Max wickelt mich wieder fest in die Decke ein. „Ich würde dir gerne ein paar seiner Briefe zeigen, wenn ich darf.“
Von den Zeh- bis zu den Haarspitzen krabbelt Gänsehaut an mir hoch. Ein kühler Schauer streift mit ausgehend vom Nacken herab über den Rücken bis in die Poritze und ich muss erst einmal ganz tief Luft holen. Puh, was für ein Angebot.
„Wenn du ganz sicher bist, dass du das möchtest. Sehr gerne.“
Der alte Mann hebt sich schwer von der Bank auf und geht mit unsicheren Schritten in den Pfahlbau. Als er wieder kommt, hat er einen vergilbten Bogen Papier in der Hand, der so aussieht, als könne er jeden Moment in feinsten Staub zerfallen.
„Möchtest du selber lesen, oder soll ich vorlesen?“
„Lies vor, wenn’s geht.“
Beinahe flüsternd und mit stockender Stimme liest Max, was dort auf dem Bogen steht.
259.000 Sekunden
mehr als
259.000 Sekunden ist es nun her
259.000 Sekunden ohne dich
259.000 Sekunden bepackt mit leben, leiden, lieben
259.000 Sekunden durchtränkt von Schmerz, Sehnsucht, Suche
259.000 endlos, ewig scheinende Einheiten voller Einsamkeit
Es schmerzt
Es schmerzt das Leben, das Leiden, die Liebe,
die Sehnsucht, das Suchen, die endlose Ewigkeit,
Jede Einheit
Einsamkeit
Du fehlst – fürchterlich
Mir bleibt fast das Herz stehen, so schön klingt das. Mir versagt fast das Atmen, so wundervoll ist das und in meinem Kopf spielen sich tausende kleiner Szenen ab, die ich erlebt habe, zeigen sich Zeilen, die ich einst gelesen habe. Ich fühle eine Liebe, wie ich sie erst einmal gefühlt habe und in meinem Kopfkino läuft ein Film, den ich nicht verstehen kann. Es klingt so vertraut und doch so entfernt. Michael muss seine Freundin sehr vermisst haben. Und Max liest weiter.
„Drei Tage habe ich dich nun schon nicht mehr gesehen Kleines. Ich weiß, dass es nicht anders geht und ich weiß, dass ich als der Mensch, der ich bin, bei dir nicht sein darf, wenn du zu Hause bist. Drei Tage und ein Telefonat. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Mensch so fehlen könnte. So bastele ich dir eine Flaschenpost, werfe sie von unserem Traumturm und hoffe, dass sie dich erreicht. Bald. Wenn du sie erhältst öffne sie ganz vorsichtig, damit meine Liebe und meine Sehnsucht nicht auf einmal herausströmt. Sauge sie tief in dir auf, und du spürst, dass ich dich nicht alleine lasse. Nicht heute, nicht dort wo du jetzt bist. Ich bin bei dir. Ich halte dich fest in meinem Arm und ich spiele für dich. Lass den Kopf nicht hängen kleine sysse Leuchtturmwärterin. Ich versuche es auch nicht.
Flaschenpost
meine Gedanken und Gefühle in meinem Kopf meinem Herzen
meine Gedanken und Gefühle auf ein weißes Blatt Papier
meine Gedanken und Gefühle in eine Flasche gepresst
meine Gedanken und Gefühle ins klare Blau hinaus geworfen
meine Gedanken und Gefühle den Wellen anvertraut
Eine Flasche voller Gedanken und Gefühle
reist durch das Meer
begleitet vom Mond und Leuchtturmlicht
zu dir
mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen,
im Kopf, im Herz.
Ich möchte schreien und weinen zugleich, so unglaublich schön klingt das, und das wird noch unterstrichen von Max sonorer und zärtlicher Stimme. Auch wenn ich immer dachte, du seiest der einzige Kerl, der zu solchen schriftlichen Ergüssen fähig ist, rühren mich die Zeilen von Max Sohn an seine Freundin. Es ist so schön zu hören, dass du bei aller Einzigartigkeit, auch was das betrifft nicht alleine auf der Welt warst. Ob ihr euch wohl gemocht hättet? Michael und du? Oder wäret ihr auf Abstand gegangen, weil ihr euch so ähnlich wart? Zumindest klingt es heraus aus Max Erzählungen und diesen Zeilen. Max hat seine Kreativität an seinen Sohn vererbt. Das muss ihn doch unglaublich stolz machen. Die Gänsehaut lässt nicht mehr locker und meine Gehirngänge arbeiten auf Hochtouren. Der Puls rast und ich kann gar nicht erklären, warum ich so aufgewühlt und aufgeregt bin. Es ist doch „nur“ ein Text, ein Brief von einem jungen Mann an eine junge Frau. Vielleicht macht es mich so fertig, weil es meinen geliebten Max so fertig macht. Meine Gedanken kreisen wieder um die Geschichte mit den Parallelen, die nur Geraden sind und sich doch irgendwo treffen. Das alles ist so vertraut und doch so fremd. Max ist mir näher denn je und ich spüre eine unglaubliche Verbindung zwischen ihm und mir. Max weint stille Tränen.
Ich frage meinen Sandburgenbauer, ob wir vielleicht zurück gehen sollen, zum Turm und er fragt mich im Gegenzug, ob ich vielleicht noch mehr hören wolle. Von Wollen kann gar keine Rede sein, natürlich möchte ich. Ich weiß nur nicht, ob das so gut ist. Ich weiß nicht, ob es Max gut tut. Aber er möchte, entgegnet er mir auf meine Bedenken. Er möchte und wieder erhebt er sich und geht in den Pfahlbau. Den Brief von Michael lässt er liegen.
Ganz vorsichtig nehme ich den Brief zur Hand und eine undefinierbare Wärme steigt in mir auf. Es ist ein Gefühl, wie man es kennt, wenn man einen roten Kopf bekommt, nur nicht so unangenehm, sondern wohlig und beinahe zärtlich. Der Brief ist wieder ordentlich gefaltet und als ich ihn drehe, durchfährt es mich wie ein Blitz. So muss es sich anfühlen, wenn man von einem elektrischen Schlag getroffen wird. Mit zitternden Händen falte ich den Bogen Papier einmal weiter auf.
„Wir werden die Zeit getrennt aber zweisam hinter uns bringen. Und du wirst es genauso schaffen, wie es mir gelingen muss. Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut. Du bist in meinem Kopf und in meinem Herzen, Dein Mike“
Ich schreie.
„Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Nein, das ist nicht. Nein. MAAAAAXXXX!!!“
Ich halte mir den Bauch und den Kopf, ich schlage mir mit der Faust immer und immer wieder auf mein Herz und ich schreie die ganze Bucht zusammen. Das kann nicht sein. Und doch würde all das jetzt endlich Sinn machen. Aber das wäre ein Zufall. Das wäre einer dieser Zufälle, die zu zufällig sind, um Zufälle zu sein. Aber es wären auch die Parallelen, die sich entgegen aller mathematischen Logik endlich treffen, weil es doch nur Geraden sind, die zusammengehören. Wie eine Wahnsinnige laufe ich um den Bau und schreie und weine.
Max, den mein Kreischen furchtbar erschreckt haben muss, kommt mit einer kleinen Kiste aus dem Pfahlbau und noch bevor er mich fragen kann, was denn los ist, sehe ich diese kleine Truhe, und schreie noch mehr, noch lauter. Ich laufe die Stiege herunter, ungeachtet ob ich mich gleich auf die Nase lege oder nicht. Ich laufe zum Wasser und schreie mir meine Angst, meine Liebe, meine Trauer, meine Fragen von der Seele. Das kann nicht sein. Es kann einfach nicht sein. Aber es wird so sein und damit einen Sinn ergeben. Der alte Mann folgt mir so schnell er kann. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ins Wasser gehen könnte und hält mich kurz vor dem Wassersaum am Ärmel fest.
„Dann habe ich Recht?“, fragt er mich mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht beschreiben kann. „Ich überlege seit Monaten ob es sein kann. Kann es sein? Ist es so?“
Max hält immer noch die kleine Truhe fest unter dem Arm. Ich zeige darauf.
„Briefe, Zettel, kleine Geschenke, wie zum Beispiel eine Blume aus einer Büroklammer gebogen, ein paar Bierdeckel mit kleinen Zeichnungen?“
„Ja, woher – nein, das brauche ich nicht fragen. Du weißt es, du musst es wissen, es ist deine Schatzkiste, es ist eure Truhe.“
„Du sagtest, du hast sein Instrument. Hast du sein Saxophon?“
„Ja, es ist ein Saxophon. Das habe ich aber nicht hier, weil mir die Aufbewahrung im Pfahlbau nicht geheuer war.“
„Jetzt macht alles Sinn. Der Tisch, der Elefant, so viele deiner Worte und Gesten, diese ganzen Déjà-Vus, die mich fast um den Verstand brachten. Ich dachte zwischendurch ich müsse verrückt werden Max. Ich wusste tief in mir, dass in dir mehr ist, als nur dieser liebenswürdige Sandburgenbauer. Ich wusste es verdammt noch mal und bin nicht dahinter gekommen. Bis ich den Brief eben zu Ende gelesen habe. Scheiße, scheiße, scheiße – du bist wirklich sein Vater. Du bist der Vater des wundervollsten Menschen, den es je gegeben hat für mich.“
Wir heulen beide, wie die berühmten Schlosshunde. In mir brechen alle Dämme und es ist nicht so, dass es Tränen der Trauer wären. Ich bin glücklich. Tief in mir drin spüre ich eine Erlösung, die mich frei fühlen lässt, glücklich macht und so vieles erklärt, was ich nicht verstanden, nicht überein gebracht bekommen habe. Ungeachtet unserer Gesundheit, die uns in den letzten Wochen ziemlich nah an Abgründe brachte, setzen wir uns in den Sand. Vom Meer kommen Delphi, Finchen und der Olle Graue in die Bucht hinein geschwommen und ziehen leise vor uns im Wasser ihre Bahnen. Mit meiner Hand greife ich in den Sand und streue ihn über den dunkelbraunen gewölbten Truhendeckel.
„Sandkorn für Sandkorn“ beginne ich ein Gedicht zu zitieren, das wohl auch irgendwo in den Tiefen dieser Kiste zu finden sein wird. Max setzt mit ein und wir sprechen im Duett.
Sandkorn für Sandkorn
Komme ich näher
Der Sonne
Dem Mond
Den Wolken
Dem Himmel
Dem Licht
Dir
Unter unseren Tränen lächeln wir. Max nimmt meine Hand und scherzt: „Hallo Schwiegertochter“. Kopfschüttelnd schaue ich ihn an. „Nein Max, nein. Nicht mit ihm und nicht mit mir. Nie.“ Ich beuge mich zu ihm rüber, schaue in seine glänzenden Augen, die in diesem Augenblick all seine Liebe, seine Trauer, seine Hoffnungen und seine Fragen wiederspiegeln. „Hallo Freund! Dann passt es!“
„Du weißt doch Max, Freundschaft zählt mehr, als alles andere auf der Welt. Einen Freund, den hast du ein Leben lang, über den Tod hinaus. Ihm kannst du immer, jeder Zeit vertrauen. Ein Freund wird dich nie bewusst enttäuschen, dir Schmerzen oder Leiden zufügen. Freundschaft ist kein Luftschloss. Sie ist keine Seifenblase, die beim kleinsten Pieks zerplatzt. Freundschaft ist stark und mächtig.
Ich weiß, dass mir eine solche Freundschaft bereits einmal in meinem Leben vergönnt war. Und das, was zwischen dir und mir ist, das ist der Anfang erst. Der Anfang, eines zweiten Geschenks. Das Geschenk einer Freundschaft.“
Ich baue uns ein Schloss,
hier direkt zu den Füßen dieser starken Pfähle,
hier direkt am Ende der hölzernen Stiege,
ich baue uns ein Schloss aus Sand.
So schön, imposant und groß und doch so zerbrechlich,
weil schon die geringste Einspülung, bei der nächsten großen Welle
alles wieder zerstören könnte.
Aber hab keine Angst, es ist nicht nur aus Sand,
sondern auch aus Freundschaft gebaut.
Es wird standhalten,
gegen Wind, Wut und Wasser,
denn es ist jetzt
unser Schloss.
Bis es dunkel wird, sitzen wir hier am Wasser, im Sand und die Worte sprudeln nur so aus uns raus. Immer wieder legen wir Schweigepausen ein und schauen uns an, wie sich nur Menschen anschauen können, die etwas ganz besonderes verbindet. Dune gesellt sich zwischendurch zu uns, und als ob sie spürt, dass heute etwas ganz wichtiges vonstatten geht, trollt sie sich auch gleich wieder zu den anderen sieben Pfoten. Sie ist so intelligent.
Hand in Hand kehren wir eine ganze Weile später zurück zum Leuchtturm. Wir reden und schweigen, wir lachen und erinnern uns. Die Kiste trägt Max unter dem Arm und damit vermittelt er mir den Eindruck, als seien wir für heute noch lange nicht fertig.
Dreierlei Sichtweise
Bewundernd schauen wir zu dir hinauf
Sehnsüchtig blicken wir von dir herab
Liebevoll sehen wir dich sehnsüchtig bewundernd an
Zurück im Turm fällt mir ein, dass ich noch eine sensationelle Überraschung für Max habe. Ich suche meine Geldbörse und bitte ihn, sich lieber hin zu setzen. Wie ein großer starker Mann so zerbrechlich wirken kann? Ich setze mich neben Max auf die Couch und halte seine Hand. Diese Energie, die durch unsere Hände geht hat jetzt eine viel verständlichere und noch schönere Wirkung. Mein Herz klopft ganz wild und ich fürchte fast, dass es ein bisschen viel werden könnte, für meinen alten Freund. Doch der Blick in seine kristallblauen Augen, die mich voller Neugier und Liebe anschauen, sagt mir, dass er es sicher verkraften wird.
Ich löse meine Hand aus Max Griff und mit zittrigen Fingern ziehe ich dein Foto aus meiner Geldbörse. Ich lächele und lege es ihm sanft in die große starke Hand.
„Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“
„Alles ist gut, Kleines.“, entgegnet mir Max, betrachtet dein Foto und weint. „Alles ist gut!“
Du bist da, ganz nah. Du bist in Max und in mir und seit langem habe ich dieses ganz tiefe Gefühl, dass wirklich alles in Ordnung ist. Du bist hier und dort. Du bist der Wind und das Wehen. Du bist die glitzernde Schneeflocke, die sich vom Himmel stürzt und der Sonnenstrahl, der sich kräftig wärmend auf dem Strand verteilt. Du bist der Regentropfen, der uns auf der Nase trifft und wächst zu einem Regenbogen, der sich über unser Sein spannt. Du bist die Möwe, die über unseren Köpfen kreist und der Delfin, der friedlich seine Bahnen zieht. Du bist der Stern, der mir die Nacht erhellt und der Mond der mich anlächelt, wenn mich die Sehnsucht quält. Du bist der Leuchtturm, der mit seinem Licht all unsere Leben lenkt und rettet. Du bist hier und du bist dort. Und bist du auch tot, du bist niemals fort.
Wow, wunderschön und be – rührend! Danke!
!