Es ist noch nicht Tag,

27 10 2009

Es ist noch nicht Tag, und wenn dieser Nochnichttag in seiner Folge so fad schmeckt wie mein erster Kaffee, dann erfinde ich den achten Tag der Woche – den Nochnichttag. Wäre Dune nicht so furchtbar unruhig, hätte ich sicher noch das eine oder andere Stündchen schlafen können, zumindest so lange, bis es einigermaßen hell ist draußen. Doch der Nebel, der vor dem Bullauge seine Wellen schlägt, verspricht einen ähnlichen Tag wie gestern. Dune ist einfach nicht zu beruhigen. Unruhig läuft sie durch die Stube, steht immer wieder an der Treppe und junkert und ab und an läuft sie auch hinunter und kratzt an der Tür. Die habe ich ihr schon mindestens dreimal geöffnet, aber sie will nicht raus, weil sie muss, da muss was anderes hinter stecken. Sie muss jetzt erst einmal damit zurecht kommen, dass ich noch nicht so weit bin. Ich brauche etwas länger um in die Puschen zu kommen. Zwar beeile ich mich, doch bin ich für meine Hündin nicht schnell genug. Sie wird nicht nur immer hektischer, sondern auch immer lauter in ihren Äußerungen und ich bekomme fast Aggressionen ob dieser Hetze. Sie weiß doch, dass ich nicht zu den Stehauffrauchen gehöre, die von der Matratze in den Tag hüpfen und mit diesem Speed durch das Leben sausen. „Boah Dune. Es ist gut jetzt!!! AUS!!! Ich mach doch schon. Schneller geht’s halt nicht!“ Wie vom Donner gerührt verharrt mein Haustier für einen Augenblick in ihrer Haltung, schaut mich irritiert mit ihren bildhübschen Augen an und beginnt von Vorne.

Genau achtundzwanzig Minuten des Terrors habe ich nun hinter mich gebracht und ich bin heilfroh, als wir endlich den Turm verlassen können. Im Brusttaxi trage ich Fee und Kleine Düne spazieren, während Dune voraus prescht, laut bellend, fast aggressiv und nach ein paar Sprüngen immer wieder zu mir zurückkehrt, um mich mit gleichem Wortlaut anzutreiben. Vielleicht sind die Delfine wieder da und sie versucht mir das irgendwie mitzuteilen. Aber das geht doch auch weniger panisch und ruhiger?! Ohne es selbst gleich zu bemerken, stapfe ich einen Schritt schneller durch den schweren Sand. Und das erste Mal höre ich mich, wie ich über die Wetterumstände wirklich nöle. Zum Barfußlaufen ist es viel zu kalt, das gäbe Frostbeulen an den Füßen. Und für ein lockeres Walking in Gummistiefeln bin weder ich geschaffen, noch ist der Sand dazu wirklich geeignet. Doch die Unruhe meiner Hündin überträgt sich auf mich und leise schleicht in mir der Verdacht auf, dass irgendwas mit Max vielleicht nicht stimmen könnte. Hunde haben doch so einen siebten Sinn. Ich rufe mir seine eigenartige SMS in den Kopf und in meinem Herzen zieht sich alles zusammen. Ja sicher! Natürlich! Das ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Wenn Dune Max schon hören kann, bevor ich ihn höre, dann fühlt sie vielleicht auch, dass es ihm schlecht geht. Darum ist sie so nervös und so zickig.

Neben den schweren Schritten macht mir die mangelnde Sicht arg zu schaffen. Ich kann kaum einen Meter weit nach vorne schauen, und wenn Dune losläuft, ist sie bald aus meiner sehenden Wahrnehmung verschwunden und ich höre nur noch kläffenden Nebel. Doch das alles darf mich jetzt nicht aufhalten oder verlangsamen. Ich hoffe, dass von der Brühe nachher noch etwas in dem Topf ist und sich nicht alles in meinen Rucksack ergossen hat. Viel mehr hoffe ich aber, dass Max sie überhaupt noch genießen kann. Horrorszenarien spielen sich vor meinem geistigen Auge ab. Vielleicht ist er beim Dachflicken gestürzt und hat sich was gebrochen? Ganz langsam und schleichend macht sich in mir dieses Gefühl breit, das ich das letzte Mal vor gar nicht all zu langer Zeit hatte – als Dune verschwunden war. Diese Sorge, gepaart mit Angst. Diese Hilflosigkeit im Kontrast zu dieser Panik. Klare Gedanken sind nicht mehr möglich und mit jedem Schritt werden meine Selbstgespräche lauter. Alles wird gut. Es ist nichts Schlimmes. Vielleicht hat er nur seine Tage. Alles wird gut. Gleich bist du da und du kannst ihn umarmen. Er hat dir gesmst also lebt er. Nur Lebende können ein Handy bedienen. Und wenn er mit seinen großen Händen noch die kleinen Tasten drücken kann, dann kann es so schlimm nicht sein. Aber das war gestern. Vielleicht geht es ihm heute schon viel schlechter. Warum sonst sollte Dune so ausflippen? Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.

Autsch! Verdammt was ist das jetzt? Ich war so mit meiner Gebetsmühle zu Max Zustand beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich schon längst angekommen bin. Also bin ich direkt in die Stiege gelaufen und habe mich fast der Länge nach drauf gelegt. Gott sei Dank konnte ich mich noch abfangen, sonst hätte es Kieferbruch bei mir und mindestens böse Quetschungen im Brusttaxi gegeben. Zwar kann ich mich über eine mangelnde Oberweite nicht beschweren, im Gegenteil, aber ob die Milchtüten als Airbags wirklich was taugen, möchte ich bezweifeln.

Dune läuft um den Pfahlbau herum und bellt sich schlapp. Ich rufe sie herbei und versuche sie irgendwie zu beruhigen. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihr klar machen soll, dass ich sie nicht die Holzsprossen hinauf gewuchtet bekomme und darum erstmal alleine vorgehe. Natürlich versteht sie mich nicht und so steigert sich ihr Gekläffe auch noch einmal mächtig, als ich die ersten Stufen nach oben klettere. Doch dann, als hätte jemand bei ihr den Ausknopf gefunden, den ich mir dann unbedingt noch zeigen lassen muss, setzt sie sich vor die Leiter und schweigt. Naja, sie schweigt nicht wirklich. Das Gejunker ist aber schon um ein Vielfaches angenehmer als ihr Gebrüll.

Erst ganz leise und dann etwas heftiger klopfe ich an der schweren Holztür, an der eigens für diesen Zweck ein Schlagring im Maul eines Gargoyles befestigt ist. Diese Tür erinnert mich immer an den Film „Das Labyrinth“ mit David Bowie – wo dieses Mädchen die Frage nach Wahrheit und Lüge beantworten muss. Aus dem Inneren des Turms ist nichts zu vernehmen und ich drehe vorsichtig den dicken Türknauf, natürlich erstmal nach links, woraufhin sich so gar nichts öffnen lässt. Eine neuerliche Drehung in die richtige Richtung lässt die Türe aufspringen und ich öffne sie einen Spalt, gerade so weit, dass ich mein Haupt hindurch strecken kann. Es ist ziemlich dunkel, da Max rundum die Gardinchen zu gezogen hat. Nachdem sich meine Augen an die halbe Dunkelheit gewöhnt haben, entdecke ich das Bett und Max darin. Keine Bewegung, kein Anzeichen dafür, dass er mein Kommen registriert hat.

„Max? Max? Bist du wach?“

Eine der wohl dämlichsten Fragen, die man jemandem stellen kann, der gerade im Bett liegt. Hat er nämlich geschlafen, dann hat er geschlafen und ist oder wird spätestens jetzt wach. Ich kann über mich selbst mal wieder nur den Kopf schütteln und traue ich mich in die Stube hinein. In kleinen Schritten gehe ich auf das Bett zu und je näher ich komme, um so lauter wird dieses röchelnde und rasselnde Geräusch, das ich nur zu gut kenne. Scheiße. Verdammte Scheiße noch mal. Du dämlicher Idiot. Warum machst du einen auf cool mit deiner SMS, anstatt zu schreiben was los ist? Als ich bei Max ankomme, spüre ich, ohne ihn anzufassen, die Hitze, die von ihm aufsteigt. Die Atemgeräusche dazu genommen, gehe ich von einer deftigen Lungenentzündung aus. Der Ofen ist aus und es ist nicht wirklich wärmer hier drin als draußen. Als erstes muss das Fieber runter, von dem ich gar nicht wirklich wissen will, wie hoch es ist. Und wenn es dann temperaturtechnisch in den Keller geht, muss ich ihn zu mir in den Turm schaffen. Notfalls mit Gewalt. Er wird mich hassen, weil ich seinen R4 entweihe, in dem ich führerscheinloses Wesen ihn damit zum Leuchtturm bringe. Aber damit kann ich besser umgehen, als ihn für alle Zeit an die Meergötter zu verlieren.

Als hätte ich nie etwas anderes getan, schmeiße ich den Ofen an und setze Wasser auf. Wenigstens gut eingekauft hat er vorher. Ich versuche nicht daran zu denken, was eine Lungenentzündung mit einem alten Mann alles anstellen kann. Ich funktioniere. Stube heizen, Wasser kochen, Wadenwickel machen, ihm einen frischen Pyjama anziehen und die Zudecke austauschen. Weiß der Geier warum er alles in mehrfacher Ausführung hier hat, wo das doch nur sein Zweitwohnsitz hat, aber es ist gut so wie es ist, so habe ich eigentlich perfekte Voraussetzungen, ihm zu helfen. Die durchgeschwitzten Sachen koche ich kurz aus und hänge sie dann zum Trocknen über den Ofen. Ebenso verfahre ich mit der Decke – allerdings ohne sie vorher zu waschen. Dafür hätte ich dann doch gerne meine gute Bosch, nebst Herrn Trockner.

Dass ich Fee und Kleine Düne noch immer an der Brust mit mir herumschleppe merke ich erst, als mich Fee mit ihren Krallen bearbeitet. Oh Mann, denen muss ja vollends übel geworden sein. Aus Küchenhandtüchern und trockenen Aufnehmern, die ich in diesem gut sortierten Pfahlbau finde, baue ich den beiden ein kuscheliges Nest nahe dem Ofen in einem Einkaufskorb. So können sie, beziehungsweise so kann Fee auch nicht heraus, ohne dass ich es hören würde. Die wohlige Wärme des Ofens scheint sie auch gleich einzulullen und beide schlafen sofort ein.

Viele erste Handgriffe sind getan und ich muss mir eingestehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Hier in dem Pfahlbau klappt das alles nicht. Entweder brauche ich Hilfe, noch zwei bis fünf weitere Hände oder Max muss in den Turm, wo ich, als knochenkrankes und leicht hypochondrisches Wesen auf alle Eventualitäten eingerichtet bin. Wer braucht schon Ärzte und Krankenhäuser. Davon hatte ich in der Vergangenheit wahrlich genug. Notsituationen erfordern besondere Maßnahmen. Das hier ist eine Notsituation und ich hoffe Max wird mir das irgendwie verzeihen können. Ich durchsuche seine Klamotten nach dem Handy. Weit kann es nicht sein, hat er mir doch gestern noch diese Kurzmitteilung geschickt.

Ohne Probleme könnte ich dem Sandburgenbauer jetzt einen Zugang legen, aber bei der Suche nach seinem Telefon werde ich super nervös. Normal ist das nicht. Aber ich hasse so etwas. Meine ausgeprägte Neugier hin oder her, ich mag nicht in fremden Sachen herumwühlen. Das konnte ich noch nie und nur weil dies eine Notsituation ist, wird das Gefühl einen Vertrauensbruch zu begehen nicht schwächer. Doch es muss sein. Ah unterm Bett. Ich sehe wie etwas unter dem Bett aufblinkt und greife mir das Gerät. Max hat acht Anrufe in Abwesenheit. Na, der ist ja noch ignoranter als ich. Eine neue SMS ist auch gerade gekommen. Aber das alles interessiert mich jetzt nicht. Im digitalen Telefonbuch suche ich nach irgendwas, das wie Jacques klingt und werde fündig. Jacques muss mir irgendwie zur Hilfe eilen. Ich weiß noch nicht, wie diese Hilfe aussehen kann, aber sie muss her. Jacques muss her. Der beste Freund, der weise, greise Mann, der Dune gerettet hat. Ein alter Viehdoktor, der alles dafür geben wird, seinem Freund zu helfen.

Hektisch wähle ich den Eintrag aus und versuche die Verbindung herzustellen. Gott sei Dank, es klingelt. Eigentlich ist es Schwachsinn. Jacques kann vor heute Abend nicht hier sein. Aber vielleicht hat er ja eine gute Idee. Nach dem fünften Klingeln hebt ein Mädchen auf der anderen Seite ab und meldet sich ordentlich und mit vollständigem Namen, den ich gar nicht verstehe. Ich weine, ich brülle, ich rede wirr daher und es dauert eine ganze Weile, bis mich eine der Enkelinnen, die ich wohl an der Strippe habe, darüber aufklären kann, dass ihr Papa und ihr Opa schon seit ganz früh unterwegs sind um Max zu besuchen. Danach kommt noch Jacques Frau ans Telefon, die mich dann wirklich wieder runter holt von meiner Sorgenpalme. Es könne nicht mehr lange dauern, sie seien schon vor Stunden los gefahren und müssten bald eintreffen. Jacques hat seit vorgestern versucht seinen Freund zu erreichen und gar keine Reaktion erfahren, woraufhin er sich voller Sorge seinen Sohn schnappte und auf den Weg machte. Ganz kurz fährt mir die Frage durch den Kopf, wieso sich Max bei mir antwortend meldet aber nicht bei seinem Uraltfreund reagiert. Doch ich denke diesen Gedanken nicht zu Ende.

In dem Moment, wo ich mich von Jacques Frau verabschiede, betreten zwei Männer den Raum. Einer der beiden trägt meinen Hund im Arm, der ungeduldig rumzappelt und endlich wieder festen Boden unter den Pfoten wünscht. Im Gegenlicht erkenne ich Jacques und ich falle dem alten Mann in die Arme und beginne einfach nur hemmungslos zu weinen. Danke. Danke wem auch immer. Danke, danke, danke.

Jetzt wird alles wieder gut.

Mit der tränenreichen Umarmung trete ich alles an Jacques ab. Ich übergebe ihm meine Angst, meine Sorgen, meine Hilflosigkeit, meine Liebe zu Max, meine Erinnerungen. Mit seiner festen und starken Umarmung nimmt mir Jacques alles ab. Er nimmt mir die Last, die Sorge, die Hilflosigkeit, die Angst und meine Erinnerungen, nur die Liebe zu Max, die teilt er mit mir.


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Eine Antwort

28 10 2009
tina

Oh wie tragische Geschichte die die Liebe schreibt… ;(

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