Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.
„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“
Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.
Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.
gestrandet
nach durchwachter Nacht
nach durchdachter Nacht
nach durchfühlter Nacht
nach durchfrorener Nacht
nach durchliebter Nacht
nach durchlebter Nacht
auf dem Strand in der Nacht
gewacht, gedacht, gefühlt,
gefroren, geliebt, gelebt
gestrandet
Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.
„Nichts.“
„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“
„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“
„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“
„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“
„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“
„Du machst mich wahnsinnig!“
„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“
„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“
„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“
„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“
„Dann was?“
„Ach vergiss es!“
„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“
Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.
„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.
Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.
Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:
„Die Überraschung, Kleines…“
Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…
„Klein!-nes! Die Überraschung!“
„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“
Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“
Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.
Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.
„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“
Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?
“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.
Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”
Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.
Muschelgespräche
<< Möchtest du dich wirklich öffnen?
>> Ja, möchte ich.
<< Wo ist für dich der Reiz?
>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.
<< Die Welt da draußen ist kalt.
>> Aber die Sonne scheint.
<< Die Welt ist kalt, glaube mir.
>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.
<< Es ist brutal.
>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?
<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.
>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.
<< Das wird dir nicht bekommen.
>> Wie meinst du das?
<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.
>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?
<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt
Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.
Der große Delfin ist richtig massig und viel schwimmgewaltiger als der Kleine nebendran. Plötzlich erhebt sich der Säuger aus dem Wasser und tanzt auf der Fluke, das Gesicht zu uns gerichtet, rückwärts über das Wasser. Dabei gibt er die delfintypischen Geräusche von sich und ich bekomme eine Gänsehaut gepaart mit ganz viel Wasser in den Augen. Ist das schön. Es ist einfach nur schön. Nein, es ist genial schön. Es ist ein Traum. Es ist unfassbar. Es ist. Während sich die vermeintliche Mama ein weiteres Mal tanzend über die Meeresoberfläche bewegt, zieht der Kleine weiter eine Bahn nach der anderen durch, und als gäbe es eine Längenbegrenzung, dreht er stets an der gleichen Stelle. Dune erscheint mir wie ausgewechselt. Als hätte sie alle ihre schlechten Erinnerungen und Ängste vergessen, geht sie vorsichtig bis ins Wasser, wo sie immer wieder mit den Vorderpfoten aufspringt und junkert. Das erinnert mich sehr an ihre Begrüßungen und ich interpretiere ihr Verhalten als eine Art Wiedersehensfreude. Aber wie kann das sein? Kennt sie die Beiden schon? Wirkte sie bislang darum so desinteressiert, wenn es draußen nachts auf dem Meer platschte oder ich glaubte Delfine gehört zu haben? Sie kennt die Delfine bereits und für sie ist es ganz normal, sie in der Nähe zu wissen?
Sie streckt den Kopf weit nach oben und erlaubt mir, ihr das Kinn und den Hals zu streicheln. Sie ist ganz weich. Es fühlt sich nass, kalt, und ganz weich an, vielleicht ein bisschen noppig.
Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte, sehe ich noch im Augenwinkel zwei Delfine, wie sie in kurzen flachen Sprüngen über die Wasseroberfläche hechten um schließlich gänzlich abzutauchen.


Liebevoll decke ich den kleinen Couchtisch für mein Vorhaben. Die große XXL-Tasse mit dem Nordseemotiv, die ich damals in Friedrichskoog erstanden habe, ist für meinen Kaffee jetzt genau das Richtige. Ich drehe die Tasse nach links und nach rechts und freue mich über das Leuchtturmmotiv. Der Tassenturm hat ein klein wenig Ähnlichkeit mit meinem Zuhause. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.
Kurz vor meinem Umzug habe ich mir ein Schafgedeck gekauft, das ich heute einweihen möchte. Die Müslischale bleibt im Schrank – ich bin nicht wirklich der Müslityp, aber sie gehörte nun einmal zum Set dazu. Teller und Eierbecher werden auf dem Tisch arrangiert, eine Serviette mit Muscheln verziert, die Kerze und der große Becher mit dampfendem Kaffee. Dune! Nase weg, du hast schon, jetzt bin ich dran. Als hätte ich sie bei Verbotenem erwischt dreht sie erschrocken um, schwanzwedelnd räumt sie mir die ganze Pracht wieder vom Tisch. Kaffee auf Holzboden die Zweite. Och Menno. Du schmälerst mir meine Freude am Frühstück nicht. Du vermasselst mir diese Schlemmerorgie sicher nicht. Mach, dass du raus kommst. Los. Mit Nachdruck aber ohne Gewalt schiebe ich die Hündin in Richtung Treppe. Vorsichtig wuffend schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob das wirklich nötig ist. Ich raune ihr ein kurzes „Lauf“ entgegen und sie macht sich auf und davon. So, jetzt aber.
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