Vielleicht halluziniere ich

4 11 2009

Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.

Du gibst Sicherheit

Du gibst Halt

Du gibst Kraft

Du machst Mut

Du streckst dich weit empor

zur Sonne

in diesen harten Wintertagen

denn bei ihr

findest du Sicherheit

findest du Halt

findest du Kraft

findest du Mut

Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.

Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.

„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“

Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.

„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.

Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.

„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“

Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.

„Darf ich in deinen Augen versinken?“

„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“

„Kleiner als Stecknadelköpfe.“

„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“

„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“

„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“

„Dito!“

„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“

„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“

Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.

Ich lege mich auf den kühlen Sand,

lass mich umspülen von den Wellen

und hoffe darauf,

dass sie mitnehmen,

was nicht in mich hinein gehört

und für immer begraben

unter der Gischt.

„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“

Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.

Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.

„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“

„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“

„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“

„Michael?“

„Ja, Michael, mein Sohn.“

Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.

Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.

„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“

Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.

„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“

Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.

„Darf ich dich was fragen, Max?“

„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.

„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“

„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“

„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“

„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“

„Hast du was von deinem Dad gehört?“

„Nein, muss ich auch nicht mehr.“

„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“

„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“

„Ich habe über keinen Brief geredet!“

„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“

„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“

„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“

„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“

„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“

„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“

Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.

„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“

„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“

Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.

„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“

Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.

Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser





Max lässt es sich nicht nehmen

20 10 2009

Max lässt es sich nicht nehmen, die Waltonshupe zu betätigen, wohl nicht damit rechnend was er damit auslöst. Ich freu mich wie Bolle, doch bevor ich zur Wendeltreppe wetze, um ihm Einlass zu gewähren, muss ich meine vor Begeisterung bellende und wedelnde Hündin zur Ruhe ermahnen. Sie ist kaum im Korb zu halten und würde am Liebsten noch vor mir den Flug über die Treppe absolvieren. Der Freudentaumel weckt sowohl Fee, die sich zwischenzeitlich wieder zum Fellhaufen gesellt hatte und lässt Kleine Düne verschreckt aufschreien. Super Max! Tolle Aktion. Nach gefühlten ewig langen Minuten wird Dune wieder etwas ruhiger. Ich sag mehr oder weniger herzhaft „Bleib!“ und begebe mich hinab zum Sandburgenbauer, der mit schlechtem Gewissensblick am Türpfosten lehnt. „Tschuldigung!“, brummelt er mir zu und breitet seine Arme zur Begrüßung aus „Ich vergaß, wie sie auf mein Erscheinen reagiert!“ Wie er das nach dem Unfall vergessen kann, bleibt mir verborgen, aber bei dem Anblick, kann ich auch nicht weiter böse sein. Mit einem „Ist doch nix passiert!“, schmeiße ich mich ihm an die Brust und spüre förmlich durch den Brustkorb hindurch, wie sich in seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitet.

„Wenn das mit der Begrüßerei hier im Turm so weitergeht, muss ich demnächst immer schon eine halbe Stunde früher kommen, sonst krieg ich das ja nie gebacken.“, brummelt Max, als er sich erschossen von soviel entgegengebrachter Liebe, Umknuddelung und Abschleckerei neben dem Korb niedersetzt. „Wie war die restliche Nacht?“

Wir reden eine ganze Zeit über Belangloses. Dann bestellt mir Max Grüße von Jacques und Familie. Grüße, die er gestern vor lauter Aufregung wohl vergessen hatte. Sehr ruhig und gefasst umreißt er noch mal den Tag des Unfalls und berichtet mit medizinischer Genauigkeit, was Dune fehlt, beziehungsweise nicht fehlt und was Jacques weiterführend empfiehlt. Sehr erfreulich für mich ist zu hören, dass Dunes Vorderlauf keineswegs wirklich gebrochen ist. Es sei normal beweglich und würde ihr auch nicht all zu große Schmerzen bereiten, so dass Jacques von mindestens einer schweren Stauchung und höchstens einem Anbruch, Haarriss oder ähnlichem ausgeht. Um sicher zu gehen, könnten wir in die Tierklinik fahren. Die ist aber ewig weit entfernt und da ich weder meiner Dune noch uns diese Aufregung wirklich zumuten möchte, entscheide ich mich dazu, in Jacques Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertrauen.

Viele meiner Fragen beantwortet mir Max, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er scheint ganz genau zu wissen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Auch entschuldigt er sich immer und immer wieder und ich versuche ihm so glaubhaft wie möglich bei zu bringen, dass das nicht Not tut. Max hat in dieser Situation das getan, wovon er glaubte, dass es das Beste sei. Schließlich und endlich war es auch genau gut so. Natürlich hätte ich mir ein Zeichen gewünscht, und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wenn er mir per SMS beigebracht hätte, dass Dune einen Unfall hatte und er bei Jacques mit ihr ist. All diese hätte, würde und könnte bringen uns heute nicht mehr weiter. Im Gegenteil. Wir sind hier, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind gestrandet im leuchtstürmischen Glückstag.

gestrandet

nach durchwachter Nacht

nach durchdachter Nacht

nach durchfühlter Nacht

nach durchfrorener Nacht

nach durchliebter Nacht

nach durchlebter Nacht

auf dem Strand in der Nacht

gewacht, gedacht, gefühlt,

gefroren, geliebt, gelebt

gestrandet

Dieses Gedicht schrieb ich mal, nach einem dieser chaotischen Tage und einer dieser noch chaotischeren Nächte mit dir. Und irgendwie, ja irgendwie passt es auch auf Heute. Max reißt mich aus meinen poetisch angehauchten Gedanken und fragt mich, woran ich denke. Ich fühle mich ein wenig ertappt.

„Nichts.“

„Kleines, man kann nicht an Nichts denken.“

„Ich schon. Ich mach die Augen zu, schmeiß die Welt raus und denke nichts.“

„Irgendwas denkt man immer, und sei es nur, an die Stimmen oder Begebenheiten, die man unterbewusst wahrnimmt.“

„Wenn ich die Welt rausschmeiße höre ich nichts mehr. Ich sehe nichts, nehme nichts wahr, finde keine Worte und denke auch nichts.“

„Aha, wenn du doch nach Worten suchst und keine findest, dann denkst du ja scheinbar doch was!“

„Du machst mich wahnsinnig!“

„Und du mich manchmal ein bisschen irre.“

„Na, da sind wir uns ja mal wieder einig!“

„Eine solche Form von Einigkeit, setzt voraus, dass gedacht wird, sich zwei denkende Wesen einigen. Also, was denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann…“

„Dann was?“

„Ach vergiss es!“

„Ich denke, ich werde das jetzt nicht vergessen, nur meine Neugier ein wenig zügeln und ich werde dich irgendwann wieder daran erinnern, dass du gerade was gedacht hast und vielleicht magst du mir ja dann erzählen, an was du in diesem Moment gedacht hast.“

Schon wieder ein Déjà-Vu? Ich muss zugeben, dass mir dieses kurze Gespräch ein wenig Angst macht und darum wechsele ich schnell das Thema.

„Sag mal, du brummiger Sandmann, du erzähltest gestern etwas von einer Überraschung. Eine Überraschung für wen? Für mich? Was ist es und magst du mir nicht jetzt davon erzählen?“ Max legt dieses außerordentlich gemeine Grinsen auf, womit er mich schon mehr als einmal zur Weißglut bringen konnte. Da ich aber die Diskussion von eben nicht sofort wieder aufleben lassen möchte, tue ich betont desinteressiert und beantworte mir die Frage selbst: „Naja, so wichtig kann es nicht gewesen sein, sonst hättest du mir ja gestern schon davon erzählen können, als alles wieder gut war. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang? Dune wird es uns sicher auf ewig übel nehmen, aber ich muss an die frische Luft und in den Wind. Ich glaube mein Kopf braucht das jetzt.“ Max willigt begeistert ein und fragt, ob wir Fee nicht mitnehmen sollen. Da das Trio aber so friedlich schlummernd im Korb ruht, beschließe ich auf tierischen Beistand zu verzichten und mich ganz alleine der starken Führung des Sandmannes anzuvertrauen.

Dick und dem Wetter angepasst eingepackt, machen wir uns auf den Weg. Wir schlagen den Weg in Richtung Bucht ein. Es ist schon wirklich eigenartig. Ich nehme mir andauernd vor, auch mal wieder in die andere Richtung zu spazieren, aber die Füße entwickeln grundsätzlich eine Form von Eigenleben, was den Weg betrifft. Ich erzähle die ganze Zeit. Ich berichte von meinem Treffen mit Delphi und Finchen und wie rührend ich die Szene zwischen dem Weibchen und dem ollen Grauen fand. Ich erzählte in den schillerndsten Farben von Fees Ausflügen mit der Nase in die frische Luft und von meiner Angst und den Sorgen, die mich Schritt für Schritt vorangetrieben haben. Max spricht während alle dem kein einziges Wort, noch nicht mal ein Hmmm, oder Aha, was mir signalisieren würde, dass er überhaupt zuhört. Ich hasse diese ignorante Art, aber ich kenne sie auch nur zu gut von dir. Du hast jedes meiner Worte in dir aufgesaugt und konntest, wenn ich es darauf angelegt habe, Wort für Wort meine Reden zitieren, aber du hast nie durchblicken lassen, dass du angestrengt und konzentriert zugehört hättest.

Kurz bevor die Bucht kommt und wir einen ersten Einblick in sie gehabt hätten, sagte Max plötzlich:

„Die Überraschung, Kleines…“

Jetzt bin ich es, die nicht zuhört und ich erzähle ganz aufgeregt von dem Pfahlbau, mit seinen tollen Ornamenten und Motiven im Holz, von der schnuckeligen Aufmachung und der Tatsache, dass ich zum Verrecken nicht weiß, wie dieses Ding da in „meine Bucht“ hineinkommt, ich sogar bis auf der Plattform war und versucht habe durch die Fenster zu schauen, was mir aber nicht gelungen ist, und dass ich doch so neugierig war aber auch so in Sorge wegen Dune und dass…

„Klein!-nes! Die Überraschung!“

„Ja, Max? Die Überraschung, das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Was ist mit der Überraschung? Willst du mir nun doch davon erzählen?“

Max lächelt und sagt nur „Ach nichts, vergiss es, vielleicht später.“

Grrr, manchmal bringt mich dieser Mensch so was von auf die Palme.

Max dreht auf dem Absatz um und geht zurück. Auf meine Bitte hin, noch ein Stück zu gehen, weil ich ihm gerne diesen Pfahlbau zeigen wolle, reagiert er gar nicht. Ich habe auch keine Lust zu brüllen, und darum folge ich ihm, mit ein paar Schritten Abstand und wir kehren um. Die See ist aufgewühlt und unruhig. Der Regen kann sich nicht wirklich entscheiden ob er sich bindfadenzart oder literweise über uns ergießen mag und der Wind scheint jede einzelne Pore und jeden einzelnen Gedankengang einzeln bearbeiten und frei pusten zu wollen. Letzteres empfinde ich als sehr angenehm. Den Regen betreffend bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass wir den Heimweg antreten. Es ist ganz schön kalt und wieder fällt mir dieses für mich obskure Fest der Liebe ein.

„Du Max, sag mir bitte, wenn ich dir zu neugierig bin, aber feierst du Weihnachten? Und wenn, dann wie?“

Max schweigt und das schon einen ewigen Moment. Habe ich ihn mit meiner Frage so aus dem Takt gebracht oder ist sie so schwer zu beantworten?

“Ich feiere schon seit Jahren nicht mehr Weihnachten, und früher, früher hab ich es eigentlich auch nur dem Jungen zu Liebe getan, muss ich zugeben. Ich konnte diesem Konsumterror noch nie etwas abgewinnen. Außerdem gab es bei uns immer Streit. Und an den besonderen Tagen, gab es dann auch besonders heftigen Streit. Meist wegen Kleinigkeiten. Weil der Junge nicht so feiern wollte, wie sich das meine Frau vorgestellt hat oder weil ich mal etwas anderes als Baumdeko ausprobieren wollte. Tradition war meiner Frau sehr wichtig, und diesem Fall ging nichts über die scheinheilige Tradition.

Irgendwann hielt ich diese ganze Verlogenheit nicht mehr aus und ging. Ein Fehler, mein größter Fehler, das weiß ich heute. Der Kontakt zu meinem Sohn wurde unterbunden, verboten und verhindert. Ich hatte keine Chance. Ich erfuhr erst wieder etwas, als er dann vor 15 Jahren von uns ging. Meine Frau räumte sein Zimmer und seine Wohnung, packte alles in ein Auto und stellt mir den Wagen vor die Tür. Ich wäre ihm trotz Kontaktsperre immer viel näher gewesen und jetzt wolle sie sich nicht mehr kümmern müssen. Was mir von ihm blieb sind Erinnerungen, eine Kiste voller Briefe an ein Mädchen und von einem Mädchen, ein paar Schallplatten und Kassetten, sein Instrument und ein paar Kleidungsstücke. Tja, und darum wüsste ich nicht, warum oder mit wem ich noch einmal Weihnachten feiern sollte. So dachte ich zumindest bis vor ein paar Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich es mir in diesem Jahr wirklich wieder vorstellen. Mit dir und den Tieren im Turm. So ohne großartigen Weihnachtsschnickschnack , einfach bei Bockwurst und Kartoffelsalat zusammensitzen, das Meer angaffen, vielleicht ne Runde Gassi gehen und quatschen.”

Nun bin ich es die schweigt. Ich hake mich bei Max unter und bin ganz still. Das muss erstmal verarbeitet werden. Nicht nur die Geschichte – sondern auch seine Offenheit und dieser Wunsch das Fest betreffend. Ich spüre, wie ich eine riesige Gänsehaut bekomme und bin mir nicht ganz klar, ob ich sie wegen Max Monolog oder weil mir wirklich ziemlich frisch ist habe.

Muschelgespräche

<< Möchtest du dich wirklich öffnen?

>> Ja, möchte ich.

<< Wo ist für dich der Reiz?

>> Ich möchte wissen, wie es da draußen ist.

<< Die Welt da draußen ist kalt.

>> Aber die Sonne scheint.

<< Die Welt ist kalt, glaube mir.

>> Und das Wasser? Ich möchte das Wasser spüren.

<< Es ist brutal.

>> Warum ist es brutal? Es kann uns tragen?

<< Es spült uns fort, immer und immer wieder.

>> Ich möchte andere Wesen kennen lernen.

<< Das wird dir nicht bekommen.

>> Wie meinst du das?

<< Sie werden dich bestenfalls auslachen. Vielleicht lassen sie dich auch  nur eiskalt links liegen. Vielleicht werden sie dich aber auch töten.

>>Warum sollte mich jemand vernichten, wenn ich mich öffne?

<< Weil die Welt da draußen so ist. ~ Kalt

Auf dem Rückweg hören wir aus weiter Ferne die Delfine singen. Mich überkommt ein erneuter Schauer und Max grummelt nur etwas von: “Die kommen sicher nicht wegen mir.” Ich entgegne ihm, dass ich mir das nicht vorstellen könnte, und sie seien bestimmt so mit der Erziehung von Finchen beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, um ihre Fluken hier in Strandnähe aus dem Wasser zu halten. Auch Max legt nun einen Schritt zu. Es wird wirklich richtig kalt.





Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte

7 08 2009

Gerade als ich mich beruhigt wieder umdrehen möchte, sehe ich noch im Augenwinkel zwei Delfine, wie sie in kurzen flachen Sprüngen über die Wasseroberfläche hechten um schließlich gänzlich abzutauchen.

Da waren die doch schon wieder?! Ich bin doch nicht blöd, da sind doch zwei Delfine in unserer Nähe! Ich stelle die Kaffeetasse hektisch auf den Tisch, puste die Kerze aus und nehme die Beine in die Hand. Schnell wie selten eile ich die Wendeltreppe hinunter und laufe zu Dune. Sie hat sich so in Trance gebellt, dass sie mich gar nicht wahrnimmt und ihr Bellen erst kurz unterbricht, nachdem ich mich neben sie in den Sand gehockt hab. Gell? Du hast sie auch gesehen?! Da waren doch zwei Delfine, oder nicht? Die Hündin kläfft in ohrenbetäubender Lautstärke und mag sich gar nicht mehr beruhigen. Und ich? Ich starre wieder Löcher in die Luft, starre wieder auf die Stelle, über die eben noch Delfine sprangen und ich kann wieder nichts Verdächtiges entdecken. Macht das die Luft? Kommt das von dem Alleinsein? Ich meine, bis auf die handelsüblichen Drogen wie Zigaretten und Kaffee habe ich doch schon ewig nichts mehr zu mir genommen. Ich kiffe nicht und komische bunte Pillchen, mit :lol: Smileys :lol: drauf, gehören auch nicht auf meinen täglichen Speiseplan.

Vom Meer her weht eine leichte Brise über uns hinweg. Auf dem Meer bewegen sich nur die kleinen Wellen. Mein Zustand lässt sich nicht in Worte fassen. Ist es Fassungslosigkeit oder Ungläubigkeit? War es ein Traum oder eine Delfin Morgana? Wenn ich ja nicht wüsste, dass es sie wirklich gibt, würde ich jetzt an meinem Geisteszustand zweifeln. Aber es gibt sie und sie sind hier. Und was soll dieses Spiel? Ich wusste, dass mein Leben hier überraschend wird und ich konnte mir ausrechnen, dass vielleicht auch Dinge passieren, die ich nicht gleich verstehen und einsortieren kann. Doch in den letzten Tagen gab es soviel, was mich bewegte. Henrys plötzliches Auftauchen und der nicht minder schnelle Abgang. Dieser Sonnenaufgang, der seinesgleichen sucht und sich tief in mein Herz und in meine Erinnerung eingebrannt hat. Und dann diese Delfinnummer.

Dune hat sich beruhigt, schaut mich fragend an und dann wieder auf die See hinaus. Zumindest scheine ich nicht alleine ratlos zu sein und ich wünsche mir so sehr, ich könnte mich jetzt mit ihr über das Gesehene austauschen.

„Dann sagen wir also zu?“ „Ja klar sagen wir zu – und wann können wir einziehen? Können wir überhaupt einziehen, oder müssen wir uns in der Nähe eine Bleibe suchen? Wie bist du daran gekommen und überhaupt. Los sag doch endlich was!“

Ich war so aufgeregt, dass ich dir gar keine Möglichkeit gegeben habe, mir mit nur einer Silbe eine Antwort auf meine vielen Fragen zu geben. Du hast einfach nur diebisch gegrinst und gleichzeitig so süß gelächelt, dass ich gleich wieder hätte anfangen können zu heulen. Einfach nur, weil du da gestanden hast. Mit mir und für mich und mit dieser Überraschung.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir noch am Fuß des Leuchtturmes gesessen haben. Ich habe dich mit Fragen nur so bombardiert, und du hast ein großes Geheimnis aus der Entstehung der Überraschung gemacht. Bis heute weiß ich nicht, wie wir schließlich und endlich zu diesem Glück gekommen sind und womit ich dieses Glück verdient habe.

Meine Gefühle tauchen ab in das Blauschwarz des Meeres, so wie eben die Delfine, und ich werde durch das Kribbeln meiner Beine aus diesem Ozean der Emotionen herausgeholt. Ich schaue Dune an und frage sie, wie lange wir nun schon hier sitzen. Sie kann es mir nicht sagen. Zumindest war es wohl lang genug um meinen Beinen zu suggerieren, dass es Schlafenszeit ist. Autsch, das tut jetzt aber weh. Da sich außer Möwen, Strandläufern, Schwalben und Tauben keine Tiere mehr hier blicken lassen, versuche ich den Gedanken und meine vielen Fragen die Delfine betreffend, zu verdrängen. Es macht so gar keinen Sinn, sich den ganzen Tag hier her zu setzen und über Sinnestäuschungen nach zu grübeln. Ich mach mich auf den Weg zurück in den Turm. Das Frühstück kann ich jetzt vergessen. Ich werde mir vielleicht noch eine Scheibe Brot zwischen die Kauleisten schieben und dann mal aufräumen. Wenn ich demnächst mit noch mehr Kram hier anrücken will, muss ich ein bisschen Platz schaffen. Der obligatorische letzte Blick auf das Meer zeigt, dass die Wellen wachsen. Draußen scheint es windiger zu sein als hier und ich werde traurig bei dem Gedanken daran, dass es Morgen oder Übermorgen schon wieder vorbei sein kann mit diesem herrlichen Wetter. Diese Frage wirft eine Weitere auf. Soll ich denn wirklich die kostbare Sonnenzeit im Turm mit Aufräumen verbringen? Meine Entscheidungsfreudigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich entscheide mich für ein „Ja, aber“, das heißt ich geh erstmal in den Turm, werde in mich gehen und mich fragen, ob ich nun aufräumen möchte, werde mir antworten: „Ja, aber das hat doch sicher noch ein bisschen Zeit!“, und dann werde ich oben nur die Plüdden ablegen und mich wieder hinaus machen. Ein Spaziergang wäre jetzt genau das Richtige.

Trepp auf, wusel, wusel, Trepp ab – die Idee mit dem Spaziergang animiert mich zur Eile und so dauert es nicht lange, bis ich wieder unten bin, meinem Leuchtturm einen dicken Kuss auf die aufgewärmten Backsteine verpasse, und mich zum Wassersaum trolle. Dune scheint eine ihrer, für mich unverständlichen, Vorahnungen gehabt zu haben und sitzt genau dort, wo ich sie eben verließ und wartet auf mich. Die Freude mich wiederzusehen ist groß und die Freude über einen ausgedehnten Spaziergang noch viel größer.

Ich entscheide mich für den Weg in Richtung Bucht. Vielleicht entdecke ich ja etwas, was mich dem Mysterium Delfin etwas näher bringt? Dune dreht voll auf. Sie rennt in Rekordgeschwindigkeit vorweg, bremst dann irgendwann spontan und kommt zu mir zurück geflitzt. Wie ein Flummi springt sie dann einmal vor mir hoch, um sich gleich wieder auf dem Absatz, ähm den Pfotenballen umzudrehen und das Laufspiel beginnt von vorne. Wirklich beeindruckend, wie viel Power das Tier hat. In solchen Momenten spürt man, dass ein Podenco eben auch ein Laufhund ist. Sie würde in einer Stadt nie glücklich werden. Sie gehört einfach hierher. Sie und ich auch. Unterwegs finde ich einen schönen Stock, nicht zu groß und nicht zu klein, den ich mit viel Schwung versuche bis zum Horizont ins Meer zu schmeißen. Natürlich gelingt mir das nicht. Dune allerdings findet meinen Versuch gar nicht so übel, rast ins Meer, schwimmt ab einem bestimmten Zeitpunkt auf das Stöckchen zu, bringt es mir zurück und animiert mich, es noch einmal zu versuchen.

Unermüdlich stürzt sie sich in die Fluten und apportiert den Ast. Beneidenswert, wenn man über soviel Energie verfügt. Nach einer ganzen Weile sind wir in der Bucht. Ich weiß gar nicht, ob man es Bucht nennt oder Lagune. Ich weiß nur, dass es hier wunderschön ist und hätte ich nicht schon im Leuchtturm ein Zuhause gefunden, würde ich mir wahrscheinlich hier eines aus Ästen und Blättern zusammen basteln. Ich muss lachen. Die Vorstellung, wie ich robinsonlike auf einer Insel lebe, scheint mir dann doch etwas phantastisch. Ich kann auf vieles verzichten, aber ein Minimum an Komfort brauche ich schon, und sei es nur eine Matratze. Meine Hüfte meldet sich sofort bei dem Gedanken daran in einem Blätternest zu schlafen. Wohlmöglich ist sie besorgt, da ich ja oft genug auf die Idee komme, am Strand zu nächtigen, oder mich auf dem Tisch vor das Fenster zu setzen, um von dort über Stunden in die Nacht hinaus zu starren.

Mein Hund und ich spazieren einmal um die Bucht herum. Mein Blick fixiert das Wasser, das an dieser Stelle unglaublich klar, fast blau ist. Keine Robben, keine Delfine, nur Dune und ich, die glücklich durch den warmen Sand stapfen. In diesem Augenblick vermisse ich meine Kamera und beschließe endgültig, dass sie neben dem Handy ein weiteres wichtiges Utensil ist und unbedingt noch hier her muss. Und wenn ich die Kamera mitbringe, muss auch wenigstens das Laptop im Turm einziehen. Ich hab nicht das Geld, um mir unendlich viele Chips zu kaufen und man möchte sich die Bilder ja später ohne viel Stress anschauen können. Wir merken uns: Ladekabel Handy, DigiCam, Ladekabel DigiCam, Laptop. Ob die Stromversorgung im Leuchtturm für soviel technischen Schnickschnack ausreicht? Wir werden es sehen. Außerdem sind nicht immer alle Geräte gleichzeitig eingestöpselt und in Gebrauch. Mein anderes Leben fängt ja gleich toll an, wenn ich mich von der Technik so abhängig mache. Es bleiben mir ja noch ein paar Tage für Überlegungen – und jetzt möchte ich die Natur weiter genießen.

Die Bucht hat einen Radius von schätzungsweise drei bis vier Kilometern. Aus der Luft sieht es aus, als hätte jemand einen Halbkreis aus dem Strand geschnitten. Der Strand hat eine Breite von vielleicht zwanzig oder dreißig Metern. Er ist ebenfalls sehr akkurat „angelegt“, was heißt, dass es keine weiteren Einbuchtungen oder ähnliches gibt. Eine ebene Fläche in Cremeweiß, ohne tiefe Einbuchtungen, Höhlen. Ein Stück unbetretene Natur liegt vor uns. Begrenzt wird er durch einen Hain aus Sträuchern und Bäumen, die undurchdringbar aussehen und ich habe ich bislang noch nie hinein getraut. Selbst du konntest mich nicht dazu überreden. Deiner Beschreibung nach ist dort ein mystisches kleines Wäldchen, zu dessen Ende du aber auch nie vorgedrungen bist. „Ich habe Angst, dass irgendwo dort eine Autobahn angrenzt. Das macht doch die ganze Romantik kaputt.“ Ich musste damals so lachen, als du diesen Satz mit einem wirklich furchtbar entsetzten Gesicht über die Lippen gebracht hast. Man hört hier nichts außer dem Meeresrauschen und Vögeln. Eine Autobahn würde man je nach Windrichtung sicher wahrnehmen. Aber du warst fest davon überzeugt, dass hinter diesem Idyll die grausame Zivilisation wartet, und das wolltest du nicht entdecken.

An der Grenze zwischen Sandstrand und Wald türmen sich ein paar Felsen auf. Aus der Ferne betrachtet, bildet sich dort eine Art Sonnenplateau. Wer weiß, vielleicht stillen Echsen dort ihren Sonnenhunger? Im Augenblick zanken sich zwei grüne Sittiche um ein Stück Baumrinde. Das braune Gebilde sieht aus wie eine kleine Jolle und die zwei Streithähne machen den Eindruck, als kämpften sie darum, wer sie zuerst zu Wasser lassen darf. In meinem Kopf entsteht eine Geschichte über zwei Papageienvögel, die den Plan fassen auszuwandern. Natürlich habe ich nichts zu schreiben dabei und mir bleibt die Hoffnung, dass ich diesen Plot bis zum Leuchtturm nicht wieder vergessen habe.

Langsam wird es Zeit den Heimweg anzutreten. Die Kraft des strahlenden Planeten über uns lässt merklich nach und der Wind frischt weiter auf. Ich halte mein Gesicht in den Wind und genieße die kühle Zärtlichkeit. So kann es bleiben, bis Morgen, bis nächste Woche, nächsten Monat, 2009. Genau so muss Meer sein. Wind, Sonne, Wasser, Strand, Wolken, Sehnsucht und mehr. Es muss weh tun, weil es so schön ist. Und es tut weh. Unglaubliche Gefühle steigen in mir hoch. Gefühle, die ich seit langem kenne und Regungen, die mich staunen lassen.

Ich lasse mich aus dem Stand breitbeinig in den Sand fallen. Meine Knochen danken es mir mit Schmerzen und Stechen, doch da muss ich jetzt durch. Meine beiden Arme lasse ich an meinen Seiten weit hoch über den Kopf und wieder nach unten zu den Beckenknochen gleiten. Fest in den Sand gedrückt, schieben sie den Sand hin und her. Jetzt hab ich ein Problem. Wie stehe ich am Geschicktesten wieder auf, ohne das Kunstwerk zu zerstören? Nun verstehe ich auch, warum Max, der Sandburgenbauer, Skulpturen aus Sand macht und sich nicht wie ich, in Sanddrucken übt. Ich gebe zu, meine Technik ist weder gut durchdacht, noch ist sie einfach in der Ausführung. Ich rufe Dune zu mir und lotse sie an meine Füße. Nach dem vierten Anlauf bekomme ich sogar den Sit-Up hin, der mich in Sitzposition bringt. Nun kommt der schwierigste Teil. Ich brauche nur ein klein bisschen Zug. Ob meine Hündin das versteht. Ich an ihrer Stelle hätte Angst erwürgt zu werden. Vorsichtig winkele ich meine Beine an und beuge mich nach vorne zu ihr, dann greife ich ihr Halsband. „Los, Hopp Dune, lauf!“ Wie befürchtet dreht sie ihren Kopf zu mir rum und begreift die Welt nicht mehr, ihren Dosenöffner versteht sie schon dreimal nicht. Ich knuffele ihre Ohren, streichele und lobe sie und mache ihr Komplimente ohne Ende. „So, nun aber Hopp! Lauf!“ Und tatsächlich, mein Hund setzt sich in Bewegung. Ich bin glücklich, dass ich meine Hacken nach dem ersten Kommando fest im Sand hatte und diese Position nicht veränderte. Dune setzt zum Spurt an und der Zug reicht genau aus, um mich leicht abheben zu lassen. Wahrscheinlich ist das gerade das dämlichste aller dämlichen Bilder, das man sich an einem Strand vorstellen kann. Aber ich komme mit viel Rudern der Arme tatsächlich in den Stand.

Wie ein kleines Kind freue ich mich über meinen Sanddruck. Die Figur, die ich mit mir selbst und dem Fächern der Arme kreiert habe sieht tatsächlich aus wie ein Engel. Mit einem dünnen Ästchen notiere ich dir noch eine kurze Nachricht zu den Engelsflügeln und mache mich dann auf den Heimweg. Ich liebe dich.

Der Sonnenuntergang hat leider nicht das gleiche Farbenspiel wie der heutige Aufgang. Umso schöner, dass ich bei diesem einzigartigen Schauspiel dabei war, es genießen durfte und es mich so in seinen Bann gezogen hat. Dieser Tag ist so unendlich schnell vorbei gegangen. Mit Rückenwind gehe ich zurück zum Leuchtturm. Dune hat das Kommando „Lauf! Hopp!“ scheinbar falsch verstanden. Sie ist losgestürmt und schon seit geraumer Zeit außer Sichtweite. Sicher wartet sie am Leuchtturm auf mich. Einsam bummele ich am Strand entlang. Über mir der sich immer weiter verdunkelnde Abendhimmel, zu meiner Linken die stärker werdende See. Von weit draußen klingt ein lautes Rauschen zu mir herüber und ich schätze, dass der Wind dort sicher ein bis drei Windstärken heftiger sein wird. Auch ohne die morgendliche Farbenpracht hat diese Atmosphäre einen Charme, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich möchte mich ihm auch gar nicht entziehen, denn schließlich ist es diese Ausstrahlung, die mich hier sein, lieben, vermissen, leben lässt. Diese Mischung aus Wohlfühlen, geborgen sein, Sicherheit, Traumwelt. Hier zu sein bedeutet nach Worten für Beschreibungen suchen, die es noch nicht gibt, die noch nicht erfunden wurden. Schmetterlinge im Bauch unter Ganzkörpergänsehaut. Dir musste ich das nie erklären. Du hast immer genauso empfunden und wir brauchten uns nur in die Augen zu schauen und wussten voneinander, was der andere gerade fühlt oder an welche unentdeckten Worte er gerade denkt, ohne sie aussprechen zu müssen.

Während mir all dieses Zeug durch den Kopf geht und ich wieder nicht weiß, wie ich diesen Gefühlssalat am Besten anrichten kann, nähere ich mich mit jedem Schritt dem Leuchtturm. Sein Leuchtfeuer strahlt und blitzt über das Meer und die gewaltigen Wellen weit draußen werden sichtbar. Weiße Gischt baut sich auf und verschwindet wieder im Nichts. Der Weg vom Taghell ins Nachtdunkel war so kurz und ich bin glücklich, dass ich wieder hier bin. Hier bei meinem Freund, dem Leuchtturm, an meinem Zuhause. Bei dir. Hier.

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleichen sie durch die Nacht

Vorsichtig bauen sie sich voreinander und übereinander auf

Mit Zuneigung nähern sie sich dem Sichelmondlicht

Liebevoll umarmen sie sich zum Kuss

Gute-Nacht-Wellen-Kuss

Langsam schleiche ich mich durch die Nacht

Vorsichtig baue ich mich vor dir auf

Voller Zuneigung näher ich mich dir in Gedanken unter dem Mondlicht

Zärtlich umarme ich dich so zum Kuss

Gute Nacht mein Freund

Gute-Nacht-Kuss

Jetzt ein Kuss wäre toll. Aber außer dem Wind, der Sonne und Dune küsst mich hier niemand. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt wollte. Deine Küsse sind schon besonders und sie haben sich so auf meinen Lippen eingebrannt, dass jeder andere Kuss durch eine harte Vergleichsstudie müsste, an deren Ende, dieser Kuss sowieso keine Chance hat.








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