Hmm Dune,

29 10 2009

“Hmm Dune, was hältst du davon? Wir setzen uns jetzt auf eine Wanderdüne und machen die Biege. Du nimmst deinen Zwerg mit, und dann stechen wir in See, nee, in Wüste. Die da lassen wir hier. Die kriegt eh nichts mehr mit!”

“Was? In See? Wer? Ach Max entschuldige bitte. Aber irgendwie hab ich den Erinnerungsmodusknopf gedrückt und der klemmt anscheinend. Es tut mir leid. Was hast du gesagt, du willst weiterschlafen?”

“Nein, ich habe vor Stunden gesagt, dass ich, so mich deine Erzählungen ermüden würden, ja wieder einschlafen kann. Da du aber nichts erzählst, ist es auch in keiner Weise ermüdend. Mir ist vielleicht ein bisschen langweilig. Und darum haben Dune und ich beschlossen auszuwandern.”

“Auf einer Wanderdüne reitend. Ihr seid bekloppt. So, ich mach mir jetzt nen Kaffee und für dich einen leckeren Kräutertee.”

Max verzieht mächtig das Gesicht. Eigentlich müsste ihm dieses Gebräu schon längst aus den Ohren herauskommen. Dieser Tee sieht schon so widerlich aus – und ich möchte nicht wirklich wissen, wie er schmeckt, beziehungsweise nicht schmeckt. Der Patient scheint genesen genug zu sein, um mich auf den Arm zu nehmen, also zeige ich bei dieser Tasse Tee kein Erbarmen. Ich hingegen lasse mir, eine wohl göttlich duftende Tasse Kaffee schmecken. Die weckt nicht nur Max Neid, sondern auch seine Hungersensoren und er wünscht sich von mir ein halbes Schwein auf Toast, wohl wissend, dass er sich dieses Gericht aus seinem Gemüsesüppchen zusammendenken muss. “Wenn du lange genug auf dem Sellerie herumkaust, schmeckt der bestimmt bald nach Schwein.”, merke ich noch kurz an und mache mich sogleich auf den Weg nach unten, um mit Dune eine Runde um den Turm zu gehen. Der Sandburgenbauer packt sein heftigstes Strandplatt aus und schimpft hinter mir her. Da ich kein Tellerklirren höre, gehe ich davon aus, dass er die Suppe isst und sie mir nicht hinterher geworfen hat.

Eine halbe Stunde war ich nun mit Dune weg. Wir haben es tatsächlich mal geschafft, die andere Seite des Strandes zu begehen. Naja, richtig weit waren wir nicht, weil es wieder angefangen hat zu regnen, und bei Temperaturen nahe der Nullgrenze, macht ein Regenspaziergang nicht wirklich Freude. Die Aussicht darauf, diesen Weg aber mal bei trockenem oder freundlicherem Wetter zu begehen, macht Spaß. Eine irrsinnig lange Dünenkette zieht sich entlang dem Meer und die Dünen scheinen mit zunehmender Entfernung auch höher und wuchtiger zu werden. Trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse kann man kilometerweit schauen und ich schätze, dass wir für einen Spaziergang bis ans Ende der Sicht sicher einen ganzen Tag brauchen für Hin und Zurück. Das macht Vorfreude auf den Frühling. Kleine Düne ist dann auch längst soweit, dass sie uns begleiten kann, und dann werden wir losstapfen und ich bin so unglaublich gespannt, welche Überraschungen vielleicht dort auf uns warten. Aber noch ist Herbst und es ist eklig. Bald ist Winter und wenn es nicht schöner wird, wird es noch ekliger. Bis zum Frühling dauert es also noch ein Weilchen und bis dahin, pflege ich meinen Sandmeister gesund und genieße unseren Traum, hier im Turm, hier am Strand, hier bei dir.

Der Weg ist das Ziel

Du bist das Ziel.

Deine Wärme,

deine Offenheit,

der Schutz, den du bietest.

Der Weg ist das Ziel.

Du bist das Ziel.

Ein schönes Ziel.

Ein guter Weg.

Denn dieser Weg ist das Ziel!

Klingt ja schon wieder alles nach einem verdammt guten Plan, wie ich finde.

Ich komme noch gerade rechtzeitig, um Herrn Max davon abzuhalten, wieder Blödsinn zu machen. Er torkelt schon wieder vor der Koje rum und sieht aus wie Leiche. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht zuviel Wind mache, wenn ich auf ihn zustürze, denn dann kippt er mir gleich aus den Latschen. Ich wusste nicht, dass ein Mensch, mit dunkeler sonnengegerbter Haut, so bleich um die Nase werden kann. Zum Stehen zu schwach, aber zum Poltern gerade fit genug. Er pöbelt mich mächtig an, und als er merkt, dass das an mir abperlt, wie Regenwasser an einem Lotusblatt, fängt er das Säuseln an. Ob er nicht bitte, bitte, wenigstens auf die Couch oder in den Sessel umziehen dürfe. Er könne einfach nicht mehr liegen und wolle mal wieder ein bisschen entspannt sitzen. Natürlich rümpfe ich die Nase und runzele meine Stirn. Wenn ich gleich nachgebe, gewinnt der alte Herr Oberwasser und ich kann mir wieder Trietzereien gefallen lassen. Also tue ich so, als ob ich ganz scharf nachdenke und das Pro und Contra abwäge. Ganz so lange halte ich das aber nicht durch. Zu gut weiß ich, wie furchtbar so eine Bettgefangenschaft ist. Ich helfe ihm auf dem Weg zum Sessel, den er sich bei Bedarf auch zurückklappen kann, und er muss unterwegs feststellen, dass er ja doch ordentlichen Pudding in den Knien hat. Mit einem lauten Plumpf im Sessel angekommen, hellt sich das Gesicht von Max auf. Das erste Mal seit Tagen, sehe ich seine Augen wieder richtig strahlen und funkeln. Das tut so gut.

Ich koche uns eine Kanne Tee, nicht diesen fürchterlichen Kräuterkrams, sondern richtig leckeren Vanilletee. Dann setze ich mich vor seinen Sessel und lehne mich an Max an. Er macht die Beine breit, so dass ich mich richtig dazwischen kuscheln kann, gibt mir was von seiner Decke ab, beugt sich über mich, und gibt mir Kopf über einen Kuss auf die Stirn. “Hab ich mich eigentlich schon bedankt, Kleines?” Ich verneine und meine, dass das auch nicht Not tut. Das hätte jeder andere auch getan, Jacques hat sich darum gerissen, ihn pflegen zu dürfen und mir war es einfach vergönnt.

“Weißt du eigentlich, dass du mir zwischendurch richtig Angst machst?” frage ich Max einfach so, nicht ins Gesicht, weil ich ja mit dem Rücken zu ihm sitze, aber doch in einem Ton, dass er spüren kann, dass mir gerade nicht nach albern zu Mute ist. “Was ich? Wieso? Wann? Im Fieber? Als ich im Fieber lag? Hab ich randaliert oder so? Oder weil ich so brummig im Bett bin? Ich bin nun mal ein grober Klotz, das weißt du doch.”

Hektisch drehe ich mich um und vergesse dabei mein Kreuz, mein Armes. Shit, der Knacks hat bestimmt noch Folgen, aber was soll’s. Ich erkläre Max in aller Ruhe, dass er da wohl was mistverstanden hat, oder ich mich einfach blöd ausgedrückt habe. Er mache mir keine Angst als Mensch, als Person. Ich habe keine Angst, dass er mich schlagen könne und er sei auch nicht zu grob. Es ist doch einfach nur diese Ähnlichkeit. Diese Parallelen, die ich ständig ziehen kann.

“Weißt du, du hast so verdammt viel von ihm.” Als das nun raus ist, muss ich erstmal ne Runde heulen. Ich weiß nicht wieso, mir laufen die Tränen so die Wangen runter. “Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ihn in dir zu sehen. Ihn in dir zu spüren. Ihn in dir zu hören. Ich kann das nicht genau beschreiben. Ich versuche es seit Wochen zu definieren, an Begebenheiten fest zu machen. Es geht nicht, weil es etwas in dir ist, das soviel von ihm ist, dass es mich schaudert, schüttelt, zu Tränen rührt, anspringt und anspricht, freut, glücklich und sehnsüchtig macht. Es passieren Sachen, die ihm und mir vor Jahren auch passiert sind. Du sagst Worte, die er genauso, fast bis auf die I-Punkte genauso gesagt hat. Ich entwickele für dich Gefühle der Freundschaft und der Liebe, die ich seither nie wieder für irgendeinen Menschen empfunden habe, die ich absolut ihm zuschreibe. Verstehst du wie ich das meine? Es ist dieses Gefühl zu leben, wenn du bei mir bist. Und dieses Gefühl war solange verschütt.”

Wenn weißgraue Wolken sich am Himmel türmen,

wenn grauschwarz sich das Meer erhebt

wenn Weiß auf Schwarz die Wellen auf das Wasser treffen

Dann ist Sturm angesagt

Ich liebe diese weißgrauen Himmelwolkentürme

Ich verfalle der grauschwarzen Meerfaszination

Ich lausche den weis(s)en Klängen der Meereswellen

Das Leben ist mehr als Schwarz-Weiß-Grau

Aber immer dann, wenn ich hier oben steh’

Den Bewegungen versuche mit meinen Blicken zu folgen

Die Klänge versuche mit meinen Ohren zu orten

Die Gedanken versuche mit meinem Kopf zu sortieren

Dann fühle ich Leben

Schwarz – Weiß – Grau

Aber LEBEN


“Ich hab schon gemerkt, dass dich etwas manchmal arg stutzig macht.” Antwortet mir Max nach einer kurzen Zeit des Schweigens. “Aber ich denke, du wirst schon erzählen oder Fragen stellen, wenn du es willst. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bohren und damit vielleicht in Sphären eintauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. So ganz folgen kann ich dir aber auch wieder nicht. Ich bin über sechzig. Ich bin doch eine ganz andere Generation, ganz anderer Herkunft und mit einem ganz anderen Background als er. Wie geht das für dich überein, mit ihm und mit mir?”

“Es ist einfach so ein Gefühl. Das Gefühl, dass ihr Eins seid. Kennst du das, wenn du versuchst 1 und 1 zusammen zu zählen und bekommst idiotischer Weise immer 3 dabei heraus? So geht es mir bei euch beiden. Ich fühle, dass da was ist. Aber ich komme einfach nicht auf einen Nenner.”

Wer kennt das nicht, das Gefühl, aus seiner Haut fahren zu wollen. Und genauso geht es mir jetzt, nur dass ich diesen Wunsch scheinbar in die Tat umsetze. In mir geht etwas Unbeschreibliches vor und ich spüre, wie ich mich in zwei Teile aufteile. Der eine Teil sitzt Max zu Füßen und der andere Teil steht draußen am Meer, blickt den Turm hinauf und erzählt.

Ich erzähle, wie wir uns kennen gelernt haben. Damals, die beiden Jungs waren gerade damit fertig es mir richtig zu besorgen und haben mich einfach im Dreck liegen gelassen, kamst du des Weges und suchtest ein sicheres Plätzchen, um dich endgültig vom Leben zu trennen, die Welt raus zu schmeißen. Der Park war voller Leute, denn es war einer dieser schwülen Sommerabende, wo kein Mensch gerne zu Hause bleibt. Aber du warst der Einzige, der mich zur Kenntnis genommen hat, im Dreck, während Hunderte Menschen einen schönen Abend genossen. Wie wütend bin ich heute noch auf jeden einzelnen von ihnen. Viel wütender als auf die beiden Kerle.

Anders als ich es von Max gewohnt bin. Stellt er sogar eine Zwischenfrage und da er immer weißer um die Nase wird, frage ich mich, ob es gut ist, ihm schon jetzt von dir zu erzählen. Aber wenn ich die Kurve jetzt nicht bekomme, dann vielleicht nie. Und ich möchte doch auch Klarheit haben. Vielleicht schafft er es am Ende das Puzzle zusammen zu setzen?

So erzähle ich weiter, dass du mich damals mit zu dir genommen hast in die karge Wohnung am Suttner-Platz. Karg aber dein und mit allem, was man so braucht. Ich konnte bei dir gleich in die Wanne, was ich nicht hätte tun dürfen, wie wir später anklagend zu hören bekommen haben. Du hast keine Fragen gestellt, sondern einfach gehandelt. Du hast Tee gekocht, mir dein Bett frisch bezogen, mir die Hand gehalten, als ich zu Hause angerufen habe um rumzulügen, dass ich später komme oder wohl eher bei der Freundin schlafe. Du hast mich das erste Jahr nie angefasst, wenn ich nicht den ersten Schritt gemacht habe. Du hast auf der Erde geschlafen, und ich in deinem Bett. Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du ein elender Junky bist, der seine Schwester für einen guten Schuss verkaufen würde und dass du anschaffen gehst, um dir deine Welt bezahlen zu können. Du hast dir nie vor meinen Augen die Venen vollgeballert. Du hast mich nie verkauft. Du hast mich nie beklaut und du hast mich nie belogen, selbst dann nicht, wenn es dir super dreckig ging und du jedem anderen für ein paar Mark den Kopf eingeschlagen hättest. Du hast nie mehr einen Freier mitgebracht, weil ich wusste, wo du deinen Schlüssel deponiert hast. Deine zwei Zimmer waren mein zweites Zuhause – und es war mehr ein Zuhause, als das andere.

Max sieht sehr konzentriert aus. Er scheint jedes einzelne meiner Worte in sich aufzusaugen, vielleicht um später ein paar gezielte Fragen stellen zu können. Mich unterbrechen mag er jetzt sicher nicht. Weiter geht es in meinem Text. Ich habe mich „ein“geredet und bin im Fluss. Ich sehe Max an, dass er viele Fragen hat, aber nicht in den Fluss springen möchte, um die Wasseroberfläche zu brechen und damit noch mehr Unruhe ins Wasser zu bringen.

In meiner Familie ging es schon recht chaotisch her, in deiner noch viel mehr. Du hast nicht lange gebraucht, um mir von deiner überkandidelten Mutter zu erzählen, die erst den Vater aus dem Haus graulte und dann alles daran setzte, dass das schwarze Schaf der Familie, ihm schnell folgte. Du warst keine 16 Jahre alt, als sie dich vor die Tür setzte. Sie hat dir lieber eine eigene Wohnung bezahlt, als dich noch einen Tag lang länger zu Hause zu dulden. Deine Ruhe hat sie dir trotzdem nicht gelassen. Zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten tauchte Polizei in deiner Wohnung auf, die nach Drogen suchten. Du nanntest sie immer das verwöhnte Einzelmütterchen mit dem Hang im Mittelpunkt stehen zu wollen. Andere Mütter bedienen sich des Münchhausen-Syndroms und fügen ihren Kindern Verletzungen zu, die schlimm genug für einen Krankenhausaufenthalt sind, aber nicht zu schlimm, damit sich kein weiteres Amt einschaltet, so dieses Syndrom nicht festgestellt wird. Deine Mutter ist wohlhabend, hatte schon damals ausgesorgt und litt einfach unter Langeweile. „Ihre besondere Form der Erziehung“, hast du es immer genannt und gelacht. Dein Vater hat nie etwas davon erfahren und später dann warst du es müde nach ihm zu suchen. Du warst müde und du hattest Angst. Angst ihm als drogensüchtiger Versager unter die Augen zu treten. Ich habe dich nie als Versager betrachtet. Du warst noch nicht richtig kalt, da stand schon deine Mutter im Türrahmen und krallte sich alles, was sie noch irgendwie für verwertbar hielt. Sie ließ die komplette Wohnung räumen und sie nahm nicht nur deine persönlichen Sachen an sich, sondern auch meine, nein unsere Schatzkiste, in der wir unsere Briefe und Geschenke aufbewahrten, weil ich sie bei mir nicht lagern wollte. Was mir von dir blieb ist ein kleines altes Foto, das mehr und mehr vergilbt, ein Steiffelefant, dessen Knopf im Ohr noch strahlt, aber die Fahne daran nur noch gelb ist. Die Aufschrift ist nicht mehr zu lesen. Ich trage immer noch dein T-Shirt. Das grün Gestreifte. Ich habe Angst, dass es irgendwann mal auseinander fällt. Aber selbst dann, werde ich den Stoff hüten. Und mir blieb der Wollpullover, den ich mir an diesem Tag übergezogen habe, weil mich die Trauer und das Entsetzen so eiskalt erwischte. Alles andere hat sie beiseite geschafft. Ich bin so glücklich, dass sie mir meine Erinnerungen nicht nehmen konnte. Dass sie mir meine Gefühle nicht nehmen konnte. Dass sie materiell zwar alles vernichten konnte, aber emotional nicht den Hauch einer Chance hatte.

Max drückt mich ganz dicht an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Eine Träne fällt mir ins Gesicht und ich frage ihn, ob ich aufhören soll. Er bittet mich weiter zu erzählen. Er bittet mich inständig darum. Ich weiß nicht warum. Ich bin dankbar, dass ich erzählen darf.

“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“


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