“Vertrau dir! Hör auf dein Herz!…”

31 07 2009

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”

Immer und immer wieder wiederhole ich diese Worte, fast wie ein niemals enden wollendes Gebet. Dabei schlage ich vorsichtig mit dem Hinterkopf gegen die dicke Mauer und meine Füße und Hände graben sich mit jedem Wort ganz tief in den feinen, von der Morgensonne angewärmten Sand.

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Vorsichtig überstrecke ich meinen Kopf. Ich blinzele die roten und weißen Klinker entlang, den Turm empor, in den Himmel, der sich strahlend blau und nur mit ein paar zarten Flusenwolken verziert über das Land spannt.

„Alles wieder gut – Ha! Es kann nicht alles wieder gut werden“, flüstere ich in Richtung Turmspitze, „wie soll denn alles gut sein oder werden, ohne dich? Du hast dich einfach fortgeschlichen, klammheimlich, ohne ein Wort. Und ich? Ich sitze hier, spreche mit Mauersteinen und diesem Turm und soll obendrein noch mit meinen einzelnen Köperteilen kommunizieren? Du bist echt witzig!“

Es ist kaum zu glauben. Haben wir nicht Ende Oktober? Wenn meine Erinnerung mich nicht ganz im Stich lässt, sollte es eigentlich nicht nur bunt, sondern auch schon wesentlich kälter sein. 20 Grad, und das hier an der See. Das durch Kondensstreifen und Flusenwolken durchbrochene Blau des Himmels, deutet eher auf einen wundervollen Sommertag hin.

Ein kleiner unförmiger schwarzer Käfer kämpft sich mit hektisch rudernden Bewegungen unter meiner dicken Zehe hervor. Für den armen Kerl muss sich meine Fußgymnastik im Sand anfühlen wie ein Erdbeben der Stärke 10 auf der Käferbeben-Skala. Während cirka hundertdreißig Sandkörner weiter, in sicherer Entfernung, ein weiterer Käfer scheinbar auf den Strampler wartet, versuche ich meine Zehen still zu halten, um es dem armen Kerl nicht noch schwerer zu machen als er es sowieso schon hat. Ob Käfer Nummer 2 wohl die Lebensabschnittsgefährtin ist? Woran erkennt man bei Käfern welches Geschlecht sie haben? Was denke ich mir eigentlich für ein Zeug zusammen? Wahrscheinlich erinnert mich der kleine Kerl im Augenblick viel zu sehr an mein eigenes Gestrampel und Gekämpfe, womit ich auch schon wieder beim Thema wäre. Wie waren doch noch gleich deine esoterisch anmutenden Wortfolgen?

“Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl! Und dann, dann wird alles gut.”

Fehlt nur noch der Yogaknoten in den Beinen und ein brummiges, wohlfühliges Ommm am Ende. Es ärgert mich so sehr. Ich weiß du hast Recht. Ich weiß es, weil du ja immer Recht hattest. Aber jetzt und hier scheint halt alles ein bisschen aussichtslos und dann beamst du dich in meine Gehirnwindungen und ich zermartere mir mit deiner beschwörenden Formel den Kopf. Nicht zu fassen, dass du nach wie vor diese Magie verbreiten kannst, mich so in deinem Bann hältst und mich dermaßen fesseln kannst. Es sind nur Worte, es sind deine Worte, und damit machen sie auch einen Sinn für mich. Denn Niemand sonst kennt mich so wie du. Niemand sonst hat ohne mit der Wimper zu zucken so in mich hineingeschaut, mit seinen Blicken mein Innerstes nach Außen gekehrt. Bei niemandem sonst ist Gesagtes und Gefühltes so sicher und geborgen. Niemand anders ist so verschwiegen und vertrauenswürdig. Nach fast einem halben Jahrhundert Leben bist du der einzige Mensch, der sich Gesagtes, Gefühltes und Gezeigtes nie zu eigen gemacht hat. Du gehörst nicht zu den Jägern die ein scheues Reh freundlich anschauen um ihm dann mit eiskaltem Blick den Fangschuss zu setzen. Du hast nie ein Wort vergessen. Dir ist nie ein Gefühl entgangen. Und nichts von alledem, was gesagt oder gefühlt wurde, hättest du je als Waffe eingesetzt. Dennoch pieken mich deine Worte manchmal wie die feinen kleinen Nadelstiche eines Eiswindes.

Dune hat die letzte viertel Stunde  damit zugebracht dem kleinen Käfer zu zuschauen, wie er um sein Leben kämpfte und dabei hat sie gar nicht gemerkt, wie sie ihren Kampf verlor, den Kampf gegen die Müdigkeit. Sie seufzt mehrmals laut auf, dreht sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich und macht den Eindruck als träumt sie gerade von einem Monsterknochen. Vielleicht auch von Möwen. Ich hingegen werde mich jetzt langsam aber sicher mal für den Tag fertig machen. Auch wenn ich noch Stunden hier sitzen könnte, es gibt noch so viel zu tun. Es ist Oktober und wir haben sagenhafte 20 Grad. Aber irgendwann kommt doch der Winter und dafür muss noch so manches erledigt werden, hier am Leuchtturm

lt_grey Meine kleine Insel Heimat

Nur für Mich

Ein großer Turm bietet Schutz

Ein großes Meer schirmt ab

Einsam?
Nein!

Ich habe den Turm.

Ich habe das Meer

Ich habe mich!

Vielleicht sollte ich mir eine Liste machen, was noch alles zu tun ist.

  1. Weihnachten abschaffen
  2. Läden meiden, die Weihnachtsmusik spielen
  3. Geschäfte boykottieren, die seit Ende August schon Spekulatius verkaufen

Ohje, das wäre so, als würde ich mir den Leuchtturm selbstständig unter dem Hintern wegsprengen. Ich muss das anders anpacken.

Was bin ich froh, dass ich heute lebe und nicht mehr im Vorgestern. Seit 1950 funktionieren Leuchttürme automatisch. Leuchtturmwärter und –wärterinnen werden seit dieser Zeit nicht mehr gebraucht und wenn nicht gerade jemand wie ich, aus nostalgischen oder romantischen Beweggründen, sein Leben in einem solchen Turm oder seinem Anbau verbringt, werden Leuchttürme nur noch von Wartungsdiensten oder Touristen besucht. Der letzte deutsche Leuchtturmwärter ging 1998 in Hiddensee vom Turm. Die 52 Leuchttürme in der Nord- und Ostsee und in der Deutschen Bucht werden von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes betrieben. Die Köpfe der Türme werden elektronisch gesteuert und regelmäßig gewartet. Sensoren messen meteorologische Daten und den Wasserstand, Zeitschaltuhren kümmern sich um Licht, wenn es zu dämmern beginnt. Wenn die große Leuchte nicht mehr funktioniert, wird in den Verkehrszentralen, die den Schiffsverkehr überwachen, Alarm ausgelöst. Ein sogenannter Videograph, der ähnlich wie ein Radargerät funktioniert, wertet die Feuchtigkeitswerte in der Luft aus und schaltet automatisch das Nebelhorn an, wenn es nötig ist. Geistertürme? Seelenlose technisierte Mauertürme im Meer? Nein, so kann man das nicht sehen, und ich sehe das sowieso schon mal ganz anders. Jeder einzelne Leuchtturm hat nach wie vor eine große Bedeutung und wird bei aller Technik nie überflüssig sein. Das Licht eines Turms hat seit jeher dem Menschen geholfen, sich auf den Wasserstraßen zurecht zu finden und dafür wird er auch in Zukunft noch gebraucht.

Und du Turm bist sowieso eine ganz besondere Marke. Du bist meine kleine Insel Heimat und ich habe noch nicht eine Sekunde hier bereut. Aber ich schweife schon wieder vom Thema ab. Langsam muss ich mir wirklich Gedanken machen. Gedanken über das Morgen und über Übermorgen.

Da sind sie wieder, die vielen Buchstaben, welche Worte ergeben und Sinn machen sollen. Deine Worte.

Vertrau dir! Hör auf dein Herz! Geh nach deinem Bauchgefühl!”


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8 Antworten

1 08 2009
Anna-Lena

Spannender Einstieg, bin gespannt auf mehr :-) .
Liebe Grüße
Anna-Lena

31 07 2009
SternenStaub

[...] im Büro Meine Sonne versüßt mir den Arbeitstag mit Mails zwischendurch Der erste Teil meiner LeuchtSturmGeschichte scheint zu gefallen, das FeedBack ist so unglaublich lieb und positiv Die Kunden sind wohlgelaunt, [...]

31 07 2009
Romane online « April Showers

[...] Der eine ist fast zu Ende, der andere fängt gerade erst an, zwei Roman, online, in Fortsetzungen, beide mit Herzblut [...]

31 07 2009
Donna

Hi, Bigi!

Habe dich jetzt mal verlinkt in meinem Literaturtipp!

LG – Donna

31 07 2009
Wolfgang aus Greifswald

Hab auch schonmal geguckt, werde auch weiterlesen, nicht immer – aber immer öfter ;-)
Den Leuchtturmwärter von Hiddensee – ich hab ihn vom Turm gehen sehen, wenn auch nur auf dem Bildschirm meines Fernsehschnittplatzes. Das war bestimmt eine der schwersten Stunden seines Lebens, als er das letzte Mal die Haustür abschloß. Und ich wünschte, die Leuchttürme würden noch ewig ihr Licht über die Meere senden, wenn sie auch unbemannt betrieben werden. Sind sie doch Landmarken und Wahrzeichen meiner Region. Die Schiffahrtsämter überlegen aber schon rechzt laut, die Lichtfinger über der See außer Dienst zu stellen, da die Schiffahrt sich fast ausschließlich auf GPS- Navigation verläßt. Noch sind sie aber an und ihr langer Lichtstrahl möge noch lange in Nacht und Wind, für Dorsch und Stint, für jedes Boot dasein.
GLGr aus der alten Hansestadt am Meer vom Wolfgang.

31 07 2009
april

Sehr gut geschrieben, noch sehr rätselhaft. Ich bin gespannt, wie’s weiter geht …

31 07 2009
Donna

Vertau dir! Dein Herz hat gar keinen Grund zum Bibbern!

Deine Geschichte fängt vielverspechend an – ich werde dabei bleiben!
Klasse geschrieben. Macht neugierig!
Und morgen gibt es mehr/Meer…

LG – Donna

31 07 2009
Es geht los

[...] ersten Absätze “StrandGeflüster im LeuchtSturm ” sind online. Posted in LeuchtSturm | Tags: online, Strandgeflüster im Leuchtsturm [...]

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