Noch ein weiterer Beitrag und Beschimpfung dieses Blogs als NaziBlog oder meiner Person als Nazi, dann gibt es eine Anzeige. Wer lesen kann ist klar imVorteil. Wenn du zu blöd bist eine Geschichte zu lesen und zu verstehen, dann besuch eine Schule und lass es dir beibringen. Bildung hat noch niemandem geschadet!
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9 11 2009Jahre und ein Tag – fast mein halbes Leben bist du nun schon fort. Und gestern kam es mir nach langer Zeit mal wieder vor wie Gestern, dass ich dich ziehen lassen musste.
Du fehlst!
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Kategorien : Allgemeines
Max
5 11 2009Max wickelt mich wieder fest in die Decke ein. „Ich würde dir gerne ein paar seiner Briefe zeigen, wenn ich darf.“
Von den Zeh- bis zu den Haarspitzen krabbelt Gänsehaut an mir hoch. Ein kühler Schauer streift mit ausgehend vom Nacken herab über den Rücken bis in die Poritze und ich muss erst einmal ganz tief Luft holen. Puh, was für ein Angebot.
„Wenn du ganz sicher bist, dass du das möchtest. Sehr gerne.“
Der alte Mann hebt sich schwer von der Bank auf und geht mit unsicheren Schritten in den Pfahlbau. Als er wieder kommt, hat er einen vergilbten Bogen Papier in der Hand, der so aussieht, als könne er jeden Moment in feinsten Staub zerfallen.
„Möchtest du selber lesen, oder soll ich vorlesen?“
„Lies vor, wenn’s geht.“
Beinahe flüsternd und mit stockender Stimme liest Max, was dort auf dem Bogen steht.
259.000 Sekunden
mehr als
259.000 Sekunden ist es nun her
259.000 Sekunden ohne dich
259.000 Sekunden bepackt mit leben, leiden, lieben
259.000 Sekunden durchtränkt von Schmerz, Sehnsucht, Suche
259.000 endlos, ewig scheinende Einheiten voller Einsamkeit
Es schmerzt
Es schmerzt das Leben, das Leiden, die Liebe,
die Sehnsucht, das Suchen, die endlose Ewigkeit,
Jede Einheit
Einsamkeit
Du fehlst – fürchterlich
Mir bleibt fast das Herz stehen, so schön klingt das. Mir versagt fast das Atmen, so wundervoll ist das und in meinem Kopf spielen sich tausende kleiner Szenen ab, die ich erlebt habe, zeigen sich Zeilen, die ich einst gelesen habe. Ich fühle eine Liebe, wie ich sie erst einmal gefühlt habe und in meinem Kopfkino läuft ein Film, den ich nicht verstehen kann. Es klingt so vertraut und doch so entfernt. Michael muss seine Freundin sehr vermisst haben. Und Max liest weiter.
„Drei Tage habe ich dich nun schon nicht mehr gesehen Kleines. Ich weiß, dass es nicht anders geht und ich weiß, dass ich als der Mensch, der ich bin, bei dir nicht sein darf, wenn du zu Hause bist. Drei Tage und ein Telefonat. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Mensch so fehlen könnte. So bastele ich dir eine Flaschenpost, werfe sie von unserem Traumturm und hoffe, dass sie dich erreicht. Bald. Wenn du sie erhältst öffne sie ganz vorsichtig, damit meine Liebe und meine Sehnsucht nicht auf einmal herausströmt. Sauge sie tief in dir auf, und du spürst, dass ich dich nicht alleine lasse. Nicht heute, nicht dort wo du jetzt bist. Ich bin bei dir. Ich halte dich fest in meinem Arm und ich spiele für dich. Lass den Kopf nicht hängen kleine sysse Leuchtturmwärterin. Ich versuche es auch nicht.
Flaschenpost
meine Gedanken und Gefühle in meinem Kopf meinem Herzen
meine Gedanken und Gefühle auf ein weißes Blatt Papier
meine Gedanken und Gefühle in eine Flasche gepresst
meine Gedanken und Gefühle ins klare Blau hinaus geworfen
meine Gedanken und Gefühle den Wellen anvertraut
Eine Flasche voller Gedanken und Gefühle
reist durch das Meer
begleitet vom Mond und Leuchtturmlicht
zu dir
mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen,
im Kopf, im Herz.
Ich möchte schreien und weinen zugleich, so unglaublich schön klingt das, und das wird noch unterstrichen von Max sonorer und zärtlicher Stimme. Auch wenn ich immer dachte, du seiest der einzige Kerl, der zu solchen schriftlichen Ergüssen fähig ist, rühren mich die Zeilen von Max Sohn an seine Freundin. Es ist so schön zu hören, dass du bei aller Einzigartigkeit, auch was das betrifft nicht alleine auf der Welt warst. Ob ihr euch wohl gemocht hättet? Michael und du? Oder wäret ihr auf Abstand gegangen, weil ihr euch so ähnlich wart? Zumindest klingt es heraus aus Max Erzählungen und diesen Zeilen. Max hat seine Kreativität an seinen Sohn vererbt. Das muss ihn doch unglaublich stolz machen. Die Gänsehaut lässt nicht mehr locker und meine Gehirngänge arbeiten auf Hochtouren. Der Puls rast und ich kann gar nicht erklären, warum ich so aufgewühlt und aufgeregt bin. Es ist doch „nur“ ein Text, ein Brief von einem jungen Mann an eine junge Frau. Vielleicht macht es mich so fertig, weil es meinen geliebten Max so fertig macht. Meine Gedanken kreisen wieder um die Geschichte mit den Parallelen, die nur Geraden sind und sich doch irgendwo treffen. Das alles ist so vertraut und doch so fremd. Max ist mir näher denn je und ich spüre eine unglaubliche Verbindung zwischen ihm und mir. Max weint stille Tränen.
Ich frage meinen Sandburgenbauer, ob wir vielleicht zurück gehen sollen, zum Turm und er fragt mich im Gegenzug, ob ich vielleicht noch mehr hören wolle. Von Wollen kann gar keine Rede sein, natürlich möchte ich. Ich weiß nur nicht, ob das so gut ist. Ich weiß nicht, ob es Max gut tut. Aber er möchte, entgegnet er mir auf meine Bedenken. Er möchte und wieder erhebt er sich und geht in den Pfahlbau. Den Brief von Michael lässt er liegen.
Ganz vorsichtig nehme ich den Brief zur Hand und eine undefinierbare Wärme steigt in mir auf. Es ist ein Gefühl, wie man es kennt, wenn man einen roten Kopf bekommt, nur nicht so unangenehm, sondern wohlig und beinahe zärtlich. Der Brief ist wieder ordentlich gefaltet und als ich ihn drehe, durchfährt es mich wie ein Blitz. So muss es sich anfühlen, wenn man von einem elektrischen Schlag getroffen wird. Mit zitternden Händen falte ich den Bogen Papier einmal weiter auf.
„Wir werden die Zeit getrennt aber zweisam hinter uns bringen. Und du wirst es genauso schaffen, wie es mir gelingen muss. Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut. Du bist in meinem Kopf und in meinem Herzen, Dein Mike“
Ich schreie.
„Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Nein, das ist nicht. Nein. MAAAAAXXXX!!!“
Ich halte mir den Bauch und den Kopf, ich schlage mir mit der Faust immer und immer wieder auf mein Herz und ich schreie die ganze Bucht zusammen. Das kann nicht sein. Und doch würde all das jetzt endlich Sinn machen. Aber das wäre ein Zufall. Das wäre einer dieser Zufälle, die zu zufällig sind, um Zufälle zu sein. Aber es wären auch die Parallelen, die sich entgegen aller mathematischen Logik endlich treffen, weil es doch nur Geraden sind, die zusammengehören. Wie eine Wahnsinnige laufe ich um den Bau und schreie und weine.
Max, den mein Kreischen furchtbar erschreckt haben muss, kommt mit einer kleinen Kiste aus dem Pfahlbau und noch bevor er mich fragen kann, was denn los ist, sehe ich diese kleine Truhe, und schreie noch mehr, noch lauter. Ich laufe die Stiege herunter, ungeachtet ob ich mich gleich auf die Nase lege oder nicht. Ich laufe zum Wasser und schreie mir meine Angst, meine Liebe, meine Trauer, meine Fragen von der Seele. Das kann nicht sein. Es kann einfach nicht sein. Aber es wird so sein und damit einen Sinn ergeben. Der alte Mann folgt mir so schnell er kann. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ins Wasser gehen könnte und hält mich kurz vor dem Wassersaum am Ärmel fest.
„Dann habe ich Recht?“, fragt er mich mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht beschreiben kann. „Ich überlege seit Monaten ob es sein kann. Kann es sein? Ist es so?“
Max hält immer noch die kleine Truhe fest unter dem Arm. Ich zeige darauf.
„Briefe, Zettel, kleine Geschenke, wie zum Beispiel eine Blume aus einer Büroklammer gebogen, ein paar Bierdeckel mit kleinen Zeichnungen?“
„Ja, woher – nein, das brauche ich nicht fragen. Du weißt es, du musst es wissen, es ist deine Schatzkiste, es ist eure Truhe.“
„Du sagtest, du hast sein Instrument. Hast du sein Saxophon?“
„Ja, es ist ein Saxophon. Das habe ich aber nicht hier, weil mir die Aufbewahrung im Pfahlbau nicht geheuer war.“
„Jetzt macht alles Sinn. Der Tisch, der Elefant, so viele deiner Worte und Gesten, diese ganzen Déjà-Vus, die mich fast um den Verstand brachten. Ich dachte zwischendurch ich müsse verrückt werden Max. Ich wusste tief in mir, dass in dir mehr ist, als nur dieser liebenswürdige Sandburgenbauer. Ich wusste es verdammt noch mal und bin nicht dahinter gekommen. Bis ich den Brief eben zu Ende gelesen habe. Scheiße, scheiße, scheiße – du bist wirklich sein Vater. Du bist der Vater des wundervollsten Menschen, den es je gegeben hat für mich.“
Wir heulen beide, wie die berühmten Schlosshunde. In mir brechen alle Dämme und es ist nicht so, dass es Tränen der Trauer wären. Ich bin glücklich. Tief in mir drin spüre ich eine Erlösung, die mich frei fühlen lässt, glücklich macht und so vieles erklärt, was ich nicht verstanden, nicht überein gebracht bekommen habe. Ungeachtet unserer Gesundheit, die uns in den letzten Wochen ziemlich nah an Abgründe brachte, setzen wir uns in den Sand. Vom Meer kommen Delphi, Finchen und der Olle Graue in die Bucht hinein geschwommen und ziehen leise vor uns im Wasser ihre Bahnen. Mit meiner Hand greife ich in den Sand und streue ihn über den dunkelbraunen gewölbten Truhendeckel.
„Sandkorn für Sandkorn“ beginne ich ein Gedicht zu zitieren, das wohl auch irgendwo in den Tiefen dieser Kiste zu finden sein wird. Max setzt mit ein und wir sprechen im Duett.
Sandkorn für Sandkorn
Komme ich näher
Der Sonne
Dem Mond
Den Wolken
Dem Himmel
Dem Licht
Dir
Unter unseren Tränen lächeln wir. Max nimmt meine Hand und scherzt: „Hallo Schwiegertochter“. Kopfschüttelnd schaue ich ihn an. „Nein Max, nein. Nicht mit ihm und nicht mit mir. Nie.“ Ich beuge mich zu ihm rüber, schaue in seine glänzenden Augen, die in diesem Augenblick all seine Liebe, seine Trauer, seine Hoffnungen und seine Fragen wiederspiegeln. „Hallo Freund! Dann passt es!“
„Du weißt doch Max, Freundschaft zählt mehr, als alles andere auf der Welt. Einen Freund, den hast du ein Leben lang, über den Tod hinaus. Ihm kannst du immer, jeder Zeit vertrauen. Ein Freund wird dich nie bewusst enttäuschen, dir Schmerzen oder Leiden zufügen. Freundschaft ist kein Luftschloss. Sie ist keine Seifenblase, die beim kleinsten Pieks zerplatzt. Freundschaft ist stark und mächtig.
Ich weiß, dass mir eine solche Freundschaft bereits einmal in meinem Leben vergönnt war. Und das, was zwischen dir und mir ist, das ist der Anfang erst. Der Anfang, eines zweiten Geschenks. Das Geschenk einer Freundschaft.“
Ich baue uns ein Schloss,
hier direkt zu den Füßen dieser starken Pfähle,
hier direkt am Ende der hölzernen Stiege,
ich baue uns ein Schloss aus Sand.
So schön, imposant und groß und doch so zerbrechlich,
weil schon die geringste Einspülung, bei der nächsten großen Welle
alles wieder zerstören könnte.
Aber hab keine Angst, es ist nicht nur aus Sand,
sondern auch aus Freundschaft gebaut.
Es wird standhalten,
gegen Wind, Wut und Wasser,
denn es ist jetzt
unser Schloss.
Bis es dunkel wird, sitzen wir hier am Wasser, im Sand und die Worte sprudeln nur so aus uns raus. Immer wieder legen wir Schweigepausen ein und schauen uns an, wie sich nur Menschen anschauen können, die etwas ganz besonderes verbindet. Dune gesellt sich zwischendurch zu uns, und als ob sie spürt, dass heute etwas ganz wichtiges vonstatten geht, trollt sie sich auch gleich wieder zu den anderen sieben Pfoten. Sie ist so intelligent.
Hand in Hand kehren wir eine ganze Weile später zurück zum Leuchtturm. Wir reden und schweigen, wir lachen und erinnern uns. Die Kiste trägt Max unter dem Arm und damit vermittelt er mir den Eindruck, als seien wir für heute noch lange nicht fertig.
Dreierlei Sichtweise
Bewundernd schauen wir zu dir hinauf
Sehnsüchtig blicken wir von dir herab
Liebevoll sehen wir dich sehnsüchtig bewundernd an
Zurück im Turm fällt mir ein, dass ich noch eine sensationelle Überraschung für Max habe. Ich suche meine Geldbörse und bitte ihn, sich lieber hin zu setzen. Wie ein großer starker Mann so zerbrechlich wirken kann? Ich setze mich neben Max auf die Couch und halte seine Hand. Diese Energie, die durch unsere Hände geht hat jetzt eine viel verständlichere und noch schönere Wirkung. Mein Herz klopft ganz wild und ich fürchte fast, dass es ein bisschen viel werden könnte, für meinen alten Freund. Doch der Blick in seine kristallblauen Augen, die mich voller Neugier und Liebe anschauen, sagt mir, dass er es sicher verkraften wird.
Ich löse meine Hand aus Max Griff und mit zittrigen Fingern ziehe ich dein Foto aus meiner Geldbörse. Ich lächele und lege es ihm sanft in die große starke Hand.
„Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“
„Alles ist gut, Kleines.“, entgegnet mir Max, betrachtet dein Foto und weint. „Alles ist gut!“
Du bist da, ganz nah. Du bist in Max und in mir und seit langem habe ich dieses ganz tiefe Gefühl, dass wirklich alles in Ordnung ist. Du bist hier und dort. Du bist der Wind und das Wehen. Du bist die glitzernde Schneeflocke, die sich vom Himmel stürzt und der Sonnenstrahl, der sich kräftig wärmend auf dem Strand verteilt. Du bist der Regentropfen, der uns auf der Nase trifft und wächst zu einem Regenbogen, der sich über unser Sein spannt. Du bist die Möwe, die über unseren Köpfen kreist und der Delfin, der friedlich seine Bahnen zieht. Du bist der Stern, der mir die Nacht erhellt und der Mond der mich anlächelt, wenn mich die Sehnsucht quält. Du bist der Leuchtturm, der mit seinem Licht all unsere Leben lenkt und rettet. Du bist hier und du bist dort. Und bist du auch tot, du bist niemals fort.
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Kategorien : StrandGeflüster im LeuchtSturm
Vielleicht halluziniere ich
4 11 2009Vielleicht halluziniere ich nach dem Freiheitsentzug ein wenig, aber ich bilde mir ein, vertraute knarzende Gesänge zu hören und mein Puls prescht sofort in die Höhe. Dune, die schier vor Begeisterung ausflippt, deutet mir an, dass ich mich nicht irre, sondern richtig höre. Die Delfine sind da. Ich frage Max, ob er sie eigentlich mittlerweile einmal kennen gelernt hat und er verneint mit leicht traurigem Gesicht. Zumindest hat er sie noch nie aus nächster Nähe gesehen. Oh bitte, bitte, bitte, ich wünsche es mir so sehr sie zu sehen. Nicht nur für mich, sondern auch für Max. Ich versuche meine Schritte zu beschleunigen, was der freundliche nette Herr neben mir aber zu verhindern weiß. Kraftvoll hält er dagegen und ich denke, so muss sich ein Hund an der Leine fühlen, wenn er zieht und zieht und von seinem Herrchen oder Frauchen zurück gehalten wird. Als erstes entdecke ich den Ollen Grauen. Kraftvoll gleitet und hechtet er durch das Wasser und zieht seine Bahnen. Etwas weiter entfernt kann ich noch zwei Rückenflossen ausmachen und bin so glücklich darüber, dass auch Finchen und Delphi da sind. Jetzt müssten sie nur noch ein bisschen näher kommen. Dune stellt sich an den Wassersaum und bellt und ruft und bellt und ruft.

Kurz bevor wir am Ziel sind, verspüre ich das dringende Bedürfnis mich umzudrehen. Ich spüre die Sonne in meinem Nacken und auf meinem Hinterkopf und ich möchte mir anschauen, wie sich unser Turm friedlich in die Sonne streckt. Tapfer hängt sie dort am Blau des Himmels und lässt sich auch von Wolkenschleiern und –türmen nicht bedrängen. Mit all ihrer Kraft trotzt sie dem Winter und strahlt mit Max, dem Rot des Leuchtturms und mir um die Wette.
Du gibst Sicherheit
Du gibst Halt
Du gibst Kraft
Du machst Mut
Du streckst dich weit empor
zur Sonne
in diesen harten Wintertagen
denn bei ihr
findest du Sicherheit
findest du Halt
findest du Kraft
findest du Mut
Es ist wieder eine dieser Szenen, die zum Heulen schön sind. Kitschiger kann man es auf keiner Postkarte finden, bezaubernder aber auch nicht. Da steckt soviel Kraft und Sehnsucht drin, dass ich mal wieder eine Gänsehaut bekomme.
Wieso ist eigentlich Dune so still. Gemeinsam mit Max drehen wir uns ungelenk auf den Gummistiefelabsätzen um und fallen fast beide auf unsere Allerwertesten. Nach Kitschszene Nummer Eins können wir am Wassersaum Kitsch at its best sehen. Meine Hündin schmust mit Delphi, während Finchen aufgeregt im Hintergrund ihre Bahnen zieht und sich der Olle Graue etwas weiter draußen mit tollkühnen Sprüngen produziert.
„Sag mal Kleines, wie viel hast du für das Spektakel bezahlt?“
Ich weiß nicht, worauf Max hinaus will. Jetzt, hier, in diesem Augenblick, möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich befinde mich in einem Schwebezustand zwischen Rührung, Begeisterung und Faszination. Es macht den Anschein, als hätte sich dieser ganze Tag mit all seinen Statisten verabredet, um mich im Leben wieder Willkommen zu heißen. Sicher ist es nicht gerecht und nicht fair, aber in diesem Moment wünsche ich mich in deinen Arm. Ich wünsche es mir so sehr, dass es weh tut. Meine Tränen werden etwas salziger und mein Gesichtsausdruck ein wenig trauriger. Max scheint zu spüren, dass etwas in mir vorgeht und auch wenn er nicht wissen kann, was es ist, er wird es sicher ahnen und aus dieser Ahnung heraus, dreht er sich zu mir ein und umarmt mich mit aller Liebe und Wärme, die er geben kann und die der Passagier des Brusttaxis erlaubt.
„Komm mit zu Delphi, lass sie uns begrüßen.“ Jetzt ziehe ich kräftiger als zuvor und sehr zu Max Entsetzen, begebe ich mich auf Augenhöhe der schönen Delfinin. Er verkneift sich jeglichen Kommentar und macht es mir nach. Ganz langsam hockt er sich hin, halb ins Wasser, halb in den Sand. Delphi ermuntert uns sie zu streicheln und als spüre Finchen, dass es heute zwei Hände mehr gibt, kommt auch der kleine Delfin, der ordentlich gewachsen ist, zu uns gerutscht. Ganz sanft kraule ich Delphi am Kinn, während Max sich mit Finchen beschäftigt und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass auch Max jetzt weint. Still vereinen sich seine Tränen mit dem Meerwasser.
Aus Max Brustknöpfen schaut Fee ganz kurz hinaus, die sich beim Anblick der Delfine gleich wieder in Sicherheit begibt. Dune liegt neben mir und wedelt wie blöd mit dem Schwanz. Cliff sitzt hinter uns und versucht sich im Knurren. Scheinbar ist dem kleinen Klettermaxe die Situation nicht ganz geheuer. Indes gehen Max und ich vollkommen in den Streicheleinheiten für die Delfine auf. Wir lachen und weinen im Wechsel, wir wechseln kein Wort und hin und wieder nehmen wir uns an die Hände, die nicht mit Kraultätigkeiten beschäftigt sind. Der Olle Graue ruft und die kleine Familie folgt aufs Knarzen.
Ich weiß nicht, wie lange wir dort noch sitzen und uns an den Händen halten. Aufgewühlt, begeistert, fasziniert, verliebt schauen wir den drei Delfinen nach, bis auch die letzte der drei Rückenflossen vom Schwarz des Meeres verschluckt wird.
„Das war das mit Abstand Schönste, was ich seit Jahrzehnten erlebt habe. Wie oft habe ich mir das schon gewünscht. Wie oft habe ich mich danach gesehnt, ihnen nur mal näher kommen zu dürfen. Kleines, ich habe einen Delfin gestreichelt.“
Fassungslos, wie ein kleines Kind, dem es gerade das erste Mal gelungen ist, sich die Schuhe zu zubinden, starrt mich Max an. Seine Augen lachen und weinen zu gleich und ich versinke in diesen stahlblauen Augen.
„Darf ich in deinen Augen versinken?“
„Haben sich die Pupillen schon zurück gezogen?“
„Kleiner als Stecknadelköpfe.“
„Na dann komm, spring hinein, aber ich kann dich nicht retten.“
„Du brauchst mich nicht zu retten. Wenn ich drin bin, ist alles gut.“
„Wenn du bei mir bist Kleines, dann ist alles gut.“
„Dito!“
„Kommst du nun rein gehüpft, oder nicht?“
„Ach lass mal, ich gehe lieber mit dir ins Wasser.“
Hand in Hand rannten wir ins Meer. Als unsere Knie umspült wurden, legten wir uns ins Meer, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind im absoluten Wohlgefühl versunken.
Ich lege mich auf den kühlen Sand,
lass mich umspülen von den Wellen
und hoffe darauf,
dass sie mitnehmen,
was nicht in mich hinein gehört
und für immer begraben
unter der Gischt.
„Magst du noch mit zum Pfahlbau kommen, oder bist du zu geschafft?“
Wenn er mich fragt, traut mir Max zu, dass ich den Weg schaffe. Und wenn er mir das zutraut, dann schaffe ich das auch. Artig bedanke ich mich für die Einladung. Wir kontrollieren noch kurz, ob es Fee gut geht im Brusttaxi, ich nehme Cliff auf den Arm und Dune hat schon ganz genau verstanden, wo es lang geht, wir sehen nur noch Sand durch ihre Hinterläufe spritzen und ihre Rute im Wind.
Kurz bevor wir am Bau ankommen, ist es Max, der das Schweigen, das während des Spaziergangs herrschte, bricht.
„Das hätte meinem Kleinen gefallen. Mein Sohn wäre schier ausgerastet, glaube ich. Das war wundervoll und bitte verstehe das Wunder vor dem voll als genau solches.“
„Ich durfte schon öfter in den Genuss kommen Max, aber für mich ist es nach wie vor ein Wunder.“
„Ich weiß nicht, ob ich ausflippen soll vor Begeisterung, oder traurig sein möchte, weil Michael das nicht miterlebt hat.“
„Michael?“
„Ja, Michael, mein Sohn.“
Ich bin hin und hergerissen, ob ich nachhaken oder warten soll. Wenn ich nachhake und er ist nicht bereit, dann wird es gleich wieder still. Aber vielleicht möchte er ja gefragt werden, so wie ich? Nein, ich warte. Ich möchte nicht wieder etwas verbocken, nicht nach diesem tollen Erlebnis.
Als ich den Pfahlbau betrete überkommt mich ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich so noch nicht kenne und das ich nicht einschätzen kann. Vielleicht habe ich mich einfach etwas überschätzt, und mein Körper rät mir, eine Pause einzulegen. Elf Pfoten kuscheln und verknoten sich vor dem kleinen Bollerofen. Max macht mir sein Bett fertig und bittet mich mit aufforderndem Unterton in der Stimme, mich hin zu legen. Nachdem er sicher ist, dass ich nicht nur in der Waagerechten bin, sondern auch in dieser Position verharre, kocht er uns Kakao und schweigt.
„Weißt du, ich weiß gar nicht, was ich von ihm erzählen soll. Du hast das Bild angeschaut?“
Als ich bejahe und dem stolzen kakaokochenden Vater sage, wie hübsch sein Sohn ist, korrigiert er mich.
„War- er war das hübscheste Kind in meinem Universum. Und ich bin wütend und traurig, dass ich nicht weiß, wie er sich entwickelt hat. Wie hübsch er noch geworden ist. Alles was ich weiß, habe ich mir zusammengereimt aus den Sachen, die mir meine Exfrau überlassen hat. Ich weiß, dass er Musik gemacht hat und dass er wundervoll schreiben konnte. Die Handschrift hatte er nicht von mir, soviel steht fest. Er konnte tolle Briefe und Gedichte verfassen. Und er hatte eine Freundin, die ihm alles bedeutete. Und umgekehrt muss es genauso gewesen sein. Sie hat nämlich nicht weniger viel geschrieben. Keine richtigen Gedichte, sondern mehr Gedanken und Geschichten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum er sich umgebracht hat, wenn er doch so ein glückliches Leben hatte, nachdem er zu Hause ausgezogen war. Es wird ihm nicht mehr helfen und mir auch nicht, aber ich möchte gerne wissen, was in Michaels Leben schief gelaufen ist. Marianne, meine Exfrau erwähnte einmal, dass Michael Probleme mit Drogen hatte. Er sei nicht mehr der Junge gewesen, den ich so abgöttisch liebte, sondern ein unberechenbarer Junky, der seine Schwester für Drogen verkauft hätte. Ich kenne Marianne, und ich weiß, dass ich ihr nicht alles glauben darf. Aber was, wenn da was Wahres dran ist. War mein Sohn ein Drogenabhängiger? Und wenn ja, warum?“
Immer noch steht Max mit dem Rücken zu mir vor den mittlerweile gefüllten Kakaotassen. Ich denke mir, dass er, wie ich auch, keinen Blickkontakt wünscht und lasse ihn.
„Darf ich dich was fragen, Max?“
„Sicher Kleines, schieß los.“ antwortet mein Sandburgenbauer, betont und gespielt fröhlich, dreht sich beinahe ruckartig rum, als wolle er damit seine Beherrschung demonstrieren und kredenzt mir das warme Schokogetränk.
„Was, wenn Michael wirklich Drogen genommen hat. Ändert das was?“
„Es ändert alles und nichts Sysse. An meiner Liebe, an meiner Sehnsucht nach meinem Sohn, an meinen Vorwürfen gegen mich selbst würde es nichts ändern. Auf mich selbst wäre ich noch wütender. Das würde sich ändern. Ich frage mich, warum ich ihn nicht einfach mitgenommen habe damals, vielleicht wäre alles anders gekommen. Wüsste ich, dass das mit den Drogen wirklich wahr ist, müsste ich mich hassen, weil ich es soweit hab kommen lassen, durch meinen Egoismus.“
„Du kannst dir alles vorwerfen alter Mann, aber nicht, dass du egoistisch wärst.“
„Das ist lieb. Aber damals war ich es. Ich wollte einfach nur raus. Ich wollte einfach nur wieder ein Leben haben, ohne Streit um Geld und Machtbesessenheit. Und dieses Leben wollte ich erst einmal für mich. Nur für mich. Für Michael hatte ich gar keinen Platz vorgesehen. Klar, sollte er irgendwann nachkommen. Aber zunächst war das mein Plan. Mein ganz privater egoistischer Plan.“
„Hast du was von deinem Dad gehört?“
„Nein, muss ich auch nicht mehr.“
„Hallo? Versteh ich das jetzt? Letzte Woche warst du noch ganz wild drauf, alle Missverständnisse aufzuklären und heute geht dir dein alter Herr am Arsch vorbei?“
„Nicht eine Zeile habe ich zur Antwort bekommen. Er hat nicht geschrieben und nicht angerufen. Würde er mich finden wollen, hätte er das schon längst haben können. Jetzt hat er Adresse und Telefonnummer, weil du mich zu diesem beknackten Brief überredet hast, und rührt sich doch nicht.“
„Ich habe über keinen Brief geredet!“
„Hä, was Meister? Was für ein Brief?“
„Du sagtest gerade was von einem beknackten Brief. Ist dir nicht gut Kleines? War wohl doch alles ein bisschen viel?“
„Quatsch Max, ich war nur gerade in Gedanken, entschuldige bitte.“
„Na das waren aber heftige Gedanken, wenn du sogar schon Selbstgespräche führst.“
„Mag sein, ist aber jetzt auch egal. Also ich denke, du warst auch damals nicht wirklich egoistisch. Du musst es doch auch erstmal mit der Situation klar kommen und wenn dir deine Ex nicht das Leben so schwer und die Chance gegeben hätte, dich Michael zu erklären, wäre bestimmt alles ganz anders gekommen. Du bist nicht Schuld, zumindest nicht alleine.“
„Danke, aber ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Manchmal hasse ich mich dafür. Aber lass uns von was anderem reden.“
Schade, damit war das Thema Sohn wohl durch. Ich hätte gerne noch mehr erfahren. Wir setzen uns an den kleinen Tisch mit den Leuchtturmintarsien und schlürfen genüsslich die Schokolade. Eigentlich doch schade, oder? Da ist es so schön draußen und wir hocken im Bau. Vorsichtig frage ich Max, ob wir nicht umziehen können nach draußen und unter der Auflage, dass ich zumindest das Bettzeug mitnehme, um mich darin einzuwickeln, willigt Max ein.
„Du, Max? Wo hat Michael denn zum Schluss gelebt. Weißt du da irgendwas? Ich meine im Zeitalter des Internets ist es doch vielleicht möglich noch ein paar Dinge ausfindig zu machen, die dich deinem Sohnemann etwas näher bringen und dir auch ein paar Antworten geben könnten?“
„Das Letzte was ich erfahren habe, war dass er irgendwo bei Köln gewohnt hat. Bonn glaube ich. Die Adressen auf den Umschlägen gehen auch an eine Bonner Adresse.“
Max steht auf und geht in den Bau. Als er wieder kommt, bestätigt er das mit Bonn. Gedankenverloren setzt er sich auf die kleine blaue Bank und starrt in die Bucht.
„Weißt du, als Elternteil hofft man immer, dass man vor seinen Kindern von der Erde geht. Dass man alles richtig gemacht hat, sie zu starken Menschen erzogen hat und sich keine Sorgen machen muss, wenn es mal soweit ist. Ein Kind an eine Krankheit zu verlieren ist furchtbar. Wenn einem der Nachwuchs durch einen Unfall aus dem Herzen gerissen wird, ist das grausam. Aber wenn sich das eigene Kind umbringt, dann weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Ist es Stärke oder unglaublich schwach? Was hat ihn so verzweifeln lassen, dass er keinen Sinn mehr sah? Wenn er wirklich Drogen genommen hat, warum sah er nur diesen einen Weg, um da wieder von weg zu kommen? Ach Sysse, ich stelle mir so viele Fragen, und mindestens genauso viele davon werden auch unbeantwortet bleiben.“
Ich pelle mich aus dem Deckengewusel, das um mich herum herrscht und umarme Max so liebevoll und fest ich nur kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Viel zu gut weiß ich das. Ich kann es kaum glauben, dass sich unsere Schicksale so ähneln. Max verlor seinen Sohn an die Drogen, ich verlor dich an die Drogen und an meine Stärke, die du vermeintlich gespürt hast.
Über der Bucht beginnt es ganz leicht zu nieseln und ein seichter Regenbogen spannt sich über das Wasser

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Schlagwörter: Bucht, Dand, Delfine, Delphine, Gischt, Halt, Leuchtturm, Meer, Regen, Regenbogen, Sicherheit, Strand, Wellen, Wogen
Kategorien : StrandGeflüster im LeuchtSturm
Pfleger Max gönnt mir
3 11 2009
Pfleger Max gönnt mir noch eine heiße Schokolade vor dem Schlafen gehen. Milch mit Honig sei auch hilfreich zum Einschlafen, dann könnte Kakao nicht schlecht sein. Er kredenzt mir den besten Kakao, den ich seit meinem Einzug ins Krankenhaus getrunken habe, sogar an die Sprühsahne hat er gedacht. Er schüttelt mein Bett ein letztes Mal auf. Deckt mich bis zur Nasenspitze zu und packt mich gut ein, weil er noch einmal kurz lüften möchte. Eiskalte Luft sucht sich ihren Weg durch den Turm. Eiskalte Luft, die begleitet wird vom (be)rauschenden Klang des Meeres. Nach ein paar Minuten sperrt Max den Wind wieder aus und wir hören nur noch das sanfte Brummen der Technik über uns und kaum wahrnehmbar die See. Eine ganze Weile sitzt er bei mir auf der Kojenkante, schweigend, und es ist kein unangenehmes Schweigen. Er nimmt meine Hand und sagt, dass ich mich Morgen nicht erschrecken sollte, falls ich aufwache und er ist nicht da. Zwar sei er der Überzeugung, dass das durchaus noch ein paar Tage Zeit hätte, aber er hätte das Gefühl, dass ich meine Fellnasen sehr vermisse. Drum würde er sich auf den Weg zu Jacques machen und sie holen. So richtig gesund könnte ich doch nur im Kreis meiner Allerliebsten werden. Bei diesem Stichwort drückt er mir gleich noch, dass Verena ja wohl eine ganz Liebe sei. In den Tagen, wo ich dem Tropf gefrönt habe, hätte sie ein paar Mal gesmst. Und da er ja um unsere besondere Form der Fernbeziehung weiß, wollte er sie nicht in Sorge lassen und hat sie kurz angerufen. Dieser Mann denkt wirklich an alles. Und ich bin mal gespannt, was ich demnächst zu hören bekomme. Ich weiß doch wie scheu Verena allem Neuen und allen Veränderungen gegenüber ist. Wie mag sie sich wohl gefühlt haben, als ein wildfremder Mann mit wunderschönem Bariton in der Stimme bei ihr angerufen hat?
Bevor er weitere Beichten loswerden oder wir weitere Planungen besprechen können, schlafe ich unter dem zärtlichen Streicheln meiner Hand ein. Ganz weit weg spüre ich noch einen Kuss auf die Stirn und höre Max guten Wünsche für meine Nacht und wie er Poor Man’s Moody Blues summt. Oder sind es die Nights In White Satin, die mich sanft einhüllen und mich auf meinem Weg ins Traumland begleiten?
Die Stube blitzblank aufgeräumt, eine Tasse Tee, die schon kalt ist und darunter ein Brief. Max scheint wirklich schon weg zu sein, und ich habe es, wie so vieles in den letzten Wochen einfach verpennt. Der Fokus auf die Mikrowelle sagt mir, dass es Mittag ist und Max Brief diktiert mir, dass ich bitte, bitte im Bett bleiben soll. Er ist schon sehr früh aufgebrochen, damit er bald wieder zurück ist, mit den Pfotentieren, die ich wirklich furchtbar vermisse.
Diktat hin, Diktat her. Ich möchte aufstehen. Ich will es versuchen, und da ich nur noch aus dem drittletzten Loch pfeife, wird es wohl schon gehen, wenn ich ganz vorsichtig bin. Also setze ich mich erst einmal auf die Kojenkante und baumele mit den Beinen. Welch eine Wohltat, auch wenn es in meinem Kopf leicht schwindelt. Der Schwindel geht und ich stelle mich auf die Baumelbeine. Ohje, da wo vor einigen Wochen noch Knochen und Muskeln den Gehapparat bildeten, scheint reinster Pudding die Herrschaft übernommen zu haben. Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke. Für eine Insektenjagd bin ich wahrlich noch zu schwach und ich würde sie auch lieber an Fee abtreten. Aber ein Schritt vor den anderen gesetzt ergibt Fortbewegung. So bewege ich mich fort von der Koje, hin zum Bullauge. Endlich etwas anderes sehen als Himmel, Wolken und Regenfäden.
Wie habe ich diesen Aus- und Weitblick vermisst. Der Strand, der Horizont, das Meer. Und auch wenn es grau in grau erscheint, für mich ist es bunt, bunteste und farbenfrohste Lebensfreude. Ich bin unendlich glücklich, dass ich das alles noch erleben darf und einmal mehr unbeschreiblich dankbar, dass ich diese Chance, trotz meiner eigenen Dummheit, erhalten habe. Es zieht mich nach draußen. Wie gern möchte ich jetzt durch den Sand ans Wasser stapfen. Aber das ist wirklich noch zu früh, und ich sollte dieses Vorhaben lieber auf später verschieben, wenn Max wieder da ist. Wenn er überhaupt mit mir los gehen mag, wo ich doch seine nichtärztliche Anordnung mit dem Spaziergang durch die Stube so böse unterwandert habe.
Mein Herz läuft über und im Bauch kribbelt es lustig vor sich hin vor lauter Glück. Perspektiven verschieben sich, Dinge werden unwichtig, dafür rücken andere Kriterien in den Mittelpunkt. Ob ich mich wohl sehr verändert habe, seit ich hier bin? Wer will das beurteilen? Ich kann es nicht. Es ist nicht, wie es scheint. Es ist, wie ich bin. Wieder trifft dieses Motto mitten ins Schwarze. Es ist nicht wie es scheint, grau, diesig, regnerisch. Es ist wie ich bin, glücklich. Und dieses Glück habe ich dir zu verdanken, dir, unserem gemeinsamen Traum und ein bisschen auch meinem Mut, diesen Traum alleine zu leben. So lebe ich ihn alleine, bin aber nicht einsam. Denn da sind Dune, kleine Düne und Fee. Und da ist Max. Allem voran bist du aber hier, weil du überall bist, wo ich bin, weil du in meinem Herzen bist. Auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere, deinen Tod zwar akzeptiert habe, ihn aber nie verstehen werde, möchte ich genau dieses Schicksal auch tausendfach umarmen, alleine für die Tatsache, dass es dich in meinem Leben gab, gibt und immer geben wird. Ein neuer leuchtstürmischer Glückstag.
Und Max? Max geht es mit seinem Schicksal sicher ähnlich. Nur hatte er soviel weniger Zeit und Möglichkeiten. Bevor er vom Vater zum Freund wachsen konnte, bevor er seinen Sohn überhaupt richtig kennen lernen durfte, wurde er aus seinem Leben gerissen. Während es für uns keine menschlichen Hindernisse gab, wurde Max Exfrau für die Vater-Sohn-Beziehung zu einem unüberwindbaren Graben. Es macht wenig Sinn, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche, so lange ich nicht mehr weiß.
Und wieder hängen meine Gedanken bei der Einzigartigkeit und den Unterschieden. Da sind sie wieder, die Parallelen, von denen ich immer noch denke, dass sie sich früher oder später doch treffen werden, und damit doch einfach nur Geraden sind. Ein jeder von euch beiden ist mir unglaublich wichtig, auf seine Art, auf seine ganz spezielle und besondere Art, spielt ihr eine Rolle für mich und in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so denken könnte. Aber gerade die letzten Wochen, haben mir viel gezeigt, von mir, von dir, von ihm.
„Kleines komm mal her, schnell!“
„Was ist? Hast du das Skelett eines Urzeitwals entdeckt?“
„Nein, komm doch mal bitte!“
„WoW ist das schön!“
„Genial, oder?“
„Mehr als genial. Wieso habe ich keinen Fotoapparat?“
„Weil du so einen technischen Schnickschnack nicht magst Sysse? Wieso hast du noch immer keinen Walkmann, dann könntest du mein Saxophon überall mit hin nehmen?“
„Weil ich dich lieber in echt höre, auf dem Küchentisch?“
„Was schätzt du? Wie viele sind das? Hunderte? Tausende?“
„Hmm, schwer zu sagen, guck mal, da sind ganz, ganz winzige dabei.“
„Und zu jeder gibt es irgendwo in dieser Masse ein passendes Gegenstück, einen passenden Deckel.“
„Aber auch dieses Gegenstück ist nie wirklich gleich. Ich werde nachher mal probieren, ob ich das Muschelmeer zeichnen kann.“
„Auja, mach das Kleines. Und das hängen wir uns dann oben in den Leuchtturm. Dann werden wir immer daran erinnert, dass jeder von uns einzigartig ist und anders. Doch irgendwo in der großen weiten Welt, gibt es immer ein passendes Gegenstück. So wie du mein passendes Gegenstück bist.“

Ein Blick ins Muschelmeer:
schönförmig, glattkantig, einmalig,
vielseitig, bruchstückig, wellenrandig,
rundwölbend, edelschimmernd, einbettend,
einschneidend, mehrschichtig, glanzleuchtend,
einzigartig
anders.
Wenn es nicht so furchtbar traurig wäre, könnte ich jetzt glatt schmunzeln darüber. Mir wird gerade bewusst, dass sich Max und ich beide mit einer Lungenentzündung flach gelegt haben. Okay, ich habe noch ein paar Schippen draufgelegt, aber er ist ja auch viel älter. Und beide haben wir es geschafft, weil wir uns beide haben. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird mir glaube ich schwindelig. Ich versuche es ausnahmsweise mal so hin zu nehmen. So, als Glück.
Mein Glücksgefühl wird unterstrichen von einem herzhaften Happs in meine Hand. „AUAAAAA! Hey Dune mein Mädchen. Scheiße bin ich froh dich zu sehen.“
„Erstens was machst du da am offenen Fenster und zweitens, was sind das denn für Töne? Kann man dich nicht mal einen halben Tag alleine lassen?“
So schnell es der puddinggleiche Knochen- und Muskelersatz zulässt, schlurfe ich auf Max zu und falle ihm um den Hals. Ganz fest umarmt er mich, hält mich und er küsst mich auf Wangen, Nase, Stirn, alles was er erwischen kann. „Mensch Kindchen, bin ich froh dich senkrecht zu sehen. Mir war ganz schön mulmig, dich hier so alleine zu lassen!“
„Ich war nicht alleine.“
„Und ich bin nicht so alleine zurückgekommen, wie ich los gefahren bin.“
Gerade als er das ausgesprochen hat, entdecke ich mein zweites Leben als wandelnder Kratzbaum wieder. Fee versucht sich an meinem Bademantel hochzuziehen, scheitert aber an dem lockeren Stoff. Zunächst sucht sie noch Halt in meinem Schienbein und meiner Wade und purzelt dann rückwärts zurück. Es sieht zum Schreien aus! Ich hebe sie gleich auf und setze sie mir auf die Schulter. „Hey Mieze, wir haben aber ordentlich zugelegt. Gab es so viele Mäuse bei Jacques?“
„Dazu sage ich jetzt lieber nichts“, wirft Max ein und grinst über alle Backen. Fee schnurrt.
„Wo ist Kleine Düne“
„Kleine wer?“
„Veräppel mich nicht. Wo ist der Kleine?“
„Ach, du meinst die Wanderdüne. Der kommt gleich.“, sagt er und wirft einen Blick zurück auf die Wendeltreppe. „Er hat schon einen neuen Namen. Cliffhanger. Der Zwerg erklettert alles, was sich erklettern lässt und Jacques hat sich und Dune mehr als einmal gefragt, ob da wirklich nur Hund drin ist, oder nicht irgendwas exotisches.“
Nervös schaue ich die Wendeltreppe hinunter und tatsächlich, ein kleiner Fellklops kämpft sich tapfer Stufe für Stufe zielstrebig nach oben. Ich habe keine Geduld und bitte Max ihn doch zu holen. Natürlich kommt er meiner Bitte nach und nur drei Sekunden später habe ich den kleinen Mann im Arm. Cliff, ich finde das passt besser, weil kürzer, ist richtig ein bisschen rund geworden, und ich fürchte, dass es in den nächsten Tagen ordentliche Kämpfe geben wird, um Fressnäpfe und gegen mich als Dosenöffner. Cliff hat riesige Pfoten. Und mich dünkt, dass aus dem kleinen Mann ein riesiges Vieh werden wird, der wahrscheinlich sogar seine Mutter an Höhe übertreffen wird. Nein, ich möchte nicht wirklich wissen, mit wem oder was sich Dune da eingelassen hat. Mastino? Irischer Wolfshund? Berner Sennen Hund? Ich spinne es nicht weiter.
Den restlichen Nachmittag und noch drei Tage mehr, hält mich Max im Turm gefangen. Zwischendurch habe ich mir wirklich gewünscht ich sei Rapunzel, und könnte mich am eigenen Zopf hinunter lassen. Und doch sehe ich ein, dass es schon richtig war, mich vernünftig auszukurieren. Während ich an keinem Zopf herunter komme, macht Cliffhanger seinem Namen alle Ehre und klettert an allem hoch. Zumindest versucht er es ohne Unterlass und ohne etwas auszulassen. Natürlich gelingt es ihm nicht immer und nicht überall, was ihn furchtbar quieken und bellen lässt. Soweit man bei diesen Lauten schon von Bellen sprechen kann. Die Idee mit dem Gitter vor der Treppe, war die Beste, die ich lange Zeit hatte. Man müsse den Zwerg den ganzen Tag verfolgen und vor sich selbst beschützen. Dune hat ihre Erziehung schon weitestgehend abgeschlossen. Zwar steht sie Cliff noch als Milchbar zur Verfügung, doch im Großen und Ganzen scheint ihr der Nachwuchs eher peinlich zu sein, und wenn nicht er selbst, dann zumindest die eine oder andere seiner Aktionen.
Heute ist einer dieser wundervollen Tage, die man einfach braucht nach Regen, Nebel, Schneegestöber. Zwar hat er träge begonnen und wollte sich nicht so recht aus seinem Nebelbett erheben, doch schon sehr früh, war die Sonne zu sehen, wie sie sich hartnäckig um Aufmerksam- und Sichtbarkeit bemühte. Graue Quellwolken jagen sich kreuz und quer über den blauen Himmel und unter diesem hektischen Dach jagen sich noch viel hektischere Möwen. Ich genieße das Kitzeln der Sonne in der Nase und werde einfach nur quengelig. Wenn ich heute nicht raus darf, dann springe ich. Es kostet mich alle Überredungskraft, weil Max immer noch der Meinung ist, dass ich doch viel zu schwach sei. Alte Männer können so furchtbar stur daher kommen. Ich bin nicht nur ausgeruht, ich kann furchtbar dickköpfig sein, wenn ich es will, oder muss. Und heute muss ich einfach. An diesem schönen Tag kann und werde ich nicht hier im Turm versauern. Den Spruch, nur über meine Leiche, verkneife ich mir angesichts der Schippe, auf der ich gesessen habe. Aber ich lass mich auf keinen Fall heute wieder hier oben einsperren. Das Meer, die Sonne, der Wind, das ist der Rhythmus, bei dem ich mit muss, und das muss und wird Max einsehen. Es kommt mir vor, als referiere ich Stunden und ich habe Angst, dass in dem Moment, wo ich Max weichgeklopft habe, die Sonne schon wieder unter geht.
Natürlich habe ich während all meiner Rederei, Überrederei, Hetzerei und Keiferei nicht für eine Sekunde gemerkt, dass mich der alte Sandburgenbauer wieder auf den Arm nimmt. Nach ganz vielen Minuten und noch mehr Schimpfworten, die meine Lippen einfach so verlassen haben, grinst mich Max auf seine unverwechselbare Weise an und fragt nur?
„Können wir endlich, oder willst du hier bis Sonnenuntergang rumzetern?“

Manchmal, möchte ich ihn einfach nur hauen.
Endlich wieder frei! Endlich wieder Sand unter den Füßen. Endlich wieder den Wind in meiner Kleidung und im Gesicht. Endlich, endlich, endlich. Nicht nur der Leuchtturm ist nah am Wasser gebaut, ich bin es auch. Und ich freue mich dermaßen über das neu gewonnene Gefühl der Freiheit, dass ich erstmal in beinahe hysterisches Heulen verfalle. Max kommt sofort zu mir und fragt, ob es mir gut geht, ob wir wieder hoch gehen sollen, ob er was tun kann. Beinahe übergangslos verwandelt sich mein Weinen in Lachen. Wieder nach oben gehen? Ich bin frei. Ich bin endlich wieder frei. Ich spüre die Sonne und den Wind, ich höre das Meer und die Möwen, ich stehe auf meinem Strand, an meinem Leuchtturm und da will ich erstmal nicht wieder hoch. Nicht an diesem wohl allerletzten schönen Sonnentag in diesem Jahr.
Unbekanntes Lichtobjekt
Schwarzer Himmel aufgerissen
Unbekanntes Lichtobjekt
Strahlen jagen aufs schwarze Meer
Schwarzes Meer aufgerissen
Unbekanntes Lichtobjekt
Strahlen jagen durch das schwarze Meer
Unbekanntes Lichtobjekt
sanftstreichelnd
den Himmel
den Horizont
das Meer
Sonne kämpft sich durch Finsternis
Finsternis ergibt sich der streichelnden Sonne

Als Max merkt, dass es mir eigentlich gut geht und ich nur, im wahrsten Sinne des Wortes, ein bisschen durch den Wind bin, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich hake mich bei ihm unter und wir gehen langsam in Richtung Wasser. Vor uns tobt sich Dune die sonnenlosen Tage von der Seele und hinter uns entdeckt Cliff sein neues Sandzuhause. Fee sitzt wie immer im Taxi, nur dieses Mal nicht bei mir, sondern an Max starker Brust.
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Kategorien : StrandGeflüster im LeuchtSturm
Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.
31 10 2009Herzlich Willkommen, Weltenübel, Weltengrübel.
And the winner is…
Leuchtturmwärterin!
Zweieinhalb Stunden habe ich in der Dusche gehockt. Mein neuer persönlicher Rekord, und ich kenne niemanden, der es zu ähnlichem Sitzfleisch gebracht hätte. Zweieinhalb Stunden Streicheleinheiten per Wasserzufuhr, na wenn das mal kein Erlebnis ist. Soviel Bodylotion habe ich gar nicht mehr da, um den Feuchtigkeitshaushalt meiner Haut wieder in Balance zu bringen. So schrumpele ich lustig vor mich hin und entwickele mich zur Schrumpelwärterin. Die nimmt die Wärme auch gleich mit ins Bett. Ich kuschele mich in die Koje und wünsche mir, dass der Sandsack mich mitten auf die Zwölf trifft, damit ich gleich einschlafe. Das Leben ist kein Wunschkonzert, und meinem Kopf ist nach allem, nur nicht nach schlafen. Fee schlummert ganz dicht an meinem Bauch, oder sie schlummert nicht und ruht nur, denn sie schnurrt noch so heftig. Ein wohltuendes Gefühl, dieses leise Brummeln, das sich über der Haut verteilt.
Es passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein riesiges großes Rätsel hat sich aufgetan, und ich bin nicht einmal in der Lage es im Ansatz der Lösung näher zu bringen. Was stört mich an der ganzen Geschichte, das muss ich raus finden. Je länger ich Max kenne, je intensiver ich ihn kenne, desto näher ist er mir. Das ist nichts Außergewöhnliches, so man denn, ein offener und vertrauensseliger Mensch ist. Zu dieser Gattung Mensch zähle ich aber nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die mich umgeben, die ich kenne, die mich kennen, die mich aber nur soweit kennen, wie ich sie in mich hinein schaue lasse. Und das ist nicht weit. Bei Max ist das anders. Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er ein besonderer Mann ist, ein besonderer Mensch, der meinen Lebensweg gekreuzt hat. Diese Nähe, diese Vertrautheit – das war nicht neu für mich, aber es war nach langer Zeit wieder das erste Mal. Hinzu kommen die vielen kleinen und großen Begebenheiten, die mich ständig erinnerten. Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, kam so oft in mir hoch und verwirrte mich. Es ließ mich aber auch weiter Vertrauen fassen. Heute kröne ich für mich dieses Vertrauen, in dem ich Max von meinem persönlichen Allerheiligsten erzähle. So war der Deal. Ich erzähle von dir und er mir von seinem Sohn. Nicht gezwungener Maßen, sondern in dem Moment, wo ein jeder von uns dazu bereit wäre. Ich war heute bereit. Und seit dem ist alles anders.
Wo ist der Haken. Wo habe ich den Knick in der Optik, oder besser im Verstand? Was ist der Auslöser dafür, dass sich Max dermaßen heftig zurückzieht, ohne selbst das Wort an mich zu richten, sondern über Dritte? Ich weiß, es muss was geben, das ich nicht richtig zu deuten weiß. Es gibt ein Zeichen, das ich nicht sehe. Da ist was, was ich übersehen haben muss, oder überhört. Aber was?
Denken, grübeln, weltenübeln, sinnieren, fragen, schätzen, interpretieren, nachhaken, zusammensetzen, verzweifeln, erinnern, schlussfolgern, …
Ich drehe mich im Kreis. So muss sich ein Hamster in diesem furchtbaren Rad fühlen. Er flitzt und flitzt und rennt, immer weiter, ohne Pause, ohne Abzweigungen oder Kurven, immer weiter in einer Spur aus Drahtgeflecht oder Plastikstreben. Im Zweifelsfall quietscht das Rad und untermalt sein Tun mit furchtbaren Geräuschen, die ihn zusätzlich antreiben, vor denen er zu flüchten versucht und keinen Ausweg findet. Eigentlich braucht er nur aufhören zu laufen. Eigentlich. Aber er weiß es nicht. Er kann es nicht wissen, weil es ihm sein Instinkt nicht sagen kann. In der freien Natur gibt es keine runden Drahtgeflechtautobahnen, keine zum Kreis geformten Plastikstreben, keine Hamsterräder. Wenn er Glück hat, dann findet er den richtigen Zeitpunkt um abzuspringen. Wenn er Glück hat, Glück.

Lebenslauf
Ich renne im Kreis des Lebens
Ich stolpere durch das Leben
Ich bewege mich im Leben
Ich erklimme das Leben
Ich haste nach dem Leben
Ich wanke im Leben
Ich laufe um mein Leben
Lebenslauf
Es holt mich ein das Leben
Mit meiner Vergangenheit
Mit meiner Krankheit
Mit meiner Verzweiflung
Mit meiner Traurigkeit
Mit dem unendlichen Vermissen
Mit dieser unerträglichen Sehnsucht
Ich laufe
Weiter
Immer weiter
Lebenslauf
Und wenn es so weiter geht, laufe ich noch gegen eine Wand. Verdammt, so schwer kann es doch nicht sein. Wieder und wieder gehe ich den Tag im Kopf durch. Meine Erzählung rufe ich Wort für Wort aus meiner Erinnerung ab. Der Hamster rennt im Rad und ich dreh gleich dran.
Aus dem Hundekorb dringt ein lautes Quieken, fast ein Schreien heraus. Kleine Düne brüllt sich die Seele aus dem Leib und mir fällt jetzt erst auf, dass Dune noch immer nicht wieder hochgekommen ist. Ob sie darauf hofft, dass Max zurück kommt? Vielleicht sollte ich ihr stecken, dass er sich in die Obhut des Viehdoktors geflüchtet hat und bis auf Weiteres nicht mit ihm zu rechnen ist? Auf den Stufen der Wendeltreppen ist Pfotentrappeln zu vernehmen. Das Hungergeschrei des Nachwuchses trägt Früchte und meine Hündin nimmt ihre Mutterpflichten in Angriff. Mich würdigt sie keines Blickes. Na super, jetzt begehrt auch noch der Hund gegen den Dosenöffner auf. Vielleicht ist sie auch nur schlecht drauf, denn wieso sollte sie Max Auszug mit mir in direkten Zusammenhang bringen? Und wieso gehe ich davon aus, dass dieser Hund irgendwas mit irgendwas in Zusammenhang bringt? Ich sag ja, ich dreh am Rad und verwirre. Kann bitte jemand mit einem Hammer kommen, und mir das Licht für heute Nacht auspusten. Bitte.
Natürlich kommt keiner mit einem Hammer. Wäre ja auch zu gruselig. Aber der Mond kommt hervor. Ganz langsam schiebt er sich in den Rahmen des Bullauges und er scheint zu lächeln. So hat doch wenigstens einer gute Laune heute. Kein Wunder, hat er von dem Tag und all seinen Katastrophen doch nichts mitbekommen. Ihn kann ich also auch nicht fragen, was ich falsch gemacht habe. Er kann mir auch nicht sagen, auf welchem Punkt des berühmten Schlauches ich gerade stehe. Ich müsste nur dort runterhüpfen und käme vielleicht zu ein paar Antworten meiner vielen Fragen. Aber nein. Ich stehe auf dem Schlauch, starre in das freundliche Planetengesicht am Himmel und wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt in diesem Augenblick einfach an dich herankuscheln.
Kalter Mond
komm nur her,
mach dich breit,
mach dich dick.
Komm nur her
und zeig mir,
wer der Herr am Nachthimmel ist.
Nur eines
das kannst du
mir nie geben,
kalter Mond
-
Wärme

Kaum zu glauben aber wahr, Dune kommt zu mir. Und sie schleppt Kleine Düne im Maul, was sicher bedeuten soll, dass ich wieder als Kuschelwärmer herhalten soll. Sie braucht mich also doch. Direkt neben mir auf dem Kopfkissen legt sie ihn ab. Ihn? Bah, das ist aber kalt. Kleine Düne? Ich schrecke hoch und schaue mir genau an, was mir meine Hündin aufs Kissen gelegt hat. Das ist gar nicht der Welpe. Das ist eine Geldbörse. Eigenartig. Meine ist es nicht, die ist nicht so prall. Vielleicht hat Jacques sie verloren, als er im Namen von Max hier rumgewirbelt ist, um die Stube in Ordnung zu bringen. Ich bin sehr froh, mir endlich einmal Fragen zu stellen, die ich mir auch selbst beantworten kann. Ein kurzer Ruck am Druckknopfverschluss und das Portemonnaie öffnet sich. Die Börse lässt sich dreifach ausklappen, wie ein Leporello, Rechts-Außen klappt nach Mitte, und Links-Außen klappt über Rechts-Außen über Mitte. In dem großen mittleren Klarsichtfenster ist nichts zu sehen, außer einem alten Kassenbon, der schon so vergilbt ist, dass man keine konkreten Auskünfte über geleistete Einkäufe erhalten kann. Kein Bild, keine Bilder. Also kann es eigentlich nicht Jacques Geldbehältnis sein, denn der trägt doch sicher seine ganze Großfamilie, zumindest aber Frau und Enkel mit sich herum.
Meine Neugier ist geweckt. Solche Aktionen kann ich eigentlich nicht gut heißen. Schnüffeleien sind nicht mein Stil. Etwas, was du auch sehr an mir geschätzt hast. Es war aber auch nicht schwer bei dir. Ich habe dir vertraut. Du hast mir nie einen Anlass gegeben zu zweifeln oder dir etwas nicht zu glauben. Die Karten hast du immer auf den Tisch gelegt, und deinen Stoff auch. Die wirklich einzige Regel lautete, wenn du im Bad bist, hab ich dort nichts verloren. Und es gab nie einen Grund diese Auflage zu unterwandern, weil ich wusste, was du dort treibst, außer den normalen Tagesgeschäften. Die Aktion mit dem Handy im Pfahlbau hat mich mutig gemacht. In einem der Fächer werde ich etwas finden, was auf den Besitzer schließen lässt. Dann mach ich das Lederetui wieder zu und gut ist. Ein paar kleine Scheine, ein paar Euro, ein paar Dollar. Kein Ausweis, nur eine Adresse, in der Nähe des Hafens. Das abgerissene Deckblatt eines Streichholzheftchens mit dem Namen und der Telefonnummer einer Bar in New York bringt mich auch nicht weiter. Ein Bild eines kleinen Jungens, schätzungsweise neun oder zehn Jahre alt, blondbraune Haare und solche strahlenden blauen Augen, dass selbst das Bildalter sie nicht ermatten lassen konnten. Der Kleine hat süße Grübchen. Weiter ist nichts im Portemonnaie. Ich schätze, es ist Max Börse. Der Junge könnte sein Sohn sein, das würde sich mit seinen Erzählungen decken, soweit man die Anhäufung von Andeutungen Erzählung nennen kann. Am Besten wird sein, ich smse Jacques, dass Dune hier ein Portemonnaie gefunden hat. Er wird mir schon mitteilen, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Direkt auf meine Kurzmitteilung erhalte ich Antwort. Ganz schön fix für so alte Finger.
„es gehört max. er sagt er sei dran. da er nicht erzählen kann, mach es auf u. schau dir das bild an. mehr später. liebe grüße j+m“
Max kann also nicht sauer sein. Wäre er wütend auf mich, wäre der Inhalt seiner Börse für mich tabu. Gut, es wäre zu spät für Tabus, aber das kann er ja nicht wissen. Warum wollte er dann fort von hier? Hatte er Sorge, dass er gleichziehen muss? Kennt er mich nach all der Zeit und vor allen Dingen, nach all meinen Offenbarungen immer noch nicht gut genug um zu wissen, dass er das nicht braucht? Dass er wie ich auch, alle Zeit der Welt hat? Ich soll, nein, ich darf mir das Bild anschauen. Meint er das mit dem kleinen Jungen? Den habe ich schon bestaunt. Immer noch vorsichtig öffne ich die Geldbörse erneut und suche nach weiteren Bildern. Es gibt nicht mehr Innenleben, als ich bereits herausgefischt hatte, also kann er nur das Bild meinen. Dann ist das also sein Sohn. Es muss für ihn die Hölle sein, nur diese verblichene Papiererinnerung an sein Kind zu haben. Vielleicht hat er noch mehr zu Hause oder im Pfahlbau, aber sehr viel jüngeren Datums sind diese sicher nicht.
Ich versuche mir vorzustellen wie es gewesen wäre dich zu kennen, dich zu lieben, um deine bedingungslose Freundschaft zu wissen und ich hätte dich nicht so sehen und erleben dürfen, wie ich es durfte. Habe ich mit meinen Ausführungen über dich und dein Leben den Schmerz von meinem Sandburgenbauer vielleicht vergrößert? Wurde ihm dadurch bewusst, was er im Leben verpasste, nachdem er die Familie verlassen hat, nachdem er sein Kind verlassen hat? Habe ich Erinnerungen geweckt, die er über Jahre tief in sich vergraben hatte?
Herrje, es ist mitten in der Nacht und ich kommuniziere noch via Handy mit zwei älteren Herrschaften. In mir steigt ein bisschen Neid auf. Die zwei Zausel sitzen jetzt bestimmt bei einer verbotenen Flasche Rotwein zusammen und tauschen sich über den heutigen Tag aus. Max wird sich seinem Freund anvertrauen und seinen Rat suchen. Und ich? Ich liege in meiner Koje, habe ein lebendiges Katzenfell am Bauch, einen Hundekopf mit fragenden Augen auf der Matratze und führe Selbstgespräche. Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten. Und du da oben, du bist mir heute auch keine große Hilfe. Ist die Wolkendecke so stark, dass deine gut gemeinten Ratschläge sie nicht durchdringen können?
Der Mann mit dem Hammer kommt heute sicher nicht mehr. Und das mit dem Sandsack mitten auf die Zwölf wird mich auch als unerfüllter Wunsch in den Schlaf begleiten. Schlafen, das ist eine gute Idee. Es ist jetzt auch wirklich an der Zeit. Wer weiß, was mich Morgen alles erwartet.

Hier
Gerade in den Momenten,
in denen ich mich einsam fühle,
alleine,
verlassen,
unverstanden,
gerade in diesen Momenten fällt mir auf,
wie einsam sich der Turm fühlen muss,
wie allein
und verlassen
in der kalten Nacht,
hier
am Strand.
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Kategorien : StrandGeflüster im LeuchtSturm
Vertrau dir! Horch auf dein Herz!
30 10 2009“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“ Der Satz, der schon fast so etwas wie ein Gebet für mich ist. Ich frage Max, ob er sich daran erinnern kann, dass er mir diesen Rat so ähnlich auch schon gegeben hat und umreiße kurz, wann du ihn mir das erste Mal gegeben hast. Ich frage den Sandburgenbauer, ob er sich an unsere Diskussion über das „Nichts“ erinnert und gebe unsere Auseinandersetzung, die fast gleichlautend ablief, wieder. Die Sache mit dem „Rausmüssen“, mal eben um den Block oder mal eben an den Strand. Zwei grundverschiedene Menschen, die, Jahre versetzt, ähnliche Erklärungen abgeben, in gleichen Wortlauten sprechen. Und dann dieses Wohlfühlen. Diese „Elektrizität“ bei Berührungen, wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, Max Blicke, wenn er auf das Meer hinausschaut – ich versuche ihm zu erklären, dass ich all das irgendwie schon einmal erlebt hab, in meinem früheren Leben mit dir, in meinem wirklichen Leben. Ich versuche meine Angst in Worte zu kleiden, als ich Max so krank im Bett vorgefunden habe. Es war beinahe die gleiche Angst und Panik, wie ich sie jedes Mal empfand, wenn du auf Entzug warst, wenn du dir ohne fremde Hilfe das Gift aus den Poren geschwitzt hast, randaliertest und beinahe krepiert bist vor Schmerzen und Sucht.
Max vergräbt sein Gesicht in seinen großen Händen und weint. Ich unterbreche meine Ausführungen. Es war doch zu viel. Doch bevor ich mich entschuldigen kann, sagt er immer und immer wieder „Kleines es tut mir so leid, es tut mir so unendlich leid.“ Er kann doch nichts dafür. Er ist weder drogenabhängig, noch trägt er für irgendwas von dem, was ich gerade erzählte, die Verantwortung. Aber er entschuldigt sich ohne Unterlass, bis ich ihm die Hände vor dem Gesicht fast fortreiße und ihn anschreie, er soll damit aufhören.
Es war wirklich zuviel für ihn und ich werde wütend auf mich selbst, dass ich mich so habe gehen lassen. Ich hätte doch spüren müssen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Langsam helfe ich ihm auf und bringe ihn zurück in die Koje. Max legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Er spricht kein weiteres Wort, sagt nur Danke, wenn ich ihm einen Tee bringe, verweigert das Essen und schaut stur vor sich hin. Ich selbst habe das Gefühl, das alles nicht mehr zu ertragen, ich komme nicht mehr an ihn heran, als hätte er sich seinen eigenen Turm und sich herum aufgebaut. Als ich den alten R4 von Max anfahren höre, atme ich auf. Da kommt Jacques. Ich muss hier raus.
Ich bitte Jacques sich ein oder zwei Stunden um Max zu kümmern. Kurz umreiße ich, was passiert ist, und dass sein Freund seitdem beinahe autistisch im Bett liegt. Wenn jetzt noch jemand an ihn herankommt, dann vielleicht der alte Viehdoktor, der ihm so nahe steht. Ich greife mein Ölzeug, rufe Dune und laufe auf den Strand hinaus. Es regnet in Strömen. Es regnet so heftig, dass durch das Prasseln nicht mal mehr das Meeresrauschen heraus zu filtern ist. Egal. Und wenn ich nass bis auf die Knochen werde. Ich muss weg hier. Ich brauche Luft zum Atmen. Dune macht auf halbem Weg wieder kehrt und läuft zurück zum Turm. Soll sie doch. Sollen sie mich doch alle alleine lassen. Ich brauche niemanden. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich will mit mir alleine sein. Auch dich will ich nicht. Ich weiß, dass das nicht möglich ist, denn du bist immer bei mir. Ich weine, ich schreie und das Gute ist, dass niemand meine Schreie hören kann. Sie peitschen hinaus auf die offene See, wo sie sich in selbstmörderischer Absicht in die Wogen stürzen. Diese unglaubliche Wut muss hinaus. Die Wut auf dich. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dem Menschen, der mir zur Zeit am Nächsten steht, unglaubliches Leid zugefügt. Ich weiß nicht wieso – aber ich habe Max gesehen, in seinem Leid. Und es ist meine Schuld.
“Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“
Nichts ist gut. Gar nichts! Hörst du? G a r N i c h t s !!!
Ich muss nur aufstehen, loslaufen, die Zähne zusammenbeißen und ich darf, sobald ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, keine Bewegungen machen, die mich oben halten. Was heißt Boden unter den Füßen, den habe ich mir selbst schon weg gezogen. Einfach ins Meer hinein laufen, immer weiter, immer tiefer hinein in die stürmische Umarmung aus eiskaltem Wasser, sprudelnder Gischt und Algen. Meine Tränen vermischen sich mit dem Regen und ich sitze immer noch regungslos im Sand und hadere mit mir und dieser Welt. Ich verstehe sie nicht, diese Welt und ich verstehe mich erst recht nicht. Die Schreie werden mehr und mehr zu einem grausamen Gekrächze, und es kann nicht mehr lange dauern, bis die ersten Möwenherren vorbei geflogen kommen, in der Annahme hier hocke ein paarungsbereites, hysterisches Möwenweibchen. Wobei das mit dem Hysterisch ja stimmt. Ich muss wirklich von allen guten Geistern verlassen sein. Es wäre das erste Mal, dass die Geister auf mich gehört hätten. Ich hab es ja laut genug zum Ausdruck gebracht, dass mich alle in Ruhe und alleine lassen sollen.
Irgendwie rappele ich mich hoch, trete mir die furchtbaren und eh durchweichten Turnschuhe von den Füßen und laufe barfuß, jedes Sandkorn unter den Sohlen genießend, zum Meer. Die Jeans hat mindestens das Doppelte an Gewicht zugelegt, so nass ist sie mittlerweile und sich mit dem Sand verbündend scheuert sie mächtig an den Fußgelenken. Das Wasser ist eiskalt und in mir und um mich herum zieht sich alles zusammen, was willkürlich und unwillkürlich dazu in der Lage ist. Ich bekomme eine ganzflächige Gänsehaut und bemerke sogar hinter den Ohren, wie sich die kleinsten der kleinen Härchen aufstellen. Einen Fuß setze ich vor den anderen und kämpfe gegen die Kraft der Wellen an. Meine Zehen greifen in den sandigen Meeresboden und ich könnte glaube ich behaupten, dass es trotz der Kälte meinen Füßen gut geht, wenn ich sie denn noch spüren würde. Die Hose wird immer schwerer, zieht vom Bund her mächtig nach unten, da ich aber schon bis zu den Knien im Wasser bin, löst sich dieses Zuggefühl nach unten hin auf. Einen Schritt setze ich vor den anderen, den Blick starr auf den grauschwarzen Horizont gerichtet.
Der Regen ist hier kaum mehr zu spüren. Der Wind bläst so heftig, dass er sich hier im Meer als feiner Nebel verteilt. Und da ich sowieso schon klitschnass bin, ist mir der Regennebel auch egal. Vor mir baut sich eine Welle auf, die aber gleich von zwei weiteren Wogen in die Zange genommen wird und in ihnen verschwindet. Doch direkt dahinter kommt bereits die Nächste. Da ich meinen Blick wieder an den Horizont geheftet habe, bemerke ich sie erst, als es schon zu spät ist. Die Welle greift mich um die Hüfte, sie schnappt sich meine Arme und drückt mir mit aller Gewalt gegen die Brust. Ich taumele und schreie, ich schwanke und fluche, ich falle. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in alle Öffnungen natürlicher und unnatürlicher Art, die es finden kann. Die Augen brennen und ich kann sie nicht öffnen und ich habe noch keinen Boden unter den Füßen. Plötzlich im Trudeln spüre ich, wie mein Hinterteil aufsetzt. Ich stoße mich vom Untergrund kräftig ab und schieße wie ein übergewichtiger Wal in eigentümlichem Gewand aus dem Wasser. Als ich den Meeresboden erneut unter den Füßen spüren kann, balanciere ich mich bestmöglich aus, um nicht gleich wieder einer Welle zum Opfer zu fallen. Bis zur Hüfte stehe ich bereits im Wasser und ich muss mich ernsthaft fragen, ob ich noch ganz dicht bin. Ich muss dem Wahnsinn anheim gefallen sein. Anders ist dieses Affentheater wohl kaum zu erklären. Das Meer schiebt mich zurück an Land. Die Schritte sind größer und weiter. Dank Rückenwind und -wellen, bin ich bald zurück an Land. Rechts neben dem Leuchtturm sieht ein Wolkengemälde aus wie der Saturn, der sich in eine Wolke zum Ausruhen eingebettet hat. Ein Planet der sein Paralleluniversum gefunden hat? Ich friere. Das Gefühl, das mir bereits in den Füßen fehlt, fehlt mir nun auch in den Armen und Händen und Oberschenkeln. Mein Hintern fühlt sich an wie eine Eisbombe und schmerzt furchtbar an einer Weichteilstelle. Als ich am Leuchtturm ankomme, sitzt Dune mit mitleidigem Blick in der Türe und erwartet mich. Wort- und regungslos drücke ich mich an ihr vorbei. Sie war es, die mich im Stich gelassen hat. Sie ist einfach weggelaufen. Dann werde ich sie jetzt sicher nicht dafür loben, dass sie im Hausflur auf meine Heimkehr gewartet hat.
“Kleines? Was um Himmels Willen ist passiert? Wie siehst du aus? Du bist ja nass bis auf die Knochen!”
“Es ist nichts passiert.”
“Willst du mich veralbern? Du kommst nach Hause, siehst aus wie ein nasser Sack, sagst nichts, gehst an mir vorbei, lässt dir ein heißes Bad ein und sagst, es ist nichts passiert?!”
“Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.”
“Ach, und so nass bist du, weil dort, wo du warst, punktuell ein überdimensionaler Regenschauer runtergekommen ist oder was?”
“Nein, ich war im Rhein.”
“Du warst was? Im Rhein?”
“Im Rhein. In der Sieg war ich ja schon. Im Rhein noch nie!”
“Hallo? Spinnst du? Es ist November und draußen sind es drei Grad. Okay, es sind drei Grad plus, aber es sind drei Grad. Du hättest dir den Tod holen können!”
“Stimmt, hätte ich. Und?”
“Wie und? Was ist denn los mit dir?”
“Stimmt, hätte ich. Ich bin aber hier. Lebe noch. Und jetzt nehm ich ein Bad!”
“Kleines, bitte rede doch mit mir! Was ist denn passiert?”
“Es ist nichts passiert Schatz. Ich war blue, ich war moody und dieses Wasser hatte einfach eine furchtbare Anziehungskraft. Erst war ich mit den Füßen drin, dann kam ein Tanker, dann ne Welle, von der Unterströmung brauch ich dir ja nichts zu erzählen, und dann lag ich halt drin – umarmt von Vater Rhein, besser als von keinem Vater umarmt zu werden, oder?”
“Du bist auf Stress aus, oder?”
“Nicht wirklich. Ich hab nur keinen Bock da jetzt ein Drama draus zu machen. Darf ich jetzt baden?”
“Tschuldigung. Ich dachte nur du wolltest…”
“Was wollte ich? Schluss machen? Die Welt rausschmeißen. Hey du, das ist dein Job, dein Privileg, darauf hast du ein Abo. Ich wollte nur ans Wasser und nicht gleich ins Wasser. Zumindest nicht so. Mach dir keinen Kopf. Deine Kleine rastet nicht gleich aus und verabschiedet sich vom Leben, nur weil der wichtigste Mensch es wieder nicht geschafft hat. Wenn du mit den Rückfällen leben kannst, kann ich es schon lange. Ich liebe dich so wie du bist. So wie ich dich kennen gelernt hab. Und wenn der Dreck dazu gehört, dann ist es eben so.”
“Darf ich mit in die Wanne?”
“Darf ich mir auch nachher Einen drücken? Nee??? Also. Noch Fragen?”
Ich hasste diese Diskussionen, die eigentlich niemand brauchte, die aber doch immer wieder irgendwie Klarheit schafften und nötige Grenzen setzten.
Dass der R4 nicht mehr vor dem Turm steht, ist mir gar nicht aufgefallen. Als ich hochkomme, ist die Koje gemacht, es ist aufgeräumt, Max ist weg und Jacques auch. Kein Wunder, dass mich Dune so dämlich angeglotzt hat, als ich eben kam. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Nein, es ist fast schon ein Briefchen. Da ich Max Handschrift kenne, gehe ich davon aus, dass diese für einen Doktor vollkommen untypische klare Handschrift, die von Jacques sein muss. In dem Alter möchte ich auch noch so eine schöne Handschrift haben, wobei ich die heute schon nicht mehr habe. Dank Rechner und Tastatur, wird einem Menschen das Schönschreiben ja richtiggehend abgewöhnt. Auch habe ich mir abgewöhnt, erst zu denken und dann zu handeln. Das kann man zumindest annehmen, wenn man mich dabei beobachtet, wie ich mich gerade mit triefenden Klamotten auf die Couch setze. Jetzt ist sie eh nass, dann kann ich auch sitzen bleiben.
„Mach dir keine Sorgen“ – Nette Form einen Brief zu beginnen, und so sinnig in dieser Situation
„Max geht es nicht sehr gut“ - Ach was, wie kommt er denn darauf? Wieso bin ich so aggressiv? Vielleicht wegen der nassen Klamotten.
„Ich soll dir ausrichten, dass du dir keinen Kopf machen sollst.“ - Zu spät, würde ich sagen.
„Ich habe Max erstmal mit zu mir genommen. Meine Frau wird ihn schon wieder hochpäppeln.“ - Und das vollenden, wozu ich nicht in der Lage war.
„Lass ihm einfach ein bisschen Zeit. Er wird sich in den nächsten Tagen bestimmt bei dir melden.“ – Bis dahin bin ich erfroren, wenn ich jetzt nicht zum Ende komme.
„Die Tiere habe ich noch schnell gefüttert. Ich weiß ja nicht, wann du wieder zurück bist.“ – Ich bin hier und meine Finger sind so kalt, dass ich die Dosen sowieso nicht aufbekommen hätte.
„Nun lass dich ganz herzlich umarmen.“ – Besser nicht – ich bin nass.
„Auch von Max und er sagt, dass er dich liebt.“ – Ach, darum hat er sich entführen lassen.
„In Freundschaft, Jacques“
Wie lange ich hier schon sitzen mag? Die halbe Sitzfläche der Couch ist durchnässt, demnach also schon ein Weilchen. Die Finger sind blau gefroren und meine Lippen und Zähne klappern aufeinander im Tempo einer Maschinengewehrsalve. Jetzt aber nichts wie ab unter die heiße Dusche, sonst bin ich Morgen wirklich tot. Die Jeans sitzt, wahrscheinlich das aller erste Mal, bombenfest und ich brauche eine Ewigkeit, um sie mir vom Körper zu schälen. Meine Haut ist klamm und eiskalt, darum bin ich lieber vorsichtig bei der Dosierung des heißen Wassers. Es tut so gut, es tut so unglaublich gut, das warme Nass zu spüren. Und auch wenn es kaum mehr möglich scheint, bekomme ich eine weitere Gänsehaut, die sich wohl einfach über die Erste drüberstülpt. Ganz vorsichtig drehe ich das heiße Wasser auf und ich bilde mir ein, dass es auf meiner Haut nur so zischt. Dichter Nebel macht sich in der Kabine breit. Ich hocke mich hin, stütze meinen Kopf in die Hände und weine. Am Liebsten möchte ich jetzt einen Boxkampf austragen. Mich mit einem ebenbürtigen so lange prügeln, bis einer von uns aufgibt. Ich bekomme Angst vor mir selber. So aggressiv kenne ich mich gar nicht. Und wenn so ein Zustand sich mal angenähert hat, war es nach der Urschreitherapie, wie ich sie bereits am Strand durchgeführt habe, hundertprozentig erledigt. Doch heute ist wieder einmal alles anders, scheinbar verzwickter, unverständlicher, trauriger.
Das Verhalten von Max kann ich nicht einordnen. Was hat ihn verstummen und schließlich flüchten lassen? Das entspricht alles so gar nicht diesem verworrenen Bild, das ich bis heute von ihm hatte. Er liefert mir Puzzleteile, die überhaupt nicht zu passen scheinen. Sie sind andersförmig, andersfarbig, andersfühlig. Da machte die Parallele einen Knick und die eine Gerade führt nun in eine ganz andere Richtung. Ich lasse mich auf meine vier Buchstaben hinab und stelle fest, dass es dort immer noch furchtbar schmerzt und brennt. Vorsichtig taste ich die Stelle ab und komme zu der Diagnose “Arsch aufgerissen”. Irgendwo muss ich mich an einem spitzen Stein geschnitten haben. Das kann nur im Wasser passiert sein, als ich wie ein Klops durch unter den Wellen hergetrudelt bin. Mein späterer Blick auf meine Jeans, wird mir diese Theorie bestätigen. Ziemlich mittig auf der rechten Pobacke prangt eine dicke 5 und gewährt mir den Durchblick.
Diese Dusche ist einfach der Hammer. Das Wasser wird warm, es ist warm, es bleibt warm und es spielt gar keine Rolle, wie lange es dauern soll. Meinetwegen ewig. Ich möchte hier vorläufig nicht mehr weg. Ich will es rieseln hören und ich will es spüren. Das Streicheln meiner sich aufwärmenden Haut, es tut so wohl. Sitzen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis sich irgendwer hier her verirrt, der mir das Wasser abdreht, oder bis Dune mich heraus schubbst. Von außen klingt ein klägliches Maunzen an mein Ohr. Fee scheint mich zu vermissen, oder ihr siebter Sinn sagt ihr, dass etwas nicht stimmt. Als ich hinter der Duschabtrennung vorschaue, sehe ich, wie sie sich auf meinen nassen sieben Sachen zusammen rollt. Das kann nicht bequem und kuschelig sein. Wahrscheinlich ist es einfach mein Geruch, der sie zu dieser Haltung treibt. Mein Geruch und der Duft der großen weiten Seewelt da draußen. Mittlerweile ist der Abend angebrochen, es ist dunkel. Es ist dunkel und ich sitze immer noch unter dem Duschstrahl, der mich mit der Wärme verwöhnt, die der Rest der Welt gerade schmählich vermissen lässt.
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Schlagwörter: "Vertrau dir! Horch auf dein Herz! Folge deinem Bauchgefühl! Und du wirst sehen, alles wird gut.“, Dune, Kälte, M., Max, Möwen, Meer, Meeresboden, Mike, Regen, Regennebel, Rhein, Sand, Sieg, Strand, Sturm, trudeln, Wellen
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„Ich will dir den Song vorspielen. Von Barclay.“

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