„Ohne ihn und seinen Sohn hätte ich es nicht geschafft. Du hast einen prima Freund an deiner Seite, das ist dir hoffentlich klar, oder?“
Fast eine Woche ist es jetzt her, dass wir Max zu mir in den Turm brachten. Eigentlich wollte Jacques ihn mitnehmen, aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass er den langen Transport nicht verkraften würde. Und so verbrachten wir hier in meinem Leuchtturm Tage voller Sorge, Hoffnung und immer wieder aufflackernder Angst. Max lächelt mich an, mit diesem unverschämt charmanten Lächeln, das mir die Knie weich werden lässt. Er könnte mir in der Sahara einen Heizofen verkaufen mit diesem Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Augen sind noch müde und er ist auch noch nicht fit, aber er lebt und seine Atmung klingt halbwegs normal. Max lächelt, was für mich das wohl größte Geschenk ist. Nachdem ich ihm detailreich von seiner Rettung erzählt habe, inklusive Handyspionage, verdonnere ich ihn dazu noch mindestens drei Tage im Bett zu bleiben und sich meiner Pflege unter zu ordnen. „Du gehst hier erst wieder die Treppe runter, wenn ich dich gesund schreibe – nur damit das klar ist.“ Es erschreckt mich schon, dass er sich so gar nicht wehrt. Andererseits zeigt es mir, wie schwach er sich noch fühlen muss, wenn er mir nicht mal ein kleines Widerwort entgegen zu setzen hat.
„Du bleibst liegen. Verdammt, dieses Gift ist gerade mal auf dem Weg nach draußen, was willst du tun?“
„Kleines, ich kann nicht mehr liegen, ich möchte einfach nur ein paar Schritte an die frische Luft!“
„Ja sicher, und dann gleich ins Bonner Loch marschieren und dir den ersten Schuss danach organisieren oder was? Nichts da. Ich kann dir gerne das Fenster aufmachen. Wir können hier ums Bett bummeln, bis dir schwindelig wird, aber ich lasse dich nicht raus. Ich bin froh, dass die erste Runde vorbei ist, dass ich nicht mehr im Stundentakt deine Wäsche wechseln muss, weil du nichts bei dir behältst, weder oben noch unten.“
„Du kannst mich nicht einsperren!“
„Nein, das kann ich nicht. Das konnte ich die letzten dreimal nicht und mir wird es auch dieses Mal nicht gelingen. Aber ich kann mein Bestes tun. Ich kann alles daran setzen, dass du diesen Entzug jetzt endlich packst. Wir sind gerade erst am Anfang.“
„Das ist mein Ende! Willst du das? Du weißt was passiert, wenn ich nicht mehr kann. Du weißt was ich mache, wenn du stark genug bist?“
„Da siehst du’s. So lange du mich erpresst, mir weh tust, mich verletzt, nur um an einen beschissenen Schuss, an ein paar Gramm von diesem Kack zu kommen, bist du noch lange nicht fertig. Ich kann dich nicht anbinden. Du bist ein freier Mensch. Dann geh doch, da ist die Tür. Raus mit dir – Geh und setz dir deinen Schuss – Bronze, Silber, Golden mir doch egal.“
„Sag nicht so was Kleines, sag bitte nicht so was! Du weißt, dass ich dich liebe. Du weißt, dass ich dich brauche. Du weißt aber auch, dass ich den Stoff brauche.“
„Ich gebe erst auf, wenn du mir nichts mehr entgegnen kannst. Solange du mit mir kämpfst, solange du dich gegen mich auflehnst, solange weiß ich, dass du es tief in dir auch möchtest. Dass du an unsere Träume für danach glaubst. Natürlich kannst du gehen. Kein Prob. Aber dann hättest du mich damals auch einfach liegen lassen können und deine Plan gleich erledigen.“
„Das ist nicht fair.“
„Dieses beschissene Leben ist nicht fair mein Großer. Es ist nicht fair. Nein, das ist es nicht!“
Du hattest bis zum Schluss Widerworte. Und als du sie nicht mehr hattest, da ist es mir nicht aufgefallen. Ich habe es nicht gemerkt, dass da nichts mehr kam, um gegen mich zu kämpfen. Und als ich es merkte, war es zu spät. Es war zu spät – und du warst tot.
„Wie lange bin ich denn jetzt genau hier?“
„Eine Woche. Eine lange Woche großer Sandburgenbauer. Und ich hatte eine scheiß Angst um dich!“
„Der Pfahlbau!“
„Wenn du sonst keine Sorgen hast, um den hat sich Jacques gekümmert. Er ist dicht, er steht noch und es wurden auch keine Streben für ein Feuerchen missbraucht.“
Max muss lachen, und sein Lachen geht reibungsvoll über in einen fürchterlichen Husten, der schon beim Anhören in der Brust schmerzt. Den kriegen wir aber auch noch weg. Dank der vielen guten Hausmittelchen, die wir uns aus den verschiedensten Haushalten zusammen klamüsert haben. Und da Max bisher an keiner unserer Giftmischungen verschieden ist, besteht große Hoffnung, dass wir auch das noch schaffen.
„Ob ich wohl draußen ein paar Schritte an der frischen Luft tun darf, Oberschwester?“
„Nö, erstens ist es kalt und zweitens wüsste ich nicht, wie du die Treppe hinunter kommen willst.“
„Na auf meinen Füßen“, trotzt er und macht Anstalten sich zu erheben.
Als Max aufsteht merkt er sofort, dass sein Kreislauf nicht rund und in korrekten Bahnen verläuft. Er schwankt ein wenig hin und her, wie eine alte Trauerweide im Sturm, und setzt sich wieder auf die Koje.
„Das ist doch nicht fair!“, grummelt er in seinen Bart.
„Nein Max, das ist nicht fair. Das ganze Leben ist nicht fair.“
Dune versucht für das Leben in die Bresche zu springen und nimmt sich dem traurigen, kranken Mann an, den sie so sehr in ihr Hundeherz geschlossen hat. Und nach einer kurzen Zeit des gegenseitigen Beschmusens, gibt Max nach. Wortlos lässt er sich zurück ins Kissen fallen und schläft ein.
Ich nutze die allgemeine Ruhe aus, um ein wenig über die diversen Déjà-Vu der letzten Wochen nach zu denken. Kann es sein, dass sich jemand in Erinnerungen einschleicht, telepathisch oder so, und diese Erinnerungen dann für seine eigene Kommunikation nutzt? Es ist ja nicht nur, dass Max dir im Reden so ähnlich ist. Es sind auch so viele Situationen in den letzten Wochen gewesen, die mich haben stutzen lassen.
Eismeer
Aus ineinander verschachtelten Eisschollen
Eismeer
Unter auseinanderlaufenden Sonnenstrahlen
Eismeer
zärtlich auftauend
Es ist so wie damals. Nein, es ist anders, aber ähnlich. Aus einer eiskalten Situation heraus entsteht etwas, das wärmt und zärtlich ist. Aus einem Missbrauch und einem verschobenen Suizid entstand eine Freundschaft, wie ich sie nie wieder erfahren oder erlebt habe. Aus einem unterkühlten Kennenlernen am Strand, irgendwo zwischen hier und dem Nirgendwo entsteht etwas, das wärmt und zärtlich ist.
Ich sehe Parallelen. Aber wenn Parallelen aufeinander zulaufen, auf einen gemeinsamen Punkt zustreben, sind es keine Parallelen mehr. Sitze ich an diesem Punkt und warte darauf, dass die beiden Geraden sich treffen oder bin ich selbst einer dieser Geraden und warte auf den Augenblick, wo ich ausbrechen kann, um mich diesem Punkt zu nähern? Gibt es diesen Punkt überhaupt? Oder bilde ich mir dieses Konstrukt nur ein, weil ich es so sehen will? Ist meine Sehnsucht nach dir so groß, dass ich aus ihr heraus die Dinge so betrachte? Oder betrachte ich die Dinge und es entsteht dabei die Sehnsucht nach dem was entstehen könnte, wie es mal war?
“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.”
Seewege der Vergangenheit
Auf den Seewegen der Vergangenheit,
betrachte ich unser Sein aus weiter Ferne,
aus unglaublicher Distanz,
Jahre im Rückblick
Auf den Seewegen der Vergangenheit
bist mir so nah, als wärst du hier,
höre ich deine Stimme in meinem Kopf,
fühlt es sich an, als sei es gestern gewesen.
Die Seewege der Vergangenheit,
unergründlich
nicht immer zu verstehen,
aber sicher,
durch unser Leuchtfeuer.
Fee hat sich auf meinem Schoß eingerollt und quittiert meine Streicheleinheiten mit wohligem Schnurren. Eine andere Form des Schnurrens legt Max an den Tag, der immens laut schnarcht. Hoffentlich befindet er sich auf seiner Traumreise weit genug entfernt von seinem Pfahlbau. Sonst wird’s übel.
Warum kann nicht jemand vorbeikommen, der mir zeigt, wie ich 1 und 1 zusammenzähle, ohne dass immer und immer wieder 3 bei mir herauskommt? Aus dem Bullauge in das Nichts weitere große Löcher starrend, zermartere ich mir mein Gehirn, was wie ist, wohin gehört und wie genau zusammen passt. Ich surfe zwischen dem Hier und Jetzt hinüber zum Gestern und dem was war, ich vergleiche und ich begehre auf gegen diese Hilflosigkeit im Denken und Fühlen. Was ist es, was mich so verzweifeln lässt. Wenn dem doch wirklich so ist, dass mir Max so nah kommen kann, wieso ist es so schwer das einfach zu akzeptieren? Nein, auch dieser Gedankenansatz ist falsch. Ich akzeptiere schon, dass er mir so nah ist, ich verstehe nur nicht, wie es sein kann. Schon wieder drehe ich mich im Kreis. Ich kreise um mich selbst und um dich – oder bist es nicht du, sondern ist es Max? Seid ihr nun Eins oder was ist anders an ihm, trotz aller Verbindungen und Ähnlichkeiten? Du bist so etwas Besonderes für mich, ein solch intensiver Begleiter in meinem Leben, dass es keine Therapie der Welt geschafft hat, mich auf andere Bahnen zu setzen. Solch eine Form von Freundschaft, Liebe, oder wie man es auch immer nennen will ist so selten, das sagt sogar meine Therapeutin. Sie ist so selten, dass noch nicht einmal jeder Mensch behaupten könnte, einmal in seinem Leben eine solche Freundschaft, oder Liebe erfahren zu haben. Auf meine entsetzte Frage hin, ob ich nun dankbar sein sollte dafür, dass ich vergewaltigt wurde, antwortete sie damals: “Auf eine ganz spezielle Weise, vielleicht.” Heute weiß ich, dass sie Recht hatte. Denn aus diesem Unglück heraus, aus dieser Qual und den Schmerzen ist durch dein späteres Auftauchen etwas entstanden, was es sonst nur noch ganz selten auf der Welt gibt – und dieses Glück wurde mir zuteil.
“Denkst du an ihn?”
Ich drehe meinen Kopf und sehe, dass Mäxchen ganz gemütlich auf der Seite liegt, die Decke unter dem Kopf zusammengeknuffelt, und mich beobachtet.
“Hey, wie lang beobachtest du mich schon du Schlawiner? Und um deine Frage zu beantworten: Auch – ich denke auch an ihn. Und ich denke an dich. Und an uns. Und an hier.”
“Er muss ein einmaliger Mensch gewesen sein, wenn du ihm heute noch so viele Gedanken und Liebe schenkst, ihm so viel deiner Zeit widmest. Beneidenswert, wirklich beneidenswert.”
“Bis vor einiger Zeit hätte ich dir die Einmaligkeit sofort unterschrieben. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr ganz sicher.”
“Ist was passiert? Hast du was von ihm erfahren, was sein Licht flackern lässt?”
“Nein, beim Poseidon, nein, das nicht. Ich weiß nicht, wie ich dir das jetzt beschreiben soll. Und außerdem hab ich Angst, dass es dir zu viel wird, wenn ich jetzt zu erzählen beginne.”
“Wir können ja ein Frage-Antwort-Spiel daraus machen. Wenn du magst. Und mach dir um mich mal keine Sorgen, Kleines, ich melde mich schon, wenn ich nicht mehr kann, oder schlafe einfach wieder ein.”
Aufmunternd zwinkert mir mein Patient zu und mein Kopf ist schon wieder ganz wo anders, aber gar nicht so weit weg:
“Es ist doch kein Problem, wenn du nicht darüber reden willst. Du musst ja auch nicht. Ich hab doch nur gefragt, Kleines, weil du so nachdenklich und so traurig ausschaust.”
“Kannst du mich nicht fragen?”
“Wie jetzt, fragen?”
“Na, kannst du mir nicht Fragen stellen über das, was du wissen möchtest. Ich will ja reden, aber…”
“Ah, jetzt versteh ich dich Sysse. Du meinst wie ein Frage-und-Antwort-Spiel. Der heiße Stuhl – nenn mich Ulrich Meyer.”
“Alles besser als frei erzählen, Herr Wal… ähm Meyer.”
“Meine erste Frage wäre: Hast du mittlerweile mal mit deinen Eltern darüber gesprochen?”
“Nein, hab ich nicht. Es hat sich noch nicht ergeben.”
“Was muss sich denn da ergeben? Mensch, findest du nicht, dass sie ein Recht darauf haben, davon zu erfahren?”
“Vielleicht. Aber sie haben so viele andere Sorgen – mein Bruder, die Scheidung, ich bin die Letzte, die da jetzt noch einen oben drauf setzen möchte.”
“Willst du mir weiß machen Kleines, dass du das jetzt schon seit Wochen mit dir rumträgst und zu Hause die heile Welt spielst, während du hier regelmäßig die Wände hochgehst?”
“Ach, ist es dir zu viel? Ich kann’s auch lassen.”
“Jetzt ist gut. Du weißt genau wie ich das meine. Mal abgesehen von deinen Ellis, tust du dir am meisten damit weh. Wie soll dich denn jemand verstehen, wenn du nicht redest?”
“Was gibt es denn da zu verstehen? Zwei Typen hatten Bock – ich nicht. Die Schmerzen und die Erinnerungen kann mir eh keiner nehmen, auch meine Eltern nicht, selbst wenn sie es wüssten. Das kann man noch nicht einmal teilen. Mir fällt nämlich absolut niemand auf der Welt ein, dem ich von dieser Erfahrung gerne ein Stück abgeben würde. Und ich weiß, dass es jetzt einfach zuviel wäre für sie. Ich komm damit schon klar. Irgendwie – irgendwann. Erzählst du deiner Mutter, wenn du anschaffen gehst für den nächsten Schuss? Erzählst du deinem Dad, wie sehr du darunter leidest bei der alten Schrapnell aufgewachsen zu sein und wie es um dich steht, weil diese Frau dein Leben so verkorkst hat und er einfach in der Versenkung verschwand?”
“Ulrike Meyer – du drehst den Spieß um.”
“Und du nimmst mich nicht Ernst.”
“Doch das tue ich – und du ahnst gar nicht wie sehr. Ich wünsche mir für dich eben nur mehr Leben.”
“Ich lebe – ich bin nicht tot – und ich bin auch nicht auf dem Weg dahin, wie wer anders hier im Raum. So what? Ich komme schon klar. Ich höre auf mein Herz. Ich folge meinem Bauchgefühl und dann wird alles gut werden. Das hat mir zumindest mal ein sehr, sehr lieber Mensch in Aussicht gestellt.”
“Es tut mir leid Kleines, ich hätte davon nicht anfangen sollen.”
“Nein, Großer, es war richtig so. Aber es gibt eben Dinge, da hab selbst ich nichts zu sagen. Nicht mehr. Nicht mehr, als du schon weißt und jeden Tag aufs Neue mitbekommst.”
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