch ein Mann. Und hier, in dieser todeinsamen Ecke, möchte ich nicht unbedingt meine Nacht mit wildfremden Männern verbringen. Als hätte Henry meine Gedanken auf meiner Stirn abgelesen, steht er plötzlich auf und bläst zum Aufbruch. „Sagen Sie, gibt es auch einen Weg am Strand entlang?“

„Natürlich. Sie gehen zurück bis zu dem Punkt, an dem Sie aufgetaucht sind und dann laufen Sie parallel zum Strandweg in Richtung Hafen. Es dauert nur wesentlich länger, weil eine ziemlich große Bucht dazwischen liegt. Aber Sie können bis zum Hafen am Strand entlang.“

„Dann wähle ich diesen Weg“, antwortet mir Henry und steht bereits auf der ersten Stufe der Treppe, „und sollte es mir doch zu lang werden, lege ich mich in die Dünen. Ich nehme an, dass ich sowieso erst Morgen Früh etwas erreichen kann. Und sollte mein Freund bereits im Hafen eingelaufen sein, wird er sich auch nicht vor Tagesanbruch rühren. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe und den Kaffee!“ sagt er, und ehe ich mich versehe, ist Henry nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch schon durch die Stahltüre entschwunden. Ein Abgang nicht langsamer als sein Auftauchen.

Henry schleppt sich, mit seinem Taucheranzug um den Hals, meiner Jogginghose und deinem T-Shirt, über den Strand in Richtung Meeressaum. Von hinten und hier oben betrachtet, sieht er nicht minder komisch aus, als in den ersten Momenten unserer Begegnung. Viel erzählt hat er nicht. Seinen Namen weiß ich, mehr nicht. Aber er hat etwas geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr fertig gebracht hat. Ich habe seit Jahren wieder bis zum Bauchschmerz gelacht. Auch wenn diese Situation von ihm nicht so gewollt war, im Gegenteil. Auch wenn mein Amüsement komplett auf seine Kosten ging und immer noch geht, was mir sehr leid tut. Trotz allem war es für mich ein absolut überraschender, lustiger Tag, den ich so schnell sicher nicht vergessen werde. Das regelmäßige Aufflackern unseres Leuchtfeuers begleitet den Fremden über den Strand. Egal wie weit er heute noch gehen wird, unser Licht wird ihn begleiten, wird ihn führen. Henry wird nichts passieren, denn er steht unter dem persönlichen Schutz unseres Turms. Das beruhigt mich.








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