Max lässt es sich nicht nehmen

20 10 2009

Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.

„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“

Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.

Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.

gestrandet

nach durchwachter Nacht

nach durchdachter Nacht

nach durchfühlter Nacht

nach durchfrorener Nacht

nach durchliebter Nacht

nach durchlebter Nacht

auf dem Strand in der Nacht

gewacht, gedacht, gefühlt,

gefroren, geliebt, gelebt

gestrandet

Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.

„Nichts.“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.

„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.

Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.

Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:

„Die Überraschung, Kleines…“

Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…

„Klein!-nes! Die Überraschung!“

„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“

Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“

Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.

Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.

„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“

Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?

“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.

Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”

Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.

Muschelgespräche

<< Möchtest du dich wirklich öffnen?

>> Ja, möchte ich.

<< Wo ist für dich der Reiz?

>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.

<< Die Welt da draußen ist kalt.

>> Aber die Sonne scheint.

<< Die Welt ist kalt, glaube mir.

>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.

<< Es ist brutal.

>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?

<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.

>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.

<< Das wird dir nicht bekommen.

>> Wie meinst du das?

<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch  nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.

>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?

<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt

Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.





Ohne es wirklich geplant zu haben,

15 08 2009

Ohne es wirklich geplant zu haben, spazieren wir in Richtung Bucht. Den größten Teil bringen wir schweigend zu, schweigend und genießend. Der alte Brummbär, der irgendwo zwischen Leuchtturmtür und dieser Stelle hier, nach meiner Hand gegriffen haben muss, drückt sie fest und lässt los. Er geht auf das Wasser zu, krempelt sich ungelenk die Jeans bis zu den Knien und watet durch die seichten Wellen, die an Land aufschlagen. „Brrr, das ist ganz schön kalt. Tut aber gut, magst du nicht auch?“ Natürlich mag ich. Nur war ich so in diesem Spaziergang und meinen Gedanken und Gefühlen gefangen, dass ich auf das Naheliegendste gar nicht gekommen bin. Max macht Faxen und post vor mir wie ein kleiner Junge herum. Ich halte fröhlich mit der Kamera drauf und bin gleichzeitig super neugierig auf die Bilder, die dabei entstehen. Er bekommt den Charme eines Dreijährigen, der selbstbelustigt durch Pfützen springt und sich diebisch freut, wenn Spritzer seine Umwelt zum Juchzen bringen. Genauso schnell, wie er zum kleinen Jungen wurde, genauso schnell verspannt sich sein Gesicht wieder in eine ernstere Mine.

„Hab ich dir schon mal von meinem Jungen erzählt? Von meinem Sohn?“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Ich habe dich für einen ewigen Junggesellen gehalten, der außer dem Meer und seinen Sandburgen keine Zeit für andere Lieben hat.“, entgegne ich. Max brummelte noch was von Sohn, gestorben und dass es seine Liebe zum Meer gewesen wäre, die ihn hier her verbracht hätte. Nach dem plötzlichen Tod hätte er in nichts mehr einen Sinn gesehen. Er habe sich von seiner zweiten Frau getrennt und sei eben ausgebrochen. „Komisch“, fügt er noch an, „Komisch, dass ich jetzt daran denke und dir davon erzähle.“

Als wir in der Bucht ankommen schweigen wir schon wieder geraume Zeit. Ich frage mich tausend Fragen und mein Chaos im Kopf, von dem ich hoffte, es würde langsam mal entwirrt, wächst um einige nicht findbare Antworten mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Max jemals was privates erzählt hätte. Ich weiß eigentlich nichts von ihm, außer, dass er für mich der beste Skulpturenmacher ist, dass er eine ureigene Liebe zu Meeren in sich trägt, gepaart mit einer unglaublichen Weisheit, von der er mich hin und wieder partizipieren lässt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr abweisend und unzugänglich. Lässt man sich auf ihn ein, gewinnt man ihn als Freund oder zumindest etwas freundähnliches, dann hat man ausgesorgt und weiß immer, wohin man sich wenden kann, wenn es scheinbar nicht mehr weitergeht. Max hat ein unglaubliches Einfühlungsvermögen, was ich zuletzt eigentlich nur bei dir erlebt habe. Ihr seid euch schon sehr ähnlich, und doch auch grundverschieden.

Ein „WoW! Das ist gut! Das ist genial!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Max starrt in den Sand, seinen Zeigefinger über den Lippen, und referiert über den Sanddruck zu seinen Füßen. Da stecke sagenhaft viel Gefühl und Stärke drin, der Engel habe seine Flügel weit ausgebreitet, als wolle er die Welt umarmen, seine Füße unter dem Rock würden weit auseinander stehen und von Standfestigkeit erzählen. Ich stehe daneben und ausnahmsweise weisen meine Mundwinkel ein allwissendes Lächeln auf. Ich räuspere mich scheu und flüsterkrächze, dass ich dieses Kunstwerk verbrochen habe. Mich wundert es, dass der Eindruck im Sand noch immer so konturenreich und gut erkennbar ist. Glaube ich Max’ Schilderungen, hat es in den letzten Nächten mächtig geweht und gestürmt. Nach meinem Geständnis zum Urheberrecht, bekommt der Meister des Sandes sich gar nicht mehr ein. „Los, mach ein Foto vom Engel und mir. Und dann will ich ein Autogramm haben. Wer weiß, wenn du erst berühmte Konkurrenz bist, komme ich da sicher nicht mehr so einfach ran.“ Beide müssen wir lachen und ich schieße die gewünschten Aufnahmen. „Das „Ich liebe dich“, ist das für diesen Ort oder ist das für ihn?“, fragt mich Max mit aller Vorsichtigkeit, scheinbar ahnend, dass er sich auf den Weg in mein Innerstes begibt. Woher weiß er? „Für ihn!“, stottere ich und auf meine im Kopf abgespulte Frage bekomme ich, nebensätzlich, zur Antwort, dass ich mal so etwas erwähnt hätte, im Zusammenhang mit dem Leuchtturm. Nun habe er einfach mich und den Leuchtturm zusammengezählt und wisse nicht genau worum es geht, könne es sich aber denken.

Ich könnte heulen. Max hat diesen Gesichtsausdruck, der mir sagt, „Erzähle, wenn du magst. Ich frage nicht weiter!“ Diese Mine kenne ich nur zu gut. Dieser Ausdruck verfolgt mich seit Jahren. Diese Mischung aus Vertrautheit, Vertrauen schaffen, und scheinbar nicht vorhandener Neugier. Ich vertröste Max damit, dass ich ihm unsere Geschichte mal in Ruhe erzählen möchte. Nicht jetzt, nicht hier, bin ich doch noch zu aufgewühlt von den letzten Tagen, dem Abschied von der Heimat und ich bin geschafft. Richtig fertig. Die Reise stecke ich wohl doch nicht so einfach weg, wie ich es mir einreden wollte. Auf meine Frage, ob wir umkehren können, erhalte ich keine verbale Antwort. Max nimmt mich bei der Hand. Seine Hand ist groß, kräftig und unglaublich warm und meine kleine Patschehand verschwindet gänzlich darin. Langsam kehren wir um und in mir wird das Gefühl immer stärker, dass mich mit dem Zausel mehr verbindet, als nur unsere Hände.

„Uns eint ein Band, stärker noch als Freundschaft, oder Liebe“

„Wo hast du das her?“

„Ach, aus irgendeiner Fernsehserie. Die Schöne und das Biest glaube ich. Der Satz hat was, findest du nicht?“

„Ja, schon.“

„Beschreibt er nicht das, was uns verbindet? Ich finde, wir sollten ihn zu unserem Leitsatz, zu unserem Motto machen. Und wenn du ihn verinnerlicht hast, dann fällt es dir auch leichter, wenn ich…“

„Wenn du was?“

„Du weißt schon, wenn ich mal nicht mehr bei dir bin.“

„Du wirst immer bei mir sein. Ich lasse nicht zu, dass du gehst, dass du mich alleine lässt!“

„Kleines, das hatten wir doch schon! …“

Zaghaft ziehe ich meine Hand aus der beinahe zärtlichen und doch festen Umklammerung und lege einen Schritt zu. Der Himmel glänzt in dunklem Grau, einzig hier und dort durchstoßen von dem einen oder anderen sehr starken Sonnenstrahl, der sich durch die Wattedecke nicht hindern lassen mag. Mir ist noch gar nicht richtig aufgefallen, wie sehr sich hier alles verändert hat, wie massiv der Herbst nun doch Einzug gehalten hat. Der Wind ist bissiger und auch die Wellen scheinen eher miteinander zu kämpfen als zu tanzen. Eigentlich ist es jetzt so, wie ich es wirklich liebe. Die Szenerie hat soviel Kraft, beweist soviel Stärke und doch auch eine nicht zu beschreibende Zärtlichkeit. Der Wind streichelt und massiert meine Gesichtshaut. Es scheint ihr zu gefallen, denn ich spüre, wie sich meine Wangen röten und ich freue mich schon auf das britzelnde Gefühl auf der Haut, wenn ich später ins Warme zurückkehre.

Ein Band, stärker als Freundschaft oder Liebe. Ob du wirklich damals schon wusstest, wie alles kommen wird? Wie fest war dein Plan und hattest du überhaupt einen richtigen Plan oder mehr einzelne Ideen für eine eventuelle Umsetzung. Was aus einem Plan werden kann, hast du im Hofgarten gelernt, als ich dir mehr oder weniger vor die Füße gefallen bin. Andererseits war es immer genau der Plan, an dem du dich festgehalten, während du selbst für mich den besten und stabilsten Anker der Welt abgegeben hast. Meine Gedankengänge drehen wieder im Megaloop, ich vergesse Dune, ich vergesse Max, ich vergesse so ziemlich alles um mich herum.

Zu deinen Füßen abgetaucht

In deine Liebe eingetaucht

Und nie wieder aufgetaucht

Ich tauche mit dir durch das Meer, wir spielen mit den Delfinen, wir halten uns aber nicht fest, wir halten unsere Gesichter in die Sonne und lassen uns Treiben. Abtauchen, eintauchen, nie wieder auftauchen. Wenn das alles mal so einfach wäre. In den letzten Tagen bin ich viel abgetaucht, und in deine Liebe eingetaucht, so tief und so weit es nur irgend möglich war. Wie sonst hätte ich die Heimatreise überstehen können. Mir war klar, dass ich wieder auftauchen wollte – genau hier nämlich, hier wo ich zu Hause bin, wo ich dir so nah sein kann, wie sonst nirgendwo und wo ich dieses Band nur zu fühlen brauche.

„Denkst du an ihn?“, erbrummt eine sonore Stimme aus dem Hintergrund. Vorsichtig wische ich mir die Tränen vom Gesicht, die ich durch den kalten Wind auf meiner Haut gar nicht richtig wahrgenommen habe und erst bemerkte, als sich ihr Salz in meine kaputte Lippen biss. „Ich denke immer an ihn. Er ist so was wie das Allgegenwärtigste in meinem Leben, ohne körperlich anwesend zu sein.“ „Hmm, verstehe.“ Wir schweigen uns weiter an. Als wir an die Stelle kommen, wo Dune und ich Tage zuvor die Delfine kennen lernen durften, spüre ich, ein immer stärker werdendes Herzklopfen. Ich komme mir vor wie damals, als wir uns das erste Mal nach der Geschichte im Hofgarten wieder getroffen haben. Freude, Schüchternheit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor diesem Treffen, lösten ein unüberspürbares Herzwummern aus. So wie jetzt. Und auch Dune scheint voll der Aufregung. Sie schnuffelt wie eine besessene am Wassersaum entlang, schaut immer wieder weit hinaus aufs Meer zum Horizont und danach mich fragend an. Sie sind nicht hier. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt jemals hier waren, oder ob mir meine Phantasie wieder einen Wunschtraum gezeichnet hat. Andererseits war diese Szene, das Fühlen der Haut, das Kraulen am Kinn, das Knarzen und Pfeifen, die Flukennummer – das war alles viel zu real, um phantasiert zu sein. Und wenn es denn ein Traum oder eine Phantasie ist, wieso fiebert Dune jetzt so mit? Ich wünsche mir hundertfünfzig Schubladen für meinen Kopf, damit ich endlich einmal Ordnung schaffen kann. Wenn nicht in meinem Gefühlschaos, dann möchte ich es doch bitte ein wenig sortierter in meinen Gedankengängen haben.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, fragt mich Max in fast flüsternder Lautstärke, als wolle er mein Tun nur ganz sachte unterbrechen. „Wen?“, frage ich entgegen, gerade etwas überfordert mit mir selbst. „Na, die Delfine, die sich hier herumtreiben sollen.?“

Wieso weiß dieser Mensch immer genau das, was ich gerade denke? Wieso hinterfragt der Mann immer genau das, dem ich mich gerade widme. Das ist doch Voodoo, Telepathie oder er ist Stephen King und ich weiß nichts davon. So quer wie ich kann niemand sein Hirn betätigen. Und doch hakt er immer genau an der Abfahrt ein, an der ich mich gerade frage, ob ich nun besser rechts oder links denken soll. Ich werde wirklich noch irre. Natürlich versuche ich mir meine zusätzliche Verwirrtheit nicht anmerken zu lassen. Mein Versuch möglichst cool und abgeklärt zu klingen, als sei es das Natürlichste der Welt, was uns da passiert ist, scheitert natürlich kläglich. In den schillerndsten Farben und mit aller vorhandenen Begeisterung erzähle ich Max von der Begegnung vor einigen Tagen, über Delphi und Finchen, über Dunes Verhalten, meine Theorie, die Kunststücke, das Loch im Kopf, den Kampf, das Delfinbaby, das Kinnkraulen. Dabei komme ich so durcheinander, weil ich alles auf einmal zum Besten geben möchte, dass Max, der eigentlich Weltmeister im Zuhören und Zuendeerzählenlassen ist, mich doch dreimal vorsichtig unterbrechen muss, damit ich den roten Faden wieder erwische. „Sie hat ein Kind?“, fragt mein Zuhörer mich am Ende meiner Geschichte. „Sie hat den ollen Grauen wirklich rum gekriegt und die beiden haben Nachwuchs?“

Max kennt die Geschichte der Delfine hier nur aus Erzählungen. Er selbst habe oft das Gefühl gehabt, sie kurz gesehen oder gehört zu haben, aber so nah wie ich, war er ihnen wohl noch nie. In den angrenzenden Landstrichen wird der alte Delfin mit seinen Frauen unglaublich verehrt. Normalerweise würde ein Delfin in Freiheit zwischen 25 und 50 Jahre alt. Die Geschichten, man könnte fast sagen Legenden, um den alten Grauen, gingen aber hier schon seit über fünfzig Jahren umher. In all den Jahren hätte es nie Nachwuchs gegeben, zumindest sei es niemals jemandem aufgefallen, der das Glück hatte, sie etwas näher betrachten zu können.

Nun klebe ich an Max’ Lippen. Wir setzen uns wieder in den Sand, mittlerweile ist es stockfinster und das Leuchtfeuer vom Turm macht es hin und wieder möglich, dass ich Max Gesicht sehen kann, während er mit glänzend Augen und einer unheimlichen Wärme in den Gesichtszügen alte Geschichten und Legenden zum Besten gibt. Er endet mit den Worten: „Wieso jetzt?“ und ich antworte ihm lakonisch, weil es jetzt eiskalt ist und Zeit heimzukehren. Dann hebe ich mich aus dem Sand, greife mir seine Hand und tue so, als ob ich ihn aus dem Sitz in den Stand ziehen könnte. Schweigend, wie wir einen Großteil unseres Spaziergangs begangen haben, kehren wir an den Leuchtturm zurück. Auf meine Frage, ob er noch über Nacht bleiben wolle, reagiert er beinahe genervt und verneint. Ein allerletztes Mal nimmt er meine Hand und drückt sie. „Gute Nacht Kleines. Hab schöne Träume und noch mal: Willkommen Zuhause!“ Und wieder ist da dieses Gefühl, dass durch unsere Hände gleitet. Dieses Gefühl einer nicht zu beschreibenden Vertrautheit, die mich nervös, neugierig und glücklich zugleich macht. Bevor ich ihm gescheit antworten kann, sehe ich die Rücklichter des alten R4 von dannen brausen, kleiner werden und in der Nacht gänzlich verschwinden.

Gute Nacht Max. Schlaf du auch gut.





Dune will loslaufen

10 08 2009

Dune will loslaufen, traut sich aber nicht so recht alleine und kommt zu mir zurück und bellt mich aus. Ich schmeiß den Weidenkorb schnell in den Turm und laufe mit meiner Hündin zum Wasser. Tatsächlich, ich fasse es nicht. Aus dem Meer ragen zwei Rückenflossen, Eine groß, die Andere klein, und sie bewegen sich auf einer Länge von ca. zehn bis zwanzig Meter parallel zum Ufer.

Die letzten Meter zum Wassersaum gehen wir fast im Gleichschritt, so man das bei der ungerechten Pfotenverteilung behaupten kann, und ganz langsam. Dune wedelt wie aufgezogen mit der Rute und junkert, während ich mich leise in den Sand setze. Zwei Delfine ziehen vor meiner Nase ihre Bahnen. Ich glaub es nicht. So wie ich es erkennen kann, handelt es sich bei den Beiden um Mutter und Kind. Der große Delfin ist richtig massig und viel schwimmgewaltiger als der Kleine nebendran. Plötzlich erhebt sich der Säuger aus dem Wasser und tanzt auf der Fluke, das Gesicht zu uns gerichtet, rückwärts über das Wasser. Dabei gibt er die delfintypischen Geräusche von sich und ich bekomme eine Gänsehaut gepaart mit ganz viel Wasser in den Augen. Ist das schön. Es ist einfach nur schön. Nein, es ist genial schön. Es ist ein Traum. Es ist unfassbar. Es ist. Während sich die vermeintliche Mama ein weiteres Mal tanzend über die Meeresoberfläche bewegt, zieht der Kleine weiter eine Bahn nach der anderen durch, und als gäbe es eine Längenbegrenzung, dreht er stets an der gleichen Stelle. Dune erscheint mir wie ausgewechselt. Als hätte sie alle ihre schlechten Erinnerungen und Ängste vergessen, geht sie vorsichtig bis ins Wasser, wo sie immer wieder mit den Vorderpfoten aufspringt und junkert. Das erinnert mich sehr an ihre Begrüßungen und ich interpretiere ihr Verhalten als eine Art Wiedersehensfreude. Aber wie kann das sein? Kennt sie die Beiden schon? Wirkte sie bislang darum so desinteressiert, wenn es draußen nachts auf dem Meer platschte oder ich glaubte Delfine gehört zu haben? Sie kennt die Delfine bereits und für sie ist es ganz normal, sie in der Nähe zu wissen?

Sehr viel Ahnung von Delfinen habe ich nicht. Ich weiß das, was ich in Büchern gelesen, in Dokus gesehen oder im Delfinarium erfahren habe. Doch bei näherer Betrachtung des Delfinbabys fällt mir auf, dass es wirklich noch nicht sehr alt sein kann. Ein paar Tage höchstens, denn es wird immer noch von der Mutter an die Wasseroberfläche gestubbst, damit es das Atmen nicht vergisst. Ich weiß ja nicht, ob jetzt vielleicht meine Phantasie mit mir durchgeht. Aber ist dieses Baby wohlmöglich gestern auf die Welt gekommen und Dune war dabei? Geburten sind sehr blutig und für Mutter und Kind im offenen Meer auch sehr gefährlich. Vielleicht wurden die Möwen ob des leckeren Blutgeruchs zu aufdringlich und meine Hündin hat versucht Mutter und Kind zu beschützen? Hat sie sich deshalb mit den Möwen angelegt und böse eingesteckt?

Aufgeregt kommt Dune auf mich zu gestürzt. Sie küsst mich heftig durchs Gesicht und läuft wieder ins Wasser, kommt zurück, bellt mich an und läuft ins Nass. Sie scheint mich dabei haben zu wollen. Vielleicht möchte sie uns vorstellen? Gerade kann ich die Grenze zwischen Traum, Wunschdenken, Phantasie und Realität nicht glatt ziehen. Ich bin absolut überwältigt und habe einen Pudding in den Beinen vor lauter Aufregung, der seinesgleichen sucht. Niemals hätte ich mir träumen lassen, freien Delfinen so nahe kommen zu dürfen. Und scheinbar darf ich, denn sonst wären die Zwei doch schon längst wieder raus in das für sicherere Meer geschwommen oder hätten Kurs auf die Bucht genommen.

Vorsichtig nähere ich mich dem Mutter-Kind-Schauspiel und hocke mich, ungeachtet meiner Bekleidung neben Dune ins Wasser. Wieder dreht sich das Muttertier von ihrem Kind weg, weiter draußen dreht sie bei, nimmt Anlauf und rast auf uns und den Strand zu. Elegant fliegt sie durch das Wasser, hebt sich dann ein klein wenig ab und gleitet mit einem Affenzahn über die Wasseroberfläche, um in höchstens 20 Zentimeter Entfernung zu meinen Knien liegen zu bleiben. Sie prustet lauthals aus dem Blasloch, hebt und senkt immer wieder nickend den Kopf. Dune sprintet auf sie zu, springt über sie rüber, kehrt um und gibt ihr einen dicken Schlecker über die längliche, lächelnde Schnauze. Ich bin so baff, das mir der Atem stockt. Ganz vorsichtig strecke ich meine Hand in die Richtung der Delfinin. Ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich weiß, ich darf das nicht tun. Aber ist dieses Szenario nicht nahezu eine Einladung? Meine Hündin legt sich direkt neben mir im Wasser ab. „PitschpatschplatschPitsch“, Dunes Schwanz kommt vor lauter Begeisterung gar nicht zur Ruhe. Sie wedelt ohne Unterlass. Immer noch nickt der Fisch, der kein Fisch ist, sondern ein Säugetier, mit dem Kopf und meine Finger berühren zaghaft ihren Unterkiefer.

Sie streckt den Kopf weit nach oben und erlaubt mir, ihr das Kinn und den Hals zu streicheln. Sie ist ganz weich. Es fühlt sich nass, kalt, und ganz weich an, vielleicht ein bisschen noppig.

Mit einem kräftigen Nicken, drückt sie meine Hand fort, was ich als Zeichen des Aufhören-Sollens deute. Mit geschickten Robbbewegungen, bugsiert sie sich zurück ins tiefere Wasser, springt einen eleganten Bogen über ihren Nachwuchs hinweg und prescht durch die Wellen. Einmal kommt sie noch zurück, ebenso temporeich und mit vielen tollen akrobatischen Sprüngen. Dann taucht sie ab mit ihrem Kind und verschwindet in Richtung Horizont.

Fünf- oder sechsmal sahen wir sie noch springen. Ein ganzes Weilchen konnten wir noch die Rückenflossen beobachten, dann wurden sie vom Meer und seinen Wellen verschluckt. Dein Wollpullover hat in der Zwischenzeit stattlich an Gewicht zugelegt. Ich liege fast bäuchlings im Wasser, gar nicht bemerkend, wie kalt es ist, und nass, und der Pulli hat sich prächtig vollgesogen. Fragend schaue ich meinen Hund an. Dune liegt ebenfalls, mit am Horizont getackertem Blick, im Wasser.

Wenn sie doch nur reden könnte. Ich bin so neugierig. Ich habe soviel Fragen. Und die einzige Zeitzeugin ist mein Hund. Bei dem Gedanken daran, wie ich versuche mit einer starkstrahlenden Lampe, im Rahmen eines Verhörs, aus ihr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit herauszubekommen, muss ich lachen. Manchmal spinne ich mir ganz ordentlich was zurecht. Aber das gerade war nicht gesponnen. Das war echt. Das war real. Das war ein Traum. Und schon wieder heule ich. Ich bin solch ein Gefühlsdusel! Ein anderer Traum verspricht auch das zu werden, was sich dort hinten am Horizont auftürmt. Das Bauchgefühl ist vergessen und beim Anblick des Sonnenuntergangs gelingt es mir sogar, die nassen Klamotten zu vergessen.

Ich setze mich zurück auf den Strand und bedecke sinnfrei meine Beine mit einer dicken Sandschicht. Feuerrot, Blutorange, Karminrot, Backsteinrot, Zitronengelb, Zinnoberrot, Goldgelb; Siena, Lilarot mischen sich zu einer gigantischen Farbpalette, die sich nur durch Wolken unterbrochen um die knallorange Sonnenscheibe wirbelt. Wieder brennt der Himmel das Meer spiegelt die Farben des Sonnenuntergangs in all seiner faszinierenden Schönheit wieder. Wunderbunt. Das ist das, was ich immer mit wunderbunt meine. Beinahe eilig taucht der strahlende Planet in das unruhige aber spiegelnde Meer ein. Aus einem Ball wird ein Dreiviertelkreis. Aus einem Dreiviertelkreis entsteht ein Halbkreis, der wiederum taucht ab bis nur noch eine nach oben gebogene Sichel von ihm sichtbar ist. Die wärmende Energie der Sonnenstrahlen dringt nicht mehr bis zu mir durch. Der Wind weht heftig und das spüre ich jetzt doch sehr. Ich befreie mich von meiner Sandhose und werfe einen letzten Blick zum Horizont, an dem sich die Sonne feuerrot und nur noch als welliger Strich wahrnehmbar, von mir verabschiedet.

Nur ein paar klare Striche

Vermitteln das Gefühl von

Wärme, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit

Nur ein paar kurze Worte

Geben das Gefühl von

Wärme, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit

Es muss nicht immer viel sein

Es muss nicht immer groß sein

Es muss nicht immer bunt sein

Manchmal reichen auch schon

Ein paar klare Striche

Ein paar kurze Worte

Das Tageslicht neigt sich mit der Sonne langsam dem Ende. Jetzt ist mir auch richtig kalt und so versuche ich ein letztes Mal, überschüssigen Sand abzuschütteln. Ich mach mich auf den Heimweg, gefolgt von meiner treuen Hündin, die seit der Begegnung mit den Delfinen wieder richtig gesund aussieht. Ob ich mir Namen ausdenken sollte? Waren es denn Mutter und Kind? Und wenn, welches Geschlecht hatte der Youngstar? Ich frage Dune, die natürlich, bis auf ein lautes Wrwwwwufff, keine schlüssige Antwort für mich parat hat. Ich taufe sie auf die Namen Delphi und Finchen, dann drehe ich mich noch mal um zum Meer und rufe: „Gute Nacht Delphi, gute Nacht Finchen!“. Dune stimmt mit lautem Gebell ein.

Der Weg zurück zum Leuchtturm gestaltet sich kurz und kalt. Es sind nur ein paar Minuten bis nach Hause, aber der schwere kalte Wollpullover macht den kurzen Spaziergang schon ein bisschen zur Tortur. Endlich angekommen, reiße ich mir schon im Eingangsbereich die Plüdden vom Leib, schüttele das ganze Kleidungsgewurschtel ungeschickt draußen aus und sprinte elefantengleich die Wendeltreppe hoch. Ein kurzer Blick in den Wasserkocher sagt mir: „Genug“. Ich schmeiße ihn an und flüchte in die Badezimmerkabine, wo ich unter brühendheißem Duschstrahl versuche meine reguläre Körpertemperatur wieder zu erlangen. Brrrr, tut das gut. Pore für Pore verschwindet die Gänsehaut und macht Platz für die Schrumpelfalten, die sich durch warmes Wasser sehr schnell auf der Haut bilden. Das tut so gut. Ich schließe meine Augen und genieße das Wasser, die Wärme, die Erinnerungen an diesen Tag.

Wenn ich nicht gleich aus der Dusche hüpfe, dann schlafe ich im Stehen ein. Schon wieder schlafen, ich kann sie echt nicht mehr alle haben. Also raus aus der Kabine, gut abgerubbelt und rein in den Wohlfühlfleeceschlafi.

Wer hat an der Uhr gedreht? Es ist Abend und ich hab eine Stunde unter der Brause gestanden. Unfassbar. Das Wasser im Wasserkocher ist derweil wieder kalt, also schalte ich die Brodelmaschine doch gleich noch mal an. Und dann werde ich packen. Nachdem nun alles an mir komplett aufgeweicht ist, wahrscheinlich inklusive meiner Gehirnmasse, habe ich einen Plan gefasst.

„Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.“





Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte

7 08 2009

Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte, sehe ich noch im Augenwinkel zwei Delfine, wie sie in kurzen flachen Sprüngen über die Wasseroberfläche hechten um schließlich gänzlich abzutauchen.

Da waren die doch schon wieder?! Ich bin doch nicht blöd, da sind doch zwei Delfine in unserer Nähe! Ich stelle die Kaffeetasse hektisch auf den Tisch, puste die Kerze aus und nehme die Beine in die Hand. Schnell wie selten eile ich die Wendeltreppe hinunter und laufe zu Dune. Sie hat sich so in Trance gebellt, dass sie mich gar nicht wahrnimmt und ihr Bellen erst kurz unterbricht, nachdem ich mich neben sie in den Sand gehockt hab. Gell? Du hast sie auch gesehen?! Da waren doch zwei Delfine, oder nicht? Die Hündin kläfft in ohrenbetäubender Lautstärke und mag sich gar nicht mehr beruhigen. Und ich? Ich starre wieder Löcher in die Luft, starre wieder auf die Stelle, über die eben noch Delfine sprangen und ich kann wieder nichts Verdächtiges entdecken. Macht das die Luft? Kommt das von dem Alleinsein? Ich meine, bis auf die handelsüblichen Drogen wie Zigaretten und Kaffee habe ich doch schon ewig nichts mehr zu mir genommen. Ich kiffe nicht und komische bunte Pillchen, mit :lol: Smileys :lol: drauf, gehören auch nicht auf meinen täglichen Speiseplan.

Vom Meer her weht eine leichte Brise über uns hinweg. Auf dem Meer bewegen sich nur die kleinen Wellen. Mein Zustand lässt sich nicht in Worte fassen. Ist es Fassungslosigkeit oder Ungläubigkeit? War es ein Traum oder eine Delfin Morgana? Wenn ich ja nicht wüsste, dass es sie wirklich gibt, würde ich jetzt an meinem Geisteszustand zweifeln. Aber es gibt sie und sie sind hier. Und was soll dieses Spiel? Ich wusste, dass mein Leben hier überraschend wird und ich konnte mir ausrechnen, dass vielleicht auch Dinge passieren, die ich nicht gleich verstehen und einsortieren kann. Doch in den letzten Tagen gab es soviel, was mich bewegte. Henrys plötzliches Auftauchen und der nicht minder schnelle Abgang. Dieser Sonnenaufgang, der seinesgleichen sucht und sich tief in mein Herz und in meine Erinnerung eingebrannt hat. Und dann diese Delfinnummer.

Dune hat sich beruhigt, schaut mich fragend an und dann wieder auf die See hinaus. Zumindest scheine ich nicht alleine ratlos zu sein und ich wünsche mir so sehr, ich könnte mich jetzt mit ihr über das Gesehene austauschen.

„Dann sagen wir also zu?“ „Ja klar sagen wir zu – und wann können wir einziehen? Können wir überhaupt einziehen, oder müssen wir uns in der Nähe eine Bleibe suchen? Wie bist du daran gekommen und überhaupt. Los sag doch endlich was!“

Ich war so aufgeregt, dass ich dir gar keine Möglichkeit gegeben habe, mir mit nur einer Silbe eine Antwort auf meine vielen Fragen zu geben. Du hast einfach nur diebisch gegrinst und gleichzeitig so süß gelächelt, dass ich gleich wieder hätte anfangen können zu heulen. Einfach nur, weil du da gestanden hast. Mit mir und für mich und mit dieser Überraschung.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir noch am Fuß des Leuchtturmes gesessen haben. Ich habe dich mit Fragen nur so bombardiert, und du hast ein großes Geheimnis aus der Entstehung der Überraschung gemacht. Bis heute weiß ich nicht, wie wir schließlich und endlich zu diesem Glück gekommen sind und womit ich dieses Glück verdient habe.

Meine Gefühle tauchen ab in das Blauschwarz des Meeres, so wie eben die Delfine, und ich werde durch das Kribbeln meiner Beine aus diesem Ozean der Emotionen herausgeholt. Ich schaue Dune an und frage sie, wie lange wir nun schon hier sitzen. Sie kann es mir nicht sagen. Zumindest war es wohl lang genug um meinen Beinen zu suggerieren, dass es Schlafenszeit ist. Autsch, das tut jetzt aber weh. Da sich außer Möwen, Strandläufern, Schwalben und Tauben keine Tiere mehr hier blicken lassen, versuche ich den Gedanken und meine vielen Fragen die Delfine betreffend, zu verdrängen. Es macht so gar keinen Sinn, sich den ganzen Tag hier her zu setzen und über Sinnestäuschungen nach zu grübeln. Ich mach mich auf den Weg zurück in den Turm. Das Frühstück kann ich jetzt vergessen. Ich werde mir vielleicht noch eine Scheibe Brot zwischen die Kauleisten schieben und dann mal aufräumen. Wenn ich demnächst mit noch mehr Kram hier anrücken will, muss ich ein bisschen Platz schaffen. Der obligatorische letzte Blick auf das Meer zeigt, dass die Wellen wachsen. Draußen scheint es windiger zu sein als hier und ich werde traurig bei dem Gedanken daran, dass es Morgen oder Übermorgen schon wieder vorbei sein kann mit diesem herrlichen Wetter. Diese Frage wirft eine Weitere auf. Soll ich denn wirklich die kostbare Sonnenzeit im Turm mit Aufräumen verbringen? Meine Entscheidungsfreudigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich entscheide mich für ein „Ja, aber“, das heißt ich geh erstmal in den Turm, werde in mich gehen und mich fragen, ob ich nun aufräumen möchte, werde mir antworten: „Ja, aber das hat doch sicher noch ein bisschen Zeit!“, und dann werde ich oben nur die Plüdden ablegen und mich wieder hinaus machen. Ein Spaziergang wäre jetzt genau das Richtige.

Trepp auf, wusel, wusel, Trepp ab – die Idee mit dem Spaziergang animiert mich zur Eile und so dauert es nicht lange, bis ich wieder unten bin, meinem Leuchtturm einen dicken Kuss auf die aufgewärmten Backsteine verpasse, und mich zum Wassersaum trolle. Dune scheint eine ihrer, für mich unverständlichen, Vorahnungen gehabt zu haben und sitzt genau dort, wo ich sie eben verließ und wartet auf mich. Die Freude mich wiederzusehen ist groß und die Freude über einen ausgedehnten Spaziergang noch viel größer.

Ich entscheide mich für den Weg in Richtung Bucht. Vielleicht entdecke ich ja etwas, was mich dem Mysterium Delfin etwas näher bringt? Dune dreht voll auf. Sie rennt in Rekordgeschwindigkeit vorweg, bremst dann irgendwann spontan und kommt zu mir zurück geflitzt. Wie ein Flummi springt sie dann einmal vor mir hoch, um sich gleich wieder auf dem Absatz, ähm den Pfotenballen umzudrehen und das Laufspiel beginnt von vorne. Wirklich beeindruckend, wie viel Power das Tier hat. In solchen Momenten spürt man, dass ein Podenco eben auch ein Laufhund ist. Sie würde in einer Stadt nie glücklich werden. Sie gehört einfach hierher. Sie und ich auch. Unterwegs finde ich einen schönen Stock, nicht zu groß und nicht zu klein, den ich mit viel Schwung versuche bis zum Horizont ins Meer zu schmeißen. Natürlich gelingt mir das nicht. Dune allerdings findet meinen Versuch gar nicht so übel, rast ins Meer, schwimmt ab einem bestimmten Zeitpunkt auf das Stöckchen zu, bringt es mir zurück und animiert mich, es noch einmal zu versuchen.

Unermüdlich stürzt sie sich in die Fluten und apportiert den Ast. Beneidenswert, wenn man über soviel Energie verfügt. Nach einer ganzen Weile sind wir in der Bucht. Ich weiß gar nicht, ob man es Bucht nennt oder Lagune. Ich weiß nur, dass es hier wunderschön ist und hätte ich nicht schon im Leuchtturm ein Zuhause gefunden, würde ich mir wahrscheinlich hier eines aus Ästen und Blättern zusammen basteln. Ich muss lachen. Die Vorstellung, wie ich robinsonlike auf einer Insel lebe, scheint mir dann doch etwas phantastisch. Ich kann auf vieles verzichten, aber ein Minimum an Komfort brauche ich schon, und sei es nur eine Matratze. Meine Hüfte meldet sich sofort bei dem Gedanken daran in einem Blätternest zu schlafen. Wohlmöglich ist sie besorgt, da ich ja oft genug auf die Idee komme, am Strand zu nächtigen, oder mich auf dem Tisch vor das Fenster zu setzen, um von dort über Stunden in die Nacht hinaus zu starren.

Mein Hund und ich spazieren einmal um die Bucht herum. Mein Blick fixiert das Wasser, das an dieser Stelle unglaublich klar, fast blau ist. Keine Robben, keine Delfine, nur Dune und ich, die glücklich durch den warmen Sand stapfen. In diesem Augenblick vermisse ich meine Kamera und beschließe endgültig, dass sie neben dem Handy ein weiteres wichtiges Utensil ist und unbedingt noch hier her muss. Und wenn ich die Kamera mitbringe, muss auch wenigstens das Laptop im Turm einziehen. Ich hab nicht das Geld, um mir unendlich viele Chips zu kaufen und man möchte sich die Bilder ja später ohne viel Stress anschauen können. Wir merken uns: Ladekabel Handy, DigiCam, Ladekabel DigiCam, Laptop. Ob die Stromversorgung im Leuchtturm für soviel technischen Schnickschnack ausreicht? Wir werden es sehen. Außerdem sind nicht immer alle Geräte gleichzeitig eingestöpselt und in Gebrauch. Mein anderes Leben fängt ja gleich toll an, wenn ich mich von der Technik so abhängig mache. Es bleiben mir ja noch ein paar Tage für Überlegungen – und jetzt möchte ich die Natur weiter genießen.

Die Bucht hat einen Radius von schätzungsweise drei bis vier Kilometern. Aus der Luft sieht es aus, als hätte jemand einen Halbkreis aus dem Strand geschnitten. Der Strand hat eine Breite von vielleicht zwanzig oder dreißig Metern. Er ist ebenfalls sehr akkurat „angelegt“, was heißt, dass es keine weiteren Einbuchtungen oder ähnliches gibt. Eine ebene Fläche in Cremeweiß, ohne tiefe Einbuchtungen, Höhlen. Ein Stück unbetretene Natur liegt vor uns. Begrenzt wird er durch einen Hain aus Sträuchern und Bäumen, die undurchdringbar aussehen und ich habe ich bislang noch nie hinein getraut. Selbst du konntest mich nicht dazu überreden. Deiner Beschreibung nach ist dort ein mystisches kleines Wäldchen, zu dessen Ende du aber auch nie vorgedrungen bist. „Ich habe Angst, dass irgendwo dort eine Autobahn angrenzt. Das macht doch die ganze Romantik kaputt.“ Ich musste damals so lachen, als du diesen Satz mit einem wirklich furchtbar entsetzten Gesicht über die Lippen gebracht hast. Man hört hier nichts außer dem Meeresrauschen und Vögeln. Eine Autobahn würde man je nach Windrichtung sicher wahrnehmen. Aber du warst fest davon überzeugt, dass hinter diesem Idyll die grausame Zivilisation wartet, und das wolltest du nicht entdecken.

An der Grenze zwischen Sandstrand und Wald türmen sich ein paar Felsen auf. Aus der Ferne betrachtet, bildet sich dort eine Art Sonnenplateau. Wer weiß, vielleicht stillen Echsen dort ihren Sonnenhunger? Im Augenblick zanken sich zwei grüne Sittiche um ein Stück Baumrinde. Das braune Gebilde sieht aus wie eine kleine Jolle und die zwei Streithähne machen den Eindruck, als kämpften sie darum, wer sie zuerst zu Wasser lassen darf. In meinem Kopf entsteht eine Geschichte über zwei Papageienvögel, die den Plan fassen auszuwandern. Natürlich habe ich nichts zu schreiben dabei und mir bleibt die Hoffnung, dass ich diesen Plot bis zum Leuchtturm nicht wieder vergessen habe.

Langsam wird es Zeit den Heimweg anzutreten. Die Kraft des strahlenden Planeten über uns lässt merklich nach und der Wind frischt weiter auf. Ich halte mein Gesicht in den Wind und genieße die kühle Zärtlichkeit. So kann es bleiben, bis Morgen, bis nächste Woche, nächsten Monat, 2009. Genau so muss Meer sein. Wind, Sonne, Wasser, Strand, Wolken, Sehnsucht und mehr. Es muss weh tun, weil es so schön ist. Und es tut weh. Unglaubliche Gefühle steigen in mir hoch. Gefühle, die ich seit langem kenne und Regungen, die mich staunen lassen.

Ich lasse mich aus dem Stand breitbeinig in den Sand fallen. Meine Knochen danken es mir mit Schmerzen und Stechen, doch da muss ich jetzt durch. Meine beiden Arme lasse ich an meinen Seiten weit hoch über den Kopf und wieder nach unten zu den Beckenknochen gleiten. Fest in den Sand gedrückt, schieben sie den Sand hin und her. Jetzt hab ich ein Problem. Wie stehe ich am Geschicktesten wieder auf, ohne das Kunstwerk zu zerstören? Nun verstehe ich auch, warum Max, der Sandburgenbauer, Skulpturen aus Sand macht und sich nicht wie ich, in Sanddrucken übt. Ich gebe zu, meine Technik ist weder gut durchdacht, noch ist sie einfach in der Ausführung. Ich rufe Dune zu mir und lotse sie an meine Füße. Nach dem vierten Anlauf bekomme ich sogar den Sit-Up hin, der mich in Sitzposition bringt. Nun kommt der schwierigste Teil. Ich brauche nur ein klein bisschen Zug. Ob meine Hündin das versteht. Ich an ihrer Stelle hätte Angst erwürgt zu werden. Vorsichtig winkele ich meine Beine an und beuge mich nach vorne zu ihr, dann greife ich ihr Halsband. „Los, Hopp Dune, lauf!“ Wie befürchtet dreht sie ihren Kopf zu mir rum und begreift die Welt nicht mehr, ihren Dosenöffner versteht sie schon dreimal nicht. Ich knuffele ihre Ohren, streichele und lobe sie und mache ihr Komplimente ohne Ende. „So, nun aber Hopp! Lauf!“ Und tatsächlich, mein Hund setzt sich in Bewegung. Ich bin glücklich, dass ich meine Hacken nach dem ersten Kommando fest im Sand hatte und diese Position nicht veränderte. Dune setzt zum Spurt an und der Zug reicht genau aus, um mich leicht abheben zu lassen. Wahrscheinlich ist das gerade das dämlichste aller dämlichen Bilder, das man sich an einem Strand vorstellen kann. Aber ich komme mit viel Rudern der Arme tatsächlich in den Stand.

Wie ein kleines Kind freue ich mich über meinen Sanddruck. Die Figur, die ich mit mir selbst und dem Fächern der Arme kreiert habe sieht tatsächlich aus wie ein Engel. Mit einem dünnen Ästchen notiere ich dir noch eine kurze Nachricht zu den Engelsflügeln und mache mich dann auf den Heimweg. Ich liebe dich.

Der Sonnenuntergang hat leider nicht das gleiche Farbenspiel wie der heutige Aufgang. Umso schöner, dass ich bei diesem einzigartigen Schauspiel dabei war, es genießen durfte und es mich so in seinen Bann gezogen hat. Dieser Tag ist so unendlich schnell vorbei gegangen. Mit Rückenwind gehe ich zurück zum Leuchtturm. Dune hat das Kommando „Lauf! Hopp!“ scheinbar falsch verstanden. Sie ist losgestürmt und schon seit geraumer Zeit außer Sichtweite. Sicher wartet sie am Leuchtturm auf mich. Einsam bummele ich am Strand entlang. Über mir der sich immer weiter verdunkelnde Abendhimmel, zu meiner Linken die stärker werdende See. Von weit draußen klingt ein lautes Rauschen zu mir herüber und ich schätze, dass der Wind dort sicher ein bis drei Windstärken heftiger sein wird. Auch ohne die morgendliche Farbenpracht hat diese Atmosphäre einen Charme, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich möchte mich ihm auch gar nicht entziehen, denn schließlich ist es diese Ausstrahlung, die mich hier sein, lieben, vermissen, leben lässt. Diese Mischung aus Wohlfühlen, geborgen sein, Sicherheit, Traumwelt. Hier zu sein bedeutet nach Worten für Beschreibungen suchen, die es noch nicht gibt, die noch nicht erfunden wurden. Schmetterlinge im Bauch unter Ganzkörpergänsehaut. Dir musste ich das nie erklären. Du hast immer genauso empfunden und wir brauchten uns nur in die Augen zu schauen und wussten voneinander, was der andere gerade fühlt oder an welche unentdeckten Worte er gerade denkt, ohne sie aussprechen zu müssen.

Während mir all dieses Zeug durch den Kopf geht und ich wieder nicht weiß, wie ich diesen Gefühlssalat am Besten anrichten kann, nähere ich mich mit jedem Schritt dem Leuchtturm. Sein Leuchtfeuer strahlt und blitzt über das Meer und die gewaltigen Wellen weit draußen werden sichtbar. Weiße Gischt baut sich auf und verschwindet wieder im Nichts. Der Weg vom Taghell ins Nachtdunkel war so kurz und ich bin glücklich, dass ich wieder hier bin. Hier bei meinem Freund, dem Leuchtturm, an meinem Zuhause. Bei dir. Hier.

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleichen sie durch die Nacht

Vorsichtig bauen sie sich voreinander und übereinander auf

Mit Zuneigung nähern sie sich dem Sichelmondlicht

Liebevoll umarmen sie sich zum Kuss

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleiche ich mich durch die Nacht

Vorsichtig baue ich mich vor dir auf

Voller Zuneigung näher ich mich dir in Gedanken unter dem Mondlicht

Zärtlich umarme ich dich so zum Kuss

Gute Nacht mein Freund

Gute-Nacht-Kuss

Jetzt ein Kuss wäre toll. Aber außer dem Wind, der Sonne und Dune küsst mich hier niemand. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt wollte. Deine Küsse sind schon besonders und sie haben sich so auf meinen Lippen eingebrannt, dass jeder andere Kuss durch eine harte Vergleichsstudie müsste, an deren Ende, dieser Kuss sowieso keine Chance hat.





Als du damals zu mir kamst

6 08 2009

Als du damals zu mir kamst und mir von einer Überraschung erzähltest, konnte ich mir schon denken, dass es irgendwas Verrücktes ist. Du hattest die beklopptesten Ideen. Gerade wenn es mir nicht gut ging oder du wieder mal dem Irrglauben verfallen bist, du müsstest irgendwas wieder gut machen, was die Monster meiner Vergangenheit an mir versaubeutelt haben, gerade dann hast du dich mächtig ins Zeug geworfen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Du bist der Entdecker des Paralleluniversums, und niemand außer dir kann dem Weltenübel in solch einer Perfektion ein Schnippchen schlagen. Dafür liebe ich dich. Dafür habe ich dich immer geliebt.

Deine Überraschung war dieser Leuchtturm. Du setztest mich in ein Flugzeug, hast mir beim Aussteigen die Augen verbunden und die Augenbinde erst wieder abgenommen, als wir am Fuße des Turms standen. Während ich mit Tränen in den Augen, total verdaddert und ausnahmsweise mal sprachlos und mit weit aufgerissenem Mund vor diesem riesigen Gebäude stand, legtest du mir von hinten deine Arme über die Schulter, hast mich sanft gedrückt und ein kaum wahrnehmbares „Willkommen zu Hause“ ins Ohr geflüstert. Ich habe nichts verstanden. Deine Worte gruben sich durch meinen Gehörgang ins Gehirn, aber ich habe es nicht verstanden. Ich drehte meinen Kopf in deine Richtung, schaute dich mit meinem ungläubigsten Gesichtsausdruck an und sah in einfach nur rundum glückstrahlende Augen.

Ein etwas heruntergekommener aber noch funktionstüchtiger Leuchtturm und ich stand an seinem Fuß und starrte ihn an. Die Farbe der gestrichenen Backsteine war schwer abgeblättert, aber an vielen Stellen konnte man ahnen, in welch wunderschönem und strahlendem Rot er sich in seinen besseren Tagen über das Land erhoben haben muss. Vier große runde Fenster unterbrachen das Gestein und unter seiner schwarzen Zipfelmütze konnte man das große Leuchtfeuer hinter der Rundumverglasung sehen. Ein oktagonförmiges schwarzes Geländer hob sich nach außen von der Wand ab und bildete eine Art Balkon, der sich um den Leuchtturm rankte. Von unten betrachtet sah dieser Balkon aus, wie ein Kragen, das Leuchtfeuer war das Gesicht und das Dach die Kappe oder besser Zipfelmütze.

„Wir können ihn haben!“. Mit diesen Worten hast du mein Staunen unterbrochen und mich gleichzeitig in ein weiteres noch größeres Staunen versetzt. „Wir müssen nur „Ja“ sagen und wir können jederzeit einziehen. Wichtig ist, dass wir ihn in Stand halten. Wir müssen uns kümmern und für seine Funktionstüchtigkeit sorgen. Das ist es, wovon wir immer geträumt haben, wovon du immer geträumt hast.“ Deine Stimme überschlug sich fast, obwohl du sehr leise sprachst.

Mir fehlten immer noch die Worte. So sprachlos hatte ich mich nur mit Stimmbandentzündung in Erinnerung und selbst da war ich zu leichtem Krächzen fähig. Ich schrie, ich lachte, ich zappelte und stammelte immer wieder nur „Ja, ja, ja, ja!!!“ Ich wollte ihn, ich wollte dich, ich wollte diesen Turm, ich wollte dieses Glück, ich wollte diesen Traum wahr werden sehen und das alles auf einmal. Du hast mich umarmt und ganz fest gehalten.

Dune!! Menno du doofe Töle pass doch auf! Die Hündin steht auf den Hinterbeinen, ihre Vorderpfoten auf meinen Schultern abgelegt und leckt mir kreuz und quer durchs Gesicht. Vor lauter Schreck stolpere ich zwei oder drei Schritte zurück und wäre fast im Weidenkorb gelandet, wenn ich meine Standfestigkeit nicht wiedergefunden hätte. Womit hab ich das denn verdient? Das war doch nur das ganz normale Billigfutter aus dem Supermarkt. Oder hast du so gut geschlafen, dass du dein Glück so mit mir teilen möchtest? Manchmal verstehe ich dieses Tier nicht.

Ich weiß nicht wie lange ich hier so vor mich hingestanden habe. Eine kleine Ewigkeit vermutlich, denn am Horizont entwickelte sich zaghaft ein Feuerwerk aus Farben. Eilig packe ich meine sieben Sachen und spaziere mit Dune zum Meer. Mir einen kleinen harmlosen Kampf mit dem Seewind liefernd, breite ich die erste Decke aus und positioniere meine Utensilien fein säuberlich. Dann schnappe ich mir die zweite Decke und wickele mich samt Hundedame darin ein. Hmmm, das ist richtig schön muckelig, gell, Dune? Meine Füße graben sich tief in den feuchten kalten Sand ein. Hoffentlich durchbohre ich nicht das Schlafzimmer von Frau Krebs oder die Wohnstube von Herrn Käfer. Am Horizont werden die ersten orange-roten Verfärbungen sichtbar. Über mir der schwarze Himmel mit all seinen Sternen, unter mir eine dicke Decke, um uns herum ein kuscheliges Fleece und neben mir der tollste Hund der Welt. Jetzt fehlst nur noch du zum perfekten Glück. Aber das perfekte Glück werde ich auch heute nicht erleben dürfen. Dune legt ihren Kopf in meinen Schoß und seufzt ganz tief. Ob sie meine Gedanken lesen kann? Oder ist sie auch so überwältigt von diesem farbenfrohen Tagesbeginn?

Wie ein Sog zieht mich der neue Tag in seinen Bann. Der Horizont, eine starke schwarze Linie, darüber ein Farbwirbel um die aufgehende Sonne. Darunter ein Spiegelbild der Farbenpracht. Das Meer leuchtet und spiegelt den Brand des Himmels wieder. Feuerrot, Blutorange, Kadmium, Karminrot, Backsteinrot, Zitronengelb, Zinnoberrot, Blauviolett, Goldgelb, Siena, Indigo. Das Schwarz des Himmels scheint jeden einzelnen Ton in sich aufzusaugen und so wächst ein farbenfroher Teppich, der sich mehr und mehr Richtung Festland erstreckt. Mit keinem Aquarell kann man dieses Ereignis nachmalen. Es gibt keinen Hexacode, mit dem man ein solches phantastisches Farbenspiel programmieren oder bestimmen könnte. Verwaschen und doch deutlich abgegrenzt, verlaufend und doch in einzelnen Farben erkennbar. Ich weine.

Mich überflutet eine Gänsehaut nach der anderen und ich drücke Dune immer näher und fester an mich heran. Ich schäme mich nicht der Tränen, bin ich doch hier, so nah am Wasser, nah am Wasser gebaut. Du weißt das. Du liebst das. Für dich waren meine Tränen immer die flüssigen Beweise für meine Menschlichkeit, die du beim Rest der Welt so sehr vermisst hast. Jetzt sitze ich hier und vermisse dich. Der neue Tag rührt mich schon jetzt zu Tränen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich weiter entwickelt.

Eine rasante Entwicklung macht der Himmel durch. Es wird minütlich heller und über uns ziehen rotrosa eingefärbte Schleierwolken ihre Bahn. Draußen auf dem Meer, kurz vor dem Horizont, werden kleine Lichter sichtbar. Die Fischkutter sind bereits unterwegs, um ihrem Tagwerk nach zu gehen. Mit jedem Farbton wird die Welt um mich herum munterer. Möwen sammeln sich auf dem großen Felsen, der wie ein mahnender Zeigefinger aus dem Wasser heraus ragt. Strandläufer rasen in geraden parallelen Linien den Strand ab und suchen sich ihr Frühstück. Zwei Delfine jagen synchron aus dem Wasser heraus und verschwinden elegant und ohne große Spritzfontainen wieder im Meer.

(c) M. Wald.1980

(c) M. Wald.1980

Delfine???

Urplötzlich bin ich sehr aufgeregt und putzmunter. Ich starre auf die Stelle der See, wo ich gerade glaubte zwei Delfine gesehen zu haben. Ich glaubte – das ist die Lösung. Ich hab es mir wohl möglich, benommen von der Faszination dieses Sonnenaufgangs, wirklich nur eingebildet. Ja, die Leute hier erzählen sich von den Meeressäugern und ihrer Liebe zu diesem Landstrich, beziehungsweise Meerstrich. Aber so nah? Nein, das kann nicht sein. Ich muss mir das eingebildet haben. Außerdem liegt Dune immer noch ganz friedlich in meinem Schoß und lässt sich ebenfalls von dem Farbenspektakel einlullen. Sie hätte sicher angeschlagen. Sie wäre sofort aufgesprungen und laut kläffend, bis zum Bauchfell im Wasser verschwunden. Da war der Wunsch Vater des Gedanken. Diese ganze Situation hier, das alles hat wohl sehr an meinem Unterbewusstsein gekratzt.

Es ist wirklich zum aus der Haut fahren. Du bist nicht hier und kannst mir nicht sagen, ob ich noch richtig ticke oder nicht. Und Verena kann ich keine Sms schicken, weil der doofe Akku seinen Geist aufgegeben hat. Ob Lust oder nicht, ich muss schnellstens meine Liste abarbeiten und noch ein paar wesentliche Bestandteile meines Lebens her bringen. Ob es hier so etwas wie Handyläden gibt? Mir ist noch keiner aufgefallen und der Ottonormalverbraucher dieser Region scheint sowieso allem Technischen sehr abgeneigt zu sein. Genau das ist aber auch mit ein Grund, warum ich hier bin und warum ich hier bleiben möchte.

Trotzdem ist es doof. Verena würde sicher ausflippen vor Begeisterung. Oder sie würde mir durch das Display den Puls fühlen und mich fragen, ob ich noch ganz gesund bin. Wie ich sie kenne, sorgt sie sich sowieso schon wieder halb zu Tode, weil sie von mir noch nichts gehört hat. Und wenn ich jetzt ein ohrenbetäubendes Piep aufs Meer hinausschreie? Ob das wohl bei ihr ankommt? Ach was soll’s. Die Süße ist Kummer von mir gewohnt. Sie weiß, dass ich hier bin. Sie weiß um die Umstände hier und in ein paar Tagen knutsche ich sie ausgiebig via Kurzmitteilung. Dann ist alles wieder gut.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Mein Bauchgefühl bittet gerade um Unterstützung in Sachen Verdauungstätigkeit. Zwar habe ich die ganze Kanne Kaffee derweil gekillt, aber was Vernünftiges habe ich immer noch nicht im Magen. Komm Hund, wir gehen Frühstücken. Das heißt, ich geh Frühstücken, du hast ja schon. Mein Magen schlägt Purzelbäume. So sehr freut er sich auf das hiesige, luftige und zarte Weißbrot mit dick irisch Butter und Hagelslag Zartbitter belegt.

Ein letztes Mal hefte ich meinen Blick auf das Meer und zwar genau an die Stelle, wo ich vorhin glaubte die Delfine gesehen zu haben. Ich starre ein ordentlich großes Loch in die Luft, beobachte mit leicht zusammengekniffenen Augen die Wasserbewegungen und suche das Meer nach Ungewöhnlichem ab. Nichts zu sehen. Nur seichte Wellen, die Nachlaufen spielen. Kein im Wasser lebendes Säugetier. Ich packe unsere sieben Sachen und wir bummeln gemeinsam zurück zum Leuchtturm. Mittlerweile ist es hell. Die Sonne hat ihre Arbeit aufgenommen und beginnt das Land zu wärmen, während das Leuchtfeuer seine Arbeit eingestellt hat. Die Nachtschicht ist vorbei und es kann nun beruhigt ruhen, bis es mit Einbruch der kommenden Nacht wieder hellauf Einsatz zeigen muss, um Leben zu retten und Richtungen zu weisen.

Eine winzig kleine Spinne, aus 1,60 Meter kaum wahrnehmbar, krabbelt hektisch unter meinen Füßen hervor und versucht das Weite zu suchen. Sie muss vor meinen Schritten und bei der Größe meiner Füße ganz fürchterlich erschreckt haben. Und ich frage mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn ein Neunmeterachtzig Hüne über mich hinweg spazieren würde.

Leben…

unter den Füßen?

Leben

mit Füßen getreten?

Nein!

Leben unter meinen Füßen!

Dune hat die kleine Spinne entdeckt und schnuffelt wie besessen durch den Sand. Oben auf ihrer Nase bilden sich immer wieder kleine Sandtürmchen, die bei der leichtesten Bewegung ineinander zusammen fallen und seitlich herunterkullern. Sie weiß, dass sie dort gerade was gesehen hat und sie weiß, dass sich dieses Etwas auch bewegt hat. Da ihre Schnuffelnase sie dem Ziel nicht wesentlich näher bringt, beschließt sie die Suche großflächiger anzulegen. Ehe ich es mich versehe versinkt mein Hund mit seinem Oberkörper immer tiefer im Sand. Sie schaufelt und gräbt und buddelt und Fontainen von Sand spritzen zwischen ihren Hinterbeinen unter ihr hindurch. Ob ich ihr sagen soll, dass sich die Mühe für das kleine Spinnentier nicht lohnt? Auf der anderen Seite ist es zu schön mit anzuschauen, mit wie viel Elan und Begeisterung sie sich selbst den kleinsten Kleinigkeiten widmen kann.

Dune buddelt sich immer noch einen Wolf, während ich dann schon mal den Anstieg probe. 159 Stufen mit hungrigem Magen. Gar nicht so einfach. Dementsprechend komisch ist mir auch, als ich endlich oben ankomme. Wie lange bin ich jetzt schon hier? Vier oder Fünf Tage? Und wieso sehe ich erst jetzt, dass an der kleinen Mikrowelle ein noch viel kleineres Zeitmessgerät ist? Cool. Solange ich Strom hab, hab ich auch eine Uhrzeit. Wobei ich mich schon fast daran gewöhnt habe ohne auszukommen. Ich glaube heute habe ich auch Lust auf ein Frühstücksei. Nicht zu hart und nicht zu weich und ebenfalls mit Tonnen dieser besten Butter der Welt genossen. Ein Schlemmerfrühstück muss es heute sein – und ich werde mir Zeit dafür nehmen.

Liebevoll decke ich den kleinen Couchtisch für mein Vorhaben. Die große XXL-Tasse mit dem Nordseemotiv, die ich damals in Friedrichskoog erstanden habe, ist für meinen Kaffee jetzt genau das Richtige. Ich drehe die Tasse nach links und nach rechts und freue mich über das Leuchtturmmotiv. Der Tassenturm hat ein klein wenig Ähnlichkeit mit meinem Zuhause. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.

Kurz vor meinem Umzug habe ich mir ein Schafgedeck gekauft, das ich heute einweihen möchte. Die Müslischale bleibt im Schrank – ich bin nicht wirklich der Müslityp, aber sie gehörte nun einmal zum Set dazu. Teller und Eierbecher werden auf dem Tisch arrangiert, eine Serviette mit Muscheln verziert, die Kerze und der große Becher mit dampfendem Kaffee. Dune! Nase weg, du hast schon, jetzt bin ich dran. Als hätte ich sie bei Verbotenem erwischt dreht sie erschrocken um, schwanzwedelnd räumt sie mir die ganze Pracht wieder vom Tisch. Kaffee auf Holzboden die Zweite. Och Menno. Du schmälerst mir meine Freude am Frühstück nicht. Du vermasselst mir diese Schlemmerorgie sicher nicht. Mach, dass du raus kommst. Los. Mit Nachdruck aber ohne Gewalt schiebe ich die Hündin in Richtung Treppe. Vorsichtig wuffend schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob das wirklich nötig ist. Ich raune ihr ein kurzes „Lauf“ entgegen und sie macht sich auf und davon. So, jetzt aber.

Wer dieses Brot als erstes gebacken hat, dem gehört der Bäckernobelpreis verliehen. Und das gibt es nur hier. Und es schmeckt auch nur hier. Wie oft habe ich mir schon ein Paket mit nach Hause genommen um dann festzustellen, dass es eigenartig schmeckt, anders, nicht so wie hier. Ich erinnere mich, wie du mit mir mal in einen Pub gegangen bist, der bei uns neu aufgemacht hatte. Wie die Besessenen sind wir über die Karte hergefallen und haben uns ein großes Frühstück mit allem drum und dran bestellt. So begeistert wir von der Idee waren, so enttäuscht waren wir auch hinterher. Es war einfach nicht das Gleiche. Manche Gefühle lassen sich einfach nicht umziehen, von einem Ort an den anderen transferieren. Es ist immer nur ähnlich, nie gleich. Und wenn man so was hier erstmal genossen hat, dann ist alles, was nur ähnlich ist, einfach furchtbar schlecht. Beispiele dafür gibt es viele und doch probiert man es immer wieder auf. Der ganz normale menschliche Masochismus?

Warum regt sich Dune denn so auf? Hat ihr die kleine Spinne die Zunge rausgestreckt? Nein, das kann nicht sein, denn die Buddelgrube ist hier vor dem Turm und das Bellen klingt entfernter. Ich gehe zum Fenster, um nach dem Rechten zu sehen und sehe Dune, wie sie am Meer steht und es ausbellt.





Kaum zu glauben

5 08 2009

Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist es schon richtig finster und mich fröstelt es. Unten sitzt Dune zwischen Tür und Angel, schaut abwechselnd zu mir hoch und an den Strand und scheint ein wenig überfordert von dem, was sich hier gerade abgespielt hat. Sie wirkt leicht paralysiert und selbst mein Rufen kann sie noch nicht zu mir nach oben locken.

Ich halte mir immer noch den Bauch. Sicher habe ich Morgen Muskelkater vom Lachen. Eine willkommene Abwechslung zu dem Muskelkater von der gestrigen Shopping-Aktion. Von draußen dringt der Klang des Meeres bis zu mir hoch und ich bekomme Lust, noch für einen Moment hinaus zu gehen. Es hat sich zwar merklich abgekühlt, aber die Luft ist dennoch angenehm.

Eine leichte Brise streichelt meine Haut und verschafft mir eine Gänsehaut. Mir läuft ein angenehmer Schauer über den Rücken und je näher ich dem Wasser komme, je mehr habe ich das Gefühl, dass es zu mir spricht. Dieses Mal ist es wirklich das Meer. Das Rauschen der Wellen, das Auflaufen am Strand und das ganz leise Gurgeln, wenn sich das Wasser wieder zurückzieht. Eine Melodie, wie sie kein Musiker spielen kann. Ein Stück, dass sich kein Liedermacher aus der Feder saugen könnte. Ich muss doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein. Ich darf hier sein. Ich darf diesen Strand begehen. Ich darf dieses Meer als mein Meer betrachten. Es gibt keine Nachbarn, die mich mit Musik und Bass terrorisieren. Es gibt keinen Vermieter, der täglich kontrolliert ob ich auch die Wendeltreppe geputzt habe. Mobile Discos, wie sie in der Stadt im Minutenrhythmus an roten Ampeln stehen und die Welt beschallen, entfallen. Hier ist einfach nur Stille. Stille und doch Musik. Stille, die nicht krank macht. Stille nur von Naturgeräuschen unterbrochen, deren Klänge immer wieder neue Symphonien schreiben.

Der Sand ist kühl und feucht und ich ärgere mich ein wenig, dass ich keine Decke mitgenommen habe. Trotzdem setze ich mich ans Ufer – gerade so nah ans Wasser, dass die einlaufenden Wellen meine Füße umspülen können. Die natürlichsten Streicheleinheiten der Welt, wenn ich von der Zärtlichkeit des schwachen Windes absehe.

Von hinten stubbst mich Dune an und zieht mir ihren Esszimmerteppich einmal quer durchs Gesicht. Mmmh, lecker Schatz, deine Küsse sind einfach die Besten! Ich ziehe mir den Pulloverärmel über die Hand und lege mein Gesicht vorsichtig wieder trocken, Peeling inklusive, denn an meinem Ärmel befindet sich erstaunlich viel Sand. Wenn ich mir überlege, dass ich früher beinahe ausgerastet bin, wenn nur ein Körnchen oder Krümel mein Wohlbefinden in der Kleidung oder im Bett versuchte zu beeinträchtigen. Hier ist es, wie so vieles, oder wie alles, das Natürlichste auf der Welt. „Bssssssst“, „Bsssssssssssttttssssst“. Meine Gedankengänge werden von penetrantem Gesumme an meinem Ohr unterbrochen. Okay, wie so vieles. An diese natürlichen Mückentiere werde und will ich mich nicht gewöhnen. So hat das herrliche Oktobersommerwetter doch auch Nachteile. Ich bin ja schon glücklich, dass ich nicht eines der bevorzugten Ziele von den kleinen Untieren bin. Trotzdem sind sie sehr nervig. Gerade oder besonders, wenn sie im Steilflug auf das Ohr zu steuern um dann, kurz vor dem Gehörgang, doch noch abzubremsen und abzubiegen. Dune schüttelt ihren Kopf und die Ohren schlagen wild. Aha, auch Hunde bleiben von dieser Plage nicht verschont. Das ekelhafte Gesumme wird wieder vom Rauschen des Meeres übertönt.

Von weit draußen, inmitten des Schwarz, ist ein leises Platschen zu hören. Ob die Delfine noch spielen? Es heißt, sie kommen nachts, um in der Bucht, ein paar Kilometer von hier entfernt, zu ruhen. Einmal war es uns bislang vergönnt sie aus der Nähe zu sehen. Die lustigen Gesellen sind noch sehr scheu, denn sie sind es nicht gewohnt, dass sie in diesem Gebiet hier friedlich leben können und in Ruhe gelassen werden. Bis vor zwei Jahren schwamm hier nur ein Delfin seine Kreise. Ihm gehörte die ganze Bucht, der komplette Strand, scheinbar das ganze Meer. Niemand weiß genau, wie die anderen Flipper hier her gekommen sind. Viele Sagen, Geschichten und Legenden ranken um diese klugen und freundlichen Tiere. Ich muss sie nicht wirklich sehen. Mich macht es einfach schon unglaublich glücklich zu wissen, dass sie hier sind. Wenn sie mich kennen lernen möchten, werden sie sich schon näher heran trauen. Bis dahin genieße ich ihre Anwesenheit und freue mich über diesen Beweis von Freiheit. Eine Freiheit, wie ich sie in einer gewissen Form nun auch (er)leben darf.

Die Nacht lullt mich ein. Mein Kopf, in dem eben noch tausend Gedanken durch die Gehirnwindungen huschten, beruhigt sich. Die einzelnen Fasern meines Körpers entspannen und ich stelle fest, dass ich schon die ganze Zeit lächele. Es hat geklappt, mit dem Paralleluniversum. Das hier ist es heute und ich fühle mich rundum wohl. Wohl fühle ich mich und müde. Das viele Lachen, die gute Luft, die Sonne, das alles hat mich ordentlich geschafft.

Dune schnarcht und ich überlege immer noch, ob ich nun schon ins Bett gehen soll, oder einfach noch etwas sitzen bleibe. Die vielen Wolken, die sich heute am späten Nachmittag am Himmel andeuteten, scheinen sich verzogen zu haben. Der Himmel ist klar, pechschwarz und von tausend und abertausend funkelnden Sternen übersät. Irgendwo dazwischen hängt eine strahlende Sichel, die nicht viel Licht spendet aber sich sehr gut dort oben macht.

Hinter mir arbeitet mein Heim. An – Aus – An – Aus – in allerregelmäßigsten Abständen wird alles sichtbar und ebenso regelmäßig verschmilzt es wieder mit Dunkelheit.

Eine letzte Zigarette zünde ich mir an. Die Letzte für heute, nur damit das klar ist. Ich muss nachher mal nachsehen, wie mein Vorrat diesbezüglich aussieht. Notfalls muss ich mir noch welche schicken lassen. Andererseits ist das Quatsch, ich bin am nächsten Wochenende sowieso wieder im Rheinland, um meinen Umzug abzuschließen und ein letztes Tschöö mit Ö in die Runde der Daheimgebliebenen zu schmettern. Dann kann ich mich eigentlich auch selbst versorgen. Lust auf diesen Heimatbesuch habe ich ja gar nicht. Es nutzt nur nichts, es muss sein. Wenn ich das nächste Mal mit Mütterchen spreche, muss ich so noch impfen, dass sie bloß keinen großen Bahnhof veranstalten soll. Ich bin ja nicht aus der Welt, wenn auch etwas entrückter, als sie es von mir gewohnt ist.

Der Dunst der Zigarette mischt sich mit dem Nebel, der sich um mich herum bildet. Und die Stille der Nacht wird nur vom Krächzen und Kwarzen der Möwen unterbrochen. Zeit für die Heia. Die Augen fallen mir schon zu und Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ich sammele meine müden und vom Sitzen steifen Knochen zusammen und mach mich auf den Weg. Selbst Dune scheint sich schon festgelegen zu haben. Der Blick der Hündin fragt mich, ob ich sie nicht vielleicht tragen möchte. Und wer trägt mich? Deine Liebe. Die Sehnsucht nach dir. Unsere Träume. Das alles trägt mich.

Ich werfe einen allerletzten Blick in die Nacht, schicke einen dicken Kuss hinterher und trotte mit Dune gemächlich in unseren Turm.

Dort

Wo das Meer seine Arme ausbreitet
Wo sich die Arme in die Welt schlängeln

Dort
Wo das Meer mit seinen Armen die Welt umarmt
Wo die Arme der Welt zeigen, welche Geheimnisse sie tragen

Dort
Wo sich bunte Blätter im Wasser spiegeln
Wo der Spiegel die Welt tief blicken lässt

Dort

Spüre ich den Frieden
Finde ich Glück
Bin ich friedlich glücklich

Mit diesem Gedicht in meinem Herzen und meinem Kopf robbe ich räkelnd durch meine Koje. Der Schlaf war sehr gut aber auch sehr kurz, denn es ist noch immer dunkel. Die Welt steht Kopf. Sonnenschein, über 20 Grad, aber ein Tages-Nachtwechsel wie im Winter. Gut, es ist fast Winter, aber mein Biorhythmus hat ganz schön Probleme. In meinen Füßen krabbelt, piekt und kitzelt es. Sie sind wohl auch eingeschlafen und werden langsamer munter als ich selbst. Der Blick ans Fußende erklärt den Schmerz. Dune hat sich wieder in die Koje geschmuggelt und sich zu meinen Füßen, oder besser gesagt, auf ihnen abgelegt. Unmotiviert hebt sie den Kopf kurz an, wufft mir ein verschlafenes „Guten Morgen“ entgegen und rollt sich zum Weiterschlafen zusammen. Die Mondsichel hängt direkt vor dem Bullauge, und wird von vielen lustigen Sternen umtanzt. Ich muss hier raus! Füße, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Steiß, Lendenwirbel, Wirbelsäule, Brustwirbel, Handgelenke, Ellenbogen, Schultern inklusive Blättern, Halswirbel, Nacken, Kopf – alles ist da und wird ordnungsgemäß sortiert. Mit einem nicht sehr eleganten Hüpfer hieve ich mich von der Matratze und schmeiße zuerst den Kaffee an. Dunes Fressschale ist bis in die letzte Rundung sauber geleckt. Braver Hund. Was darf es denn heute zum Frühstück sein? In Sauce oder Pastete? Mit verzerrten Mundwinkeln öffne ich die Dose und fülle die Fressschale auf. Ich weiß ja nicht, wie man am frühen Morgen so was runter bekommt. Aber ich bin ja auch kein Hund.

Hatte ich gestern Besuch? Sinnierend stehe ich an der kleinen Pantryküche, den ersten Kaffeebecher gefüllt in meiner Hand und frage mich, ob ich das nur geträumt habe, oder ob gestern wirklich der Meerkönig Triton, alias Henry, hinter mir aus dem Meer aufgestiegen ist? Ein Meerkönig für Arme, fehlte ihm doch der Dreispitz und eine schillernde Schwanzflosse. Wenn es ein Traum war, war er heftig und sehr, sehr realistisch. Auf dem Weg zum Bullauge gerate ich ins Stolpern. Der gute Kaffee ergießt sich über den Holzboden und bei näherer Betrachtung identifiziere ich die Stolperfalle als Taucherbrille mit Schnorchel. Aha, also doch kein Traum.

Nachdem ich das Kaffeemalheur auf dem Boden behoben habe, betreibe ich kurze Katzenwäsche und kleide mich zum Ausgehen an. Wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch dem neuen Tag entgegenfiebern. Ich werde mir die Decke schnappen und mich am Strand einmummeln. Das Herumtollen mit dem Tauknoten und der merkwürdige Besuch vom Sams haben Dune scheinbar sehr geschafft. Zusammengerollt wie ein überdimensionaler Igel ohne Stacheln, liegt mein artiges Haustier immer noch am Fußende der Koje und schläft. Weder fürstliches Frühstück, noch meine morgendliche Aktivität tangieren sie in irgendeiner Weise. Es scheint, als ob ich alleine dem Sonnenaufgang entgegen gehen werde.

Mit einem kurzen „Tschüss Faultier!“, und bepackt mit frisch sortiertem Weidenkorb, mache ich mich auf den einsamen Weg zum Strand.

Ich kenne mich selbst nicht mehr. Die Türe steht schon wieder offen. Es ist wirklich eigenartig, wie unheimlich sicher ich mich hier unterbewusst fühlen muss. Sonst würden mir solche Sachen doch gar nicht erst passieren. Schon gar nicht, nachdem Henry gestern hier war. Es liegt am Leuchtturm.

Dieser Turm ist seit je her für uns eine Art Versteck vor der Welt. Das berühmte Paralleluniversum. Möglicherweise ist es das, was mich hier so sicher fühlen lässt? Schon an meinem ersten Tag hier, vermittelte mir der Turm das Gefühl, dass mir nichts geschehen kann. Er wird mich beschützen, so wie er die Fischer auf dem großen Ozean den richtigen Weg weist und ihnen die Gefahren des Meeres aufzeigt. Das klingt gerade alles ziemlich schizzo junge Frau. Ein Turm ist ein Gebäude aus Steinen und kaltem Stahl, ohne jedes Gefühl und vor allem ohne jeden Intellekt. Alles was hier geschieht ist menschgemacht, jedes Aufflackern des Leuchtfeuers ist vom Menschen programmiert. Und doch ist es die Wärme, die Zuverlässig- und Verlässlichkeit, die mir dieses unglaublich sichere und geborgene Gefühl vermittelt. Ich möchte ihn stundenlang dafür umarmen, dass er steht, wo er steht und dass ich in ihm wohnen darf.








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