Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Meine Gedanken eiern

24 10 2009

Meine Gedanken eiern in Ellipsen, so wie auch mein Kreislauf eher einem Eierlauf ähnelt. War wohl alles ein bisschen viel heute und so schleppe ich mich müde, aber nicht wirklich unglücklich die Treppe hinauf. Dune freut sich und auch Fee steht schon Spalier, um mich zu begrüßen. Die Näpfe von beiden sind so was von leer und noch bevor ich mich meiner Garderobe entledige, füttere ich erstmal die Raubtiere ab. Die Luft, das Meerrauschen, der Sand unter den Gummistiefeln, die Gespräche mit Max, die Überraschung – das alles hat soviel mit mir gemacht, dass ich mich von meiner Garderobe auch noch gar nicht trennen mag. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch für ein paar Minuten hinaus gehe, und wie Max, alleine meinen Gedanken nachhängen möchte. Ein Blick aus dem Bullauge zeigt mir, dass es schon dämmert. Waren wir wirklich so lange fort? Kaum zu glauben. Das Leuchtfeuer arbeitet bereits und am Strand sehe ich Max, wie er im Sand sitzt und auf das Meer hinaus starrt. Ich werde seinen Wunsch alleine zu sein respektieren, aber kann er sich nicht woanders hin setzen? Oder ist er auch schon angefixt von diesem wohligen Gefühl im Schatten des Leuchtturms zu sitzen? Ob er über unseren Deal nachdenkt? Oder ob er an seinen Sohn denkt, so wie ich an dieser Stelle immer hinaus starre aufs Meer und meine Gedanken bei dir ankern lasse? Mich verbindet mittlerweile soviel mit diesem Brummbären. Und in den letzten Tagen sind wir uns so unglaublich nahe gekommen, dass es mir fast den Verstand raubt. Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal zulassen oder erleben könnte. Und wieder frage ich mich, ob du deine Finger im Spiel hast. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem was passiert und all den Erinnerungen, deren Schnittmengen manchmal so deckungsgleich sind. Max scheint zu spüren, dass er beobachtet wird. Ungelenk steht er auf, winkt noch einmal in meine Richtung und trabt von dannen mit Kurs auf die Bucht.

Ein paar Minuten noch raus. „Dune altes Mädchen, möchtest du mitkommen? Nicht weit. Nur auf den Strand und vielleicht ans Wasser.“ Als hätte sie jedes Wort verstanden, humpelt sie voraus und macht sich an den Abstieg. Ich kraule Fee noch zum Abschied, schaue nach, ob mit Kleine Düne alles okay ist. Der Welpe liegt träumend und mit den Pfötchen strampelnd in dem großen Korb. Mit dem Zeigefinger streichele ich dem Fellklöppschen zwischen den kleinen Öhrchen, worauf hin er ein leises Quieken von sich gibt und selig weiter schläft. Dune bellt aus dem Erdgeschoss und drängelt. Na dann mal los. Noch ein paar Minuten Frische, Vertrauen und Geborgenheit tanken. Den Kopf durchpusten lassen. Einfach nur sein.

Je dunkeler es wird, desto kälter wird es auch. Und ich bin froh darüber, dass ich den Schal noch gegriffen hab, bevor ich raus bin. Dune bleibt ganz dicht bei mir und schnuffelt sich an den Gerüchen des Strandes satt. Das Schnuffeln eines Hundes ist wie Zeitung lesen. Wenn ich mein Haustier dabei beobachte, kann ich diese These glatt wieder unterschreiben. Wobei in unserer hiesigen Zeitung auch im Herbst und erst recht im Winter ein großes Sommerloch vorherrschen dürfte. Es kommt hier kein Hund vorbei, der verbotener Weise an Dunes Schilfhalmen markieren würde. Und es gibt auch sonst niemanden, der ihr das Revier wirklich streitig machen wollte. Wer hier rauskommt, der weiß, dass er zu mir will, oder er hat sich verlaufen, oder besser noch verschwommen. Ich muss laut auflachen bei dem Gedanken an Henry, das Sams, den das Meer hier ausspuckte. Dune scheint ob meines Lachens leicht irritiert. Obwohl sie diese Anwandlungen ja eigentlich von mir kennen müsste.

Als zwei Möwen bedrohlich tief über uns ihre Flugakrobatiken zum Besten geben, scheint es Dune etwas mulmig zu werden und sie presst sich dicht an mich. Kein Wunder, mit ihren Verletzungen würde ich auch nicht die böse Bestie geben wollen und die Erinnerung an die mutierte und genmanipulierte Monstermöwe, die ihr vor einiger Zeit die Schädeldecke punktierte, dürfte auch noch sehr wach sein. So spazieren wir, Hundekörper an Knie und Schenkel zum Wassersaum. Ich freue mich über das Vertrauen, das meine Hündin in mich hat und meine Gedanken werden zu Erinnerungen. Erinnerungen an damals, als sie sich mir anschloss und mich einfach als neue Dosenöffnerin für sich bestimmte. Sie hat mich nie gefragt, ob ich es wirklich wollte. Sie hat es einfach bestimmt – und mich damit zur glücklichsten Hundebesitzerin zwischen Süd- und Nordpol gemacht.

Du sagtest immer:

“Alles hat seine Zeit – alles braucht seine Zeit

jetzt ist es an der Zeit – es ist Zeit”

In Zeiten wie diesen denke ich daran

Alles hat seine Zeit –

Wut, Trauer, Verlangen, Vermissen und Liebe.

Alles braucht seine Zeit –

die Wut, die Trauer, das Verlangen,

das Vermissen und die Liebe.

Jetzt ist es an der Zeit –

zu wüten, zu trauern, zu verlangen,

zu vermissen und zu lieben.

Es ist Zeit.

Meine Zeit.

Meine Zeit mit dir.

Wütend, traurig, verlangend,

vermissend und liebend.

Ich bin dankbar für diese Zeit,

für jede Zeit,

für die Zeit mit dir.

Aber ist die Zeit auch wirklich schon reif dafür, um darüber zu reden, über dieses kostbare Gut „Meine Zeit mit dir?“ Also wenn ich sie jemandem haarklein erzählen möchte, dann Max. Klingt das jetzt doof? Ich meine, so gut kenne ich ihn nicht und so lange schon mal gar nicht, dass er sich diese Form des Vertrauens schon irgendwie „verdient“ hätte. Aber trotz der Kürze dieser Zeit, ist er mir unglaublich, unfassbar, nicht erklärbar nah. Vielleicht ist unsere Geschichte der Schlüssel zu diesem Gefühl der Verbundenheit, die mich mit ihm verbindet? Bekomme ich Antworten auf eine Vielzahl meiner Fragen, die sich mir in Zusammenhang mit Max immer mehr und mehr stelle?

Dune und ich nehmen am Wasser Platz. Es ist ganz schön kalt, und ich bin schon froh, dass ich mir den Wollpullover und die Jacke über den Hintern ziehen kann. Nur für Dune gibt es nichts zum Draufsetzen. Das Problem löst sie, in dem sie sich bei mir auf den Schoß setzt. Boah Hund, bist du schwer. Ich dachte mit Ende des Dickbauchdaseins wäre neben Masse auch ein bisschen Gewicht geschrumpft. Dune starrt stur aufs Meer hinaus und wedelt irgendwie auch mit dem Schwanz. Also so richtig wedeln kann sie nicht, denn sie sitzt mit ihrem Hintern drauf, aber ich sehe wie die Schwanzspitze den Sand aufpeitscht. Als sie anfängt leise vor sich hin zu junkern, erhellt sich mein Gesicht. „Sind Delphi und Finchen in der Nähe?“ Die Hündin erhebt sich, nicht ohne mir ihre Vorderpfoten so richtig ordentlich in die Oberschenkel zu rammen, was höllisch weh tut, läuft entlang des Wassers aufgeregt auf und ab. Derweil ist es dermaßen dunkel, dass ich draußen auf dem Meer nichts erkennen kann und das Aufflackern des Leuchtfeuers ist auch keine große Hilfe. Plötzlich höre ich Delphi wie sie ihre knarzenden Gesänge in Richtung Strand singt. Und ehe ich mich über diese Nähe recht freuen kann, prescht sie auch schon an den Wassersaum. Die Welle, die sie vor sich herschiebt ist riesig und ich bekomme ordentlich nasse Beine – aber wen stört das schon, wenn er dafür mit einer Delfinin schmusen kann? Dune ist komplett außer Rand und Band und begrüßt ihre Freundin mit liebevollen Schleckereien und hektischem Rumgehoppse. Als ich so nah an Delphi heran gekommen bin, dass ich sie sehen kann, sehe ich, dass sie nicht alleine gekommen ist, was dann auch die Wucht der Welle erklärt. Gemeinsam mit dem ollen Grauen und Finchen hat sie sich zu uns gesurft und ich weine vor Glück und Aufregung. Delphi reckt ihre Schnauze so hoch wie sie nur kann und nickt immer mal wieder auf und ab. Meine ganz persönliche Einladung zum Streicheln, der ich so gerne nachkomme. Ich hocke mich ins Wasser das eisig kalt ist und kraule der schönen Delfinfrau das Kinn. Ich lerne, dass Kinder von ihren Müttern lernen, denn auch Finchen wackelt aufgeregt mit dem Kopf auf und ab und möchte gestreichelt werden. Jetzt bitte nicht auch noch der Vater der Kompanie, denn ich habe nur zwei Hände. Doch der Olle Graue nimmt Reißaus vor Dunes Annäherungsversuchen und robbt sich zurück ins Meer. Dort können wir ihn nicht mehr wirklich sehen, aber hören. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hören wir ihn im Wasser eintauchen und ich kann mir nur vorstellen, welch eleganten Sprünge er dort draußen zum Besten gibt.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange die beiden Delfine sich haben verwöhnen lassen oder anders gesagt, wie lange ich schon hier im Wasser hocke und die Beiden streicheln darf. Als beide keine Lust mehr haben, oder ist es, weil der Olle Graue im Hintergrund ruft, brechen die beiden Delfine ihren Aufenthalt ab und begeben sich zurück ins Wasser. Ich lache, ich weine, ich zittere am ganzen Körper und hocke auf den Knien und starre ihnen hinter her. Dune kommt zu mir und leckt mir durch das ganze Gesicht als wolle sie mich trösten und meine Tränen weg wischen. Tausche Salztränen gegen Spucke. Hund ich liebe dich!

Mit dem Abgang der Delfine ist auch unser Abgang eingeläutet. Es ist einfach viel zu kalt, um in nassen Klamotten weiter umher zu spazieren. Also folgen Dune und ich dem Licht unseres Leuchtturms, lassen uns nach Hause lenken und kehren um.

Lautbrausende Wogen ~ Tosende Wellen

Beißender Wind ~ Eiskalte Nacht

Diese Stimmung in mir

Brausender als die Wogen

Tosender als die Wellen

Beißender als der Wind

Kälter als die eisige Nacht

Manchmal möchte ich springen

In die Wogenbrause

Das Wellengetöse

Die Windbisse

Das Nachteis

Einfach nur springen

in deine Arme

Dir endlich wieder nah sein dürfen.

Ich bekomme mich einfach nicht sortiert. Jetzt sitze ich schon seit Stunden, eingekuschelt in die Decke und mit allem Viehzeug um mich herum auf der Couch, trinke Grog und bin einer Entscheidung immer noch nicht näher. Aber was will ich überhaupt entscheiden? Wir haben doch schon entschieden, einen Deal gemacht und gegenseitige Geständnisse ausgehandelt. Es quält mich einzig noch die Frage, wie viel ich wirklich erzählen möchte. Was Max wissen darf.

„Kleines, du darfst nie vergessen, dass du mir alles erzählen darfst, aber nie etwas erzählen musst.“ Deine Worte hallen in meinem Kopf und ich wünsche mir mehr denn je du wärst hier, damit ich das alles mit dir besprechen könnte. Aber du bist nicht hier, wenn du mir auch sehr nah bist und diese Entscheidung muss ich alleine treffen.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”

Du hast gut reden! Ich starre aus dem Bullauge und beobachte, wie sich die Nacht gewohnt regelmäßig erhellt.

Zwiegespräch mit meinem Leuchtturm

Wenn der Horizont schwarz das Meer berührt,

wenn der Himmel sich nicht mehr von der See trennen lässt,

wenn nur das Licht des Mondes, der Sterne und von dir eine Orientierung möglich machen.

Wenn es still wird am Strand,

wenn sich die sonst so lauten Möwen zurückziehen,

wenn die Wogen zu leisen Wellen werden,

wenn man nichts mehr hört. außer vielleicht einem Boot in weiter Ferne

Dann ist es Nacht,

Zeit für Zweisamkeit

und Zwiegespräch.

Ohne Worte,

nur durch Zeichen,

mit meinen Mitteln,

und deinen Möglichkeiten

lotsen wir uns beide

durch die Dunkelheit.

So langsam zeigen Tote Tanten, Aufregungen und Grogs ihre Wirkung. Ich werde bei aller Gedankenachterbahn furchtbar müde und entscheide mich, die Entscheidung, die ja eigentlich gar keine mehr ist, auf den sich langsam nähernden Morgen zu vertagen, so ich ihn nicht verschlafe. Vorsichtig schäle ich meinen Astralkörper aus den Umklammerungen von Decke und Pfoten und lass mich in meine Koje fallen. Gute Nacht alle zusammen. Schlaft schön weiter, träumt was Schönes, ich hab euch lieb. Noch bevor ich die guten Wünsche gänzlich an Hund, Katze, Turm überbracht habe, bin ich auch schon im Traumland.

Immer wieder wache ich auf und schlafe gleich wieder ein. Der Rest der Nacht ist so klein und die Unruhe groß. Irgendwann merke ich wie Dune zu mir kommt, sich neben mich vor die Koje setzt und ihren Kopf auf der Matratze ablegt. Müde tätschele ich ihr zwischen den Ohren, drehe mich um und versuche gleich weiter zu schlafen. Und dann überfällt er mich wohl doch, der kleine Mann mit dem dicken Sandsack. Er streut mir alles in die Augen, was ich für einen tiefen Schlaf brauche und ich lasse mich fallen in die schwarze Umarmung der Nacht.





Max lässt es sich nicht nehmen

20 10 2009

Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.

„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“

Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.

Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.

gestrandet

nach durchwachter Nacht

nach durchdachter Nacht

nach durchfühlter Nacht

nach durchfrorener Nacht

nach durchliebter Nacht

nach durchlebter Nacht

auf dem Strand in der Nacht

gewacht, gedacht, gefühlt,

gefroren, geliebt, gelebt

gestrandet

Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.

„Nichts.“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.

„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.

Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.

Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:

„Die Überraschung, Kleines…“

Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…

„Klein!-nes! Die Überraschung!“

„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“

Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“

Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.

Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.

„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“

Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?

“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.

Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”

Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.

Muschelgespräche

<< Möchtest du dich wirklich öffnen?

>> Ja, möchte ich.

<< Wo ist für dich der Reiz?

>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.

<< Die Welt da draußen ist kalt.

>> Aber die Sonne scheint.

<< Die Welt ist kalt, glaube mir.

>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.

<< Es ist brutal.

>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?

<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.

>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.

<< Das wird dir nicht bekommen.

>> Wie meinst du das?

<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch  nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.

>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?

<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt

Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.





Hier ist alles so anders und so schön.

11 08 2009

Hier ist alles so anders und so schön. Hier ist alles so wunderbunt, lustig und traurig gleicher Maßen. Hier ist alles so aufbauend, erhebend, beeindruckend. Hier erinnert alles so sehr und ich darf so vieles neu entdecken. Hier passiert so viel, auch wenn eigentlich nichts passiert. Hier vermittelt alles so viel Sicherheit und Geborgenheit. Dieser Ort war, ist und bleibt einzigartig und ich habe die Chance hier sein zu dürfen. Ich darf hier sein, diesen Ort entdecken, noch lieber gewinnen, mich fallen lassen. Hier bin ich – Hier darf ich sein. Vor allem aber bist du hier. Hier ist so unendlich viel du, so unglaublich viel von dir. Hier ist deine Seele, deine Seele ist das alles hier. Und wenn ich jemals etwas richtig machen kann, dann jetzt und hier, indem ich diese Möglichkeit beim Dünengras packe und bleibe.

Ich werde fliegen. Ich werde mir das Nötigste einpacken, Dune schnappen und losfliegen. Vorher mache ich noch bei Max Halt und vertraue ihm diesmal meine Hündin an. Ich bringe es nicht übers Herz sie schon wieder ständig in komische Transportkisten packen zu müssen. Tage danach ist sie dann wuschig und ungenießbar. Das brauche ich nicht und sie schon gar nicht. Wieder ein Abschied. Wieder ein kleiner Tod, aber ich verspreche, dass ich wieder kommen werde. Bald, gleich, sofort. Und dann flieg ich ins Rheinland, werde alles Notwendige veranlassen, ein kurzes Tschüss den Rhein entlang schmettern, dem allgemeinen „Hallo“ auf mein Erscheinen, ein Unverzügliches „Und wech!“ hinterher flüstern.

Es ist an der Zeit zu vertrauen, es ist für mich an der Zeit, auf mein Herz zu hören und meinem Bauchgefühl nach zu gehen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass es keinen Aufschub mehr duldet, dass ich es tun muss, weil ich es tun will, weil es getan werden soll, weil ich einfach hier her gehöre. Vielleicht nicht für immer. Vielleicht nicht für die Ewigkeit. Aber für eine Zeit lang. Eine Zeit voller Liebe, Erinnerungen, Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Abenteuer und Neuem.

Ich greife mir meinen Rattanköfferchen, der, so hoffe ich, diese eine Reise sicher noch überleben wird, und packe: Zahnbürste, Schminkzeugs, Kohle, Reisepass, Perso, Handy, zwei bis drei Unterhosen, T-Shirts, ein T-Shirt von dir, eine Hose zum Wechseln, Socken, ein Hemd und zwei Pullover. Basta, das muss reichen. Länger bleibe ich nicht. Den ganzen Verwaltungskram habe ich schon erledigt und ich hoffe, dass bei Mütterchen nicht irgendwelche üblen Überraschungen auf mich warten. Ich will einfach nur hin und wieder weg. Mütterchen wird weinen, Bekannte werden toben, Verena wird’s verstehen und einfach nur glücklich sein, wenn ich an das Ladekabel denke.

Nun ist Dunes Reisetasche dran: Tauknoten, Lieblingsleckerlis, mein T-Shirt, Plüschknochen, Tennisball, ein paar Dosen Futter. Dann werde ich Max ein paar Euro in die Hand drücken, damit er ihr einmal Tartar kaufen kann. Und schwupps bin ich schon wieder zurück. Max ist ein super Dogsitter, er kennt Dune fast so lange wie ich selbst und er hat sich mit seinen Tobe- und Raufspielchen kräftig in ihr Herz gespielt. Ich hoffe, dass sie mich vermissen wird, aber ich weiß auch, dass sie es unter diesen Umständen nirgends besser haben kann, als bei ihm. Das Packen ihrer Sachen macht Dune neugierig, und wie das bei Haustieren so ist, sie haben den siebten Sinn, ahnt sie wohl, dass irgendwas im Busch ist.

Die Aktion gestaltet sich mehr und mehr zum Hürdenlauf. Wo ich bin, ist auch Dune und alles, was in die Tasche kommt, muss ausgiebig beschnuffelt, für korrekt befunden und abgenickt, abgewufft werden. Sie wird mir den Abschied ganz schön schwer machen. Mir brennt jetzt schon das Herz, wenn ich überlege, dass ich die nächsten Tage ohne sie sein soll. Nur so macht es aber Sinn. Da muss der höchsteigene Egoismus, den durchaus auch schon mal an den Tag, beziehungsweise an den Abend legen kann, zurückstehen.

„Du, Kleines, können wir noch mal über heute früh reden? Du weißt schon, die Pinselaktion!“

„Du hast doch alles gesagt. Ich soll mich nicht sorgen, ich soll mich nicht aufregen, irgendwann wirst du halt gehen. Wenn du es für richtig hältst. Wenn du willst. Du, du, du. Ob ich das will, ob mir das passt, ob ich da ein Problem mit hab, juckt dich doch gar nicht. Also, was noch reden?“

„Das ist nicht fair und das weißt du. Hab ich nicht das Recht auf Egoismus? Du weißt von Anfang an, dass das, was wir haben, nicht für die Ewigkeit ist. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und dir gesagt, dass ich ohne großen Abschied gehen werde, wenn ich glaube, dass du alleine zurecht kommst. Das war gestern noch nicht der Fall. Das sehe ich heute auch noch nicht. Und Morgen denke ich, wird es auch noch nicht so weit sein. Aber wenn es soweit ist Kleines, dann bin ich fort. Ich werde dich immer mitnehmen. Ich werde dich überall hin mitnehmen. Wie heißt das in diesem kitschigen Film, den du so gerne siehst, „Ghost, Nachricht von Sowieso“? Die Liebe in sich, die nimmt man mit.“

„Du sagst du liebst mich und im gleichen Moment faselst du von deinem Abschied. Wo ist da der Sinn? Was ist das für eine Liebe, die so verletzt? Ich will das nicht hören. Ich will das nicht fühlen. Ich will das nicht!“

„Ich dachte, du hättest verstanden, dass es nicht darum geht, was du willst. Ich dachte immer du würdest mich verstehen.“

„Das tu ich.!

„Scheinbar nicht.“

„Doch, aber nur weil ich dich verstehe, heißt das nicht, dass ich mit dem konform gehen muss. Ich sehe es nicht ein. Ich sehe es einfach nicht ein. Ich will dich nicht verlieren. Jetzt nicht, Morgen nicht, nicht nächstes Jahr! Nie, Niemals! Verstehst du mich?“

„Du wirst mich nicht verlieren. Niemals! Du wirst mich loslassen müssen. Aber du wirst mich nie verlieren!“

„Das kann ich nicht, das werde ich nie können. Ich kann dich nicht loslassen. Ich werde dich nicht loslassen. Ich will dich nicht loslassen“

Ich habe dich verstanden. Ich habe dir geglaubt. Aber ich war zu blind um den Augenblick kommen zu sehen. Wahrscheinlich wollte ich ihn gar nicht sehen. Ich war so überzeugt davon, dass du alles unserer Freundschaft und dieser besonderen Form der Liebe unterordnest, dass ich das nicht auf dem Zettel hatte. Du hast diesen Leuchtturm entdeckt. Du hast ihn für uns gekauft. Du hast ihn mit mir und für mich hergerichtet. Wie konnte ich davon ausgehen, dass der Abschied so nah, dein Egoismus so groß ist?

Dune stuppst mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat ihre Stoffmaus im Maul und scheint darauf zu bestehen, dass sie auch in die Tasche gehört. Als hätte ich die vergessen, aber wir bleiben ja noch eine Nacht. Beim Stichwort Nacht fällt mir die Letzte wieder ein. Was macht eigentlich die Wunde? Heute ist soviel passiert und nicht passiert, dass ich ihr noch gar keinen weiteren Blick geschenkt habe. Ich beuge mich zu meiner Hündin hinab und hocke mich vor sie hin. Und wieder scheint sie genau zu wissen, was passiert. Artig legt sie ihren Kopf auf meine Knie, um mir den best möglichen Blick auf ihren Schmiss zu ermöglichen. Die Wunde sieht gut aus, so man das von einer Wunde sagen kann. Es scheint sich nichts entzündet zu haben und über den Tag konnte ich auch keine wesentlichen Ausfälle an ihr feststellen. Während ich sie umarme und wir ein paar Kuschelminuten einlegen, fahren meine Gedanken und Gefühle wieder Karussell.

Losgelassen

Mit betroffenen Mienen, hoben sie deinen Körper aus meinem Schoß.
Mit sanftem Griff, lösten sie meine Umarmung.
Beinahe zärtlich klangen ihre Worte: “Sie müssen ihn jetzt loslassen.”.

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Immer wieder sagten sie mir: “Du musst endlich loslassen”
Immer wieder hörte ich: “Lass los oder du wirst draufgehen”
Immer wieder therapieren sie mich: “die Kunst des Loslassens”

Ich löste die Umarmung. – Ich ließ deine Hand los. – Sie nahmen dich mit.

Losgelassen?

Loslassen heißt nicht losgelassen
und darum

hält mein Herz fest
an dir
unserer Freundschaft
unserer Liebe.

Wie das Gras im Sand der Dünen.
Wie dein Leuchtturmlicht den Himmel.
Wie das Meer den Strand.

Ich löste die Umarmung.
Ich ließ deine Hand los.
Sie nahmen dich mit.
Ich habe dich losgelassen

Aber ich werde nie los lassen.

Abschied ist immer ein kleiner Tod. Ich packe unsere Sachen für einen sehr kurzen Abschied und ich fühle mich absolut zerrissen und innerlich zerfetzt. Keine Gefühlsbahn führt mehr in eine klare Richtung und in meinem Herzen und in meinem Kopf geht alles drunter und drüber. Das verstehe wer will. Bin ich so wenig überzeugt, von dem was ich vorhabe? Oder habe ich unterschwellig böse Ahnungen, die mir sagen wollen, dass es ganz anders kommt, als ich es mir vorstellen möchte? Natürlich habe ich Angst davor, dass in Deutschland alles ganz anders wird, nichts funktioniert und alle Vorbereitungen, die schon längst getroffen, für die Katz sind. Andererseits, wenn ich jetzt nicht loslasse und mein Leben lebe, sei es auch nur für das angedachte Jahr, dann werde ich es nie tun. Dann wird sich unser Traum nie erfüllen und ich fühle mich einfach schuldig. Ich bin es diesem Traum schuldig, dass ich das jetzt durchziehe. Ich bin es dir schuldig. Und, zu guter Letzt, bin ich es auch mir schuldig.

Deine Seele, deine Liebe, deine Träume und Wünsche sind hier. Sie sind der Mörtel für jeden einzelnen Backstein, sie spiegeln sich in jedem einzelnen Pinselstrich wieder. Sie vereinen sich in jeder Stufe der Wendeltreppe. Ich bade in ihnen, wenn ich in die Kabine gehe und ich genieße sie, wenn ich mir etwas zu Essen mache oder Wasser für einen Cappuccino koche.

Wieder ist es der Hund, der mich aus meinen chaotischen Gedanken reißt. Sie läuft hektisch die Treppe herunter und ich eile ihr nicht minder hektisch hinter her. Nein, nein, nein, kein Bach im Haus, keinen Fluss in den Flur und keinen Haufen vor die Tür. Ab mit ihr nach draußen. Als ich die Tür öffne, fegt sie hinaus, als ob die Möwe von letzter Nacht hinter ihr her wäre. Wobei, vielleicht war ja auch Dune hinter der Möwe her und das arme Federvieh hat sich nur gewehrt. Letztere Theorie passt so gut zur Geschichte von Delphi und Finchen, an der ich, bis das Gegenteil bewiesen ist gerne festhalten möchte. Nennen wir es romantische Vorstellung. Wenn es wirklich so war, das meine Dune Mutter und Kind beschützen wollte, dann…

Ja was dann?

Na dann bin ich doch noch viel stolzere Hundebesitzerin, als ich seit je her war. Und dann werde ich sie Morgen dem Max als super zuverlässigen Hütehund übergeben. Max braucht sich dann keine Sorgen um seine Sandskulpturen machen, weil Dune sie bis aufs Blut verteidigen wird. Ich glaube, ich schweife gerade schwer ins Alberne ab.

Alleine rumalbern ist ziemlich albern. Und wieder fehlst du.

Ich lasse die Türe angelehnt und klettere die Wendeltreppe wieder hinauf. Mir ist kalt und ein Blick auf die Füße sagt mir warum. Barfuß auf Kacheln, das hatten wir doch heute schon mal.

Der Himmel ist stockfinster. Kein Stern in Sicht und auch der Mond zeigt kein Gesicht. Ich sitze am Fenster und beobachte, beschienen durch unser Leuchtfeuer, wie Dune ihren eigenen Schatten jagt. Hin und wieder legt sie eine kurze Geschäftspause ein und dann, ganz geschickt, fällt sie wieder irgendwas an, auf dem sich zuvor ihr Schatten noch mutig gezeigt hat. Dieses Vieh ist einfach dufte. Gleich ist es Zehn und es wird Zeit. Morgen wird ein harter Tag.

Geschafft.

Ich bin auf dem Rückweg und kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich darüber bin.

Zuhause ist dort, wo das Herz wohnt?

Was aber, wenn das Herz urplötzlich umgezogen ist – klammheimlich – und man es selbst gar nicht richtig wahr genommen hat?

Zuhause ist es immer noch am Schönsten?

Das ist sicher richtig, wenn man für Zuhause eine ortsgebundene Definition hat.





Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte

7 08 2009

Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte, sehe ich noch im Augenwinkel zwei Delfine, wie sie in kurzen flachen Sprüngen über die Wasseroberfläche hechten um schließlich gänzlich abzutauchen.

Da waren die doch schon wieder?! Ich bin doch nicht blöd, da sind doch zwei Delfine in unserer Nähe! Ich stelle die Kaffeetasse hektisch auf den Tisch, puste die Kerze aus und nehme die Beine in die Hand. Schnell wie selten eile ich die Wendeltreppe hinunter und laufe zu Dune. Sie hat sich so in Trance gebellt, dass sie mich gar nicht wahrnimmt und ihr Bellen erst kurz unterbricht, nachdem ich mich neben sie in den Sand gehockt hab. Gell? Du hast sie auch gesehen?! Da waren doch zwei Delfine, oder nicht? Die Hündin kläfft in ohrenbetäubender Lautstärke und mag sich gar nicht mehr beruhigen. Und ich? Ich starre wieder Löcher in die Luft, starre wieder auf die Stelle, über die eben noch Delfine sprangen und ich kann wieder nichts Verdächtiges entdecken. Macht das die Luft? Kommt das von dem Alleinsein? Ich meine, bis auf die handelsüblichen Drogen wie Zigaretten und Kaffee habe ich doch schon ewig nichts mehr zu mir genommen. Ich kiffe nicht und komische bunte Pillchen, mit :lol: Smileys :lol: drauf, gehören auch nicht auf meinen täglichen Speiseplan.

Vom Meer her weht eine leichte Brise über uns hinweg. Auf dem Meer bewegen sich nur die kleinen Wellen. Mein Zustand lässt sich nicht in Worte fassen. Ist es Fassungslosigkeit oder Ungläubigkeit? War es ein Traum oder eine Delfin Morgana? Wenn ich ja nicht wüsste, dass es sie wirklich gibt, würde ich jetzt an meinem Geisteszustand zweifeln. Aber es gibt sie und sie sind hier. Und was soll dieses Spiel? Ich wusste, dass mein Leben hier überraschend wird und ich konnte mir ausrechnen, dass vielleicht auch Dinge passieren, die ich nicht gleich verstehen und einsortieren kann. Doch in den letzten Tagen gab es soviel, was mich bewegte. Henrys plötzliches Auftauchen und der nicht minder schnelle Abgang. Dieser Sonnenaufgang, der seinesgleichen sucht und sich tief in mein Herz und in meine Erinnerung eingebrannt hat. Und dann diese Delfinnummer.

Dune hat sich beruhigt, schaut mich fragend an und dann wieder auf die See hinaus. Zumindest scheine ich nicht alleine ratlos zu sein und ich wünsche mir so sehr, ich könnte mich jetzt mit ihr über das Gesehene austauschen.

„Dann sagen wir also zu?“ „Ja klar sagen wir zu – und wann können wir einziehen? Können wir überhaupt einziehen, oder müssen wir uns in der Nähe eine Bleibe suchen? Wie bist du daran gekommen und überhaupt. Los sag doch endlich was!“

Ich war so aufgeregt, dass ich dir gar keine Möglichkeit gegeben habe, mir mit nur einer Silbe eine Antwort auf meine vielen Fragen zu geben. Du hast einfach nur diebisch gegrinst und gleichzeitig so süß gelächelt, dass ich gleich wieder hätte anfangen können zu heulen. Einfach nur, weil du da gestanden hast. Mit mir und für mich und mit dieser Überraschung.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir noch am Fuß des Leuchtturmes gesessen haben. Ich habe dich mit Fragen nur so bombardiert, und du hast ein großes Geheimnis aus der Entstehung der Überraschung gemacht. Bis heute weiß ich nicht, wie wir schließlich und endlich zu diesem Glück gekommen sind und womit ich dieses Glück verdient habe.

Meine Gefühle tauchen ab in das Blauschwarz des Meeres, so wie eben die Delfine, und ich werde durch das Kribbeln meiner Beine aus diesem Ozean der Emotionen herausgeholt. Ich schaue Dune an und frage sie, wie lange wir nun schon hier sitzen. Sie kann es mir nicht sagen. Zumindest war es wohl lang genug um meinen Beinen zu suggerieren, dass es Schlafenszeit ist. Autsch, das tut jetzt aber weh. Da sich außer Möwen, Strandläufern, Schwalben und Tauben keine Tiere mehr hier blicken lassen, versuche ich den Gedanken und meine vielen Fragen die Delfine betreffend, zu verdrängen. Es macht so gar keinen Sinn, sich den ganzen Tag hier her zu setzen und über Sinnestäuschungen nach zu grübeln. Ich mach mich auf den Weg zurück in den Turm. Das Frühstück kann ich jetzt vergessen. Ich werde mir vielleicht noch eine Scheibe Brot zwischen die Kauleisten schieben und dann mal aufräumen. Wenn ich demnächst mit noch mehr Kram hier anrücken will, muss ich ein bisschen Platz schaffen. Der obligatorische letzte Blick auf das Meer zeigt, dass die Wellen wachsen. Draußen scheint es windiger zu sein als hier und ich werde traurig bei dem Gedanken daran, dass es Morgen oder Übermorgen schon wieder vorbei sein kann mit diesem herrlichen Wetter. Diese Frage wirft eine Weitere auf. Soll ich denn wirklich die kostbare Sonnenzeit im Turm mit Aufräumen verbringen? Meine Entscheidungsfreudigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich entscheide mich für ein „Ja, aber“, das heißt ich geh erstmal in den Turm, werde in mich gehen und mich fragen, ob ich nun aufräumen möchte, werde mir antworten: „Ja, aber das hat doch sicher noch ein bisschen Zeit!“, und dann werde ich oben nur die Plüdden ablegen und mich wieder hinaus machen. Ein Spaziergang wäre jetzt genau das Richtige.

Trepp auf, wusel, wusel, Trepp ab – die Idee mit dem Spaziergang animiert mich zur Eile und so dauert es nicht lange, bis ich wieder unten bin, meinem Leuchtturm einen dicken Kuss auf die aufgewärmten Backsteine verpasse, und mich zum Wassersaum trolle. Dune scheint eine ihrer, für mich unverständlichen, Vorahnungen gehabt zu haben und sitzt genau dort, wo ich sie eben verließ und wartet auf mich. Die Freude mich wiederzusehen ist groß und die Freude über einen ausgedehnten Spaziergang noch viel größer.

Ich entscheide mich für den Weg in Richtung Bucht. Vielleicht entdecke ich ja etwas, was mich dem Mysterium Delfin etwas näher bringt? Dune dreht voll auf. Sie rennt in Rekordgeschwindigkeit vorweg, bremst dann irgendwann spontan und kommt zu mir zurück geflitzt. Wie ein Flummi springt sie dann einmal vor mir hoch, um sich gleich wieder auf dem Absatz, ähm den Pfotenballen umzudrehen und das Laufspiel beginnt von vorne. Wirklich beeindruckend, wie viel Power das Tier hat. In solchen Momenten spürt man, dass ein Podenco eben auch ein Laufhund ist. Sie würde in einer Stadt nie glücklich werden. Sie gehört einfach hierher. Sie und ich auch. Unterwegs finde ich einen schönen Stock, nicht zu groß und nicht zu klein, den ich mit viel Schwung versuche bis zum Horizont ins Meer zu schmeißen. Natürlich gelingt mir das nicht. Dune allerdings findet meinen Versuch gar nicht so übel, rast ins Meer, schwimmt ab einem bestimmten Zeitpunkt auf das Stöckchen zu, bringt es mir zurück und animiert mich, es noch einmal zu versuchen.

Unermüdlich stürzt sie sich in die Fluten und apportiert den Ast. Beneidenswert, wenn man über soviel Energie verfügt. Nach einer ganzen Weile sind wir in der Bucht. Ich weiß gar nicht, ob man es Bucht nennt oder Lagune. Ich weiß nur, dass es hier wunderschön ist und hätte ich nicht schon im Leuchtturm ein Zuhause gefunden, würde ich mir wahrscheinlich hier eines aus Ästen und Blättern zusammen basteln. Ich muss lachen. Die Vorstellung, wie ich robinsonlike auf einer Insel lebe, scheint mir dann doch etwas phantastisch. Ich kann auf vieles verzichten, aber ein Minimum an Komfort brauche ich schon, und sei es nur eine Matratze. Meine Hüfte meldet sich sofort bei dem Gedanken daran in einem Blätternest zu schlafen. Wohlmöglich ist sie besorgt, da ich ja oft genug auf die Idee komme, am Strand zu nächtigen, oder mich auf dem Tisch vor das Fenster zu setzen, um von dort über Stunden in die Nacht hinaus zu starren.

Mein Hund und ich spazieren einmal um die Bucht herum. Mein Blick fixiert das Wasser, das an dieser Stelle unglaublich klar, fast blau ist. Keine Robben, keine Delfine, nur Dune und ich, die glücklich durch den warmen Sand stapfen. In diesem Augenblick vermisse ich meine Kamera und beschließe endgültig, dass sie neben dem Handy ein weiteres wichtiges Utensil ist und unbedingt noch hier her muss. Und wenn ich die Kamera mitbringe, muss auch wenigstens das Laptop im Turm einziehen. Ich hab nicht das Geld, um mir unendlich viele Chips zu kaufen und man möchte sich die Bilder ja später ohne viel Stress anschauen können. Wir merken uns: Ladekabel Handy, DigiCam, Ladekabel DigiCam, Laptop. Ob die Stromversorgung im Leuchtturm für soviel technischen Schnickschnack ausreicht? Wir werden es sehen. Außerdem sind nicht immer alle Geräte gleichzeitig eingestöpselt und in Gebrauch. Mein anderes Leben fängt ja gleich toll an, wenn ich mich von der Technik so abhängig mache. Es bleiben mir ja noch ein paar Tage für Überlegungen – und jetzt möchte ich die Natur weiter genießen.

Die Bucht hat einen Radius von schätzungsweise drei bis vier Kilometern. Aus der Luft sieht es aus, als hätte jemand einen Halbkreis aus dem Strand geschnitten. Der Strand hat eine Breite von vielleicht zwanzig oder dreißig Metern. Er ist ebenfalls sehr akkurat „angelegt“, was heißt, dass es keine weiteren Einbuchtungen oder ähnliches gibt. Eine ebene Fläche in Cremeweiß, ohne tiefe Einbuchtungen, Höhlen. Ein Stück unbetretene Natur liegt vor uns. Begrenzt wird er durch einen Hain aus Sträuchern und Bäumen, die undurchdringbar aussehen und ich habe ich bislang noch nie hinein getraut. Selbst du konntest mich nicht dazu überreden. Deiner Beschreibung nach ist dort ein mystisches kleines Wäldchen, zu dessen Ende du aber auch nie vorgedrungen bist. „Ich habe Angst, dass irgendwo dort eine Autobahn angrenzt. Das macht doch die ganze Romantik kaputt.“ Ich musste damals so lachen, als du diesen Satz mit einem wirklich furchtbar entsetzten Gesicht über die Lippen gebracht hast. Man hört hier nichts außer dem Meeresrauschen und Vögeln. Eine Autobahn würde man je nach Windrichtung sicher wahrnehmen. Aber du warst fest davon überzeugt, dass hinter diesem Idyll die grausame Zivilisation wartet, und das wolltest du nicht entdecken.

An der Grenze zwischen Sandstrand und Wald türmen sich ein paar Felsen auf. Aus der Ferne betrachtet, bildet sich dort eine Art Sonnenplateau. Wer weiß, vielleicht stillen Echsen dort ihren Sonnenhunger? Im Augenblick zanken sich zwei grüne Sittiche um ein Stück Baumrinde. Das braune Gebilde sieht aus wie eine kleine Jolle und die zwei Streithähne machen den Eindruck, als kämpften sie darum, wer sie zuerst zu Wasser lassen darf. In meinem Kopf entsteht eine Geschichte über zwei Papageienvögel, die den Plan fassen auszuwandern. Natürlich habe ich nichts zu schreiben dabei und mir bleibt die Hoffnung, dass ich diesen Plot bis zum Leuchtturm nicht wieder vergessen habe.

Langsam wird es Zeit den Heimweg anzutreten. Die Kraft des strahlenden Planeten über uns lässt merklich nach und der Wind frischt weiter auf. Ich halte mein Gesicht in den Wind und genieße die kühle Zärtlichkeit. So kann es bleiben, bis Morgen, bis nächste Woche, nächsten Monat, 2009. Genau so muss Meer sein. Wind, Sonne, Wasser, Strand, Wolken, Sehnsucht und mehr. Es muss weh tun, weil es so schön ist. Und es tut weh. Unglaubliche Gefühle steigen in mir hoch. Gefühle, die ich seit langem kenne und Regungen, die mich staunen lassen.

Ich lasse mich aus dem Stand breitbeinig in den Sand fallen. Meine Knochen danken es mir mit Schmerzen und Stechen, doch da muss ich jetzt durch. Meine beiden Arme lasse ich an meinen Seiten weit hoch über den Kopf und wieder nach unten zu den Beckenknochen gleiten. Fest in den Sand gedrückt, schieben sie den Sand hin und her. Jetzt hab ich ein Problem. Wie stehe ich am Geschicktesten wieder auf, ohne das Kunstwerk zu zerstören? Nun verstehe ich auch, warum Max, der Sandburgenbauer, Skulpturen aus Sand macht und sich nicht wie ich, in Sanddrucken übt. Ich gebe zu, meine Technik ist weder gut durchdacht, noch ist sie einfach in der Ausführung. Ich rufe Dune zu mir und lotse sie an meine Füße. Nach dem vierten Anlauf bekomme ich sogar den Sit-Up hin, der mich in Sitzposition bringt. Nun kommt der schwierigste Teil. Ich brauche nur ein klein bisschen Zug. Ob meine Hündin das versteht. Ich an ihrer Stelle hätte Angst erwürgt zu werden. Vorsichtig winkele ich meine Beine an und beuge mich nach vorne zu ihr, dann greife ich ihr Halsband. „Los, Hopp Dune, lauf!“ Wie befürchtet dreht sie ihren Kopf zu mir rum und begreift die Welt nicht mehr, ihren Dosenöffner versteht sie schon dreimal nicht. Ich knuffele ihre Ohren, streichele und lobe sie und mache ihr Komplimente ohne Ende. „So, nun aber Hopp! Lauf!“ Und tatsächlich, mein Hund setzt sich in Bewegung. Ich bin glücklich, dass ich meine Hacken nach dem ersten Kommando fest im Sand hatte und diese Position nicht veränderte. Dune setzt zum Spurt an und der Zug reicht genau aus, um mich leicht abheben zu lassen. Wahrscheinlich ist das gerade das dämlichste aller dämlichen Bilder, das man sich an einem Strand vorstellen kann. Aber ich komme mit viel Rudern der Arme tatsächlich in den Stand.

Wie ein kleines Kind freue ich mich über meinen Sanddruck. Die Figur, die ich mit mir selbst und dem Fächern der Arme kreiert habe sieht tatsächlich aus wie ein Engel. Mit einem dünnen Ästchen notiere ich dir noch eine kurze Nachricht zu den Engelsflügeln und mache mich dann auf den Heimweg. Ich liebe dich.

Der Sonnenuntergang hat leider nicht das gleiche Farbenspiel wie der heutige Aufgang. Umso schöner, dass ich bei diesem einzigartigen Schauspiel dabei war, es genießen durfte und es mich so in seinen Bann gezogen hat. Dieser Tag ist so unendlich schnell vorbei gegangen. Mit Rückenwind gehe ich zurück zum Leuchtturm. Dune hat das Kommando „Lauf! Hopp!“ scheinbar falsch verstanden. Sie ist losgestürmt und schon seit geraumer Zeit außer Sichtweite. Sicher wartet sie am Leuchtturm auf mich. Einsam bummele ich am Strand entlang. Über mir der sich immer weiter verdunkelnde Abendhimmel, zu meiner Linken die stärker werdende See. Von weit draußen klingt ein lautes Rauschen zu mir herüber und ich schätze, dass der Wind dort sicher ein bis drei Windstärken heftiger sein wird. Auch ohne die morgendliche Farbenpracht hat diese Atmosphäre einen Charme, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich möchte mich ihm auch gar nicht entziehen, denn schließlich ist es diese Ausstrahlung, die mich hier sein, lieben, vermissen, leben lässt. Diese Mischung aus Wohlfühlen, geborgen sein, Sicherheit, Traumwelt. Hier zu sein bedeutet nach Worten für Beschreibungen suchen, die es noch nicht gibt, die noch nicht erfunden wurden. Schmetterlinge im Bauch unter Ganzkörpergänsehaut. Dir musste ich das nie erklären. Du hast immer genauso empfunden und wir brauchten uns nur in die Augen zu schauen und wussten voneinander, was der andere gerade fühlt oder an welche unentdeckten Worte er gerade denkt, ohne sie aussprechen zu müssen.

Während mir all dieses Zeug durch den Kopf geht und ich wieder nicht weiß, wie ich diesen Gefühlssalat am Besten anrichten kann, nähere ich mich mit jedem Schritt dem Leuchtturm. Sein Leuchtfeuer strahlt und blitzt über das Meer und die gewaltigen Wellen weit draußen werden sichtbar. Weiße Gischt baut sich auf und verschwindet wieder im Nichts. Der Weg vom Taghell ins Nachtdunkel war so kurz und ich bin glücklich, dass ich wieder hier bin. Hier bei meinem Freund, dem Leuchtturm, an meinem Zuhause. Bei dir. Hier.

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleichen sie durch die Nacht

Vorsichtig bauen sie sich voreinander und übereinander auf

Mit Zuneigung nähern sie sich dem Sichelmondlicht

Liebevoll umarmen sie sich zum Kuss

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleiche ich mich durch die Nacht

Vorsichtig baue ich mich vor dir auf

Voller Zuneigung näher ich mich dir in Gedanken unter dem Mondlicht

Zärtlich umarme ich dich so zum Kuss

Gute Nacht mein Freund

Gute-Nacht-Kuss

Jetzt ein Kuss wäre toll. Aber außer dem Wind, der Sonne und Dune küsst mich hier niemand. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt wollte. Deine Küsse sind schon besonders und sie haben sich so auf meinen Lippen eingebrannt, dass jeder andere Kuss durch eine harte Vergleichsstudie müsste, an deren Ende, dieser Kuss sowieso keine Chance hat.





Als du damals zu mir kamst

6 08 2009

Als du damals zu mir kamst und mir von einer Überraschung erzähltest, konnte ich mir schon denken, dass es irgendwas Verrücktes ist. Du hattest die beklopptesten Ideen. Gerade wenn es mir nicht gut ging oder du wieder mal dem Irrglauben verfallen bist, du müsstest irgendwas wieder gut machen, was die Monster meiner Vergangenheit an mir versaubeutelt haben, gerade dann hast du dich mächtig ins Zeug geworfen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Du bist der Entdecker des Paralleluniversums, und niemand außer dir kann dem Weltenübel in solch einer Perfektion ein Schnippchen schlagen. Dafür liebe ich dich. Dafür habe ich dich immer geliebt.

Deine Überraschung war dieser Leuchtturm. Du setztest mich in ein Flugzeug, hast mir beim Aussteigen die Augen verbunden und die Augenbinde erst wieder abgenommen, als wir am Fuße des Turms standen. Während ich mit Tränen in den Augen, total verdaddert und ausnahmsweise mal sprachlos und mit weit aufgerissenem Mund vor diesem riesigen Gebäude stand, legtest du mir von hinten deine Arme über die Schulter, hast mich sanft gedrückt und ein kaum wahrnehmbares „Willkommen zu Hause“ ins Ohr geflüstert. Ich habe nichts verstanden. Deine Worte gruben sich durch meinen Gehörgang ins Gehirn, aber ich habe es nicht verstanden. Ich drehte meinen Kopf in deine Richtung, schaute dich mit meinem ungläubigsten Gesichtsausdruck an und sah in einfach nur rundum glückstrahlende Augen.

Ein etwas heruntergekommener aber noch funktionstüchtiger Leuchtturm und ich stand an seinem Fuß und starrte ihn an. Die Farbe der gestrichenen Backsteine war schwer abgeblättert, aber an vielen Stellen konnte man ahnen, in welch wunderschönem und strahlendem Rot er sich in seinen besseren Tagen über das Land erhoben haben muss. Vier große runde Fenster unterbrachen das Gestein und unter seiner schwarzen Zipfelmütze konnte man das große Leuchtfeuer hinter der Rundumverglasung sehen. Ein oktagonförmiges schwarzes Geländer hob sich nach außen von der Wand ab und bildete eine Art Balkon, der sich um den Leuchtturm rankte. Von unten betrachtet sah dieser Balkon aus, wie ein Kragen, das Leuchtfeuer war das Gesicht und das Dach die Kappe oder besser Zipfelmütze.

„Wir können ihn haben!“. Mit diesen Worten hast du mein Staunen unterbrochen und mich gleichzeitig in ein weiteres noch größeres Staunen versetzt. „Wir müssen nur „Ja“ sagen und wir können jederzeit einziehen. Wichtig ist, dass wir ihn in Stand halten. Wir müssen uns kümmern und für seine Funktionstüchtigkeit sorgen. Das ist es, wovon wir immer geträumt haben, wovon du immer geträumt hast.“ Deine Stimme überschlug sich fast, obwohl du sehr leise sprachst.

Mir fehlten immer noch die Worte. So sprachlos hatte ich mich nur mit Stimmbandentzündung in Erinnerung und selbst da war ich zu leichtem Krächzen fähig. Ich schrie, ich lachte, ich zappelte und stammelte immer wieder nur „Ja, ja, ja, ja!!!“ Ich wollte ihn, ich wollte dich, ich wollte diesen Turm, ich wollte dieses Glück, ich wollte diesen Traum wahr werden sehen und das alles auf einmal. Du hast mich umarmt und ganz fest gehalten.

Dune!! Menno du doofe Töle pass doch auf! Die Hündin steht auf den Hinterbeinen, ihre Vorderpfoten auf meinen Schultern abgelegt und leckt mir kreuz und quer durchs Gesicht. Vor lauter Schreck stolpere ich zwei oder drei Schritte zurück und wäre fast im Weidenkorb gelandet, wenn ich meine Standfestigkeit nicht wiedergefunden hätte. Womit hab ich das denn verdient? Das war doch nur das ganz normale Billigfutter aus dem Supermarkt. Oder hast du so gut geschlafen, dass du dein Glück so mit mir teilen möchtest? Manchmal verstehe ich dieses Tier nicht.

Ich weiß nicht wie lange ich hier so vor mich hingestanden habe. Eine kleine Ewigkeit vermutlich, denn am Horizont entwickelte sich zaghaft ein Feuerwerk aus Farben. Eilig packe ich meine sieben Sachen und spaziere mit Dune zum Meer. Mir einen kleinen harmlosen Kampf mit dem Seewind liefernd, breite ich die erste Decke aus und positioniere meine Utensilien fein säuberlich. Dann schnappe ich mir die zweite Decke und wickele mich samt Hundedame darin ein. Hmmm, das ist richtig schön muckelig, gell, Dune? Meine Füße graben sich tief in den feuchten kalten Sand ein. Hoffentlich durchbohre ich nicht das Schlafzimmer von Frau Krebs oder die Wohnstube von Herrn Käfer. Am Horizont werden die ersten orange-roten Verfärbungen sichtbar. Über mir der schwarze Himmel mit all seinen Sternen, unter mir eine dicke Decke, um uns herum ein kuscheliges Fleece und neben mir der tollste Hund der Welt. Jetzt fehlst nur noch du zum perfekten Glück. Aber das perfekte Glück werde ich auch heute nicht erleben dürfen. Dune legt ihren Kopf in meinen Schoß und seufzt ganz tief. Ob sie meine Gedanken lesen kann? Oder ist sie auch so überwältigt von diesem farbenfrohen Tagesbeginn?

Wie ein Sog zieht mich der neue Tag in seinen Bann. Der Horizont, eine starke schwarze Linie, darüber ein Farbwirbel um die aufgehende Sonne. Darunter ein Spiegelbild der Farbenpracht. Das Meer leuchtet und spiegelt den Brand des Himmels wieder. Feuerrot, Blutorange, Kadmium, Karminrot, Backsteinrot, Zitronengelb, Zinnoberrot, Blauviolett, Goldgelb, Siena, Indigo. Das Schwarz des Himmels scheint jeden einzelnen Ton in sich aufzusaugen und so wächst ein farbenfroher Teppich, der sich mehr und mehr Richtung Festland erstreckt. Mit keinem Aquarell kann man dieses Ereignis nachmalen. Es gibt keinen Hexacode, mit dem man ein solches phantastisches Farbenspiel programmieren oder bestimmen könnte. Verwaschen und doch deutlich abgegrenzt, verlaufend und doch in einzelnen Farben erkennbar. Ich weine.

Mich überflutet eine Gänsehaut nach der anderen und ich drücke Dune immer näher und fester an mich heran. Ich schäme mich nicht der Tränen, bin ich doch hier, so nah am Wasser, nah am Wasser gebaut. Du weißt das. Du liebst das. Für dich waren meine Tränen immer die flüssigen Beweise für meine Menschlichkeit, die du beim Rest der Welt so sehr vermisst hast. Jetzt sitze ich hier und vermisse dich. Der neue Tag rührt mich schon jetzt zu Tränen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich weiter entwickelt.

Eine rasante Entwicklung macht der Himmel durch. Es wird minütlich heller und über uns ziehen rotrosa eingefärbte Schleierwolken ihre Bahn. Draußen auf dem Meer, kurz vor dem Horizont, werden kleine Lichter sichtbar. Die Fischkutter sind bereits unterwegs, um ihrem Tagwerk nach zu gehen. Mit jedem Farbton wird die Welt um mich herum munterer. Möwen sammeln sich auf dem großen Felsen, der wie ein mahnender Zeigefinger aus dem Wasser heraus ragt. Strandläufer rasen in geraden parallelen Linien den Strand ab und suchen sich ihr Frühstück. Zwei Delfine jagen synchron aus dem Wasser heraus und verschwinden elegant und ohne große Spritzfontainen wieder im Meer.

(c) M. Wald.1980

(c) M. Wald.1980

Delfine???

Urplötzlich bin ich sehr aufgeregt und putzmunter. Ich starre auf die Stelle der See, wo ich gerade glaubte zwei Delfine gesehen zu haben. Ich glaubte – das ist die Lösung. Ich hab es mir wohl möglich, benommen von der Faszination dieses Sonnenaufgangs, wirklich nur eingebildet. Ja, die Leute hier erzählen sich von den Meeressäugern und ihrer Liebe zu diesem Landstrich, beziehungsweise Meerstrich. Aber so nah? Nein, das kann nicht sein. Ich muss mir das eingebildet haben. Außerdem liegt Dune immer noch ganz friedlich in meinem Schoß und lässt sich ebenfalls von dem Farbenspektakel einlullen. Sie hätte sicher angeschlagen. Sie wäre sofort aufgesprungen und laut kläffend, bis zum Bauchfell im Wasser verschwunden. Da war der Wunsch Vater des Gedanken. Diese ganze Situation hier, das alles hat wohl sehr an meinem Unterbewusstsein gekratzt.

Es ist wirklich zum aus der Haut fahren. Du bist nicht hier und kannst mir nicht sagen, ob ich noch richtig ticke oder nicht. Und Verena kann ich keine Sms schicken, weil der doofe Akku seinen Geist aufgegeben hat. Ob Lust oder nicht, ich muss schnellstens meine Liste abarbeiten und noch ein paar wesentliche Bestandteile meines Lebens her bringen. Ob es hier so etwas wie Handyläden gibt? Mir ist noch keiner aufgefallen und der Ottonormalverbraucher dieser Region scheint sowieso allem Technischen sehr abgeneigt zu sein. Genau das ist aber auch mit ein Grund, warum ich hier bin und warum ich hier bleiben möchte.

Trotzdem ist es doof. Verena würde sicher ausflippen vor Begeisterung. Oder sie würde mir durch das Display den Puls fühlen und mich fragen, ob ich noch ganz gesund bin. Wie ich sie kenne, sorgt sie sich sowieso schon wieder halb zu Tode, weil sie von mir noch nichts gehört hat. Und wenn ich jetzt ein ohrenbetäubendes Piep aufs Meer hinausschreie? Ob das wohl bei ihr ankommt? Ach was soll’s. Die Süße ist Kummer von mir gewohnt. Sie weiß, dass ich hier bin. Sie weiß um die Umstände hier und in ein paar Tagen knutsche ich sie ausgiebig via Kurzmitteilung. Dann ist alles wieder gut.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Mein Bauchgefühl bittet gerade um Unterstützung in Sachen Verdauungstätigkeit. Zwar habe ich die ganze Kanne Kaffee derweil gekillt, aber was Vernünftiges habe ich immer noch nicht im Magen. Komm Hund, wir gehen Frühstücken. Das heißt, ich geh Frühstücken, du hast ja schon. Mein Magen schlägt Purzelbäume. So sehr freut er sich auf das hiesige, luftige und zarte Weißbrot mit dick irisch Butter und Hagelslag Zartbitter belegt.

Ein letztes Mal hefte ich meinen Blick auf das Meer und zwar genau an die Stelle, wo ich vorhin glaubte die Delfine gesehen zu haben. Ich starre ein ordentlich großes Loch in die Luft, beobachte mit leicht zusammengekniffenen Augen die Wasserbewegungen und suche das Meer nach Ungewöhnlichem ab. Nichts zu sehen. Nur seichte Wellen, die Nachlaufen spielen. Kein im Wasser lebendes Säugetier. Ich packe unsere sieben Sachen und wir bummeln gemeinsam zurück zum Leuchtturm. Mittlerweile ist es hell. Die Sonne hat ihre Arbeit aufgenommen und beginnt das Land zu wärmen, während das Leuchtfeuer seine Arbeit eingestellt hat. Die Nachtschicht ist vorbei und es kann nun beruhigt ruhen, bis es mit Einbruch der kommenden Nacht wieder hellauf Einsatz zeigen muss, um Leben zu retten und Richtungen zu weisen.

Eine winzig kleine Spinne, aus 1,60 Meter kaum wahrnehmbar, krabbelt hektisch unter meinen Füßen hervor und versucht das Weite zu suchen. Sie muss vor meinen Schritten und bei der Größe meiner Füße ganz fürchterlich erschreckt haben. Und ich frage mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn ein Neunmeterachtzig Hüne über mich hinweg spazieren würde.

Leben…

unter den Füßen?

Leben

mit Füßen getreten?

Nein!

Leben unter meinen Füßen!

Dune hat die kleine Spinne entdeckt und schnuffelt wie besessen durch den Sand. Oben auf ihrer Nase bilden sich immer wieder kleine Sandtürmchen, die bei der leichtesten Bewegung ineinander zusammen fallen und seitlich herunterkullern. Sie weiß, dass sie dort gerade was gesehen hat und sie weiß, dass sich dieses Etwas auch bewegt hat. Da ihre Schnuffelnase sie dem Ziel nicht wesentlich näher bringt, beschließt sie die Suche großflächiger anzulegen. Ehe ich es mich versehe versinkt mein Hund mit seinem Oberkörper immer tiefer im Sand. Sie schaufelt und gräbt und buddelt und Fontainen von Sand spritzen zwischen ihren Hinterbeinen unter ihr hindurch. Ob ich ihr sagen soll, dass sich die Mühe für das kleine Spinnentier nicht lohnt? Auf der anderen Seite ist es zu schön mit anzuschauen, mit wie viel Elan und Begeisterung sie sich selbst den kleinsten Kleinigkeiten widmen kann.

Dune buddelt sich immer noch einen Wolf, während ich dann schon mal den Anstieg probe. 159 Stufen mit hungrigem Magen. Gar nicht so einfach. Dementsprechend komisch ist mir auch, als ich endlich oben ankomme. Wie lange bin ich jetzt schon hier? Vier oder Fünf Tage? Und wieso sehe ich erst jetzt, dass an der kleinen Mikrowelle ein noch viel kleineres Zeitmessgerät ist? Cool. Solange ich Strom hab, hab ich auch eine Uhrzeit. Wobei ich mich schon fast daran gewöhnt habe ohne auszukommen. Ich glaube heute habe ich auch Lust auf ein Frühstücksei. Nicht zu hart und nicht zu weich und ebenfalls mit Tonnen dieser besten Butter der Welt genossen. Ein Schlemmerfrühstück muss es heute sein – und ich werde mir Zeit dafür nehmen.

Liebevoll decke ich den kleinen Couchtisch für mein Vorhaben. Die große XXL-Tasse mit dem Nordseemotiv, die ich damals in Friedrichskoog erstanden habe, ist für meinen Kaffee jetzt genau das Richtige. Ich drehe die Tasse nach links und nach rechts und freue mich über das Leuchtturmmotiv. Der Tassenturm hat ein klein wenig Ähnlichkeit mit meinem Zuhause. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.

Kurz vor meinem Umzug habe ich mir ein Schafgedeck gekauft, das ich heute einweihen möchte. Die Müslischale bleibt im Schrank – ich bin nicht wirklich der Müslityp, aber sie gehörte nun einmal zum Set dazu. Teller und Eierbecher werden auf dem Tisch arrangiert, eine Serviette mit Muscheln verziert, die Kerze und der große Becher mit dampfendem Kaffee. Dune! Nase weg, du hast schon, jetzt bin ich dran. Als hätte ich sie bei Verbotenem erwischt dreht sie erschrocken um, schwanzwedelnd räumt sie mir die ganze Pracht wieder vom Tisch. Kaffee auf Holzboden die Zweite. Och Menno. Du schmälerst mir meine Freude am Frühstück nicht. Du vermasselst mir diese Schlemmerorgie sicher nicht. Mach, dass du raus kommst. Los. Mit Nachdruck aber ohne Gewalt schiebe ich die Hündin in Richtung Treppe. Vorsichtig wuffend schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob das wirklich nötig ist. Ich raune ihr ein kurzes „Lauf“ entgegen und sie macht sich auf und davon. So, jetzt aber.

Wer dieses Brot als erstes gebacken hat, dem gehört der Bäckernobelpreis verliehen. Und das gibt es nur hier. Und es schmeckt auch nur hier. Wie oft habe ich mir schon ein Paket mit nach Hause genommen um dann festzustellen, dass es eigenartig schmeckt, anders, nicht so wie hier. Ich erinnere mich, wie du mit mir mal in einen Pub gegangen bist, der bei uns neu aufgemacht hatte. Wie die Besessenen sind wir über die Karte hergefallen und haben uns ein großes Frühstück mit allem drum und dran bestellt. So begeistert wir von der Idee waren, so enttäuscht waren wir auch hinterher. Es war einfach nicht das Gleiche. Manche Gefühle lassen sich einfach nicht umziehen, von einem Ort an den anderen transferieren. Es ist immer nur ähnlich, nie gleich. Und wenn man so was hier erstmal genossen hat, dann ist alles, was nur ähnlich ist, einfach furchtbar schlecht. Beispiele dafür gibt es viele und doch probiert man es immer wieder auf. Der ganz normale menschliche Masochismus?

Warum regt sich Dune denn so auf? Hat ihr die kleine Spinne die Zunge rausgestreckt? Nein, das kann nicht sein, denn die Buddelgrube ist hier vor dem Turm und das Bellen klingt entfernter. Ich gehe zum Fenster, um nach dem Rechten zu sehen und sehe Dune, wie sie am Meer steht und es ausbellt.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.