Zurück im Turm

21 10 2009

Zurück im Turm werden wir von einer schwanzwedelnden Dune und einer maunzenden Fee auf dem oberen Treppenabsatz begrüßt. Lange werde ich die Hündin sicher nicht mehr oben halten können, auch wenn ich gerne sehen würde, dass sie ihren Vorderlauf noch ein wenig schont. Kaum gedacht, humpelt sie uns auch schon die ersten Stufen entgegen und ich gebe richtig Gas, damit ich sie möglichst früh und noch weit oben abfangen kann. Einsam und verlassen, pennt im Korb unter dem Wollpulli Kleine Düne den gerechten Schlaf der sich im Wachstum befindlichen Hundebabies. Ausnahmsweise ist ihm das Entschwinden seiner Mama nicht aufgefallen.

Oben angekommen, mache ich uns eine heiße Schokolade, die wir jetzt auch beide gut gebrauchen können. Ich frage dich, ob du mit Schuss magst und du sagt  “Ja klar!”, was mich darauf schließen lässt, dass du mich gleich nach meiner Couch befragen wirst. Leider muss die Tote Tante auf ihr Häubchen verzichten, da ich keine Sahne mehr im Turm hab. Ich muss dringend wieder einkaufen. Max fragt mich zwischen Kakaoerhitzung und der Suche nach Rum, was von seiner Idee halte, mit ihm Weihnachten zu verbringen?

„Ich habe gerade beschlossen, nicht nach Hause zu fliegen, also ins Rheinland, wegen Dune, Kleine Düne und Fee. Offiziell. Natürlich kommt mir diese Ausrede sehr recht, weil ich keine Lust auf dieses Weihnachtsgesülze habe. Mein Mütterchen wird traurig sein, aber sie wird’s verstehen, so oder so. Die anderen werden wahnsinnig rummuffeln, weil das doch der Fest der Liebe und ein Familiefest und blablabla. Aber da müssen sie eben durch. Auf Einzelschicksale kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, verstehst du Max? Ich möchte hier sein, hier im Turm, bei den 11 Pfoten, am Strand, am Wasser, bei ihm, ja und auch bei dir. Und wenn du, wie du sagst, keine gefüllte Gans mit Rotkohl und Klößen erwartest, sondern wie wir hier mit Bockwurst und Kartoffelsalat glücklich sein kannst, dann fühl dich bitte ganz, ganz herzlich eingeladen.“ Max strahlt über das ganze Gesicht und amüsiert sich köstlich über „rummuffeln“ und meine hektischen Flecken im Gesicht. Die bekomme ich immer, wenn ich aufgeregt bin oder von etwas hektisch erzähle, weil ich das mit dem Spannungsbogen nie so hinbekomme und doch schnell zum Ende kommen mag, aber es auch nicht einfach so auf den Tisch rotzen will.

„Also wenn du mich ollen Schäufelchenschieber und Eimerchenheber wirklich dabei haben magst. Ich komme sehr, sehr gerne!“

„Habe ich dir schon gedankt Max?“

„Lass mich überlegen, Kleines. Für die Sache mit Dune ja. Für meine Unterstützung, ja. Dafür, das ich für dich da bin, ja. Dafür, dass ich auch Kleine Düne gerettet hab, was ich ja gar nicht hab, sondern Jacques, dafür auch. Für den tollen Strandspaziergang, ja. Wofür noch?“

„Menno, du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf. So wie…, egal. Danke, für dein Vertrauen, dafür wollte ich dir danken.

Strahlend – Schön – Stark

Schön Strahlend

Strahlend Stark

Stark Strahlend

Strahlend Schön

Schön Stark

Strahlend Schöne Stärke

Danke, dass du mir das hast heute zuteil werden lassen

„Ach, du findest mich also schön!“, antwortet Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens grinsend und mit einem sehr schnippischen Ausdruck in der Stimme.“

„Ich finde dich stark!“

„Einigen wir uns auf schön stark?“

Wir lachen beide.

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, und sich der Sandmann die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hat, wird er wieder sehr nachdenklich.

„Für wen hast du dir das ausgedacht?“

„Ich zeige nach oben und antworte mit einem kurzen „für ihn“.

Max verfolgt meinen Zeigefinger und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann schaut er mich wieder mit ernster Mine an und hakt nach: „Für ihn oder für ihn?“

„Such’ dir es aus, es passt auf euch alle Drei.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

„Ja klar, du weißt doch, du darfst alles fragen.“

„Hast du ihm vieler solcher Sachen geschrieben, gedichtet oder zugedacht? Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll.“

„Eine ganze Kiste voll. Aber viel wichtiger ist: ein ganzes Herz voll. Und das konnte ihm und kann mir auch niemand nehmen.“

Ich weiß nicht, ob es die Nachwirkungen von meinem „Gedicht“ und meiner Danksagung sind, oder ob ihn unser kurzes Gespräch so grüblerisch macht. Max packt seine sieben Sachen und bläst zum Aufbruch. „Du willst jetzt noch fahren? Du hast getrunken! Du weißt, dass du hier immer eine Schlafstätte hast?“

„Kein Problem, ich hab’s doch nicht weit!“

„Naja, nicht weit ist da wohl Definitionssache oder liegt in diesem Fall im von der Toten Tante getrübten Auge des Betrachters.“

„Sorge dich nicht Kleines. Mir passiert nichts. RazzFazz bin ich im Bett. Und Morgen schau ich wieder vorbei und dann gehen wir noch mal ne Runde, vielleicht ja mit Dune?“

Mein alter Meister der Sandskulpturen macht einen sehr aufgeräumten Eindruck und scheint genau zu wissen, was er will, beziehungsweise was er sich zumuten kann. Ehrlich gesagt, bin ich auch viel zu geschafft, um da jetzt so ganz genau nach zu bohren. Obwohl dieses Gefühl da ist, dass ich es besser tun sollte.

„Du gehst noch raus?“

„Jepp, kurz um den Block.“

„Ist alles okay mit dir?“

„Ja Kleines, mach dir keine Sorgen, ich brauch nur ein bisschen Luft rein und Welt raus.“

„Hmm, bist du sicher? Magst du, dass ich mitkomme?“

„Nee, lass mal. Du weißt, dass ich dich nicht dabei haben möchte und mich meiner bösen Welt alleine stellen muss. Ich bin doch schon groß! Mir passiert nichts und du wirst sehen, ich bin schneller zurück als du einschlafen kannst und dann RazzFazz bei dir im Bett. Und morgen Früh, morgen Früh gehen wir beide fett Brunchen. Einverstanden?“

Dieses Gefühl macht mir eine eigenartige Gänsehaut. Eigentlich könnte ich sie schon meine zweite Haut nennen, so oft, wie sie sich mir überstülpt. Das ist wieder so eine Szene, wo ich versuche Eins und Eins zusammen zu zählen und Drei herausbekomme. Aber wieso kommt bei mir immer Drei heraus, wo jede Logik doch beweist, das Ergebnis ist Zwei? Ich erinnere mich an meine Gedanken der Reinkarnation und in den letzten Tagen häufen sich diese Überlegungen. Es kann nicht sein. Max ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und soviel älter als du. Wer immer dafür verantwortlich ist, schickt nicht einen alten, weisen Mann anstelle eines jungen, weisen Junkies. Mein Bruder würde mir jetzt an Hand des Buddhismus erklären, wie das ist, mit dem Karma und so. Er hat’s mir schon tausendmal erklärt. Ich krieg es trotzdem nicht überein. Ich falle von einem Déjà-Vu ins nächste und erlebe Vergangenes mit dir ein zweites Mal, im Jetzt, im Hier. Vielleicht doch gespaltene Persönlichkeit? Oder schizophren? Oder einfach nicht mehr ganz auf der Höhe? Vielleicht Realitätsverlust durch zu hohes Maß an Strandluft?

Meine Gedanken lassen sich nicht zu Ende denken. Erstens befinden sie sich in einer Endlosschleife und zweitens steht Max derweil fertig angezogen vor mir und wünscht sich zu verabschieden. „MannoMann, du wirfst ganz schöne Schatten Großer!“

„Tja Kleines, das passiert, wenn man schön stark ist!“

Wir müssen wieder beide lachen, was Dune weckt, die sich artig von ihrem Freund verabschieden kommt.

„Ach Süße, ich wäre doch zu dir an den Korb gekommen. Ich muss mich doch auch noch von deinem Zwerg und der hübschen Fee verabschieden.“, flüstert er und tätschelt Dune vorsichtig den Kopf. Dann geht er zum Korb, gibt den ultimativen Abschiedsstreichler an die beiden pennenden Babies und kommt zu mir zurück. Gerade als ich mich auf die erste Stufe der Treppe begeben will, hebt er mich in die Höhe, drückt mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Schön, dass es dich gibt. Ich freu mich auf Morgen, Kleines. Danke für alles! Ich find den Weg schon raus.“

Als Max im unteren Drittel der Treppe ist, rufe ich ihm noch nach, was denn nun mit der Überraschung sei. Er lacht. Er lacht auf seine unverwechselbare laute Art und Weise, beschimpft mich im Scherz als neugierigste Leuchtturmwärterin der Welt und geht. Noch bevor ich irgendetwas sagen kann, ist der Herr zur Tür hinaus, setzt sich in seinen ollen R4 und macht sich vom Acker, oder besser gesagt vom Strand.

Die Morgendämmerung wurde abgeschafft und ich bin zu großen Teilen gelähmt. So zumindest fühlte ich mich, als ich vor wenigen Augenblicken die Augen öffnete und über die Bettdecke hinweg in ein dunkles Braun blickte. Jeder Versuch mich mit einzelnen Körperteilen zu bewegen, sei’s Arme oder Beine, schlägt fehl und selbst die rechte Schulter mag mir einfach nicht mehr gehorchen. Ganz vorsichtig versuche ich meinen Kopf zu heben und bemerke dabei, dass Fee auf meiner Schulter liegt. Kein Schwergewicht, aber sie muss schon eine Ewigkeit hier liegen, sagt mir mein Knochengerüst. Der Länge nach auf mir liegt Dune. Als sie bemerkt, dass ich von den Toten auferstanden bin, geht ihre Rute und klopft freudig die Bettdecke aus. Kleine Düne hat sie mir genau auf die Brust gelegt. So konnte ihr Kind an ihrem Kopf und am Busen der Natur kuscheln und schlummern. Es freut mich ja über alle Maßen, dass Dune mir so sehr vertraut und meine Nähe nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Fellnasen sucht, aber muss das unbedingt zur nachtschlafenden Zeit in meiner Koje sein? Ist denn der Korb nicht groß und kuschelig genug? Wohl nicht. Hallo Schwester!!! Katheter bitte!!! Ich muss mal!

Dune bemerkt meine wachsende Unruhe und schafft als Erstes den Nachwuchs ins sichere Korbgeflecht. Na endlich, ich dachte schon, Max müsse über das Fenster einsteigen, weil ich ihm nicht öffnen darf. Der Zustand der Belagerung hat ein Ende und ich brauche ein paar Minuten länger, um meine einzelnen Knochen, und ich schwöre, heute spüre ich selbst die Klitzekleinsten, zu sortieren. Fee, ebenfalls durch das Geschunkel und Geruckel geweckt, maunzt mir volle Lotte ins Ohr, um sich dann, knapp hinter mir auf dem Kopfkissen wieder zum Schlaf der kleinen Tigerchen zusammen zu rollen. Eigentlich sollte ich das auch tun. Ich bin glücklich. Alle meine Haustiere sind wieder da. Sie fühlen sich wohl. Sie erholen sich prächtig. Und nach dem Stress der letzten Tage, könnte ich ruhig auch mal ausschlafen. Wenn ich nicht schon wach und knochentechnisch sortiert wäre. Also junge Frau, carpe diem, nachdem das mit der Noctem schon nicht geklappt hat. Außerdem magst du Max sicher nicht in Unterhose und Schlabbershirt die Türe öffnen.

Der Tag ist schon da, steht in voller Pracht rund um den Leuchtturm und versucht mich neugierig zu machen auf die Welt. Vorsichtig öffne ich das turmeigene Bullauge und werde fühlbar überrascht. Ganz schön mild, trotz Wind, der behäbig von der See zu uns hinüber weht. So kommt nach dem ganzen Regen mal wieder ein bisschen Frischluft unter das Leuchtfeuer und mit einem undefinierbaren Gesumme, beginne ich den Tag. Raubtierfütterung, Eigenwellness, Kaffee, Kippe, alles was frau so braucht. Hier was gekruscht, dort was geräumt, an jener Stelle ein bisschen gewischt und an allen Ecken immer mal wieder ein vorbeihuschendes Fell gekrault. Dune verfolgt jeden meiner Schritte und schaut sehnsüchtig zur Treppe. Ich versuche sie auf später zu vertrösten, und während ich mir zwischendurch meine Durchhalteparolen abkaufe, sieht sie nicht wirklich überzeugt aus.

„Hallo Verenaschatz. Werde Weihnachten hier im Turm bleiben, mit Max und dem lieben Vieh. Unseren SMS ist es ja egal in welche Teile der Welt sie verschickt werden. Muss nur noch daheim beichten. Hab gedacht fange bei dir an, weil ich weiß du verstehst mich. HDGDL die, die im Leuchtturm wohnt.“

294 Zeichen – wahrscheinlich bimmelt der Kurzmitteilungsquengelton sie gerade bei der Arbeit an – und das nicht nur einmal. Aber sie wird sich freuen. Über die SMS und für mich.

„Nein Mama, mir geht’s wirklich gut. Ja Mütterchen, ich hab auch alles. Und was gibt’s Neu… Nein?! Sag bloß. Das ist ja mal ne gute Nachricht. Hmm, hmm, hmmm, ja. Nee, nich’ wirklich. Was ich dir noch sagen woll… Ja?? Nein, das ist ja süß. Uih, bestell ihr mal ganz liebe Grüße von mir. Du Mama, wegen Weihnachten. Ach, du bist bei Westermanns. Heilig Abend. Hmm, ja das ist doch schön. Ich? Nee, das versuche ich dir ja die ganze Zeit… Ja genau, wegen dem Welpen und wegen Fee. Nein, kann ich nicht. Möchte ich auch nicht. Ja machen wir. Ich meld mich einfach vorher noch mal. Jepp. Ja mach ich. Oki. Du ich dich auch. Ganz doll. Kussi.“

Typisch Mütterchen. Aber sie scheint auch nicht wirklich mit meinem Erscheinen gerechnet zu haben. War ja schon mal einfacher als gedacht.

„Hallo Bruderbär, na alles im Lack? Jepp, jetzt ist alles wieder gut. Dune war weg, hatte nen Unfall. Nee, alles okay. Sie ist noch ein bisschen wackelig auf den Pfoten aber sonst alles im grünen Bereich. Ob ich Weihnachten komme? Weißt du, ich dachte eigentlich… Achso, mit dem Frauchen in die Sonne. Ja dann passt das doch. Quatsch, aus dem Alter sind wir doch wohl beide raus. Nein, ach du bist doch doof. Ich bin eh viel lieber hier. Und wenn ihr sowieso nicht da seid, brauch ich mir auch keinen Kopf machen. Ja hätte doch sein können, dass ihr nach einem weiteren Jahr eurer Zweisamkeit, die Liebe fürs Fest wiederentdeckt. Genau, die ganze Sippe um einen Tisch und nach dem feisten Essen den Messerblock fürs Verwandtschaftsschlachten umgehen lassen. Hööör auf jetzt, ich mach mir gleich in die Hosen vor Lachen. Jepp. Ich hab dich auch lieb. Und deine Süße natürlich auch. Gibst ihr nen dicken Kuss von mir? Aber Karte schreiben ist klar, oder? Jo mach ich. Einen extra dicken Knochen. Und Fee kriegt ne ganze Tüte Maltkisses von euch. Gut. Hmm. Jepp. Du auch Bruderherz. Fühl dich gedrückt. Hab dich lieieie-hieb!“

Na super, stell dir vor, du möchtest zum Fest nicht nach Hause, und jedem ist es Recht. Einfacher kann’s wirklich nicht laufen.

Und der Rest kriegt Weihnachtspost von mir. Ein bisschen früher. Früh genug für mich zum Absagen und zu spät für die Anderen, um was daran ändern zu können. Guter Plan, Frau Leuchtturmwärterin. Guter Plan.

Tagesglück

Neuer Tag, neues Glück?

täglich,

glücklich?

Einfach ein neuer Tag,

einfach neue Hoffnung

auf einfach ein bisschen Glück.

Und bis jetzt, ist das Glück mir hold.





Als du damals zu mir kamst

6 08 2009

Als du damals zu mir kamst und mir von einer Überraschung erzähltest, konnte ich mir schon denken, dass es irgendwas Verrücktes ist. Du hattest die beklopptesten Ideen. Gerade wenn es mir nicht gut ging oder du wieder mal dem Irrglauben verfallen bist, du müsstest irgendwas wieder gut machen, was die Monster meiner Vergangenheit an mir versaubeutelt haben, gerade dann hast du dich mächtig ins Zeug geworfen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Du bist der Entdecker des Paralleluniversums, und niemand außer dir kann dem Weltenübel in solch einer Perfektion ein Schnippchen schlagen. Dafür liebe ich dich. Dafür habe ich dich immer geliebt.

Deine Überraschung war dieser Leuchtturm. Du setztest mich in ein Flugzeug, hast mir beim Aussteigen die Augen verbunden und die Augenbinde erst wieder abgenommen, als wir am Fuße des Turms standen. Während ich mit Tränen in den Augen, total verdaddert und ausnahmsweise mal sprachlos und mit weit aufgerissenem Mund vor diesem riesigen Gebäude stand, legtest du mir von hinten deine Arme über die Schulter, hast mich sanft gedrückt und ein kaum wahrnehmbares „Willkommen zu Hause“ ins Ohr geflüstert. Ich habe nichts verstanden. Deine Worte gruben sich durch meinen Gehörgang ins Gehirn, aber ich habe es nicht verstanden. Ich drehte meinen Kopf in deine Richtung, schaute dich mit meinem ungläubigsten Gesichtsausdruck an und sah in einfach nur rundum glückstrahlende Augen.

Ein etwas heruntergekommener aber noch funktionstüchtiger Leuchtturm und ich stand an seinem Fuß und starrte ihn an. Die Farbe der gestrichenen Backsteine war schwer abgeblättert, aber an vielen Stellen konnte man ahnen, in welch wunderschönem und strahlendem Rot er sich in seinen besseren Tagen über das Land erhoben haben muss. Vier große runde Fenster unterbrachen das Gestein und unter seiner schwarzen Zipfelmütze konnte man das große Leuchtfeuer hinter der Rundumverglasung sehen. Ein oktagonförmiges schwarzes Geländer hob sich nach außen von der Wand ab und bildete eine Art Balkon, der sich um den Leuchtturm rankte. Von unten betrachtet sah dieser Balkon aus, wie ein Kragen, das Leuchtfeuer war das Gesicht und das Dach die Kappe oder besser Zipfelmütze.

„Wir können ihn haben!“. Mit diesen Worten hast du mein Staunen unterbrochen und mich gleichzeitig in ein weiteres noch größeres Staunen versetzt. „Wir müssen nur „Ja“ sagen und wir können jederzeit einziehen. Wichtig ist, dass wir ihn in Stand halten. Wir müssen uns kümmern und für seine Funktionstüchtigkeit sorgen. Das ist es, wovon wir immer geträumt haben, wovon du immer geträumt hast.“ Deine Stimme überschlug sich fast, obwohl du sehr leise sprachst.

Mir fehlten immer noch die Worte. So sprachlos hatte ich mich nur mit Stimmbandentzündung in Erinnerung und selbst da war ich zu leichtem Krächzen fähig. Ich schrie, ich lachte, ich zappelte und stammelte immer wieder nur „Ja, ja, ja, ja!!!“ Ich wollte ihn, ich wollte dich, ich wollte diesen Turm, ich wollte dieses Glück, ich wollte diesen Traum wahr werden sehen und das alles auf einmal. Du hast mich umarmt und ganz fest gehalten.

Dune!! Menno du doofe Töle pass doch auf! Die Hündin steht auf den Hinterbeinen, ihre Vorderpfoten auf meinen Schultern abgelegt und leckt mir kreuz und quer durchs Gesicht. Vor lauter Schreck stolpere ich zwei oder drei Schritte zurück und wäre fast im Weidenkorb gelandet, wenn ich meine Standfestigkeit nicht wiedergefunden hätte. Womit hab ich das denn verdient? Das war doch nur das ganz normale Billigfutter aus dem Supermarkt. Oder hast du so gut geschlafen, dass du dein Glück so mit mir teilen möchtest? Manchmal verstehe ich dieses Tier nicht.

Ich weiß nicht wie lange ich hier so vor mich hingestanden habe. Eine kleine Ewigkeit vermutlich, denn am Horizont entwickelte sich zaghaft ein Feuerwerk aus Farben. Eilig packe ich meine sieben Sachen und spaziere mit Dune zum Meer. Mir einen kleinen harmlosen Kampf mit dem Seewind liefernd, breite ich die erste Decke aus und positioniere meine Utensilien fein säuberlich. Dann schnappe ich mir die zweite Decke und wickele mich samt Hundedame darin ein. Hmmm, das ist richtig schön muckelig, gell, Dune? Meine Füße graben sich tief in den feuchten kalten Sand ein. Hoffentlich durchbohre ich nicht das Schlafzimmer von Frau Krebs oder die Wohnstube von Herrn Käfer. Am Horizont werden die ersten orange-roten Verfärbungen sichtbar. Über mir der schwarze Himmel mit all seinen Sternen, unter mir eine dicke Decke, um uns herum ein kuscheliges Fleece und neben mir der tollste Hund der Welt. Jetzt fehlst nur noch du zum perfekten Glück. Aber das perfekte Glück werde ich auch heute nicht erleben dürfen. Dune legt ihren Kopf in meinen Schoß und seufzt ganz tief. Ob sie meine Gedanken lesen kann? Oder ist sie auch so überwältigt von diesem farbenfrohen Tagesbeginn?

Wie ein Sog zieht mich der neue Tag in seinen Bann. Der Horizont, eine starke schwarze Linie, darüber ein Farbwirbel um die aufgehende Sonne. Darunter ein Spiegelbild der Farbenpracht. Das Meer leuchtet und spiegelt den Brand des Himmels wieder. Feuerrot, Blutorange, Kadmium, Karminrot, Backsteinrot, Zitronengelb, Zinnoberrot, Blauviolett, Goldgelb, Siena, Indigo. Das Schwarz des Himmels scheint jeden einzelnen Ton in sich aufzusaugen und so wächst ein farbenfroher Teppich, der sich mehr und mehr Richtung Festland erstreckt. Mit keinem Aquarell kann man dieses Ereignis nachmalen. Es gibt keinen Hexacode, mit dem man ein solches phantastisches Farbenspiel programmieren oder bestimmen könnte. Verwaschen und doch deutlich abgegrenzt, verlaufend und doch in einzelnen Farben erkennbar. Ich weine.

Mich überflutet eine Gänsehaut nach der anderen und ich drücke Dune immer näher und fester an mich heran. Ich schäme mich nicht der Tränen, bin ich doch hier, so nah am Wasser, nah am Wasser gebaut. Du weißt das. Du liebst das. Für dich waren meine Tränen immer die flüssigen Beweise für meine Menschlichkeit, die du beim Rest der Welt so sehr vermisst hast. Jetzt sitze ich hier und vermisse dich. Der neue Tag rührt mich schon jetzt zu Tränen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich weiter entwickelt.

Eine rasante Entwicklung macht der Himmel durch. Es wird minütlich heller und über uns ziehen rotrosa eingefärbte Schleierwolken ihre Bahn. Draußen auf dem Meer, kurz vor dem Horizont, werden kleine Lichter sichtbar. Die Fischkutter sind bereits unterwegs, um ihrem Tagwerk nach zu gehen. Mit jedem Farbton wird die Welt um mich herum munterer. Möwen sammeln sich auf dem großen Felsen, der wie ein mahnender Zeigefinger aus dem Wasser heraus ragt. Strandläufer rasen in geraden parallelen Linien den Strand ab und suchen sich ihr Frühstück. Zwei Delfine jagen synchron aus dem Wasser heraus und verschwinden elegant und ohne große Spritzfontainen wieder im Meer.

(c) M. Wald.1980

(c) M. Wald.1980

Delfine???

Urplötzlich bin ich sehr aufgeregt und putzmunter. Ich starre auf die Stelle der See, wo ich gerade glaubte zwei Delfine gesehen zu haben. Ich glaubte – das ist die Lösung. Ich hab es mir wohl möglich, benommen von der Faszination dieses Sonnenaufgangs, wirklich nur eingebildet. Ja, die Leute hier erzählen sich von den Meeressäugern und ihrer Liebe zu diesem Landstrich, beziehungsweise Meerstrich. Aber so nah? Nein, das kann nicht sein. Ich muss mir das eingebildet haben. Außerdem liegt Dune immer noch ganz friedlich in meinem Schoß und lässt sich ebenfalls von dem Farbenspektakel einlullen. Sie hätte sicher angeschlagen. Sie wäre sofort aufgesprungen und laut kläffend, bis zum Bauchfell im Wasser verschwunden. Da war der Wunsch Vater des Gedanken. Diese ganze Situation hier, das alles hat wohl sehr an meinem Unterbewusstsein gekratzt.

Es ist wirklich zum aus der Haut fahren. Du bist nicht hier und kannst mir nicht sagen, ob ich noch richtig ticke oder nicht. Und Verena kann ich keine Sms schicken, weil der doofe Akku seinen Geist aufgegeben hat. Ob Lust oder nicht, ich muss schnellstens meine Liste abarbeiten und noch ein paar wesentliche Bestandteile meines Lebens her bringen. Ob es hier so etwas wie Handyläden gibt? Mir ist noch keiner aufgefallen und der Ottonormalverbraucher dieser Region scheint sowieso allem Technischen sehr abgeneigt zu sein. Genau das ist aber auch mit ein Grund, warum ich hier bin und warum ich hier bleiben möchte.

Trotzdem ist es doof. Verena würde sicher ausflippen vor Begeisterung. Oder sie würde mir durch das Display den Puls fühlen und mich fragen, ob ich noch ganz gesund bin. Wie ich sie kenne, sorgt sie sich sowieso schon wieder halb zu Tode, weil sie von mir noch nichts gehört hat. Und wenn ich jetzt ein ohrenbetäubendes Piep aufs Meer hinausschreie? Ob das wohl bei ihr ankommt? Ach was soll’s. Die Süße ist Kummer von mir gewohnt. Sie weiß, dass ich hier bin. Sie weiß um die Umstände hier und in ein paar Tagen knutsche ich sie ausgiebig via Kurzmitteilung. Dann ist alles wieder gut.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Mein Bauchgefühl bittet gerade um Unterstützung in Sachen Verdauungstätigkeit. Zwar habe ich die ganze Kanne Kaffee derweil gekillt, aber was Vernünftiges habe ich immer noch nicht im Magen. Komm Hund, wir gehen Frühstücken. Das heißt, ich geh Frühstücken, du hast ja schon. Mein Magen schlägt Purzelbäume. So sehr freut er sich auf das hiesige, luftige und zarte Weißbrot mit dick irisch Butter und Hagelslag Zartbitter belegt.

Ein letztes Mal hefte ich meinen Blick auf das Meer und zwar genau an die Stelle, wo ich vorhin glaubte die Delfine gesehen zu haben. Ich starre ein ordentlich großes Loch in die Luft, beobachte mit leicht zusammengekniffenen Augen die Wasserbewegungen und suche das Meer nach Ungewöhnlichem ab. Nichts zu sehen. Nur seichte Wellen, die Nachlaufen spielen. Kein im Wasser lebendes Säugetier. Ich packe unsere sieben Sachen und wir bummeln gemeinsam zurück zum Leuchtturm. Mittlerweile ist es hell. Die Sonne hat ihre Arbeit aufgenommen und beginnt das Land zu wärmen, während das Leuchtfeuer seine Arbeit eingestellt hat. Die Nachtschicht ist vorbei und es kann nun beruhigt ruhen, bis es mit Einbruch der kommenden Nacht wieder hellauf Einsatz zeigen muss, um Leben zu retten und Richtungen zu weisen.

Eine winzig kleine Spinne, aus 1,60 Meter kaum wahrnehmbar, krabbelt hektisch unter meinen Füßen hervor und versucht das Weite zu suchen. Sie muss vor meinen Schritten und bei der Größe meiner Füße ganz fürchterlich erschreckt haben. Und ich frage mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn ein Neunmeterachtzig Hüne über mich hinweg spazieren würde.

Leben…

unter den Füßen?

Leben

mit Füßen getreten?

Nein!

Leben unter meinen Füßen!

Dune hat die kleine Spinne entdeckt und schnuffelt wie besessen durch den Sand. Oben auf ihrer Nase bilden sich immer wieder kleine Sandtürmchen, die bei der leichtesten Bewegung ineinander zusammen fallen und seitlich herunterkullern. Sie weiß, dass sie dort gerade was gesehen hat und sie weiß, dass sich dieses Etwas auch bewegt hat. Da ihre Schnuffelnase sie dem Ziel nicht wesentlich näher bringt, beschließt sie die Suche großflächiger anzulegen. Ehe ich es mich versehe versinkt mein Hund mit seinem Oberkörper immer tiefer im Sand. Sie schaufelt und gräbt und buddelt und Fontainen von Sand spritzen zwischen ihren Hinterbeinen unter ihr hindurch. Ob ich ihr sagen soll, dass sich die Mühe für das kleine Spinnentier nicht lohnt? Auf der anderen Seite ist es zu schön mit anzuschauen, mit wie viel Elan und Begeisterung sie sich selbst den kleinsten Kleinigkeiten widmen kann.

Dune buddelt sich immer noch einen Wolf, während ich dann schon mal den Anstieg probe. 159 Stufen mit hungrigem Magen. Gar nicht so einfach. Dementsprechend komisch ist mir auch, als ich endlich oben ankomme. Wie lange bin ich jetzt schon hier? Vier oder Fünf Tage? Und wieso sehe ich erst jetzt, dass an der kleinen Mikrowelle ein noch viel kleineres Zeitmessgerät ist? Cool. Solange ich Strom hab, hab ich auch eine Uhrzeit. Wobei ich mich schon fast daran gewöhnt habe ohne auszukommen. Ich glaube heute habe ich auch Lust auf ein Frühstücksei. Nicht zu hart und nicht zu weich und ebenfalls mit Tonnen dieser besten Butter der Welt genossen. Ein Schlemmerfrühstück muss es heute sein – und ich werde mir Zeit dafür nehmen.

Liebevoll decke ich den kleinen Couchtisch für mein Vorhaben. Die große XXL-Tasse mit dem Nordseemotiv, die ich damals in Friedrichskoog erstanden habe, ist für meinen Kaffee jetzt genau das Richtige. Ich drehe die Tasse nach links und nach rechts und freue mich über das Leuchtturmmotiv. Der Tassenturm hat ein klein wenig Ähnlichkeit mit meinem Zuhause. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.

Kurz vor meinem Umzug habe ich mir ein Schafgedeck gekauft, das ich heute einweihen möchte. Die Müslischale bleibt im Schrank – ich bin nicht wirklich der Müslityp, aber sie gehörte nun einmal zum Set dazu. Teller und Eierbecher werden auf dem Tisch arrangiert, eine Serviette mit Muscheln verziert, die Kerze und der große Becher mit dampfendem Kaffee. Dune! Nase weg, du hast schon, jetzt bin ich dran. Als hätte ich sie bei Verbotenem erwischt dreht sie erschrocken um, schwanzwedelnd räumt sie mir die ganze Pracht wieder vom Tisch. Kaffee auf Holzboden die Zweite. Och Menno. Du schmälerst mir meine Freude am Frühstück nicht. Du vermasselst mir diese Schlemmerorgie sicher nicht. Mach, dass du raus kommst. Los. Mit Nachdruck aber ohne Gewalt schiebe ich die Hündin in Richtung Treppe. Vorsichtig wuffend schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob das wirklich nötig ist. Ich raune ihr ein kurzes „Lauf“ entgegen und sie macht sich auf und davon. So, jetzt aber.

Wer dieses Brot als erstes gebacken hat, dem gehört der Bäckernobelpreis verliehen. Und das gibt es nur hier. Und es schmeckt auch nur hier. Wie oft habe ich mir schon ein Paket mit nach Hause genommen um dann festzustellen, dass es eigenartig schmeckt, anders, nicht so wie hier. Ich erinnere mich, wie du mit mir mal in einen Pub gegangen bist, der bei uns neu aufgemacht hatte. Wie die Besessenen sind wir über die Karte hergefallen und haben uns ein großes Frühstück mit allem drum und dran bestellt. So begeistert wir von der Idee waren, so enttäuscht waren wir auch hinterher. Es war einfach nicht das Gleiche. Manche Gefühle lassen sich einfach nicht umziehen, von einem Ort an den anderen transferieren. Es ist immer nur ähnlich, nie gleich. Und wenn man so was hier erstmal genossen hat, dann ist alles, was nur ähnlich ist, einfach furchtbar schlecht. Beispiele dafür gibt es viele und doch probiert man es immer wieder auf. Der ganz normale menschliche Masochismus?

Warum regt sich Dune denn so auf? Hat ihr die kleine Spinne die Zunge rausgestreckt? Nein, das kann nicht sein, denn die Buddelgrube ist hier vor dem Turm und das Bellen klingt entfernter. Ich gehe zum Fenster, um nach dem Rechten zu sehen und sehe Dune, wie sie am Meer steht und es ausbellt.





Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

3 08 2009

Der dicke orange-rote Sonnenball küsst das Meer am Horizont.

Wie ein farbiger Spiegel erstreckt sich die See bis zu den Dünen und es wird langsam aber sicher auch frisch. Dein bunter Wollpullover wird es möglich machen, dass ich noch ein bisschen hier bleiben kann. Ein letzter Blick auf die Liste zeigt mir, dass erstmal alles Wichtige notiert ist. Ich kann sie ja ergänzen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt genieße ich den Augenblick. Ich lass mich fallen, in deinen Pullover, in diesen Moment, in diesen wundervollen Ausblick auf das Meer, das Leben dort, den Strand. Erstaunlicher Weise ist es menschenleer hier. Wahrscheinlich traut die Menschheit dem Sommerherbst nicht und das kann mir nur Recht sein. Ich habe keine Lust, auf neugierige Fragen rund um den Leuchtturm zu antworten. Ich mag nicht erklären, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier tue. Ich kann nicht erklären, was ich selber noch nicht richtig begreifen kann. Wie soll ich die richtigen Worte dafür finden? Außer dir versteht es sicher niemand. Verena vielleicht noch, aber dann hört es auch schon auf. Selbst meine Familie hält mich für spleenig und durchgeknallt. Dabei habe ich immer davon gesprochen. Ich habe immer gesagt, dass man einfach nur mutig genug sein müsste. Jetzt habe ich allen Mut zusammen genommen und bin hier. Ich habe meinen Mut, mein Vertrauen und unseren Traum in einen großen Koffer gepackt. Und jetzt bin ich hier.

Kreischende Möwen reißen mich aus meinen Gedanken. Ohje, Dune ist wieder auf Vogeljagd. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass das Federvieh sich rächt. Ich erinnere mich an eine Geschichte in einem Pfahlbau. Da waren wir von Möwen nur so umzingelt. Diese Begebenheit hätte Alfred Hitchcock nicht besser in Szene setzen können und uns ist sie wirklich passiert. Damals ging nicht nur Dune der Allerwerteste auf Grundeis. Mir war selbst nicht ganz wohl in diesem Pfahlbau mit freiem Blick auf große spitze Möwenschnäbel. Doch da muss sie jetzt durch. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn ihr Langzeitgedächtnis sie dermaßen im Stich lässt, dann kann ich daran auch nichts ändern. Meine Wenigkeit hat ein ganz anderes Problem. Unten an der Wendeltreppe warten noch zwölfundneunzig Einkaufstüten und ein Trolli darauf, unter die Turmspitze getragen zu werden. Es wird jetzt schnell dunkel und ich hätte den Krempel schon gerne vor der Nacht verstaut. Es heißt also wieder Abschied nehmen. Ein komisches Gefühl ist das. Ich bin hier und ich lebe hier und trotzdem ist jedes Weggehen eine Art kleiner Tod. Mir ist klar, dass ich nur die 159 Stufen nach unten „wendeln“ muss und ich kann wieder hier sein. Aber jedes Mal, wenn ich von hier fortgehe, überkommt mich diese unendliche Traurigkeit.

Zaghaft packe ich meine Sachen in den großen Weidenkorb. „Der muss auch wieder nach oben“, denke ich und seufze dabei so tief, dass ich beinahe Mitleid mit mir selber bekomme. Dune jagt immer noch den, durch ihre Flugkünste im Vorteil seienden Möwen hinterher. Sie muss sich eigentlich vorkommen, wie eine Katze die dem Licht eines Laserpointers nachjagt. Sie kommt auch nie zum Sieg. Nach stundenlanger Jagd kann keine Beute gemacht werden. Wie frustrierend muss das sein. Ich pfeife und rufe und versuche mich bei meinem Hund irgendwie bemerkbar zu machen. Nichts geht mehr. Sie wird schon merken, wenn ich fort bin. Ich werfe einen letzten verliebten Blick auf das Meer und die untergehende Sonne und mache mich vollkommen lustlos auf den Weg zurück zum Leuchtturm.

Vor der großen Stahltür verharre ich einen Augenblick. Ich stelle den Korb ab und blicke an unserem Leuchtturm hinauf. Stein für Stein, Ring für Ring tastet sich mein Blick zum Leuchtfeuer hinauf.

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so grau erscheinen,
es zeigt sich in schillernden Farben

Es gibt Zeiten,

da kann einem das Leben noch so kalt erscheinen,
es vermittelt dennoch farbige Wärme.

Unser Turm in schillerndem Rot und Weiß – seine Steine durch die Sonne aufgewärmt.
Ich liebe diesen Turm, ich liebe unseren Turm, ich liebe dich und in Momenten wie diesen, in Zeiten wie diesen, fehlen mir die Worte, um all das auszudrücken, was ich so gerne ausdrücken möchte. Bevor ich weiter nach Worten suche, öffne ich mir lieber die Pforte ins Glück. Beim Anblick der Einkaufstüten stelle ich allerdings fest, dass Glück wohl doch ein weiträumig interpretierbarer Ausdruck ist.

1113 Stufen. Sieben mal bin ich gewendelt. Ich bin fertig. Ich bin well done. Ich bin alle. Das nächste Mal suche ich mir doch einen Praktikanten im Discounter. Dann installiere ich einen Flaschenzug und dann kann der Kunde König oben im Turm die Ware entgegennehmen, die das aufstrebende Einzelhandelverkäufertalent unten in den Korb gepackt hat. Klingt nach einem guten Plan, den ich irgendwann mal zu Ende planen und denken sollte. Für die nächste Zeit bin ich mit allem überlebenswichtigen Nahrungs- und Genussmitteln eingedeckt. Zum Glück ist mir noch eingefallen, dass ich den Pansen gleich wieder aus dem Fenster kicken sollte. Bullauge auf, Pansen raus – und diese Innerei scheint einen dermaßen leckeren Gestank zu verströmen, dass es Dune nicht mehr bei den Möwen hält. Nun sitzt sie in den Dünen und genießt ihr Leckerchen. In gebührendem Abstand scharen sich die feindlichen Flugtiere zusammen und hoffen auf ein Resteessen. Wenn das mal gut geht.

Mittlerweile ist es dunkel. Je nachdem wie Dune schaut, sehe ich ihre Augen aufblitzen. Ich mache es mir indes gemütlich. In der Thermoskanne ist noch Kaffee. Ich zünde ein paar meiner neuen Kerzen an und beinahe zeitgleich nimmt meine Behausung auch schon ihre Arbeit auf. Das Licht des Lebens beginnt wieder zu blinken. Wie unter dem Schein einer alterschwachen Discokugel erhellt sich für einen Augenblick das Meer und nur ein paar Sekunden später schaue ich auf eine leicht wellige schwarze Scheibe. Hier und da blitzen kleine Gischtmützen auf und das leichte Rauschen des Meeres vereint sich mit dem wohligen Brummen des Leuchtturmfeuers. Ich hatte wirklich Angst, dass es hier, direkt unter der größten Taschenlampe der Welt etwas lauter zu gehen würde. Aber schon nach kürzester Zeit habe ich die Geräusche der hausinternen Technik gar nicht mehr wahrgenommen. Da war mein früheres Leben zwischen Telekomexpressstrecke und der Bahntrasse schon wesentlich geräuschvoller.

Herr Mond lächelt als schmale Sichel zum Bullauge hinein. Ich bin hundemüde, nur der Hund ist nicht müde. Entweder kaut sie sich immer noch den Pansen, oder Dune traut sich nicht durch die Möwenmauer. Was war das für ein Tag? Gehörte er zu den guten oder zu den schlechten Zeiten? Abgesehen von dem Shoppingstress mit anschließendem Krafttraining auf der Treppe war es ein wundervoller Tag. Emotional war er. Gedankenreich war er. Ein Tag voller Bestätigungen liegt hinter mir und doch hat auch dieser Tag wieder viele Fragen offen gelassen.

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Welt hinter dem Bullauge freundlich lächelt, dass das mit Sternenfunkeln versehene Himmelszelt wieder herrlich blau erstrahlt und die dicke fette Osram ihre Sonnenstrahlen in der Scheibe bündelt und mich furchtbar in der Nase kitzelt. Ungläubig schaue ich mich um. So ganz kann ich es ja immer noch nicht fassen, dass diese eckenlose Behausung für die kommenden Monate meine Herberge sein soll.
Ich bin sicher eingeschlafen, denn hier sieht noch alles so chaotisch aus wie gestern Abend. Die Kerzen sind vollends heruntergebrannt, die Thermoskanne hat noch Kaffee im Bauch und ich höre draußen hektisches Gekläffe. Ob Dune die ganze Nacht draußen war? Ich richte mich ein wenig auf, um über die hausinterne Reling schauen zu können. Die Tür steht immer noch auf. Tolle Scholle Frau Leuchtturmwärterin. Ich würde sagen, da haben wir doch einfach Glück gehabt, dass diese Einladung niemand sonst außer Dune wahr genommen hat.
Ich habe keine Lust aufzustehen. Andererseits verspüre ich fast körperliches Geknuffe von der Sonne. Es ist schon wahr, an solch einem herrlichen Herbsttag kann man nicht in den Federn verweilen. Da ich heute auch nichts Weiteres vor habe, kann ich ihn in vollen Zügen genießen, am Strand, hier am Leuchtturm, mit dir und Dune unter der Sonne. Yes, das klingt gut. Und zwischendurch mach ich mir ein paar Gedanken über den weiteren Verlauf des Umzugs, beziehungsweise Einzugs.

Die letzten Sonnenstrahlen genießen
Die letzte Wärme des Sands spüren
Die letzten Berührungen leichten Windes fühlen
Vorfreude

Auf den Genuss der ersten Sonnenstrahlen
Die ersten Schritte im warmen Sand
Das erste Streicheln des warmen Windes auf dem Gesicht
Nächstes Jahr

Schnell wird der Kaffee umgefüllt, der Weidenkorb frisch gepackt, die Zähne geputzt, das Longshirt übergeschmissen und ab geht’s in die Sonne. Auf der Stiege bemerke ich erst meinen Muskelkater, den ich mir wohl bei der Einkaufstütenorgie gestern eingehandelt habe. Dune kann sich vor lauter Begeisterung über mein Erscheinen kaum halten und springt wie ein Flummi immer wieder an mir hoch. Heute geht es direkt ans Wasser. Es geht kaum Wind und die Luft ist herrlich mild.

Ich frage mich gerade, wie es in unseren Wäldern gerade aussehen mag. Indian Summer? Ob das Laub wohl schon ganzheitlich bunt ist? Hier an den Dünen bemerkt man die wechselnden Jahreszeiten immer erst sehr spät. Das Gras und Schilf ist eigentlich stets eine Mischung aus Braun- und Grüntönen und da die Dünen das Gras nicht abwerfen wie Bäume die Blätter, muss man schon in den Kalender schauen oder sich auf das Gefühl verlassen. Das jedoch trügt im Augenblick sehr, vermitteln Luft, Wasser, Himmel und Wind doch eher, dass wir uns im Sommer befinden. Denke ich an den August zurück, finde ich diesen Oktober um Klassen besser und schöner.

Das Meer ist ganz ruhig und plätschert gemütlich mit kaum hörbarem Rauschen am Strand auf und ab. Es glitzert herrlich in der Sonne. Je nach Blickwinkel bekommt man das Gefühl, einen Kristallteppich zu betrachten. Vorbei ist die Gemütlichkeit, als sich Dune laut kläffend in die Fluten stürzt. Brrrr, um diese Zeit ist es doch sicher noch eiskalt?! Die Flipflop abgestreift greifen meine Füße als erstes in den herrlichen Sandboden. Schon alleine für meine Füße dürfte es nie Winter werden. Nachdem ich mir die Decke zurechtgelegt habe, lasse ich meinen Blick den Strand entlang schweifen. Eine Gänsehaut des Wohlfühlens und der Begeisterung baut sich hinter meinen Ohren auf und verteilt sich von dort in alle Richtungen. Shiver! Es gibt keine Worte dafür, auch wenn ich sie noch so sehr doch noch zu finden hoffe. Ich kämpfe wieder mit Tränen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen, wie nah ich am Wasser gebaut habe, wenn ich hier so nah am Wasser stehe. Vielleicht liegt es an der Unteilbarkeit dieser Gefühle. Ich kann sie nicht fassen, nicht erklären und somit auch nicht vermitteln. Davon mal abgesehen, dass ich gerade nicht wüsste an wen. Dune peitscht besessen durchs Wasser und die Möwen über mir, die in Perfektion ihren Synchronflug absolvieren, erscheinen mir auch nicht wirklich als gute Zuhörer und Menschenversteher.

Perfektion
den ganzen Morgen schon kreisen sie über mir her
leiser Flügelschlag im Synchronflug
nebeneinander beinahe Flugfeder an Flugfeder
übereinander nur ein Windhauch zwischen ihnen
leicht versetzt zur Kehrtwende ansetzend
zweisam entdecken sie den Himmel
gemeinsam beobachten sie den Strand
beisammen erobern sie das Meer
das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Team

ganze Morgende kreisten wir um uns herum
barfüßig im Gleichschritt
nebeneinander Hand in Hand
übereinander kein Windhauch passte zwischen uns
leicht versetzt die gleichen Dinge im Blick
zweisam entdeckten wir die Geheimnisse des Himmels
gemeinsam durchschritten wir jedes Sandkorn
zusammen – wir liebten das Meer

das perfekte Paar
das perfekt eingespielte Paar
das perfekt eingespielte Team

so schaue ich neidisch in den Himmel
trauriges Vermissen entlasse ich ins Meer
schmerzende Sehnsucht begleitet den Flug
des perfekten Paares
des perfekt eingespielten Teams
über mir

Warum bist du jetzt nicht hier? Warum lachst du mich jetzt nicht aus, weil ich schon wieder vor mich hin flenne, ohne wirklich einen Grund zum Heulen zu haben? Warum teilst du nicht mit mir zusammen diese Begeisterung, jetzt, hier, sofort? Manchmal hasse ich dich dafür, dass du nicht da bist. Mit dir könnte ich jetzt so schön hier stehen. Du würdest mich verstehen. Du würdest dich amüsieren, aber in erster Linie wüsstest du genau, was mit mir los ist, wie es in mir aussieht. Du bist mehr als ein Menschenversteher. Du bist ein MichVersteher!








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