Der Wind geht heftig und ich bin sehr glücklich, dass er mir, nachdem ich die vorgenommene Richtung eingeschlagen habe, in den Rücken bläst. So habe ich eine Art Rückenturbo eingebaut und fliege nahezu über den Strand. Eine fliegende Leberwurst, das muss ein Bild für die Meergötter sein. Während der Rucksack auf meinem Rücken gemächlich hin und her schaukelt, und das Glucksen des frischen Kaffees mich fast überredet eine dafür vorgesehene Pause einzulegen, nutzt Fee ihre verbliebene Pfote fürs Temmeln. In sekündlichen und regelmäßigen Abständen führt sie den sogenannten Milchtritt aus. Kein Wunder, am Busen der Leuchtturmwärterin, das lässt ja auf Leckeres hoffen. Für mich allerdings ist das nicht wirklich der Hit und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich anfühlt wie eine tierische Akupunktur oder die ständigen Fehlversuche eines Tattoomeisters, meine Brust an allen Rundungen gleichzeitig zu piercen.
„If I could turn back time…“ Habe ich Angst? Eigentlich summsinge ich nur, wenn ich Angst habe? Ja verdammt noch mal ich habe Angst. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, so wie Cher es besingt, dann wärst du hier, Dune wäre hier, Max wäre da und wir wären am Turm, säßen draußen in den Dünen auf einer riesigen Decke und würden Picknicken. Aber du bist nicht da, ein Zustand, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe und an den ich mich auch nie gewöhnen möchte. Max ist auch nicht da. Dabei brauche ich ihn gerade jetzt so sehr. Und Dune, Dune ist irgendwo verschollen, sie ist weg, fort und ich sterbe vor Angst. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das Richtige tue.
Du hast mir mal gesagt, dass es sie nicht gibt, die perfekte Sicherheit. Du hast mir mal gesagt, dass du sie mir nicht bieten kannst, die perfekte Sicherheit. Aber wenn meine ganze Welt über mir zusammenbricht, sich über mir ergießt, wie die riesige Welle einer Sturmflut, wenn ich keinen Weg mehr sehe, um diesem Strudel zu entrinnen, werde ich doch weiter die Wendeltreppe hinaufklettern, mich im Turm einkuscheln, und mich ihr hingeben, meiner Illusion der perfekten Sicherheit in dem Turm und mit dir.
Mir kann nichts passieren. Ich vertraue in mich und meine Stärke. Ich horche auf mein Herz und folge meinem Bauchgefühl. Es wird alles gut. Mir kann nichts passieren und auch Dune ist nichts passiert. Nichts Schlimmes. Sie wird irgendwo die Zeit vergessen haben. Sie wird irgendwo Schutz vor dem Unwetter gesucht und gefunden habe.
Bei all dem Wind und der Lautstärke der Natur, hätte ich es fast überhört, das Knarzen und Quieken, das vom Meer zu mir herüber dringt. Vertraute Geräusche, vertraute Stimmen und das erste Mal seit ewigen Stunden verspüre ich wieder so etwas wie ein Glücksgefühl. Es ist recht klein, in Anbetracht der Sorge, der Angst und der Panik, aber es ist spürbar da, in meinem Herzen und ich lege zu dem schnellen Schritt, den ich durch den Rückenwind schon habe, noch an Tempo zu.
Der Horizont erblüht sehr langsam und es deutet sich an, dass die Helligkeit sich ihren Weg durch die Nacht bahnen wird. Es macht fast den Eindruck, als bekämen wir heute sogar ein paar Minuten Sonne geboten. Aus einem kleinen zarten Loch in der dunklen Wolkendecke sprühen kleine Lichtfunken, welche diese Hoffnung eindrucksvoll unterstreichen. Der Himmel saugt sich um dieses Loch herum mit den Farben dahinter voll. Ich erinnere mich an eine Schularbeit, wo wir mit sehr viel verschieden farbigen Wachsmalstiften das Zeichenblatt anmalten. Darüber kam eine deckende Schicht schwarz und mittels eines kleinen Spachtels haben wir einem Motiv entsprechend, die schwarze Farbe wieder abgetragen. Zum Vorschein kamen bunte Konturen und Flächen, die in der Gesamtheit ein buntes Bild im Schwarz ergaben. Schillerndes Orange und sattes Goldgelb mischt sich mit der Dunkelheit und beschneidet sie Millimeter für Millimeter.

Am Sturm selbst hat sich noch nichts verändert und hier am Meeressaum pfeift mir der Wind so mächtig durch die Ohren, dass ich den Schal etwas höher krempele. Wahrscheinlich verschreckt durch die Geräuschkulisse der grollenden Wellen, drückt sich Fee ganz, ganz nah an mich heran. Ich kann ihr kleines Herz spüren, wie es regelmäßig aber hektisch gegen meine Brust bummert. Ob sie sich wohl mit der Nase herauswagt, wenn sie die Delfine hört?
Mein Blick wandert zwischen erstrahlendem Horizont und peitschender See hin und her. Die Wogen sind so hoch und unruhig, dass aus den Gischtmützen und entstehenden Strudeln zwischen ihnen kaum was zu entdecken ist. Delphi und Finchen waren hier. Ich habe sie gehört und sie haben mir meinen ersten Glücksmoment des Tages beschert. Wahrscheinlich ist das Schwimmen so nah am Strand zu gefährlich bei der Strömung. Da sich Delfine ja mittels Sonar oder war es Echolot orientieren, kann es bei solch einem Unwetter sicher heikel werden für die Tiere. Mitten in meine semifachfraulichen Ausreden, die ich für Delfine bastele, platzen drei Rückenflossen. Drei? Wieso drei? Während die Kleinste ruhig versucht, die Herausforderung sich aufblähender Wellen zu stellen, und möglichst gleichmäßig durchs Wasser zu gleiten, zeigen die größeren Delfine schon wesentlich mehr Routine. Der Zustand des Gleitens wechselt sich mit flachen und weiten Sprüngen über die Wellen ab. Es sieht toll aus, wie sie scheinbar die Kraft des Wassers für sich nutzen um vorwärts zu kommen. Dann wieder macht es den Eindruck, als spielen sie mit den Wogen Fangen.
Delphi hat mich scheinbar am Strand entdeckt und lässt sich ein Stückweit näher herantragen, während der riesige, mir unbekannte dritte Delfin scheu weiter seine Runden dreht und ein wachsames Auge auf Finchen hat. Der Dritte ist wirklich ein Riese. Ob das der Olle Graue ist, von dem Max erzählte? Ob das Finchens Erzeuger ist? Delphi schwimmt aufs Meer hinaus, nimmt Schwung und prescht über die Wasseroberfläche, jede einzelne Welle für sich, die wohl ausgesuchte Richtung und den wahrscheinlichen Landepunkt, ausnutzend. Elegant hebt sie sich aus dem Wasser, springt in formschönen Bögen über Finchen und den Ollen Grauen hinweg, rast auf das Land zu und wie von Geisterhand gestoppt, bremst sie in sicherer Entfernung wieder ab. Dann stellt sie sich auf ihre Fluke und tanzt und schnattert und braust zurück in Richtung Horizont und kwarzt und quiekt. Werde ich jetzt größenwahnsinnig, wenn ich mir einbilde, dass sie mir etwas erzählen möchte? Oder entschuldigt sie sich nur, weil sie mir das Glück des Kraulens nicht bieten kann? Vielleicht möchte sie mir auch einfach nur Mut machen, für meine Suche nach Dune. Ich weine. Und ein ganzer Niagara stürzt sich aus meinen Tränendrüsen als ich merke, wie die kleine Fee neugierig ihr Köpfchen aus ihrem Versteck reckt und, durch den Wind kaum wahrnehmbar, miaunzt. Dabei streckt sie immer wieder ihr kleines Stummelbeinchen nach draußen, und winkt? Vielleicht spricht Delphi gar nicht mit mir sondern mit Fee? Diese Situation überfordert mich wieder vollends. Aber sie lässt mich auch lächeln. Ich lächele und bin einfach nur unaussprechbar glücklich, dass mir die beiden Freunde, Entschuldigung, drei Freunde auf See beistehen.
Der Himmel brennt und erstrahlt in gigantischen Farbformationen, die wie so oft unbeschreiblich sind. Aber selbst, wenn ich über das notwendige Vokabular verfügen würde, ich habe keine Zeit. Ich muss weiter. Der Tag ist da, er ist über das Anbruchsstadium hinaus und ich möchte meinen Hund finden. Ich will, dass es Dune gut geht.
Ich werfe einen letzten Blick auf die spielenden Delfine und stuppse ganz vorsichtig Fee zurück in ihr ihre Sänfte unter meiner Jacke. Das erste Mal höre ich diese winzige Katze einen Fauchversuch starten. Aus meinem Lächeln wird ein Lachen. Das Fauchen klingt so unglaublich albern. Beinahe automatisch muss ich an eine Szene aus dem Film „LionKing“ denken, wo der kleine tapfere Löwensohn fauchen möchte und nur ein krächzendes fast lautloses „Miiiaunz“ zu Stande bringt. „Fee, Fee, ach kleine Fee. Da musst du noch viel Schlabber fressen und viel mit Dune herumtollen, damit du so groß und stark wirst, dass du gegen dieses Unwetter und all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt anfauchen kannst. Bis dahin werden wir hoffentlich die Delfine noch ganz oft besuchen können und nun gib Ruhe.“ Mit einem letzten zärtlichen Schubbser befördere ich die Mieze zurück ins Brusttaxi.
Delphi und der olle Graue umschmusen sich. Zärtlichkeit gegen die Gewalt des Meeres. Ein definitiv letzter Blick und ich gehe weiter in Richtung Bucht. Schritt für Schritt entferne ich mich von diesem wohligen Szenario, das mir das erste Glück des Tages brachte. Ich mag nicht daran denken, ob vielleicht oder hoffentlich noch mehr Glück auf mich wartet. Aber ich werde weiter gehen. Schritt für Schritt, durch die Kälte, den Sand, den Sturm – hinein in einen scheinbar freundlich werden wollenden Tag.
Aus deiner schützenden Umarmung
löse ich mich nun und steige hinab in das,
was sich Leben nennt.
Knirschend wird sich die Kälte des Lebens
meinen vorsichtigen Schritten ergeben.
Hat es eine andere Wahl?
Das Leben?
Wahrscheinlich.
Aber nicht solange ich mich fortbewege.
Hin zum Leben – hin zum Sein.
Du wachst über mich mit deinem großen Herz.
Danke dir dafür, mein Freund, mein Liebster.
Ob Dune auch hier war? Ob sie hier vorbei gekommen ist? Oder suche ich auf komplett falschen Wegen? Nein, ich möchte mich jetzt nicht verunsichern. Ich möchte daran glauben, dass es richtig ist, was ich tue. Ich möchte mir vertrauen, auf mein Herz horchen und dem Bauchgefühl folgen, das mir schon so oft die richtige Richtung gewiesen hat. Das Unwetter lässt tatsächlich nach. Der Wind hat sich abgeschwächt und tost nicht mehr mit soviel Dezibel an meinen vom Schal gewärmten Ohren entlang. Dort, wo die seichten Sonnenstrahlen sich bereits durch das Schwarz gekämpft haben, ist es bestimmt schon herrlich. Ich versuche geduldig zu sein. Geduldig mit dem Wetter, mit dem Tag und, ja, auch mit mir. Hoffentlich hat Dune auch genug Geduld. Hoffentlich geht es meinem Podenco gut.
Je näher ich der Bucht komme, um so mehr zweifele ich an meinem Geisteszustand. Es mangelt mir nicht an guter Nahrungsgrundlage und getrunken habe ich auch genug. Ich gebe zu, es war nur Kaffee, aber ausreichend Flüssigkeit habe ich zu mir genommen. Drogen nehme ich bis auf die handelsüblichen Sorten wie Nikotin und Koffein auch keine – und niemand war in meiner direkten Nähe, so dass er hätte meinen Kaffee panschen können. Es ist nicht mehr so eisig wie heute Nacht, aber auch nicht plötzlich so heiß, dass ich bereits zu dieser Stunde des Tages unter Halluzinationen leiden könnte. Wie aber sonst erkläre ich mir diese Fata Morgana dort hinten? Eine Spiegelung? Ein Hologramm? Kurz vor dem Ding bleibe ich stehen, starre es an und führe eines meiner berühmten Selbstgespräche. Das sieht aus wie ein Pfahlbau. Es steht auf Pfählen. Es scheint rundum aus Holz gebaut. Und ein rundum aus Holz gebautes Haus, das zudem auf Pfählen steht, nennt man gemeinhin einen Pfahlbau. Ich kenne diese Bucht. Ich war öfter in dieser Bucht als in einer Kirche und ich behaupte, übertreibend, wie ich manchmal sein kann, dass ich hier jedes Sandkorn beim Vornamen kenne. Ich sehe dort einen Pfahlbau stehen, der dort noch nie gestanden hat, der vor wenigen Tagen noch nicht da war. Wie um Meergottes Willen, kommt dieses Ding hier her?
Meine kleine Insel Heimat
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